Gegen alle Widerstände: Vom bayrischen Dorf an die Charité
Shownotes
Verena Jung war immer eine gute Schülerin, schon in der Grundschule. Aufs Gymnasium durfte sie trotzdem nicht gehen. Später hat sie einen sehr guten Realschulabschluss gemacht, danach eine Ausbildung zur medizinisch-technischen Laboratoriumsassistentin, und dann entschieden: Sie möchte Medizin studieren – auch ohne Abitur. Heute studiert sie an ihrer Traumuni, der Charité in Berlin, und will anderen zeigen, dass auch ein untypischer Weg zum Studium möglich ist. Mit Julia Rotherbl spricht sie über ihre Jugend auf dem bayrischen Land, die Vorteile von Berufserfahrung und wie sie Vorbilder und Netzwerke für sich entdeckt hat.
Weitere Infos und Links:
Studium ohne Abitur: Medizin und Pharmazie: https://www.che.de/download/medizinstudium-ohne-abitur/
Hochschulbildungsreport: https://hochschulbildungsreport.de/fokusthemen/arbeiterkinder
Berufsmonitoring Medizinstudierende 2022: https://www.kbv.de/media/sp/Berufsmonitoring_Medizinstudierende_2022.pdf
Podcast Medimorphose: https://pod.link/1783209419
Im Podcast „Frau Doktor, übernehmen Sie!“ erzählen Frauen aus der Medizinbranche, wie sie dort Karriere gemacht haben. Dazu spricht Julia Rotherbl, Chefredakteurin der „Apotheken Umschau“, mit Frauen, die in Führungspositionen arbeiten, die Herausforderungen gemeistert haben oder an ihnen gescheitert sind. Es geht um Themen wie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Sexismus, männliche Netzwerke, mangelnde Vorbilder oder verschiedene Arbeitsmodelle. Das Ziel: Euch zu inspirieren und ermutigen, Euren eigenen Weg zu finden.
An jedem ersten Montag im Monat erscheint eine neue Folge. Habt Ihr Fragen, Anregungen oder Kritik? Dann schreibt uns gerne an redaktion@gesundheit-hoeren.de
Mehr Gesundheitspodcasts gibt es hier: www.gesundheit-hoeren.de
Redaktion: Julia Rotherbl, Constanze Radnoti, Kareen Seidler;
Schnitt und Post-Produktion: Constanze Radnoti, Benedikt Möltner, Yves Seißler;
Chefredakteur: Peter Glück
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Transkript anzeigen
VERENA JUNG
Wenn ich dann mit Leuten drüber spreche, die so eine ähnliche Geschichte haben, da kommen mir immer fast die Tränen oder teilweise kommen mir auch die Tränen, weil ich halt weiß, okay, die verstehen halt auch, dass es irgendwie hart ist, drei Jahre lang warten zu müssen, auch wenn man sich bereit fühlt und wahrscheinlich nicht weniger qualifiziert ist als andere.
JULIA ROTHERBL
Der klassische Weg zum Ärztinnen- oder Ärzteberuf ist Abitur, möglichst ein sehr gutes Abitur, und dann Studium. Unsere heutige Gästin ist einen anderen Weg gegangen. Sie hat einen Realschulabschluss, dann hat sie eine Ausbildung absolviert und wie sie dann zum Medizinstudium gekommen ist, das erzählt uns Verena Jung heute. Und wir unterhalten uns auch darüber, ob dieser Weg etwas damit zu tun hat, dass Verena im Gegensatz zu sehr vielen anderen Medizinstudierenden nicht aus einem AkademikerInnenhaushalt kommt und auch in ihrer näheren Verwandtschaft keinen Arzt und keine Ärztin hat. Verena, herzlich willkommen bei „Frau Doktor, übernehmen Sie!“ Ich freu mich sehr, dass Du heute meine Gästin bist.
VERENA JUNG
Hallo, danke für die Einladung. Ich freu mich auch sehr.
JULIA ROTHERBL
Mein Name ist Julia Rotherbl. Ich bin Chefredakteurin der Apotheken Umschau und wünsche euch sehr viel Spaß beim Zuhören.
SPRECHERIN
„Frau Doktor, übernehmen Sie!“ Ein Podcast von gesundheit-hören und Apotheken Umschau Pro
KAPITEL – Ein ungewöhnlicher Weg zum Lebenstraum
JULIA ROTHERBL
Verena, Du hast uns im Vorgespräch verraten, dass das Medizinstudium ein Lebenstraum von dir ist, auch die Charité, wo Du jetzt im ersten Semester studierst, deine Traumuni gewesen ist. Jetzt lebst Du diesen Traum, wie fühlt sich's an? Also träumst Du noch, bist Du jäh erwacht? Ist es so, wie Du's dir erwartet hast?
VERENA JUNG
Also es ist auf jeden Fall richtig cool und ich bin auch richtig stolz auf mich, dass ich das geschafft hab, dass ich jetzt hier bin. Es ist aber auch so, dass es irgendwie 'n bisschen anders ist, als ich's mir vorgestellt hab. Also vor allem jetzt das erste Semester war einfach sehr viel, ja, Wiederholung aus der Ausbildung und gar nicht so viel Neues, wie ich mir erhofft hab, aber dementsprechend auch irgendwie 'n ganz guter Einstieg und ja, ich würde auf jeden Fall sagen, dass ich noch träume, ja. Und dass ich auch so immer weiter dabei bin, irgendwie neue Träume zu entwickeln und irgendwie, ja mir jetzt schon überleg, was ich so als Nächstes machen könnte und also so zum Beispiel an die Doktorarbeit denk, was man da so machen könnte, solche Sachen. Genau ja, aber ich bin auf jeden Fall sehr, sehr glücklich, dass das alles geklappt hat und dass ich jetzt endlich studieren kann, ja.
JULIA ROTHERBL
Du hast jetzt nicht den klassischen Weg zum Studium eingeschlagen. Magst Du uns erzählen, wie Du jetzt zu diesem Studienplatz gekommen bist, auf den Du zu Recht sehr stolz sein kannst, natürlich?
VERENA JUNG
Genau, also es hat so angefangen. Ich war auf der Realschule und fand da Naturwissenschaften ganz toll, also so Bio und Chemie. Und hab dann eben die Ausbildung gefunden, die ich dann auch gemacht hab zur medizinisch-technischen Laboratoriumsassistentin. Das fand ich eben richtig toll, weil's Naturwissenschaften beinhaltet hat und 'n Beruf ist, in dem man quasi nicht die ganze Zeit nur im Büro sitzt, sondern halt auch was mit den Händen macht. Und in der Ausbildung war es dann so, dass ich eben auch so Fächer wie Anatomie hatte und halt immer mehr so diese medizinischen Fächer und da immer mehr Kontakt zur Medizin eben hatte und ja, ich fand das dann eben quasi noch interessanter als die Naturwissenschaften und hab halt auch gemerkt, dass mir das irgendwie nicht reicht, dass ich irgendwie noch mehr so eine Perspektive wollte, sowas, wo man irgendwie immer neue Sachen lernt und mehr machen darf und sich irgendwie so ja weiterentwickeln kann und genauso kam dann nach und nach der Wunsch, Medizin zu studieren.
JULIA ROTHERBL
Gab's so einen Schlüsselmoment, wo Du heute sagst, rückblickend, da ist die Entscheidung irgendwie in meinem Kopf gereift oder da ist sie gefallen?
VERENA JUNG
Ja, den gab's und zwar war auch eine Sache, dass ich's zwar richtig interessant fand, aber dass ich's mir irgendwie lange Zeit nicht so richtig zugetraut hab. Und dann war's so, dass ich Ende des zweiten Jahres in der Ausbildung 'n Praktikum in der Pathologie gemacht hab. Da hab ich dann ganz viel mit so 'nem Pathologen zusammen mikroskopiert und ich hab auch eine Facharbeit geschrieben und dann bin ich die mit dem noch mal so durchgegangen und der fand die eben auch ganz toll und hat mich da eben sehr ermutigt, dass ich doch irgendwie weitermachen soll, wenn mich das so interessiert. Und genau, das war auf jeden Fall sehr, sehr wichtig und 'n großer Schlüsselmoment und ich würde sagen, das war so der Tag, an dem ich die Entscheidung getroffen hab, okay, ich will Medizin studieren, ich will diesen Weg gehen und ja, auch wenn ich's nicht schaff, ich will's wenigstens versucht haben.
JULIA ROTHERBL
Warum hast Du's dir denn nicht zugetraut vorher?
VERENA JUNG
Ich würd sagen, dass das wahrscheinlich sehr daran lag, dass ich in 'nem Umfeld aufgewachsen bin, wo ich jetzt nicht wirklich weibliche Vorbilder hatte, die irgendwie studiert haben oder generell Karriere gemacht haben. Und ja, also generell war Studieren in meinem Umfeld und in meiner Familie nie sehr hoch angesehen. Also ja, ich komm vom Dorf in Bayern.
JULIA ROTHERBL
Ich auch.
VERENA JUNG
Und ich war halt sehr umgeben von der Ansicht, dass sich Studieren nicht lohnen würde, vor allem als Frau nicht, dass man dann ja eh Kinder bekommt und das ja dann alles umsonst war sozusagen. Also es waren sehr klassische Rollenbilder. Es gab auch noch so weitere Vorurteile gegenüber studierenden Leuten, also irgendwie, ja, dass sie irgendwie nichts können, Theoretiker sind, dass man doch irgendwie was Richtiges lernen soll, was Praktisches. Ja und halt auch, dass es sich finanziell irgendwie nicht lohnt zu studieren und solche Sachen. Ich glaub, dass mich das alles einfach schon ziemlich geprägt hat und dass ich da irgendwie gar nicht so den Support hatte oder so die Perspektive, wie's auch gehen kann, ja.
JULIA ROTHERBL
Wie befreit man sich denn von so ’ner Prägung?
VERENA JUNG
Also ich glaub, was mir wirklich sehr geholfen hat, ist, dass ich Zugang zum Internet auch hatte und dass ich dadurch auch andere Leute gesehen hab, die mich irgendwie inspiriert haben und dass ich dadurch auch gesehen hab, dass es auch andere Lebenswege gibt. Oder was auch ganz wichtig für mich war, war meine damalige beste Freundin, die in der Stadt gewohnt hat und ja, da habe ich dann auch einfach gesehen, dass es auch andere Lebenswege gibt. Aber ich würde auch sagen, dass ich einfach schon immer, ja, eine sehr große intrinsische Motivation hatte, dass ich Dinge hinterfragt habe und ich glaub, das war dann wahrscheinlich so ne Mischung aus diesen ganzen Sachen, dass ich jetzt so geworden bin, wie ich bin, genau.
JULIA ROTHERBL
Also was mich schon berührt hat, ist, dass Du sagst, dass es in bayerischen Dörfern quasi immer noch die Vorstellung gibt, dass man als Frau nicht unbedingt studieren muss, weil das eh quasi damit endet, dass man irgendwann mit mehreren Kindern zu Hause ist. Und Du bist ja jetzt nicht 1950 geboren, sondern 2002.
VERENA JUNG
Ja.
JULIA ROTHERBL
Also wenn Du das irgendwie erzählst, können das Leute eigentlich noch nachvollziehen, die nicht in 'nem kleinen bayerischen Dorf aufgewachsen sind oder ist das was, wo dann doch viele am Ende erleben, immer noch leider?
VERENA JUNG
Also ich hab jetzt eher nur so vereinzelt von Leuten mitbekommen, dass es bei denen ähnlich war oder auch teilweise bei Leuten, die irgendwie ja eher so in der Generation von meinen Eltern sind, dass es bei denen halt vielleicht noch manchmal so war, und ansonsten, wenn ich meine Geschichte erzähl, erfahre ich eigentlich meistens eher so ja geschockte Reaktionen, dass Leute das eigentlich gar nicht glauben können oder halt ja sehr, sehr schade finden, auf alle Fälle, aber dann gleichzeitig eigentlich auch sehr beeindruckt sind dann von meiner Geschichte und das irgendwie auch total toll finden, dass ich dann trotzdem da meinen Weg gehe und das ist natürlich was, was mich dann auch wieder irgendwie inspiriert und freut.
JULIA ROTHERBL
Du hast von dieser intrinsischen Motivation gesprochen. Ich finde, das zieht sich tatsächlich son bisschen durch deinen Lebenslauf, wenn man sich damit befasst. Also Du hast auch in der Ausbildung schon Wege gesucht, noch was drauf zu legen oder?
VERENA JUNG
Also in der Ausbildung selber, da war ich eigentlich schon ziemlich beschäftigt mit dem Stoff an sich, aber dann vor allem auch nach der Ausbildung war's so, dass ich als Erstes in 'nem Routinelabor angefangen hab zu arbeiten. Und da habe ich dann eben auch recht schnell gemerkt, dass mir das halt irgendwie nicht reicht und dass ich halt ja, die Dinge schon mehr so hinterfrag und auch ja, irgendwie Neues lernen will und ja, also da kamen dann halt auch ab und zu mal so Aussagen, wenn ich gefragt habe, warum bestimmte Sachen so gemacht werden, wie sie gemacht werden. Ja, das wurd halt schon immer so gemacht und so Sachen. Genau, deswegen bin ich dann auch in die Forschung gegangen und im Berufsleben würde ich sagen, war das dann auf alle Fälle so, dass ich dann da trotzdem versucht hab, da noch mal irgendwie mehr rauszuholen, genau.
JULIA ROTHERBL
Genau, Du hast dann irgendwann den Entschluss gefasst, Medizin zu studieren. Die meisten Leute denken eben, dass man nach dem Abitur einen Platz für ein Medizinstudium bekommen kann. Wie war das bei dir? Also wie bist Du letzten Endes über die Ausbildung und die Berufstätigkeit zum Medizinstudium gekommen?
VERENA JUNG
Genau, also es ist so, dass es verschiedene Quoten gibt, über die man ins Medizinstudium reinkommen kann. Eine Quote, da zählt nur die Abiturnote rein, eine Quote, die heißt Auswahlverfahren der Hochschulen, da zählt die Abiturnote und noch verschiedene andere Sachen mit rein. Und dann gibt's noch eine dritte Quote, über die ich dann reingekommen bin. Das ist die zusätzliche Eignungsquote und die ist komplett notenunabhängig und da ist es so, dass an der Charité der TMS, also der Medizinertest, sehr viel reinzählt und eben auch, dass man eine Berufsausbildung hat und auch 'n bisschen Berufserfahrung wird angerechnet. Und dementsprechend war es so, dass ich dann eben diesen TMS geschrieben hab, weil ich wusste, dass wenn ich da gut bin, dass ich dann quasi gute Chancen hab, reinzukommen und hatte dann auch 'n gutes Ergebnis und ja, bin dann über diesen Weg reingekommen.
KAPITEL – Erfahrungen als Ersti, Unterstützung & Vorbilder
JULIA ROTHERBL
Es ist so, dass der Anteil, ich muss mal ganz kurz in meinen Unterlagen gucken, der Medizinstudierenden, die tatsächlich eine Berufsausbildung vorher gemacht haben, liegt so um die zwanzig Prozent, ist 'n bisschen im Sinkflug, laut den aktuellen Zahlen, die wir gefunden haben. Was würdest Du sagen, ist gut an dem Weg, den Du eingeschlagen hast? Also wo profitierst Du jetzt davon, dass Du schon eine Ausbildung in dem Bereich gemacht hast und wo würdest Du sagen, sind die anderen ein bisschen im Vorteil, die quasi den Weg direkt mit dem Abitur gewählt haben?
VERENA JUNG
Also ich würd sagen, so aus meiner jetzigen Perspektive hat's eigentlich fast nur Vorteile, ehrlich gesagt. Also einmal ist natürlich 'n Riesenvorteil, dass ich schon so viel Vorwissen hab. Also wie schon gesagt, das erste Semester war jetzt für mich auch ja ganz entspannt eigentlich. Hätte ich davor auch nicht gedacht.
JULIA ROTHERBL
Langweilig.
VERENA JUNG
Ja. Ich find vor allem auch an der Charité, weil wir haben ja den Modellstudiengang und das bedeutet, dass halt eben sehr früh auch schon so klinische Aspekte kommen und auch irgendwelche Krankheitsbilder, auch wenn man grad irgendwie Biochemiegrundlagen eigentlich macht. Und für mich ist das dann eigentlich total gut, da anzuknüpfen, weil ich halt vieles schon mal gelernt hab. Das ist auf jeden Fall gut, oder auch allein schon, dass ich ja, so bisschen mit so Fachbegriffen klarkomme, so anatomisches Grundverständnis hab, solche Sachen.
Dann auch durch die Berufserfahrung, würde ich sagen, bin ich halt noch mal viel selbstbewusster geworden und das merke ich halt jetzt auch, wenn wir im Krankenhaus sind und da Untersuchungskurs haben, dass ich mich da halt irgendwie viel sicherer fühle, mit den PatientInnen zu sprechen, auch wenn ich selber jetzt noch nicht so viel Patientenkontakt hatte. Aber ich würd sagen, dass ich trotzdem auf jeden Fall, ja, schon irgendwie reifer bin, als ich mit 18 war und ich würd auch sagen, dass ich für mich einfach so ne gewisse Resilienz auch entwickelt hab, weil die Ausbildung war jetzt auch nicht immer leicht, da musste man auch viel lernen und irgendwie auch mal so durchhalten, sozusagen. Und ja, also deswegen, da bin ich auf jeden Fall auch schon drauf eingestellt.
Nachteil ist vielleicht son bisschen, dass ich teilweise das Gefühl hab, dass ich nicht so gut mit den anderen connecten kann. Ich weiß nicht, dass ich vielleicht einfach son bisschen son anderen Blickwinkel auf manche Sachen hab im Gegensatz zu Leuten, die jetzt direkt ausm Abitur kommen.
JULIA ROTHERBL
Du würdest jetzt im Nachhinein trotzdem alles noch mal so machen, rückblickend?
VERENA JUNG
Ja. Ja, auf alle Fälle. Also manchmal hab ich so drüber nachgedacht, wie es gewesen wär, wenn ich aufm Gymnasium gewesen wär. Und es gab auch eine Zeit, wo ich sehr frustriert drüber war, dass ich nicht die Möglichkeit hatte, aufs Gymnasium zu gehen, weil das ja irgendwie nicht so richtig gewollt war, dass ich aufs Gymnasium geh, zumindest so meine Wahrnehmung.
Und ja, da war ich eine Zeit lang sehr frustriert drüber, aber andererseits denke ich mir halt auch, dass ich eigentlich den Weg, wie er jetzt so war, richtig toll finde und dass ich ja auch gar nicht weiß, ob ich überhaupt so zur Medizin gekommen wär oder überhaupt das Selbstvertrauen entwickelt hätte, wenn ich jetzt einfach nur aufm Gymnasium gewesen wär, dann wirklich Medizin zu studieren, weil das ja wirklich so nach und nach über die Ausbildung kam und ich jetzt auch total dankbar über die Berufserfahrung und generell die Erfahrung der Ausbildung bin. Ja, genau
JULIA ROTHERBL
Magst Du was dazu sagen, was Du damit meinst, Du hattest den Eindruck, es war nicht gewollt, dass Du aufs Gymnasium gehst?
VERENA JUNG
Also es war so, dass ich mich irgendwie schon dafür interessiert hab, aufs Gymnasium zu gehen, einfach weil ich ja auch Spaß an der Schule hatte und auch irgendwie gute Noten. Aber ich glaube, im Endeffekt waren's dann mehrere Faktoren, die dazu geführt haben, dass ich dann nicht aufs Gymnasium gegangen bin. Also zum einen war es auch so, dass in meinem Umfeld kaum jemand aufs Gymnasium gegangen ist, aus meiner Grundschulklasse. Und ja, auch so von den Lebenswegen her, die da irgendwie so geläufig waren, war es jetzt quasi nicht notwendig sozusagen aufs Gymnasium zu gehen, weil ja eben viele einfach Ausbildungsberufe gemacht haben.
Und ja, ich weiß nicht, mit neun Jahren, da stellt man sich jetzt auch nicht hin und protestiert dann – oder keine Ahnung. Sondern da ist man sich ja auch zum einen der Reichweite des Ganzen noch nicht so bewusst. Und ja, zum anderen war's dann damals auch irgendwie okay.
JULIA ROTHERBL
Du hast vorher auch mal gesagt, dass dir auch quasi in deiner Jugend so diese Vorbilder gefehlt haben, also Frauen, die Karriere gemacht haben, die Familie und Beruf irgendwie vereinbart haben und so weiter. Also mit wem sprichst Du heute über deine Karriereplanung oder von wem lässt Du dich da unterstützen, beraten und hast Du Vorbilder gefunden? Sind jetzt viele Fragen. Eine nach der anderen.
VERENA JUNG
Ja. Also ich würd auf jeden Fall sagen, dass ich Vorbilder gefunden hab, ja, einfach zum Beispiel durch Sachen wie euren Podcast, der mich wirklich sehr inspiriert hat, wo ich sehr viele…
JULIA ROTHERBL
Danke.
VERENA JUNG
…tolle Frauen und tolle Geschichten einfach gehört hab und dann ist so, dass ich jetzt zum Beispiel auch bei „Die Chirurginnen“ beigetreten bin. Also, ich hab da zum Beispiel mich mal mit einer getroffen, die grad ihre Doktorarbeit macht und hab mich darüber so bisschen ausgetauscht, weil ich halt sonst in meinem Umfeld auch nicht wirklich Leute kenne, die irgendwie grad schon promovieren oder promoviert haben oder dann halt in der Medizin promovieren, ist ja auch noch mal ein bisschen was anderes, so. Genau, aber darüber habe ich dann eben irgendwie Vorbilder gefunden und auch irgendwie Leute, die mir da helfen können.
Genau, und ansonsten gibt's an der Charité auch son Mentoring-Programm, bei dem Studierende ab dem dritten Semester Mentor oder Mentorin werden können für Erstis. Genau, da hab ich mich angemeldet.
JULIA ROTHERBL
Also Du hast sehr schnell erkannt, dass es gut wäre, sich Support zu holen. Sehe ich das richtig?
VERENA JUNG
Sehr schnell, weiß ich jetzt gar nicht. Also ich glaube, es ist…
JULIA ROTHERBL
Erstes Semester finde ich schon schnell.
VERENA JUNG
Ja, okay, so gesehen schon, aber die ganzen Jahre davor war es, glaube ich, sehr lang, dass ich für mich alleine versucht hab, das so zu machen. Und dann nach und nach so, meine Freundinnen haben mich natürlich schon unterstützt, aber dann wirklich so die Vorbilder, das kam jetzt, aber ja, im Vergleich zu anderen Erstis ist es wahrscheinlich dann schon schnell, ja.
JULIA ROTHERBL
Du hast das Mentorenprogramm schon erwähnt. Du hast eine Mentorin, die ähnlich, also die auch ohne Abitur zum Medizinstudium gekommen ist. Wie wichtig ist dir das, dass ihr euch da austauschen könnt über eure Erfahrungen? Also würdest Du sagen, es ist gut, dass man sich auch jemanden an die Seite holt, der die gleiche Geschichte hat oder den gleichen Weg hinter sich? Oder würdest Du sagen, es ist wichtiger, wie Du's vorher schon mal kurz erwähnt hast, sich Leute an die Seite zu holen, die schon ein ganzes Stück weiter sind und eher quasi nicht rückbetrachten, wo komm ich her, sondern wo will ich hin?
VERENA JUNG
Also für mich persönlich ist, glaub ich, wichtiger so, wo will ich hin? Es war natürlich trotzdem was ganz Besonderes, dann jemand zu treffen, der da wirklich son ähnlichen Weg hat wie ich und ich finde, es ist halt noch mal was ganz anderes, weil wenn ich jetzt irgendwelchen Leuten, die mit 'nem 1,0-Abitur reingekommen sind ins Studium und deren Eltern irgendwie Ärzte sind, wenn ich denen von meinem Weg erzähl, erzähl ich das irgendwie immer son bisschen sachlicher. Aber wenn ich dann mit Leuten drüber spreche, die so ne ähnliche Geschichte haben, da kommen mir immer fast die Tränen oder teilweise kommen mir auch die Tränen, weil ich halt weiß, okay, die verstehen, was das bedeutet. Und die verstehen halt auch, dass es irgendwie hart ist, drei Jahre lang warten zu müssen, auch wenn man sich bereit fühlt und wahrscheinlich nicht weniger qualifiziert ist als andere, aber halt die Startbedingungen anders waren.
Ja, deswegen, das ist schon was, was mich auf jeden Fall irgendwie emotional berührt und was es auch wichtig ist. Aber ja, das finde ich irgendwie fast alles so vorm Studium wichtiger. Also wirklich so dieser Prozess erst mal sich das zuzutrauen, war wirklich für mich, glaube ich, so die größte Herausforderung oder die größte Hürde.
JULIA ROTHERBL
Du möchtest ja auch, das finde ich sehr schön, quasi also andere, die in 'ner ähnlichen Situation sind, supporten gemeinsam mit deiner Mentorin, ihr macht einen Podcast, um quasi andere zu motivieren, die in 'ner ähnlichen Situationen sind, wo ihr wart. Magst Du uns darüber kurz 'n bisschen was erzählen?
VERENA JUNG
Ja, sehr gerne. Also unser Podcast heißt „Medimorphose“ und ja, also es war eigentlich eine relativ spontane Idee, weil wir uns so dachten, dass wir halt beide total gern irgendwie Leute inspirieren würden und abholen, die in 'ner ähnlichen Situation sind wie wir damals und denen halt einfach sagen, ja, es geht doch. Und ich fand's auch total schwierig damals, überhaupt Informationen zu finden, wie man ohne Abitur studieren kann. Also es gibt sehr viel Informationen darüber, wie man mit Abitur studieren kann, aber ohne ist halt echt schwierig.
Und ja, genau, jetzt haben wir seit 'n paar Monaten diesen Podcast und irgendwie ist es ganz cool, son kleines Projekt zu haben und wir haben auch eine kleine Instagram-Seite, die heißt medi.morphose und ja, ich bin gespannt, ob wir noch irgendwie son paar Leute erreichen können und inspirieren. Das wär auf jeden Fall sehr, sehr schön.
KAPITEL – Entspannt und neugierig in die Zukunft
JULIA ROTHERBL
War eigentlich für dich auch der Aspekt Finanzen einer, wo Du überlegt hast, ob Du das schaffen kannst?
VERENA JUNG
Ja, das war auf alle Fälle 'n richtig wichtiger Punkt für mich. Es war auch einer der Punkte, warum ich mir das Ganze lang gar nicht zugetraut hab. Deswegen habe ich mich dann aber auch entschieden, nach der Ausbildung quasi drei Jahre zu arbeiten. Ich hätte ja auch einfach zwei Jahre mein Abitur nachmachen können und dann damit quasi studieren, aber ich wollte halt zum einen, ja, in dem Feld bleiben, die Berufserfahrung mitnehmen, aber halt eben auch Geld ansparen, damit ich dann halt eben im Studium gut aufgestellt bin. Und dann war es auch so, dass ich mich vorm Studium auf 'n Stipendium beworben hab, was ich dann auch bekommen hab. Und das ist auf jeden Fall eine riesengroße Erleichterung für mich, weil ich jetzt dadurch eben die Chance hab, die Möglichkeit hab, mich quasi nur aufs Studium zu fokussieren und nicht noch die finanziellen Sorgen zum einen zu haben, aber halt auch die Mehrbelastung dadurch, dass ich quasi gezwungen wäre zu arbeiten, sondern ich bin dadurch jetzt wirklich, ja, fühle mich sehr privilegiert dadurch jetzt.
JULIA ROTHERBL
Was würdest Du denn sagen, wenn Du dich noch mal zurückversetzt in die Zeit, als Du dir tatsächlich überlegt hast, soll ich das machen, soll ich das nicht machen? Was würde es Kindern aus Nichtakademiker- oder Jugendlichen aus Nichtakademikerhaushalten erleichtern, sich für 'n Studium zu entscheiden?
VERENA JUNG
Ja, also auf jeden Fall, dass man irgendwie da finanzielle Unterstützung bekommt und halt nicht nur, dass man die Unterstützung bekommt, sondern auch, dass das irgendwie, dass die Hürden nicht so groß sind, diese Unterstützung zu bekommen, weil also ich hab jetzt das Glück, dass ich nie einen BAföG-Antrag stellen musste, aber man hört ja immer wieder, dass es sehr, sehr umständlich und kompliziert sein kann und teilweise sich auch sehr unfair anfühlen kann, wenn man dann nicht so viel bekommt zum Beispiel. Also, ich muss sagen, ich habe auch quasi das Glück, dass meine Muttersprache ja deutsch ist, aber es ist ja auch so, wenn man jetzt irgendwie Migrationshintergrund hat, oder die Eltern, und dann die Muttersprache nicht Deutsch ist, sind ja unter Umständen solche Sachen auch noch mal komplizierter, wenn man dann auch die Eltern bei so was nicht fragen kann. Genau, also ich find, da gibt's auf jeden Fall viel Potenzial, wo man irgendwie das noch verbessern könnte und ansonsten mehr so, dass man den Leuten auch Mut macht und auch zeigt, was es für Wege gibt. Ja, und die Leute da halt irgendwie so bisschen mehr abholt und unterstützt.
JULIA ROTHERBL
Hast Du eigentlich das Gefühl, also Du hast jetzt diesen Medizinstudienplatz, bist jetzt dort angekommen, wo Du hinwolltest. Hast Du das Gefühl, dass es irgendwie auch so ist, dass Du damit was beweisen möchtest, wem auch immer?
VERENA JUNG
Nicht so richtig, glaube ich. Also ich hab da auch eine Zeit lang drüber nachgedacht, weil ich halt nicht studieren wollte, einfach nur aus dem Grund, weil ich irgendjemand was beweisen will, sondern ich wollt schon studieren, weil ich's quasi wirklich will, aber ja, ich merke halt immer wieder, dass mich die Medizin halt wirklich sehr fasziniert und dass das halt wirklich so der Grund ist, warum ich das mach. Und ja, vielleicht ist es schon son ganz kleines bisschen, dass ich mir beweisen will, dass ich wirklich quasi alles schaffen kann, was ich will. Aber es ist auch tatsächlich so, dass jetzt, wo ich quasi mein erstes größtes Lebensziel erreicht hab, ins Medizinstudium reinzukommen, dass ich irgendwie auch ziemlich so ja, erleichtert bin und jetzt gar nicht so diesen Anspruch hab, okay, ich muss jetzt in der nächsten Klausur richtig gut sein, um zu beweisen, dass ich's wirklich verdient hab, hier zu sein, oder solche Sachen. Das hab ich irgendwie nicht, sondern ich bin halt einfach so, ja, ich bin jetzt hier, ich hab's geschafft, ich hab's mir verdient und alles, was jetzt noch kommt, ist mehr oder weniger so optional.
Also da bin ich jetzt eigentlich ganz entspannt und ja, also da hab ich jetzt eigentlich nicht das Gefühl, dass ich da irgendjemandem was beweisen will. Ja, sondern einfach eher, dass ich's so genießen will und für mich einfach, ja, mich drüber freuen, dass ich das jetzt leben darf und ja, neue Sachen lernen darf, ja.
JULIA ROTHERBL
Also son bisschen der Druck ist raus?
VERENA JUNG
Ja, würde ich sagen. Also mal gucken, wie das so die nächsten Semester noch wird, wenn ich dann immer mehr neue Sachen lerne und es mehr Stoff wird und so. Genau, das kann ich jetzt noch nicht so ganz beurteilen, aber Stand jetzt würde ich sagen, fühl ich mich sehr frei und unbelastet, ja.
JULIA ROTHERBL
Wie sieht jetzt so deine Traumvorstellung aus? Wie ist dein erträumtes Berufsziel? Also jemand, der sehr intrinsisch motiviert ist, auch einen gewissen Ehrgeiz hat. Und wie definierst Du Karriere und wo würdest Du im Optimalfall gerne landen?
VERENA JUNG
Also ich hab jetzt nicht so ne konkrete Position, auf der ich landen wollen würde im Kopf, aber ich find auf jeden Fall total toll, wenn man Verantwortung übernehmen kann, Dinge entscheiden kann. Ja, und ich hoffe auch, dass es so sein wird, dass ich dann irgendwie auch die Möglichkeit hab, irgendwie Gestaltungsraum zu haben. Dadurch, dass ich jetzt noch nicht im Klinikalltag tätig war, weiß ich noch nicht, wie das dann sein wird, wie da dann so die Möglichkeiten überhaupt sind, so quasi vom System her, aber ja, an sich hab ich auf alle Fälle Lust auf eine führende, eine leitende Position.
JULIA ROTHERBL
Dann danke, dass Du unsere Gästin warst. Ich wünsch dir alles Gute, dass Du alles erreichst, was Du dir wünschst. Bin mir sicher, dass das gelingt. Bisher ist es ja alles aufgegangen. Und ja, vielen Dank.
VERENA JUNG
Dankeschön.
JULIA ROTHERBL
Wenn ihr jetzt nach dem Anhören dieser Folge genauer wissen wollt, wie viele Medizinstudierende in Deutschland einen akademischen Hintergrund haben und wie viele nicht oder wie viele vor dem Studium schon eine Ausbildung absolviert haben und wie viele nicht, wir haben euch in den Shownotes zu dieser Folge einige Links dazu zusammengestellt. Schaut gerne rein. Die nächste Folge von „Frau Doktor, übernehmen Sie!“ erscheint am fünften Mai. Wir freuen uns, wenn ihr einschaltet.
Bis dahin freuen wir uns über Likes, Feedback, Kritik und alles, was euch einfällt. Wir freuen uns, wenn ihr uns abonniert oder uns eine E-Mail schickt an redaktion@gesundheit-hoeren.de. Bis zum nächsten Mal.
SPRECHERIN
Ein Podcast von gesundheit-hören und Apotheken Umschau Pro
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