Für ein gerechteres Gesundheitssystem
Shownotes
Wer nicht in ein bestimmtes Bild passt, hat es oft schwer in unserem Gesundheitssystem – das gilt für Mediziner:innen und Patient:innen. Lehre, Forschung und Behandlung sind nämlich oft immer noch an weißen Cis-Männern ausgerichtet. Vor welchen Herausforderungen man da manchmal steht, darüber spricht Julia Rotherbl in dieser Folge mit Sabina Schwachenwalde. Sabina ist Ärzt*in in Weiterbildung und hat gerade ein Buch veröffentlicht: „Ungleich behandelt: Warum unser Gesundheitssystem die meisten Menschen diskriminiert“. Die beiden sprechen darüber, wie unser Gesundheitssystem gerechter werden könnte, warum das aber gar nicht so einfach ist – und was das alles mit Feminismus zu tun hat.
Weitere Infos und Links:
Buch „Ungleich behandelt. Warum unser Gesundheitssystem die meisten Menschen diskriminiert“: https://www.penguin.de/Paperback/Ungleich-behandelt/Sabina-Schwachenwalde/Goldmann/e603883.rhd
Im Podcast „Frau Doktor, übernehmen Sie!“ erzählen Frauen aus der Medizinbranche, wie sie dort Karriere gemacht haben. Dazu spricht Julia Rotherbl, Chefredakteurin der „Apotheken Umschau“, mit Frauen, die in Führungspositionen arbeiten, die Herausforderungen gemeistert haben oder an ihnen gescheitert sind. Es geht um Themen wie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Sexismus, männliche Netzwerke, mangelnde Vorbilder oder verschiedene Arbeitsmodelle. Das Ziel: Euch zu inspirieren und ermutigen, Euren eigenen Weg zu finden.
Montags alle 14 Tage erscheint eine neue Folge. Habt Ihr Fragen, Anregungen oder Kritik? Dann schreibt uns gerne an redaktion@gesundheit-hoeren.de
Mehr Gesundheitspodcasts gibt es hier: www.gesundheit-hoeren.de
Redaktion: Julia Rotherbl, Kareen Seidler, Constanze Radnoti;
Schnitt und Post-Produktion: Constanze Radnoti, Benedikt Möltner, Yves Seißler;
Chefredakteur: Peter Glück
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Transkript anzeigen
SABINA SCHWACHENWALDE
Für mich persönlich wäre eine feministische Medizin eine, die machtkritisch ist, die menschenzentriert ist und die eben sensibel ist für verschiedene Unterdrückungsformen und Diskriminierungsformen.
JULIA ROTHERBL
Als junge Ärzt*in und als Patient*in mit einer chronischen Erkrankung hat Sabina Schwachenwalde unser Gesundheitssystem aus zwei Perspektiven kennengelernt und hat einiges daran auszusetzen. Um notwendige Veränderungen anzustoßen, hat Sabina ein Buch geschrieben mit dem Titel „Ungleich behandelt. Warum unser Gesundheitssystem die meisten Menschen diskriminiert“. Ich freue mich sehr, dass Sabina heute zu Gast ist bei „Frau Doktor, übernehmen Sie!“, wobei ich sagen muss, dass Frau Doktor diesmal nicht so wirklich passt, denn Sabina ist nicht binär, definiert sich also weder als Mann noch als Frau. Sabina, Ich freue mich sehr, dass du heute hier bei uns im Podcast bist.
Herzlich willkommen.
SABINA SCHWACHENWALDE
Vielen Dank für die Einladung.
JULIA ROTHERBL
Mein Name ist Julia Rotherbl, ich bin Chefredakteurin der Apotheken Umschau und wünsche jetzt allen viel Spaß beim Zuhören und uns viel Spaß beim Sprechen.
SPRECHERIN
„Frau Doktor, übernehmen Sie!“– ein Podcast von gesundheit-hören und Apotheken Schau Pro.
KAPITEL 1 „SCHÖNE“ NEUE WELT STUDIUM & AUSBILDUNG
JULIA ROTHERBL
Sabina, du hast dich für ein Studium der Medizin entschieden, bist aber am Anfang in dem Studium nicht so wirklich angekommen. Warum eigentlich nicht?
SABINA SCHWACHENWALDE
Ich glaube, das hing viel damit zusammen, dass das alles eine ganz neue Welt für mich war. Und ich tatsächlich schon das Gefühl hatte, dass ich da gar nicht so recht rein passe am Anfang. Also in meiner Familie gibt es niemanden, der Medizin studiert hat. Und ich hatte dann gemerkt, dass doch bei recht vielen meiner Mitstudierenden, dass der Fall ist. Also dass einfach auch die ganze Familie schon Ärztinnen als Eltern hat.
Und ich hatte das Gefühl, da gab es viele, ja viele soziale Codes, die ich nicht beherrscht habe. Manche Wörter, die ich gar nicht kannte, also so Dekan*in oder Kommiliton*in, das war alles ganz neu für mich. Und ja, ich hatte schon das Gefühl, mich da in eine ganz große Institution irgendwie zu begeben, so an der Uni zu sein und in dieses Medizinsystem. Und ja, ich habe mich da etwas fremd gefühlt am Anfang.
JULIA ROTHERBL
Gab es denn den Punkt, wo du gesagt hast, okay, jetzt bin ich trotzdem irgendwie angekommen? Ich habe mich da irgendwie eingefunden, Ich kenne jetzt die sozialen Codes. Oder hat es eigentlich bis zum Ende nie wirklich diesen Punkt erreicht?
SABINA SCHWACHENWALDE
Also natürlich gewöhnt man sich dran. Man fügt sich ein. Man lernt ganz viel dazu. Man lernt, was die richtigen Worte sind, was die richtigen Hobbys sind, was die richtigen Verhaltensweisen sind.
JULIA ROTHERBL
Was ist denn das richtige Hobby?
SABINA SCHWACHENWALDE
Am besten ein Instrument. Nein, also das ist jetzt natürlich überspitzt gesagt. Aber ich habe gemerkt, dass ich da teilweise gar nichts anfangen konnte mit, ich sage mal das kulturelle Kapital, was da manche im Hintergrund hatten. Das heißt jetzt nicht, dass ich gar keine Hobbys hatte, aber ja einfach teilweise Dinge, die mir fremd waren. Doch, ich denke schon, dass ich mich da reingefunden habe, aber ich glaube, das können viele bestätigen, die vielleicht eine ähnliche Biografie haben, dass ich auf jeden Fall das Gefühl habe, dass das nie komplett weggeht.
Also, dass ich bis heute eigentlich in gewissen Räumen immer das Gefühl habe, ich glaube eigentlich bin ich ursprünglich hier nicht vorgesehen gewesen und habe das Gefühl, dass so diese Klassismus-Aspekte da schon manchmal noch so mitschwingen in dieser akademischen Welt, die für mich so neu war.
JULIA ROTHERBL
Also ich komme übrigens auch aus einem nicht-akademischen Haushalt, bin auch das erste Kind, das studiert hat. Und ein Punkt, den ich erlebt habe als großen Unterschied, ist, dass ich nebenher Geld verdienen musste und viele andere nicht?
SABINA SCHWACHENWALDE
Ja, absolut. Das war bei mir auch ein großes Thema, dass ich eigentlich immer nebenher entweder gearbeitet habe oder ein Stipendium hatte oder am Ende dann auch einen Kredit aufgenommen habe, den ich bis heute abzahle, weil es sonst nicht möglich gewesen wäre. Und das ist natürlich auch nochmal ein ganz anderes Level an Mental Load, so gesehen, den man dann zusätzlich hat. Und es ist ja schon auch so, dass man in den Semesterferien dann eigentlich wiederum unbezahlte Praktika macht, die Pflichtbestandteil des Studiums sind. Das heißt, da blieb auch oft ganz wenig Zeit, das überhaupt alles zu stemmen. Und ja, das fand ich schon schwierig.
JULIA ROTHERBL
Du warst auch irgendwann an dem Punkt, wo es dir zu viel geworden ist.
SABINA SCHWACHENWALDE
Ja, absolut.
JULIA ROTHERBL
Kannst du uns davon erzählen, wie hast du das gemerkt und was hast du dagegen gemacht?
SABINA SCHWACHENWALDE
Ja, also das war auch so eine Phase, wo ich gemerkt habe, es kommen einfach viele Dinge zusammen. Ich hatte auch ein bisschen gesundheitliche Beschwerden und hatte trotzdem eben die ganzen Prüfungen, die anstanden, das Geld im Hinterkopf, was irgendwie weiterlaufen muss. Und Ich hatte einfach so ein Gefühl von Moment, das ist gerade alles zu viel und ich weiß nicht, ob ich das schaffe. Dann habe ich erst mal vorerst die Notbremse gezogen und habe ein Semester Pause gemacht. Also habe mich von allen Kursen abgemeldet und mir so ein bisschen Luft zum Atmen verschafft.
Und das war sehr gut, mal so ein bisschen Pause zu machen. Und dann habe ich aber auch gemerkt, okay, ich möchte das trotzdem weitermachen. Und das war aber, glaube ich, wichtig für mich, einmal so diesen Schritt zurückzumachen, das ein bisschen mit Abstand zu betrachten und mich dann nochmal bewusst dafür zu entscheiden.
JULIA ROTHERBL
Du hast, das ist ja auch durchgezogen, also du hast fertig studiert. Hast du für dich irgendwelche Wege gefunden, mit diesem Leistungsdruck und mit diesem Mental Load besser umzugehen? Ich frage dich das, weil wir auch wissen, dass diesen Podcast tatsächlich auch viele hören, die mitten im Studium stecken gerade. Also falls du irgendwelche Tipps hast, sind wahrscheinlich alle dankbar, wenn du sie uns verrätst.
SABINA SCHWACHENWALDE
Ja, das ist natürlich im Nachhinein immer eine gute Frage. Ich frage mich jetzt auch manchmal, wie habe ich das eigentlich, also ich bin froh, dass ich es durchgezogen und geschafft habe und frage mich im Nachhinein, Wie habe ich das eigentlich gemacht? Ich glaube, ich hätte mir im Nachhinein gewünscht, mehr die Angebote zu nutzen, die es tatsächlich gab. Also ich glaube, es gab schon von Studierendenvereinigungen und von der Uni selbst Angebote, die mir wahrscheinlich geholfen hätten. Zum Beispiel gibt es ja durchaus jetzt Gruppen, die sich austauschen von Studierenden aus nicht-akademischen Haushalten und Elternhäusern und ich glaube, das hätte mir total geholfen, da einen Austausch zu haben.
Und ja natürlich auch, also ich glaube eine psychologische Unterstützung ist auf jeden Fall hilfreich, wenn man das Gefühl hat, oh das schlägt mir jetzt wirklich auf die mentale Gesundheit. Also ja, sich da nicht zu scheuen, auch sich mit anderen auszutauschen und darüber zu reden und auch gegebenenfalls Unterstützungsangebote zu nutzen und Unterstützung zu holen.
JULIA ROTHERBL
Also oft ist es ja dann so, wenn man quasi von dieser Ausbildung zur Ärzt*in spricht, dass vor allem thematisiert wird der Druck dann in der Assistenzärzt*innenzeit. Du hast zwei Stellen, zwei Assistenzärzt*innenstellen inne gehabt. Wie hast du das erlebt?
SABINA SCHWACHENWALDE
Das habe ich auch als sehr extrem erlebt Und jetzt habe ich fast ein bisschen ein schlechtes Gefühl, weil du gerade sagtest, das hören auch viele junge Mediziner*innen oder Studierende zu. Aber das war tatsächlich bei mir auch so, dass schon in der Studienzeit wir uns darüber unterhalten haben, oh bald geht diese Zeit los, von der immer gesagt wird, dass sie so stressig ist. Und ich habe tatsächlich die Erfahrung gemacht, leider, dass sich diese Befürchtungen bestätigt haben, dass das eine sehr, ja sehr extreme Zeit für mich war. Also ich glaube, so dieses Gefühl der Überforderung war ganz viel da, dass ich gemerkt habe, also ja, ich habe dieses ganze Wissen mir angeeignet über die Jahre, Aber jetzt muss ich das so schnell und auf eine Art und Weise anwenden, dass ich gar nicht hinterherkomme. Beziehungsweise gibt es ja schon auch viel, was einfach Erfahrungswissen ist oder was man nicht vorher üben kann.
Und da hatte ich das Gefühl, dass schon sehr schnell verlangt wird, dass man aufgrund des Personalmangels natürlich auch, das muss man dazu sagen, das ist ja auch ein strukturelles Problem, das ist nicht aus böser Absicht. Und ich persönlich hatte das Gefühl, schnell in Situationen gebracht zu werden, für die ich mich eigentlich noch nicht bereit gefühlt habe. Aber es war dann eben nicht anders möglich. Und das fand ich sehr schwierig, weil man da ja auch schnell in moralische Konflikte kommt. Wenn ich eigentlich das Gefühl habe, ich traue mir das fachlich noch nicht zu, aber meine vorgesetzte Person sagt, doch mach das jetzt, dann ist es ja total schwierig zu sagen, Moment mal, ich möchte eigentlich die Sicherheit der Patient*in den Vordergrund stellen, aber riskiere damit vielleicht meine berufliche Positionierung.
Also das finde ich, dass man da in total schwierige Situationen gerät, was überhaupt nicht fair ist gegenüber so jungen Mediziner*innen, die da gerade frisch starten.
JULIA ROTHERBL
Also du hast gerade als Beispiel genannt, dass es ein System ist, in dem man sich nicht traut zu sagen, ich bin dafür noch nicht bereit, bitte begleitet mich. Gibt es noch andere konkrete Situationen, die dir einfallen, die für dich, wie du es jetzt gesagt hast, nicht fair waren?
SABINA SCHWACHENWALDE
Also dieser körperliche Aspekt, den fand ich schon auch sehr herausfordernd. Also bei der einen Stelle hatte ich auch 24-Stunden-Dienste. Und ich habe den Eindruck, dass das generell ja so unter Mediziner*innen so ist, dass wir alle Menschen sind, die mit Leistungsdruck vertraut sind und die es auch gewöhnt sind, viel leisten zu müssen und zu können und zu sollen. Und dass dann manchmal sich so ein bisschen die Grenzen verschieben von dem, was normal ist. Weil natürlich wusste ich das von meinen befreundeten Kolleg*innen in anderen Bereichen, die schon angefangen hatten zu arbeiten.
Aha, Ja, das sind dann Bereitschaftsdienste, das macht man dann, das gehört dazu. Das ist in unserem Beruf normal.
JULIA ROTHERBL
Man hinterfragt es nicht.
SABINA SCHWACHENWALDE
Genau. Und wenn ich mich dann aber mit Freund*innen aus anderen Bereichen unterhalten habe, habe ich gemerkt, dass sie mich mit ganz großen Augen anschauen und sagen, wie bitte? Wie sieht deine Arbeit aus? Also es heißt ja Bereitschaftsdienst auf dem Papier, aber in der Realität ist es je nach Fachrichtung ja schon so, dass man durcharbeitet bzw. den Großteil der Zeit arbeitet.
Und das ist ja über lange Stunden hinweg sehr schwer durchzuhalten. Und da bin ich wirklich an meine körperlichen Grenzen gekommen. Also weil die körperlichen Grundbedürfnisse gar keine Zeit dafür ist, die zu decken. Also keine Zeit für Pausen, für Essen, für Toilettengänge, schlafen sowieso selten. Und dann quasi da so übermüdet nach vielleicht 22 Stunden Arbeit und mit knurrendem Magen, wenn dann eine Notfallsituation passiert, habe ich immer gedacht, das ist eigentlich ein ganz schön schräges System.
Dass das so vorgesehen ist, dass ich in dieser Verfassung jetzt so wichtige Entscheidungen treffen muss und so hohe Verantwortung trage und teilweise auch sehr schnell reagieren muss, obwohl meine Reaktionszeit eigentlich herabgesetzt ist vom Schlafmangel. Also ganz ironisch eigentlich.
JULIA ROTHERBL
Ich würde jetzt an der Stelle gerne vorgreifen auf dein Buch, das gerade erschienen ist. Ich habe mir da ein paar Zitate rausgeschrieben und eins passt jetzt irgendwie perfekt. Du hast geschrieben, unsere Arbeitsbedingungen sind für menschliche Körper, egal welchen Geschlechts, unzumutbar. So geht zum Beispiel die Einführung von 24-Stunden-Schichten auf einen Arzt zurück, der nur deshalb so lange am Stück arbeiten und wach bleiben konnte, weil er kokainabhängig war.
SABINA SCHWACHENWALDE
Ja.
JULIA ROTHERBL
Also beschreibt jetzt nochmal ganz gut, über was wir gerade geredet haben.
SABINA SCHWACHENWALDE
Ja, absolut.
KAPITEL 2 DAS GESUNDHEITSSYSTEM VON 2 SEITEN
JULIA ROTHERBL
Du bist dann auch an deine körperlichen Grenzen gekommen wegen Covid. Also Du bist vor drei Jahren an Covid erkrankt und leidest an Long Covid und hast in der Zeit eben das Buch geschrieben, das gerade erschienen ist, mit dem Namen „Ungleichbehandelt. Warum unser Gesundheitssystem die meisten Menschen diskriminiert.“ Und ich habe mich zwei Dinge gefragt. Zum einen, ob der Zeitpunkt, an dem du das Buch geschrieben hast, damit zu tun hat, dass du das System durch die Long-Covid-Erkrankung nicht mehr nur als Ärzt*in erlebt hast, sondern eben auch die Perspektive einer Patient*in eingenommen hast.
Und warum du zu dem Zeitpunkt das Thema gerechtere Medizin für dich als so wichtig empfunden hast, dass du gesagt hast, da muss ein Buch dazu geschrieben werden.
SABINA SCHWACHENWALDE
Also das Long-Covid-Syndrom, beziehungsweise inzwischen wirklich Very-Long-Covid kann man sagen, das war und ist ein großer Umbruch in meinem Leben und das ist jetzt quasi, es teilt alles ein in ein Vorher und Nachher, weil es einfach bis heute nicht mehr so ist wie vorher. Und ich habe in diesem Zuge ja natürlich die schmerzliche, aber auch sehr wertvolle bzw. interessante Erfahrung gemacht, wie es sich auf der anderen Seite anfühlt. Also wie es wirklich ist, dieses Gesundheitssystem aus Patient*innenperspektive zu sehen. Das Thema Feminismus und Gerechtigkeit in der Medizin hat mich aber schon viele Jahre vorher begleitet.
Also das hatte schon einen längeren Vorlauf. Ich erzähle ja da auch teilweise im Buch Anekdoten, die so aus meiner Studienzeit stammen, die ich mir dann schon manchmal so notiert hatte, weil ich dachte, Moment, hier läuft irgendwie was schief. Und ich war da schon mehrere Jahre auf der Suche, wie kann ich diese feministischen Überzeugungen, die ich habe, mit der Medizin verbinden.
JULIA ROTHERBL
Du hast von Dingen gesprochen, worüber du dir schon Notizen gemacht hattest, wo du schon gedacht hast, da läuft jetzt irgendwas nicht richtig. Kannst du ein, zwei Beispiele dafür nennen?
SABINA SCHWACHENWALDE
Zum Beispiel ist mir eine Szene ganz doll in Erinnerung geblieben. Da habe ich in einer Notaufnahme gearbeitet, die sehr überfüllt war und sehr überlastet, wo es sehr wenig Personal gab. Es gab diesen einen Flur, wo die ganzen Patient*innen, die auf eine Behandlung gewartet haben, eben sich befunden haben auf Stühlen, aber auch auf Liegen, die auf dem Gang standen. Und jedes Mal, wenn ich durch diesen Gang gegangen bin, haben die Leute wirklich gerufen, verzweifelt gerufen, weil das die einzige mitarbeitende Person war, die sie wahrgenommen haben in einer langen Zeit. Und das hat mich total doll beschäftigt, dass ich gemerkt habe, das macht was mit mir.
Wie kann das sein, dass so etwas passiert, dass wir so etwas Menschen zumuten und dass das dann irgendwie das System ist, was so toll sein soll angeblich. Ja, das hat mich irgendwie, das war eine von vielen Sachen, die mich da irgendwie so begleitet haben.
JULIA ROTHERBL
Beschäftigt dich immer noch, oder?
SABINA SCHWACHENWALDE
Ja, schon.
JULIA ROTHERBL
Wenn du es, wenn du erzählst, sieht man dir an, dass es immer noch was mit dir macht, wenn du dich zurückerinnerst.
SABINA SCHWACHENWALDE
Ja, absolut. Weil ich glaube, mir geht das so ganz doll gegen den Strich, wenn ich das Gefühl habe, da ist eine ungerechte Situation, die passiert. Und wenn dann aber auch noch obendrauf kommt dieses Gefühl von, man ist aber dieser Situation auch so machtlos ausgeliefert. Und das finde ich ganz schwierig damit umzugehen.
JULIA ROTHERBL
Und man wird ja doch irgendwie als Ärzt*in auch als Teil dieses Systems wahrgenommen, auch wenn man es kritisiert und nicht gut findet, was passiert. Aber trotzdem sieht der Patient, die Patientin oder die Patient*in ja nicht, was in dir zum Beispiel gerade vorgeht und dass du die Situation selbst nicht gut findest, sondern ich glaube schon, dass man dann auch als Teil dieses Systems eben wahrgenommen wird.
SABINA SCHWACHENWALDE
Ja, absolut. Und ich finde, das hat aber auch seine Berechtigung. Also das schreibe ich auch im Buch, dass ich da schon auch versuche zu reflektieren. Ich bin auch Teil des Systems und ich bin deswegen auch Teil des Problems. Natürlich versuche ich das zu reflektieren und versuche, das im Rahmen meiner Möglichkeiten besser zu machen.
Aber ich finde das auch einen ganz wichtigen Punkt, sich zu fragen, was ist denn eigentlich meine Rolle in den Dingen, die schief laufen. Und ich glaube, wir haben immer so diesen Impuls zu sagen, nein, aber ich doch nicht. Ich bin doch ein guter Mensch. Und da gibt es ja tatsächlich auch Studien, die zeigen, dass selbst wenn man explizit niemanden diskriminieren möchte oder niemanden schlecht behandeln möchte, dass man trotzdem bestimmte implizite Vorannahmen im Kopf hat, nach denen man dann Menschen ungleich behandelt. Das heißt, man kann eigentlich nur immer wieder versuchen, sich das bewusst zu machen, sich informieren und wirklich schauen, dass man da sensibel bleibt.
Und gleichzeitig ist das ja oft schwer in dem System, in dem wir arbeiten. Und deswegen finde ich es eigentlich auch in der Verantwortung von medizinischem Personal, sich dafür einzusetzen, dass sich das System bessert und die Arbeitsbedingungen bessern, weil das auch für die Patient*innen eine Verbesserung bringen würde.
JULIA ROTHERBL
Du setzt dich ein, das hast du vorher schon gesagt, kurz für feministische Medizin. Ich stelle bei dem Begriff Feminismus immer wieder fest, dass man kurz mal definieren muss, wie das Gegenüber eigentlich diesen Begriff für sich definiert. Deswegen würde ich dich an der Stelle gerne Fragen. Wie definierst du eigentlich Feminismus?
SABINA SCHWACHENWALDE
Ja, das ist ein absolut guter Punkt. Da gibt es ja auch verschiedene Feminismen. Ich vertrete oder versuche so gut es geht einen intersektionalen Feminismus zu vertreten. Dieses Konzept stammt aus den USA von Kimberly Crenshaw. Das ist eine schwarze Aktivistin und Juristin, die gesagt hat, wenn man sich schwarze Frauen anschaut, da ist es schwer auseinanderzuhalten.
Ist das jetzt sexistische Diskriminierung? Ist das rassistische Diskriminierung? Und das kann eigentlich nicht getrennt voneinander betrachtet werden, wenn sich das sogar in einer Person vereint. Das kommt von Intersection, also Kreuzung. Und das ist letztendlich der Versuch zu sagen, hey, die verschiedenen Diskriminierungsformen hängen zusammen.
Und ja, merke, dass er jetzt auch selbst, dass sich das teilweise gar nicht so leicht auseinanderhalten lässt. Also zum Beispiel bei mir, dass ich jetzt als queere Person, die aber weiblich gelesen wird, die chronisch krank ist, dass da viele Dinge miteinander verschwimmen und eigentlich ich die schwer getrennt voneinander betrachten kann.
JULIA ROTHERBL
Und was wäre dann daraus folgend feministische Medizin?
SABINA SCHWACHENWALDE
Für mich persönlich wäre eine feministische Medizin eine, die machtkritisch ist, die menschenzentriert ist und die eben sensibel ist für verschiedene Unterdrückungsformen und Diskriminierungsformen.
KAPITEL 3 INTERSEKTIONALER FEMINISMUS – GUTE GESUNDHEITSVERSORGUNG FÜR ALLE
JULIA ROTHERBL
Was wären denn für dich so ganz konkrete Ansätze, um dieses Gesundheitssystem von innen heraus irgendwie zu erneuern?
SABINA SCHWACHENWALDE
Also ja, da gibt es natürlich ganz viele Stellschrauben und ich glaube, das ist auch wichtig zu sagen, dass es nicht die eine einfache Lösung gibt. Leider, das wäre schön, aber ich glaube leider gibt es die nicht. Ich denke, es muss auf jeden Fall ein Kulturwandel stattfinden. Also es braucht irgendwie eine Sensibilisierung für das Thema Diskriminierung in der Medizin und dass sich das wirklich auf die Gesundheit negativ auswirkt. Und das ist eben ein zäher und mühsamer Prozess.
Das muss immer wieder besprochen werden. Da muss immer wieder eine Selbstreflektion auch für die Mitarbeitenden angestoßen werden. Es braucht eigentlich Schulungen, regelmäßige Schulungen, wo man sich mit solchen Themen auseinandersetzt. Es muss eigentlich schon im Studium in die Lehre integriert sein, dass alle sich mit diesem Thema mehr beschäftigen. Ich kann jetzt noch die Liste immer weiter gehen.
JULIA ROTHERBL
Vielleicht nennst du noch zwei, die du priorisieren würdest.
SABINA SCHWACHENWALDE
Also Ich fände zum einen den Zugang ganz wichtig. Also dass man überhaupt mal ganz an der Basis anfängt, okay, hat überhaupt jede Person einen gleichberechtigten Zugang zum Gesundheitssystem?
JULIA ROTHERBL
Und zu Gesundheitsinformationen.
SABINA SCHWACHENWALDE
Und zu Informationen, Genau. Das bezieht sich auf Sprache. Also wenn wir von Informationen sprechen, zum Beispiel Menschen mit Lernschwierigkeiten oder Menschen, die die deutsche Sprache nicht so gut können. Wie kommen die an Gesundheitsinformationen? Oder es gab zum Beispiel am Anfang, als die Corona-Impfungen organisiert wurden, gab es keine Information für sehbehinderte Menschen.
Die mussten sich das dann irgendwie über andere Wege, die Informationen dazu holen. Natürlich auch sind ärztliche Praxen überhaupt erreichbar, wenn jemand vielleicht einen Rollstuhl benutzt. Das ist nämlich in vielen Fällen gar nicht der Fall, dass das irgendwie Vorschrift wäre, da barrierefrei zu sein oder barrierearm zumindest. Also das ist so was ganz Praktisches, was ganz Greifbares, was sich glaube ich leicht erklären lässt, so hey, das müsste irgendwie anders sein.
JULIA ROTHERBL
Und ich glaube bei dem, was du jetzt sagst, würden auch alle mitgehen. Trotzdem würde mich interessieren, weil du auch gesagt hast, es ist wichtig, dass man darüber redet, dass darüber aufgeklärt wird, dass es überhaupt eine Sensibilisierung für das Thema gibt. Wie offen du denn das Gesundheitssystem oder die Player*innen im Gesundheitssystem empfindest für das Thema feministische Medizin? Für das Thema feministische Medizin?
SABINA SCHWACHENWALDE
Ja klar. Ich glaube, das ist teilweise nicht so leicht. Also eine Grundsatzfrage ist ja vielleicht auch, ist es der Ansatz im bestehenden System zu agieren und das zu verbessern? Oder vielleicht auch Ideen für ein ganz neues System oder ein ganz anderes System. Das findet ja teilweise auch statt, dass da Menschen sich zusammentun und ganz andere Formen der Gesundheitsversorgung für sich etablieren.
Und bei der Recherche für das Buch fand ich es auch total empowerend zu sehen, wie viele tolle Ideen und Initiativen es eigentlich schon gibt. Und das versuche ich auch zu betonen. Ich bin ja überhaupt nicht die erste und nicht die letzte Person, die zu diesem Thema was macht. Sondern ich habe das jetzt mal so versucht, alles zusammenzutragen, auch mal zu zeigen, hey, es gibt ganz viele engagierte Menschen und es gibt ganz viele Gruppierungen, die sich auf bestimmte Themen konzentrieren und da auch schon tolle Lösungskonzepte erarbeitet haben. Und die versuche ich so ein bisschen vorzustellen auch im Buch.
JULIA ROTHERBL
Als wir das erste Mal über dich als mögliche Gäst*in gesprochen haben, war eine der ersten Sachen, wo ich zu meinen Kolleginnen gesagt habe, das würde ich Sabina gerne fragen, ob nicht ein Lösungsansatz wäre, mehr Diversität, also auch bezogen auf unseren Podcast, mehr Frauen an Machtpositionen. Und es war dann ganz schnell klar, das ist nicht deine Meinung. Also du hast auch vor kurzem den Vortrag gehalten, „Diskriminierung in der Medizin, warum Diversity nicht die Lösung ist.“ Warum ist es für dich keine Lösung?
SABINA SCHWACHENWALDE
Also das ist natürlich ein bisschen provokant formuliert auch. Der Titel, sage ich ganz ehrlich, ich sage nicht, dass Diversity schlecht ist, Absolut nicht. Aber ich wollte damit einfach ausdrücken, dass Diversity nicht automatisch gut ist. Und dass das, glaube ich, gefährlich sein kann zu sagen, okay, wir besetzen jetzt einfach alle Führungspositionen neu und ganz divers und dann ist alles super. Und ich glaube das geht dann eigentlich so ein bisschen am Problem, am eigentlichen Problem vorbei, weil dann haben wir das System immer noch nicht geändert, sondern haben das beibehalten und haben nur andere Menschen an die Spitze gesetzt.
Natürlich hat das schon positive Auswirkungen, wenn Menschen in Führungspositionen andere Perspektiven aufgrund von persönlicher Erfahrung einbringen können. Aber das ist eben nicht automatisch was verändert. Das meine ich einfach nur damit, wenn ich sage, ja, Diversität ist schön, ist ein schöner erster Schritt, aber wir müssen uns auch überlegen, also müssen vielleicht auch einen Schritt zurückgehen und sagen, okay, wollen wir überhaupt diese Führungspositionen zum Beispiel so beibehalten? Wollen wir nicht vielleicht sogar das auch ganz anders, die Hierarchien gestalten oder soll es überhaupt Hierarchien geben? Also dass man da einfach nicht dazu verleitet wird, das als modernes Buzzword quasi die Diversity zu nehmen und dann denkt man, die Arbeit ist getan.
JULIA ROTHERBL
Sabina, du wirst ja auch zurückkehren in dieses System, in eine Hausarztpraxis. Was lässt dich quasi an dem System, wo du eigentlich so viel auch kritisierst, festhalten?
SABINA SCHWACHENWALDE
Das ist ganz einfach die Menschen. Also ich habe gemerkt, dieses Buchprojekt hat mir unglaublich viel Spaß bereitet, aber mir hat total gefehlt diesen Patient*innen-Kontakt zu haben und ich finde, es gibt einfach nichts schöneres als bestimmte Momente mit Patient*innen zu erleben. Also ich finde, das sind ganz sensible und private Situationen, die man da teilweise erlebt. Und ich empfinde das auch immer ein Stück weit als eine Ehre, wenn ich da für einen Moment an dem Leben teilhaben kann, auch vielleicht an der Ausnahmesituation teilhaben kann, von einer Person, die gesundheitliche Probleme hat oder Hilfe benötigt und dann zumindest im Idealfall vielleicht auch ein Stück weit helfen zu können, das besser zu machen.
JULIA ROTHERBL
Sabina, vielen Dank, dass du hier bei uns im Podcast warst und deine Erfahrungen und deine Wünsche und Vorstellungen mit uns geteilt hast. Ich fand es war ein sehr spannendes Gespräch. Vielen Dank.
SABINA SCHWACHENWALDE
Ja, vielen, vielen Dank auch von meiner Seite für das Gespräch.
JULIA ROTHERBL
Für alle, die jetzt auf den Geschmack gekommen sind und unbedingt mehr von Sabina lesen wollen, wir verlinken euch in den Shownotes Sabinas Buch, das gerade im Goldman Verlag erschienen ist. Und wir freuen uns, wenn ihr auch unsere nächste Folge anhört von „Frau Doktor, übernehmen Sie!“. Wir erscheinen alle 14 Tage neu, immer montags.
SPRECHERIN
Ein Podcast von gesundheit-hören und Apotheken Umschau Pro.
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