Gesundheitsamt – mehr als nur ein Schreibtischjob
Shownotes
Als man Dr. Sophie Ruhrmann einen Job beim Gesundheitsamt vorschlug, war sie erstmal sehr skeptisch. Schreibtischarbeit statt Patient:innenkontakt? Mittlerweile ist sie kommissarische ärztliche Leiterin des Gesundheitsamts Gießen und stellvertretende Vorsitzende des Bundesverbands der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (BVÖGD). Warum sie sich am Ende doch dafür entschieden hat und heute glücklicher ist als im Krankenhaus, erzählt sie in dieser Folge. Mit Julia Rotherbl spricht sie über ihren persönlichen Weg von der Intensivstation ins Gesundheitsamt, über ihre Aufgabenbereiche, die Zusammenarbeit mit der Politik und die erstaunliche Vielseitigkeit des Öffentlichen Gesundheitsdiensts.
Im Podcast „Frau Doktor, übernehmen Sie!“ erzählen Frauen aus der Medizinbranche, wie sie dort Karriere gemacht haben. Dazu spricht Julia Rotherbl, Chefredakteurin der „Apotheken Umschau“, mit Frauen, die in Führungspositionen arbeiten, die Herausforderungen gemeistert haben oder an ihnen gescheitert sind. Es geht um Themen wie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Sexismus, männliche Netzwerke, mangelnde Vorbilder oder verschiedene Arbeitsmodelle. Das Ziel: Euch zu inspirieren und ermutigen, Euren eigenen Weg zu finden.
An jedem ersten Montag im Monat erscheint eine neue Folge. Habt Ihr Fragen, Anregungen oder Kritik? Dann schreibt uns gerne an redaktion@gesundheit-hoeren.de
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Redaktion: Julia Rotherbl, Kareen Seidler, Constanze Radnoti;
Schnitt und Post-Produktion: Constanze Radnoti, Benedikt Möltner, Yves Seißler;
Chefredakteur: Peter Glück
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Transkript anzeigen
DR. SOPHIE RUHRMANN
Der Landkreis Gießen hat 265.000 Einwohner. Und was ich auf den Weg bringe, hat nachher einen Einfluss auf das Leben von all diesen Menschen. Das heißt, dieser Effekt, was aus meiner Arbeit wird und was ich erreichen kann, das ist für mich ganz, ganz wichtig.
JULIA ROTHERBL
Durch Corona ist der öffentliche Gesundheitsdienst so richtig in den Fokus gerückt und nicht immer unbedingt im positivsten Sinne. Aber was macht der öffentliche Gesundheitsdienst eigentlich noch so und wie wird eine Ärztin zur Amtsärztin? Darüber will ich heut sprechen mit Dr. Sophie Ruhrmann. Sie ist kommissarische ärztliche Leiterin des Gesundheitsamtes Gießen in Hessen und außerdem die erste stellvertretende Vorsitzende des Bundesverbandes der Ärztinnen und Ärzte des öffentlichen Gesundheitsdienstes. Sie selbst hat sich den Wechsel von der Klinik ins Gesundheitsamt nicht leicht gemacht, hatte auch mit vielen Vorurteilen zu kämpfen.
Heute ist sie aber sehr, sehr glücklich mit der Entscheidung. Ob sie sich auch in 10 Jahren noch im Gesundheitsamt sieht oder sich doch einen Wechsel zurück vorstellen kann, das frage ich sie gleich. Ich freue mich sehr, dass Sophie heute da ist. Sophie, herzlich willkommen bei „Frau Doktor, übernehmen Sie!“ Ich freue mich sehr, dass Du unsere Gästin bist.
DR. SOPHIE RUHRMANN
Hallo, ich freu mich auch. Vielen Dank für die Einladung.
JULIA ROTHERBL
Mein Name ist Julia Rotherbl, ich bin Chefredakteurin der Apotheken Umschau und wünsch euch jetzt sehr viel Spaß beim Zuhören.
SPRECHERIN
Frau Doktor, übernehmen Sie! Ein Podcast von gesundheit-hören und Apotheken Umschau Pro.
KAPITEL – Vorurteile überwinden – von der Intensivstation an den Schreibtisch
JULIA ROTHERBL
Diese Folge wird tatsächlich die Neunundsiebzigste sein, die wir aufnehmen. Und wir hatten noch nie eine Ärztin aus dem öffentlichen Gesundheitsdienst bei uns zu Gast, was schon son bisschen zeigt, dass das vielleicht 'n Fachbereich oder 'n Tätigkeitsfeld ist, das viele, inklusive uns, nicht so auf dem Schirm haben. Wann hat sich das denn eigentlich bei dir ergeben, dass Du das für dich als Option wahrgenommen hast?
DR. SOPHIE RUHRMANN
Das ist tatsächlich so, dass der öffentliche Gesundheitsdienst eher nicht so sehr im Bewusstsein ist. Und auch bei mir ist das so, dass es erst, dass ich zuerst eine kleine Runde gedreht habe, über die klinische Tätigkeit und dann als sogenannter Seiteneinsteiger dann mit in den Öffentlichen Gesundheitsdienst gekommen bin. Und das, obwohl ich mich schon im Studium für viele Themen des Öffentlichen Gesundheitsdienstes interessiert hab. Im Studium selbst hat man wenig Kontakt damit. Es gibt zwar Vorlesungen, es gibt auch Seminare, aber es gibt keine Pflichtveranstaltung. Sodass ich da auch wenig Berührungspunkte hab und erst später dann feststellen konnte, dass die Themen, die mich interessieren, und wo ich für brenne, dass es da tatsächlich auch eine Abbildung im Öffentlichen Gesundheitsdienst gibt.
JULIA ROTHERBL
Kannst Du so ein, zwei Themen nennen, die Du jetzt, also die Du meinst?
DR. SOPHIE RUHRMANN
Das klingt, vielleicht klingt das 'n bisschen komisch, aber tatsächlich interessier ich mich sehr für Zahlen. Also ich find das schön, wenn man Entscheidungen tatsächlich auf Zahlen, auf Fakten begründen kann. Und in der Individualmedizin ist es häufig so, dass es zwar Leitlinien gibt und Studien, die Entscheidungen irgendwie begründen, aber für den jeweils dann einzelnen Patienten kann das zutreffen, muss aber nicht. Man arbeitet immer mit Wahrscheinlichkeiten.
Und wenn man jetzt im öffentlichen Gesundheitsdienst eben nicht mehr nur für den Individualpatienten zuständig ist, sondern für eine große Gruppe an Menschen, dann ist es eben so, dass diese Wahrscheinlichkeiten plötzlich die echte, die Realität widerspiegeln und dass man dann auch die Entscheidung, die man getroffen hat, dann auch so wiederfinden kann. Das heißt, die vielleicht 50 Prozent Erreichungsquote oder so was spiegeln sich dann nachher auch in realen Menschen ab, für die das dann zutrifft. Zum anderen hab ich auch die Erfahrung machen dürfen, dass halt der öffentliche Gesundheitsdienst so unheimlich breit ist, dass wir so viele Betätigungsfelder haben, was mir als Person sehr, sehr nahe kommt. Wir haben von Kinder-, Jugendgesundheit zur Sozialmedizin vielleicht auch mit gesunden Menschen zusammenarbeiten im Rahmen von Begutachtungen, psychische Erkrankungen im Bereich der sozialpsychiatrischen Dienste. Dieses ganz, ganz breite Feld macht's eigentlich leicht, immer etwas zu finden, wofür man wofür man brennen kann. Es ist 'n Querschnittsbereich mit ganz, ganz vielen verschiedenen unterschiedlichen Betätigungsfeldern.
JULIA ROTHERBL
Du hast jetzt vorher gesagt schon, Du warst 10 Jahre in der Klinik vorher. Was hast Du dort gemacht und was hat dich überhaupt darüber nachdenken lassen, das aufzugeben?
DR. SOPHIE RUHRMANN
Ich hab direkt nach meinem Studium hab ich in der Anästhesie angefangen, hab eine Facharztweiterbildung gemacht in der Anästhesie, bin dann sehr schnell in die Intensivmedizin gekommen. Ich hab die Arbeit dort auch wirklich sehr geliebt. Die Arbeit auf der Station war sehr erfüllend. Und hab dann eben nach 10 Jahren festgestellt, dass verschiedene Rahmenbedingungen in der klinischen Tätigkeit zu meiner damaligen Lebenssituation so gar nicht mehr gepasst haben. Also ich hab 2 Kinder. Und mit der Geburt des zweiten Kindes hab ich auch gemerkt, dass eben der Schichtdienst und die Arbeitszeiten in der Klinik sehr, sehr schwierig vereinbar sind mit dem Familienleben und hab mich dann umgeschaut nach Alternativen. Und dann war's tatsächlich so, dass ein Bekannter, der selber gar nicht im öffentlichen Gesundheitsdienst arbeitet, sondern in der Gefahrenabwehr, der hat bei 'nem privaten Treffen hat der immer gesagt, Du, ich hab gehört beim Gesundheitsamt, da ist sone Position offen und ich glaube, das ist was für dich.
Und da wusste ich noch gar nicht so viel von diesem Aufgabenbereich und hab im ersten Anlauf tatsächlich gesagt, Gesundheitsamt, oh nein, auf keinen Fall. Das passt nicht zu mir. Irgendwie Büro, Schreibtisch, Computer, das ist nicht, entspricht nicht meiner Art. Und er sagte, ich glaub, das ist bisschen anders, schau noch mal. Dass ich dann angefangen hab zu recherchieren, was sind die Aufgaben, was würden die von mir erwarten?
Und hab dann festgestellt, dass eben doch viele Bereiche abgedeckt sind, die mein Interesse wecken. Und hab dann angefangen, so erste Gespräche zu führen, was denn die Voraussetzungen wären. Und so bin ich dann hängen geblieben.
JULIA ROTHERBL
Also Du hast jetzt grad gesagt, Du hast gedacht, oh nein, das ist nichts für mich, was hattest Du da im Kopf? Was nichts für dich wäre? Du hast grad Bürokratie gesagt, aber es gibt ja zum öffentlichen Gesundheitsdienst vor allem jetzt mit Corona und so son paar Vorurteile. Hattest Du die auch im Kopf?
DR. SOPHIE RUHRMANN
Also tatsächlich hatt ich, ich war in der in der Klinik hab ich auf einer Intensivstation gearbeitet und hab dort auch viel zu tun gehabt mit Intensivmedizin bei Corona. Und hab dann dort auch mitbekommen, dass diese ständig wechselnden Anforderungen, die Vorgaben und Rahmenbedingungen, auch Gesetzesänderungen, die dann von dem Gesundheitsamt kommuniziert wurden, dass das für uns teilweise sehr schwer war, nachzuvollziehen. Das hat mein Bild geprägt und davor hatt ich Sorge, ich wollte eigentlich nicht Teil dieses Ablaufes sein. Das waren alles Vorurteile in mir drin, die's ganz schwer gemacht haben, sich dann da offen drauf einzulassen.
JULIA ROTHERBL
Wie hat denn dein Umfeld reagiert, als Du dich dann drauf eingelassen hast? Weil diese Vorurteile hast ja nicht nur Du, die haben meiner Meinung nach relativ viele Leute.
DR. SOPHIE RUHRMANN
Tatsächlich, ich bin jetzt über 3 Jahre hier im Gesundheitsamt und tatsächlich treff ich noch heute viele Menschen, die mich fragen, wann ich denn zurückkomme. Also es ist immer, es gibt immer noch viele Zweifel daran, was mich denn hier jetzt genau fasziniert. In der Familie und im engeren Freundeskreis ist es so, dass man da viel drüber spricht. Und die merken schon auch meine Begeisterung, dass es eben, dass diese Vorteile sich eben nicht bestätigt haben und dass ich hier genau angekommen bin, wo ich auch sein will, wo ich auch das Gefühl hab, was erreichen zu können.
Deswegen glaub ich, dass mein direktes Umfeld das sehr gut begriffen hat und das jetzt auch nicht mehr infrage stellt. Ich werde aber wahrscheinlich immer gefragt werden, wenn jemand meine Historie kennt, warum ich denn ausgerechnet im Gesundheitsamt gelandet bin.
JULIA ROTHERBL
Was ist sone Standardantwort, die Du darauf gibst?
DR. SOPHIE RUHRMANN
Ich spreche oft darüber, dass, wie sehr mich das erfüllt und was Gesundheitsamt eigentlich ist, dass es eben nicht der Amtsarzt ist, was die Arbeit ausmacht, sondern dass es son sehr breites Feld ist und ganz, ganz viele Aufgaben hat, die im Verborgenen ablaufen, die man so in der Öffentlichkeit vielleicht gar nicht wahrnimmt. Ich glaube auch, dass jetzt, also in Corona hatte man ja irgendwie 'n Bild vom Gesundheitsamt schon auch aktiver, das dann aber sehr geprägt war von der Arbeit der Hygiene, die Gesetzesänderungen weitergeben musste, die Restriktionen aussprechen musste, die Absonderungen aussprechen musste, also 'n negativ geprägtes Bild eigentlich. Dieses Bild flacht immer weiter ab. Das heißt, wir nehmen schon auch wahr, dass das Gesundheitsamt eher wieder weniger in Erscheinung tritt und weniger im Bewusstsein der Bevölkerung ist. Und ich kann damit gut erklären, dass ich sage, unsere Arbeit ist eigentlich dann getan, wenn man sie gar nicht wahrnimmt, wenn alles gut läuft und keiner 'n direktes Bewusstsein dafür hat. Und wir aber sehen können, wir tatsächlich festmachen können, dass es 'n Effekt hat, dass die Arbeit, wenn ich durch Gießen fahre, durch den Landkreis, dass ich weiß, wie die Bevölkerung unterstützt werden kann.
JULIA ROTHERBL
Wie sieht denn so dein Arbeitsalltag aus? Also was sind so deine Aufgaben? Wie muss man sich das vorstellen?
DR. SOPHIE RUHRMANN
Tatsächlich ist mein Arbeitsalltag eben doch, beginnt doch sehr oft im Büro. Ich hab die Freiheit, mir meine Arbeitsaufgaben zu strukturieren und zu priorisieren. Das heißt, die erste halbe Stunde, Stunde im Büro beschäftige ich mich damit, die Aufgaben des Tages zu priorisieren und die ersten unbedingt dringlich erforderlichen Antworten auf den Weg zu bringen. Das heißt, ich hab meist den Vormittag gut gefüllt dann mit Rücksprachen, mit Partnern, Schnittstellen, mit denen man sich austauschen muss.
JULIA ROTHERBL
Was sind denn da so Fragen? Kannst Du uns ein, zwei Beispiele nennen?
DR. SOPHIE RUHRMANN
Also häufig sone standardmäßige Rücksprache jetzt mit verschiedenen Sachgebieten, das sind die verschiedenen Themenbereiche bei mir im Amt, zum Beispiel im Kinderjugendärztlichen Dienst. Da ist 'n ganz, ganz wichtiger Bereich dieses Kinderjugendärztlichen Dienstes sind die Schuleingangsuntersuchungen. Jedes Kind, das eingeschult wird, kommt zum Gesundheitsamt und durchläuft dann ein standardisiertes Verfahren, wonach man dann ein Attest abgeben kann, welche Fördermöglichkeiten eventuell noch gebraucht werden oder auch sinnvoll sind, also die Beratung der Eltern dann.
Und das ist 'n ganz, ganz großer Teil, aber nicht der alleinige Teil. Wir haben auch noch andere Aufgaben, zum Beispiel Gutachten für Schulabsentismus, Integrationskinder. Das sind so kleine Seitenbereiche, die auch sehr wichtig sind. Und wenn jetzt im Kinderjugendärztlichen Dienst bei uns jemand erkrankt, wird dann drüber gesprochen und abgestimmt, was ist möglich und was ist jetzt tatsächlich das Wichtigste, zu erfüllen und was eher weniger.
JULIA ROTHERBL
Okay. Und dann geht dein Tag wie weiter?
DR. SOPHIE RUHRMANN
Dann ist es ist so, an den Nachmittagen hab ich oft Termine, die Einzeltermine sind, Fortbildungen, Treffen mit anderen Ämtern, den Austausch mit Amtskollegen in Mittelhessen, teilweise auch bundesweit, Austausch mit den Einzel-, also so Einzelaustausche mit verschiedenen politischen Gremien. Eine wichtige Rolle meiner Position als Amtsleitung ist auch die Politikberatung.
Jetzt ist es leider so, dass die politischen Gremien im Kommunalbereich häufig ehrenamtlich besetzt sind. Das heißt, dass dort die Treffen auch an den Abenden stattfinden. Und dann ist es tatsächlich so, wenn dann tatsächlich der fachliche Input erforderlich ist, dass ich dann auch mal, das ist Gott sei Dank sehr selten, aber auch mal abends in einem politischen Gremium dann als Hintergrund da sitze, um meine jeweilige Kompetenz dann da anzubringen und zu beraten.
JULIA ROTHERBL
Okay, aber grundsätzlich mal abgesehen von dem, was Du jetzt grad erzählt hast, ist es ein Bereich, der gut mit Familie vereinbar ist?
DR. SOPHIE RUHRMANN
Also ein ganz, ganz großer Vorteil dieser Position ist, dass ich mir meine Termine und Aufgaben selber strukturieren kann. Es gibt ganz, ganz wenige Termine, die vorgegeben sind, was ich mir nicht aussuchen kann. Aber ich kann mir meine Rücksprachen und auch die Arbeit, die ich erledige, die Strukturentwürfe, die Konzeptentwürfe, was ich erarbeite, das kann ich mir frei so einteilen, wie ich das brauche und wie es für mich passt.
Oft sind grade wenige Minuten total vorteilhaft. Ich weiß nicht, ob das anderen Familien auch so geht, aber ich hab eine kleine Tochter, die ist jetzt 5 Jahre alt. Wenn ich die in den Kindergarten bringe, dann macht's 'n ganz, ganz, ganz großen Unterschied, ob ich da morgens mit Zeitdruck stehe. Und dann fängt die an zu weinen und dann sag ich, „Nee, ich muss jetzt aber los und ich muss wirklich zur Arbeit.“ Und 'n Schichtdienst im Krankenhaus ist ja so, dass man da schon auf die Minute guckt, wann man da wirklich auf der Station ist. Und jetzt ist es so, dass wenn ich dann halt sage so, „Oh, heute ist sie schlecht drauf und heute dauert das Ganze, die Verabschiedung einfach mal 5 Minuten länger“. Das heißt, ich hab viel weniger solche Situationen, weil die einfach genau merkt, ich bin da, ich bin ruhig, ich bin entspannt, es ist alles gut. Und dann sind solche, solche Situationen halt viel, viel leichter dann auch für sie handelbar.
JULIA ROTHERBL
Also wie ich das vorher verstanden habe, ist das Thema Vereinbarkeit für dich einer der wichtigsten Punkte gewesen, quasi aus der Klinik auszusteigen und in den Gesundheitsdienst einzusteigen, richtig?
DR. SOPHIE RUHRMANN
Ganz genau. Diese Vereinbarkeit von Familie und Beruf war für mich der treibende Grund, tatsächlich aus der Klinik wegzugehen. Ist für mich jetzt in meinem Alltag auch 'n ganz, ganz wichtiger Punkt, dass ich mich hier so wohlfühle, ist aber tatsächlich, wie ich merken musste, nicht der Hauptgrund, dann hierzubleiben. Also ich hab hier eine Arbeit gefunden, in der ich sehr erfüllt bin. Das heißt, wenn meine Kinder werden älter und werden auch irgendwann mich nicht mehr morgens im Kindergarten brauchen. Und ich hab aber jetzt hier eine Arbeit gefunden, die mich sehr erfüllt, dass wenn ich diesen Luxus der wirklich realen Gleitzeit, wenn ich den nicht mehr unbedingt brauche und der für mein Familienleben nicht mehr entscheidend ist, werd ich trotzdem hierbleiben, weil die Arbeit an sich eben auch mir genau die Erfüllung bietet, die ich in der Klinik zwar nie vermisst hab, weil ich's nicht wusste, dass es so sein wird, aber die ich in der Klinik auch, glaub ich, nicht mehr finden werde.
JULIA ROTHERBL
Du bist ja auch Vorsitzende des Bundesverbandes. Würdest Du denn sagen, dass dieser Beruf generell gut mit Familie vereinbar ist oder hängt es schon auch dann immer individuell mit der Kommune, dem Kreis, der Stadt zusammen, wo man eben arbeitet?
DR. SOPHIE RUHRMANN
Also die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist sicherlich im öffentlichen Gesundheitsdienst deutlich besser abzubilden und einfacher abzubilden als gerade im OP-Dienst, aber auch im Schichtdienst in der Klinik.
JULIA ROTHERBL
Du hattest ja jetzt deinen Berufsalltag geschildert und mein Eindruck ist, dass Du tatsächlich viel am Schreibtisch sitzt. War das nicht eine große Umstellung vom Alltag auf 'ner Intensivstation hin zu einem überwiegend am Schreibtisch stattfindenden Job?
DR. SOPHIE RUHRMANN
Tatsächlich gibt's da eine Umstellung. Das ist aber auch wieder eine Frage des Umsetzens. Also zum einen kann ich sagen, diesen ganz typischen Alltag, den ich geschildert hab, der wird sehr, sehr häufig durchbrochen durch Ausnahmen. Ich muss zu Workshops, ich muss zu Begehungen, ich muss tatsächlich bei Gutachten unterstützen. Nichtsdestotrotz ist da natürlich sehr viel Zeit am Schreibtisch mit dabei. Dann kann ich vielleicht, an der Stelle kann ich auch sagen – das Allererste, was ich hier in meinem Büro bekommen habe, wo ich gesagt hab, das geht nicht ohne, ist das Headset, weil es mir wirklich sehr schwerfällt, sitzen zu bleiben und an einer Stelle irgendetwas zu tun, weil diese Bewegung, ich hab das mal mit soner Sportuhr in der Klinik gemessen, so an 'nem ganz normalen Klinikstag hatt ich so 7 bis 10 Kilometer am Tag alleine auf der Arbeit irgendwie. Diese 7 bis 10 Kilometer von jetzt auf gleich einfach auszustellen, das war natürlich sehr, sehr schwierig.
JULIA ROTHERBL
Ich weiß, dass Du bis vor Kurzem auch bei der Freiwilligen Feuerwehr warst und dass Du jetzt auch weiterhin nebenberuflich Rettungssanitäterin bist. Ist das die Portion „Action“, die Du dir als Ausgleich zu dieser Arbeit quasi ermöglichst?
DR. SOPHIE RUHRMANN
Ich glaub, dass jeder von uns so seinen Ausgleich im Privaten auch immer sucht. Tatsächlich hab ich direkt nach meiner Schulzeit, nach dem Abitur hat ich gar nicht vorgehabt, Medizin zu studieren, sondern hab gesagt, so, eigentlich möcht ich was ganz anderes machen. Meine Mutter war Ärztin, deswegen kam Medizin für mich eigentlich erst mal gar nicht infrage.
JULIA ROTHERBL
Oh, normalerweise ist es umgekehrt, dass Leute, die sagen, meine Mutter oder mein Vater ist Ärztin oder Arzt und deswegen hab ich Medizin studiert. Warum wolltest Du's deswegen nicht machen?
DR. SOPHIE RUHRMANN
Ich hab die schwierige Vereinbarkeit von Familie und Beruf als Ärztin in der Niederlassung gesehen und hab dann gesagt, so, das ist ganz schwierig, das möcht ich eigentlich nicht. Und bin dann in ein freiwilliges Soziales Jahr gegangen und das war damals sehr einfach, dann in den Rettungsdienst da reinzukommen. Und hab dann dort im Rettungsdienst angefangen und hab dadurch den Zugang zur Medizin gefunden. Also wenn ich das, wenn ich Rettungsdienst nicht gemacht hätte, dann hätte ich keine Medizin studiert. Deswegen war auch nachher der Weg in die Anästhesie, war, glaub ich, sehr leicht und sehr naheliegend.
Und das möcht ich mir auch weiter erhalten. Das ist für mich 'n ganz, ganz wichtiger Teil meiner Medizin, diese Akut-Versorgung. Aber das widerspricht sich in meinen Augen gar nicht, denn ich möcht immer, dass mein Handeln und meine Arbeit, dass ich da auch die Auswirkung sehe, dass ich 'n Effekt sehe. Und das sehe ich in der Akutmedizin sehe ich das unmittelbar. Dem Patienten geht es schlecht. Ich geb 'n Medikament, ich spritze was, ich mach irgendeine Handlung und danach geht's ihm dann hoffentlich besser. Wenn ich falsch handele, geht's ihm nicht besser. Das ist 'n unmittelbarer Effekt, den ich sehe. Und jetzt bei mir im öffentlichen Gesundheitsdienst sind es halt so die großen Effekte, dass ich halt auch wirklich Einfluss hab auf, ich weiß nicht, der Landkreis Gießen hat 265.000 Einwohner. Das heißt, ich bin verantwortlich für die Gesundheit von 265.000 Menschen.
Und was ich auf den Weg bringe, hat nachher einen Einfluss auf das Leben von all diesen Menschen. Das heißt, dieser Effekt, was aus meiner Arbeit wird und was ich erreichen kann, das ist für mich ganz, ganz wichtig.
KAPITEL – Voraussetzungen für die Arbeit im ÖGD
JULIA ROTHERBL
Was muss man denn eigentlich für Voraussetzungen mitbringen, um im Gesundheitsamt arbeiten zu können? Also fangen wir mal bei den fachlichen Qualifikationen an. Ich weiß, dass Du momentan noch einen zweiten Facharzt dir drauf schaffen musst. Das ist, glaub ich, eine Voraussetzung, richtig?
DR. SOPHIE RUHRMANN
Tatsächlich ist es so, dass man, um im Gesundheitsamt selbst arbeiten zu können, gibt's ganz, ganz viele unterschiedliche Disziplinen, die hier bei uns tätig sind. In Hessen, also das ist eine Landesgesetzgebung, das heißt, ich kann jetzt nur für Hessen sprechen, nicht für die ganze Bundesrepublik. In Hessen ist es so, dass man als Amtsleitung den Facharzt haben muss, Facharzt für öffentliches Gesundheitswesen. Und dieser Facharzt, der hat eine Weiterbildungsordnung, es gibt sone Musterweiterbildungsordnung der Bundesärztekammer, die dann aber von den Landesärztekammern übernommen wurde.
Und dort ist dann genau geregelt, welche Weiterbildungsabschnitte, was geleistet werden muss, bevor man dann die Prüfung machen kann, um auch diesen Facharztstitel dann zu bekommen. Und da, das ist ebenso breit tatsächlich wie eben auch die Arbeit im Öffentlichen Gesundheitsdienst. Also man hat 'n halbes Jahr in der Psychiatrie, man braucht 2 Jahre in der unmittelbaren Patientenversorgung. Die Zeit wurde mir jetzt zum Beispiel persönlich, konnte mir erlassen werden, weil ich ja vorher 10 Jahre in der unmittelbaren Patientenversorgung gearbeitet hab.
Dann muss man aber auch noch mal in den tatsächlich auch in 'nem Gesundheitsamt gearbeitet haben, mit einer Weiterbildungsermächtigten. Also es muss jemand geben, der die Ermächtigung hat, weiterzubilden, in dem Bereich. Und dann muss man noch mal 6 Monate Seminarweiterbildung machen. Das ist bei uns an der Akademie für öffentliches Gesundheitswesen, das ist wie Schule, wo man theoretische Inhalte vermittelt bekommt.
JULIA ROTHERBL
Bekommt man, wenn Du sagst, das ist jetzt für die Leitungsebene gedacht, bekommt man dann quasi auch, was weiß ich, Teammanagement, also klassische Führungsaufgaben, ist das dann auch ein Teil?
DR. SOPHIE RUHRMANN
Tatsächlich ist in der theoretischen Weiterbildung, es sind auch solche Teamstrukturen und so weiter sind drinne. Es ist 'n ganz, ganz breites, also viele Sachen, mit denen man vorher nichts zu tun hat. Es gibt 'n großes Modul für Rechtsgrundlagen, für Kommunikation und dann aber auch für die einzelnen Bereiche, die man nachher im Amt tatsächlich mit verantwortet. Also es gibt 'n Bereich, 'n Seminar für Hygiene, für Prävention, für Begutachtung, für Sozialpsychiatrie, für Sozialmedizin. Also die ganzen Bereiche werden einzeln abgedeckt und dann aber auch 'n Teil eben für Kommunikation und Führungsaufgaben.
JULIA ROTHERBL
Okay. Genau, also das wäre quasi so die fachliche Ebene, aber wenn Du jetzt sagst, also wenn wir jetzt mal davon ausgehen, was braucht man vielleicht auch als Persönlichkeit, um daran Spaß zu haben? Also Du hattest grad gesagt, Du hast schon im Studium gemerkt, dass Du dich gerne mit Zahlen und Statistiken auseinandersetzt. Das ist wahrscheinlich was, was man mitbringen sollte, weil man nicht drum rumkommt, oder?
DR. SOPHIE RUHRMANN
Ich glaub, was man mitbringen muss, ist 'n grundsätzliches Verständnis dafür, wie so große Systeme funktionieren. Also im öffentlichen Gesundheitsdienst geht es im seltensten Fall tatsächlich um Individualmedizin. Wir haben mit einzelnen Menschen zu tun, wir haben auch einzelne Patienten, also wir machen Begutachtungen, jetzt sowohl im kinderjugendärztlichen Dienst als auch im amtsärztlichen Dienst, für einzelne Menschen. Aber wir haben in erster Linie eben die gesamte Bevölkerung vor uns. Und diese große Gruppe, die muss man in seinem Kopf irgendwie abbilden können, den Kopf so frei haben, dass man tatsächlich auch für so große Gruppen denkt.
Ich möchte, Prävention ist 'n ganz tolles Beispiel. Man sagt, ich möchte Menschen weiterbilden zu gesundheitsförderndem Verhalten, jetzt mach ich was zur Ernährung, such ich den Kontakt zur Volkshochschule, weil die sich ja mit diesem Thema Bildung, Breitenbildung sehr, sehr gut auskennen. Und dann werd ich plötzlich feststellen, dass ich mit diesem einen einzelnen Ding, Ernährung für die Bevölkerung, irgendwie gesunde Ernährung, nichts erreiche, dass das vergeudete Ressourcen sind, wenn ich dann nicht weiterdenke und überlege so, okay, wen möcht ich denn ansprechen? Warum möcht ich den ansprechen? Wer ist denn besonders gefährdet?
Spreche ich jetzt tatsächlich über die Volkshochschule einfach mal breit an, das wird verpuffen. Sondern ich muss mir überlegen, wo geh ich hin und wie komm ich an die Menschen, die's wirklich brauchen? Man muss auch 'n bisschen Verständnis dafür haben, wie Recht und Ordnung funktioniert. Das klingt jetzt ganz lapidar, weil jeder von uns kennt Recht und Ordnung und jeder von uns hält sich ans Gesetz. Aber die Verwaltungsstrukturen sind so, dass es immer auch einen Weg gibt, wie man etwas erreichen kann.
Und da muss man sich auch dran halten können. Also das, was ich früher immer abgetan hab unter Bürokratie und das will ich ja nicht, ist auf der anderen Seite aber etwas, was mir eine Struktur gibt, wie ich eben auch was erreichen kann. Und ich muss bereit sein, mich eben da drauf einzulassen. Und jetzt bin ich in einer Position in der Amtsleitung, wo man sagen muss, man muss auch bereit sein, tatsächlich Menschen zu führen, also diese Leitung auch durchzuführen. In der sonstigen Medizin ist es häufig so, oder hab ich häufig erlebt, dass Leitungsfunktionen durch Menschen besetzt werden, die 'n ganz hohes fachliches Know-how haben. Die Chefärzte, die wurden da drauf geprüft, ob die gut wissenschaftlich publizieren können, wie viel die schon publiziert haben, ob die, ich hab Situationen, nicht gesehen, aber mir wurden von Situationen berichtet, wo dann Chefärzte irgendwie möglichst irgendwelche invasiven Maßnahmen gut durchführen konnten, wo man gesehen hat, okay, der kann eine Lunge transplantieren, dann kriegt der Pluspunkte, der andere kann keine Lunge transplantieren, also kriegt der da keine Pluspunkte.
Und ich glaube, dass wenn man in soner Position arbeitet, dass eben auch die Fähigkeit, andere Menschen zu führen, zu leiten und auch voranzubringen, dass das eben auch ganz, ganz wichtig ist.
JULIA ROTHERBL
Wie groß ist denn dein, also wie viel Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hast Du? Wie viel Menschen führst Du?
DR. SOPHIE RUHRMANN
Wir haben im Moment haben wir knapp 80 Nasen. An der Stelle, glaub ich, ist auch ganz, ganz wichtig eben von den Nasen zu sprechen und nicht unbedingt von den Vollzeitstellen. Also wenn wir bei uns über die Haushaltsplanung gehen, dann sprechen wir immer von Vollzeitäquivalenten, was natürlich nachher für die Personalkosten irgendwie ganz, ganz wichtig ist. Aber für mich im Alltag ist es viel wichtiger zu wissen, okay, das sind wie viel Menschen stehen da? Auf wie viel verschiedene Persönlichkeiten muss ich mich da einlassen?
JULIA ROTHERBL
Du hast jetzt grade das Stichwort Prävention gesagt. Also Du hast jetzt ja, das ist mir vorher, als ich über das Thema nachgedacht hab, noch gar nicht so klar gewesen. Du hast jetzt vor allem mit gesunden Menschen zu tun, oder? Und vorher hattest Du mit sehr kranken Menschen zu tun. Oder Du warst für sie irgendwie verantwortlich, so, um es besser zu formulieren.
DR. SOPHIE RUHRMANN
Also im Großen und Ganzen, in dem Individualkontakt sind's häufig die gesunden Menschen, aber in der Verantwortung ist es quasi auch es ist das gesamte System. Also im Landkreis Gießen gibt's zum Beispiel 5 Krankenhäuser. Und für diese 5 Krankenhäuser, die gehören genauso zu meinem Aufgabenbereich, in Teilen. Also da gibt's jetzt auch wieder eine politische Strukturierung, für welchen Teil der Krankenhäuser im Bereich Hygiene ich zuständig bin. Im Bereich der Rettungsdienste bin ich natürlich nicht zuständig, aber diese 5 Krankenhäuser gehören zu meinem Aufgabenbereich, die Altenheime gehören zu meinem Aufgabenbereich, aber auch die Kindergärten, wo ich jetzt mitm Großteil wieder mit Gesunden zu tun hab. In dem Bereich Krankenhäuser hab ich mit 'nem Großteil kranker Menschen zu tun. Ist wirklich sehr, sehr weit das Feld.
JULIA ROTHERBL
Wie politisch ist eigentlich deine Arbeit?
DR. SOPHIE RUHRMANN
Tatsächlich ist meine Arbeit nicht politisch selbst. Also ich bin ein nichtpolitisches Amt, ich bin nicht gewählt, ich bin angestellt. Aber die Politikberatung gehört mit dazu. Und diese kann man jetzt so auslegen, wie man das möchte. Ich hab Kollegen oder ich kenne Kollegen, die sagen, ich mach hier meine fachliche Arbeit. Und die Politikberatung, denen antworte ich dann auf verschiedene Anfragen mit ja oder nein. Das ist auch beratend. Und ich hab Kolleginnen und Kollegen, die sagen, ich arbeite die Informationen, die ich habe, die arbeite ich so auf, dass sie eben auch für den politisch Verantwortlichen gut verständlich sind. Und ich versuche auch meine Anliegen quasi dann auch so, das, was ich sehe, was wichtig ist für die Bevölkerung, versuch ich dann so anzubringen, dass es eben auch verstanden werden kann und dann halt auch politisch verantwortet werden kann.
Das ist 'n ganz, ganz großer Spielraum. Ich selbst muss politische Entscheidungen aber auch nicht verantworten, deswegen ist es ganz gut, dass ich die auch nicht treffen muss. Das muss schon immer zusammenpassen.
JULIA ROTHERBL
Genau, aber wenn jetzt zum Beispiel, stellen wir uns mal vor, es wäre irgendwann jemand, sagen wir mal, von einer Partei an der Macht, die, wie's jetzt in den USA auch passiert, sich komplett gegen Impfungen stellt und quasi den Sinn von Impfungen hinterfragt. Ist das dann ein Punkt, wo man sich als Ärztin tatsächlich überlegen würde oder Du dir überlegen würdest, ob Du dann da noch arbeiten willst, weil du die politischen Entscheidungen oder die politischen Empfehlungen, die nach außen getragen werden, wahrscheinlich da nicht mitgehen würdest.
DR. SOPHIE RUHRMANN
Tatsächlich arbeite ich im Öffentlichen Gesundheitsdienst und meine Fachaufsicht ist, also die mich ärztlich beaufsichtigen, meine ärztlichen Tätigkeit ist nicht die kommunale politische Ebene, sondern die ärztlichen Entscheidungen, die ich treffe, da brauch ich auch eine ärztliche Aufsicht. Das ist, kein, also auch eine Landrätin dürfte mir jetzt nicht sagen, wie ich eine bestimmte Maßnahme, eine ärztliche Maßnahme durchzuführen hab oder nicht. Sondern das darf nur 'n anderer Arzt. Das wäre bei uns wär's dann im Landesamt quasi die vorgeschaltete Instanz. Nichtsdestotrotz kann man natürlich auch über politische Rahmenbedingungen einem die Arbeit sehr erschweren.
JULIA ROTHERBL
Auch wenn Du sagst, Du arbeitest nicht politisch, aber man ist ja dann in diesen Gremien und so weiter doch umgeben von Menschen, die ehrenamtlich oder hauptamtlich politisch arbeiten. Und wenn man sich jetzt da so die Frauen- und Männeranteile in Deutschland anschaut, grade in der Kommunalpolitik, ist es ja schon ein sehr männlich geprägter Bereich. Wie sind da deine Erfahrungen? Kann man sich da also als Frau gut Gehör verschaffen oder stößt man da auch tatsächlich an Macht- und Netzwerkstrukturen, die sone Art gläserne Decke, wie man's so schön sagt, bilden?
DR. SOPHIE RUHRMANN
Also es gibt sicherlich Strukturen und Netzwerke, die wichtig sind und die unter Umständen auch die Möglichkeiten zur Einflussnahme dann für Einzelpersonen reduzieren. Was aber, was wirklich von Vorteil ist, dass ist, dass im politischen Bereich jeder Mensch, der politisch aktiv ist, ob Frau oder Mann, gewöhnt ist, eine gewisse Diskussionskultur zu leben.
Ich hab jetzt als direkten Vergleich hab ich halt ausm Arbeitsleben nur die Klinik und da sind hab ich viel hierarchischere Strukturen kennengelernt, als es jetzt nachher in der Politik gelebt wird. Das heißt, natürlich muss ich mich auf verschiedene Strukturen muss ich mich einlassen können. Also ich kann nicht, ich kann mich jetzt nicht hinstellen und sagen, ich will aber, damit komm ich nicht durch. Damit bin ich als Kind im Kindergarten nicht durchgekommen. Während des Studiums hat das nix gebracht und das bringt jetzt auch in dieser Position nichts, sondern ich muss mich darauf einlassen, verschiedene Kommunikationskulturen auch wertzuschätzen. Das heißt, wenn ich etwas voranbringen möchte, dann muss ich etwas in den Ring werfen, was meine Argumente bestärkt. Ich muss meine Argumente und Ziele klar formulieren und muss auch Konzepte da hinten dran stellen, die meine Position bestärken. Und an der Stelle glaube ich, ist es tatsächlich jetzt in dem Bereich einfacher als Frau, als es in anderen Systemen ist, die vielleicht noch deutlich hierarchischer und weniger auf Diskussion und Austausch irgendwie begründet sind.
JULIA ROTHERBL
Du hast ja jetzt sozusagen die Seiten gewechselt. Also Du warst im Krankenhaus, grad auch während der Coronaphase, wo man dann eben auch mit den Gesundheitsämtern entsprechend viele Kontaktpunkte hatte. Jetzt bist Du im öffentlichen Gesundheitsdienst und was hat dieser Perspektivwechsel quasi für dich an Aha-Effekten gebracht?
DR. SOPHIE RUHRMANN
In der Klinik war es für mich enorm schwer, zu tolerieren, wenn sich dann verschiedene Rahmenbedingungen dann derart kurzfristig geändert haben. Also da gab's ja Situationen einfach, wo verschiedene Restriktionen aus der Pandemie irgendwie teilweise an der Kreisgrenze und wenn nicht, dann zumindest an der Grenze des Bundeslandes sich plötzlich geändert haben. Oder wenn ich aus der Presse etwas gelesen habe, was jetzt an neuen Vorgaben irgendwie stattfinden sollte. Aber dann hat man beim Gesundheitsamt angerufen und die haben gesagt so, „Oh nee, davon haben wir noch gar nichts gehört“.
Und das hat für mich immer den Eindruck gemacht so, das warum, warum machen die das so kompliziert? Und jetzt auf kommunaler Ebene im Gesundheitsamt hab ich dafür sehr, sehr viel Verständnis entwickelt, weil Gesundheit ist Ländersache. Das heißt, jedes Bundesland hat seine eigene Gesetzgebung im Bereich Gesundheit und die werden sicherlich aus den gleichen Zielen und Inhalten irgendwie gespeist. Aber die Entscheidung ist halt von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich. Und wenn das dann Entscheidungen sind, die vielleicht nicht ganz, ganz eindeutig sind, aber es muss eine Entscheidung getroffen werden, dann kann es halt eben sein, dass sie in einem Bundesland anders getroffen wird, als es in 'nem anderen Bundesland geschieht.
Die Weitergabe dieser Gesetzgebung und Informationen ist eben nicht dem Gesundheitsamt anzulasten, sondern das ist halt einfach eine Problematik des Föderalismus oder eine Herausforderung des Föderalismus. 'N ganz großer Unterschied, den ich wahrgenommen hab, ist, dass es häufig, oder was ich gelernt hab, dass es immer Wege gibt, Veränderungen auf den Weg zu bringen, und es keinen Sinn macht, nicht gute Entwicklungen einfach so hinzunehmen. Also in der Klinik hatt ich das ganz oft, dass man frustriert war, dass man sagt, oh, es ist halt so. Ich kann's jetzt nicht ändern. Ich seh, dass das nicht gut ist, aber es ist halt so, das ist nicht meine Baustelle. Ich kann da nichts dran ändern. Und das ist was, was ich vielleicht ganz gerne in meiner Zeit in der Klinik auch schon gewusst hätte, das hab ich jetzt erst im ÖGD gelernt, dass es immer einen Weg gibt, auch Sachen zu ändern. Es bringt nur nichts, dann alleine in der Einzelsituation irgendwas auf Gewalt ändern zu wollen, sondern man muss sich das System anschauen, man muss schauen, wie funktioniert das und dann, an welcher Stelle kann ich da Einfluss nehmen?
JULIA ROTHERBL
Du hast es vorher schon angedeutet, ich würde es trotzdem gern fragen, ob das tatsächlich jetzt für dich ein Arbeitsbereich ist, ein Tätigkeitsfeld, in dem Du dich auch noch siehst, wenn die Kinder vielleicht größer sind und Du dann mehr Möglichkeit, mehr Freiräume hättest quasi auch für deine Karrieregestaltung. Also spielst Du mit dem Gedanken, irgendwann auch wieder in die Klinik zurückzugehen?
DR. SOPHIE RUHRMANN
Ich liebe die Arbeit auf der Intensivstation und das wird auch immer so bleiben. Aber ich seh für mich keinen Weg zurück, weil die, ich kann mir keinen Weg vorstellen, die Rahmenbedingungen in der Klinik so zu verändern, dass das tatsächlich in meinem jetzigen Entwicklungsstatus noch zu mir passt, gar nicht so sehr nur von der Vereinbarkeit mit Familie und Beruf, sondern die Struktur, diese Tretmühle, dieses Abarbeiten, was da kommt und diese gemachte Hilflosigkeit, in Systemen zu arbeiten, die man vermeintlich nicht ändern kann. Also da werd ich keinen Weg mehr hin zurückfinden. Nichtsdestotrotz ist es so, dass ich auch noch viele Kontakte habe zu Kollegen aus der Klinikszeit. Und ich erinnere mich sehr, sehr gerne zurück an die Arbeit auf der Station und das war 'n tolles Team und das war eine tolle Zeit.
Und ich würde das auch niemals irgendwie missen wollen. Also es war kein Fehler, diese 10 Jahre in der Klinik. Das hat mich persönlich sehr viel weitergebracht und das hat auch sehr viel Spaß gemacht.
JULIA ROTHERBL
Also Du glaubst auch tatsächlich, dass der Gestaltungsspielraum, den Du jetzt hast, dass sich der auch nicht quasi widerspiegeln ließe oder ähnlich ausgestalten ließe, wenn Du zum Beispiel in der Klinik eine höhere Position einnehmen würdest als Du sie vorher, also, keine Ahnung, Klinikdirektorin oder … Also der Gestaltungsspielraum ist deiner Meinung nach schon in den Kliniken sehr viel kleiner als jetzt im öffentlichen Gesundheitsdienst?
DR. SOPHIE RUHRMANN
Tatsächlich ist ja jetzt meine Position im Gesundheitsamt, wäre ja vergleichbar in der Klinik mit 'ner Chefarztstelle. Tatsächlich ist es so, dass meine Karriereoptionen in der Klinik aber dann auch schon sehr begrenzt waren. Also ich hab dann den Austausch zum Beispiel auch gehabt mit Oberärztinnen und auch mit anderen Kollegen, auch mit Chefärzten, Chefärztinnen, sodass ich da auch feststellen musste, dass die Möglichkeit, mich da weiterzuentwickeln und eben auch dann, also meine, ich war als Funktionsoberärztin dort tätig, und dann wäre für mich der nächste Schritt gewesen, dann tatsächlich auch eine Position als Oberärztin anzunehmen. Und da waren die Hürden schon auch sehr, sehr hoch, wo mir eine Kollegin mal gesagt hat, so, „Du hast 2 Kinder, such mal in der Klinik eine Oberärztin in Teilzeit. Das wird schwierig.“
Und auch, was die Karriere darüber hinaus betrifft, also im Krankenhaus wäre meine Karriere im Bereich einer Chefärztin dann wahrscheinlich auch endlich gewesen. Also ich hätte mit 'ner Professur und irgendwelchen Vorträgen oder Forschungen weltweit hätt ich noch einzelne Sachen erreichen können, mit Gehaltsverhandlungen hätt ich mehr Gehalt erreichen können. Aber tatsächlich einen Arzt, einen klinisch tätigen Arzt über der Chefarztstelle, da fällt mir jetzt grade keine Position ein, auf die ich mich hätte bewerben können.
Im öffentlichen Gesundheitsdienst ist das anders. Das ist was, da sind die Chancen und Möglichkeiten sind schon auch andere, als ich sie in der Klinik je hätte erreichen können. Was nicht heißen soll, dass ich das plane, für mich. Ich hab für mich entschieden, dass ich meine, mein Lebensmittelpunkt und alles ist hier in Gießen und wird auch in Gießen bleiben. Das heißt, ich hab keinen Plan, jetzt irgendwie mich hier noch weiterzuentwickeln. Das ist so mein Ding jetzt hier.
JULIA ROTHERBL
Ist es eigentlich so, dass der öffentliche Gesundheitsdienst ein Nachwuchsproblem hat? Wahrscheinlich schon, weil Fachkräftemangel ist ja mittlerweile überall. Was kannst Du jetzt zum Beispiel in Gießen tun, um da son bisschen Nachwuchs zu fördern oder was sind so Argumente, die Du vorbringst, um Menschen zu motivieren?
DR. SOPHIE RUHRMANN
Dass man eben auch dann die Menschen direkt anspricht. Also eine Stellenausschreibung ist natürlich der formal richtige Weg, aber die Menschen müssen diese Stellenausschreibung ja auch erst mal lesen. Und diese Informationen dann an die Menschen zu bringen, die dann auch eventuell dafür infrage kommen. Also konkret Kollegen anzusprechen oder zu sagen, wir machen die Ausschreibung jetzt nicht nur in dem Portal der Verwaltung oder nicht nur irgendwie in der, ich möcht jetzt mal ganz lapidar sagen, irgendwie hier im Ortsblättchen oder so was, sondern wenn ich Kinderärzte suche, dann mach ich das in der Fachzeitschrift für Kinderärzte.
Also dass man da den richtigen Weg findet und denen dann auch die Hilfestellung gibt, indem man die vorbereitet, wie der Ablauf der Bewerbung sein wird.
Wir haben sehr, sehr gute Erfahrungen da mitgemacht, eben auch die Medizinstudentinnen und Medizinstudenten früh anzusprechen. Wir haben Famulaturen. Einige Gesundheitsämter, wir in Gießen leider noch nicht, aber einige Gesundheitsämter haben auch PJ-Tertiale.
Wir haben Zusammenarbeiten mit den Universitäten, dass Seminare angeboten werden, dass die auch Hospitationen bei uns im Gesundheitsamt dann vermitteln, dass die die Studenten früh zu uns bringen, dass man einen Zugang hat zum öffentlichen Gesundheitsdienst. Und eben nicht nur auf diese Vorurteile, die so in den Köpfen der Bevölkerung irgendwie drin ist, sich nicht nur da drauf verlässt, sondern sich selber ein Bild machen kann.
JULIA ROTHERBL
Und wenn Du jetzt jemanden direkt ansprichst, reagieren dann manche auch so, wie Du reagiert hast? „Nee, das ist ganz sicher nichts für mich“?
DR. SOPHIE RUHRMANN
Ja, natürlich, natürlich. Ich frage aber keinen direkt so, „Sag mal, willst Du nicht in den öffentlichen Gesundheitsdienst?“ Sondern ich hab ja dann ganz, ganz häufig eine konkrete Stelle irgendwie vor Augen, oder eine konkrete Aufgabe. Also zu sagen, „Willst Du nicht ins Gesundheitsamt?“, ist natürlich da, ja, da bedient man natürlich die Vorurteile. Und wenn man den Köpfen dann den Freiraum lässt, sich dann irgendwie zu überlegen, wie das dann aussehen könnte, dann kommen da vielleicht auch einfach Vorstellungen bei raus, die man selber gar nicht so haben möchte. Aber wenn man die Aufgabe beschreibt und dann sagt „So, bei uns gibt's genau diese Aufgabe, könntest Du dir vorstellen, genau diese Aufgabe zu übernehmen und dich da zu engagieren?“, dann ist es oft leichter, als zu sagen, so „Ja, komm doch zum Gesundheitsamt.“
JULIA ROTHERBL
Genau. Und vielleicht ist es ja auch so, dass der ein oder andere jetzt diese Folge hört, oder die ein oder andere, besser gesagt und diesen Fachbereich für sich entdeckt. Wer weiß? Man merkt auf jeden Fall, dass es für dich genau das Richtige ist. Vielen Dank, dass Du uns allen diese Einblicke gewährt hast. Vielen Dank, dass Du unsere Gästin warst.
DR. SOPHIE RUHRMANN
Sehr gerne.
JULIA ROTHERBL
Also ich weiß nicht, wie's euch so geht, aber zumindest bei mir hat sich jetzt das Bild vom Öffentlichen Gesundheitsdienst ein bisschen verändert. Wenn euch noch andere Bereiche einfallen, wo man als Medizinerin oder Mediziner arbeiten kann und wo ihr sagt, darüber weiß ich eigentlich noch gar nicht so viel, dann schreibt uns gerne an redaktion@gesundheithören.de. Die nächste Folge von „Frau Doktor, übernehmen Sie!“ könnt ihr ab dem ersten September hören. Wenn ihr uns abonniert, dann macht es da auch Pling und ihr verpasst die Folge garantiert nicht. Bis dahin einen schönen restlichen Sommer.
SPRECHERIN
Ein Podcast von gesundheit-hören und Apotheken Umschau Pro.
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