Leidenschaftlich Hausärztin: Die Freiheit der Allgemeinmedizin
Shownotes
Während des Medizinstudiums hatte Dr. Sandra Blumenthal so ihre Zweifel, ob sie wirklich Ärztin werden will. Sie wollte sich nicht zu sehr spezialisieren, ihr war Selbstbestimmung und Vielfalt wichtig. Schließlich fand sie all das in der Allgemeinmedizin und als Hausärztin. In ihrer eigenen Kiez-Praxis in Berlin kann sie ihr Arbeitsumfeld nun selbst gestalten: bunt und divers, familienfreundlich und empathisch. Als Hausärztin begleitet sie Menschen durch gute und schlechte Zeiten. Sie setzt dabei auf einen evidenzbasierten Ansatz und trifft gemeinsam mit ihren Patient:innen Entscheidungen für deren Gesundheit. Und sie ist noch lange nicht am Ende ihrer Karriere als niedergelassene Ärztin: Für ihre kleine Praxis hat sie noch große Pläne.
Weitere Infos und Links:
Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM): www.degam.de
Hausärztinnen- und Hausärzteverband: https://www.haev.de/
Die AG Werkzeugkasten unterstützt mit einem jungen Referierendenteam bei der Niederlassung: https://www.hausarzt-werkzeugkasten.de/
Die Kampagne „Lass Dich nieder“ der KBV: https://www.lass-dich-nieder.de/home.html
Im Podcast „Frau Doktor, übernehmen Sie!“ erzählen Frauen aus der Medizinbranche, wie sie dort Karriere gemacht haben. Dazu spricht Julia Rotherbl, Chefredakteurin der „Apotheken Umschau“, mit Frauen, die in Führungspositionen arbeiten, die Herausforderungen gemeistert haben oder an ihnen gescheitert sind. Es geht um Themen wie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Sexismus, männliche Netzwerke, mangelnde Vorbilder oder verschiedene Arbeitsmodelle. Das Ziel: Euch zu inspirieren und ermutigen, Euren eigenen Weg zu finden.
Montags alle 14 Tage erscheint eine neue Folge. Habt Ihr Fragen, Anregungen oder Kritik? Dann schreibt uns gerne an redaktion@gesundheit-hoeren.de
Mehr Gesundheitspodcasts gibt es hier: www.gesundheit-hoeren.de
Redaktion: Julia Rotherbl, Constanze Radnoti, Kareen Seidler;
Schnitt und Post-Produktion: Constanze Radnoti, Benedikt Möltner, Yves Seißler;
Chefredakteur: Peter Glück
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Transkript anzeigen
DR. SANDRA BLUMENTHAL Karriere bedeutet für mich nicht, dass 20 Leute dastehen und mir applaudieren oder aufstehen, wenn ich den Raum betrete, sondern Karriere bedeutet für mich, dass ich frei entscheiden und handeln kann.
JULIA ROTHERBL Bedeutet Karriere in der Medizin eigentlich unbedingt einen Berufsweg an einer Klinik oder an einer Universität? Also, bedeutet es unbedingt Chefärztin, Professorin, Klinikdirektorin? Oder ist nicht auch Inhaberin einer eigenen Praxis zu sein eine Form von Karriere? Unsere heutige Gästin würde Letzteres auf jeden Fall bejahen. Sie ist nämlich selbst Fachärztin für Allgemeinmedizin, niedergelassene Hausärztin und sie engagiert sich berufspolitisch, ist eine der beiden Vorsitzenden des Hausärzteverbandes Berlin und Brandenburg. Und wir wollen heute mit ihr darüber sprechen, was es für Vorteile hat, seine eigene Chefin zu sein. Herzlich willkommen, Dr. Sandra Blumenthal.
DR. SANDRA BLUMENTHAL Hallo Julia, danke für die Einladung. Ich freue mich sehr.
JULIA ROTHERBL Mein Name ist Julia Rotherbl. Ich bin Chefredakteurin der Apotheken Umschau. Ich freue mich sehr auf das Gespräch und auf alle, die uns zuhören.
SPRECHERIN „Frau Doktor, übernehmen Sie!“ Ein Podcast von gesundheit-hören und Apotheken Schau Pro.
KAPITEL – Von Hannah Arendt zur Allgemeinmedizin
JULIA ROTHERBL Sandra, tatsächlich gibt es etwas Ungewöhnliches, was Dich von vielen anderen Gästinnen dieses Podcasts unterscheidet. Du sagst nicht, dass Du schon immer Medizinerin werden wolltest. Ganz im Gegenteil, das war jetzt nicht so Dein Traumberuf. Was wäre denn dein Traumberuf eigentlich gewesen?
DR. SANDRA BLUMENTHAL Ich wollte was mit Literatur und Theater machen und eigentlich wollte ich immer den Roman schreiben, der die Welt verändert. Daraus ist jetzt nichts geworden.
JULIA ROTHERBL Warum nicht? Warum gab es dann doch die Entscheidung für das Medizinstudium?
DR. SANDRA BLUMENTHAL Ich komme aus einer Familie, in der vor mir keine Frau studiert hat. Und auch mein Papa war jemand, der quasi so erstmals einen eigenen akademischen Weg gegangen ist. Und der ist Ingenieur. Und als ich ihm erzählt habe, dass ich gerne Literatur- und Theaterwissenschaften machen möchte, hat er gesagt, dann fass mir mal in zwei Sätzen zusammen, wie du dich dann später finanzieren möchtest. Das war bei uns in der Familie gerade für Frauen wichtig. Genau. Und das konnte ich nicht, in der elften Klasse, und ich war auch in den Naturwissenschaften stark und dann habe ich gesagt, okay, dann mache ich Medizin und das hat er in zwei Sätzen verstanden.
JULIA ROTHERBL Und wie war dann dieses Medizinstudium so für dich? Hattest du damals schon das Gefühl, du hast dich richtig entschieden?
DR. SANDRA BLUMENTHAL Ich glaube, das war ein ziemlich harter Aufprall für mich. Ich kam von einer sehr freien Schule, in der es viel Raum gab, um über Hannah Arendt zu diskutieren, um sich Gedanken zu machen, um sich zu streiten, um auch mal ganz neue Wege zu gehen. Und dann kam ich in ein Studium, das extrem verschult war, in dem ich im Prinzip im ersten Semester schon wusste, was ich im achten Semester machen werde. In dem es vor allen Dingen darum ging, Dinge auswendig zu lernen und sie dann in Form von Kreuzaufgaben wiederzugeben. Und das war für mich ein ziemlich harter Aufprall, glaube ich. Und ich habe kurz vor dem Physikum auch ernsthaft überlegt, ob ich nicht doch meinen ursprünglichen Weg gehe. Und habe mich dann mit einer ganz netten Gruppe anderer Kommilitoninnen morgens beim Anatomie-Präparierkurs darüber unterhalten. Und eigentlich waren alle von uns unglücklich. Und das fand ich aber so nett, dass ich gedacht habe, „Na komm, dann ziehe ich es noch ein bisschen durch“. Und das war eine gute Entscheidung.
JULIA ROTHERBL Also du hattest dann das Gefühl, dir geht es nicht alleine so. Es ist vielleicht auch ganz normal.
DR. SANDRA BLUMENTHAL Ja, genau. Und ich fand die Leute einfach nett. Das ist bis heute auch so geblieben. Und ich wollte mich nicht unterkriegen lassen. Nicht von dieser Form des Studiums.
JULIA ROTHERBL Es gibt noch einen Punkt, der dich von manchen, zumindest manchen, unserer Gästinnen unterscheidet. Du bist an vielen Stellen deiner Ausbildung gefördert worden. Das sagst du selbst. Aber zu dem Zeitpunkt hat es sich für dich trotzdem irgendwie nicht richtig angefühlt. Kannst du uns, mir und den Zuhörerinnen, kurz erklären, warum und wie diese Förderung für dich vielleicht besser hätte aussehen sollen?
DR. SANDRA BLUMENTHAL Ich glaube, ich fange mal ganz von vorne an. Ich habe dieses Studium ja dann beendet und wollte dann unbedingt nach Berlin. War mir auch erst mal ein bisschen egal, in welcher Fachrichtung, und bin in der inneren Medizin gelandet, in einem kleinen Versorgungskrankenhaus, bei einer Chefärztin, die sich ganz bewusst für mich entschieden hat. Und die nach kurzer Zeit gesagt hat, „Das passt total gut mit uns beiden. Und ich möchte aus dir eine Gastroenterologin mit Schwerpunkt Onkologie machen.
JULIA ROTHERBL Sehr genaue Vorstellungen.
DR. SANDRA BLUMENTHAL Genau, ganz genaue… Und da hatte sie sich auch schon überlegt, in welchen Abteilungen sie mich rotieren lässt, damit ich optimal gefördert werde, damit ich eben die Person werde, die sie in ihrem Team braucht. Und das war mir viel zu eng. Denn anders als meine Erwartungen waren, habe ich nach dem Studium festgestellt, dass ich den Job als Ärztin total gerne mag. Dass ich mich vom ersten Tag an eigentlich wohl gefühlt habe, in der Arbeit mit Menschen. Und ich war total neugierig auf das, was da noch auf mich wartet. Und binnen sechs Monaten wurde dieser Weg, der initial so offen und frei war, extrem beschnitten. Mit guten Absichten. Aber es bedeutete eben auch, dass ich mich wieder sehr beschränken sollte, auf ein sehr kleines Fach. Ich sollte Spezialistin werden. Und das wollte ich nicht. Und deshalb habe ich gekündigt. Und habe dann so eine Kehrtwende hingelegt und habe gesagt, „Okay, vielleicht ist das ja in der inneren Medizin so“. Und ich mochte schon immer – also Menschen haben auch immer viel mit Büchern, mit Geschichten zu tun. Dann habe ich gedacht, vielleicht gehe ich mal in die Psychiatrie und gucke mal, wie es da so ist. Und habe in einem großen Versorgungskrankenhaus hier in Berlin gearbeitet, auch wieder bei einem Chef, der mich sehr früh gefördert hat. Der gesagt hat, ich brauche jemanden, der sich auf Frauengesundheit spezialisiert, bei psychiatrischen Erkrankungen. Und der hatte auch wieder sehr genaue Vorstellungen davon, wie das mit mir werden soll. Und ich habe dann auch im Konsildienst relativ früh in der Gynäkologie gearbeitet. Da habe ich mich mit Frauen unterhalten, die Endometriose hatten, die peri- oder postpartale Depressionen bekommen haben. Und ich fand die Psychiatrie auch total spannend, aber für mich bedeutete auch dieser Weg wieder eine totale Beschränkung. Und dann habe ich da nach etwas mehr als zwei Jahren auch wieder gekündigt.
JULIA ROTHERBL Darf ich kurz nachfragen – hast du dann, als du quasi entschieden hast, das ist für mich nicht der richtige Weg und ich kündige – hast du a) offen kommuniziert, warum du das tust? Und b) wie war die Reaktion darauf?
DR. SANDRA BLUMENTHAL Die Reaktion war bei beiden verständnisvoll.
JULIA ROTHERBL Okay. Also, du hast sie wissen lassen, warum?
DR. SANDRA BLUMENTHAL Genau. Ich habe gesagt, „Ich sehe mich hier nicht und ich möchte noch mal weiter gucken.“ Und es war für alle beide in Ordnung. Es war ein sehr wertschätzender Umgang und es war für beide in Ordnung. Und gerade bei meinem letzten Chef war auch immer noch so ein bisschen der Satz, „Ja, ich bin mal gespannt, was aus ihnen wird, wo Sie landen.“
JULIA ROTHERBL Ja, beide haben wahrscheinlich gehofft, du landest irgendwann über ein paar Umwege wieder bei ihnen.
DR. SANDRA BLUMENTHAL Genau, ich denke, vielleicht … Ja, das kann schon sein.
JULIA ROTHERBL Und wie bist du denn von dem Punkt, an dem wir gerade sind, dann tatsächlich bei der Allgemeinmedizin gelandet?
DR. SANDRA BLUMENTHAL Na, ich bin dann nochmal in die Rehabilitationsmedizin gegangen, weil ich gedacht habe, ich möchte die PatientInnen nicht nur so kurz kennenlernen, sondern ich möchte ein bisschen mehr über sie erfahren. Ich möchte auch länger an ihrer Seite sein. Ich möchte Entwicklungen miterleben. Und dann war ich in der Reha-Medizin, wo das sehr gut geht, wo ich auch wieder einen sehr netten Chef hatte. Bin dann schwanger geworden und hatte quasi so eine Art Auszeit, um mir noch mal Gedanken zu machen. Hab dann auch tatsächlich noch mal in der Medizingeschichte promoviert, hab die Elternzeit dafür genutzt, und hatte auch noch mal ein bisschen Zeit, um Luft zu holen, um mich umzuschauen. Und dann ist mich ein Freund besuchen bekommen, den ich lange nicht gesehen habe. Und der hat erzählt, von seinem Weg in der allgemeinen Medizin, also wie viele Facetten eigentlich dieses Fach hat. Und dass man sich eben nicht entscheiden muss, sondern mit seinen PatientInnen wachsen kann, dass man sich unterschiedliche Lernfelder erarbeiten kann, dass man sehr frei sein kann, in der Berufsausübung. Und er hat mir auch von den Menschen erzählt, die in diesem Fach arbeiten, die eben nicht so festgelegt sind, wo die Hierarchien sehr niedrig sind, wo alles sehr niedrigschwellig ist. Und dann habe ich angefangen, in der Chirurgie, was ein Teil meiner Weiterbildung war. Und ich habe dann auch meine Weiterbildung sehr bunt gestaltet, weil ich ursprünglich wieder aufs Land wollte, und habe dann Chirurgie gemacht. Ich habe Kinderheilkunde gemacht, bis ich dann meinen letzten Weiterbildungsabschnitt in der Allgemeinmedizin gemacht habe, wo ich dann eben alle diese unterschiedlichen Facetten plötzlich einbringen konnte. Da hat das plötzlich Sinn gemacht. Da hat sogar mein Interesse für Medizingeschichte plötzlich wieder Sinn gemacht, weil ich habe in Potsdam gearbeitet, wo eben auch ganz viel Geschichte ist, wo PatientInnen eben auch Geschichten mitbringen, die noch sehr präsent sind, teilweise.
JULIA ROTHERBL Gab es eigentlich einen speziellen Moment, wo du gedacht hast, „Ja, jetzt weiß ich, wo ich hinwill.“ Oder würdest du eher sagen, es war so eine Entwicklung?
DR. SANDRA BLUMENTHAL Ich glaube, der Moment war, als ich das erste Mal auf so einem richtigen Allgemeinmedizinischen Kongress war und ich die Leute gesehen habe, die da ohne Hemd und Krawatte rumlaufen, wo sich alle geduzt und gedrückt haben und wo man sich auch gestritten hat. Und ich glaube, das hat mich wieder dahin zurückgebracht, wo ich eigentlich herkam. Da wurde plötzlich wieder diskutiert und ich hatte auch das Gefühl, dass meine anderen Gedankengänge – da hat sich keiner gewundert, dass ich plötzlich mal mit Hannah Arendt um die Ecke kam, sondern das war okay, es war sogar willkommen. Es war eine interessante neue Perspektive, die ich einbringen konnte. Und ich glaube, dieses Fach ist dadurch, dass es gerade akademisch noch so jung ist, sehr durchlässig. Also, da sind QuereinsteigerInnen willkommen.
KAPITEL – Vorurteile, Selbstbestimmung und (Familien)Management
JULIA ROTHERBL Wie ist es denn überhaupt so – wie angesehen ist denn dieses Fach? Ich war auf einer Examensfeier der Medizinstudierenden in München und es wurde dann immer so eingeblendet, wohin der- oder diejenige will. Und ich muss ehrlich sagen, also Allgemeinmedizin, InternistIn oder gar HausärztIn stand da jetzt eigentlich fast nie drauf. Also, es ist, glaube ich, immer noch so eine Vorstellung von – ich habe so lange studiert und soll dann ...
DR. SANDRA BLUMENTHAL … Überweisungen ausstellen.
JULIA ROTHERBL Ja, und Erkältungen behandeln und so. Also ist es tatsächlich, dass das auch so ein bisschen stiefmütterlich behandelt wird, in den Ausbildungsjahren? Oder woher kommt es, dass tatsächlich so wenige – oder relativ wenige – sich zumindest am Anfang für dieses Fach begeistern können?
DR. SANDRA BLUMENTHAL Ich glaube, es kommt ja erst ganz langsam überhaupt erst im Studium vor. Die akademische Allgemeinmedizin ist extrem jung. Die ist eigentlich im Studium, war die anfangs zu meinen Zeiten zumindest sehr, sehr schwach vertreten. Das wird jetzt immer so ein bisschen mehr. Und Allgemeinmedizin war immer so ein bisschen – es kamen die spannenden Sachen und am Ende sagte der Dozent (meistens waren es ja doch damals immer noch Männer) hat dann gesagt, „Naja, und den Rest macht dann der Hausarzt.“ Das war irgendwie so, „Also, das macht er dann.“ Und am Ende ist es halt sowieso nur Überweisungen schreiben und ein bisschen Husten, ein bisschen Schnupfen, ein bisschen Heiserkeit. Und dann diese ältere Dame, wo immer der linke Zeh jeden Montagmorgen juckt. Und ich weiß noch, wenn ich ehemalige KommilitonInnen treffe, die dann sagen so, „Boah, dass du da Lust drauf hast!“ Und das ist, glaube ich, auch ein bisschen eine Unkenntnis über diese hausärztliche Arbeitsweise, was wir da eigentlich tun, dass eben die Behandlung eines Schnupfens, obwohl die ganz banal aussieht, oft gar nicht so banal eigentlich ist. Sondern da steckt ganz viel Beziehungsarbeit, auch nicht selten, drin.
JULIA ROTHERBL Also, ich finde ja, ehrlich gesagt, auch dieses Überweisungsthema gar nicht so banal. Also, wenn jemand schon in der Radiologie ist, dann ist klar, okay, da wird jetzt eine Röntgenaufnahme gemacht. Aber quasi derjenige, der entscheidet oder diejenige, die entscheidet, dass da überhaupt sowas nötig ist und nicht sagt, „Da wird schon alles okay sein.“ Die Patientin juckt es halt immer am linken Zeh. Das wird jetzt kein Rheuma oder eine Gicht oder sowas sein. Also, das ist ja eigentlich eine sehr verantwortungsvolle Entscheidung.
DR. SANDRA BLUMENTHAL Genau. Das ist eine hochkomplexe Tätigkeit. Und das ist, glaube ich, das Dilemma, in dem die Allgemeinmedizin oft steckt, dass junge Menschen sich vor dieser Verantwortung fürchten. Es gibt eben kein CT, wo man jemanden kurz durchschieben kann, weil er auf den Hinterkopf gefallen ist. Es gibt auch keinen Herzkatheter um die Ecke, wenn jemand mit Brustschmerzen kommt. Es ist auf der einen Seite, dass man sich da sehr unsicher fühlt, weil im Studium eben immer noch sehr die technisch-apparativen Möglichkeiten im Vordergrund stehen. Auf der einen Seite. Auf der anderen Seite eben dieses, na ja, man füllt halt nur eine Überweisung aus. Aber ich denke, das ist genau, wie du das skizziert hast. Das ist eigentlich sehr schwierig. Der Beratungsanlass Brustschmerz ist so ein ganz gutes Beispiel. Wir haben ganz viele Menschen bei uns in den Praxen, die kommen mit Brustschmerz. Und das kann von einem schweren Herzinfarkt bis zu einer kleinen muskulären Verspannung eigentlich alles sein. Und natürlich kann man nicht jeden, der Brustschmerz hat, zum Herzkatheter schicken oder zum Kardiologen oder zur Kardiologin. Auf der anderen Seite darf man eben auch niemanden übersehen. Und da haben wir aber inzwischen eigentlich gute Tools. Wir arbeiten relativ viel mit Statistik und Risikoberechnung. Also, beim Beratungsanlass Brustschmerz zum Beispiel habe ich einen sogenannten Score, den ich mit meinen PatientInnen durchgehe und dann sagen kann – gerade wenn sie sich viel Sorgen machen. Ich habe zum Beispiel gerade einen Patienten mit einer Panikstörung, der kommt immer wieder mit Brustschmerzen – dass ich aber sagen kann, „Schauen Sie mal, jetzt haben wir das zusammen gemacht. So hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass es wirklich vom Herzen kommt.“ Das beruhigt ihn sehr und es gibt mir aber auch eine unglaubliche Sicherheit. Und der kommt auch nicht immer wieder, weil er hat verstanden, warum ich so sicher war und gesagt habe, „Okay, so ist es so.“ Und manchmal kommt er dann halt auch nur montagmorgens, um zu sagen, „Ich weiß schon, was Sie sagen, aber Sie müssen es mir …
JULIA ROTHERBL … jetzt nochmal sagen.
DR. SANDRA BLUMENTHAL Weil gestern war Sonntag.
JULIA ROTHERBL Und was, glaube ich, dazukommt ist – und da nehme ich diesen Podcast jetzt hier auch nicht aus – dass quasi der Begriff Karriere in der Medizin oft eher verbunden ist mit einer Karriere in der Wissenschaft oder einer Karriere in einer Klinik, Chefärztin, Klinikdirektorin, wie auch immer. Was ist für dich Karriere?
DR. SANDRA BLUMENTHAL Also, für mich ist Karriere gleichbedeutend eigentlich mit der Freiheit, das zu tun, was ich möchte, als Ärztin. Und ich glaube – das war mein Eindruck – das gelingt in Krankenhäusern vielleicht inzwischen immer besser. Aber es gibt da immer noch enorme Zwänge. Es sind ökonomische Zwänge. Es sind Zwänge, die einfach in Hierarchien festgelegt und definiert sind, und in den Abläufen. Und ich bin in meiner Praxis Chefin. Ich arbeite im Team. Also, ich habe zwei MFAs und wir machen regelmäßig Teambesprechungen und wir treffen unsere Entscheidungen auch gemeinsam. Aber am Ende kann ich entscheiden. Also ich habe mich zum Beispiel – wir haben zweimal die Praxissoftware gewechselt. Einmal haben wir die Entscheidung gemeinsam getroffen und beim letzten Mal habe ich gesagt, „Nee, das ist schief gegangen und jetzt entscheide ich das.“ Und das ist eine große Selbstbestimmtheit. Oder allein, dass ich meine Arbeitszeiten festlegen kann, dass ich meine Öffnungszeiten danach richten kann, wie ich leben möchte. Ich habe gewisse Vorgaben, ich muss 25 Sprechstunden anbieten, aber wann ich die anbiete, ist meine Entscheidung. Und das bedeutet für mich auch Karriere. Karriere bedeutet nicht, dass für mich 20 Leute dastehen und mir applaudieren oder aufstehen, wenn ich den Raum betrete, sondern Karriere bedeutet für mich, dass ich frei entscheiden und handeln kann.
JULIA ROTHERBL Wie groß sind denn tatsächlich jetzt so die Gestaltungsspielräume für eine eigene Praxis – wenn man jetzt diese bürokratischen Zwänge, diese Vorgaben, du hattest jetzt Software schon angesprochen ... Was sind noch Bereiche, wo du sagst, das kann ich tatsächlich völlig frei so tun und einrichten, wie ich mir das vorstelle?
DR. SANDRA BLUMENTHAL Also, die allergrößte Freiheit besteht natürlich darin – wir haben einen HausärztInnenmangel in Deutschland – dass ich erstmal ganz frei entscheiden kann, wo ich arbeiten will. Mir war wichtig, dass ich mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren kann. Und danach habe ich meine Praxis ausgesucht. Dann bin ich ja relativ frei, was die räumliche Gestaltung angeht. Wenn ich komplett neu gründe, gibt es natürlich bauliche Vorgaben. Das ist auch gut, dass es das gibt. Aber wenn ich eine Praxis übernehme – und davon gibt es sehr, sehr viele aktuell – dann kann ich selber entscheiden, in welchen Räumen ich arbeiten möchte. Ich wollte eben nicht professionell kalt arbeiten, sondern wenn du in meine Praxis reinkommst, dann ist da ein Dielenfußboden, es sind hohe Räume, es sind warme Farben. Es ist eine Berliner Erdgeschoss-Altbauwohnung.
JULIA ROTHERBL Ah, schön.
DR. SANDRA BLUMENTHAL So wollte ich arbeiten. Und es gibt andere, die kommen da rein und sagen, „Da könnte ich nicht arbeiten. Das ist irgendwie alles so … uhhh …“ Und dass ich das kann – ich kann entscheiden, wie viele MFAs ich einstelle. Ich muss natürlich meinen Workload bewältigen. Aber ich kann sagen … Meine Vorgängerin hat mit einer MFA gearbeitet. Ich arbeite mit zweien und ich kann auch entscheiden, gemeinsam mit diesen beiden Frauen, wo setzen wir unsere Schwerpunkte. Meine eine MFA ist Krankenschwester und nicht ärztliche Praxisassistentin. Die kann selber Hausbesuche machen. Ich finde es super, im Team zu arbeiten. Die werden wir jetzt weiterqualifizieren. Ich bin nicht gut in Privatabrechnung, also ich habe so ein ökonomisches Defizit. Meine andere MFA hat da total Lust zu. Die machen wir jetzt zur Abrechnungsmanagerin.
JULIA ROTHERBL Aber hat dieses ökonomische Defizit, haben das nicht im Prinzip fast alle Medizinstudierenden? Also, das ist so eine Frage, die ich mir stelle, wenn man eine eigene Praxis hat, ist man ja quasi eigentlich auch Unternehmerin oder Unternehmer. Das kriegt man im Studium ja wahrscheinlich gar nicht mit, was man dafür … Also ich weiß nicht, Gewinn- und Verlustrechnung und so. Also muss man sich das ja reinfuchsen eigentlich?
DR. SANDRA BLUMENTHAL Also, ich glaube, man sollte so ein Grundinteresse mitbringen. Ich glaube inzwischen, dass man auch so ein bisschen Managerin ist. Das ist inzwischen schon angekommen, auch bei den Leuten, die sich für ein Medizinstudium entscheiden. Wenn du dir so Rollenmodelle aus Kanada – die haben ja eine sehr starke Allgemeinmedizin, da gehört dieses Management total dazu. Und ich glaube, was man sich klarmachen muss, bundesweit fehlen mehr als 5000 Hausärztinnen und Hausärzte. Also, das ist nicht so, als wenn man einen Laden aufmacht, wo man sich erst mal … Bei uns in der Nähe hat so ein Perlenstudio aufgemacht. Das stelle ich mir schwierig vor. Dann macht man das Marketing und dann – kommen die Leute? Kommen die nicht? Und bei uns ist es so, wenn man eine Praxis in Lichtenberg aufmacht, dann muss man eigentlich nur die Tür aufmachen. Die PatientInnen strömen rein. Also, so kompliziert ist es, glaube ich, nicht. Ich glaube, man muss so ein bisschen ein Interesse mitbringen. Aber inzwischen hat sich innerhalb dieses Fachs eben auch eine Community gebildet, die das erkannt hat. Wir haben zum Beispiel die AG Werkzeugkasten. Das sind junge Niedergelassene. Die sind nicht länger als fünf Jahre niedergelassen. Die führen so in unterschiedlichen Seminaren durch die unterschiedlichen Aspekte der Praxisführung. Da geht es um Teamführung, da geht es aber auch um Finanzierung, da geht es darum, welche Geräte schaffe ich mir an. Und dieses Thema Geräte zum Beispiel ist auch so auf der einen Seite ein ökonomisches, also wo will ich rein investieren? Auf der anderen Seite auch, wozu habe ich eigentlich Lust? Und da kommen wir wieder zu dem Punkt der Selbstbestimmtheit. Ich habe mir ein Sonographiegerät gekauft oder geleast, einfach weil ich dazu Lust zu habe. Und das ist meine Entscheidung. Und ich muss niemanden fragen, ob das gut oder schlecht ist. Das ist halt mein Ersatz-Kleinwagen, deshalb fahre ich sonst Fahrrad.
JULIA ROTHERBL Viele Frauen – oder viele Ärztinnen – nehmen ja quasi die eigene Praxis auch als Weg, weil die Vereinbarkeit mit Familie besser ist. Du hast selber zwei Kinder. Ist es denn tatsächlich so, dass es leichter zu vereinbaren ist – oder stellt man sich das einfacher vor, als es dann doch ist?
DR. SANDRA BLUMENTHAL Ich persönlich glaube, dass es einfacher ist. Weil ich habe eine Freundin, die ist Chirurgin, da war immer Dienstbeginn morgens um sieben. Find mal eine Kita, die morgens um sieben aufmacht. Und ich habe mir einfach überlegt, ich mache um acht Uhr dreißig auf. Weil dann kann ich mit den Kindern, wir können noch gemütlich frühstücken, ich habe auch noch kurz Zeit für einen Kaffee alleine und dann geht es bei mir los. Und natürlich ist es so, ich kann auch mal um 13.30 Uhr statt um 17 Uhr zumachen, wenn meine Tochter mich an einem Nachmittag für ein Schulpicknick braucht. Ich glaube, wo wir noch Defizite haben, ist dieses Thema, wie schwanger werden und dann Erziehungszeiten in der Niederlassung. Aber auch da wachen die KVen langsam auf. Ich weiß, ich habe eine wirklich sehr nette, engagierte Kollegin aus Hamburg, die war quasi so eine der ersten, die überhaupt mit dem Thema Elternzeit in der Selbstständigkeit kam. Die waren total überfordert, mit dem Thema. Das, finde ich, geht nicht. Also, da muss es einfach Vorschläge geben. Da muss es eine gute Beratung geben. Ich glaube, da ist noch ein bisschen Luft nach oben. Aber ich persönlich finde, es ist einfach, weil wir flexibler sind und Dinge entscheiden können, ist es einfacher. Ich habe zum Beispiel in meiner Praxis entschieden, dass ich einen Raum für meine Kinder habe. Das machen nicht wenige. Ich habe auch eine Kollegin, die hat eine Riesenpraxis in Bayern. Die hat komplett eine Etage oben für ihre Kinder. Die sitzen da oben, die machen ihre Hausaufgaben, die holen sich ihre Milch ab. Bei mir ist es ein Schlafsofa. Die sind aber schon ein bisschen älter, also ich merke, dass das Schlafsofa weniger genutzt wird, als ich mir das initial vorgestellt habe.
JULIA ROTHERBL Erlebst du das? Ich weiß, dass du auch berufspolitisch engagiert bist. Also, erlebst du das tatsächlich so, wie ich das jetzt auch gesagt habe, dass das für viele Frauen tatsächlich ein Weg ist, der Dinge leichter vereinbar macht? Die Quoten sind ja auch so, dass mittlerweile mehr Frauen als Männer in die Niederlassung gehen. Oder ist es so, weil Frauen sich generell mehr für diese Form von Medizin interessieren? Ich weiß es nicht genau.
DR. SANDRA BLUMENTHAL Also, ich erlebe es so. Ich habe ja auch im Kompetenzzentrum gearbeitet, habe da Ärzte und Ärztinnen in Weiterbildung betreut, die die Weiterbildung Allgemeinmedizin gemacht haben, im Rahmen vom Seminarprogramm. Da war ein häufiger Grund, aus dem Krankenhaus zu wechseln die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Der Schritt in die eigene Praxis, den machen viele Frauen, auch gerade Mütter, dann nicht. Und das finde ich schade. Das ist auch das, was mich so ein bisschen antreibt, zu sagen, sie lassen sich oft anstellen. Weil es fühlt sich besser an, weil man denkt, „Wenn das Kind krank ist, kann ich zu Hause bleiben.“ Es ist nicht so viel Verantwortung. Ich kann das total nachvollziehen. Ich hatte das auch sehr lange, weil ich immer dieses Gefühl hatte, es muss sicher sein. Aber ich denke, dass gerade diese Ärztinnen häufig eigentlich Chefinnen sind, von kleinen Unternehmen. Und dieses kleine Unternehmen heißt Familie. Und die organisieren sowieso schon ganz viel. Und im besten Fall sind sie auch noch irgendwie im Vorstand der Kita und wenn Kita zu Ende ist, dann sind sie auch noch Elternsprecherin. Aber dieser Schritt in die eigene Praxis, der fällt vielen noch schwer. Und da sind wir aber dran. Da möchten wir auch gerne empowern zu sagen, „Traut euch das. Ihr könnt das.“ Wir brauchen, glaube ich, gerade diese Ärztinnen in den Praxen, die einfach dieses kleine Unternehmen schon mal geführt haben und die auch ihre ganz besondere Expertise mitbringen. Und da würde ich mir einfach wünschen, dass sich das mehr trauen. Und da braucht es aber sicherlich auch noch ein bisschen mehr Förderung, vielleicht von den KVen. Das war sicherlich – das ist schon lange her – aber es war früher auch immer noch so, dass man, wenn man sich als Mutter niederlassen wollte, dass man dann schon so ein bisschen schief angeguckt worden ist, nach dem Motto, „Ja, wie soll das jetzt gehen?“ Und es geht. Also es geht wirklich, wirklich gut.
JULIA ROTHERBL Aber da muss sich ja auch was geändert haben, weil wie du schon gesagt hast, es ist ja auch ein großer Mangel. Also, da kann man doch jetzt nicht mehr sagen, „Sie haben zwei kleine Kinder, also wir würden Ihnen dringend abraten, sich niederzulassen.“ Das geht doch eigentlich heutzutage gar nicht mehr.
DR. SANDRA BLUMENTHAL Also, das ist auch heute nicht mehr so, aber ich habe eine Kollegin, die hat sich jetzt vor ungefähr 15 Jahren niedergelassen, damals sehr jung, mit Zwillingen und der wurde noch gesagt, „Ja, da können sie sich ja auch gleich die Kugel geben.“ Die ist dann aber zum Glück ruhig geblieben und hat gesagt, das wäre dann ihre Entscheidung.
JULIA ROTHERBL Ich finde es auch total schön, dass du jetzt nochmal sagst, diese familiäre Organisation, dass das einen für berufliche Herausforderungen sehr schult. Ich finde, das wird oft nicht in ausreichender Form gesehen.
DR. SANDRA BLUMENTHAL Ja, und das ist total schade, weil ich glaube, das ist eine riesige Kompetenz, die diese Frauen – oder auch teilweise Männer, wir hatten letztens ein berufspolitisches Event, wo gerade diese Vereinbarkeit von Beruf und Familie von einem Mann vertreten worden ist, weil die das mal brechen wollten. Ich glaube, Menschen mit Familie bringen eine unglaubliche Kompetenz mit, die man gerade in der hausärztlichen Praxis gut gebrauchen kann. Weil bei uns geht es ja um lange Beziehungen, um Beziehungen zu halten, um Arbeiten im Team, um Empathie, um Einfühlungsvermögen. Und wenn bei mir im Gesprächszimmer eine Mutter sitzt, mit zwei Kindern, die völlig zusammenbricht und sagt, „Ich kann nicht mehr“ und ich sage, „Ich weiß hundertprozentig, was Sie meinen“, dann ist da ganz viel Bonding – sofort. Und das ist gut. Damit kann man arbeiten.
KAPITEL – Wegbegleiterin und Ziele für eine offene Praxis
JULIA ROTHERBL Zu dem Punkt, was du gerade gesagt hast– man begleitet Patientinnen und Patienten sehr lange. Das wird in der Regel von Menschen oder von Frauen, mit denen ich mich unterhalte, als Vorteil genannt. Also, dass sie es ganz toll finden, dass man als Hausärztin Menschen sehr lange begleitet und nicht wie in der Klinik mal eine Woche und dann weiß man nicht, wie ist die Geschichte ausgegangen. Also, für mich ist das jetzt so von außen betrachtet, denke ich mir manchmal auch, ist es nicht manchmal auch eine Form von Nachteil? Also, meine Schwiegermutter ist medizinische Fachangestellte und ich habe manchmal den Eindruck, dass man natürlich, wenn man Menschen dann auch sehr lange begleitet, Schicksalsschläge viel mehr nach Hause mitnimmt. Ja, jetzt ist da eine Frau, die ist seit 20 Jahren in der Praxis und jetzt kriegt man als Angestellte mit, da ist jetzt eine ganz schlimme Krebsdiagnose und die Wahrscheinlichkeit, dass sie in zwei Jahren noch lebt, ist sehr gering. Also, wie schafft man das, jemanden empathisch zu begleiten und trotzdem so eine professionelle Distanz herzustellen? Man kann ja nicht 900 PatientInnen-Schicksale mit nach Hause nehmen.
DR. SANDRA BLUMENTHAL Ja.
JULIA ROTHERBL Wie schaffst du das?
DR. SANDRA BLUMENTHAL Also, ich glaube, am wichtigsten ist erstmal, das einzukalkulieren, dass es mich berühren kann und dass ich darauf vorbereitet bin und dass ich einen Plan habe, wie gehe ich damit um. Das ist, glaube ich, erstmal wichtig und dazu gehört ein Netzwerk. Dazu gehört auch die Kenntnis von Supervisionsmöglichkeiten. Ich zum Beispiel habe für mich die Reflective Practice, also ich habe das Reflektierende Schreiben relativ früh für mich entdeckt. Also, wenn ich … es sind ja nicht nur traurige Beratungsanlässe, es sind auch manchmal nervige. Gibt es ja auch. Wo man danach denkt, warum bin ich denn da eigentlich so abgegangen? Ist ja auch komisch. Das hilft mir, das zu verarbeiten. Ich finde gerade auch im Team, das immer wieder zu besprechen, auch das offen anzusprechen und zu sagen, ich habe eine junge Patientin, die hat eine Krebserkrankung, das und das kommt auf uns zu. Wie geht es uns damit jetzt eigentlich? Das ist wichtig. Und ich glaube auch, ich finde Work-Life-Balance ist kein Modebegriff, sondern gerade im medizinischen Bereich ist es wichtig, dass wir uns Zeit für Pausen, für Erholung nehmen, damit wir dann wieder in die Praxen gehen können. Und auch mal zu sagen, „Okay, mir geht’s jetzt gerade nicht gut und jetzt tue ich was für mich, damit ich am Montag wieder für meine Patientinnen und Patienten da sein kann.“ Also, ich glaube, das anzuerkennen, dass wir diese Pausen brauchen, das ist total wichtig. Und auf der anderen Seite, das ist vielleicht auch manchmal so ein bisschen eine Typfrage, habe ich auch immer das Gefühl von Selbstwirksamkeit, wenn ich so ein Schicksal begleiten darf. Also, ich habe jetzt zum Beispiel eine ältere Patientin, die ich noch nicht lange kannte, aber wo das alles dann doch sehr plötzlich war, am Ende beim Sterben begleitet. Zusammen mit ihrer Tochter und mit ihrer Enkeltochter, die auch bei mir Patientinnen sind. Und natürlich ist es traurig, mit diesen drei Frauen in einem Raum zu sein. Aber da war auch eine ganz große Dankbarkeit, dass ich dabei sein darf. Dass ich Schmerzen lindern darf, dass ich weiß, wie das geht. Dass ich Netzwerke kenne, die ich dann installiere. Und dass ich am Ende das Gefühl habe, da ist ein Mensch gestorben, aber er ist so gestorben, wie er oder sie sich das vorgestellt hat.
JULIA ROTHERBL Ich verstehe.
DR. SANDRA BLUMENTHAL Wir heilen gar nicht so viel, aber wir begleiten ganz viel. Und ich glaube, dazu muss man in der Allgemeinen Medizin grundsätzlich ein bisschen bereit sein. Dass man sagt, die Dame, wo der linke Zeh immer wehtut, die heile ich auch nicht von ihrem linken Zeh. Aber ich begleite sie. Und das kann auch schön sein. Und bei uns sind es ja einige wenige Fälle. Ich könnte – sowas wie Kinderonkologie oder so, könnte ich mir zum Beispiel nicht vorstellen. Das weiß ich, da habe ich nicht die Persönlichkeit für. Das bewundere ich.
JULIA ROTHERBL Und was zweites, was mir immer so durch den Kopf geht, beim Thema HausärztInnen, dass man ja zumindest, wenn man alleine eine Praxis hat, also jetzt keine angestellten ArztInnen, dass ich mir manchmal überlege, wie das so ist, wenn einem im Alltag so eine Ansprechpartnerin, also, jetzt – ich weiß, dass man medizinische Fachangestellte und so hat – aber quasi jemand, der dieselbe Ausbildung hat, wo man sich so fachlich vielleicht nochmal besser austauschen kann als mit seiner MFA. Wie kompensierst du das für dich?
DR. SANDRA BLUMENTHAL Also ich finde das total wichtig. Ich sage auch immer, ich arbeite alleine, aber ich bin nicht alleine. Also, ich sitze alleine im Sprechzimmer, aber ich arbeite nicht alleine. Ich habe mir von Anfang an ein sehr stabiles, großes, unglaublich nettes Netzwerk aufgebaut. Und ich habe zum Beispiel eine Signal-Gruppe mit Menschen, mit denen ich mich mal ausgezogen habe während der Corona-Pandemie aus Protest, weil wir keine Schutzausrüstung hatten. Da sind über 35 KollegInnen drin, die sind über ganz Deutschland verteilt. Wenn ich eine Frage habe, zum Beispiel, kann man das bei Otitis externa noch geben, das Medikament? Oder das Medikament ist aus, was soll ich machen? Oder habt ihr eine Idee bei dem Hautausschlag? Dann schicke ich das in diese Gruppe und kriege binnen zwei Minuten eine Antwort.
JULIA ROTHERBL Aber das heißt schon, man muss sich als Hausärztin aktiv so ein Netzwerk bilden? Also, es ist jetzt nicht so, dass man automatisch in irgendeiner Form von Netzwerk eingebunden ist.
DR. SANDRA BLUMENTHAL Jein. Also, es gibt zum Beispiel noch so ein E-Mail-Austauschforum von der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin. Da sind über 1000 Hausärzte und Hausärztinnen registriert. Da kann jeder einfach reingehen und da werden oft so Hautbefunde … So ein Thema ist immer schwierig. Keine Ahnung, was ist das? Rot, Jucken … Das kann man da reinschicken. Und ich glaube, was schon verstanden worden ist, dass es schwierig ist, wenn wir so ganz auf uns gestellt sind. Und im Rahmen der Weiterbildung hat man die Möglichkeit, am Kompetenzzentrum Seminare zu besuchen und Mentoring-Gruppen. Im Idealfall ist es eben so, dass sich aus dieser Mentoring-Gruppe oder aus diesen Seminaren auch Netzwerke bilden. Wir haben Qualitätszirkel als Form der Fortbildung im hausärztlichen Bereich. Wir müssen uns ja fortbilden. Und ich habe zum Beispiel auch einen Qualitätszirkel, der trifft sich einmal im Quartal immer donnerstags. Da sind zehn oder elf Leute drin. Und wir bringen unsere Fragen mit und diskutieren dazu. Also, ich würde sagen, man muss gar nicht so viel tun. Man muss sicherlich ein bisschen was tun, um Anschluss zu finden. Aber viel ist es eigentlich nicht. Und ich glaube, um ganz alleine zu arbeiten, auch durch die virtuellen Möglichkeiten, muss man sich eher verschließen. Ich würde immer dazu raten, dass man eher in Kontakt geht. Weil, genau wie du sagst, es gibt immer Felder, bei denen ich unsicher bin, die ich nicht so gut kenne. Ich bin zum Beispiel jemand, ich antworte immer, wenn es um psychiatrische Dinge geht. Ich habe einen anderen Kollegen, der ist der Impfprofi. Wenn ich irgendeine Frage habe, kann ich den jederzeit anschreiben.
JULIA ROTHERBL Also ein bisschen Spezialisierung gibt es dann auch in der Allgemeinmedizin.
DR. SANDRA BLUMENTHAL Ja, nennen wir es Interesse. Doch, gibt es schon. Auf jeden Fall durch diese Weiterbildungen. Und durch diese vielen unterschiedlichen Wege. Wir haben ganz viele Leute, die haben so einfach quere Lebenswege. Und das ist total toll. Ich sage es auch immer gerne, ich hatte im Kompetenzzentrum einen Kollegen, der war Filmemacher. Der wird jetzt auch irgendwie Hausarzt. Der bringt auch ganz viel tolle Expertise durch seine vielen Reisen mit. Oder eine Thoraxchirurgin, die irgendwann keine Lust mehr hatte, die hat natürlich ganz viel Expertise, die sie mitbringt. Und natürlich zieht die so ein bestimmtes PatientInnen-Klientel an. Das ist klar und das ist ja auch gut so.
JULIA ROTHERBL Also, man merkt schon, es ist auch viel, was dich an der Allgemeinmedizin begeistert, was mit diesem Umfeld zu tun hat, so dieses sehr diverse Umfeld, richtig?
DR. SANDRA BLUMENTHAL Genau, also ein bisschen bunt. Ich mag es gern ein bisschen bunt. Ich habe mich nie in diesen ganz starren Mustern wohl gefühlt. Das ist … habe ich gar nicht so.
JULIA ROTHERBL Ich hätte noch eine letzte Frage an dich. Diese Karriere Hausärztin. Jetzt hast du eine Praxis, bist Inhaberin einer Praxis. Jetzt könnte man irgendwie so die Vorstellung haben, da geht jetzt auch nicht mehr viel. Also, deine Karriere ist jetzt irgendwie am Ende angelangt. Du schüttelst schon hektisch den Kopf. Deswegen, ich würde dich gerne fragen, was für dich so Ziele sind, für die nächsten Jahre, wo du sagst, das will ich auf jeden Fall noch erreichen.
DR. SANDRA BLUMENTHAL Ich habe eine ganz kleine Praxis gekauft. Die ist ganz klein und die kann so mit mir wachsen. Und mein Ziel ist, ich arbeite wirklich in einem Kiez. Also wenn ich zum Bäcker gehe, dann treffe ich meine PatientInnen. Wenn ich einen Hausbesuch mache, hektisch aus der Sprechstunde, dann falle ich nur einmal über die Straße. Und ich möchte aus dieser Praxis einen Ort machen, der immer zugänglich ist und der ein Lebensort ist. Also, ich liebe das, wenn ich in mein Wartezimmer komme und da unterhalten sich drei Leute und sagen dann am Ende, wir wohnen nur drei Häuser weiter und haben uns noch nie gesehen.
JULIA ROTHERBL Also so einer Art Treffpunkt.
DR. SANDRA BLUMENTHAL Genau, so ein Treffpunkt. Also, ich möchte einfach mit diesem Kiez verwoben sein. Und dazu gehört für mich aber auch, ich möchte nicht – und ich glaube auch nicht, dass es gut wäre – 24 Stunden, fünf beziehungsweise sieben Tage die Woche für meine PatientInnen da sein. Ich möchte diese wenigen kleinen Räume, die ich habe, eigentlich soweit es geht offen halten. Dazu gehört schon auch, dass ich noch ein oder zwei ÄrztInnen dazuholen möchte, längerfristig, perspektivisch, die bei mir arbeiten, in welcher Konstellation auch immer. Und ich möchte eigentlich, dass diese Praxis immer offen ist.
JULIA ROTHERBL Schöne Vorstellung.
DR. SANDRA BLUMENTHAL Zumindest bis, sagen wir mal, 19 Uhr, sodass niemand mehr in die Rettungsstelle muss. Sondern dass man weiß, ach, da gehe ich schnell rüber – der Arm ist so taub, was ist da eigentlich los? Das würde ich mir wünschen. Und ich würde mir auch wünschen, dass ich mein Team weiterqualifiziere. Also, das bedeutet auch nicht, dass alle immer bei mir bleiben, sondern dass es einfach so ein Ort ist, wo man sich entwickeln kann. Und wie diese Entwicklung aussieht – das finde ich, ist eben das Schöne – da bin ich noch total frei. Das weiß ich gar nicht. Also, ich bin auch Trainerin für autogenes Training. Vielleicht habe ich irgendwann mal Lust, abends Kurse zu geben oder vielleicht mache ich mal Kurse für Gesundheitskompetenz. Ich weiß, mein ehemaliger Chef, der hat damit mal angefangen, sagte auch „Nach drei Jahren, weißt du, hatte ich keine Lust mehr“, hat er wieder damit aufgehört. So einfach zu sagen, das ist so ein Ort, der entwickelt sich und der entwickelt sich aber mit diesem Kiez. So. Ich habe letztens die Erzieherin getroffen, die meine Kinder maßgeblich mit großgezogen hat, der ich so viel verdanke. Und die hat gesagt, „Wo ist denn eigentlich deine Praxis?“ Und da habe ich gedacht, wenn die zu mir kommt, dann ist es wirklich so ein Geben und Nehmen. Und so stelle ich mir Gesellschaft und Gemeinschaft vor. Und da, glaube ich, das sind meine Ziele für die nächsten Jahre.
JULIA ROTHERBL Aber du hast dann auch gezielt dir quasi so diese kleine Praxis ausgesucht, weil du sagst, dass die mit dir wachsen soll?
DR. SANDRA BLUMENTHAL Genau. Also, ich hatte natürlich auch Angebote, da hätte ich viel schneller ganz viel Geld verdient. Angebote für Riesen-Praxenkonglomerate. Aber ich wollte ganz bewusst einen Ort haben, den ich gestalten kann, so wie ich mir das wünsche. Und ich freue mich jetzt immer, wenn jemand sagt, „Ja, ich wohne gegenüber, ich war eigentlich woanders“ oder „Sie haben meine Tochter schon behandelt und jetzt komme ich“ und ich denke, „Ja, ich möchte Teil davon werden.“ Das ist, glaube ich, immer noch so ein bisschen das Landkind in mir, dass ich so ein bisschen jetzt so Landärztin in der Stadt werde.
JULIA ROTHERBL Ja, was müssten denn eigentlich Ärztinnen mitbringen? Oder Ärzte, wo du sagst, die würden in meine Praxis passen? Also hast du da schon so eine Vision von KollegInnen?
DR. SANDRA BLUMENTHAL Also, ich glaube, sie sollten auf jeden Fall Menschen mögen. Also, das ist mir einfach wichtig, dass es nett ist. Du hast es ja schon so ein bisschen skizziert. Es gibt schwierige Situationen in Praxen. Es gibt auch harte Situationen. Aber ich finde, dass wir am Ende irgendwie immer rausgehen und irgendwie uns nochmal anlächeln und dass es gut ist. Das ist mir wichtig, dass es eine gute Atmosphäre ist. Es ist mir wichtig, dass es ÄrztInnen sind, die sich entwickeln möchten, die neugierig sind. Also, die immer weiter lernen wollen, eigentlich. Und ich glaube schon so ein bisschen, dass diese evidenzbasierte Medizin – also, dass ich mein Wissen oder meine Empfehlung auf Studien begründen kann, mit Patientinnen und Patienten gemeinsam dann eine Entscheidung treffe und auch die Entscheidung von Patientinnen und Patienten respektiere, das wäre mir wichtig. Also, ich glaube, ich könnte nicht mit jemandem zusammenarbeiten, der sich einfach nur hinsetzt und sagt, so, „Sie nehmen jetzt den Beta-Blocker und da ist die Tür“.
JULIA ROTHERBL Gibt ja mittlerweile auch viele Studien, die zeigen, dass das nicht funktioniert, was Compliance und sowas angeht. Also die Menschen müssen schon verstehen, warum sie diesen Beta-Blocker einnehmen sollten.
DR. SANDRA BLUMENTHAL Genau. Und wenn sie dann daraufhin entscheiden, dass sie ihn nicht nehmen wollen, dann zu sagen, „Okay. Dann ist es ihre Entscheidung.“
JULIA ROTHERBL Also auf Augenhöhe.
DR. SANDRA BLUMENTHAL Genau, aber ich möchte nur, dass sie wissen, worauf sie verzichten. Und wenn ein Patient oder eine Patientin das entscheidet, dann ist das so. Dann trage ich das. Ich begleite.
JULIA ROTHERBL Das Gespräch hat mir total viel Spaß gemacht. Vielen Dank dafür.
DR. SANDRA BLUMENTHAL Dankeschön.
JULIA ROTHERBL Das war sehr schön.
DR. SANDRA BLUMENTHAL Ich danke dir Julia. Danke für die Einladung.
JULIA ROTHERBL Sehr gerne.
JULIA ROTHERBL Im Gespräch mit Sandra ging es auch mehrmals darum, sich ständig weiterzubilden, sein Team ständig weiterzuentwickeln. Ich denke mal, viele von euch haben denselben Anspruch und deshalb habe ich einen Tipp für euch, einen Podcast-Tipp. Mein Kollege Dr. Dennis Ballwieser und meine Kollegin Dr. Laura Weisenburger hosten den Podcast ’Ne Dosis Wissen. Das ist ein kurzes Format für Health Professionals, die sich updaten wollen, über neue Leitlinien, neue Forschungsergebnisse, Diskussionen in der Berufspolitik. Ihr findet den Podcast überall, wo es Podcasts gibt oder auf gesundheit-hören.de. „Frau Doktor, übernehmen Sie!“ erscheint alle 14 Tage neu, immer montags. Und ich würde an dieser Stelle gerne etwas spoilern zur nächsten Folge. Da wird nämlich auch eine Hausärztin zu Gast sein. Allerdings sprechen wir mit der über ihr berufspolitisches Engagement. Wer sich dafür interessiert – auf jeden Fall einschalten.
SPRECHERIN Ein Podcast von gesundheit-hören und Apotheken Umschau Pro.
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