Das lange Warten – Anerkennungsverfahren für ausländische Ärzt:innen
Shownotes
In Deutschland fehlen Ärzt:innen. Mediziner:innen, die aus dem Ausland hierher kommen, könnten da helfen. Allerdings vergehen oft Jahre, bis sie ihre Zulassung bekommen, besonders, wenn sie aus sogenannten Drittstaaten kommen, also nicht aus der EU oder der Schweiz. Auf ihrem Weg liegen viele Hürden: das Visum, Sprachtests, Prüfungen und unfassbar viel Bürokratie. Das musste auch Aischa Hawa erleben. Obwohl sie in Deutschland geboren ist, war ihr eine Stelle als Ärztin nach dem Studium in Syrien und Ägypten längst nicht sicher. Heute ist sie Assistenzärztin in Weiterbildung am städtischen Klinikum Lüneburg und Mitglied der Syrischen Gesellschaft für Ärzte und Apotheker in Deutschland (SyGAAD). Wir haben für diese Folge außerdem mit Marah Al-Khurfan gesprochen. Sie ist dank eines SyGAAD-Stipendiums seit Sommer 2024 in Deutschland und hofft nun, möglichst bald alle nötigen Schritte für ihre hiesige Approbation gehen zu können. Die beiden Frauen beschreiben, wie viel Geduld, Zeit – und durchaus auch Geld – man mitbringen muss, um in Deutschland als Ärzt:in arbeiten zu können.
Weitere Infos und Links: Syrische Gesellschaft für Ärzte und Apotheker in Deutschland (SyGAAD): https://sygaad.de/de/
Im Podcast „Frau Doktor, übernehmen Sie!“ erzählen Frauen aus der Medizinbranche, wie sie dort Karriere gemacht haben. Dazu spricht Julia Rotherbl, Chefredakteurin der „Apotheken Umschau“, mit Frauen, die in Führungspositionen arbeiten, die Herausforderungen gemeistert haben oder an ihnen gescheitert sind. Es geht um Themen wie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Sexismus, männliche Netzwerke, mangelnde Vorbilder oder verschiedene Arbeitsmodelle. Das Ziel: Euch zu inspirieren und ermutigen, Euren eigenen Weg zu finden.
Montags alle 14 Tage erscheint eine neue Folge. Habt Ihr Fragen, Anregungen oder Kritik? Dann schreibt uns gerne an redaktion@gesundheit-hoeren.de
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Redaktion: Julia Rotherbl, Constanze Radnoti, Kareen Seidler; Schnitt und Post-Produktion: Constanze Radnoti, Benedikt Möltner, Yves Seißler; Chefredakteur: Peter Glück
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Transkript anzeigen
AISCHA HAWA
Naja, man muss sagen, ich konnte ja noch vielleicht ein bisschen wählerisch sein. Ich habe ja den deutschen Pass, aber als Syrer, wo willst du denn noch überall hinreisen? Du wirst ja nirgendwo aufgenommen.
JULIA ROTHERBL
Ohne Zuwanderung könnten wir die Qualität unserer Gesundheitsversorgung in Deutschland nicht halten. Das zeigen sehr viele Zahlen sehr eindrücklich, zum Beispiel die, dass inzwischen knapp 64.000 ausländische Ärztinnen und Ärzte in Deutschland arbeiten. Auf der anderen Seite zeigen viele Fakten sehr eindrücklich, dass es Ärztinnen und Ärzte, die aus dem Ausland nach Deutschland kommen, vor allem aus sogenannten Drittstaaten, also nicht aus der EU, und hier eine Zulassung haben möchten, es oft sehr schwer haben. Bis sie ihre Approbation bekommen, vergehen in der Regel viele Jahre. Auch meine heutige Gästin musste lange warten, obwohl sie ihre Kindheit in Deutschland verbracht hat, fließend Deutsch spricht und sogar schon eine Stellenzusage hatte, als sie aus Ägypten nach Deutschland gekommen ist. Inzwischen ist Aischa Hawa Assistenzärztin in Weiterbildung am städtischen Klinikum Lüneburg und sie spricht heute mit mir über ihren, wie sie selbst sagt, steinigen Weg dorthin. Und wir wollen mit ihr darüber sprechen, warum dieser Weg eigentlich für sie und für viele andere so beschwerlich ist und war. Aischa, herzlich willkommen bei „Frau Doktor, übernehmen Sie!“ Schön, dass du heute unsere Gästin bist.
AISCHA HAWA
Ja, vielen lieben Dank, Julia. Das freut mich auch sehr.
JULIA ROTHERBL
Mein Name ist Julia Rotherbl. Ich bin Chefredakteurin der Apotheken Umschau und ich wünsche euch jetzt allen sehr viel Spaß beim Zuhören.
SPRECHERIN
Frau Doktor, übernehmen Sie! Ein Podcast von gesundheit-hören und Apotheken Umschau Pro.
KAPITEL – Von Sylt nach Syrien und zurück
JULIA ROTHERBL
Ich würde kurz unsere Zuhörerinnen mitnehmen auf diese kleine Anerkennungsreise und nur ganz kurz sagen, was grundsätzlich die Schritte sind für Menschen, die aus einem sogenannten Drittstaat kommen und in Deutschland dann als Ärztin oder Arzt arbeiten wollen. Am Anfang steht der Visumsantrag und ein sogenanntes B2-Sprachzertifikat. Man muss außerdem eine Fachsprachprüfung ablegen und dann muss man entweder anhand von Zeugnissen und Dokumenten darlegen können, dass man eine zum deutschen Studium gleichwertige Ausbildung genossen hat oder man muss eine sogenannte Kenntnisprüfung ablegen und erst dann kann man eine Berufszulassung bekommen. Was man jetzt quasi nicht hört, wenn ich das so knapp erzähle – wie lange das alles dauern kann. Und das wäre meine erste Frage an dich, Aischa, tatsächlich – ob du nach all dem, was du da quasi erlebt hast, mittlerweile eine sehr geduldige Person bist, die sehr gut warten kann.
AISCHA HAWA
Ja, also ich war das eigentlich schon immer. Also es gibt manche, die halten es gar nicht bis zum Ende aus. Aber doch, also ich habe noch mehr Geduld gelernt.
JULIA ROTHERBL
Du hast in Syrien Medizin studiert, in Syrien und Ägypten, genauer gesagt, bist allerdings auf Sylt geboren und aufgewachsen. Magst du uns kurz mitnehmen, in deine Kindheit und uns sagen, warum dein Weg dich von Deutschland nach Syrien geführt hat. Als Zehnjährige, glaube ich.
AISCHA HAWA
Genau. Also ich bin in Deutschland geboren von einer deutschen Mutter und einem syrischen Vater, wie du schon ganz genau gesagt hast, auf der Insel Sylt. Und habe da die Grundschule auch besucht und bin dann mit zehn Jahren aus einfach familiären Gründen nach Syrien gezogen. Und hauptsächlich erst bin ich ja deutschsprachig geboren, hab also nur die deutsche Sprache gekonnt. Und dann als Kleinkind, da hat der Papa immer auch schon zu Hause Arabisch gesprochen und Deutsch auch. Aber das richtige Arabisch habe ich erst mit zehn in Syrien gelernt. Und dann habe ich halt dann quasi mit dem Gymnasium angefangen. Und da habe ich dann letztendlich im Abitur einen sehr guten Notenabschnitt gehabt. Und mein Wunsch war es auch schon irgendwie immer, Medizin zu studieren. Und dann habe ich halt in Syrien mit dem Medizinstudium begonnen und als der Krieg in Syrien anfing, konnte ich mein Studium nicht fortführen. Also das war einfach zu riskant, einfach gefährlich. Und da ich ja zwei Staatsangehörigkeiten habe, also die deutsche, dachte ich, versuch doch mal in Deutschland einfach dein Studium fortzuführen. Weil ich wirklich so ein Jahr gewartet habe, dass es sich bessert, dass ich von einer Stadt in die andere in Syrien wechseln kann. Aber letztendlich gab es irgendwie kein weiter, keinen Fortschritt. Und dann dachte ich, in Deutschland weiter versuchen. Und in Deutschland war es auch nicht einfach, also nicht ohne. Also ich konnte nicht direkt weiter studieren. Ich hatte erst versucht, das, was ich bisher geleistet habe, anerkennen zu lassen und letztendlich hat es nicht geklappt. Also ich hätte vom quasi siebten Semester aufs zweite zurückgestuft werden müssen und mit Wartezeit rechnen und das war mir einfach zu umständlich.
JULIA ROTHERBL
Gab es eine Erklärung dafür? Also konntest du das nachvollziehen, warum man aufs zweite zurückgestuft wird?
AISCHA HAWA
Ja. Also die ganzen Fächer, zum Beispiel Anatomie und Physiologie und Pathophysiologie sind sehr große Fächer. Die werden in verschiedene Teile unterteilt. Also die kann man nicht in einem Semester alles lernen. Also auf verschiedene Semester. Und ich hatte dann zum Beispiel von vier Teilen, hatte ich drei und mir fehlte eins und dann wurde das ganze Fach nicht angerechnet. Und ich kam auch so nicht zu einer bestimmten Anmeldefrist, also einfach so mittendrin. Dann hätte ich noch warten müssen und warten, warten, warten und dann sicherlich erst vom zweiten wieder anfangen können. Und das war mir einfach zu lang.
JULIA ROTHERBL
Ich verstehe. Und dann hast du dich entschieden, in Ägypten weiter zu studieren?
AISCHA HAWA
Genau. Und da habe ich dann 2012 tatsächlich weiter studieren können, wo ich aufgehört habe, dann auch direkt weiter. Ich musste zwar noch ein paar Fächer nachholen und eine Herausforderung war auch, dass das Studium dort auf Englisch war. Also in Syrien war es noch auf Arabisch. Und genau, aber es ging.
JULIA ROTHERBL
Und dann kam nach dem Studium dann doch die Entscheidung, nach Deutschland zu gehen. Warum ist die gefallen?
AISCHA HAWA
Also ich habe mein Studium ja abgeschlossen, aber ich musste noch so ein praktisches Jahr machen, das PJ. Ich dachte in Ägypten, Warum soll ich da jetzt ein ganzes Jahr noch bleiben? Verwandte und mein Mann und alle sind nicht da. Man konnte quasi als Student in Ägypten sein praktisches Jahr mit einer Erlaubnis an einem anerkannten Klinikum auch im Ausland, also außerhalb von Ägypten, dann absolvieren. Erst hatte ich versucht in den Emiraten, das war auch nicht einfach, da eine Stelle zu bekommen. Und ich hatte aber zeitgleich weiterhin E-Mails nach Deutschland geschickt, weil ich dachte, Deutschland, irgendwann werde ich wieder nach Deutschland zurückkommen. Und ein Klinikum hat mir da eine PJ-Stelle angeboten. Das war auch halt wirklich nicht einfach, direkt so eine Stelle zu finden, weil die deutschen Kliniken haben immer, sagen wir mal so pro Krankenhaus, vielleicht fünf PJ-Plätze und die sind immer mit Vorrang für die in Deutschland studierenden zukünftigen Ärzte.
JULIA ROTHERBL
Du hast jetzt so gesagt, du hast viele E-Mails verschickt. Es waren fast 100, richtig, bevor du eine Zusage hattest?
AISCHA HAWA
Ja, um die 80. Ich habe jetzt nicht genau gezählt.
JULIA ROTHERBL
Hast du zwischendurch mal gedacht, es wird nichts mehr?
AISCHA HAWA
Also so die ganze Hoffnung habe ich nicht verloren. Ich war halt überrascht, als ich dann doch eine Antwort bekam. Bei manchen kriegt man eine Absage, bei manchen kriegt man überhaupt keine Antwort. Das ist einfach wie wenn man sich für eine Stelle bewirbt. Dann habe ich aber auch direkt zugeschnappt und habe dann direkt von Tag auf nach das Ticket gebucht. Und bin ohne Pläne, ohne irgendwie schon eine Unterkunft zu haben, bin ich da einfach in diese fremde Stadt hingereist. Also das war ganz lustig, weil die hatten auch keine Unterkünfte für PJler da im Hause.
JULIA ROTHERBL
Aischa, es gibt einen Prozess, durch den du nämlich nicht gehen musstest, das ist der Visumsprozess. Auch dafür ist eine Stellenzusage unerlässlich. Die Alternative ist, dass man sehr viel Geld auf einem Sperrkonto hinterlegt. Wir haben mit einer Syrerin gesprochen, die diesen Visumsprozess gerade hinter sich hat. Sie hat ihr Visum im Juli 2024 bekommen. Ihr Name ist Marah Al-Khurfan. Sie hat sich vor circa drei Jahren entschieden, nach Deutschland zu gehen, hat in Syrien Deutsch gelernt und dann eben dieses Visum beantragt. Wir haben einen O-Ton von ihr, den ich dir sehr gerne vorspielen würde. Hier kommt er.
MARAH AL-KHURFAN
Ich bin hier mit einem 16D-Aufenthaltsvisum, das bekannt ist für die medizinischen Mitarbeiter. Es gibt viele Bedingungen, um dieses Visum zu bekommen. Die B1-Prüfung ist eine. Es gibt eine andere große Herausforderung, eigentlich. Das war entweder ein Arbeitsvertrag in Deutschland oder ein Sperrkontobetrag von 12.500 Euro. Für den Arbeitsvertrag habe ich versucht, 100 E-Mails für viele Krankenhäuser und auch in Deutschland. Als ich in Syrien war, habe ich mich beworben, aber keine positive Rückmeldung erhalten. Ich konnte das selbst nicht machen, einen Arbeitsvertrag bekommen. Ich musste dann daran denken, an die andere Option, das ist ein Sperrkontobetrag. Und für meine Familie und für viele syrische Familien, das ist zu viel Geld. Ich konnte das auch selbst nicht machen. Deshalb habe ich mich für das Stipendium, das SyGAAD-Stipendium, die Syrische Gesellschaft für Ärzte und Apotheker in Deutschland, das Stipendium beworben. Und ich war sehr glücklich, weil ich konnte meine Finanzierung erhalten.
JULIA ROTHERBL
Du nickst schon, Aischa. Es ist, glaube ich, eine Geschichte – du bist selbst auch Mitglied in der soeben genannten Syrischen Gesellschaft für Ärzte und Apotheker in Deutschland. Das ist was, was du vielleicht öfter hörst, richtig?
AISCHA HAWA
Ja, also definitiv, weil das ist ja auch eine Herausforderung, weil man ist gerade Uni-Absolvent, hat noch gar kein Einkommen und nicht jeder – also auch in Syrien insbesondere, viele haben ihr Vermögen verloren. Und das ist wirklich eine Zumutung, da 12.000 Euro zusammen zu bekommen. Die andere Option ist einen Arbeitsvertrag zu bekommen. Da beginnt auch schon ein Teufelskreis, weil die Arbeitgeber wollen einfach, um jemanden einzustellen, wollen die meisten im Voraus schon ein Berufserlaubnis haben. Und die kann man ja erst bekommen oder beantragen, wenn man in Deutschland ist.
JULIA ROTHERBL
Du hast auch vorher mit einem sehr breiten Lachen erzählt, wie glücklich du warst über die Zusage dieses Arbeitsvertrages und auch das zeigt die Geschichte, dass das nicht selbstverständlich ist, dass man hier eine Zusage erhält.
AISCHA HAWA
Genau. Man muss auch sagen, inzwischen kommen ja auch mehr und mehr und die Konkurrenz wächst damit auch. Auch wenn man schon inzwischen in Deutschland ist, sagen wir mal, man hat sein Sperrkonto, man ist nach Deutschland gekommen und eingereist und man möchte halt die Berufserlaubnis, eine vorübergehende Berufserlaubnis beantragen. Also ich rede noch gar nicht von der richtigen Approbation, sondern von einer vorübergehenden Berufserlaubnis. Da musste man zumindest zu meiner Zeit bei den Unterlagen, die man da vorzeigt, eine Stellenzusage unter anderem vorlegen. Und ja, die kriegt man so nicht immer. Zeitgleich sucht ja das deutsche Gesundheitswesen, sucht ja Ärzte. Es ist ja ein Ärztemangel und wir kriegen aber diese Berufserlaubnis einfach nicht so schnell wie gehofft.
JULIA ROTHERBL
Das ist das Absurde, finde ich, an der Situation, was du jetzt gerade sagst, dass der Fachkräftemangel ein Thema ist, das auch ja ständig durch die Medien geht. Wenn man sich die Zahlen anguckt, ist es ja auch so, dass mittlerweile ungefähr 64.000 Ärztinnen und Ärzte aus dem Ausland in Deutschland arbeiten. Ein sehr großer Anteil davon kommt aus Syrien. Und gleichzeitig scheinen die bürokratischen Hürden, die Wartezeiten und so extrem hoch zu sein.
AISCHA HAWA
Ja, ganz genau.
JULIA ROTHERBL
Magst du uns mal erzählen, wie das bei dir abgelaufen ist, mit der Fachsprachprüfung, der Kenntnisprüfung, wie du diesen Prozess erlebt hast?
AISCHA HAWA
Ja, also ich hatte dann schon während des PJs gewusst, ich will in Deutschland weitermachen. Und dann habe ich im April das PJ abgeschlossen, Ende April die Unterlagen eingereicht. Und zu dem Zeitpunkt hatte ich erstmal so eine vorübergehende Berufserlaubnis beantragt, aber auch zeitgleich schon den Antrag gestellt, dass ich also die deutsche Approbation möchte. Und das war 2017. Zu dem Zeitpunkt konnte man sagen, entweder nehme ich das Gutachtenverfahren oder ich entscheide mich für eine Kenntnisprüfung. Das heißt, mit dem Gutachtenverfahren muss man alle Nachweise von Stundenzahlen, von Beschreibung des Curriculums, das sind so ganz dicke Blöcke von Unterlagen, die man alle ins Deutsche übersetzen muss, also beglaubigt übersetzen und auch von denen in dem Land, wo man dann studiert hat, von der deutschen Botschaft und das Außenministerium und so weiter, beglaubigen muss. Und für mich gestaltete sich das schon schwierig, weil ich halt in Syrien und in Ägypten studiert habe. Ich dachte, also in Syrien gibt es gar keine deutsche Botschaft mehr. Wie soll ich das also – Wie lange muss ich da warten und wie viel Geld muss ich da tatsächlich ausgeben, um das alles umzusetzen? Dann dachte ich, wo ich jetzt noch die Option habe, eine Kenntnisprüfung zu machen. Ich war halt selbstsicher, ich habe jetzt noch frisch meinen Abschluss, die ganzen medizinischen Kenntnisse sind mir eigentlich noch frisch im Kopf. Dann dachte ich, „Ja, Aischa, nimm doch die Prüfung. Und dann bestehst du und dann geht’s weiter.“ Dann kam die erste Hürde. Es war so ein wirklich steiniger Weg, sagen wir mal so. Für diese vorübergehende Berufserlaubnis musste ich eine Fachsprachprüfung absolvieren. Quasi, ich muss beweisen, was ich auch nachvollziehen kann, dass ich gut genug Deutsch spreche, um mit den Angehörigen, mit den Patienten, mit dem Fachpersonal, mit dem zu kommunizieren. „Ja“, dachte ich auch, „das hören die doch gleich bei meinem Hallo sagen. Also in den ersten zwei Minuten“. Ja, ich hatte tatsächlich versucht, einfach diese Prüfung zu umgehen, weil auch auf diese Prüfung muss man warten. Und der Chef hatte mir jetzt die Stelle reserviert, aber er kann sie auch nicht für ewig reservieren. Und wir haben dann beim Niedersächsischen Zwecksverband für Approbationserteilung, NiZzA abgekürzt, dann einen Termin vereinbart, um zu sagen, hier ist Frau Hawa, hier sind wir als Klinikum. Wir möchten sie einstellen. Mit dieser Fachsprachprüfung können wir dann vielleicht einen schnelleren Termin bekommen? Oder muss sie überhaupt eine machen? Und nach der Sitzung, die wir gemacht haben, haben sie sich das noch überlegt erst mal. Und dann bekamen wir die Antwort, „Ja, wir haben hier leider feste bürokratische Vorgaben.“ Man muss entweder zehn Jahre an einer deutschsprachigen Schule gelernt haben oder man muss drei Jahre Berufserfahrung in Deutschland haben, um diese Fachsprachprüfung zu umgehen.
JULIA ROTHERBL
Okay, das heißt, du musstest die Prüfung machen?
AISCHA HAWA
Ich musste die Prüfung machen und habe sie auch direkt bestanden. Aber ich wurde auch wirklich geprüft. Also wurde alles ernsthaft gemacht, wo dann aber letztendlich schon im Voraus gesagt wird, also wir prüfen jetzt hier nicht die fachlichen Kenntnisse, sondern eher die Sprache, also die fachliche und die deutsche Sprache im Allgemeinen.
JULIA ROTHERBL
Okay, also das bedeutet für jemanden, der tatsächlich Deutsch dann quasi neu gelernt hat, eine Herausforderung. Man muss sich gut vorbereiten. Wie ging es dann für dich weiter danach?
AISCHA HAWA
Ja, dann hatte ich die vorübergehende Berufserlaubnis bekommen, im November 2017. Und ich so, „ok, und wann ist jetzt der Termin für die Kenntnisprüfung?“ – „Wieso Kenntnisprüfung? Da müssen Sie sich erst für anmelden.“ Ich so, „Hallo, ich habe doch von vornherein im April schon angekreuzt – auch Kenntnisprüfung.“ – „Nee, also da stehen Sie hier – das ist bei uns nicht vermerkt.“ Da musste ich mich erst noch mal für diese Kenntnisprüfung anmelden. Und habe dann ein Jahr gewartet, bis ich den Termin dann bekam.
JULIA ROTHERBL
Oh Gott, was macht man in dem Jahr?
AISCHA HAWA
In dem Jahr darf man mit der vorübergehenden Berufserlaubnis als Assistenzarzt arbeiten. Und man macht quasi eigentlich auch alles wie ein approbierter Arzt. Aber naja, man wird schon bezahlt. Aber der Nachteil ist, man kriegt das nicht für seine Weiterbildungszeit angerechnet. Das ist einfach das Ärgerliche für mich und viele andere, weil man ohnehin ja schon viel Zeit auf dem Weg hierher verliert. Und dann noch arbeiten, was man nicht angerechnet bekommt. Und man möchte ja auch irgendwann mal fertig werden, mit dem Ganzen.
JULIA ROTHERBL
Wann konntest du die Kenntnisprüfung ablegen?
AISCHA HAWA
Den Termin hatte ich im Oktober 2018 und ja ungefähr sechs Monate oder drei Monate vorher, ich weiß nicht mehr genau, bekam ich halt dann die Meldung – hier ist Ihr Termin, falls es nicht passt. Aber ich habe gesagt, „Der passt schon, der passt schon.“ Man freut sich ja, irgendwie einen Termin zu bekommen. Und habe die dann auch, Gott sei Dank, beim ersten Mal bestanden. Ja, Und dann musste ich noch ein paar Kleinigkeiten, so ein Führungszeugnis und so nachreichen. Und erst dann bekam ich die Approbation, also ab November, Ende November 2018. Und von den Unterlagen, die ich nachreichen musste, könnte man mir eigentlich auch, oder hätte man mir vorher was sagen können, dann wären die schon parat. Aber naja, auf diese paar Wochen kommt es auch nicht an.
KAPITEL – Bürokratie und Vorurteile
JULIA ROTHERBL
An der Stelle würde ich gerne nochmal zurückgehen, zurück in diesen Prozess, den so eine Anerkennung nimmt, und auch zurückgehen zu Marah Al-Khurfan, die nämlich im Vorfeld, also bevor sie das Visum beantragt hat, überhaupt mal eine Berufserlaubnis in Syrien gebraucht hat und dann auch in Deutschland dieses B2-Sprachzertifikat erwerben musste. Und auch an diesen O-Tönen sieht man nochmal, wie lang dieser Prozess dauern kann, wie viel Wartezeit auch dahintersteckt und wie viel Geduld man letzten Endes hier auch investieren muss.
MARAH AL-KHURFAN
Eine sehr wichtige Unterlage war die Berufserlaubnis in Syrien. Das war sehr wichtig für die Botschaft. Deshalb musste ich als Assistenzärztin in meiner Heimat arbeiten und habe das gemacht. Gleichzeitig arbeite ich in einem Krankenhaus und lerne Deutsch. Das war sehr anstrengend, weil eigentlich ich jeden Tag um 8 Uhr im Krankenhaus sein musste und zwölf Stunden Schicht machen, dann 6 Stunden schlafen und diese anderen 6 Stunden an dem Tag mit Deutschlernen verbringen. Das war mein ganzes Leben für zwei Jahre. Und als ich meine Arbeitserlaubnis bekam, konnte ich meine Unterlagen an die Bezirksregierung in Münster in NRW schicken, um einen Bescheid zu erhalten. Der Bescheid sagt, dass ich meine medizinischen Zeugnisse zur Anerkennung hierlassen kann. Ich musste ca. 8 Monate warten, bis ich den Bescheid erhalte. Eigentlich gibt es viele Schritte. Zuerst musste ich viele Termine vereinbaren. Und bei Ausländerbehörden zum Beispiel, das dauert circa zwei Monate für die Agentur für Arbeit. Bis jetzt habe ich noch keine Rückmeldung von der Agentur für Arbeit. Das dauert circa zwei oder drei Monate. Und auch die anderen Termine, beim Bürgeramt und die andere Wohnungsvertragstermine. Das Problem liegt darin, dass ich alles auf Deutsch durchführen musste, alle Gespräche, alle wichtigen Gespräche auf Deutsch durchführen. Und vor vier Monaten, war das für mich unmöglich, weil ich hatte keine guten Deutschkenntnisse. Ja, und dann musste ich meine B2-Prüfung ablegen. Aber ich musste bis zu zehn oder acht Wochen, ja, acht Wochen warten, bis ich meine Ergebnisse erhalte. Und das war eine sehr lange Wartezeit, weil eigentlich in diesem Zeitraum kann man nichts machen. Nur warten. Alle anderen Schritte brauchen ein B2-Zertifikat.
JULIA ROTHERBL
Wie war das bei dir, als du dich entschlossen hast, nach Deutschland zu gehen? War dir das irgendwie klar, was da auf dich zukommt, an Bürokratie und Wartezeit? Also ist es was, wo es auch eine Community gibt, wo darüber gesprochen wird? Oder ist es dann doch so, dass man überrascht ist davon, wie groß die Hürden sind?
AISCHA HAWA
Zu meiner Zeit, denke ich, war das noch so relativ Neuland für viele. Also zu dem Zeitpunkt war ja die auch die Welle von vielen, die aus Syrien kamen. Und inzwischen haben wir ja unsere eigene Gesellschaft gegründet und da hat man mehr Vernetzung und Unterstützung und man bekommt auch viel Mut dadurch. Man teilt die Erfahrungen, die man durchgemacht hat einfach. Und das war zu Beginn, als ich kam, ich wusste schon, es wird nicht einfach sein. Aber so ganz im Detail, das ist ja auch so von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich, weil dann hast du einen Kollegen, der sagt, „Ja bei uns sind die Prüfungen viel schwieriger.“ Das hat schon so einen Ruf auch so ein bisschen, das eine Bundesland, das andere ist so. Und jetzt mehr, also ist die Vernetzung stärker noch.
JULIA ROTHERBL
Gab es bei dir irgendwann einen Punkt, wo du zumindest mal kurz gedacht hast, ob es die Mühe wert ist, vielleicht gehe ich doch in die Emirate oder versuch es vielleicht irgendwann nochmal, aber jetzt ist mir das alles irgendwie, dauert mir das alles zu lang?
AISCHA HAWA
Naja, man muss sagen, ich konnte ja noch vielleicht ein bisschen wählerisch sein. Ich habe ja den deutschen Pass, aber als Syrer, wo willst du denn noch überall hinreisen? Du wirst ja nirgendwo aufgenommen.
JULIA ROTHERBL
Das stimmt.
AISCHA HAWA
Also selbst nach Ägypten war ich mit meinem deutschen Pass eingereist.
JULIA ROTHERBL
Du hattest uns trotzdem im Vorfeld erzählt, dass es schon Ärztinnen und Ärzte gibt, die in diesem Prozess irgendwann sagen, „Nö, jetzt nicht mehr“ – die hier waren und dann wieder gegangen sind.
AISCHA HAWA
Ja, das kommt auch vor. Also besonders, wenn man schon die Kenntnisprüfung ein oder zweimal dann nicht bestanden hat, dann ist man fast wie im Burnout. Also das ist ja auch die ganze Zeit purer Stress, purer Stress die ganze Zeit. Und manche sind frische Absolventen, haben noch das Leben vor sich, aber manche sagen, „Naja, ich möchte ja auch mal eine Familie gründen.“ Oder man hat sogar schon Kinder und man muss das alles unter einen Hut bekommen. Oder manche waren schon jahrelang Fachärzte und ganz weit von der allgemeinen Medizin und haben sich so schon spezialisiert und die müssen dann nochmal so wie eine Art drittes Staatsexamen, alles Medizinische nochmal wirklich auffrischen. Und für mich, also ich will nicht lügen, es könnte sein, dass ich mir gedacht habe, vielleicht suche ich ein anderes Gebiet, was aber auch nah an der Medizin ist. Ich glaube, ich hatte mal die Gedanken schon ein bisschen so Richtung Medizintechnik, aber auch nicht so, dass ich alles geschmissen habe. Aber das ist manchmal sehr verzweifelnd.
JULIA ROTHERBL
Wir haben die Frage auch Marah Al-Khurfan gestellt. Wir spielen ein letztes Mal ihre Stimme ein, was sie dazu gesagt hat.
MARAH AL-KHURFAN
Nein. Als ich hier angekommen bin, habe ich eine andere Mentalität verstanden. Alles hier braucht Zeit. Das ist was anderes für mich. Alles hier braucht Zeit. Und wenn ich das verstehen kann, wenn ich diese Mentalität verstehen kann, wäre das für mich okay, wenn das viel Zeit braucht. Ich habe nicht gedacht, dass ich das vielleicht aufgeben würde. Weil das war mein Traum, eigentlich. Ich habe gesagt, das war eine persönliche Entscheidung. Und ich glaube, es gibt kein anderes Land, das mich begeistert, wie hier zu arbeiten. Aber ich hoffe, dass dieser Weg für die anderen Kollegen in der Zukunft vielleicht einfacher, leichter sein kann.
JULIA ROTHERBL
Zwei Nachfragen dazu. Also zum einen sagt sie, sie wünscht sich, dass es für die, die nach ihr kommen, leichter ist. Es gibt und gab viel Kritik, auch in den Medien, an diesen langen Verfahren. Wie ist so dein Gefühl? Verbessert sich da was?
AISCHA HAWA
Also sobald man das ja auch hinter sich hat, erfährt man ja auch nur so sporadisch wie der Stand der Dinge ist. Aber ich habe mal so mitbekommen, dass zum Beispiel in einem Bundesland dann wirklich der Druck und die Überlastung einfach zu hoch waren, dass dann sogar noch mehr Personal einfach, mehr Mitarbeiter eingestellt wurden, um die Verfahren alle zu bewältigen. Und das hat tatsächlich dann auch was gebracht. Wofür wir jetzt als SyGAAD auch so ein bisschen uns einsetzen, dass man die Zeit, die man dann, wenn man jetzt – also ich hatte nur ein Jahr mit Berufserlaubnis arbeiten müssen, manche Kollegen zwei bis drei – dass man dann wenigstens die Zeit auch noch angerechnet bekommt, weil damals vor 2016 war das der Fall und dann später wurde das geändert. Nein, erst ab Datum Erteilung der Approbation. Und für uns ist das nicht so nachvollziehbar, weil wir machen ja alles wie ein approbierter Arzt und sonst hätte man uns doch an erster Stelle gar nicht einstellen dürfen.
JULIA ROTHERBL
Und die zweite Nachfrage zu dem Zitat – sie hat gesagt, dass es für sie ein Traum ist, in Deutschland zu arbeiten. Und jetzt ist ja die politische Stimmung in Deutschland gerade, wenn man jetzt sich die Wahlergebnisse in bestimmten Bundesländern anschaut, vielleicht so, dass man sich als Mensch mit Migrationshintergrund vielleicht nicht mehr unbedingt überlegt, dass Deutschland ein Traumland ist, in dem ich gerne arbeiten möchte. Wie fühlt sich das für dich, und vielleicht für eure gesamte Community, denn gerade so an, was da so passiert, was die gesellschaftlichen Diskussionen anbelangt?
AISCHA HAWA
Ja, also was ich so mitbekomme, auch als Frau mit Kopftuch, man sucht sich schon ein bisschen, wo man jetzt arbeiten möchte. Es ist nicht also, dass man jetzt gerade irgendwo in Deutschland arbeiten möchte, wo es sehr fremdenfeindlich ist, einfach. Das ist sehr, sehr unterschiedlich, wie die Leute das erfahren und spüren. Es verlangt viel Selbstbewusstsein, sich auch zu beweisen. Es ist immer – man muss sich immer beweisen, dass man gleich gut ist, dass man gut genug ist. Trotzdem wird man manchmal schräg angeguckt.
JULIA ROTHERBL
Was würdest du denn rückblickend Ärztinnen und Ärzten sagen, die diesen Weg gehen wollen? Gibt es quasi so ein, zwei Dinge, wo du sagst, das hätte ich gern vorher gewusst, das hätte mir den Weg irgendwie erleichtert?
AISCHA HAWA
Also das, glaube ich, sage ich allen Nicht-Deutschen, es ist viel Bürokratie. Immer gleich direkt die Unterlagen, alles, was man hat, schon am besten besorgen oder aufbewahren. Und schon bevor man kommt, gucken, dass man alles so beglaubigt und bestätigt bekommt. Aber ansonsten, wir haben wirklich jetzt so ein gutes Netzwerk und einfach auch Fragen und Austausch, die das nutzen. Eher finde ich, was ich gerne mitteilen möchte, ist an die deutschen Kollegen und Kolleginnen, die ja auch den Podcast hören, dass man die ausländischen Kollegen vielleicht ein bisschen anders betrachtet, dass man denen Mut gibt, dass man die unterstützt und dass man auch geduldig ist, wenn die erst ein bisschen so langsam mit der Sprache und mit dem allen vorankommen. Einfach bevor man Feedback gibt auch vielleicht noch mal ein bisschen nachdenken, „Was sage ich dem jetzt?“, weil wir sind schon vorbelastet und sehr empfindlich und man ist dann schon ein bisschen sensibler.
JULIA ROTHERBL
Du selber arbeitest jetzt in Lüneburg, du hast deine Berufszulassung Ende 2018 bekommen. Was war für dich so der Moment, wo du gedacht hast, okay, jetzt bin ich angekommen?
AISCHA HAWA
Also ich weiß nicht, also vielleicht ist das für mich so ein bisschen persönlich, weil ich ja auch Kopftuch trage und es sind immer so die Vorurteile, „Sie sprechen aber gut Deutsch“ und solche Sachen. Aber dann wurde ich auch mal von einer Kollegin oder Oberärztin damals gesagt, also „Aischa, dein Kopftuch, das nehme ich gar nicht so wahr. Du bist so, wie du bist. Das gehört zu dir. Und ich gucke gar nicht auf dein Kopftuch, wenn ich mit dir arbeite. Du bist Aischa“, einfach so. Und das hat mich so richtig gefreut und das ist immer noch bei mir so fest geblieben, also dass man sich so menschlich, so persönlich wahrnimmt und alles andere ist doch gar nicht so relevant.
JULIA ROTHERBL
Aischa, vielen Dank, dass du unsere Gästin warst. Hat mir Spaß gemacht, mich mit dir zu unterhalten.
AISCHA HAWA
Ja, hat mich auch sehr gefreut. Vielen lieben Dank.
JULIA ROTHERBL
Im Podcast hat ja das Engagement der syrischen Gesellschaft für Ärzte und Apotheke in Deutschland Erwähnung gefunden. Ganz kurz für euch, wir haben die Webadresse dieser Gesellschaft in den Shownotes verlinkt, sodass ihr nähere Informationen zu dem Thema einholen könnt. Wenn ihr „Frau Doktor, übernehmen Sie!“ gerne hört – und davon gehe ich mal aus, denn ihr seid bei dieser Folge zumindest bis ans Ende angelangt – dann würden wir uns freuen, wenn ihr uns abonniert oder eine positive Bewertung dalasst. „Frau Doktor, übernehmen Sie!“ erscheint alle 14 Tage neu, immer montags. Und wenn ihr uns abonniert, dann verpasst ihr auch keine Folge.
SPRECHERIN
Ein Podcast von gesundheit-hören und Apotheken Umschau Pro.
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