Das Ziel vor Augen: „Frauen müssen mehr an sich glauben“
Shownotes
Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Diese Einstellung zieht sich durch das Berufsleben von Dr. Mahdis Najafpour. Sie ist Chefärztin der Gynäkologie im Krankenhaus Porz am Rhein und wusste schon sehr früh, dass sie Ärztin werden will. Und obwohl sie mitten im Medizinstudium vom Iran nach Deutschland gezogen ist und in einer fremden Sprache nochmal von vorne beginnen musste, hat sie es bald dahin geschafft, wo sie hinwollte: in die Chirurgie. Obwohl ihr als „kleiner Frau“ von der Arbeit im OP abgeraten wurde (natürlich von einem Mann). In der Gynäkologie hat sie sich eine Nische gesucht und dort schnell Karriere gemacht. Als Feministin möchte sie sich trotzdem nicht bezeichnen. Im Podcast erzählt sie, wie sie mit viel Zielstrebigkeit und etwas Glück ihren Weg gefunden hat – und wie sie einmal sogar ein Orang-Utan-Weibchen operiert hat.
Im Podcast „Frau Doktor, übernehmen Sie!“ erzählen Frauen aus der Medizinbranche, wie sie dort Karriere gemacht haben. Dazu spricht Julia Rotherbl, Chefredakteurin der „Apotheken Umschau“, mit Frauen, die in Führungspositionen arbeiten, die Herausforderungen gemeistert haben oder an ihnen gescheitert sind. Es geht um Themen wie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Sexismus, männliche Netzwerke, mangelnde Vorbilder oder verschiedene Arbeitsmodelle. Das Ziel: euch zu inspirieren und ermutigen, euren eigenen Weg zu finden.
Montags alle 14 Tage erscheint eine neue Folge. Habt Ihr Fragen, Anregungen oder Kritik? Dann schreibt uns gerne an redaktion@gesundheit-hoeren.de
Mehr Gesundheitspodcasts gibt es hier: www.gesundheit-hoeren.de
Redaktion: Julia Rotherbl, Kareen Seidler, Constanze Radnoti;
Schnitt und Post-Produktion: Constanze Radnoti, Benedikt Möltner, Yves Seißler;
Chefredakteur: Peter Glück
[ANZEIGE] Mehr über die Angebote unserer aktuellen Werbepartner gibt es unter https://www.apotheken-umschau.de/podcast/partner
Transkript anzeigen
DR. MAHDIS NAJAFPOUR
Viele Frauen trauen sich nicht und wollen dann erst mal jahrelang Erfahrungen sammeln und sich danach eventuell trauen. Das möchte ich betonen, dass die Frauen wirklich mehr an sich glauben sollen, auch die Leitung und Führungsposition übernehmen können.
JULIA ROTHERBL
Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Diese Einstellung zieht sich durch das Leben unserer heutigen Gästin, vor allem durch ihr berufliches Leben. In dieser Folge von „Frau Doktor, übernehmen Sie!“ zu Gast ist Dr. Mahdis Najafpour. Sie ist Chefärztin der Gynäkologie im Krankenhaus Potsdam Rhein und sie wusste schon sehr sehr früh, dass sie Ärztin werden will.
Hat dann eine große Herausforderung gemeistert, nämlich mitten im Studium vom Iran nach Deutschland zu ziehen und das Studium trotzdem sehr erfolgreich abzuschließen. Und dann im Anschluss eine, wie ich finde, erstaunlich steile und schnelle Karriere hinzulegen. Und genau über Diese Karriere wollen wir heute mit ihr sprechen. Hallo Mahdis, ich freue mich sehr, dass du heute hier bist. Herzlich willkommen in diesem Podcast.
DR. MAHDIS NAJAFPOUR
Ja, vielen Dank, dass ich auch eingeladen wurde. Und ja, freue ich mich auf ein schönes Gespräch.
JULIA ROTHERBL
Mein Name ist Julia Rotherbl. Ich bin Chefredakteurin der Apotheken Umschau und wünsche euch jetzt allen viel Spaß beim Zuhören.
Sprecherin
„Frau Doktor, übernehmen Sie!“. Ein Podcast von Gesundheit hören und Apotheken Umschau Pro.
KAPITEL 1 Zielstrebig von Anfang an
JULIA ROTHERBL
Wie ich schon gesagt habe, wusstest du sehr früh, dass du Medizin studieren wirst oder willst. Ich weiß gar nicht, war es ein wirst oder war es ein willst?
DR. MAHDIS NAJAFPOUR
Tatsächlich, die jungen Schüler und Schülerinnen im Iran möchten, wenn die dann gut in der Schule sind, alle Mediziner werden oder Arzt oder Ärztin. Und bei mir war es genauso Schon bevor ich überhaupt in die Schule gegangen bin, habe ich mich als Ärztin gesehen. Und im Laufe meiner Schule und auch danach, nach dem Studium, hat sich dieser Wille und Wunsch verstärkt und das bereue ich nicht.
JULIA ROTHERBL
War das ein Wunsch, der aus dir herauskam oder tatsächlich auch ein Wunsch, der von außen an dich herangetragen wurde, weil du eben gut in der Schule warst?
DR. MAHDIS NAJAFPOUR
Genau, das kam eigentlich von draußen, aber es hat sich im Laufe meiner Schulzeit gezeigt, dass auch bei mir dieser Wunsch sehr stark war.
JULIA ROTHERBL
Was ich gar nicht wusste, ist, dass es tatsächlich im Iran ziemlich schwer ist, einen Medizinstudium Platz zu bekommen. Du hattest uns erzählt, dass nur die 500 Besten im Land angenommen wurden.
DR. MAHDIS NAJAFPOUR
Tatsächlich, ja. Wir haben eine sehr große Aufnahmeprüfung für alle Fächer und tatsächlich in der Medizin und Zahnmedizin werden die Besten genommen. Und es ist sehr schwierig, in der Aufnahmeprüfung schon durchzukommen. Und wir lernen auch schon im Gymnasium, wie wir dann diese Aufnahmeprüfungen bestehen können.
JULIA ROTHERBL
Das heißt, deine letzten Jahre in der Schule waren davon geprägt, sich schon auf diese Aufnahmeprüfung vorzubereiten?
DR. MAHDIS NAJAFPOUR
Ja, richtig.
JULIA ROTHERBL
Hattest du noch eine Jugend?
DR. MAHDIS NAJAFPOUR
Ja, Das habe ich schon überlegt, dass ich das manchmal bereue, aber manchmal, wenn ich sehe, wo ich stehe und was ich mache, dann bin ich stolz auf mich. Obwohl ich keine richtige Jugend hatte und nur am Lernen war, aber dafür habe ich jetzt diese Position, wo ich gerade stehe.
JULIA ROTHERBL
Du musstest dann vom Iran nach Deutschland wechseln und dein Studium hier fortsetzen. Wie war das damals? Also du musstest dann ja wahrscheinlich erstmal die neue Sprache lernen. Wie muss ich mir das vorstellen?
DR. MAHDIS NAJAFPOUR
Ja, richtig. Tatsächlich bin ich ohne Deutschkenntnis mit meiner Familie nach Deutschland ausgewandert. Die ersten zwei Jahre in meinem Medizinstudium in Hannover waren für mich sehr anstrengend. Ich habe in Hamburg bei meinen Eltern gewohnt, in Hannover studiert und bin mit dem Zug hin und her gefahren, jeden Morgen und Nachmittag wieder zurück. Und tatsächlich die Zeit im Zug habe ich nur am Lernen verbracht.
Ich habe alles bei der Vorlesung aufgenommen. Da habe ich dann im Zug mit Kopfhörer zugehört, tausendmal wiederholt, dass ich überhaupt verstanden habe, was gemeint war. Also die erste Vorlesung kann ich mich erinnern, dass ich 10 Prozent, 20 Prozent verstanden habe. Tatsächlich die Sprache war am Anfang meines Studiums meine größte Sorge.
JULIA ROTHERBL
Hattest du irgendwann mal das Gefühl oder Momente, wo du gedacht hast, das schaffe ich nicht?
DR. MAHDIS NAJAFPOUR
Ja tatsächlich, es gab Momente, aber wenn ich mir ein Ziel setze, will ich das erreichen. Egal wie das geht. Und daher bin ich schon stolz, dass ich dann hartnäckig war und das geschafft habe.
JULIA ROTHERBL
Hattest du denn damals das Gefühl, deine Mitstudenten und Mitstudentinnen gehen irgendwie ein bisschen anders an dieses Studium ran, dadurch, dass bei euch irgendwie der Zugang auch so schwer war und mit weniger Leidens- und Leistungsbereitschaft?
DR. MAHDIS NAJAFPOUR
Tatsächlich habe ich das so wahrgenommen. Also wir waren in der Vorklinikzeit beim Physikum. Wir waren in kleinen Gruppen zu fünft immer und zwei sind durchgefallen durch das Physikum. Und ich als Ausländerin, die kaum Deutschkenntnis hatte, habe ich in Psychologie und Anatomie, die Eins bekommen. Und da war ich schon stolz.
JULIA ROTHERBL
Wie ist denn aus dem Medizinstudium dann quasi die Liebe zur Chirurgie geworden?
DR. MAHDIS NAJAFPOUR
Während der Studiumszeit tatsächlich habe ich gemerkt, ich möchte praktisch etwas machen und da ist die Liebe zum Operieren entstanden. Und wir müssen im Laufe unseres Studiums natürlich einige Famulaturen, Praktika machen und ich habe in verschiedenen Bereichen bei HNO, Chirurgie, Orthopädie, Frauenheilkunde, überall so ein Praktikum gemacht, dass ich für mich dann abschätzen konnte, was mir dann gefällt. Und tatsächlich, die chirurgischen Fächer waren meine Lieblingsfächer.
KAPITEL 2 Spezialisierung – als Frau in der Gynäkologie
JULIA ROTHERBL
Also es war damals wahrscheinlich noch schlimmer als heute, aber auch heute ist es so, dass gerade die Chirurgie als der medizinische Fachbereich gilt, in dem Frauen den steinigsten Karriereweg haben. Sagen wir es mal so. War dir das damals bewusst?
DR. MAHDIS NAJAFPOUR
Nicht so ganz, aber tatsächlich während meiner Assistenzzeit fand ich, dass das schwieriger war. Vielleicht vor meiner Assistenzzeit noch schwieriger. Aber was ich jetzt gerade erlebe, die Medizin wird weiblich und da haben die Frauen, wenn die das mit Privatleben kombinieren können, die haben das nicht so schwer wie früher.
JULIA ROTHERBL
Was heißt für dich mit Privatleben kombinieren können?
DR. MAHDIS NAJAFPOUR
Ja, weil man ist ständig im Dienst, also man muss länger bleiben. Man kann nicht einfach mittendrin eine OP abbrechen, wenn man schon kurz vor Feierabend ist und trotzdem kommt ein schwieriger Fall. Notfallmäßig muss man operieren, man kann nicht einfach sagen, ich gehe nach Hause. Das soll uns dann bewusst sein.
JULIA ROTHERBL
Du hast, als du dich dafür entschieden hast, von einem deiner Chefs damals gehört, du wärst als eine Frau eigentlich nicht geeignet für die Chirurgie. Kannst du dich an diesen Moment erinnern und kannst du mir erzählen, wie du dich da gefühlt hast?
DR. MAHDIS NAJAFPOUR
Ja, das werde ich nie vergessen. Ich hatte einen sehr großen chirurgischen Chefarzt in der Orthopädie. Und der hat ständig mir gesagt, als kleine Frau sind sie für Chirurgie nicht geeignet. Also der meinte mehr Unfallchirurgie, Orthopädie. Aber ich wollte nie Orthopädin oder Unfallchirurgin werden.
Aber er hat mich in jede seiner OP eingetragen. Also ich musste ihm ständig assistieren, obwohl ich das nicht wollte. Und da habe ich gedacht, okay, er will nur zeigen, okay, die Männer können das vielleicht besser oder haben mehr Kraft. Oder einmal hat er mir gesagt, kommen Sie mit, wir gehen im OP, Sie machen die Frauenarbeit, ich mache die Männerarbeit. Da habe ich gedacht, okay, was ist die Frauenarbeit, was ist die Männerarbeit? Das werde ich mir dann anschauen.
JULIA ROTHERBL
Okay, aber es hat dich nicht geärgert oder schon?
DR. MAHDIS NAJAFPOUR
Mich hat es nicht geärgert.
JULIA ROTHERBL
Nein?
DR. MAHDIS NAJAFPOUR
Nein, also wenn ich mich geärgert hätte, dann könnte ich keine Karriere machen. Also das hat mich noch verstärkt, dass ich noch weiterkomme.
JULIA ROTHERBL
Okay, also es hat dich eher angespornt, ihm das Gegenteil zu beweisen?
DR. MAHDIS NAJAFPOUR
Genau.
JULIA ROTHERBL
Okay. Wenn jemand so einen Spruch hört und es nicht den Impuls auslöst, dem will ich es aber zeigen, sondern vielleicht doch auch ein bisschen einschüchtert, zum Beispiel gerade wenn man am Anfang der Karriere steht. Wie kommt man denn an den Punkt, dass man sagt, es schüchtert mich nicht ein, von dir lasse ich mir gar nichts sagen. Ich zeige dir, dass ich durchaus operieren kann.
DR. MAHDIS NAJAFPOUR
Also man muss ein Ziel vor Augen haben und dieses Ziel verfolgen. Also wenn ich mich kleinkriegen lasse, dann komme ich nicht weiter. Und das war so. Also wenn jemand mir gesagt hat, das schaffst du nicht, dann hatte ich noch mehr Kraft gehabt, zu zeigen, auch mir zu zeigen, doch das schaffe ich. Also auch als Ausländerin mit wenig Deutschkenntnissen, also nach 26 Jahren, spreche ich vielleicht auch immer noch nicht perfekt deutsch. Habe ich weiterhin meine Probleme.
Aber ich sage, mit meiner Arbeit, dass viele Kollegen mich einschätzen und dann auch von mir viel lernen. Das war immer für mich sehr wichtig.
JULIA ROTHERBL
Du hattest quasi von Anfang an das Gefühl, dass sich das anspornt. Du musstest nicht das Gefühl von, das tut mir jetzt kurz weh, überwinden.
DR. MAHDIS NAJAFPOUR
Ich glaube, es sind schon ein paar Sekunden, aber man muss das tatsächlich erstmal ruhen lassen und schauen, wie man das Beste draus machen kann. Also wenn ich mich immer klein kriegen lasse, dann komme ich nicht weiter.
JULIA ROTHERBL
Dir wurde dann empfohlen in die Gynäkologie zu gehen und das hast du auch getan. Wie kam es zu dieser Entscheidung?
DR. MAHDIS NAJAFPOUR
Also es gab tatsächlich eine Fachärztin bei uns in der Chirurgie, die über zehn Jahre Fachärztin war und ihr Bruder war Gynäkologe in einer Praxis eigentlich. Aber sie hat mir gesagt, wenn du operieren möchtest, geh lieber in einen kleinen operativen Bereich wie Frauenheilkunde, Urologie oder was du möchtest, dann kannst du da mehr Karriere machen als Allgemeinchirurg. Ich schaue mich an, ich bin seit zehn Jahren in dieser Klinik, will Oberärztin werden, kriege ich aber diese Stelle nicht. Aber wenn du Karriere machen willst, dann lieber in einem kleinen Fach. Und daher kam als Frau für mich tatsächlich die Gynäkologie mehr in Frage.
Ich habe auch mein praktisches Jahr in der Gynäkologie gemacht und das fand ich schon ganz gut und das bereue ich nicht, dass ich das Fach gewechselt habe.
JULIA ROTHERBL
Du hast dich dann innerhalb der Gynäkologie nochmal spezialisiert, nämlich auf minimalinvasive Beckenbodenoperationen. Wie kam es dazu?
DR. MAHDIS NAJAFPOUR
Frauenheilkunde finde ich einen vielfältigen Bereich. Also ich konnte mich im Bereich der Geburtshilfe, im Bereich der Perinatalmedizin, im Bereich der Gynäkologie, konnte ich mich in der Onkologie oder Beckenbodenschirurgie entscheiden, also im Bereich der Minimalinvasivchirurgie. Und ich habe mich tatsächlich im Bereich der Beckenbodenchirurgie, minimalinvasiven Chirurgie mehr spezialisiert, weil ich gerne laparoskopiere und auch in der Beckenbodenchirurgie höre ich sehr oft, dass viele ältere Patienten zu uns kommen und sagen, oh ich bin froh, dass eine Frau vor mir steht und sonst konnte ich meine Leiden als ältere Dame nicht so mit einem Mann teilen. Also ich bin kein Feminist, aber tatsächlich in diesem Bereich der Chirurgie finde ich, dass wir Frauen uns unter uns besser verstehen.
JULIA ROTHERBL
Du hast jetzt gerade so betont, dass du keine Feministin bist, aber alles was du sagst, Klingt irgendwie doch danach. Wolltest du das betonen, dass du keine Feministin bist?
DR. MAHDIS NAJAFPOUR
Nein, weil tatsächlich habe ich auch das Gefühl, wenn ich irgendwas sage, kommt das so rüber, als ob ich Feministin bin. Bin ich aber nicht. Und daher wollte ich das betonen. Das stimmt nicht, aber ich bin eine Frauenärztin. Daher habe ich mehr mit Frauen zu tun.
Aber das ist nicht so, dass ich mich nur für Frauen einsetze.
JULIA ROTHERBL
Aber findest du, dass Feministin so ein negatives Wort ist, dass du betonen musst, dass du es nicht bist?
DR. MAHDIS NAJAFPOUR
Ja, vielleicht habe ich das sehr oft negativ empfunden und dass mir gesagt wurde, ja, sie möchten lieber, dass die Frauen als Oberärztin eingestellt werden, sie stellen keine Männer. Und also ich habe in meiner Karriere schon sehr oft auch mit Oberärzten, also mit Männern auch gearbeitet. Ich will die Männer nicht so bedrängen, aber vielleicht bin ich in diesem Bereich ein bisschen feministisch und sage, die Frauen können die Frauen besser behandeln.
JULIA ROTHERBL
Ich finde das überhaupt, also ich weiß, dass Feministin manchmal als Schimpfwort benutzt wird, das wissen wir alle, aber ich finde das total gerechtfertigt, dass man sagt, dass Frauen in manchen Bereichen von Frauen behandelt werden sollten. Also wir kriegen das auch immer wieder über Leserinnen gespiegelt, die sagen, ich hätte gerne in meiner Brustkrebstherapie auch mit jemanden gesprochen, der selber Brüste hat. Also ich kann das total nachvollziehen, dass das ein Ziel ist.
DR. MAHDIS NAJAFPOUR
Ja, wenn ich in Kongresse gehe, auch im Bereich der Beckenbodenschirurgie, Es gibt vereinzelt Frauen, die in dieser Leitungsposition sind. Ich sitze zwischen den Männern und dann muss ich mich auch als Frau mehr beweisen, ob ich was kann. Ich glaube, als Mann muss man sich nicht beweisen. Und als Frau müssen wir uns leider noch mehr beweisen.
JULIA ROTHERBL
Hast du am Anfang deiner Karriere dann auch irgendwie Vorbilder vermisst in deinem Bereich? Weibliche Vorbilder, an denen du dich orientieren konntest? Wenn du sagst, Du warst vor allem von Männern umgeben?
DR. MAHDIS NAJAFPOUR
Ja, tatsächlich. Und ich habe auch meine ganze Karriere einem Chefarzt in der Siegburger Klinik zu verdanken und dass er mich auch gefördert hat, dass ich mich wirklich in Beckenbodenschirurgie oder auch Minimalinvasivchirurgie fortbilde und weiterkomme. Aber so richtige Frauenarzt-Vorbilder habe ich nicht wirklich gehabt.
KAPITEL 3 Selbstvertrauen und gute Führung
JULIA ROTHERBL
Du hast ja dann tatsächlich ziemlich schnell nach dem Facharzt als Oberärztin gearbeitet, kurze Zeit später dann auch als leitende Oberärztin. Ziemlich schnell quasi eine leitende Position nach der anderen übernommen, bist Chefärztin geworden. Ich habe mich gefragt, als ich das gelesen habe, ob das quasi Gelegenheiten waren, die du wahrgenommen hast, Zufälle, die sich quasi ergeben haben, oder ob du tatsächlich so einen Plan hattest?
DR. MAHDIS NAJAFPOUR
Nee, also dass ich so schnell in die Chefarztposition komme, habe ich selber nicht erwartet. Tatsächlich, als ich meinen Facharzt hatte, hatte ich eine Oberarztstelle, also halbe Stelle im Siegburg bekommen. Und da war ich auch am überlegen. Ich wollte ja nicht 50 Prozent arbeiten. Mein Mann hat mir gesagt, ja, fang erst mal an als Oberärztin. Du willst dann wirklich Karriere machen.
Sonst bist du in deiner alten Klinik dann als Fachärztin tätig. Und das habe ich erst mal als Vorschritt in meiner Karriere angenommen und tatsächlich hat mein damaliger Chefarzt gesehen, dass ich dann operativ schneller weiterkomme als andere Oberärzte oder der leitende Oberarzt. Daher war ich schnell Leitende Oberärztin in dieser Klinik und als mein Chefarzt gegangen ist, dann war ich plötzlich kommissarische Chefärztin. Das habe ich nicht erwartet, aber so kam das. Und ich glaube, ich habe auch mit meinen Fähigkeiten gezeigt, dass ich das kann.
Sonst hätte der Geschäftsführer mich nicht in dieser Position belassen. Oder wenn ich mich auch nicht getraut habe, einige Operationen alleine durchzuführen, könnte ich auch diese Stelle nicht annehmen. Was ich auch sage, viele Frauen trauen sich nicht und wollen dann erst mal jahrelang Erfahrungen sammeln und sich danach eventuell trauen. Das möchte ich betonen, dass dann die Frauen wirklich mehr an sich glauben sollen und auch die Mediziner die Leitung und Führungspositionen übernehmen können.
JULIA ROTHERBL
Aber hast du nicht manchmal tatsächlich gedacht, boah, das geht jetzt aber schnell?
DR. MAHDIS NAJAFPOUR
Ja, ich war stolz auf mich. Ich habe diese Position angenommen und ich war aber nicht übermutig. Also ich sage immer zu meinen Patienten, Patientinnen, ich behande sie wie meine Verwandten, wie ich mich selbst behandle. Diese Entscheidung möchte ich auch für sie treffen. Und das ist immer meine Philosophie gewesen und ich glaube deswegen bin ich auch in der Leitungsposition, weil ich wusste, ich bin nicht übermutig, ich weiß was ich mache und wenn ich an meine Grenze komme, dann gebe ich das ab.
JULIA ROTHERBL
Bist du schon mal an deine Grenze gekommen?
DR. MAHDIS NAJAFPOUR
Ja, natürlich. Ich versuche, immer besser zu werden. Ich bin mein großer Kritiker und egal was ich lerne, was ich mache, versuche ich noch besser zu werden.
JULIA ROTHERBL
Es ist ja so, dass quasi diese Positionen, die man dann innehat, ja nicht nur mit dem fachlichen Wissen einhergehen, sondern zum Beispiel auch mit dem Thema Personalführung oder einem Führungsstil, den man irgendwie entwickelt. Wie war das denn, das alles so schnell zu durchleben? Wie hast du solche Dinge, die einem jetzt ja im Medizinstudium nicht natürlicherweise mitgegeben werden, wie hast du das für dich quasi gelernt?
DR. MAHDIS NAJAFPOUR
Also ich musste vor zwei Einstellungen in zwei Kliniken als Chefärztin einen psychologischen Test durchführen, ob ich Führung als Qualität habe. Und ich war selber überrascht. In einer Klinik hat die Prüferin, die Die Analyse gemacht hat, mich angerufen und meinte, sie haben 98 Prozent Führungsqualität. Das habe ich noch nie gesehen. Und ja, ich war selber überrascht.
Das waren so einfache Fragen, die ich geantwortet habe. Anscheinend liegt es mir im Blut, weiß ich nicht. Aber es hat geklappt.
JULIA ROTHERBL
Ist es üblich, dass so etwas gemacht wird? Ich habe das noch nie gehört, dass man einen psychologischen Test auf Führungsqualität macht.
DR. MAHDIS NAJAFPOUR
Das wusste ich nicht. Es wurde mir gesagt, dass viele Chefärzte das ablehnen und man deswegen auch nicht eingestellt werden. Aber ich glaube, ich wollte diese Analyse auch für mich haben und daher habe ich das in beiden Kliniken gemacht und das bereue ich nicht. Das hat so meinen Charakter und auch meinen Führungsstil bestätigt.
JULIA ROTHERBL
Du hast vorher gesagt, dass es diesen einen Vorgesetzten gab, der dich gefördert hat. Wenn es den nicht gegeben hätte, zurückblickend, wärst du dann da, wo du jetzt bist?
DR. MAHDIS NAJAFPOUR
Ich verdanke ihm wirklich viel, dass er dann in dieser kurzen Zeit, die wir zusammengearbeitet haben, dass ich viel gefordert war und viel gelernt habe. Und die ersten Schritte hat er für mich gemacht. Aber trotzdem, ich bin sehr ehrgeizig und daher denke ich, dass ich auch in der gleichen Position wäre wie jetzt.
JULIA ROTHERBL
Warum ich frage ist, weil ich wissen wollte, ob du jungen Ärztinnen raten würdest, sich so eine Person quasi auch zu suchen. Jemanden, der einen an die Hand nimmt, egal ob Mann oder Frau und einen eben fördert und fordert.
DR. MAHDIS NAJAFPOUR
Ja, aber es muss, denke ich, jemand aus der gleichen Abteilung sein oder irgendwie, dass man zusammenarbeitet. Also jemand Fremdes als Vorbild finde ich, dass das nicht so bringt. Also wir haben jeden Tag zusammengearbeitet und ich habe gesehen, wie gut er operiert. Und ich wollte auch und ich habe nur gesehen, was ich dann machen kann. Genau, er hat mich gefordert.
JULIA ROTHERBL
Was ich mich so frage nach unserem Gespräch, wenn ich quasi mit dir arbeiten würde, du wärst jetzt meine Vorgesetzte, hätte ich große Bewunderung für dich und auch großen Respekt und würde mich fragen, ob die Leistungserwartung, die du an dich selber hast, auch an alle in deinem Umfeld hättest. Hast du das?
DR. MAHDIS NAJAFPOUR
Leider ja. Ich bin schnell enttäuscht von meinen Mitarbeitern, Aber ich sage immer in meinem Team, wir sind eine kleine Familie. Also egal, wo ich gearbeitet habe. Für mich ist diese familiäre Atmosphäre sehr, sehr wichtig. Ich sage, wir verbringen so viel Zeit miteinander, mehr als zu Hause.
Deswegen müssen wir dann gut miteinander klarkommen. Und ich sage immer, mein Tor ist für alle offen. Egal, was ihr habt, kommt dann zu mir. Heute hat mich eine Praktikantin umarmt und meinte, ich möchte gerne, wenn ich mit dem Medizinstudium anfange, fertig bin und auch eine Stelle suche, bei ihnen arbeiten. Also daher so ein aggressiver Chef oder so eine Chefin bin ich nicht. Aber natürlich als Führungsposition muss ich auch einige unangenehme Entscheidungen auch treffen. Aber ich denke, ich bin eine angenehme und gute Chefin.
JULIA ROTHERBL
Eine letzte Frage. Wenn man quasi recherchiert über dich, kommt man natürlich an einer Geschichte nicht vorbei. Nämlich, dass deine Operationsleidenschaft die Tierwelt einbezieht und du ein Orang-Utan-Weibchen operiert hast. Willst du uns allen zum Abschluss dieses Podcasts davon erzählen, bitte?
DR. MAHDIS NAJAFPOUR
Ja, gerne. Also tatsächlich, ich habe seit fast drei Jahren einen kleinen Hund und seitdem ich ihn habe, bin ich noch sensibler geworden als vorher. Und als der Kölner Zoo mich gefragt hat, dass sie eine Orang-Utan-Dame haben, die zehn Jahre alt ist und Eiter im Körper hat und das Erbgut von Orang-Utans ist uns Menschen so 97% ähnlich. Ob ich sie operieren konnte, weil die hatten vor Jahren so einen ähnlichen Fall und die ist verstorben. Und dann dachte ich, entweder rette ich sie oder, also schlimmer kann es nicht sein.
Und daher war das für mich ein großes Ja, dass ich sie dann operiere. Und tatsächlich, ich habe mich um alles gekümmert, dass wir unsere OP-Instrumente alles dann auch entsprechend sterilisieren können, ob wir das mitnehmen dürfen und habe alles organisiert mit einer Pflegekraft. Bin mit einem Team rüber zum Kölner Zoo gegangen und wir haben die Sinta da operiert. Die Operation lief auch ganz gut. Am Abend hat die Tierärztin mir auch ein Bild von ihr geschickt, dass sie schon am Spielen war. Und das war die Freude für mich, dass ich es auch so weit geschafft habe.
JULIA ROTHERBL
Und besuchst du jetzt regelmäßig im Zoo die Orang-Utang-Dame noch? Habt ihr noch Kontakt?
DR. MAHDIS NAJAFPOUR
Also ich kriege tatsächlich Bilder von ihr und dass es ihr gut geht. Aber so zeitlich habe ich es nicht geschafft, persönlich vorbeizugehen.
JULIA ROTHERBL
Okay Mahdis, vielen Dank, dass du unsere Gästin warst. Hat mir sehr viel Spaß gemacht, mit dir zu sprechen.
DR. MAHDIS NAJAFPOUR
Ja, vielen Dank.
Bis zum nächsten Mal
JULIA ROTHERBL
Allen, die nicht nur diesen Podcast gerne hören, sondern generell gerne Podcasts hören und sich zudem für Themen rund um Medizin und Gesundheit interessieren, kann ich empfehlen mal auf gesundheit-hören.de vorbeizugucken. Dort findet ihr das gesamte Audioangebot der Apotheken Umschau. Unter anderem findet ihr da die dritte Staffel von Siege der Medizin. Das ist ein Podcast, in dem Menschen vorgestellt werden, die Medizingeschichte geschrieben haben und tatsächlich sind da auch ein paar Frauen dabei. Hört doch mal rein.
„Frau Doktor, übernehmen Sie!“ erscheint alle 14 Tage neu, immer montags.
Sprecherin
Ein Podcast von gesundheit-hören. Und Apotheken Umschau Pro.
Neuer Kommentar