Selbständigkeit & Verantwortung – Karriere als Zahnärztin

Shownotes

Eigentlich hat sie Maschinenbau gelernt – dann aber die Zahnmedizin für sich entdeckt. Seit über 20 Jahren ist Carina Hoenig nun Inhaberin ihrer eigenen Praxis in der Leipziger Innenstadt. Welche Unterschiede gibt es zwischen der Zahn- und der Humanmedizin – und welche Berührungspunkte? Darüber spricht sie mit Julia Rotherbl in dieser Folge. Außerdem erzählt sie von ihrem Sprung in die Selbständigkeit, von ihrer Verantwortung als Führungskraft und warum es mit zunehmender Bürokratie vielleicht auch mehr Frauenförderung braucht.


Im Podcast „Frau Doktor, übernehmen Sie!“ erzählen Frauen aus der Medizinbranche, wie sie dort Karriere gemacht haben. Dazu spricht Julia Rotherbl, Chefredakteurin der „Apotheken Umschau“, mit Frauen, die in Führungspositionen arbeiten, die Herausforderungen gemeistert haben oder an ihnen gescheitert sind. Es geht um Themen wie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Sexismus, männliche Netzwerke, mangelnde Vorbilder oder verschiedene Arbeitsmodelle. Das Ziel: Euch zu inspirieren und ermutigen, Euren eigenen Weg zu finden.

An jedem ersten Montag im Monat erscheint eine neue Folge. Habt Ihr Fragen, Anregungen oder Kritik? Dann schreibt uns gerne an redaktion@gesundheit-hoeren.de

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Redaktion: Julia Rotherbl, Kareen Seidler, Constanze Radnoti;

Schnitt und Post-Produktion: Constanze Radnoti, Benedikt Möltner, Yves Seißler;

Chefredakteur: Peter Glück


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Transkript anzeigen

CARINA HOENIG

Meine Tochter damals, glaube ich, 7 oder 8 Jahre, hat gesagt, „Mama, ich mag die Oma sehr, aber ich hätte gern mehr Zeit mit dir.“ 3 Monate später hatte ich eine angestellte Zahnärztin.

JULIA ROTHERBL

Viele Chirurginnen, Gynäkologinnen, Hausärztinnen, eine Augenärztin. Wir hatten hier bei „Frau Doktor, übernehmen Sie!“ schon ganz viele tolle Frauen aus den unterschiedlichsten medizinischen Fachbereichen zu Gast, die uns viele spannende Geschichten erzählt haben, wenn wir noch nicht zu Gast hatten. Eine Zahnärztin. Aber heute ist es soweit. Ich darf sprechen mit Carina Hoenig, die seit 23 Jahren eine Zahnärztinnenpraxis in Leipzig hat.

Wir sprechen über ihre Selbstständigkeit, über die Unterschiede zwischen Zahn- und Humanmedizin und sie verrät uns, warum für sie Bürokratieabbau für die Zahnmedizin Frauenförderung sein könnte. Carina, herzlich willkommen in unserem Podcast. Ich freue mich sehr, dass Du heute da bist.

CARINA HOENIG

Ja, ich freu mich sehr über die Einladung, heute hier was erzählen zu dürfen.

JULIA ROTHERBL

Mein Name ist Julia Rotherbl, ich bin Chefredakteurin der Apotheken Umschau und wünsch euch jetzt viel Spaß beim Zuhören.

SPRECHERIN

Frau Doktor, übernehmen Sie! Ein Podcast von gesundheit-hören und Apotheken Umschau Pro.

KAPITEL – Die eigene Praxis – von den Anfängen bis heute

JULIA ROTHERBL

Carina, Du bist Zahnärztin und Praxisinhaberin, hast 2002 eine Praxis übernommen und ich weiß aus dem Vorgespräch, dass deine Tochter damals 7 Monate alt erst war. Und da kam mir natürlich sofort die Frage in den Sinn, warum ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt? Wie hat sich das ergeben?

CARINA HOENIG

Na ja, das hat sich 'n bisschen unfreiwillig ergeben, weil 2002 – also ich lebe und praktiziere in Leipzig – 2002 war die Möglichkeit als angestellte Zahnärztin in Leipzig zu arbeiten noch nicht besonders hoch. Also die meisten Praxen waren so 10 Jahre selbstständig, der Willen, Mitarbeiter einzustellen und da Arbeit abzugeben, war zu dem Zeitpunkt nicht sehr ausgeprägt. Es war tatsächlich auch schon sehr schwierig, in Leipzig eine Stelle als Ausbildungsassistentin zu finden. Das ist ja der Punkt, den man vorher mindestens 2 Jahre machen muss, für eine Kassenzulassung.

Sodass der Weg in die Selbstständigkeit, ich will jetzt nicht sagen, eine Flucht nach vorn war, das war sowieso mein Ziel, aber zu dem Zeitpunkt war das für mich die beste Variante. Also ich wusste, dass in der Praxis, in der ich bis dahin beschäftigt war, ich nicht weiterarbeiten möchte, aus verschiedenen Gründen. Und da ich dort auch schon sehr selbstständig gearbeitet habe, war das dann eine Option, die ja, die einfach offenstand und die ich dann auch ergriffen habe. Aber auch Praxen zu übernehmen war in der Zeit tatsächlich auch nicht so einfach.

JULIA ROTHERBL

Wie muss ich mir denn da deinen, euren Alltag so vorstellen? Wie hast Du das alles organisiert? Das ist ja, denke ich, gerade am Anfang, wenn man eine Praxis übernimmt, schon noch mal stressiger, als wenn dann quasi das sich etabliert hat und der Alltag irgendwie so läuft.

CARINA HOENIG

Na ja, ich war damals selbst ja noch, ich muss kurz überlegen, knapp 32, also ich bin da sehr unbefangen rangegangen. Ich glaube, dass ich das heute mit 'nem Blick zurück wahrscheinlich 'n bisschen anders angehen würde. Ich hatte 'n Stück weit schon Hilfe, Beratung von 'nem professionellen Unternehmen, die mir geholfen haben, eine Praxis zu suchen, obwohl ich das dann an der Stelle alleine gefunden habe, die aber zumindest die Vertragsgestaltung da mitgeholfen haben, die die Finanzierung, Versicherung, also mich da in diesen ganzen Grundlagen unterstützt haben. Also die Praxis, die ich am Ende gefunden habe, hatte eine Besonderheit, dass der Kollege die Praxis nicht aus Altersgründen abgegeben hat, sondern aus Gründen, dass das für ihn in Leipzig nicht so optimal gelaufen ist, sodass ich eine Praxis übernommen habe, die sehr modern war, sehr neu war von der Einrichtung, aber die Anzahl der Patienten waren sehr wenig. Das war im Hinblick für Verdienst natürlich nicht so optimal, aber in der Vereinbarkeit von Familie mit 'nem kleinen Kind und dieser Selbstständigkeit funktionierte das ganz gut.

Noch dazu hatte ich familiäre Unterstützung. Also meine Tochter ist natürlich, und das ist auch was, was in Leipzig sehr gut ging, die konnte schon in diesem sehr frühen Alter in den Kindergarten gehen und das hat sie haben mir auch 'n Anspruch genommen. Es gibt auch natürlich 'n Vater, der mich da unterstützt hat. Also wir haben das im Familiensystem sehr gut hinbekommen. Also meine Eltern sind tatsächlich zweimal die Woche gekommen, meine Mutter, und haben am Nachmittag, wenn ich die langen Nachmittage hatte, meine Tochter betreut, bis ich von der Arbeit gekommen bin und der Mann war da, sodass wir das im Familienverbund gut gemeistert haben, aber ohne wär's nicht möglich gewesen.

JULIA ROTHERBL

Du hast also am Anfang alleine dort als Zahnärztin gearbeitet.

CARINA HOENIG

Genau.

JULIA ROTHERBL

Das hat sich ja irgendwann geändert?

CARINA HOENIG

Ja, relativ spät erst. Also die ersten, da muss ich jetzt tatsächlich noch mal kurz überlegen, die ersten 6 Jahre habe ich definitiv alleine gearbeitet, wenn nicht sogar 7 Jahre, aber da war das, also man muss sich das auch so vorstellen, das Patientenaufkommen ist dann peu à peu gewachsen, aber das hat schon 5 Jahre gedauert, bis das auch an 'nem Punkt war, wo man auch noch Behandlungen abgeben konnte, wo man auch noch jemanden mit einstellen konnte, der einen unterstützt. Das war sogar, dass ich nicht nur alleine war, ich hatte am Anfang auch nur eine Helferin, später eine Auszubildende, und da wir noch nicht ganz so viel zu tun hatten am Anfang, hat das auch gut funktioniert. Das ging so die ersten 5 Jahre und das hat sich so ganz stetig, ganz langsam haben wir da sehr viel gearbeitet, waren sehr fleißig, waren trotz allem immer da, bis wir da ein, sag ich mal, auch wirtschaftlich erfolgreiches Unternehmen aufgebaut haben, im Team. Das muss man so sagen.

JULIA ROTHERBL

Wie ist deine Praxis heute aufgestellt? Wie viele Angestellte hast Du?

CARINA HOENIG

Also heute habe ich, inklusive Reinigungskraft sind wir jetzt bei 10 Angestellten. Also eine angestellte Zahnärztin, 2 Auszubildende, eine Dentalhygienikerin und Verwaltungsassistentin, genau, sind wir insgesamt 10.

JULIA ROTHERBL

Okay, für all diese Personen ist man ja menschlich und wirtschaftlich verantwortlich. Wie fühlt sich das an? Gut inzwischen oder ist es sehr großer Druck oder war es am Anfang 'n sehr großer Druck, mit dem man umgehen lernt?

CARINA HOENIG

Also es ist 'n Druck, mit dem man umgehen lernt. Der Druck hat sich verändert. Am Anfang war es eher der Druck, also seit 20 Jahren ist das Thema, wo finde ich gutes Personal, was mich fachlich und menschlich gut unterstützt?

JULIA ROTHERBL

Echt seit 20 Jahren schon?

CARINA HOENIG

Also in der Zahnmedizin seit 20 Jahren. Also seit 20 Jahren habe ich das Gefühl, ich bewerbe mich bei den zahnmedizinischen Fachassistentinnen und nicht umgekehrt. Also das muss man in der Zahnmedizin so tatsächlich sagen. Deswegen habe ich auch sehr früh angefangen auszubilden und mir sozusagen Fachkräfte, die auf dem freien Markt nicht zur Verfügung standen, mir selber herangezogen, das is ein blödes Wort eigentlich, hab mir das selber organisiert und das, muss ich sagen, war für unsere Praxis immer 'n sehr gutes Konzept. Also wir haben immer auch sehr motivierte junge Frauen gefunden, die hinterher auch wirklich, wirklich fähige Helferinnen waren.

Also das muss ich sagen, das hat für uns als Praxis richtig gut funktioniert. Wir sind nicht alle geblieben, da haben sich familiär Dinge geändert, da hat's 'n Ortswechsel gegeben, aber einige sind auch geblieben, auch eine ganze Zeit immer noch. Also das das ist 'n schönes Konzept. Das hat sich 'n bisschen gewandelt jetzt auch mit dem gesellschaftlichen Wandel, wo für mich der Druck inzwischen ein anderer ist. Man hat son bisschen das Gefühl, man ist verantwortlich, alle glücklich zu machen, als Chefin.

Also auch aus diesem Druck, es gibt unter Umständen nicht genügend Arbeitskräfte, natürlich ist auch sind die finanziellen Anforderungen an Arbeitgeber inzwischen berechtigterweise andere, aber auch so, man ist für sehr viel Wohlfühlen verantwortlich und das geht 'n bisschen auch über das, dass man ein guter Arbeitgeber ist, stellenweise hinaus. Wo man für sich, das ist grad so meine Aufgabe, auch mal eine Grenze erkennen muss von, was kann ich überhaupt leisten an der Stelle und was kann ich nicht leisten?

JULIA ROTHERBL

Kannst Du 'n Beispiel nennen? Also was machst Du nur damit – „nur“ ist jetzt auch, aber Du weißt, was ich mein – also damit die Leute sich wohlfühlen?

CARINA HOENIG

Das ganz Normale finde ich, 'n gutes Gehalt, regelmäßige Arbeitszeiten, Arbeitszeiterfassung, dass die Überstunden entweder abgeleistet oder vergütet werden, eine Rentenabsicherung zusätzlich zum Gehalt, das finde ich so Dinge, die sind wichtig. Natürlich auch eine gute Urlaubsregelung, eine gute Urlaubsplanung. Aber es gibt inzwischen Praxen, die stellen Sportstunden, Yogalehrer, Physiotherapie und diese Dinge zur Verfügung. Das ist schön.

JULIA ROTHERBL

Okay.

CARINA HOENIG

Also es ist toll, aber das macht, wenn es im Team nicht funktioniert, macht die Leute auch nicht glücklicher. Man ist ja schnell dabei, dieses Grundthema der Überforderung nur auf die Arbeit zu projizieren. Ich bin überfordert, weil da ganz oft das Telefon klingelt. Ich bin überfordert, weil ganz viele Patienten in der Tür stehen. Ich bin überfordert, weil Patienten auch mit Schmerzen in der Tür stehen.

Das sind Dinge, die gehören einfach zu diesem Beruf dazu. Und manchmal kommt eine Überforderung bei den Mitarbeitern noch zusätzlich dazu, weil da sind natürlich die ganz normalen Lebensängste von – meine Miete wird immer höher, ich möcht gern umziehen, ich finde keine Wohnung. Mit meinem Partner klappt es grad nicht so gut. Und das zu trennen und zu sagen, ich kann es euch hier schön machen, ich kann's euch kuschelig machen, wir können über ganz viel reden, aber ich kann nicht alles für euch lösen und ich bin nicht für jedes Wohlfühlen zuständig. Also das ist manchmal eine schwierige Grenze, finde ich.

Da empfinde ich, ja, das ist auch in den letzten 6 Monaten son bisschen mein Thema geworden. Wofür bin ich verantwortlich? Was kann ich lösen? Was kann ich nicht lösen? Und im Zweifelsfall auch mal einen Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin gehen zu lassen, weil man im Arbeitsumfeld es nicht lösen kann.

JULIA ROTHERBL

Aber ist es nicht grundsätzlich so, dass wenn man son Medizinstudium absolviert und dann, egal ob Human- oder Zahnmedizin, und dann eine Praxis aufmacht, dass man eigentlich so was wie Mitarbeiter*innenführungen oder Buchhaltung oder so was, darauf wird man doch eigentlich gar nicht vorbereitet.

CARINA HOENIG

Man wird komplett nicht vorbereitet darauf. Also ich habe vor 30 Jahren fast in Berlin studiert. Man kriegt eine sehr gute Ausbildung, was tue ich am Zahn, was tue ich am Patienten. Aber ich bin nicht vorbereitet worden, auch auf psychologische Aspekte des Zahnmedizinstudiums, auf Mitarbeiterführung, auch dass man ein kleines Unternehmen führt, am Ende. Da gab es null Vorbereitung.

Gerade in der Zahnmedizin ist ja der Weg für, sag ich mal, 80 bis 90 Prozent der Zahnmedizinstudenten in die Selbstständigkeit, also was ja wirklich ein wichtiger Teil des Ganzen wäre.

JULIA ROTHERBL

Du hast vorher schon erzählt, dass Du dir dann bei der Suche nach einer Praxis Hilfe geholt hast. Bei den anderen Dingen, hast Du irgendwie Kurse belegt, warst Learning by Doing?

CARINA HOENIG

Beides. Also es war, ich hab 'n paar Kurse belegt, ich hab noch mal zusätzlich Abrechnungskurse belegt, Mitarbeiterführungskurse, aber vor allen Dingen war es ganz viel Learning by Doing, das muss man tatsächlich so sagen.

JULIA ROTHERBL

Wann kam denn für dich der Punkt, dass Du gesagt hast, jetzt stelle ich tatsächlich noch eine Ärztin oder einen Arzt an?

CARINA HOENIG

Meine Tochter damals, glaube ich, 7 oder 8 Jahre, hat gesagt, „Mama, ich mag die Oma sehr, aber ich hätte gern mehr Zeit mit dir.“

JULIA ROTHERBL

Oh. Okay. Mhm. Der dürfte gesessen haben, der Satz. Ich habe auch eine Tochter.

CARINA HOENIG

Der hat total gesessen. 3 Monate später hatte ich eine angestellte Zahnärztin.

JULIA ROTHERBL

Okay und die Tochter hat dich dann öfter gesehen?

CARINA HOENIG

Ja, ich glaube, sie hat mich auch so nicht so selten, aber ja, ja, tatsächlich. Also es gab 2 Punkte. Der Satz meiner Tochter und eine Mitarbeiterin damals hat zu mir gesagt, ich hab ja damals die ganzen Praxiszeiten, also 3 lange Nachmittage, 5 Vormittage auch komplett alleine abgedeckt und eine Mitarbeiterin hat dann zu mir gesagt, „ich streiche jetzt mal einen Vormittag aus, in dem ich keine Patienten bestelle“. Also ich glaube, mein Umfeld hat son bisschen den Punkt, „es ist jetzt ganz schön viel“ eher erkannt als ich, ja.

Aber es hat sich sehr gut angefühlt, dann Hilfe zu haben.

KAPITEL – Menschen & Technik, Bürokratie & Verantwortung

JULIA ROTHERBL

Du hast vorher jetzt grade schon erzählt, dass man als Zahnärztin oder Zahnarzt diese Assistenzzeit machen muss, bevor man eine eigene Praxis gründen darf. Wie war diese Zeit für dich und was würdest Du sagen, machst Du in deiner Praxis genauso, weil Du's gut fandest und was machst Du anders, weil Du's nicht gut fandest?

CARINA HOENIG

Also die einzige Stelle, die ich in Leipzig gefunden habe, war bei einer auch jungen Kollegin. Die Kollegin ist 4 Jahre älter als ich, die das zweite Kind bekommen hatte und eigentlich auch Elternzeit hatte. Und das Thema dort war, dass sie nur 2 halbe Tage in der Praxis war. Also was ich sehr gut fand, war sehr selbstständig arbeiten zu können. Alles das, was ich gelernt habe, umsetzen zu können, ohne dass es Reglementierungen gab im Sinne von, das machen wir nicht so.

Also ich konnte sehr, sehr eigenständig arbeiten, allerdings …

JULIA ROTHERBL

Musstest Du aber auch, so kann man's auch formulieren.

CARINA HOENIG

Musste ich aber auch.

JULIA ROTHERBL

Okay.

CARINA HOENIG

Genau, das war der Punkt, wo ich natürlich, auch da sind wir wieder beim Learning by Doing. Ich hatte natürlich auch niemanden, bei dem ich auch gucken konnte. Also ich hab da schon angefangen, in der Zeit, extrem viele Fortbildungen zu besuchen, also auch noch mal zusätzlich, es gibt bei der KZV Sachsen, das ist die Kassenzahnärztliche Vereinigung Sachsen, sehr gute Fortbildungsangebote, auch einen ganzen Kurs rein zu bestimmten Themen, Wurzelkanalbehandlung, Parodontologie, Zahnersatz, Prothetik. Und da hab ich schon angefangen, mir dort Sekundärwissen selber noch mal zu holen, aufbauend auf dem, was ich im Studium gelernt habe, weil da war son bisschen die Unterstützung, dass jemand im Nachbarzimmer war, wo man sagen konnte, „komm mal rüber, guck dir das mal an“, die hat manchmal 'n bisschen gefehlt. Und das ist was, was ich zum Beispiel anders machen würde oder auch der Punkt, ich habe keine Ausbildungsassistentin eingestellt, weil ich auch dann das Gefühl hatte, ich brauch ja jemanden zur Entlastung.

Und ich habe nicht genügend Kapazität, um jemanden frisch von der Uni genügend Zeit und Energie schenken zu können, um diese Ausbildung noch fortzuführen. Und das muss man tatsächlich auch. Also auch wenn man in den Grundlagen schon einfach mal weiß, wie's geht, fehlt einem aber noch ganz viel Routine, ganz viel Erfahrung mit bestimmten Situationen umzugehen. Also das war für mich dann so ne Erkenntnis, ich möchte jemanden, der schon mindestens 2 Jahre Berufserfahrung hat, um da schon eine gewisse Sicherheit zu haben.

JULIA ROTHERBL

Also ich hatte bis vor Kurzem hier im Verlag auch eine Kollegin, die Zahnärztin ist, ursprünglich, und jetzt als Medizinjournalistin arbeitet. Die hat diese Erfahrung auch geteilt, dass diese Assistenzstellen in der Regel so laufen, dass man eigentlich von Anfang an selbstständig ohne Unterstützung vor sich hin arbeitet. Ich fand das jetzt oder finde das ziemlich erstaunlich, weil man kennt diese Geschichten ja aus der Klinik, wo dann auch junge Ärzte plötzlich im Nachtdienst allein dasitzen. Ja. Aber ich hab mir irgendwie immer gedacht, in so ner Praxis, Inhaber- oder Inhaberinnen-geführt gestaltet sich das anders, aber ist scheinbar dann leider nicht so.

CARINA HOENIG

Ja. Na, das würde ich so nicht verallgemeinern, weil die Kollegin, bei der ich damals ja angefangen habe, auch in 'ner besonderen Situation war. Dass sie auch in 'ner gewissen Notlage war, weil nämlich die Assistentin mit 'n bisschen Erfahrung ist selber schwanger geworden. Also hat sie auch in eine Notlage gebracht, sicherlich nicht bösen Willens, aber sie war auch in der Notlage und musste auch dann jemanden finden. Also ich habe ja auch angestellte Zahnärztinnen eingestellt, die aus anderen Praxen kamen, die durchaus auch eine gute Betreuung hatten, wo auch jemand da war.

Es gibt auch in Leipzig große Praxiskonzepte. Da ist passiert dann eher was anderes. Ich hatte eine Kollegin, die kam aus 'ner großen Praxis mit 'ner guten Betreuung, die auch eine Menge Assistenten hatten, die auch regelmäßig interne Fortbildungsveranstaltungen gemacht hatten, mit den Assistenten. Wirklich gut organisiert, aber die sagte, „ich lege dort nur Füllungen“.

Also da gibt es dann sozusagen wieder nur so Einzelbereiche. Also es gibt verschiedene Konzepte, aber wie gesagt, ich lern die anderen Sachen nicht und ich fange an, die anderen Sachen zu verlernen, weil ich eben so systembezogen da nur unterwegs bin.

Also ich würde es nicht verallgemeinern, dass sich die jungen, ausgelernten Zahnräder am Beginn ihres Berufslebens so alleingelassen fühlen. Das ist schon sehr, sehr praxisindividuell.

JULIA ROTHERBL

Okay. Du hast ja eigentlich ganz was anderes gelernt. Also Du arbeitest jetzt nur mit Frauen und kommst aus 'ner Ausbildung, wo Du fast, also ich glaub, was war das Verhältnis 20 zu 2 mit Männern zu tun hattest. Hast Du hast Maschinenbau gelernt? Wie kam's denn dann eigentlich dazu, dass Du dich noch mal so komplett umorientiert hast?

CARINA HOENIG

Ja, also ich habe mein Abitur kombiniert mit 'ner Berufsausbildung, aus sehr persönlichen Gründen. Und dort habe ich den Vater meiner Tochter kennengelernt und dessen Mutter war Zahnärztin. Also durch das Kennenlernen dieses anderen Maschinenbauabiturienten habe ich die Zahnarztmutter kennengelernt, die mich zu diesem Beruf inspiriert hat.

JULIA ROTHERBL

Okay. Warum hat sie dich inspiriert? Was hat dich da inspiriert?

CARINA HOENIG

Weil sie diesen Beruf mit so viel Herz und Liebe und Leidenschaft – sie hat den Beruf gelebt. Also das war schon, man hat so bei ihr in jeder Faser gespürt, dass sie diesen Beruf so unglaublich gern macht. Also und für mich, ich hätte niemals Medizin studiert, aber die Zahnmedizin verbindet für mich einfach, hat auch eine sehr große technische Komponente. Und das finde ich das, was mich an diesem Beruf am Ende auch sehr fasziniert. Also dieses, man ist natürlich in 'nem sensiblen System unterwegs, man ist permanent mit Menschen zusammen, mit allen Besonderheiten, aber hat einen sehr technischen Aspekt. Man kann das richtig gut kombinieren. Das ist das, was mich, was ich an diesem Beruf so sehr mag auch.

JULIA ROTHERBL

Und warum hättest Du ein anderes medizinisches Fach ausgeschlossen? Du hast jetzt sehr strikt gesagt, ich hätte nie Medizin studiert, aber Zahnmedizin schon.

CARINA HOENIG

Ja, weil für Medizin find ich noch mal die Verantwortung 'n ganzes Stück größer. Also ich bin in 'nem viel größeren Komplex unterwegs und wenn ich das mal ganz vereinfachend sagen darf, also wenn ich 'n Zahn verliere, stirbt nicht der Mensch. Also ich möcht auch keinen Zahn verlieren, mutwillig, aber daran stirbt keiner, und in der Medizin ist für mich die Verantwortung dessen, was mir da in Betreuung gegeben wird, einfach noch mal 'n ganzes Stück größer. Das hätte ich, glaube ich, nicht mit so viel Leidenschaft machen können.

JULIA ROTHERBL

Wie ist denn eigentlich so das Verhältnis zwischen Humanmedizinern und Zahnmedizinern? Gibt's überhaupt eins?

CARINA HOENIG

Also im Studium gab's tatsächlich keins, muss ich jetzt mal so sagen.

JULIA ROTHERBL

Okay.

CARINA HOENIG

Gefühlt nehmen die Humanmediziner die Zahnmediziner nicht als Ärzte ernst. So, das ist so der Part im Studium. Sodass beide Fachrichtungen relativ autark nebeneinander herstudieren. Ich hab in meinem Freundeskreis tatsächlich nur eine Ärztin, ein bisschen entfernt.

Im kollegialen Austausch hat sich das 'n bisschen geändert. Also ich hab ja schon auch fachlich immer mal mit Ärzten zu tun, wenn man Rücksprache nehmen muss bei bestimmten Patientenbehandlungen, weil man hat ja schon, man arbeitet ja trotzdem im Menschen und da muss ich sagen, hab ich die letzten 20 Jahre eine Veränderung bemerkt, dass die Humanmediziner doch schon wahrnehmen, dass wir auch den Patienten als Ganzes angucken, wenn wir mal bestimmte Sachen auch abfragen. Aber prinzipiell ist es eher 'n bisschen eine Ignoranz.

JULIA ROTHERBL

Ja, das hab ich mir irgendwie gedacht. Ist son Klischee, das man im Kopf hat, selbst wenn man da gar nicht drinsteckt. Ja. Aber man hat tatsächlich gar keine Berührungspunkte im Studium?

CARINA HOENIG

Im Studium tatsächlich ganz, ganz wenig. Man hat zwar in den ersten 2 Jahren Fächer parallel, aber nicht zusammen. Also bei uns war das zumindest so und das, glaube ich, hat sich auch nicht geändert. Die Zahnklinik hat auch komplett autarke Räume. Ich glaub, wir sind uns am Ende nur in der Anatomie ein bisschen begegnet.

Also auch das Studium, es sind 2, als ob man IT-Technik studiert oder Maschinenbau. Also man hat komplett separate Vorlesungen, die zwar oft dasselbe Thema haben, aber nicht zusammen stattfinden.

JULIA ROTHERBL

Wenn wir uns mal jetzt dem Thema Frauenförderung in der Zahnmedizin widmen, dann könnte man jetzt so auf den ersten Blick meinen, die braucht's vielleicht gar nicht. Also die Zahl der Praxisgründungen, Niederlassungen sind annähernd paritätisch, teilweise überwiegen die Frauen sogar, je nach Bundesland. Wie blickst Du da drauf? Braucht es Frauenförderung in der Zeit? Es gibt zumindest einige Vereine, die genau dafür gegründet wurden.

CARINA HOENIG

Also prinzipiell würd ich tatsächlich nein sagen. Also die Frauen brauchen keine Förderung in der Zahnmedizin, also zumindest in der Vergangenheit nicht. Also vielleicht muss man das auch grad wieder 'n bisschen neu bewerten. Wenn ich auf meine über zwanzigjährige Erfahrung zurückblicke, würde ich sagen, bisher nicht. Zukünftig schon, weil auch wir das Thema haben, dass die Bürokratie ein Ausmaß angenommen hat, dass der Wille zur Niederlassung extrem sinkt.

JULIA ROTHERBL

Okay.

CARINA HOENIG

Und da hab ich das Gefühl bei Frauen noch mehr als bei Männern. Da höre ich so aus meinem Umfeld, „ich möchte die Verantwortung nicht, ich möchte den Ärger nicht“. Und es ist ja inzwischen sehr einfach, als angestellter Zahnarzt gut zu arbeiten, weil dann hat man nämlich diese ganze Verantwortung nicht, dann hat man diese ganze Bürokratie nicht. Nur wenn das System so bleibt, werden wir in den nächsten 20 Jahren in der Zahnmedizin nur noch aktienbasierte medizinische Versorgungszentren haben, die rein gewinnorientiert arbeiten. Wenn wir nicht die Leute motivieren, und in dem Fall sind es Frauen, weil die Studiengänge so mindestens paritätisch mit Frauen besetzt sind, wenn die alle sagen, „wir wollen uns aber nicht niederlassen“.

Ich habe in den letzten 20 Jahren oder sag mal, sind ja am Ende 15 Jahre, 6 Angestellte Zahnärztinnen gehabt, inklusive mal ner Schwangerschaftsvertretung oder so. Und von denen gibt es genau eine, die von Anfang an gesagt hat, und die war auch eine Schwangerschaftsvertretung, ich werde mich niederlassen. Alle anderen haben das ziemlich klar für sich ausgeschlossen oder schließen es aus.

JULIA ROTHERBL

Und Du würdest sagen, Männer lassen sich von diesem Aspekt Bürokratie weniger stark abschrecken als Frauen?

CARINA HOENIG

Ja und auch von dieser Führung und von der Arbeit, die drinsteckt. Also Frauen haben schon immer noch mehr das Thema – Ich habe ja auch noch eine Familie, die mir wichtig ist. Ich habe Kinder und ich möchte diese Zeit da nicht rein investieren. Ich möchte einen guten Job machen, aber diese Verantwortung und Zeit, die es ja am Ende kostet, die möchte ich nicht haben.

JULIA ROTHERBL

Weil, wenn man mal von dem Aspekt absieht, ist es doch jetzt von außen betrachtet, glaube ich, so, dass Zahnmedizin jetzt zu einem der medizinischen Fächer gehört, die relativ gut vereinbar sind, mit einer Familie, oder? Also kein Nachtdienst, wenige Wochenenddienste, schätze ich mal. Außer natürlich, man geht in eine Klinik, aber jetzt mit 'ner eigenen Praxis?

CARINA HOENIG

Absolut. Also man kann ja am Ende die Arbeitszeiten für sich selber steuern, Also natürlich hab ich das Thema, wenn ich eine erfolgreiche Praxis haben will, muss ich schon auch Öffnungszeiten mal 'n bisschen auch 18, 19 Uhr anbieten. Das ist mit kleinen Kindern, wenn ich keinen familiären Hintergrund habe, organisierungswürdig, aber es lässt sich gut organisieren. Und tatsächlich, jetzt bin ich mal so und sage, im derzeitigen Ärztemangel würde es wahrscheinlich sogar gehen, wenn ich sage, ich mach 16 Uhr zu und die mich in der Zeit nicht erreichen können, dann ist es halt so. Also das Schöne an der Selbstständigkeit ist ja am Ende, man hat ja auch eine Selbstgestaltung.

Das finde ich auch immer wieder schön, dass ich sagen kann, ja, es gibt Zeiten, die sind anstrengend. Dafür kann ich aber auch sehr klar sagen, ich mach es so, ich mach es so, ich mach es so, und muss mich da eher nicht reglementieren lassen. Also das lässt sich, finde ich, ganz gut vereinbaren.

JULIA ROTHERBL

Darf ich fragen, was deine Tochter als Berufswunsch hat? Also ich kenn das so bisschen als Klischee, dass viele Zahnarztpraxen dann am Ende von den Eltern auf die Kinder übergehen?

CARINA HOENIG

Nee. Meine Tochter ist jetzt 23 und studiert im Master Politikwissenschaften mit Schwerpunkt Internationale Beziehungen, und auch nicht in Deutschland. Also meine Tochter hat, glaub ich, mit 12 beschlossen, nee Mama, nicht mein Beruf und da stimme ich ihr auch komplett zu, nicht ihr Beruf.

JULIA ROTHERBL

Okay, das heißt, da wird die Praxis nicht in Anführungszeichen vererbt.

CARINA HOENIG

Nee, die wird nicht vererbt.

JULIA ROTHERBL

Was mir aufgefallen ist, deine Website heißt Zahnarzt, also minus deinen Nachnamen. Wenn Du jetzt die Webseite noch mal neu quasi anlegen würdest, würde sie dann Zahnärztin minus heißen?

CARINA HOENIG

Nein. Also ich hab tatsächlich, als wir das angelegt haben, nie drüber nachgedacht. Und ich hatte irgendwann mal 'n Patient angesprochen, weil mein Praxisschild, da steht auch Carina Hönig, Zahnarzt drunter.

CARINA HOENIG

Warum ich das so mache? Weil ich für mich gesagt habe, ich weiß doch, dass ich eine Frau bin. Ich muss das jetzt nicht in der weiblichen Berufsbezeichnung betiteln. Ich hab, das war für mich tatsächlich nie 'n Thema darüber nachzudenken. Aber das liegt auch daran, dass das da schon seit über 20 Jahren so steht.

Und aber ich kann's nicht sagen, ob ich's anders machen würde. Ich würd sie jetzt nicht umbenennen. Ich kann's tatsächlich nicht sagen, ob ich's, wenn ich heute 20 Jahre jünger wäre, es anders benennen würde.

JULIA ROTHERBL

Kannst Du's verstehen, dass manche Ärzt… – da brauch ich jetz gar nicht gendern – manche Ärztinnen quasi zum Beispiel fordern, dass bei Berufsverbänden und so der Name angepasst wird? Also die Diskussion gab's jetzt zum Beispiel bei den Gynäkolog*innen, weil da natürlich der Anteil der Frauen eigentlich bei weit über 70 Prozent liegt und die Berufsverbände trotzdem noch das generische Maskulinum benutzen und die halt sagen, wir sind schon lange in der Überzahl, können wir nicht wenigstens die Hälfte des Namens haben? Und dann heißt es halt Frauenärzte und Frauenärztinnen oder Frauenärztinnen und Frauenärzte. Also kannst Du's in diesem größeren Kontext irgendwie verstehen? Du hast ja vorher auch gesagt, bei der Zahnmedizin ist es so, dass der Start im Studium sich so darstellt, dass es überwiegend Frauen sind, die dieses Fach wählen.

Weil das bei dir Zahnarzt hängt, ist natürlich deine individuelle Entscheidung, aber das andere ist natürlich was …

CARINA HOENIG

Im Gesamtkontext kann ich das komplett nachvollziehen, weil wir sind ja weiblich. Das ist schon absolut richtig.

JULIA ROTHERBL

Gut, jetzt wird erst mal Zahnarzt da stehen bleiben, so hab ich's verstanden.

CARINA HOENIG

Ja, das stimmt.

JULIA ROTHERBL

Ja, ich freu mich sehr, dass Du heute hier warst. Vielen Dank für das Gespräch, hat mir großen Spaß gemacht.

CARINA HOENIG

Ja, vielen Dank. Mir hat es auch großen Spaß gemacht.

KAPITEL – Bis zum nächsten Mal

JULIA ROTHERBL

In dieser Folge haben wir zum ersten Mal mit einer Zahnärztin gesprochen und ich bin jetzt neugierig, ob es vielleicht noch andere besondere Fachrichtungen gibt, über die ihr gerne etwas hören würdet oder ob euch tolle Frauen einfallen, egal aus welcher Fachrichtung, die sich Herausforderungen gestellt haben und darüber gerne mit uns sprechen würden. Vielleicht gibt's auch 'n Frauennetzwerk, das euch weitergeholfen hat. Schreibt uns einfach an redaktion@gesundheithören.de. Wir sind sehr gespannt auf eure Vorschläge. Eine neue Folge von „Frau Doktor, übernehmen Sie!“ erscheint am 7. Juli. Wir freuen uns, wenn ihr reinhört.

SPRECHERIN

Ein Podcast von gesundheit-hören und Apotheken Umschau Pro.

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