Faire und gerechte Behandlung für alle
Shownotes
Was kann passieren, wenn bei der Behandlung unbewusste Vorurteile am Werk sind? Das zu verhindern, ist das Herzensthema von Martina Waldherr. Sie ist Ärztin in einer Notfallpraxis in München und leitet die Fortbildung „Culture, Sex & Gender in der Notfallmedizin“. Ziel ist es, bei Themen wie Symptomeinschätzung, Schmerztherapie oder Medikamentengabe Menschen individuell wahrzunehmen und zu behandeln. Martina Waldherr erzählt Julia Rotherbl, wie sie ihren Werdegang mit einem vermeintlichen „Frauenthema“ gestaltet hat und wie sie möglichst viele Menschen – auch Männer – dafür begeistert.
Weitere Infos und Links:
Fortbildungen „Culture, Sex & Gender in der Notfallmedizin“: https://www.muenchen-klinik.de/eis/news/medinform-veranstaltung/event/csg-noz/
Im Podcast „Frau Doktor, übernehmen Sie!“ erzählen Frauen aus der Medizinbranche, wie sie dort Karriere gemacht haben. Dazu spricht Julia Rotherbl, Chefredakteurin der „Apotheken Umschau“, mit Frauen, die in Führungspositionen arbeiten, die Herausforderungen gemeistert haben oder an ihnen gescheitert sind. Es geht um Themen wie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Sexismus, männliche Netzwerke, mangelnde Vorbilder oder verschiedene Arbeitsmodelle. Das Ziel: Euch zu inspirieren und ermutigen, Euren eigenen Weg zu finden.
An jedem ersten Montag im Monat erscheint eine neue Folge. Habt Ihr Fragen, Anregungen oder Kritik? Dann schreibt uns gerne an redaktion@gesundheit-hoeren.de
Mehr Gesundheitspodcasts gibt es hier: www.gesundheit-hoeren.de
Redaktion: Julia Rotherbl, Constanze Radnoti, Kareen Seidler; Schnitt und Post-Produktion: Constanze Radnoti, Benedikt Möltner, Yves Seißler; Chefredakteur: Dr. Dennis Ballwieser
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Transkript anzeigen
00:00:03: SPRECHER: gesundheit-hören.
00:00:04: MARTINA WALDHERR: Dass es ganz, ganz viele Frauen, auch ganz viele Frauen aus anderen Ländern gibt, die sich nicht ganz ernst genommen fühlen so in ihren Beschwerden, möglicherweise dadurch, dass sie einfach vielleicht einen größeren Redebedarf haben und dass das aber eben nicht bedeutet, dass da nichts dahintersteckt.
00:00:29: JULIA ROTHERBL: Normalerweise geht es bei „Frau Doktor, übernehmen Sie!“ darum, wie man mehr Frauen in Führungsebenen bekommt. Wie man mehr Frauen auf Bühnen bekommt und in Standesvertretungen. Heute geht's um ein Thema, bei dem mehr Männer wünschenswert wären. Genau geht es um Culture, Sex and Gender in der Notfallmedizin. So lautet der Name einer Fortbildung, die meine heutige Gästin leitet. Dr. Martina Waldher ist Ärztin in einer Notfallpraxis und heute hier bei uns im Studio. Ich spreche mit ihr darüber, wie sie dazu gekommen ist und was sie mit diesem wichtigen Thema noch alles vorhat. Martina, ich freue mich sehr, dass Du heute hier bist. Herzlich willkommen.
00:01:07: MARTINA WALDHERR: Ja, vielen Dank. Ich freue mich auch sehr, dass ich heute hier sein kann.
00:01:10: JULIA ROTHERBL: Mein Name ist Julia Rotherbl. Ich bin Chefredakteurin der Apotheken Umschau und wünsche euch jetzt sehr viel Spaß beim Zuhören.
00:01:18: SPRECHERIN: Ein Podcast von gesundheit-hören und Apotheken Umschau Pro. KAPITEL – Aha-Effekte & Perspektivwechsel
00:01:26: JULIA ROTHERBL: Wie ich schon im Intro verraten habe, leitest Du eine Fortbildung, die den Titel trägt Culture, Sex and Gender in der Notfallmedizin. Und ich würde dich gerne als erstes fragen, wie Du zu diesem Thema gekommen bist.
00:01:40: MARTINA WALDHERR: Ja, zu dem Thema bin ich im Prinzip son bisschen durch Zufall gekommen, muss ich sagen. Ich war mit meinem zweiten Kind in Elternzeit, nachdem ich schon pandemiebedingt im Beschäftigungsverbot war. Und dadurch son bisschen schon eine ja längere Pause hatte, als ich's irgendwie geplant hätte für mich und hatte das auch schon so mal mit meinem Chef ja angesprochen, dass ich froh wär, wenn sich irgendwie eine Möglichkeit finden würde, dass ich vielleicht in anderen Bereichen irgendwie die Abteilung unterstützen könnte. Und dann war es eben so, dass für diese Fortbildung die Stelle im Prinzip frei wurde, also die war zuvor durch jemand anderen besetzt. Also das war schon am Beginn im Prinzip in der Entwicklung. Und dann ja, hab ich den Anruf bekommen und wurde gefragt, ob ich Interesse hätte, da ein Fortbildungskonzept zu entwickeln und in das Thema son bisschen einzusteigen. Und dann musste ich mich erst mal ein bisschen einlesen, weil ich tatsächlich davor nicht so viele Berührungspunkte hatte und hab dann ja ganz schnell gemerkt, dass das eigentlich genau das ist, was mich interessiert und ja, seitdem bin ich dabei geblieben.
00:02:35: JULIA ROTHERBL: Was ist denn, wenn man jetzt sich den Titel der Fortbildung anschaut, was sind für dich diese Aspekte Culture, Sex and Gender in Bezug auf Medizin?
00:02:44: MARTINA WALDHERR: Ja, also im Prinzip ja drei englische Begriffe für drei deutsche Begriffe, die wir aber bewusst auf Englisch für die Fortbildung im Titel gewählt haben, weil im Prinzip, ich lass mal kurz das Culture außen vor, im Sex and Gender im Deutschen ja nur mit einem Wort Geschlecht sozusagen beschrieben oder übersetzt werden oder manchmal auch im Deutschen sozusagen nur der Begriff Gender in Bezug auf Gendermedizin zum Beispiel verwendet wird. Aber das eben son bisschen ja zu Missverständnissen im Prinzip zur Thematik führt. Und deswegen haben wir uns eben ganz bewusst entschieden, dass wir Sex und Gender, also biologisches und soziales Geschlecht oder bei der Geburt festgelegt, dass Geschlecht und Geschlechtsidentifikation eben einzeln benennen möchten, weil's eben unterschiedliche Elemente des Geschlechts sind, die sich unterschiedlich auswirken, die unterschiedlich zu berücksichtigen sind. Culture, eben die Kultur einer Person natürlich genauso individuelle Faktoren sind wie das Geschlecht oder ein genauso individueller Faktor wie das Geschlecht ist und sich aber in vielen Bereichen im Prinzip vom Einfluss mit dem Geschlecht überschneidet. Also grad wenn man über ja Rollenbilder, Rollenprägungen und dergleichen spricht, dann hängt's natürlich sehr davon ab, wo ich aufgewachsen bin, mit welchen kulturellen Werten, wie auch meine Geschlechtsausprägung, Geschlechtsidentifikation vielleicht ist. Und deswegen wurde das im Prinzip zusammengefasst, aber einzeln genannt, damit klar ist, dass wir da über verschiedene Aspekte eben sprechen.
00:04:09: JULIA ROTHERBL: Jetzt ist es speziell zugeschnitten auf die Notfallmedizin, wo man jetzt ja vielleicht im Kopf so die Vorstellung hat, da muss es schnell gehen, da geht's um Leben und Tod in vielen Fällen. Wie viel erfahr ich in dem Moment oder erfasse ich in dem Moment über diese drei Aspekte eines Menschen? Und wie wichtig sind sie in diesen vielleicht lebensentscheidenden Minuten? Also was ist für dich so der Punkt, wo Du sagst, doch das ist gerade in der Notfallmedizin wichtig?
00:04:36: MARTINA WALDHERR: Ja, auf jeden Fall. Also ich finde eben genau, es ist gerade in der Notfallmedizin wichtig, weil wir da so einen Druck und einen Zeitdruck und Stress und besondere Bedingungen haben. Natürlich kann man immer oder es wurde auch schon öfter mal son bisschen die Frage gestellt, haben wir da wirklich Zeit dafür, da auf individuelle Faktoren einzugehen? Aber ich find ganz wichtig, dass man sich bewusst macht, dass wir in der Notfallmedizin einfach im Prinzip die Weichen stellen für die gesamte Versorgung. Dass der 1. Eindruck wahnsinnig entscheidend ist, in welche Richtung unsere Gedanken gelenkt werden, was hinter Beschwerden stecken könnte, wie wir Beschwerden interpretieren. Und natürlich können wir uns nicht die Zeit nehmen, die gesamte Lebensgeschichte einer Person zu erfragen, aber es ist eben wichtig, sich zum einen klarzumachen, dass Ausdrucksweisen von Beschwerden unterschiedlich sein können, dass Sprachbarriere eine Rolle spielt, wo ich mit meinen eigenen stereotypen Denkweisen vielleicht stehe, dass ich mich vielleicht erkenne, dass ich da manchmal vielleicht vorschnelle Schlüsse ziehe oder fehlgeleitet bin oder auch einfach falsche Annahmen zu ner Ursache von ner Krankheit in Bezug auf Geschlecht vielleicht treffe. Und wenn ich diese Entscheidung am Anfang treffe und nicht bemerke sozusagen, dann hat das in der Notfallmedizin ja Auswirkungen auf Behandlungszeiten, wie schnell jemand versorgt wird, ob Diagnosen übersehen werden, einfach im Prinzip auf die gesamte Versorgung und damit auch auf die Prognose von ner Verletzung oder Erkrankung dann.
00:05:52: JULIA ROTHERBL: Ich muss das aber, also alles, was diese Fortbildung oder diese Aspekte mit sich bringen, natürlich in der Notfallmedizin ja sehr schnell abrufen. Also wie gut gelingt das denn?
00:06:03: MARTINA WALDHERR: Ja, also ich sag immer, im Prinzip ist das Ziel dieser Fortbildung, die wir entwickelt haben, gar nicht, dass man, also die Fortbildung ist relativ umfangreich. Es gibt sehr viel Hintergrundwissen, ist ein großer theoretischer Anteil durch das E-Learning eben, das die Leute machen. Und ich sage aber immer, es geht nicht darum, dass die sich jedes Detail merken und auch nicht, dass sie sich einfach den Großteil davon merken, sondern dass man sich klar wird, wie umfangreich das Thema oder der Einfluss von Geschlecht und Kultur ist, dass es im Prinzip auf jeder Ebene der Versorgung halt eine Rolle spielt, dass sich einfach der Blick dadurch ein bisschen weitet. Und das soll einfach dazu führen, dass man in stressigen Situationen ab und zu mal den Moment hat, dass man sich erkennt, dass man einen Schritt zurücktritt, dass man vielleicht mehr in Betracht zieht, als man's sonst würde, dass man einfach Kommunikation ein bisschen anders leitet und dergleichen. Also es geht nicht wirklich drum, alle Details zu wissen, aber ich glaub schon, umso mehr wir wissen, umso ja besser können wir dann einzelne wenige Elemente auch dann in hektischen Situationen noch einbeziehen.
00:07:00: JULIA ROTHERBL: Was sind denn für dich so die wichtigsten Aspekte, die in dieser Fortbildung vorkommen oder die, die den meisten Raum einnehmen, oder …?
00:07:10: MARTINA WALDHERR: Also ich muss immer son bisschen unterscheiden zwischen so dem theoretischen Teil sozusagen der Wissensvermittlung und dem anderen Teil, wo wir versuchen, son bisschen Perspektivwechsel und unsere eigenen Werte und Stereotype auch kennenzulernen. Beim theoretischen Wissen ist es, glaube ich, schon so, dass im Prinzip Kommunikation und Ausdrucksweise von Beschwerden von Patient*innenseite, aber auch wie Beschwerden wahrgenommen werden von Behandelndenseite einen wahnsinnig wichtigen Anteil hat, weil das natürlich die ganze Notfallmedizin oder Medizin ja insgesamt prägt. Und ja, in der Kommunikation entschieden wird im Prinzip, ob wir die Menschen richtig wahrnehmen und ob wir oder …
00:07:49: JULIA ROTHERBL: Das stimmt, was Du sagst, also Sex, Culture and Gender bringt ja auch der Behandler oder die Behandlerin mit. Daran denkt man im ersten Moment gar nicht.
00:07:58: MARTINA WALDHERR: Genau. Also in der Wissensvermittlung geht's tatsächlich eher son bisschen um diese harten Fakten. Aber auch da ist bei Kommunikation wissen wir viel, oder dass Beschwerden anders ausgedrückt werden, je nachdem, welches Geschlecht welchem Geschlecht gegenübersitzt. Schildert eine Frau einem Mann oder ein Mann einer Frau Beschwerden? Sind da gleichaltrige junge Männer zum Beispiel dabei? Das wirkt sich alles aus. Also ich glaub, das ist schon was, was viele beeindruckt. Der 2. große Teil sind so pharmakologische Unterschiede, die einfach in den Ausbildungen oder auch im Medizinstudium im Prinzip zwischen Geschlechtern viel zu kurz kommen oder kaum Berücksichtigung im Prinzip finden.
00:08:31: JULIA ROTHERBL: Zum Beispiel?
00:08:32: MARTINA WALDHERR: Also Medikamente werden einfach anders verstoffwechselt durch viele verschiedene Mechanismen im Prinzip und auf dem gesamten Weg eine Tablette durch den Körper so oder eines Medikaments. Es gibt ja so Hinweise, dass eben zum Beispiel Opiate, insbesondere Morphin eben, dass Frauen da eine viel geringere Dosierung brauchen. Und wenn sie die gleiche bekommen, dann führt's einfach häufiger zu Nebenwirkungen, Übelkeit, Erbrechen. Was natürlich vermeidbar wäre sozusagen, wenn wir das wissen und berücksichtigen. Und dann aber auch ganz wichtig und das sagen auch ganz viele, dass sie das sehr überrascht und auch schockiert, dass es wirklich auch Unterschiede in den Behandlungszeiten gibt zwischen Geschlechtern und auch son bisschen zwischen, da haben wir zwar keine Daten aus Deutschland und auch weniger aus dem europäischen Raum, aber auch na ja von anderen sozusagen diskriminierten Personengruppen, also aus den USA oder anderen Ländern eben von schwarzen Patienten, Patientinnen zum Beispiel und genauso Frauen im Gegensatz zu Männern, man immer mehr Daten bekommt, dass ja, da einfach Behandlungszeiten sich deutlich unterscheiden, also bei Schmerzmittelgabe, bei der Versorgung von Sepsis zum Beispiel und das natürlich Dinge sind, die man sich erst mal klarmachen muss, dass das so ist. Auch wenn wir oft nicht wissen, warum, sagen die Teilnehmenden schon, das ist was, wo sie ein bisschen Augenmerk drauflegen wollen. Und der 2. Teil so vom Präsenztag, wo wir dann eben so den Austausch und Perspektivwechsel und so machen, da sagen dann die meisten einfach, sie haben gemerkt, dass sie einfach wieder ein bisschen mehr offeneren Blick und ein bisschen sensibleres Hinschauen, bisschen mehr auf die Person selber gucken wollen, mehr Verständnis haben für andere Ausdrucksweisen, für andere Umgangsweisen mit Beschwerden. Aufsuchen vom Gesundheitssystem wird ja auch oft bewertet sozusagen, ob's korrekt und adäquat ist oder nicht, dass man da einfach wieder son bisschen größeres Bewusstsein dafür hat, dass man da ja individuell auf die Personen schauen muss. Und das ist schon so, dass ich mir denk, ich glaub, das ist was, was die meisten Teilnehmenden und auch bei mir so ist, dass wir da alle mal hergekommen sind, als wir in die Medizin gegangen sind, aber grade in der Notfallmedizin einfach so oft wenig Zeit und viel Druck ist, einfach von den Umgebungsbedingungen, egal ob präklinisch oder innerklinisch, dass es son bisschen verloren geht und dass man sich da einfach wieder son bisschen drauf zurückbesinnt.
00:10:42: JULIA ROTHERBL: Ja, okay. Du beschäftigst dich ja jetzt schon sehr lang oder schon länger mit dem Thema. Gibt's für dich noch Aha-Effekte, wo Du neue Daten, oder was wo Du sagst, das hätte ich zumindest am Anfang, als ich angefangen hab, mich damit zu beschäftigen, echt nicht gedacht?
00:10:58: MARTINA WALDHERR: Als ich damit angefangen hab, war ich insgesamt überrascht, weil mir das Thema gar nicht klar war in seinem Ausmaß. Dass die biologischen Unterschiede viel weitreichender sind als nur die Sexualhormone oder sagen wir mal, dass die sich dann auch noch auf viel mehr Bereiche auswirken, als ich jetzt gewusst hätte. Im Prinzip bin ich inzwischen eher son bisschen der Meinung, dass es mich überraschen würde, wenn keine Unterschiede festgestellt werden, wenn man mal wirklich danach schauen würde. Also das hat sich bei mir son bisschen gewandelt. Meine Aha-Effekte hab ich öfter so in den Fortbildungen selber, in den Gesprächen mit den Teilnehmenden, weil die natürlich immer wieder neue Perspektiven und ja, Wissen auch und Ansichten mit einbringen. Und da lern ich im Prinzip auch jedes Mal noch was Neues.
00:11:39: JULIA ROTHERBL: Wer sind denn eigentlich eure Teilnehmenden?
00:11:42: MARTINA WALDHERR: Die sind bunt gemischt. Und das ist schön, also glücklicherweise auch so, wie wir uns das vorgestellt haben im Prinzip, dass wir das berufsgruppenübergreifend machen. Und zwar, dass alle, die in der Notfallmedizin tätig sind, daran teilnehmen können. Und das reicht von Rettungssanitäter*innen, Rettungsassistent oder Notfallsanitäter*innen sind's immer inzwischen ja, Feuerwehr und ja eben weiteres Rettungsdienstpersonal, also auch ohne Berufsausbildung. Dann Pflegepersonal in der Notfallmedizin im Prinzip Notaufnahmen und Notärzte, Notärztinnen und innerklinische Ärzte in der Akut- und Notfallmedizin im Prinzip, wobei wir auch immer mehr Teilnehmende aus anderen medizinischen Fachberufen haben. Also wir hatten jetzt auch schon ein paar medizinische Fachangestellte, ärztliches Personal aus anderen Fachbereichen, die einfach sagen, das interessiert sie einfach von in der stationären Versorgung, manche auch in der ambulanten Versorgung, die einfach was kennenlernen wollen und da kommen alle zusammen.
00:12:38: JULIA ROTHERBL: Wahrscheinlich ist es das totale Klischee, aber ich geh mal davon aus, dass die Mehrheit eurer Teilnehmenden weiblich ist und wahrscheinlich etwas jünger oder trifft dieses Klischee in meinem Kopf nicht zu?
00:12:50: MARTINA WALDHERR: Ja, das ist tatsächlich richtig. Ich hab vom ersten Jahr der Fortbildung so eine Auswertung auch gemacht. Ich freue mich jedes Mal, wenn es keine komplett weibliche Gruppe ist und es ist auch selten. Also wir haben immer ein paar männliche Personen dabei. Wir haben so einen Anteil von ja knappen 30 Prozent Männern, der Rest im Prinzip sind Frauen und in geringer Anzahl von unter einem Prozent hatten wir bisher eben nicht binäre oder divers angegebene Geschlechtsidentifikationen. Und vom Alter ist es ähnlich im Prinzip. So die 60 bis 70 Prozent ist die jüngste Generation in Ausbildung befindliche Studierende oder gerade fertige medizinische Berufsgruppen im Prinzip aller Bereiche. Und dann haben wir aber meistens bis so kurz vorm Renteneintritt immer noch son paar Personen vertreten. Also es ist auch in den meisten Fortbildungstagen son bisschen generationenübergreifend und das finde ich auch total wichtig, weil da natürlich auch andere Erfahrungen, Ansichten, Rollenbilder natürlich bestehen und dieser Austausch halt das Ganze ja bereichert im Prinzip von allem Berufsgruppen, Altersgruppen, Nationalitäten.
00:14:03: JULIA ROTHERBL: Aber es ist schon so, dass dieses Thema Gendermedizin ein Frauenthema ist, richtig? Also eins, was vor allem Frauen interessiert und mit dem sich vor allem Frauen beschäftigen?
00:14:14: MARTINA WALDHERR: Ja, es ist weiterhin so, dass es deutlich mehr Frauen sind, die es interessiert. Bestimmt daher kommend, denke ich, dass natürlich in vielen Bereichen Frauen im Prinzip lange nicht berücksichtigt wurden in der Forschung, in der Medizin, in der Versorgung eben im Prinzip alles an den Männern orientiert war. Und das natürlich son bisschen oder das Thema kommt aus der Frauenmedizin ja, ist daraus herausgewachsen im Prinzip. Und deswegen ist es, glaub ich, immer noch so stark so geprägt, weil einfach mehr Frauen Interesse sozusagen haben, ihr eigenes Geschlecht sozusagen da besser ja zu repräsentieren, um sich dafür einzusetzen. Ich hab aber schon den Eindruck, dass grade jetzt in den jüngeren Generationen das im Prinzip ja alle Geschlechter immer mehr interessiert. Also das Bewusstsein ist viel größer geworden und da finden also ja sehe ich inzwischen schon auch eine größere Durchmischung. KAPITEL – Wissen in die Praxis tragen & festigen
00:15:10: JULIA ROTHERBL: Wie oft muss man noch sagen oder müsst ihr, Du noch sagen, dass Gendermedizin eigentlich überhaupt kein Frauenthema ist? Also kein ausschließliches.
00:15:19: MARTINA WALDHERR: Also meistens muss ich’s sagen. Also meistens, wenn man sich ja so in seinem eigenen Kreis bewegt mit Personen, die sich damit beschäftigen, dann ist das ja irgendwie klar. Oder auch Leute, die jetzt, sag ich mal, in meinem näheren Umfeld arbeiten, die ja wissen, woran ich, was wir machen, die das dann eben natürlich mitbekommen haben. Aber ansonsten muss man schon weiterhin viel Aufklärungsarbeit betreiben. Und mit ein paar wenigen Beispielen ist es aber dann meistens auch eigentlich schnell deutlich gemacht, dass es in den überwiegenden Fällen der Themen eben Frauen betrifft, die vielleicht unterversorgt oder benachteiligt sind, aber viele Bereiche eben auch ja Männer betreffen, auch Transgender, nicht binäre, intergeschlechtliche Personen. Das kommt natürlich dazu, aber grade den Männern klarzumachen, dass es auch Bereiche gibt, wo sie von geschlechterspezifischer Medizin eben profitieren.
00:16:08: JULIA ROTHERBL: Ja, wenn man mal weggeht von diesem diagnostischen Blick, dass bei Männern immer noch schwieriger ist, Depressionen zu diagnostizieren und Frauen mit Herzinfarkt, das sind diese Klassiker, aber das, was ihr beschrieben habt, da geht's ja auch darum, dass ich als Ärztin oder Arzt weiß, wie Männer vielleicht Beschwerden unterschiedlich kommunizieren. Also bei diesen Dingen, wenn man sich damit beschäftigt, profitieren ja tatsächlich beide Geschlechter gleich. Das geht ja über das reine Krankheitsbild hinaus, was ihr macht.
00:16:41: MARTINA WALDHERR: Ganz genau. Also ich schneide in der Fortbildung auch oder in dem E-Learning. Wir sprechen eben auch über mehr als die Notfallmedizin, um das eben klarzumachen. Das geht ja im Prinzip ja bei Erlernen der Gesundheitskompetenz, bei Prävention, bei Wahrnehmung von Vorsorgeangeboten und allem geht es ja bereits los, wo man extreme Unterschiede sieht und da ist sehr viel Potenzial sozusagen auch noch die Versorgung der Männer zu verbessern. Und deswegen finde ich das ganz wichtig, dass man so weit auch eben ausholt, um das einmal klarzumachen, damit sich da wirklich alle mitgenommen und verstehen, warum's nicht nur wichtig ist, dass die Frauen versorgt werden.
00:17:14: JULIA ROTHERBL: Hast Du das Gefühl, dass Männer sich nicht interessieren oder nicht Bescheid wissen, wie wichtig es ist oder dass sie eher Hemmungen haben, sich in eine Gruppe zu begeben, wo sie wahrscheinlich auch davon ausgehen, dass das vor allem Frauen sind oder dass es vielleicht sogar bei manchen noch sone Abwehr gibt, dass es quasi Gendermedizin eigentlich doch nicht braucht?
00:17:36: MARTINA WALDHERR: Ja, das ist eine sehr gute Frage. Ich glaube, Abwehrhaltung gibt's schon bei einigen, solange sie nicht wissen, worum's eben geht im Thema und das ist aber ja so auch die Schwierigkeit, dass man diese Leute auch dann schwierig eben in die Fortbildungen bekommt. Die hätten bestimmt den größten Aha-Effekt und dann hab ich aber schon das Gefühl, wenn die Männer, mit denen ich spreche, auch im Freundeskreis oder dergleichen sich anhören, worum es geht, dann ist es nicht so, dass sie sich nicht interessieren, sondern dann sind sie eigentlich genauso erstaunt und erschrocken und finden genauso wichtig, dass da was getan werden muss. Da muss man einfach noch ein bisschen mehr, glaube ich, ja investieren, dass man da alle gleichermaßen erreicht, ja. Deswegen ist natürlich auch das Ziel, dass wir langfristig nicht nur Personen, die freiwillig in die Fortbildung kommen, sondern in Berufsausbildung, im Studium, im Studiengang und dergleichen müssen diese Inhalte einfach rein, damit das gar nicht mehr sozusagen ja infrage gestellt werden kann, dass es notwendig ist.
00:18:35: JULIA ROTHERBL: Also im Studium hattest Du damit überhaupt keine Berührungspunkte?
00:18:39: MARTINA WALDHERR: Nein, gar keine.
00:18:40: JULIA ROTHERBL: Okay. Habt ihr denn Ideen, wie man mehr Männer ins Boot holen könnte? Oder hast Du Ideen?
00:18:48: MARTINA WALDHERR: Ja, wir haben Ideen. Wir sind auch schon, finde ich, auf' ganz guten Weg inzwischen. Wir hatten ja angefangen eben die Fortbildung so anzubieten und es haben eben natürlich die Leute, die sich dafür interessieren, sich angemeldet. Und erfreulicherweise haben wir's jetzt seit letztem Jahr, also jetzt schon zum zweiten Mal, die Inhalte auch im Fachkurs Notfallpflege von der München Klinik vom Bildungscampus eben, also ist eine Fachweiterbildung für Pflegekräfte, auch die Inhalte untergebracht und da sind natürlich dann ist natürlich der ganze Kurs dann anwesend. Vielleicht auch viele, die sich nicht selbstständig mit der Thematik befasst hätten. Und unser Ziel ist eben weiter, dass wir das Thema oder Ausschnitte der Fortbildung oder Inhalte, Themengebiete einfach in Ausbildungen für Notfallsanitäter*innen integrieren können. Zum Beispiel das Ziel wäre, das auch bei der Berufsfeuerwehr in die Ausbildung zu integrieren. Und so hoffe ich, dass wir einfach Schritt für Schritt immer ein Stück weiterkommen und dann einfach ja, das weiter streuen.
00:19:48: JULIA ROTHERBL: Du arbeitest ja selber in einer Notfallpraxis. Darf ich dich fragen, was eine Notfallpraxis eigentlich genau ist?
00:19:55: MARTINA WALDHERR: Ja, genau. Es ist kein sozusagen reeller Begriff, sag ich mal. Also das ist eine hausärztlich allgemeinmedizinische Praxis, die in der Klinik angegliedert ist sozusagen mit nem eigenen Kassensitz eben. Und die ist aber sozusagen neben den Räumlichkeiten der Notaufnahme. Dort machen wir auch hausärztliche Versorgung einfach ganz normal. Und greifen aber auch son Teil der Personen ab, die in die Notaufnahmen kommen, in die Notaufnahme kommen nebenan und aber nicht sozusagen die Versorgung dort wirklich benötigen, die zwar direkt ärztlich gesehen werden sollen, aber nicht so akut erkrankt sind, dass sie viele Ressourcen brauchen, um eben die Notaufnahme in Anspruch nehmen zu müssen und die werden in der Notaufnahme erst eingeschätzt und werden dann zu uns weitergeleitet. Und wir können dann eben schnell sozusagen ohne Termin schauen, was brauchen die Leute? Wir können Ultraschall machen. Wir können ein Labor, das wir bis zum Folgetag bekommen und dergleichen. Manche Dinge bahnen. Es geht ja ganz viel auch drum, einfach ja jemanden an Versorgung anzubinden, kurz zu beraten, was getan werden muss und das ist im Prinzip die Aufgabe dieser Praxis auch.
00:20:59: JULIA ROTHERBL: Du jetzt vielleicht auf die letzte Arbeitswoche zurückblickst, was wären ein oder zwei Beispiele in deinem beruflichen Alltag selbst, wo Du sagst, da konnte ich das, was ich in dieser Fortbildung und in der Beschäftigung mit dem Thema gelernt hab, tatsächlich auch anwenden und war sehr froh, dass ich bestimmte Dinge über eine Kultur, ein Geschlecht wusste.
00:21:24: MARTINA WALDHERR: Im Prinzip ist es so, dass ich jede Woche merke, dass das Thema Schmerz einfach so ein Riesenthema ist und der Umgang und der Ausdruck damit, also das ist wirklich was, was ich seit ich die Fortbildung mache einfach und jetzt vor allem auch in der Praxis wirklich extrem merke, dass es ganz, ganz viele Frauen, auch ganz viele Frauen aus anderen Ländern gibt, die sich nicht ganz ernst genommen fühlen so in ihren Beschwerden. Möglicherweise dadurch, dass sie einfach ja manchmal emotionaler ihre Beschwerden schildern, dass sie einfach irgendwie vielleicht ein größeren Redebedarf haben und dass das aber eben nicht bedeutet, dass da nichts dahintersteckt. Das ist was, was ich tatsächlich fast täglich auch so wahrnehme. Und das Thema Nebenwirkungen von Medikamenten, also gar nicht so unbedingt das mehr im Notfallsetting, sondern insgesamt hab ich da einfach ein anderes Bewusstsein dafür oder hör anders hin, wenn mir grade Frauen sagen, dass sie durch ihre lange Liste an Medikamenten oder seit sie was Neues haben, irgendwie bestimmte Beschwerden entwickelt haben. Das hätte ich früher, glaub ich, so nicht vielleicht ganz so ernst genommen oder so angenommen, weil ich der Meinung gewesen wäre, vielleicht in der Dosierung kann das eigentlich nicht sein. Und da hör ich jetzt anders hin und spreche auch anders drüber mit den Patientinnen, dass man da einfach dann vielleicht noch mal ein Substanzwechsel probiert oder die Dosierung leicht reduziert und den, ja, da hab ich schon den Eindruck, dass es auch hilft, das ernst zu nehmen und da einfach ein bisschen offener zu sein, dass man da vielleicht andere Wege probiert.
00:22:52: JULIA ROTHERBL: Hast Du das Gefühl, dass wenn man quasi selber da geschult ist und das Wissen mitbringt, dass man auch sein Arbeitsumfeld entsprechend beeinflusst und sensibilisiert?
00:23:04: MARTINA WALDHERR: Ja, auf jeden Fall. Also ich mein, es haben einige jetzt zum Beispiel aus der Notaufnahme, in der ich arbeite, auch in der Fortbildung schon mitgemacht, aber ja auch einige nicht oder ganz viele nicht, weil's auch nicht für alle immer möglich ist zeitlich. Und man merkt aber schon, dass das Thema insgesamt einfach bekannter ist. Ja, natürlich, weil ich auch Themen öfter anspreche, aber weil es irgendwie präsent ist. Es hängen ja auch überall ständig die Flyer und man redet irgendwie drüber, dass das wieder ist. Leute machen in der Fortbildung mit und tragen es weiter. Also das wirkt sich schon auch aus. Und dann ist es aber auch so, dass es mit einmal nicht getan ist, sondern dass man da eigentlich auch dranbleiben muss, weil wir halt in unserem, ja, Arbeitsalltag dann doch wieder son bisschen in alte Muster vielleicht verfallen. Aber ich glaube, es hilft auf jeden Fall, wenn man immer wieder kleine Bereiche anspricht, wenn man dann immer mal wieder darauf hinweist, dass die Person vielleicht grade kein Schmerzmittel bekommen hätte, obwohl sie's gebraucht hätte, einfach das Bewusstsein zu schärfen, so das bin ich sicher, macht niemand mit böser Absicht, aber es ist vielleicht einfach dann son Aha-Effekt, dass man bei sich selber noch mal schaut, wie hab ich das jetzt vielleicht grade ja, wahrgenommen von der Ernsthaftigkeit der Beschwerden oder vielleicht weniger.
00:24:09: JULIA ROTHERBL: Was würdest Du denn Zuhörern und Zuhörerinnen raten, die sagen, find das Thema total wichtig und ich hätte eigentlich gern, dass wir in unserem in meinem Arbeitsumfeld da stärker hinschauen, uns stärker damit beschäftigen, aber das Gefühl haben, sie wissen nicht so recht, ob sie mit dieser Forderung alleine sind oder ob andere mitgehen würden und vielleicht auch nicht auf ner schon hohen Hierarchiestufe sind und wie würdest Du raten, dass man sowas angeht? Man kann natürlich für sich selber viel machen, aber wenn man sagt, eigentlich würde ich gerne in dem Umfeld arbeiten, wo auch andere da mitziehen, was wären so Tipps oder Erfahrungen, die Du gemacht hast, was gut funktioniert?
00:24:53: MARTINA WALDHERR: Ich glaube, dass man über Fakten, grade in der Medizin natürlich wahnsinnig viele Leute bekommt. Und es ist eben so, dass es fast keinen Bereich in der Medizin gibt, wo diese drei Faktoren Culture, Sex und Gender eben keine Rolle spielen. Und deswegen würde ich, glaube ich, allen einfach raten, ja, sich zu informieren in dem Bereich, wo man tätig ist. Was gibt's denn da zu wissen, gibt's da vielleicht Bereiche, die wir eben nicht berücksichtigen und das dann einfach mal anzubringen in ner Morgenbesprechung oder wie auch immer und sich ja ruhig auch zu trauen. Es gibt ja oft Fortbildungsangebote regelmäßig in den Abteilungen, kleine Teachings oder so was anzubieten, dass man halt mal was zu sonem Thema macht. Weil ich glaube, wenn man da eben faktenbasiert ja Sachen aufzeigt, dann kann eigentlich kaum jemand was dagegen haben. Weil im Prinzip sage ich immer, es profitieren ja also Patientinnen und Patienten, aber die Behandelnden genauso. Also es ist auch so, dass wir davon profitieren, wenn wir merken, wir machen bessere Medizin. Wir sind zufriedener, wenn unsere Patient*innen zufriedener sind und deswegen ja, glaub ich, dass das schon der Weg ist, dass man da was vorwärts bringt und das kann man sich ruhig trauen. Ich glaub inzwischen ist das die Offenheit und das Bewusstsein für die Thematik deutlich größer als noch vor ein paar Jahren und wahrscheinlich jetzt genau der richtige Moment, da was anzubringen.
00:26:08: JULIA ROTHERBL: Hattest Du denn selber jemals das Gefühl, dass dieses Thema, auf das Du setzt, dass das vielleicht Karriere hinderlich ist, weil es bei manchen Vorgesetzten nicht ganz so gut ankommt? Haben ja vielleicht gerade Frauen irgendwie vielleicht im Kopf, dass sie da aufs falsche Pferd setzen, wenn sie ihrem Chef jetzt erklären, dass man doch bisschen auf Culture, Sex und Gender achten sollte?
00:26:29: MARTINA WALDHERR: Also bei mir in der Abteilung jetzt mit Vorgesetzten glücklicherweise nicht, weil ja mein Chef auch der Projektleiter dieses Fortbildungsprojekts ist und natürlich ja hinter solchen Themen steht. Ganz am Anfang, als ich angefangen hab, hab ich mir die Gedanken tatsächlich son bisschen gemacht, weil ich eben keine Berührungspunkte hatte und grade so notfallmedizinisch schon auch den Eindruck hatte, das ist noch mal schwieriger als jetzt in der Kardiologie zum Beispiel, weil wir auch eben präklinisch und ja alle Berufsgruppen mit einbeziehen, dass man sich da so Gehör verschafft hat, hatte ich weniger Bedenken son bisschen wegen der Karriere als so na ja, der Wahrnehmung oder dem Ansehen, wenn ich jetzt so sagen will, dass man da eben son bisschen belächelt wird vielleicht, wenn man sich mit der Thematik beschäftigt. Ich glaub, das war eher so meine Befürchtung, dass es ein bisschen belächelt werden könnte.
00:27:14: JULIA ROTHERBL: Hat sich aber zum Glück nicht bestätigt.
00:27:16: MARTINA WALDHERR: Ja, ich glaube, es gibt bestimmt immer noch ein paar Leute, die das wahrscheinlich nicht ganz so stark gewichten würden jetzt. Aber insgesamt muss ich sagen, hat uns, also gab's die letzten Jahre ja einen großen Aufschwung bezüglich dieses Themas insgesamt in der Medizin und das ist bestimmt uns da positiv ja in die Hände gefallen.
00:27:34: JULIA ROTHERBL: Ich würde gerne zum Schluss eine Frage stellen, die an den Anfang deines Werdegangs zurückgeht. Und zwar hast Du erst mal keinen Medizinstudienplatz bekommen und warst dann Rettungssanitäterin. Bist vier Jahre im Rettungsdienst unterwegs gewesen. Und das ist ja jetzt nichts Ungewöhnliches, dass man erst mal keinen Medizinstudienplatz bekommt. Und ich könnte mir vorstellen, dass es ein Weg ist, an den viele denken dann. Wie würdest Du sagen, hast Du davon profitiert? Oder würdest Du überhaupt sagen, dass das eine gute Entscheidung war, wahrscheinlich schon, …
00:28:14: MARTINA WALDHERR: Auf jeden Fall.
00:28:15: JULIA ROTHERBL: Also was könntest Du vielleicht jungen Leuten mitgeben, die jetzt vor derselben Entscheidung stehen und dann sich fragen, ob das eine gute Idee ist?
00:28:24: MARTINA WALDHERR: Ja, es ist eine sehr gute Idee. Also ich hab damals die Ausbildung eben zur Rettungsassistentin gemacht. Das war damals noch das Berufsausbildungsbild sozusagen, das von Notfallsanitäter*innenausbildung abgelöst wurde. Hab ich unglaublich profitiert. Also erstens Mal war das der Einstieg in die Medizin. Das hat mich wahnsinnig geprägt für diese Zeit. Man hat wahnsinnig viel schon gelernt fachlich über die Menschen, übers Gesundheitssystem. Das sind einfach Erfahrungen, die kann einem niemand nehmen. Die habe ich später auch wieder gebraucht. Gerade so in den ersten, in der ersten Zeit in der Weiterbildung ist man ja häufig auch schon schnell alleine irgendwie und da ist alles, was man vorher gelernt hat, einfach Gold wert, dass man selber schon mal Verantwortung für ja Patienten und Patientinnen übernommen hat. Deswegen ja, ich kann unbedingt dazu ermutigen, das zu machen. Aber ich bin insgesamt der Meinung, alle Erfahrungen, die man macht, wenn man ja aufn Studienplatz im Prinzip wartet, finde ich auch immer son bisschen schwierig. Ich hab's auch immer lange so gesagt. Aber alles, was man dazwischen macht, ist ja was, was einem später hilft. Das ist einfach Lebenserfahrung, egal ja, medizinisch, aber auch darüber hinaus, die einem son bisschen, glaub ich, eine ganz andere Sicherheit auch einfach im Umgang, in der Kommunikation einfach dann später geben kann. Und ja, genauso wie, dass ich dann ins Ausland gegangen bin zum Studieren. Das sind auch Dinge, von denen hab ich auch total profitiert und bei mir persönlich ist es jetzt so, dass sich gerade diese Sachen alle so zusammengefügt haben. Weil jetzt mache ich Fortbildungen für alle Berufsgruppen. Da profitiere ich davon, dass ich die präklinische Welt kenn. Da profitiere ich davon, dass ich im Ausland war. Deswegen ja, ist das so mein Ansatz schon, dass eigentlich jede Erfahrung, die man macht, später im Beruf wertvoll ist.
00:30:01: JULIA ROTHERBL: Und Du bist ja der Notfallmedizin dann auch tatsächlich treu geblieben.
00:30:05: MARTINA WALDHERR: Ganz genau, ja. Ja, das ist tatsächlich, das hatte ich gar nicht so von Anfang an geplant.
00:30:10: JULIA ROTHERBL: Was war dein von Anfang an, also was war so deine Fachrichtung, von der Du gedacht hast, dass es die wird?
00:30:17: MARTINA WALDHERR: Ich wollte ja ursprünglich mal Neuropädiaterin werden. Nicht ganz, aber na ja. Also ich sag auch, da bereue ich nichts, sondern die Wege kommen manchmal in der Medizin oder meistens ja fast irgendwie son bisschen anders, als man sich's am Anfang plant.
00:30:31: JULIA ROTHERBL: Ja. Was planst Du denn mit eurer Fortbildung? Was sind die nächsten Schritte? Was wünscht Du dir?
00:30:37: MARTINA WALDHERR: Ja, die nächsten Schritte sind, ich hatte jetzt im März das 1. Mal haben wir ein oder hab ich einen Onlinepräsenztag gemacht, weil wir einfach viel mehr Anfragen auch von außerhalb des Münchner Stadtgebiets bekommen haben, sodass eben Leute bundesweit im Prinzip teilnehmen können. Das setzen wir jetzt fort. Also ich biete jetzt jeden zweiten Termin im Prinzip als Onlineformat an, damit wir einfach mehr Personen erreichen. Das ist ein großes Ziel, dass wir einfach weiter, ja das Thema weiterverbreiten. Dass wir mehr Berufsgruppen mit einbeziehen, dass wir die Inhalte noch mal son bisschen kürzen oder abändern sozusagen für Fachbereiche, die halt nicht so notfallmedizinisch spezialisiert sind oder auch gar nicht so vielleicht so tief medizinisch ausgebildet sind, dass die einfach guten Überblick haben, wo's wichtig ist. Das ist das 2. Ziel. Und das 3. Ziel ist im Prinzip, dass wir eben ja, die Inhalte in ganz viele Berufsausbildungen in der Notfallmedizin und natürlich idealerweise auch darüber hinaus, aber grade in Fachweiterbildungen, Rettungsdienstausbildung, Weiterbildung, Fortbildungen eben irgendwie integrieren können. Und da arbeiten wir im Moment schon dran und ich hoffe, dass sich das dann auch erfüllt wird. Weil das ist im Prinzip das, wie wir einfach ja die Leute erreichen, die glaube ich am meisten davon profitieren dann auch.
00:31:51: JULIA ROTHERBL: Vielen Dank, dass Du da warst. Hat mir sehr viel Spaß gemacht.
00:31:54: MARTINA WALDHERR: Vielen Dank auch von meiner Seite. Es hat mir auch sehr viel Spaß gemacht.
00:32:04: JULIA ROTHERBL: Für alle, die nach dieser Folge von „Frau Doktor, übernehmen, Sie!“ sagen, diese Fortbildung muss ich unbedingt machen. Wir haben euch die Webseite, wo ihr alle Termine im Überblick findet, verlinkt. Und ihr könnt selbstverständlich auch an dieser Fortbildung teilnehmen, wenn ihr nicht wie Martina selbst in oder um München herum lebt und arbeitet. Die nächste Folge von „Frau Doktor, übernehmen, Sie!“ findet ihr am 7. Dezember. Ihr findet sie bei gesundheit-hören.de oder überall, wo es Podcasts gibt. Und, kleiner Spoiler, es wird winterlich!
00:32:39: SPRECHERIN: Ein Podcast von gesundheit-hören und Apotheken Umschau Pro.
00:32:50: SPRECHER: gesundheit-hören, das ist das Audioangebot der Apotheken Umschau.
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