Die ersten Ärztinnen

Shownotes

In dieser Folge werfen wir einen Blick zurück in die Geschichte: Die ersten Frauen, die um 1900 Medizin studieren und praktizieren wollten, hatten es nicht einfach. Die Männer wollten sie anfangs nicht in Hörsäle, Praxen und Kliniken lassen. Wie die Frauen damit umgegangen sind, erzählt uns Prof. Dr. Monika Ankele. Sie ist Direktorin des Berliner Medizinhistorischen Museums der Charité und Professorin für Medizingeschichte und medizinische Museologie an der Charité. Mit Julia Rotherbl spricht sie über einige engagierte Vorreiterinnen, frühe Frauennetzwerke – und über bis heute weitgehend unbekannte Militärärztinnen.


Im Podcast „Frau Doktor, übernehmen Sie!“ erzählen Frauen aus der Medizinbranche, wie sie dort Karriere gemacht haben. Dazu spricht Julia Rotherbl, Chefredakteurin der „Apotheken Umschau“, mit Frauen, die in Führungspositionen arbeiten, die Herausforderungen gemeistert haben oder an ihnen gescheitert sind. Es geht um Themen wie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Sexismus, männliche Netzwerke, mangelnde Vorbilder oder verschiedene Arbeitsmodelle. Das Ziel: Euch zu inspirieren und ermutigen, Euren eigenen Weg zu finden.

An jedem ersten Montag im Monat erscheint eine neue Folge. Habt Ihr Fragen, Anregungen oder Kritik? Dann schreibt uns gerne an redaktion@gesundheit-hoeren.de

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Redaktion: Julia Rotherbl, Kareen Seidler, Constanze Radnoti;

Schnitt und Post-Produktion: Constanze Radnoti, Benedikt Möltner, Yves Seißler;

Chefredakteur: Peter Glück


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Transkript anzeigen

PROF. DR. MONIKA ANKELE

Da gibt's sozusagen eine Geschichte, auf der man aufbauen kann mit seiner eigenen Biografie oder anknüpfen kann mit seiner eigenen Biografie. Deshalb scheint mir eben auch diese Sichtbarmachung historischer Frauenfiguren so wichtig. Und ich glaub, das ist sowohl für angehende Ärztinnen als auch angehende Ärzte beziehungsweise für die Gesellschaft im Allgemeinen total wichtig, da eine Sichtbarkeit zu schaffen.

JULIA ROTHERBL

Erst seit ungefähr hundertzwanzig Jahren dürfen Frauen im deutschsprachigen Raum Medizin studieren. Für die ersten von ihnen war das aber echt kein Zuckerschlecken. Sie mussten sich ihren Platz an der Uni und dann in der Klinik oder in der Praxis hart erkämpfen. Unsere heutige Gästin beschäftigt sich mit Frauen in der Geschichte der Medizin. Professorin Doktor Monika Ankele ist Direktorin des Berliner Medizinhistorischen Museums der Charité und Professorin für Medizingeschichte und medizinische Musiologie.

Mit ihr zusammen wollen wir einen feministischen Blick auf die Geschichte der Medizin werfen und ich darf jetzt gleich mit ihr sprechen über Vorurteile, frühe Frauennetzwerke und einige wichtige Vorreiterinnen. Ich freu mich sehr auf die heutige kleine Zeitreise und sag herzlich willkommen Monika. Schön, dass Du da bist.

PROF. DR. MONIKA ANKELE

Danke für die Einladung. Ich freue mich sehr, hier sein zu können.

JULIA ROTHERBLMein Name ist Julia Rotherbl, ich bin Chefredakteurin der Apothekenumschau und freue mich schon sehr auf dieses Gespräch.

SPRECHERINFrau Doktor, übernehmen Sie. Ein Podcast von gesundheit-hören und Apotheken Umschau Pro.

KAPITEL 1 – Rahel Hirsch und andere Pionierinnen

JULIA ROTHERBLMonika, wenn man sich mit dem Thema Frauen in der Medizingeschichte befasst, dann laufen einem auch immer wieder Lebensläufe über den Weg, die sehr beeindruckend sind. Gibt es eine Frau, die zu den ersten Ärztinnen quasi gehört hat, die dir auch so im Gedächtnis ist, wo Du sagst, find ich total beeindruckend, find ich total spannend?

PROF. DR. MONIKA ANKELEAlso es gibt natürlich sehr, sehr viele extrem herausragende Biografien von Frauen in der Geschichte der Medizin. Und vor allem find ich die erste Ärztinnengeneration spannend. Also die Frauen, die da viel auf sich genommen haben, um Medizin studieren zu können, um als Ärztinnen arbeiten zu können. Und besonders spannend find ich eigentlich die Lebensläufe von Emilie Lehmus und Franziska Tiburtius, zwei Frauen, die nach Zürich gegangen sind, die die ersten Frauen waren, die in Zürich eben Medizin studiert haben und die dann zurück nach Deutschland sind. Ihr Doktortitel, der wurde nicht anerkannt in Deutschland, weil hier sozusagen nur die deutsche Approbation gegolten hat.

Nur dann durfte man sich Arzt nennen, Doktor med. Das war ihnen sozusagen verboten. Und das Spannende an der Lebensgeschichte von diesen beiden Frauen ist, dass die gemeinsam eine Poliklinik weiblicher Ärzte für Frauen und Kinder gegründet haben in Berlin und eigentlich ihr Leben lang miteinander verbunden waren und sehr engagiert waren, um, ja, Frauengesundheit zu verbessern.

JULIA ROTHERBLWann war das ungefähr?

PROF. DR. MONIKA ANKELEDas war dann Ende des neunzehnten Jahrhunderts, am Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts. Und man sieht einfach an diesen beiden Lebensläufen, wie engagiert die waren, wie viel Mühen die auf sich genommen haben und wie radikal eigentlich, und auch fortschrittlich die in ihrem Denken waren, da wirklich eben eine Klinik zu gründen, an der Ärztinnen hospitieren, praktizieren, behandeln durften, die sich da explizit an Frauen und Kinder gewendet haben, um die zu behandeln.

JULIA ROTHERBLDu hattest jetzt schon gesagt, dass die beiden nach Zürich gehen mussten. In Deutschland dürfen Frauen erst zu seit ungefähr 120 Jahren Medizin studieren. Es gibt neben der Schweiz noch andere Länder, wo das früher möglich war. Warum war Deutschland eigentlich da so spät dran? Gibt's da eine gute Erklärung dafür?

PROF. DR. MONIKA ANKELEDas ist eine gute Frage. Also wenn es, man muss sagen, das zieht sich so durch die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts, dass mehr und mehr Länder dazu übergehen, Frauen die Zulassung zum Studium zu ermöglichen. Die Debatten im Kaiserreich waren da sehr heftig, auch geprägt natürlich von bürgerlichen Vorstellungen, was so ideale Lebensmodelle für Frauen und Männer sind. Und es gab sozusagen diese Idee von den Geschlechtscharakteren. Das bedeutet, dass man eigentlich davon ausgegangen ist, dass die Frau, bei der Frau wird es reichen, wenn die so ein bisschen gebildet ist, dass sie dann einen guten Haushalt führen kann, ihrem Mann so, ja, 'n paar schöne Stunden verschaffen kann, aber dass sie zu höherer Bildung eigentlich, dass das weder notwendig ist, noch dass sie dafür geeignet ist.

Und da ziehen sich die Debatten eben ab den 1870er und 1880er Jahren und führen dann dazu, dass ab 1900 eigentlich Baden als erstes Bundesland dazu übergeht, Frauen zu den Universitäten zuzulassen.

JULIA ROTHERBLAlso bis heute hält sich ja in manchen Kreisen so die Vorstellung, dass Frauen zu bestimmten operativen Tätigkeiten nicht quasi genug Muskelkraft hätten. Gibt's speziell in der Medizin da irgendwelche Vorstellungen, die dem entgegengestanden haben, Frauen zum Medizinstudium zuzulassen?

PROF. DR. MONIKA ANKELEJa, das waren wirklich, man würde sagen, heute haarsträubende Argumente, die da vorgebracht wurden aus der männlichen Ärzteschaft. Da wurde gesagt, dass Frauen körperlich zu schwach sind, vor allem für den Bereich der Chirurgie. Also da waren Frauen ja auch sehr, sehr lange Zeit ausgeschlossen. Aber auch, dass ihre ganze körperliche Konstitution eigentlich dafür ungeeignet ist durch die Menstruation, durch die Schwangerschaften, durch das Aufziehen der Kinder, dass sie da immer wieder sozusagen ausfallen würden. Das sind ja Argumente, die man teilweise auch heute noch findet.

Dass sie sozusagen zu schwache Nerven haben, dass es auch das Schamgefühl der Frauen verletzen würde, da männliche Patienten zu behandeln. Unterschiedlichste Argumente, die auch zum Teil mit wissenschaftlichen oder mitunter Anführungszeichen wissenschaftlichen Belegen untermauert werden sollten. Es gab einen Anatomen, der hat beispielsweise die Gehirnmasse von Männern und Frauen verglichen und dann festgestellt, dass die Gehirnmasse von Frauen deutlich kleiner ist oder weniger wiegt. Und das war sein Argument, warum Frauen eben für den akademischen Weg, für die Universität, für 'n Studium eben nicht geeignet seien und schon gar nicht für das Medizinstudium. Und diese ersten Frauen, die sich wirklich, sozusagen ja, für diesen Weg entschieden haben, die mussten eben gegen diese Argumente eigentlich ankämpfen.

JULIA ROTHERBLGibt es denn von diesen Frauen eigentlich irgendwelche Dokumente, Tagebücher, Briefe, wie sie dieses Studium unter überwiegend männlichen Kommilitonen erlebt haben?

PROF. DR. MONIKA ANKELEJa, es gibt zum Glück, muss man sagen, eine Reihe von autobiografischen Texten, vor allem dieser ersten Ärztinnen, also dieser ersten Generation von Ärztinnen, die studieren konnten, sowohl in der Schweiz als dann auch in Deutschland. Und die zeigen sehr eindrücklich, ja, mit welchem Gegenwind sie da an den Universitäten auch konfrontiert waren. Also wenn die beispielsweise den Besuch der Vorlesungen beschreiben, dass die männlichen Studenten mit den Füßen gestampft haben, dass sie gepfiffen haben, wenn die Frauen den Hörsaal betreten haben. Also dass da einzelne Dozenten den Frauen verboten haben, ihre Vorlesungen zu besuchen. Weil dieses Recht hatten Dozenten bis 1918 eben noch, dass sie Frauen von ihren Vorlesungen ausschließen konnten.

Und da gibt's eben, wie gesagt, zum Glück sehr, sehr viele Zeugnisse, die da 'n guten Einblick geben. Und diese Zeugnisse oder diese Geschichten der ersten Ärztinnen wurden dann ab den 1990er Jahren aufgearbeitet. Es gab ein ganz dolles Forschungsprojekt zu den Ärztinnen im Kaiserreich. Und vor allem die Medizinhistorikerinnen Johanna Bleker und Eva Brinkschulte waren da wirklich federführend und haben da Grundlagenarbeit geleistet, um diese Geschichten sichtbar zu machen, um diese Zeugnisse eigentlich zu heben und öffentlich zu machen und um einfach Frauen in der Geschichte der Medizin auch sichtbar zu machen. Denn das waren sie natürlich lange Zeit nicht, wie man sich das vorstellen kann.

JULIA ROTHERBLAlso man sieht an der Geschichte, dass Frauen eigentlich nicht wirklich willkommen waren in den Universitäten. Kannst Du kurz sagen, warum dann letzten Endes doch diese Entscheidung überhaupt gefallen ist? Also die müssen ja, wir haben ja wahrscheinlich Männer getroffen, die saßen ja damals an den entsprechenden Positionen. Dass Frauen überhaupt dann doch zugelassen wurden, man ihnen dann aber jede Menge Steine in den Weg gelegt hat.

PROF. DR. MONIKA ANKELEGenau. Also Frauen, und das beschreibt Käte Frankenthal auch, eine der ersten Ärztinnen, ganz gut, haben sich einfach gefühlt wie Eindringlinge in diese Universitäten und wurden von ihren männlichen Mitstudenten wie Feinde eigentlich angesehen. Was dann aber doch dazu geführt hat, dass die Universitäten sich geöffnet haben beziehungsweise, dass Frauen auch Medizin studieren durften, das war ein ganz zentrales Argument, nämlich dass sich Frauen auch lieber von Frauen behandeln lassen würden.

JULIA ROTHERBLOkay.

PROF. DR. MONIKA ANKELEAlso dass da auch eben bestimmte, ja, Schamgrenzen überschritten werden, wenn männliche Ärzte beispielsweise in der Frauenheilkunde, Geburtshilfe et cetera Frauen behandeln und dass es hier endlich notwendig wäre, weibliche Ärzte, so wurden die anfangs auch bezeichnet, weibliche Ärzte zu haben, um eben, ja, Frauen behandeln und versorgen zu können. Und auch viele dieser ersten Ärztinnen waren dann beispielsweise in der Frauenheilkunde tätig beziehungsweise haben sich dann wirklich fokussiert auf Frauen oder Kinder als Patientinnen.

JULIA ROTHERBLWie ging es denn für die Frauen generell so nach dem Studium weiter? Also man hat das Studium absolviert und dann muss man ja wahrscheinlich auch irgendwie einen Klinikdirektor, einen Chefarzt finden, wo man eben angestellt wird als Frau. Wie leicht war das überhaupt, dann quasi in eine Anstellung zu kommen?

PROF. DR. MONIKA ANKELEGenau, also es gab eigentlich zwei Möglichkeiten für Ärztinnen, die in Deutschland approbiert waren. Die konnten entweder sich eben in einer Praxis niederlassen, also als niedergelassene Ärztinnen praktizieren oder sie konnten eben eine Assistentenstelle an einem öffentlichen Krankenhaus, in einer Anstalt et cetera anstreben. Und das war möglich eben, wenn sie sozusagen diese Approbation hatten. Und da waren sie aber natürlich auch immer darauf angewiesen, eben wie Du's jetzt auch schon gesagt hast, dass es da einen Fürsprecher gab, dass es da Ärzte gab, und das waren in dem Fall natürlich in dieser ersten Generation von Frauen und auch in den weiteren Generationen, kann man eigentlich fast sagen, männliche Ärzte, die dann eben gesagt haben, gut, wir nehmen diese Frau auf, die wird bei uns jetzt Assistentin sein. Es gab zwar viele Assistentenstellen, aber nicht immer wurden die mit Frauen besetzt.

Es gab hier an der Charité beispielsweise bei Friedrich Knaus, einem Internisten, dem Leiter der zweiten Medizinischen Klinik in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Und der hat beispielsweise Rahel Hirsch als Assistentin aufgenommen und gefördert. Und da sieht man schon sehr deutlich auch in diesen Biografien der ersten Ärztinnen, dass es immer einen, ja, einen männlichen Förderer eigentlich braucht, der sozusagen diese Brücken baut, damit sie eigentlich ihren Weg da weitergehen können.

JULIA ROTHERBLWeil vielleicht nicht jeder mit Rahel Hirsch was anfangen kann. Magst Du kurz sagen, wer das war?

PROF. DR. MONIKA ANKELERahel Hirsch war eben auch einer der ersten Ärztinnen, ist in Frankfurt geboren, hat dann zuerst Pädagogik studiert und dann als Lehrerin gearbeitet. Das findet man einigen dieser Ärztinnenbiografien wieder, weil diese Lehrerinnenausbildung eigentlich auch so ein Weg war zur höheren Bildung und hat sich dann entschlossen, eben Medizin zu studieren, hat 1903 approbiert. Und sie war eben die zweite Ärztin an der Charité, also neben Friederike Stelzner, die in der Psychiatrie gearbeitet hat, war sie eben die zweite Ärztin. Und 1908, und das ist schon so eine Besonderheit, hat sie dann die Leitung der Poliklinik der zweiten Medizinischen Klinik der Charité übernommen. Also sie hat dann wirklich diese Poliklinik geleitet.

Und sie erhielt dann auch 1913 und auch das eine Besonderheit, einen Professorentitel, durfte aber noch nicht unterrichten und hat auch keinen Lehrstuhl erhalten. In der Zeit des Nationalsozialismus wurde ihr dann ihre Kassenzulassung entzogen. Sie war Kassenärztin. Sie durfte dann auch keine Nichtjuden mehr behandeln und sie ist dann nach London emigriert. Dort wurde ihre deutsche Approbation nicht anerkannt.

Das heißt, sie durfte dort als Ärztin nicht arbeiten. Sie hat dann als Übersetzerin gearbeitet und ist dann in den Fünfzigerjahren in einer Psychiatrie in der Nähe von London verstorben. Also das ist ja schon ein sehr, ja, eine herausragende und zugleich extrem tragische Lebensgeschichte.

KAPITEL 2 – Frühe Netzwerke & (Un)Sichtbarkeit

JULIA ROTHERBL

Es gibt einen Zeitschriftenartikel über eine österreichische Gynäkologin, die Bianca Bienenfeld hieß. Und da wurde unter anderem gewürdigt in diesem Artikel, dass sie ihre weiblichen Eigenschaften nicht vernachlässigt habe und Frau geblieben sei, obwohl sie Ärztin war. Was ich auch spannend find dahingehend, dass es vielleicht so war, dass die Frauen, die sich in dem Bereich irgendwie in der Klinik zum Beispiel durchsetzen wollten, dann vielleicht doch sehr männliche Eigenschaften annehmen mussten zu der Zeit?

PROF. DR. MONIKA ANKELEJa, ist eine gute Frage. Oder es wurde eben gerade dann noch mal unterstrichen, dass sie eben trotzdem Frau geblieben sind, wie bei diesem Nachruf von Bianca Bienenfeld eigentlich. Also, wo dann noch mal gewürdigt wird, wie Du's jetzt geschildert hast, was für großartige und engagierte Ärztinnen sie war, aber eben nicht auf Kosten ihrer weiblichen Eigenschaften. Und wenn man sozusagen diese Biografien dieser ersten Ärztinnen liest oder die autobiografischen Texte, wird eigentlich deutlich, was für unglaubliches Durchsetzungsvermögen und was für unglaubliche Kraft, die die wirklich da aufgebracht haben, um diesen Weg zu verfolgen.

Es gibt eine Ärztin, die schon sehr, sehr früh als Gasthörerin Medizin studiert hat in Leipzig, schon in den achtzehn Siebzigerjahren, Hope Bridges Adams. Und sie hat beispielsweise kurze Haare getragen und sich männlich gekleidet, um unter den männlichen Studenten eben nicht aufzufallen, also die sich da äußerlich quasi angepasst hat.

JULIA ROTHERBL

Ist es denn eigentlich so, dass all diese Frauen Einzelkämpferinnen waren oder gab's auch in Zeiten vor Social Media irgendwie Netzwerke? Haben die Frauen sich irgendwie gefunden und zusammengetan oder waren's dann am Anfang doch letzten Endes zu vereinzelt und weit verstreute Studierende und Ärztinnen, dass das nicht passiert ist?

PROF. DR. MONIKA ANKELEDoch, diese Netzwerke waren ganz zentral. Das beginnt natürlich schon bei der Gründung von bürgerlichen Frauenvereinen, die darum kämpfen, dass Mädchen zum Abitur zugelassen werden. Das Abitur ist ja die Grundvoraussetzung, dass man dann überhaupt studieren kann. Also da waren Netzwerke und dieser Zusammenschluss von Frauen, der war da ganz zentral und wesentlich und auch die Ärztinnen haben sich zusammengeschlossen. Ich hab das Beispiel eben auch gebracht von Emilie Lehmus und Franziska Tiburtius, die eben diese Klinik für Frauen in Berlin gegründet haben und die dort eben auch sozusagen zum Anziehungspunkt für viele Ärztinnen geworden sind.

Also dort konnten Chirurginnen beispielsweise praktizieren, was an anderen Orten überhaupt nicht möglich war. Und es gab dann eben auch später den Bund Deutscher Ärztinnen, der 1924 gegründet worden ist und auch viele andere Zusammenschlüsse von Frauen, die ja, notwendig waren, um sich gegenseitig zu unterstützen, um sich zu helfen, um Ratschläge zu geben, um sich da wirklich Brücken zu bauen in diese männlich geprägte und männlich dominierte Welt, Ärztewelt und Gesellschaft eigentlich.

JULIA ROTHERBLWie haben denn die Männer das so beobachtet?

PROF. DR. MONIKA ANKELEDen Zusammenschluss von den Frauen? Ja. Es gab schon Männer, die auch gesagt haben, es ist wichtig, dass Frauen eben auch Medizin studieren können, dass sie Ärztinnen werden können, dass sie da praktizieren und behandeln können. Aber dass insgesamt einfach der Gegenwind groß war, dass es zahlreiche Publikationen gab, auch in den Zeitungen, auch populistische Schriften, wo Männer einfach gegen das Frauenstudium gehetzt haben. Also das findet man zahlreich.

JULIA ROTHERBLWie beobachtest Du denn eigentlich, dass jetzt aus deiner Position als Professorin für Medizingeschichte die aktuelle Situation der Ärztinnen? Es ist ja so, dass in dieser relativ kurzen Zeit, in der Frauen jetzt Medizin studieren können, sie es geschafft haben, dass weit mehr Frauen als Männer Medizin studieren. Aber wenn man sich jetzt halt anguckt, wer an den entscheidenden Stellen sitzt, also Thema Machteinfluss, Chefpositionen und so weiter, sind's halt immer noch vor allem die Männer. Also, was hinterlässt das für, bei dir fürn Gefühl, wo Du weißt, wie sehr die Frauen eigentlich gekämpft haben und bis heute eigentlich keine vollkommene Gerechtigkeit da hergestellt ist.

PROF. DR. MONIKA ANKELEDas Thema ist einfach noch immer aktuell und das ist ja schon so erstaunlich. Also als Historikerin würde ich jetzt sagen, okay, 120 Jahre Frauenstudium ist vielleicht gar nicht so eine lange Zeit. Aber andererseits ist es einfach erstaunlich, mit welchen Argumenten auch Ärztinnen, Studentinnen heute noch konfrontiert werden. Dabei habt's ja auch in eurem Podcast ist das ja sozusagen auch ein Thema.

JULIA ROTHERBL

Ja.

PROF. DR. MONIKA ANKELE

Und es gibt auch hier an der Charité die Allianz für Gleichstellung an einzelnen Instituten und Kliniken, wo sich Frauen eben zusammentun, um Instrumente der Gleichstellung eigentlich zu implementieren in ihrem Arbeitsbereich. Da könnte man definitiv noch einiges, glaub ich, verbessern. Nicht nur für die Frauen, sondern genauso auch für die Männer eigentlich.

JULIA ROTHERBLIst es eigentlich so, dass diese ersten Ärztinnen eine Form von Vereinbarkeit hatten oder waren das dann Frauen, die quasi auf dem Heiratsmarkt keine Chance hatten, um das blöd auszudrücken? Oder haben die es tatsächlich geschafft, irgendwie Karriere und Familie, Privatleben irgendwie unter einen Hut zu bekommen?

PROF. DR. MONIKA ANKELEAlso wenn man diese Biografien der ersten Ärztinnen liest, dann stellt man fest, dass viele von ihnen Mütter waren, dass die teilweise auch sehr, sehr viele Kinder hatten. Und wenn man sich dann noch vorstellt, dass sie parallel dazu studiert haben, dass sie dann auch ihre eigene Praxis hatten, ist es schon spannend, welches Netz die auch zur Verfügung hatten an unterstützenden Familienmitgliedern beispielsweise, um das überhaupt zusammenbringen zu können, um quasi Beruf und Familie vereinbaren zu können.

JULIA ROTHERBL

Ja. Einen letzten Punkt, weil ich den ziemlich spannend fand. Es gibt Denkmäler oder Gedenkstätten für Militärärzte, wo dezidiert quasi davon ausgegangen wird, dass vor allem Ärzte im Sinne von Männern ihr Leben gelassen haben im Kriegseinsatz. Das stimmt wohl aber so gar nicht. Magst Du dazu noch was sagen? Das finde ich total spannend und ich glaube, dass das viele auch tatsächlich nicht wissen.

PROF. DR. MONIKA ANKELEDas ist wirklich eine spannende Geschichte, die muss man sagen, eigentlich bis heute kaum oder nur bedingt aufgearbeitet ist, nämlich die Geschichte der Militärärztinnen im Ersten Weltkrieg. Es war so, dass in der deutschen Armee Frauen nicht als Militärärzte ins Feld ziehen durften, weil sie dann eigentlich einen Offiziersrang bekommen hätten und das in der deutschen Armee nicht möglich war oder vorstellbar war, dass Frauen da den Männern übergeordnet werden und dass Männer dann sozusagen Befehle von den Frauen erhalten würden. Und tatsächlich war's aber so in der österreichisch-ungarischen Armee war's möglich, dass auch Ärztinnen als Militärärztinnen tätig sein konnten. Und es gibt die Geschichte von Käte Frankenthal, einer deutschen Ärztin, die dann eben in die österreichisch-ungarische Armee gegangen ist, um dort als Militärärztin dann arbeiten zu können. Und da war sie nicht die Einzige.

Sie beschreibt zwar in ihrer Autobiografie, dass ihr während dieser Zeit keine andere Ärztin untergekommen ist, dass sie keiner anderen Ärztin begegnet ist. Aber es gibt und es gab andere Ärztinnen, die eben auch als Militärärztinnen im Ersten Weltkrieg tätig waren. Das Spannende ist eben genau das, was Du jetzt schon erwähnt hast, dass es eben keine Denkmäler für diese Frauen gibt, die im Ersten Weltkrieg als Ärztinnen eben im Krieg waren oder auch dort gefallen sind.

JULIA ROTHERBLIch find, das ist jetzt nur ein Beispiel für das, was Du vorher auch schon gesagt hast, dass auch in dieser Medizingeschichte Frauen oft immer noch unsichtbar sind. Wir reden in dem Podcast ja viel über Sichtbarkeit von Frauen heute, aber man muss, glaub ich, auch an manchen Stellen noch dafür sorgen, dass Frauen von früher sichtbarer werden.

PROF. DR. MONIKA ANKELEAuf alle Fälle. Also das glaub ich auch, weil ich sozusagen auch in meiner eigenen Biografie merke, wie wichtig Vorbilder sind. Also wie wichtig das ist zu sehen, ah, da gibt's sozusagen eine Geschichte, auf der man aufbauen kann mit seiner eigenen Biografie oder anknüpfen kann mit seiner eigenen Biografie. Deshalb scheint mir eben auch diese Sichtbarmachung historischer Frauenfiguren so wichtig. Und ich glaub, das ist sowohl für angehende Ärztinnen als auch angehende Ärzte beziehungsweise für die Gesellschaft im Allgemeinen total wichtig, da eine Sichtbarkeit zu schaffen.

Und wir versuchen das auch im Museum mit Führungen speziell zur Geschichte der Frauen in der Medizin, dass man hier einfach noch mal den Fokus wirklich auf diese Geschichte legt.

JULIA ROTHERBLVielleicht inspiriert ja diese Folge, unser Gespräch, den einen oder die andere dazu, sich in dieses Thema mal zu vertiefen. Mir hat's wahnsinnig viel Spaß gemacht, sowohl mich auf diese Folge vorzubereiten als auch mit Dir zu sprechen. Vielen Dank, dass Du unsere Gästin warst.

PROF. DR. MONIKA ANKELEVielen, vielen Dank noch mal für die Einladung und ich freu mich dich auch sehr, wenn da jetzt sozusagen der Funke irgendwo hinspringt und das Interesse für die Geschichte der Frauen in der Medizin etwas zunimmt.

JULIA ROTHERBLWeil wir gerade mit Monika drüber gesprochen haben, wichtig es ist, Frauen in der Medizingeschichte auch ihren Platz einzuräumen und sie sichtbar zu machen, möchte ich euch an dieser Stelle gern einen weiteren Podcast von Gesundheit hören ans Herz legen, nämlich „Siege der Medizin“. In der aktuellen Staffel erzählen wir nämlich die Geschichten von vielen spannenden Frauen in der Medizin, unter anderem von Hildegard von Bingen, Louise Bourgeois, eine Hebamme am französischen Hof, oder Marie Curie. Hört gerne rein, wenn ihr wieder bei „Frau Doktor, übernehmen Sie“ reinhören wollt, dann lasst euch's gesagt sein, wir erscheinen jeden ersten Montag im Monat.

SPRECHERINEin Podcast von gesundheit-hören und Apotheken Umschau Pro.

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