„Ich muss es nicht aushalten, ich muss damit umgehen.“

Shownotes

Viele Menschen im Gesundheitswesen hatten schonmal ein Erlebnis, das sie hinterher nicht losgelassen hat, das sie eine Weile mit sich rumgetragen haben: ein Medikationsfehler, ein unerwarteter Tod, eine Gewalterfahrung. Für alle, die sich danach ein offenes Ohr wünschen, gibt es den Verein PSU-Akut. Der hat 2020 eine Helpline ins Leben gerufen, bei der alle, die im Gesundheitswesen arbeiten, anrufen können. Außerdem bildet er Ansprechpersonen in Kliniken und Praxen aus, sogenannte Peers, die für ihre Kolleg:innen vor Ort eine erste Anlaufstelle sind. Barbara Zimatschek ist ehrenamtliche Vorständin des Vereins, sie bildet Peers aus und nimmt auch selbst regelmäßig Anrufe bei der Helpline entgegen. Sie erzählt, warum es erstmal ganz normal ist, auf eine ungewöhnliche Situation z.B. mit Flashbacks oder Schlaflosigkeit zu reagieren – und wie ein Ruderboot helfen kann, besser damit klarzukommen.


Weitere Infos und Links:

PSU-Akut: https://www.psu-akut.de/

Helpline: 0800 0 911 912, täglich von 9.00 bis 21.00 Uhr, https://psu-helpline.de/

Folge 54 „Beschimpfungen, Schläge und Tritte – Wenn Patient:innen gewalttätig werden“: https://www.apotheken-umschau.de/podcast/episode/frau-doktor-uebernehmen-sie-ueber-frauenkarrieren-in-der-medizin/beschimpfungen-schlaege-und-tritte-wenn-patient-innen-gewalttaetig-werden-1066787.html


Im Podcast „Frau Doktor, übernehmen Sie!“ erzählen Frauen aus der Medizinbranche, wie sie dort Karriere gemacht haben. Dazu spricht Julia Rotherbl, Chefredakteurin der „Apotheken Umschau“, mit Frauen, die in Führungspositionen arbeiten, die Herausforderungen gemeistert haben oder an ihnen gescheitert sind. Es geht um Themen wie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Sexismus, männliche Netzwerke, mangelnde Vorbilder oder verschiedene Arbeitsmodelle. Das Ziel: Euch zu inspirieren und ermutigen, Euren eigenen Weg zu finden.

Montags alle 14 Tage erscheint eine neue Folge. Habt Ihr Fragen, Anregungen oder Kritik? Dann schreibt uns gerne an redaktion@gesundheit-hoeren.de

Mehr Gesundheitspodcasts gibt es hier: www.gesundheit-hoeren.de

Redaktion: Julia Rotherbl, Constanze Radnoti, Kareen Seidler; Schnitt und Post-Produktion: Constanze Radnoti, Benedikt Möltner, Yves Seißler; Chefredakteur: Peter Glück


[ANZEIGE] Mehr über die Angebote unserer aktuellen Werbepartner gibt es unter https://www.apotheken-umschau.de/podcast/partner

Transkript anzeigen

BARBARA ZIMATSCHEK

Manche Ereignisse treffen uns eben so, dass wir damit nicht so gut umgehen können. Und dann ist es oft hilfreich, am Telefon den Kollegen und Kolleginnen zu sagen, dass es eine normale Reaktion ist, auf ein schwerwiegendes Ereignis, und dass das auch länger anhalten kann. Vier bis sechs Wochen, das ist ein ganz normaler Zeitraum, wo solche Dinge in einem arbeiten, wo man auch mal eine Schlaflosigkeit hat oder sich immer auch wieder Gedanken an das Ereignis aufdrängen.

JULIA ROTHERBL

Ein Baby stirbt bei der Geburt, ein Patient wird gewalttätig, ein Medikationsfehler hat schwerwiegende Folgen. Im medizinischen Alltag gibt es immer wieder Ereignisse, die nicht nur für PatientInnen und deren Angehörige sehr belastend sind, sondern auch für MedizinerInnen und Pflegekräfte. Und hier kommt unsere heutige Gästin ins Spiel. Barbara Zimatschek ist Fachärztin für Anästhesie und Notfallmedizin und sie ist ehrenamtliche Vorständin des Vereins PSU-Akut. PSU ist die Abkürzung für psychosoziale Unterstützung und der gemeinnützige Verein will allen Menschen im Gesundheitswesen helfen, die schwerwiegende Ereignisse erleben und diese besser verarbeiten wollen. Der Verein bietet eine telefonische Helpline und es gibt eine Ausbildung von sogenannten Peers, die dann im Kollegenkreis AnsprechpartnerInnen für andere MedizinerInnen oder Pflegekräfte sein können. Barbara beantwortet selbst Anrufe an der Helpline und führt auch Schulungen durch. Heute erklärt sie uns, warum ein Gesprächsangebot nach belastenden Ereignissen so wichtig ist und warum ihr ihre ehrenamtliche Tätigkeit trotz der nicht immer so schönen Themen sehr viel Freude bereitet. Hallo Barbara, ich freue mich sehr, dass du da bist und extra für diese Aufnahme zu uns in Studio gekommen bist. Herzlich willkommen.

BARBARA ZIMATSCHEK

Ja, vielen herzlichen Dank für die Einladung. Ich freue mich auch.

JULIA ROTHERBL

Mein Name ist Julia Rotherbl. Ich bin Chefredakteurin der Apotheken Umschau. Ich freue mich sehr auf dieses Gespräch und auf alle, die uns zuhören.

SPRECHERIN

„Frau Doktor, übernehmen Sie!“ Ein Podcast von gesundheit-hören und Apotheken Umschau Pro

KAPITEL – Ein offener Umgang mit schwerwiegenden Ereignissen

JULIA ROTHERBL

Wir haben im Intro schon erklärt, was der Verein PSU-Akut ungefähr tut. Ich würde dich gerne, bevor wir da nochmal genauer drauf einsteigen, fragen, wie du denn selber zu diesem Thema, mit dem sich der Verein beschäftigt, gekommen bist. Gab es für dich persönlich irgendwie ein Schlüsselerlebnis in deiner Ärztinnenlaufbahn, wo du gemerkt hast, dass Menschen, die sich vor allem um Patientinnen und Patienten kümmern, auch manchmal selbst Hilfe brauchen?

BARBARA ZIMATSCHEK

Ich kann erzählen, als junge Notärztin bin ich zu einem Einsatz gekommen. Es war ein Einsatz nachts. Es hieß, ein größeres Brandereignis in einer bestimmten Straße. Die Straße war mir bekannt, wo eine Freundin von mir wohnt. Und ich dachte, hoffentlich ist es nicht ihre Wohnung, ist es nicht bei ihr, weil sie immer gerne Kerzen angezündet hat. Das war natürlich nicht so, aber es war ein Großbrand mit vielen Verletzten und leider auch jungen Toten. Und ich war die ersteintreffende Notärztin, war vom Notarztstandort von weiter weg, weil die anderen Notarztfahrzeuge nicht greifbar waren. Und da bot sich so das Bild, ja, vielleicht eines Infernos. Und wir haben versucht, die Patienten zu versorgen, zu retten. Und das war schon eine herausfordernde Situation, an der Stelle. Und wir haben uns kurz besprochen, wie der Einsatz war, aber sind dann alle ins Bett gegangen, hatten dann eine Stunde später wieder einen Einsatz, auch eher herausfordernd, wo ein Kind betroffen war. Und die Folgetage kam ich dann an dieser Häuserzeile wieder vorbei und schaute auf die Seite und sehe, wie dieses Haus brennt, höre das Knistern, höre das Schreien und habe also gemerkt – da holt mich wieder ein Ereignis ein, das schon Tage vorher stattgefunden hat.

JULIA ROTHERBL

Was hat das mit dir gemacht?

BARBARA ZIMATSCHEK

Das hat schon so eine Verwunderung, eine Angst ausgelöst und ich konnte es nicht einordnen. Und habe dann gemerkt, im Laufe der Zeit wurden diese Eindrücke aber schwächer und habe auch gemerkt, wenn ich die Straße von der anderen Seite anfahre, wenn ich also mit der rechten Seite auf dieses Gebäude schaue, habe ich diese Eindrücke nicht. Und ich habe aber so gemerkt, durch Vermeiden oder anders damit zu verfahren, kann ich das abblocken. Im Nachgang würde ich sagen, mir hätte gutgetan, intensiver über dieses Ereignis sprechen zu können und nicht gleich noch den nächsten Notarztdienst vielleicht zu übernehmen und sich wieder in die Ereignisse reinzustürzen. Das, glaube ich, wäre eine gute Idee gewesen, aber ich hatte überhaupt keine Idee dazu, warum mir das jetzt passiert, dass da wieder Bilder auftauchen.

JULIA ROTHERBL

Also, du warst auf sowas auch in deiner Ausbildung oder so nicht vorbereitet worden? Das kam für dich tatsächlich irgendwie überraschend?

BARBARA ZIMATSCHEK

Das kam für mich wirklich überraschend und ich konnte es auch nicht einordnen und habe es auch nicht wirklich hinterfragt. Ich habe auch nicht gedacht, „Was ist denn jetzt los mit mir?“

JULIA ROTHERBL

Ist es denn eigentlich so, dass man normalerweise nach solchen Einsätzen oder Ereignissen in der Klinik, oder was auch immer, auch im Kollegenkreis zumindest darüber sprechen kann?

BARBARA ZIMATSCHEK

Mittlerweile gibt es Strukturen, die so strukturierte Nachbesprechungen nach schwerwiegenden Ereignissen für die Kollegen bereithalten. Auch vor allem, weil wir gelernt haben, dass die Rettungsdienste mit Kriseninterventionsteams auch Berufsgruppen wie zum Beispiel U-Bahnfahrer abgeholt werden, wenn sie im Rahmen ihrer beruflichen Tätigkeiten ein belastendes Ereignis haben. Und das hat uns in der Klinik damals aber völlig gefehlt. Da gab es eben keine Strukturen, außer der Kollege, mit dem du dich vielleicht gut verstanden hast.

JULIA ROTHERBL

Wann kam denn dieser Verein PSU-Akut ins Spiel für dich? Also, wie bist du auf diesen Verein gestoßen?

BARBARA ZIMATSCHEK

Also, den Verein hat ein guter Freund von mir gegründet, der Andreas Schießl. Und somit war es relativ klar, dass ich bald auch mit an Bord gehen kann und in dem Verein tätig werden kann. Uns geht es ja auch darum, quasi eine Primärprävention zu machen, das heißt, Wissen zu vermitteln, wie man mit solchen schwerwiegenden Ereignissen umgehen kann. Und da ist uns das Wichtige, vermitteln zu können, die Reaktionen, die eben nach dem schwerwiegenden Ereignis auftreten, sind primär alle mal normal, im Rahmen dieses schwerwiegenden Ereignisses. Und das ist eine Information, die vielen schon sehr gut hilft, sie unterstützt, das einordnen zu können. Und man merkt dann, dass die Eindrücke dann auch verarbeitet werden und einen nicht mehr so einholen können. Und da können wir eben ganz gut unterstützen, indem wir eben erklären können, wie wir verarbeiten und wie das dann eben wieder zur Besserung der Symptomatik, die man vielleicht hat, führen kann.

JULIA ROTHERBL

Das macht ihr auf zwei Wegen. Ihr habt eine Helpline, wo man euch telefonisch erreichen kann.

BARBARA ZIMATSCHEK

Genau, eine Helpline, die ist sieben Tage die Woche, von 9 bis 21 Uhr erreichbar. Da sitzt ein Kollege, ein gut ausgebildeter, sogenannter Peer, jemand, der einen unterstützen kann und auf Augenhöhe mit einem sprechen kann, dem man primär einfach mal erzählen kann, was einem widerfahren ist, und der sich das ohne zu werten oder in irgendeiner Form einfach mal anhört. Und das ist unsere Erfahrung, das ist das Wichtigste, das ist auch das, was Menschen ausmacht, dann da wirksam zu sein, das Zuhören.

JULIA ROTHERBL

Und die Peers, die am Telefon sitzen, aber die auch in der Klinik zum Beispiel tätig sein können, die bildet ihr auch aus.

BARBARA ZIMATSCHEK

Die bilden wir auch aus. Und schön ist es halt dann, wenn Kliniken diese Strukturen so annehmen können, dass es ein sogenanntes Peer-System gibt, aus Menschen, die die Ausbildung eben durchlaufen haben und dann im Rahmen von einem schwerwiegenden Ereignis für die Kollegen und Kolleginnen zur Verfügung stehen. Gedacht als niederschwelliges Angebot auf Augenhöhe. Jemandem, dem ich erzählen kann, der in meinem Kontext arbeitet, der weiß, was jetzt da los war.

JULIA ROTHERBL

Und den ich auch schon kenne.

BARBARA ZIMATSCHEK

Den ich auch schon kenne, genau.

JULIA ROTHERBL

Was sind so häufige Vorfälle, über die die Menschen mit euch sprechen wollen?

BARBARA ZIMATSCHEK

Also, ich glaube, da kann man ein bisschen differenzieren. Ich würde sagen, so 60 Prozent der Anrufenden haben ein schwerwiegendes Ereignis. Das sind Ereignisse mit Kindern, die oft sehr berührend sind, für die Kollegen und Kolleginnen. Das sind Ereignisse mit Suizid im Kollegenkreis, im Patientenkreis. Das sind Ereignisse mit Gewalt. Auch das ist leider schon ein Punkt, über den häufig auch gesprochen wird. Und Einsätze mit vielen Betroffenen. Mir ist ganz wichtig zu sagen, dass es immer individuell auch ist, was ein schwerwiegendes Ereignis ist. Das kann auch eine beinahe Medikamentenverwechslung sein, wo jemand, der hochfunktionell ist, dann auf einmal denkt, „Wow, wie konnte mir das – mir wäre beinahe so ein schwerwiegender Fehler passiert!“ und da gerne jemanden hat, mit dem man darüber reden will, aber jetzt denkt, im Kollegenkreis, da mag ich mich jetzt auch nicht bloßstellen. Also, das sind auch Themen.

JULIA ROTHERBL

Wie ist denn so deine Erfahrung, wann rufen denn so die meisten an? Also, ziemlich zeitnah nach so einem Ereignis oder wenn Wochen, Monate vergangen sind und sie merken, es arbeitet immer noch in ihnen, oder wenn jemand anders sie anstupst und sagt, „Ich habe das Gefühl, dir geht es nicht gut.“ Zu welchem Zeitpunkt finden die eigentlich zur Helpline?

BARBARA ZIMATSCHEK

Ja, da hast du jetzt eigentlich schon die ganze Breite genannt, Julia. Wann die Menschen zur Helpline finden. Ich denke, so von den Anrufenden ist es meistens so, dass sie schon initial nach dem Ereignis zeitnah anrufen, wenn sie merken, dass es sie so stark beschäftigt. Und das ist, glaube ich, auch das Wichtige, weil wenn man so auf die Zahlen schaut, bis sich jemand sonst Hilfe holt, können da sechs bis mehrere Jahre vergehen, in der Zeit dann oft dysfunktionale Muster stattfinden, mit Bewältigungsstrategien. Und somit sind wir dankbar, wenn die Kolleginnen und Kollegen sich frühzeitig melden. Es gibt aber auch Menschen, die merken, die Belastung des Ereignisses lag lange zurück. Dadurch hat sich für sie viel verändert. Sie merken, da müssen sie noch einmal darüber reden, weil sich so viel verändert hat für sie.

JULIA ROTHERBL

Wer ruft denn eigentlich häufiger bei euch an, Männer oder Frauen? Oder grundsätzlich – gehen Männer und Frauen mit dem Thema unterschiedlich um?

BARBARA ZIMATSCHEK

Also, ich kann mir vorstellen, dass Männer und Frauen mit den Themen unterschiedlich umgehen. Wir merken schon, dass es an der Helpline mehr Frauen sind, die uns anrufen. Und auch in den Ausbildungen finden sich mehr Frauen als Männer.

JULIA ROTHERBL

Okay. Hast du eine Idee, warum das so sein könnte?

BARBARA ZIMATSCHEK

Ja, ich kann mir vorstellen, dass es schon kulturelle und soziale Unterschiede einfach gibt, im Rollenverständnis, wie ich mit schwerwiegenden Ereignissen umgehe. Dass jeder da individuelle Strategien für sich findet und dass Frauen vielleicht manchmal offener sind im Kontakt, weil sie merken, dass es ihnen guttut. Das wäre jetzt so eine Idee von meiner Seite her.

JULIA ROTHERBL

Es gibt natürlich auch Menschen, die man mit so etwas nicht erreicht. Spielt das bei euch im Verein – redet ihr darüber, wie man quasi auch die, die vielleicht sogar sehr dringend Hilfe brauchen und noch gar nicht an dem Punkt – also, wenn ich schon mal an dem Punkt bin zu sagen, „Ich hole mir Hilfe“, habe ich ja eigentlich schon den ersten großen Schritt getan. Beschäftigt euch das, wie man vielleicht noch Wege findet, die zu erreichen, die das für sich noch nicht erkannt haben? Überlegt ihr euch, wie man da irgendwie noch mehr Bewusstsein schaffen könnte?

BARBARA ZIMATSCHEK

Also, ich glaube, das Bewusstsein darüber zu schaffen, ist wirklich dieses Netz breit zu spannen, was uns zunehmend gelingt, weil wirklich viele Kliniken Peers jetzt ausbilden und viele sich da auch öffnen können, die vielleicht noch andere Strukturen haben. Ich glaube schon, dass die kommende Generation an Ärzten und Ärztinnen – oder ich wünsche es mir – bewusster hinschauen können.

JULIA ROTHERBL

Merkst du das auch so – wenn du überlegst, wer bei dir so anruft – dass bei den jüngeren Menschen dann ein anderer Umgang schon da ist? Also, im Sinne von, „Ich fordere das auch ein, dass mir jemand hilft. Es ist ganz normal, dass meine Seele manchmal an eine Grenze kommt.“

BARBARA ZIMATSCHEK

Ich glaube, da braucht es noch ein bisschen mehr, bis diese Selbstverständlichkeit ankommt.

JULIA ROTHERBL

Wie ist denn deine Erfahrung? Du bist jetzt seit ungefähr zehn Jahren bei PSU-Akut. Wie gut wird das denn von den Kliniken angenommen? Also, wie groß ist die Erkenntnis, dass sowas hilfreich sein kann? Und wie groß ist die Initiative, die da auch ergriffen wird, jemanden dahingehend ausbilden zu lassen?

BARBARA ZIMATSCHEK

Also, so in meiner Wahrnehmung ist es über die letzten Jahre gut gelungen, das vermitteln zu können, dass das wichtige Strukturen sind, um Menschen zu unterstützen, in ihrem Arbeitskontext, um Menschen auch in ihrer Arbeitsfähigkeit halten zu können, im Beruf halten zu können. Und auch die Erkenntnis, dass wenn ich jemanden habe, der gut mit diesen Ereignissen umgehen kann, der Sicherheit wieder erlangt, auch wieder die Patientensicherheit abgebildet ist. Und das sind die Bausteine, die dann für Kliniken wichtig sind, auch unser System zu implementieren.

JULIA ROTHERBL

Wie sieht es eigentlich bei dir in der Klinik aus, in der Klinik, in der du arbeitest? Gibt es da auch ein Peer-System?

BARBARA ZIMATSCHEK

Ja, wir hatten das große Glück, das erste Peersystem einzuführen, mit einem entsprechenden Chef, der das getragen hat, einer Klinikleitung, die das getragen hat. Und das war toll und das ist auch die Voraussetzung, so ein Peersystem einzuführen, weil es ist wichtig, dass man die Verantwortlichen für das System gewinnt, weil nur dann trägt sich es auch. Also, man kann jetzt nicht ohne Klinikleitung und Chefs so ein System implementieren, sondern wichtig für die Implementation ist, dass man eben die Menschen an der Seite hat.

JULIA ROTHERBL

Du hast ja selber erzählt, von eigenen Ereignissen, wo du sagst, da gab es diese Struktur nicht. Das klingt so nach einem Kulturwandel, auch in den Kliniken. Gibt es für dich irgendwie eine Erklärung, warum der in den letzten Jahren stattgefunden hat? Ist es eine neue ÄrztInnen-Generation, die das vielleicht auch einfordert? Ist es eine neue Führungsgeneration, die erkannt hat, dass es wichtig ist, die psychische Gesundheit der Mitarbeitenden zu erhalten, um auch weniger – also jetzt mal ganz wirtschaftlich betrachtet – weniger Krankheitstage zu haben? Also, was glaubst du, hat da eine Rolle gespielt?

BARBARA ZIMATSCHEK

Ich glaube, viel hat schon auch eine Rolle spielen dürfen, dass man dieses Thema so in die Öffentlichkeit tragen kann. Und dass das aufgenommen wird, von den Menschen, die sagen, das hätte ich früher auch gerne gehabt. Das ist etwas, was wir brauchen, an Struktur. Das ist, glaube ich, ein wesentlicher Baustein.

JULIA ROTHERBL

Dass man offen darüber sprechen kann, vielleicht auch im Zuge dessen, dass man grundsätzlich offener über das Thema psychische Gesundheit spricht.

BARBARA ZIMATSCHEK

Über das Thema psychische Gesundheit sprechen kann und weg von den alten Schemata kommt, „Wenn du das hier nicht aushältst, bist du hier fehl am Platz. Das ist selbstverständlich, dass man solche Dinge ertragen muss.“

KAPITEL – Auseinandersetzung und Abstand

JULIA ROTHERBL

Du hast ja damals für dich den Weg gefunden, dass du festgestellt hast, wenn du von der anderen Seite kommst, dann brennt das Haus vor deinem inneren Auge nicht mehr. Aber was sind denn so Strategien oder Techniken, wo du sagst, das könnte man jetzt auch hier allgemeingültig nennen, was ihr am Telefon so für Tipps gebt?

BARBARA ZIMATSCHEK

Also, ich hatte das Glück, dass diese Eindrücke dann mit der Zeit nachgelassen haben und besser geworden sind, ohne dass ich eigentlich jetzt genau wusste, um was es sich handelt. Und das muss man auch ganz klar sagen – nicht jedes schwerwiegende Ereignis ist für jeden schwerwiegend und ganz viele Kollegen und Kolleginnen haben das wunderbar für sich integriert, damit umgehen zu können. Und manche Ereignisse, die treffen uns eben so, dass wir damit eben nicht so gut umgehen können. Und dann ist es oft hilfreich, am Telefon den Kollegen und Kolleginnen zu sagen, dass es eine normale Reaktion ist auf ein schwerwiegendes Ereignis und dass das auch länger anhalten kann. Vier bis sechs Wochen, das ist ein ganz normaler Zeitraum, wo solche Dinge in einem arbeiten, wo man auch mal eine Schlaflosigkeit hat oder immer auch wieder sich Gedanken an das Ereignis aufdrängen. Und wir versuchen dann, durch unser Gehirnmodell zu zeigen, wo Verarbeitung stattfindet, von solchen Ereignissen und nehmen da gerne so ein Modell des Ruderbootes. Und zwar kann man sich vorstellen, wenn man selber in einem Ruderboot sitzt und auf einer Seite sein Ruder in der Hand hält. Auf diesem Ruder steht „Auseinandersetzung mit dem Ereignis“. Und auf dem anderen Ruderblatt steht „Abstand“. Und vorne auf meinem Ruderboot steht „Sicherheit“, weil das ist das Oberste, was wir vermitteln wollen. Sicherheit in dieser Situation. Und da kann man ganz gut darstellen, wenn man sich nur mit dem Ereignis auseinandersetzt, dann gerät mein Ruderboot, wenn ich nur dieses eine Ruder betätige, ins Trudeln. Wenn ich nur versuche, Distanz zu schaffen, indem ich das Ereignis so ganz wegschiebe, passiert das Gleiche. Es muss also eine Balance sein zwischen Auseinandersetzung und Erholung, damit ich auch wieder vorwärts komme und sicher bin. Und das ist was, was wir versuchen, zu vermitteln. Die Auseinandersetzung findet statt durch, zum Beispiel, ein Gespräch mit uns. Und der Abstand ist, dass wir die Menschen ermutigen, sich Zeit für sich zu nehmen, sich von dem Erlebten auch mal eine Auszeit zu gönnen – weil oft dann die Gedanken nur darum kreisen – bewusst mit Freunden was Angenehmes erleben. Und hier ist oft sehr hilfreich, wenn man einfach in Bewegung kommt, um Stress abzubauen. Also im Alltag bewegen wir uns ja viel, wir rennen von Station zu Station. Aber wenn man dann bewusst einmal abends um den Block geht und sich Zeit dafür nimmt.

JULIA ROTHERBL

Gibt es auch manchmal den Punkt, dass du am Telefon merkst, der- oder diejenige bräuchte dringend professionelle Hilfe? Psychologin, Psychologe, Psychotherapeutin, Psychotherapeut?

BARBARA ZIMATSCHEK

Genau, ja. Das ist sehr wichtig, dass du das ansprichst, Julia. Wir sind ja quasi psychologische Laien. Wir haben eine Ausbildung, wir versuchen die Menschen, die uns anrufen, gut zu unterstützen. Und das gelingt uns in vielen Fällen auch. Wir können auch noch mal re-evaluieren, indem wir uns noch mal verabreden für ein Telefonat. Aber wenn wir merken und der/die Anrufende das auch möchte, können wir sehr niederschwellig an unser Team an Psychotraumatologinnen vermitteln, wo wir eben dann wirklich schnellen Kontakt herstellen können. In dem Kontext muss man vielleicht auch erwähnen, dass wir auch bemüht sind, diese Ereignisse, die da jemand innerhalb seines Arbeitskontextes erlebt, als schwerwiegendes Ereignis auch als BG-Unfall aufnehmen zu lassen, quasi wie in einem Verbandsbuch, damit man das zum Beispiel über die BG auch mal kundtun kann. Auch da kann man relativ gute Hilfe über Psychologen und Psychologinnen erreichen.

JULIA ROTHERBL

Was, glaube ich, viele tatsächlich nicht wissen – weiß ich schon aus anderen Gesprächen – dass sie oft, oder in dem Moment, nicht daran denken.

BARBARA ZIMATSCHEK

Genau, weil eine emotionale, eine psychische Verletzung ist genauso tiefgreifend, als wenn ich mir im Treppenhaus das Sprunggelenk breche.

JULIA ROTHERBL

Wie gehst du denn jetzt für dich selber mit deiner Psyche damit um, was dir am Telefon erzählt wird? Also, gibt es Momente, wo du dann auch selber sagst, „Das war jetzt ein Gespräch, das muss ich jetzt auch erstmal irgendwie verarbeiten.“ Gibt es irgendwie Momente, wo du sagst, da merke ich, ich komme selber an die Grenze. Also wie gehst du damit um, was dir da auch erzählt wird?

BARBARA ZIMATSCHEK

Das ist vielleicht ganz wichtig, weil das denkt man vielleicht ja gar nicht, dass das einen selber auch sehr beschäftigen kann. Und frühestens dann, wenn man das irgendwie in seine Träume einbaut, habe ich so gemerkt, dann ist es schon wichtig. Und wir haben natürlich – Gott sei Dank – jetzt von unserer Seite her, die Psychologen und Psychologinnen, mit denen wir immer Kontakt aufnehmen können, die uns da immer unterstützen, wenn wir da nochmal selber Gesprächsbedarf haben, sei es durch Supervision, aber auch durch regelmäßige Fortbildungen, sodass wir da auch geschult sind. Und für mich selber habe ich – Gott sei Dank – eine wundervolle Familie, die mich immer unterstützt und mir da auch helfen kann. Und ich merke, dass eben auch die Bewegung, Sport, mit Freundinnen, gute Gespräche, dass mich das auch gut ablenkt.

JULIA ROTHERBL

Und grundsätzlich muss es ja trotzdem, was du da hörst, was sein, was dir Kraft gibt, dir Spaß macht, sonst würdest du es nicht seit zehn Jahren machen, nehme ich mal an.

BARBARA ZIMATSCHEK

Also, ich glaube, die Erfahrung machen zu dürfen, dass man durch Gespräche, durch Zuhören, durch Dasein, andere Menschen gut unterstützen kann, das ist ein ganz wertvolles Geschenk. Und das ist das, warum ich da gerne dabei bin.

JULIA ROTHERBL

Falls uns jetzt jemand zuhört, der in einer Klinik oder in einer Praxis oder wo auch immer arbeitet und sagt, eigentlich bräuchten wir auch so ein Peersystem. Wir werden auf jeden Fall zu der Folge eure Kontaktdaten dazustellen. Aber vielleicht so grundsätzlich die Frage – was muss man denn eigentlich mitbringen, wenn man so eine Ausbildung machen will? Also, wer eignet sich als Peer?

BARBARA ZIMATSCHEK

Also, das ist ganz spannend. Die Peers, die wir ausbilden dürfen, sind oft Menschen, die schon länger im System arbeiten, die selber schon Ereignisse hatten, die sie auch gut verarbeitet haben, berichten aber in der Regel 80 Prozent davon, dass sie auch schwerwiegende Ereignisse schon erlebt haben, sind Menschen, die das eigentlich eben ohne den Begriff Peer schon in ihrem Alltag machen. Das sind die, die an der Kaffeemaschine stehen, wo man mal hingeht und sagt, „Ey du, da hatte ich vorhin was.“ Das sind schon die Menschen, die dann auch sagen, ich will auch diese Peer-Ausbildung machen, ich möchte auch gerne da noch mal so ein bisschen Rüstzeug dafür kriegen, wie kann ich gut mit diesen Ereignissen im Kontext mit Kollegen und Kolleginnen umgehen. Und ja, die Freiwilligkeit da dabei zu sein, das ist natürlich das oberste.

JULIA ROTHERBL

Und falls uns jetzt jemand zuhört, der noch relativ jung ist, vielleicht gerade als Ärztin, Arzt angefangen hat. Du hast ja vorher auch gesagt, dass das in der Ausbildung, zumindest bei dir damals, jetzt nicht so thematisiert worden ist, dass es ein gewisses Berufsrisiko darstellt, mal in so geschilderte Situationen zu gelangen. Was würdest du denen raten? Wie geht man mit diesem Berufsrisiko am besten um? Also, wie stellt man sich eigentlich gut darauf ein, dass so etwas mal kommen kann? Wie schafft man sich eine gewisse Resilienz auch?

BARBARA ZIMATSCHEK

Ja, ich glaube Julia, das ist schon eigentlich der Schlüsselpunkt, den du gesagt hast, dass man eben sich darauf einstellt, dass so ein Ereignis auf einen treffen kann. Und die Wahrscheinlichkeit, sage ich jetzt mal, relativ hoch ist, in den vielen Schattierungen, wie Ereignisse einen betreffen können. Und eben das Bewusstsein, die Aufmerksamkeit zu haben, dass das auf einen zutreffen kann, ist, glaube ich, schon mal so die erste Voraussetzung, die mir wichtig ist, in dem Zusammenhang. Dass man eben dann auch seine eigenen Reaktionen und Bedürfnisse reflektieren kann, in so einem Zusammenhang, da eben auf sich achtet, in den Austausch mit Kollegen geht und sich dann eben an anderer entsprechender Stelle Hilfe holt, wenn man merkt, da könnte ich Support gebrauchen. Ohne, dass das gleich überschrieben wird, ja da bin ich jetzt nicht geeignet oder … sondern dass es selbstverständlich ist, sich da Hilfe zu holen, wie man sich in anderen Kontexten auch einfach Unterstützung holt.

JULIA ROTHERBL

Hast du noch irgendwie einen Tipp für Menschen, die in so einer Situation dann tatsächlich mal so einen Spruch hören, wie, „Das musst halt aushalten, als Notärztin“?

BARBARA ZIMATSCHEK

Ja, ich glaube, da kann man schon dagegenhalten und sagen, „Nein, das muss man nicht. Es ist eine außergewöhnliche Situation und ich muss es nicht aushalten, ich muss damit umgehen.“

JULIA ROTHERBL

Barbara, vielen Dank, dass du unsere Gästin warst. Hat mir sehr viel Spaß gemacht, die Unterhaltung.

BARBARA ZIMATSCHEK

Julia, vielen Dank, dass ich hier sein konnte, dass ich mein Herzensthema PSU, psychosoziale Unterstützung für Kollegen und Kolleginnen im Gesundheitswesen, hier bei euch platzieren durfte.

JULIA ROTHERBL

Danke schön. Sehr gerne. Danke schön.

Ein typisches schwerwiegendes Ereignis, von dem Barbara gerade gesprochen hat, ist zum Beispiel, wenn PatientInnen gewalttätig werden. Genau über dieses Thema haben wir am 19. Februar diesen Jahres schon eine Folge „Frau Doktor, übernehmen Sie!“ veröffentlicht. Wir freuen uns sehr, wenn ihr auch da reinhört. Und wenn ihr euch nach dieser Folge mit Barbara jetzt denkt, auch in unserer Klinik, in unserer Praxis, wäre ein Peersystem nicht schlecht, oder wenn ihr überlegt, euch selber dazu ausbilden zu lassen, oder wenn ihr sagt, ich habe so ein schwerwiegendes Ereignis erlebt und irgendwie habe ich das Gefühl, es würde mir gut tun, nochmal darüber zu reden oder da überhaupt drüber zu reden – alle Infos zum Verein PSU-Akut findet ihr in den Shownotes zu dieser Folge, unter anderem auch die Nummer der Helpline. „Frau Doktor, übernehmen Sie!“ erscheint alle 14 Tage neu, immer montags. Ich freue mich, wenn ihr auch beim nächsten Mal reinhört.

SPRECHERIN

Ein Podcast von gesundheit-hören und Apotheken Umschau Pro.

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