Gesundheitspolitik gestalten
Shownotes
Tina Rudolph ist 34 Jahre alt, approbierte Ärztin – und Staatssekretärin in Thüringen. Warum sie nicht in der Klinik, sondern stattdessen erst im Bundestag und später im Thüringer Ministerium für Soziales, Gesundheit, Arbeit und Familie gelandet ist, erzählt sie in dieser Folge. Mit Julia Rotherbl spricht sie über (fehlende) Parität in Medizin und in Politik, über Konservatismus, den Paragrafen 218 und über Ost-West-Unterschiede. Sie verrät, welchen Gestaltungsspielraum sie als Politikerin hat, wie sie die Situation der Mediziner:innen verbessern möchte und ob sie von der Politik irgendwann zurück zur Medizin will.
Im Podcast „Frau Doktor, übernehmen Sie!“ erzählen Frauen aus der Medizinbranche, wie sie dort Karriere gemacht haben. Dazu spricht Julia Rotherbl, Chefredakteurin der „Apotheken Umschau“, mit Frauen, die in Führungspositionen arbeiten, die Herausforderungen gemeistert haben oder an ihnen gescheitert sind. Es geht um Themen wie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Sexismus, männliche Netzwerke, mangelnde Vorbilder oder verschiedene Arbeitsmodelle. Das Ziel: Euch zu inspirieren und ermutigen, Euren eigenen Weg zu finden.
An jedem ersten Montag im Monat erscheint eine neue Folge. Habt Ihr Fragen, Anregungen oder Kritik? Dann schreibt uns gerne an redaktion@gesundheit-hoeren.de
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Redaktion: Julia Rotherbl, Kareen Seidler, Constanze Radnoti; Schnitt und Post-Produktion: Constanze Radnoti, Benedikt Möltner, Yves Seißler; Chefredakteur: Peter Glück
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Transkript anzeigen
TINA RUDOLPH
Es ist leider in der Politik so, dass man irgendwann auch an den Punkt kommt, dass man nicht jede Ungerechtigkeit – und das sind ja eigentlich immer so die Sachen, die einen so motivieren, politisch, „Das ist nicht gut so, wie es ist. Das möchte ich gerne ändern und wie können wir das tun?“ – dass nicht alles sofort geht und dass man in manchen Kämpfen auch länger drinsteckt und die länger kämpft, und dass es dann umso schöner ist, wenn man dann doch auch so einen Kampf mit zu Ende führen kann.
JULIA ROTHERBL
Unsere heutige Gästin ist zwar approbierte Ärztin, hat der Medizin aber den Rücken gekehrt und ist stattdessen in die Politik gegangen. Dreieinhalb Jahre saß sie für die SPD im Bundestag und seit ein paar Monaten ist sie Staatssekretärin im Thüringer Gesundheitsministerium. Und das, Achtung! mit nur 34 Jahren. Ich will heute von ihr wissen, warum sie als Ärztin in die Politik gegangen ist und was sie dort für Ärztinnen konkret tun kann. Ich freue mich sehr, dass heute Tina Rudolph hier ist.
Tina, vielen Dank, dass Du heute unsere Gästin bist. Freut mich.
TINA RUDOLPH
Ja, freut mich sehr, hier zu sein. Vielen Dank für die Einladung.
JULIA ROTHERBL
Mein Name ist Julia Rotherbl. Ich bin Chefredakteurin der Apotheken Umschau. Ich hoste diesen Podcast und wünsche euch jetzt ganz viel Spaß beim Zuhören.
SPRECHERIN
Frau Doktor, übernehmen Sie. Ein Podcast von gesundheit-hören und Apotheken Umschau Pro.
KAPITEL – Frauen in Politik & Medizin
JULIA ROTHERBL
Ich weiß, dass Du ziemlich knapp von einem Besuch in einer Klinik, glaub ich, zurückgekommen bist. Ich hab auf deinem Insta-Kanal ein Video auch von dem letzten Klinikbesuchstag gesehen und hab festgestellt, dass Du vor allem Männern die Hand schüttelst. Jetzt hab ich mich gefragt, in welchem Bereich Du eigentlich mehr mit Männern in Führungspositionen oder Frauen in Führungspositionen zu tun hast, in der Politik oder in der Medizin?
TINA RUDOLPH
Oder ob's in beiden Bereichen gleich schlecht ist, ne? Das ist ja die Frage dahinter. Es sind coolerweise auch Frauen dabei und es werden mehr, die oft als, also auch heute als Pflegedienstleitung, als Prokuristin, also gerade für den Finanzbereich zuständig, heute in der Klinik war's eine weibliche Person, die mir da gegenüber saß. Insofern kann man schon sagen, dass Frauen eine viel größere Rolle auch spielen, aber – und darauf wolltest du ja auch hinaus – die Repräsentanz ist natürlich trotzdem immer noch nicht da, wo wir sie eigentlich bräuchten und wo sie sein müsste.
JULIA ROTHERBL
Wo bist Du denn als junge Frau – oder aber ich frag andersrum, wo hat quasi dein Geschlecht, vielleicht sogar kombiniert mit einem jungen Alter, für mehr Irritationen, blöde Sprüche oder so was gesorgt in der Politik oder in der Medizin?
TINA RUDOLPH
Ich glaube, in der Politik, aber das ist ganz schwer, da eine abschließende Wertung zu finden. Also ich könnte sogar genug Situationen aufzählen, wo es in keiner der Situationen oder in keinem der Bereiche passiert ist. Also selbst wenn ich als ja jünger gelesene Frau im Zug in der ersten Klasse sitze, habe ich schon blöde Sprüche bekommen von Männern, die meinten, „Also in ihrem Alter bin ich noch nicht erste Klasse gefahren.“ Und ich denke „Gut, dann waren sie in meinem Alter nicht Bundestagsabgeordnete.“ Jeder wie er kann, ist in Ordnung, aber ich glaube, 'n Mann würde solche Sprüche nicht hören und das ist ja was man nicht 1 zu 1 auf den Bereich ummünzen kann. Aber es ist eine gute Frage. Ich hab mir die vor allem auch in letzter Zeit mal andersrum gestellt, weil wir ja im gesundheitspolitischen Bereich doch mittlerweile auch durch einige gesetzliche Vorgaben immer mehr Frauen auch in Führungspositionen sehen.
Also wir haben jetzt seit einigen Jahren eine gesetzliche Grundlage dafür, dass im GKV-Spitzenverband oder eben auch bei den Krankenkassen bei Vorständen, die mit mehreren Personen besetzt sind, auch Frauen repräsentiert sein müssen. Bei den kassenärztlichen Vereinigungen ist das auch so. Also bei mir in Thüringen zum Beispiel ist eine sehr, sehr coole Vorsitzende der kassenärztlichen Vereinigung. Das war auch schon so, bevor es diese Regelung gab, aber das wird's jetzt natürlich in Deutschland insgesamt öfter geben, einfach weil es diese Vorgabe gibt. In der Politik gibt's diese Repräsentanz zumindest vorgeschrieben, auf den Gesundheitsbereich nicht. Und im Deutschen Bundestag, wenn man sich die aktuelle Zusammensetzung anguckt, dann ist die natürlich auch noch mal schlechter geworden als in der letzten Legislaturperiode und ja hier in Thüringen auf der Landesebene ist es auch so.
Ich bin, als ich als Staatssekretärin angefangen habe, die zweite Frau gewesen. Eine Staatssekretärin gab's vorher. Jetzt sind wir zu dritt. Also neben mir ist noch eine Staatssekretärin im Digitalbereich dazugekommen, aber trotzdem 3 versus viele, viele Männer und das ist natürlich auch immer noch das Verhältnis und das kennen wir alle, das beeinflusst es natürlich auch, wie so Runden dann zusammengesetzt sind. Bei 3 Frauen sind nicht immer alle da und dann passiert's halt doch, dass man als Frau alleine in soner Runde sitzt und ich würde nicht sagen, dass das meine Arbeit beeinträchtigt, also natürlich nicht. Ich glaube jede Chefärztin würde das Gleiche sagen. Natürlich macht man sie dann auch, aber es entstehen öfter Situationen, in denen man das einfach merkt und das hat mit ganz kleinen, unterschwelligen, verbalen Äußerungen manchmal zu tun oder ja einfach mit 'ner Dynamik, die dann entsteht.
JULIA ROTHERBL
Ja, ich find ja der Unterschied zwischen der Medizin und der Politik ist, dass in der Medizin der Frauenanteil ja stetig wächst und es jetzt mittlerweile mehr Frauen als Männer eigentlich gibt, die als Ärzt*innen tätig sind oder auch ein Studium entsprechend anfangen. Aber in den Führungsetagen spiegelt's es nicht wieder, während in der Politik ja der Frauenanteil auf allen Ebenen überhaupt nicht quasi auch nur annähernd paritätisch ist.
TINA RUDOLPH
Das stimmt, aber ich würd sogar sagen, fast analog, wie man's in der Medizin auch sieht, da wissen wir auch, Studienanfängerinnen haben wir mehr Frauen mittlerweile und in der Politik ist es auch so, dass Frauen engagiert sind. Also im ehrenamtlichen Bereich viel, aber sobald's dann um die Posten geht, ne, also es fängt dann bei den Stadtrats- oder Kreistagsmandaten an, aber hat dann mindestens eine große Relevanz, wenn's um Landtagsmandate, um Bundestagsmandate, Europaparlament und so weiter geht, dass es dann noch schwerer ist. Und einige Parteien, die SPD gehört ja auch dazu, haben auch dort schon Paritätsvorgaben. Bei uns ist auch dazu angehalten, dass Listen paritätisch besetzt werden, aber es kommt ja dann aufs Kleingedruckte an. Also es ist dann zum Beispiel fast ungeschriebenes Gesetz, dass die Listen trotzdem mit 'nem Mann anfangen und das bedeutet dann auf Listenplatz 1 und 3 die Männer, auf 2 und 4 die Frauen. Kommunalwahlrechtlich ist es so, dass meistens die ersten 3 Plätze einen entscheidenden Vorteil haben, weil alle Leute, die einfach die Liste, also die Partei ankreuzen, automatisch jeweils eine Stimme auf die ersten 3 Kandidierenden verteilen und dann sind natürlich Platz 1 und 3 insgesamt 2 Leute, die dann dahinterstehen und die ziemlich sicher reinkommen und Platz 2 ist dann der eine Frauenplatz.
Das ist ja auch was jetzt recht Kleinteiliges in der Erklärung, aber das führt natürlich dazu, dass ja, wenn's dann noch dazu kommt, dass 'n paar Männer, einfach weil sie vernetzter sind, schon länger in der Politik aktiv, dann auch noch gewählt werden und hochrutschen auf der Liste, einfach weil sie viele Einzelstimmen ziehen, dann passiert das eben doch und das war auch so, als ich als Stadträtin in der Kommunalpolitik angefangen habe, dass wir dann eben doch eine Fraktion von nur 2 Frauen und 4 Männern hatten. Und so verschiebt sich dann der Anteil trotzdem, obwohl ich nicht sagen würde, dass weniger Frauen politisch engagiert sind oder das zumindest versuchen und sich vorstellen können.
JULIA ROTHERBL
Hast Du denn, also war das in deinem Kopf, als Du dich sowohl für das Medizinstudium als auch irgendwann dann für die Politik entschieden hast, dass Du dann als Frau da zu 'ner Minderheit gehörst oder dass es dir dann auch mal passieren wird, als einzige Frau an nem Tisch zu sitzen. Bezieht man das in irgendeine Entscheidung mit ein? Ist einem das bewusst oder merkt man das erst, wenn man mittendrin ist?
TINA RUDOLPH
Ich hab's erst gemerkt, als ich mittendrin war und ich glaub, das war gut, dass ich mir vorher keine Gedanken drüber gemacht habe, sondern es mir aufgefallen ist, als ich dann im Finanzausschuss irgendwie mal als einzige Frau saß und dann auf einmal, weil sonst ist die Vorsitzende eine Frau gewesen und in dem Fall hat ihr Stellvertreter dann die Sitzung geleitet und ansonsten waren's nur Männer und einmal ist die Redeliste zerfasert und das waren dann doch so diese ganzen Strukturen, wie halt so Sitzungen in Macht und Rede und Geltungsbedürfnis, Dynamiken verfallen können, waren dann da einfach zu beobachten. Und das war, glaube ich, ganz gut, dass ich mir vorher darüber nicht so viele Gedanken gemacht habe. Aber es ist vielleicht auch was Bezeichnendes, weil ich weiß, dass viele Frauen das an irgend 'nem Punkt merken und das schon gerade in dem Moment, in dem man an sonem Punkt ist, politisch sich vielleicht zu entscheiden, intensiviere ich das Engagement, kandidiere ich für was, versuche ich vielleicht den Sprung auf vom Ehrenamt ins Hauptamt zu schaffen, dass das vielleicht auch eine Rolle spielt und man sich ehrlich fragen muss, hat man darauf Lust, macht man das?
Und ich kann sagen, also dass es meine Entscheidung zum Glück nicht beeinträchtigt hat und ich auch hoffe, dass es das bei anderen Leuten nicht tut und nicht der Fall ist, weil man natürlich auch ganz, ganz viel zurückbekommt. Also in dem Moment, in dem man es schafft, politisch an eine Position zu kommen, in der man dann auch selber Entscheidungen treffen kann und selber mit beeinflussen und mitbestimmen kann, zum Beispiel wen man einstellt, zum Beispiel, wen man selber bei Kandidaturen unterstützt, dann ist das auch was sehr, sehr Positives, was man wieder bewirken kann. Andererseits, ich merk's grad, ich schwimm son bisschen. Ich versuche immer, das auf der einen Seite so zu formulieren, dass man das nicht wegdiskutieren sollte, dass es irgendwie manche Härten gibt und dass ich das auch niemandem oder auch keiner Frau persönlich irgendwie als Schwäche auslegen möchte, wenn sie sagt, ich sehe einfach so, dass ich meine Ressourcen anderweitig nutzen möchte und dass ich vielleicht woanders was Gutes bewirken will, deswegen bin ich grade so vorsichtig mit der Formulierung. Genau, und gleichzeitig versuche ich zu ermutigen und würde das hier gerne auch so als Message aussenden.
Es fühlt sich auch total gut an, wenn man das schafft und wenn man sich davon nicht unterkriegt, auch wenn's manchmal sehr hart ist und dableibt und weiterkämpft und andere Frauen kennenlernt. Und das war für mich auch was total Schönes, weil ich in der Politik dann irgendwann auch mehr einen Blick bekommen habe für weibliche Vorbilder, und ich versuch das jetzt jedes Jahr zu machen, dass ich am 31. Dezember einmal durchgehe. Welche coolen Frauen habe ich eigentlich in diesem Jahr kennengelernt?
JULIA ROTHERBL
Ja, schöne Idee.
TINA RUDOLPH
Wofür bewundere ich die? Also das kann ja ganz unterschiedlich sein. Die erste war meine Fraktionsvorsitzende im Stadtrat, die das einfach total toll gemacht hat und mit 'ner total coolen und auch politisch zielstrebigen Art, die auch sehr gut Anerkennung gefunden hat, da durch zu navigieren und ja, wo ich zum ersten Mal das Gefühl hatte von ihr kann ich auch lernen in der Hinsicht oder sei es die Vorständin der deutschen Krankenhausgesellschaft, die mich total beeindruckt in allem, wie sie so ist und das ja, und das find ich, ist cool und insofern, man findet, find ich, auch immer mehr weibliche Vorbilder.
JULIA ROTHERBL
Wie schwer ist es dir eigentlich gefallen, dich für die Politik dann total zu entscheiden? Also zu sagen, ich arbeite jetzt erst mal nicht als Ärztin, sondern ich widme mich der Politik.
TINA RUDOLPH
Ich bin auch da froh, dass ich die Entscheidung gar nicht ad hoc getroffen habe, sondern dass sich das Schritt für Schritt so ergeben hat. Ich hab mich erst mal entschieden, kommunalpolitisch tätig zu sein. Und das ist Ehrenamt und das ist klar, das kann ich nebenbei machen. Ich hab die Chance, ich kann gestalten und dann kann ich gucken, wo das hingeht. Und mit der Bundestagskandidatur hab ich mich ja dann zum ersten Mal entschieden, dass ich in dem Falle, dass das klappen sollte, ins Hauptamt wechsle und bin aber, so rückblickend kann man das ja so sagen, also in dem Moment, in dem ich kandidiert habe, nicht davon ausgegangen, dass die erste Bundestagskandidatur unbedingt hinhauen muss, sondern ich wollte damals vor allem kandidieren, weil auch son Wahlkampf an sich schon wirklich viel Mehrwert bedeuten kann.
Also man hat da auch als Kandidatin natürlich eine Möglichkeit und einen anderen Zugang, Termine zu machen, vor Ort wahrgenommen zu werden und viele Player, viele Institutionen, also zum Beispiel eben Krankenhäuser oder auch Pflegeeinrichtungen, die treffen sich dann mit einem, weil sie denken, „Na ja, also es ist nicht gesagt, dass sie's schafft, aber wenn sie's schafft, dann haben wir schon mal eine zukünftige Bundestagsabgeordnete hier gehabt und konnten ihr schon mal bestimmte Anliegen spiegeln.“ Und alleine dafür ist son Wahlkampf auch ziemlich cool, weil man wirklich sehr, sehr gut schauen kann, in welchem Bereich möchte ich Termine machen, Leute kennenlernen und mich auch thematisch in Dinge einarbeiten und alleine das hat mir schon echt viel gegeben und dass es dann auch noch geklappt hat, war dann aber für mich am Wahlmorgen beziehungsweise ja dann kurz nach der Wahl … Ich wusste das auch erst wirklich in den Morgenstunden, also ich wusste irgendwann abends spät, dass es leider knapp mit dem Direktmandat damals nicht geklappt hatte, irgendwie 0,9 oder ein Prozentpunkt, die dazwischen lagen und dann wusste ich aber am nächsten Morgen ganz, ganz früh, dass ich's doch über die Liste geschafft habe und insofern war das eigentlich gar keine so ganz bewusste Entscheidung, sondern es ist so in dieser Kette passiert und irgendwann war's dann einfach so und das war dann natürlich 'n totales Glücksgefühl. Und seitdem ja, bin ich sehr dankbar, dass ich gestalten darf.
JULIA ROTHERBL
Du willst auch nicht mehr zurück?
TINA RUDOLPH
Ich würde das nicht ausschließen. Ich finde, das ist auch 'n sehr schmerzhafter Gedanke zu sagen, also ich mach das auf keinen Fall, und ich freue mich auch, dass ich in der Medizin eine Heimat habe, bei der ich weiß, dass die irgendwie auch da ist und da bleibt. Aber ich gebe auch genauso offen zu, dass ich in dem Moment, als es bei mir im Bundestag nicht weiterging und ich dann ziemlich nahtlos gefragt wurde, ob ich mir das auch vorstellen kann, in Thüringen Staatssekretärin zu werden. Also da war jetzt meine Übergangszeit noch nicht mal rum, als das dann geklappt hatte. Das war für mich natürlich auch was sehr, sehr Schönes und ist jetzt 'n sehr großes Privileg eben auch noch in der Exekutiven und auf Landesebene weiter mitgestalten zu können. Aber in dem Fall, dass es nicht geklappt hätte, hätte ich auch überlegen müssen, wie stelle ich mein Leben auf und wie geht's dann für mich weiter?
KAPITEL – Debatten, Einfluss & Hebel
JULIA ROTHERBL
Wir unterhalten uns ja in dem Podcast eigentlich mit Ärztinnen, die auch tatsächlich als Ärztinnen arbeiten, und deswegen ist quasi der Beruf Staatssekretärin für diesen Podcast eher was Neues. Vielleicht kannst Du uns son bisschen einmal kurz mitnehmen, was ganz kurz, also was das eigentlich bedeutet, wie vielleicht so dein normaler Arbeitsalltag aussieht und was mich speziell auch interessieren würde, ob Du eigene Themen setzen kannst oder ob die Themen letzten Endes dann die Ministerin oder der Minister setzt.
TINA RUDOLPH
Also in dem Fall wär's natürlich eine Ministerin, weil ich eine ganz tolle Sozialministerin hier in Thüringen habe. Und ja, vielleicht fang ich mit dem letzten Punkt an. Also sowohl hier innerhalb des Hauses als auch in der Regierung gibt's natürlich einen gewissen Spielraum, auch Punkte zu setzen. Natürlich ist das trotzdem gerahmt von Absprachen, die man trifft. Angefangen mit dem Koalitionsvertrag, haushalterische Zwänge sind natürlich für uns genauso da wie für alle anderen auch.
Es ist leider in der Politik so, dass man irgendwann auch an den Punkt kommt, dass man nicht jede Ungerechtigkeit – und das sind ja eigentlich immer so die Sachen, die einen so motivieren, politisch, „Das ist nicht gut so, wie es ist. Das möchte ich gerne ändern und wie können wir das tun?“ – dass nicht alles sofort geht und dass man in manchen Kämpfen auch länger drinsteckt und die länger kämpft, und dass es dann umso schöner ist, wenn man dann doch auch so einen Kampf mit zu Ende führen kann. Woran mich das erinnert, ist, dass wir in der letzten Legislaturperiode ja dann endlich zumindest mal den Paragrafen 219 a abgeschafft haben.
Da durfte ich im Bundestag eine Rede dazu auch halten und das ist natürlich 'n Ergebnis gewesen eines Kampfes, den auch schon in den Legislaturperioden davor Leute gefochten haben. Genauso wie jetzt auf Landesebene auch manche Dinge wir von Vorgängerregierungen übernehmen und verantwortungsvoll und gut weiterbauen und natürlich auch eigene Akzente setzen und man genauso damit leben muss, dass man vielleicht jetzt Dinge anfängt, die so richtig erst dann in 5 Jahren gut funktionieren und dann eben andere diejenigen sind, die dann das Band durchschneiden, so wie man's im übertragenen Sinne sagen würde. Und gleichzeitig ja, kann man auf 'ner kleinen Ebene schon gestalten und auch auf 'ner größeren und wir haben auch auf Landesebene immer die Möglichkeit auch in Bundesgesetzgebungsprozesse uns mit einzuschalten. Also manchmal ist das ja auch explizit so gedacht.
Ein Beispiel, was ich vor Augen hab, ist die Pflegereform grade, also dass die Pflegeversicherung reformiert werden muss. Das ist, glaube ich, auch politisch seit ziemlich einiger Zeit doch klar, so wie die Pflegeversicherung in den Neunzigern aufgesetzt ist, dass die so nicht weiter tragfähig ist und hier spielen eben auch die Länder eine Rolle und hier können wir natürlich auch über die Thüringer Positionen, die ich maßgeblich ja auch mit vertrete, in diesen Runden und die Ministerin dabei unterstütze, dass das eben auch 'n ziemlich großer Hebel ist. Das heißt nicht, dass man die eigene Meinung dann 1 zu 1 durchsetzen kann, aber ich meine schon, dass man immer wieder auch Debatten beeinflussen kann. Allein indem man 'n bestimmtes Argument mit aufn Tisch setzt und sagt, hier bestehe ich aber darauf, dass das und das geprüft wird oder dass das gegengerechnet wird und das hat einen Einfluss.
JULIA ROTHERBL
Du hast jetzt schon quasi die Debatte zum Schwangerschaftsabbruch kurz angesprochen, die ja jetzt auch noch weitergeht. Und das ist jetzt ein Punkt, wo auch sicher viele Ärzt*innen froh wären, wenn das anders geregelt wäre als jetzt. Was wären denn andere Punkte, wo Du sagst, da kannst Du dich jetzt auch für deine ehemaligen Kolleg*innen einsetzen? Also quasi für Dinge, die Ärztinnen und Ärzte gerne geändert hätten oder wo sich für die Ärztinnen und Ärzte etwas ändern muss?
TINA RUDOLPH
Fällt mir jetzt natürlich schwer für alle zu sprechen, weil's da ja auch unterschiedliche Positionen gibt. 218 ist ja son sehr gutes Beispiel eigentlich, weil ich glaube, wir haben da weder gesellschaftlich noch in der Ärzt*innenschaft einen großen Dissens. Ich hab mich super über den Beschluss des Ärztetages gefreut. Ich glaube, es gibt inhaltlich so viele Argumente dafür.
Man kann es wissenschaftlich so gut belegen. Ich bin auch dafür, dass man sich am Bundeskoalitionsvertrag orientiert, indem ja steht, wir wollen dafür sorgen, dass Krankenkassen Schwangerschaftsabbrüche besser erstatten können und der Grund, warum sie's jetzt nicht tun, ist, dass das Ganze im Strafrecht steht. Also es ist eigentlich nur folgerichtig zu sagen, ja genau diese Regelungen fassen wir an und da ist sowohl die Ärzt*innenschaft als auch die Gesellschaft eigentlich schon viel weiter, als es die Politik leider aufgrund der Parteizugehörigkeiten und Mehrheitsverhältnisse grade ist. Aber darüber wolltest Du ja gar nicht sprechen, sondern Du wolltest eigentlich noch andere Beispiele. Und wollte da nur noch mal zurückkommen, dass es bei dem halt so super klar ist.
Bei vielen anderen ist es ja nicht klar. Also könnte ich mir vorstellen, dass es auch aus der Ärzt*innenschaft eben unterschiedliche Meinungen zu Themen gibt. Aber was ich zum Beispiel sehr politisierend finde weiterhin, was ja beeinflusst, wie unser System funktioniert, ist auch die Frage des Versicherungssystems. Also haben wir ein solidarisches System und das meine ich sowohl, was die Finanzierung im engen Maßstab angeht, also bewegen wir uns in Richtung einer Bürger*innenversicherung, egal ob wir die jetzt so nennen, aber kommen wir zu 'nem System, in dem eben die finanziellen Lasten wirklich fair verteilt sind und schaffen wir es insgesamt, damit bin ich jetzt eher bei Solidarität im weiteren Sinne, ein System unabhängig von oder zumindest unabhängiger von ökonomischen Zwängen zu gestalten, die der Versorgung zuwiderlaufen? Also bewusst in genau auch diesem Einschub, also dass es auch in der Medizin natürlich diejenigen gibt, die die Leistung erbringen und dafür angemessen bezahlt werden möchten und das wirtschaftlich sinnvoll betreiben müssen, das ist jetzt mal völlig klar für mich an der Stelle, aber dass wir Fehlanreize haben in diesem System, die zum Beispiel dazu führen, dass aus dem Gesundheitsbereich Geld abgezwackt wird und eigentlich dort reinvestiert gehört und eigentlich in eine bessere Versorgung investiert gehört, was mir durchweg auch immer wieder Ärztinnen und Ärzte ja so spiegeln, die sagen, wir würden uns selber wünschen, dass wir hier medizinisch entscheiden können und wir müssen aber mittelbar oder unmittelbar ökonomisch entscheiden, entweder weil wir selber diese Vorgaben bekommen oder weil in 'ner Praxisgemeinschaft uns auch diejenigen, die da für die Finanzen zuständig sind, das sehr nahelegen, dass diese Zwänge eigentlich was sind, was das Arbeiten auch anstrengend macht, weil man eben nicht rein medizinisch entscheiden kann.
JULIA ROTHERBL
Ist eigentlich das Thema Gleichstellung in der Medizin eins, was in der Politik diskutiert wird oder was die Politik vor Augen hat?
TINA RUDOLPH
Ja, schon, natürlich. Also ich würde sagen, alleine in dem eigenen Erleben, also mir fällt das ja auch auf, genau, wie viele Frauen sind an bestimmten Stellen repräsentiert? Die Einflussmöglichkeiten sind derzeit spannend. Also ich hatte ja 2 Gesetze schon aufgezählt oder gesetzliche Regelungen, wo auch die Politik eben mal gesagt hat, hier muss es mehr Repräsentanz geben. Auf der Landesebene ist es auch so, dass wir zum Beispiel 'n Gleichstellungsbericht haben, der ist 'n bisschen globaler gefasst, also so genaue Daten für den Gesundheitsbereich im Speziellen abzuleiten ist da auch 'n bisschen schwieriger, aber natürlich beeinflusst auch das, was wir hier auf der Landesebene machen, indirekt, wie gut Frauen repräsentiert sein können, also inwiefern sie Positionen wahrnehmen können, die ja auch mit 'nem gewissen zeitlichen Einsatz oft einhergehen und Thüringen, eins der östlichen Bundesländer. Wir haben ja zum Beispiel traditionell 'n sehr, sehr gutes Betreuungssystem und auch eins, was in der Bevölkerung einen sehr, sehr hohen Rückhalt genießt. Also ich mach's mal plakativ, so wie man es aus manchen Bundesländern kennt, dass man die Kinder mittags aus der Kita holt, weil die Kita eben schließt. Das wär hier undenkbar. Das würde zum Glück, würde ich sagen, auch …
JULIA ROTHERBL 21:24
In Bayern ist das noch Usus.
TINA RUDOLPH
Ist immer noch so an einigen Stellen, ja genau. So ist mir nämlich auch und das kriege ich auch so von Freundinnen aus anderen Bundesländern dann widergespiegelt, was hier 'n Unding wäre. Also es würde keiner verstehen, wenn das zur Debatte stehen würde, sondern das ist hier klar und akzeptiert, dass es Betreuungsmöglichkeiten gibt, aber es ist natürlich nicht der einzige Garant für Gleichstellung oder der einzige Garant dafür, dass eben Erwerbsarbeit und Care Arbeit gut aufgeteilt werden kann. Aber man beeinflusst natürlich mit solchen Rahmenbedingungen.
JULIA ROTHERBL
Ja. Was ich mich tatsächlich im Vorfeld dieser Folge gefragt habe, ist jetzt – vielleicht ist es total blöd, was ich mir da zusammengereimt hab – aber könnte nicht ein Land, das ja teilweise Träger zum Beispiel für Universitäten oder Unikliniken ist, eine Frauenquote einführen für diese Institutionen?
TINA RUDOLPH
Für das Uniklinikum? Also als Land sind wir verantwortlich für genau das eine Klinikum hier, das wäre das Uniklinikum in Jena, die Klinik oder die Universität, an der ich übrigens auch studiert habe. Und wir fördern dieses Klinikum auch vielfältig auf Landesebene. Trotzdem wäre es a) das Einzige, bei dem wir das tun könnten und ich würde hoffen, dass es eher im Sinne einer Selbstverpflichtung funktioniert. Also an der Uni ist es ja auch so, dass bei Berufungsverfahren für Professor*innen, und da sind wir ja jetzt eigentlich auf der Ebene, schon so ist, dass auch unter 'ner Gleichstellungsperspektive geguckt wird. Was aber meine Erfahrung jetzt noch so mehr aus dem Unikontext ist, ist, dass man, wenn man solche Quoten vorgibt, auch manchmal in ja in Anreizsysteme läuft, in die man eigentlich nicht laufen will. Also wenn man dann aus Berufungsverfahren so beiläufig so Sätze hört, „Naja, für Kunstgeschichte oder für andere Sachen, da nehmen wir jetzt die Frauen, weil das sind die Fächer, an denen es geht, damit ne die harten Fächer, die Naturwissenschaften weiter mit Männern besetzt werden können.“ Das ist ja dann auch was, was man irgendwie eigentlich so nicht möchte. Und insofern, ja, man könnte drüber nachdenken. Ich muss ganz zugeben, Du überraschst mich mit der Frage jetzt so, ich müsste erst mal wirklich prüfen, ob wir das rechtlich können als Land. Ich weiß nicht, ob ich's dann, weil's eben sich auch nur auf diese eine Klinik erstrecken würde, machen würde oder ob man nicht erst mal dort auch spezifisch gucken müsste, wie ist eigentlich die Quotenbesetzung? Also haben wir eine Unterrepräsentanz von Frauen? Ich würde sogar sagen, in Jena fallen mir auch einige Lehrstuhlinhaberinnen ein und Frauen, die da schon an Führungspositionen auch zu finden sind und dann ja würde man aber glaube ich eher auch hoffentlich dazu kommen, dass es aus sich heraus, aus den Institutionen auch das Interesse gibt, dass man das ändert.
KAPITEL – Konservatismus & Whataboutism
JULIA ROTHERBL
Man merkt irgendwie, finde ich, dass Themen wie Schwangerschaftsabbruch, gendern jetzt quasi so hochgepusht werden durch konservative Strömungen, also negativ hochgepusht natürlich, im Sinne von keine Abtreibungen. Wie beobachtet man das als junge Frau, die in einer linken Partei sich engagiert? Macht einem das Bauchschmerzen?
TINA RUDOLPH
Also ja, definitiv, vor allem weil immer diese Logik dahinter steckt, den feministischen Diskurs kleinzuhalten. Mit der Erpressung, wenn ihr zu viel fordert, dann gibt's 'n Backlash. Und man hat so das Gefühl, ja ne, also wenn man dann mit Leuten wirklich drüber spricht, und man kann ja bei vielen Themen auch einfach Fakten aufn Tisch legen, indem man sagt, also es ist a) fair und es wär auch für die Gesellschaft gut, wenn man hier bestimmte Dinge tun würde, also wenn man mehr Repräsentanz hätte. Wir können belegen, dass es sowohl 'n Gender Pay, Health, Care und Data Gap gibt und jetzt erklär mir mal, warum das richtig ist und erklär mir auf der anderen Seite, warum wir da nichts tun sollten und warum es nicht unsere Verpflichtung ist. Und dann ne kommt irgendwann in solchen Diskussionen auch so ne, na ja okay, na das mag schon richtig sein, aber grade bei feministischen Themen ja immer sehr beliebt Whataboutism, sollten wir nicht erst mal uns die Eisbären und die Polkappen kümmern. Und das ist natürlich so ne Logik, die verstärkt, das fällt mir zumindest auf, bei feministischen Themen gezogen wird. Also natürlich ist Politik immer eine Gleichzeitigkeit. Ja, es gibt wichtigere Themen und vielleicht etwas unwichtigere, aber es ist trotzdem so, dass man ja immer mehrere parallel bearbeitet und nie sagt, so das Thema ist fertig, jetzt nehme ich mir das nächste. Und das wird ganz oft versucht, hab ich das Gefühl, wenn es um solche Themen geht. Und gleichzeitig steckt eine Erwartung innerhalb der Gesellschaft dahinter, dass hinter den konservativen Positionen sich eine Art Sicherheit verbirgt, die sich, glaube ich, viele Menschen grade wirklich wünschen. Also ich glaube, das ist jetzt auch nicht neu in der Analyse, sondern das kann man ja verstärkt beobachten, wenn's droht eben durch viele Krisen unsicher zu werden, dass man dann versucht, sich auf bestimmte Gewissheiten zurückzuziehen und dass traditionelle Rollenbilder dann irgendwie auf einmal attraktiver scheinen und dass es oft dann auch die Scheinlösung ist, dass man einfach wieder zum Altbekannten, was man irgendwie vor zig Jahren schon so gemacht hat, wieder zurückkommt. Und ich krieg auch wirklich ernst gemeinte Anfragen zu solchen Themen, die so nach dem Motto lauten, na ja, wir haben ja 'n Ärzt*innenmangel, also wir bräuchten ja viel mehr Menschen und Fachkräfte im Gesundheitsbereich, sollten wir nicht eine höhere Männerquote Medizinstürme einführen, weil ja die Frauen dann Teilzeitarbeit und irgendwann ausfallen, weil sie schwanger sind. Und das ist natürlich also ja, nee und ich meine es wirklich ernst. Ja. Also war 'n bayerischer war 'n bayerisches Medium, so viel vielleicht zu sagen, aber trotzdem, es ist ja nicht so, dass diese Überzeugung nicht in der Gesellschaft bei vielen da wäre und dann zu erklären so nee, völlig falsche Herangehensweise, wir müssen einfach zu 'nem System kommen, in dem das quasi egal ist, dass die weibliche Person schwanger wird, sondern dass ich einfach weiß, für beide, die da Eltern werden, ist das die gleiche Erwartung, im Job kürzer treten zu müssen oder vielleicht Prioritäten temporär anders setzen zu müssen und für niemanden sollte das 'n Karrierehemmnis sein oder eine Rechtfertigung jemanden zu übergehen. Und da finde ich muss man wirklich bei manchen sich noch mal bemühen, das wirklich so zu erklären, dass das nicht das Problem ist, sondern dass wir eigentlich über Strukturen sprechen müssen, die das ermöglichen, dass eben beide das können. Ja und gleichzeitig hast Du recht, das nimmt irgendwie wieder zu, dass Menschen denken, wir könnten das einfach lösen und das zu erklären, dass das auch volkswirtschaftlich nicht sinnvoll ist, ne, also wenn man schon die humanistische Argumentation nicht kauft und sagt, ich sehe das so, dass Frauen auch Menschen sind, die die gleichen Chancen haben sollten, also die basale Definition von Feminismus, dann wenigstens aus 'ner wirtschaftlichen Perspektive, dass wir uns das eigentlich auch als Gesellschaft gar nicht leisten können, zu sagen, wir schließen eigentlich die Hälfte von 'ner Erwerbsarbeit aus oder bauen ihnen so viele Steine in den Weg, dass zumindest bestimmte Karrierestufen und Verwirklichung und eben auch Leistungen da gar nicht möglich sind.
JULIA ROTHERBL
Ist es eigentlich so, dass die Politiker, die zum Beispiel Gendern verbieten oder sich jetzt furchtbar aufgeregt haben über eine mögliche Verfassungsrichterin, die einen Schwangerschaftsabbruch straffrei machen würde, dass Sie selber von dieser Position überzeugt sind oder glauben sie, dass sie damit quasi die Position der Wählerinnen und Wähler treffen? Ich denk mir manchmal, dass man, wenn man in der Politik engagiert ist, da dass da doch irgendwie Fakten und Evidenz irgendwie eine Form von Rolle spielen.
TINA RUDOLPH
Das ist eine gute Frage. Ich glaub, Du müsstest mal eine Christdemokratin in den Podcast einzuladen, weil ich das bei denen tatsächlich, muss ich auch sagen, wenig nachvollziehen kann. Also einfach weil, ja ne, also selbst bei der Orientierung, ich glaube meine Wählerinnen und Wähler wollen das so, ist es ja spannenderweise bei allen Parteien so, selbst bei der AfD, dass eine Mehrheit der Wählerinnen und Wähler für die Entkriminalisierung ist des Schwangerschaftsabbruchs, also für das Abschaffen von 218. Und dass die Parteien das nicht sind, glaub ich, hat eher einen Selbstvergewisserungszweck. Also dass man ja auch als Partei versucht, sich auf bestimmte Programmatiken festzulegen und zu sagen, so daran rütteln wir nicht und das ist irgendwie klar und wir müssen da nicht immer wieder über einzelne Themen sprechen, sondern die grundlegende Linie ist einfach fest. Also als Sozialdemokratin würde ich auch nicht immer wieder diskutieren, dass ich das nicht richtig finde, das Renteneintrittsalter pauschal zu erhöhen, sondern es ist einfach so. Es ist einfach unsere Haltung. Und die ist begründet, aber man muss auch die Begründung nicht jedes Mal geben vielleicht. Und ich glaube konservative Parteien empfinden die Frage zu 218 als eine dieser grundständigen Linien für sich und haben eher die Befürchtung, wenn wir da nachgeben und wenn wir diese Position verändern, dann bröckelt ganz, ganz viel und dann geben wir grundsätzlich Positionen auf. Das heißt nicht, dass ich das gut finde, das heißt nicht, dass es das jetzt einfacher macht, das irgendwie zu lösen, aber das ist zumindest die Erklärung, die ich für mich als doch plausibel empfunden habe, warum wir eigentlich diese Diskrepanz haben, dass wir gesellschaftlich wirklich eine Mehrheit haben, auch in den Wählenden aller dieser Parteien und gleichzeitig das im Parlament eben so nicht hingekommen ist.
JULIA ROTHERBL
Warum ich jetzt das Thema Evidenz auch so anspreche, ist, weil jetzt quasi so als Gesundheitsjournalistin so der Blick in die USA auch grad etwas erschreckend ist, wo irgendwie gefühlt in der Gesundheitspolitik Evidenz, was zum Beispiel Impfen angeht, so quasi überhaupt gar keine Rolle mehr zu spielen scheint. Ist es auch was, was quasi in Deutschland irgendwie irgendwann mal denkbar wäre? Dass man quasi wissenschaftliche Fakten im Bereich des der Gesundheitspolitik komplett außen vorlässt?
TINA RUDOLPH
Also ich hoffe nicht. Es wird ja auch bei uns was Ähnliches versucht. Also wenn ich mich auf die Angriffe, auf die WHO, auf das RKI, auf alle wissenschaftlichen Institutionen auch bei uns erinnere in den letzten Jahren maßgeblich während der Coronapandemie, dann ist die Befürchtung jetzt, glaube ich, nicht ganz von der Hand zu weisen. Dass ja auch bei uns massiv versucht wird, nicht nur im Gesundheitsbereich, auch das Bundesverfassungsgericht, also demokratische Institutionen, wissenschaftliche Institutionen zu diskreditieren und zu schwächen. Ich hoffe, dass es bei uns nicht in dem Maße gelingen wird und unsere Gesellschaft da ein bisschen resilienter ist, als das in den USA der Fall ist. Also so extrem wie das dort gerade passiert, kann ich's mir in Deutschland ehrlich gesagt nicht vorstellen, aber hoffe auch wirklich, dass ich mich dabei nicht irre. Und ich habe auch bei den USA immer noch die Hoffnung, dass, ja, das ist fast 'n bisschen zynisch, aber dass wenn Dinge doch mal schiefgehen, man doch auch erkennt, welcher Wert in so was eigentlich steckt. Also eigentlich will man das ja so genau nicht, dass erst 'n paar Kinder sterben oder Masernenzephalitis, das in vielen Fällen auftritt, dass man doch wieder weiß, warum sowas basales wie Impfen eigentlich wichtig ist. Oder dass wirklich Dinge im Luftfahrtsektor schiefgehen müssen, damit man weiß, warum man bestimmte Aufsichtsbehörden braucht, ne, dass immer so das total trockene, ne, es sind irgendwelche staatlichen Institutionen in der Wahrnehmung erst mal hervorruft, aber wenn sie dann nicht mehr funktionieren, man doch wirklich sehr, sehr, sehr stark merkt, warum sie eigentlich wichtig sind. Und ich hoffe, dass es wenn dann so funktioniert, dass wir das in den USA sehen und es in Deutschland dazu führt, dass wir diesen Weg nicht nachmachen und es bei uns nicht zu genau diesen Rückschritten erst mal kommen muss. Ich kann's dir aber nicht einhundert Prozent sagen. Ich hoffe und wir kämpfen darum, dass das so nicht passiert.
JULIA ROTHERBL
In deinem eigenen Wahlkreis hat ja zuletzt mit großem Abstand der AfD Kandidat gewonnen. Inwieweit ist denn eigentlich, wenn man als SPD-Politikerin in diesem Wahlkreis in Thüringen unterwegs ist, das Thema Frauenbild der AfD ein Diskussionsgegenstand? Weil Du sagst ja zum Beispiel, dass in Thüringen überhaupt nicht hinterfragt wird, dass es eine gute Kitastruktur gibt und na die AfD hinterfragt es schon. Also inwieweit ist das überhaupt etwas, womit sich die Leute auseinandersetzen, wenn es ihre eigene Wahlentscheidung geht?
TINA RUDOLPH
Es ist so, dass das nicht miteinander verknüpft wird. Und das klingt jetzt erst mal komisch, aber wenn man die Leute hier auf der Straße fragt, wofür steht aus eurer Sicht die AfD, also grad diejenigen, die sie wählen, dann würden die nicht sagen, ja, das sind doch die, die die Kita abschaffen wollen, sondern da werden andere Dinge im Vordergrund wahrgenommen. Und das sage ich auch bei einigen Herzbluten dabei, weil es für mich schon einen sehr wichtiges Thema ist. Auch bei 218 ist das so. Das finden die Leute schon wichtig, aber es ist, glaube ich, nicht für so viele Leute wahlentscheidend gewesen. Also sind wichtige Themen, aber es werden einfach andere im Vordergrund wahrgenommen. Und dass es geschafft wurde, dass wirklich eine Angst geschürt wurde, dass die Wirtschaft und auch die Migrationsfrage als wahlbestimmende Themen wahrgenommen worden sind, unabhängig davon, wer jetzt wirklich tragfähige und die besten Lösungen dafür hat, das ist aus meiner Sicht eigentlich so ein also sowohl 'n Learning, aber auch ja eigentlich eine Tatsache, mit der man jetzt irgendwie umgehen muss in der Politik, dass das einfach grade so ist. Also die Themen sind wichtig, ist auch wichtig, dass sich Menschen weiterhin dafür engagieren und auch im Bereich Kita, wenn das erst mal rückgebaut würde das System, das würde man merken und das wäre für viele Leute richtig furchtbar. Aber ich fürchte, es ist momentan nicht so im Fokus, dass die Leute danach ihre Wahlentscheidung ausrichten.
JULIA ROTHERBL
Was ist denn so quasi der nächste Schritt eigentlich für eine Staatssekretärin? Also wo siehst Du dich in ein paar Jahren? Also möchte man dann irgendwann nach Berlin? Möchte man ein Ministeramt in im Bundesland? So ganz persönlich deine Prognose für dich in den nächsten Jahren.
TINA RUDOLPH
Das ist ganz schwierig. Also, ich würde mir im Moment wünschen, dass ich weiter Politik machen kann. Also ich bin momentan so motiviert und hab noch so viel vor und hab auch das Gefühl, ich schaffe immer mal wieder auch Dinge, für die sich das lohnt, in der Politik zu sein. Ich hab mir selber vorgenommen, wenn das irgendwann nicht so ist oder wenn mir nahestehende Personen mir das so widerspiegeln, dass ich hinterfragen sollte, habe ich a) genug Motivation, b) genug Themen und c) selber auch noch genug Power auch weiterzukämpfen, dann will ich das weitermachen und wenn das irgendwann nicht der Fall ist, dann sollte man, glaube ich, auch eine politische Karriere vielleicht nicht unbedingt weiterdenken. Also ich hab mir zumindest vorgenommen, dass es nie der Selbstzweck sein sollte. Und wo mich das noch hinführt, weiß ich nicht. Ich muss auch wirklich ganz ehrlich sagen, das ist jetzt keine falsche Bescheidenheit, dass ich nach drei Monaten, nicht mal drei, als Staatssekretärin auch hier noch ankomme und froh bin, dass das gerade einigermaßen alles gut gelingt und ich das Gefühl habe, dass ich dem Job schon auch gewachsen bin. Das würde ich jetzt mal mit Selbstbewusstsein auch sagen und ich hier nicht jeden Tag gefragt werde, hä, was macht ihr eigentlich hier, sondern ich schon eine gewisse Fachkenntnis auch mitbringe für den Bereich und dass das auch so gesehen wird und mir hier Dinge hoffentlich gelingen werden, aber ich bin weit davon weg, dass ich mich jetzt langweilen würde und deswegen ist es ganz schwer jetzt zu sagen, was schon die nächste Station sein wird. Ich würde nichts ausschließen, also wenn sich irgendwas ergibt und auch 'n Job noch mal mit noch höherer Gestaltungsperspektive, dann könnte ich mir vorstellen, dass es irgendwann einen Punkt gibt, an dem ich den nicht ablehnen würde oder vielleicht auch aktiv dafür kämpfe. Aber jetzt in dem Moment bin ich grade hier sehr, sehr glücklich auf der Position, auf der ich bin und hoffe eigentlich eher, dass ich die sehr gut ausfüllen werde in den nächsten Jahren.
JULIA ROTHERBL
Danke, Tina. War 'n super Gespräch. Hat mir Spaß gemacht.
TINA RUDOLPH
Mir auch. Danke.
JULIA ROTHERBL
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SPRECHERIN
Ein Podcast von gesundheit-hören. Und Apotheken Umschau Pro.
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