Moralischer Stress & mentale Gesundheit
Shownotes
Wer im Gesundheitssystem arbeitet, ist immer wieder mit moralischen Dilemmata konfrontiert, z. B.: Wie entscheide ich im Sinne des/der Patient:in? Wie verhalte ich mich in Konflikten? Dr. Laura Lunden hat schon früh in ihrer Weiterbildung gemerkt, dass das ein wichtiges Thema ist. Deswegen hat sie das Projekt „Ethik First“ an der Uni Kiel mit auf die Beine gestellt und eine Ausbildung zur Ethikberaterin gemacht. Als begeisterte Allgemeinärztin engagiert sie sich außerdem bei JADE, der Jungen Allgemeinmedizin Deutschland. Im Podcast erzählt sie, welcher Fall aus der Praxis sie dazu bewogen hat, sich im Bereich der Medizinethik zu engagieren und wie eine Ethikberatung Klinik-Mitarbeitenden und auch Angehörigen helfen kann.
Weitere Infos und Links:
Projekt Ethik First: https://ethik-first.de/
Die Junge Allgemeinmedizin Deutschland: https://www.jungeallgemeinmedizin.de/
Im Podcast „Frau Doktor, übernehmen Sie!“ erzählen Frauen aus der Medizinbranche, wie sie dort Karriere gemacht haben. Dazu spricht Julia Rotherbl, Chefredakteurin der „Apotheken Umschau“, mit Frauen, die in Führungspositionen arbeiten, die Herausforderungen gemeistert haben oder an ihnen gescheitert sind. Es geht um Themen wie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Sexismus, männliche Netzwerke, mangelnde Vorbilder oder verschiedene Arbeitsmodelle. Das Ziel: euch zu inspirieren und ermutigen, euren eigenen Weg zu finden.
Montags alle 14 Tage erscheint eine neue Folge. Habt Ihr Fragen, Anregungen oder Kritik? Dann schreibt uns gerne an redaktion@gesundheit-hoeren.de
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Redaktion: Julia Rotherbl, Anja Kopf, Kareen Seidler, Constanze Radnoti; Schnitt und Post-Produktion: Constanze Radnoti, Benedikt Möltner, Yves Seißler; Chefredakteur: Peter Glück
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Transkript anzeigen
DR. LAURA LUNDEN
Moralischer Stress steht selten für sich und man nimmt ihn selten als solches wahr. Sondern moralischer Stress entsteht zum Beispiel aus Zeitdruck, aus strengen Hierarchien. All das kann dazu führen, dass man nicht nach den eigenen moralischen Maßstäben handeln kann.
JULIA ROTHERBL
Herzlich willkommen zu dieser neuen Folge von Frau Doktor übernehmen Sie. Unser Thema heute ist Ethik in der Medizin. Als Ärztin oder Arzt ist man immer wieder mit moralischen Dilemmata konfrontiert, mit Situationen, wo man nicht so recht weiß, entscheidet man jetzt tatsächlich im Sinne der Patientin, des Patienten oder nicht. Es kann auch im Kolleg*innenkreis immer wieder zu Situationen kommen, die sich als herausfordernd erweisen und wie man genau mit solchen Situationen umgeht, damit beschäftigt sich eine Ethikberaterin und genau eine solche ist heute bei uns zu Gast, nämlich Dr. Laura Lunden.
Sie ist Ärztin in Weiterbildung im vierten Jahr in einer Hausarztpraxis. Und sie hat eine Zusatzausbildung zur Ethikberaterin. Hat auch an der Uni Kiel das Projekt Ethik First mit auf die Beine gestellt. Und ich freue mich sehr, dass ich mich heute mit Laura unterhalten darf und sie uns ihre Zeit schenkt. Herzlich willkommen, Laura, schön, dass du da bist.
DR. LAURA LUNDEN
Ja, vielen Dank. Ich freue mich auch da zu sein.
JULIA ROTHERBL
Mein Name ist Julia Rotherbl. Ich bin Chefredakteurin der Apotheken Umschau und wünsche euch jetzt viel Spaß beim Zuhören.
SPRECHERIN
Frau Doktor, übernehmen Sie. Ein Podcast von Gesundheit hören und Apotheken Umschau Pro.
KAPITEL 1 MORALISCHER STRESS? – ETHIKBERATUNG!
JULIA ROTHERBL
Laura, wie bist du denn überhaupt auf das Thema Ethik in der Medizin gekommen?
DR. LAURA LUNDEN
Also da gab es tatsächlich einen persönlichen Fall, den ich in einer Famulatur erlebt habe. Und da ging es um eine Patientin, die andere Vorstellungen zu ihrer Behandlung hatte als das gesamte Behandlungsteam im Prinzip. Und am Ende hatte ich das Gefühl, dass wir in dieser Behandlung der Patientin nicht gerecht werden konnten.
JULIA ROTHERBL
Sie wollte eine andere Behandlung oder gar keine?
DR. LAURA LUNDEN
Genau, ich kann vielleicht den Fall einfach schildern. Es war eine Patientin mit fortgeschrittenem Brustkrebs und sie wollte keine Therapie haben. Der Chefarzt insbesondere hat aber gesagt, dass eine Therapie notwendig wäre, weil der Tumor durch die Haut durchbrechen würde. Und der Patientin war das tatsächlich egal. Sie wusste über die Folgen ganz gut Bescheid, dass es eben auch zu einer Wunde führen kann, dass es zu Geruchsbildung führen kann und so weiter.
Und wollte weiterhin keine Operation. Und das Ärzteteam hat das eben anders gesehen und letztendlich wurde sie operiert. Ich hatte das Gefühl, dass das nicht optimal gelaufen ist, dass auch die Kommunikation im Team und mit der Patientin nicht optimal gelaufen ist und konnte in dem Fall als Famulantin aber die Situation auch überhaupt nicht regeln, sodass ich dann im Nachhinein tatsächlich zu unserer Ethikberatung dann am anderen Krankenhaus bei uns in der Uniklinik gegangen bin und den Fall nachbesprochen habe. Da gab es dann die Oberärztin für klinische Ethik, die damals ein Projekt begonnen hatte, Ethic First, wo Medizinstudierende und junge Ärztinnen eben Fälle diskutieren, Fälle solcher Art, also ethische Dilemmata. Und genau in dieses Projekt bin ich dann mit eingestiegen.
JULIA ROTHERBL
Aber nochmal ganz kurz zurück zu dem Fall, den du geschildert hast. Also es gab im Team nicht die Möglichkeit für dich das zu diskutieren oder für andere Teammitglieder sich da untereinander auszutauschen. Zumindest war das dein Gefühl?
DR. LAURA LUNDEN
Genau, also letztendlich war es schon so, dass der Fall auch als belastend wahrgenommen wurde im Team. Er wurde auch unter den Assistenzärzten diskutiert. Aber ich hatte den Eindruck, dass es unter den verschiedenen Ebenen schlecht kommuniziert wurde. Das ist ja ein relativ häufiges Problem, dass eben die Pflege mit den Ärzten und mit den Patienten und die Oberärzte mit den Assistenzärzten und so weiter einfach untereinander schlecht kommunizieren. Dass es innerhalb der verschiedenen Berufsgruppen oft auch ein Konsens gibt. Manchmal auch nicht, aber das ist zwischen den Hierarchie-Ebenen, die eben heutzutage im Krankenhaus noch wirklich stark ausgeprägt sind, häufig nicht gut kommuniziert wird.
JULIA ROTHERBL
Wusstest du denn schon vorher, dass es quasi dann für diese Fälle eine Ethikberatung gibt? Ich finde, man hört es nicht so häufig.
DR. LAURA LUNDEN
Ja, tatsächlich hatte ich kurz davor Ethik im Unterricht, die Vorlesung und wusste dementsprechend, dass es die Möglichkeit gibt, sich an das Ethikkomitee zu wenden. Ja, man hört das nicht so oft, aber tatsächlich ist es so, dass es immer häufiger etabliert ist an den Kliniken. Die Ausgestaltung ist dann wieder sehr unterschiedlich, aber wenn man solche Probleme hat, vor solchen Problemen steht, dann lohnt es sich auf jeden Fall, da mal in seiner eigenen Klinik nachzufragen. Oder manchmal ist es eben auch so, dass eine nächstgrößere Klinik oder benachbarte Klinik eben so etwas anbietet, auch für externe Fälle.
JULIA ROTHERBL
Und wie muss ich mir das vorstellen? Also zum Beispiel in dem Fall, den du geschildert hast, hat dann diese Ethikberatung dafür gesorgt, dass dann doch irgendwie im Team darüber gesprochen wurde? Oder wurdest du vor allem mit deinen Gefühlen aufgefangen? Wie muss ich mir das vorstellen?
DR. LAURA LUNDEN
Genau, in diesem Fall war es ja nicht die klassische Ethikberatung, die wir machen, wenn der Fall gerade aktuell ist. Sondern es war ja so, dass ich diesen Fall an einer anderen Klinik erlebt habe und dann rückwirkend das Ganze besprochen habe. Letztendlich ist Ethikberatung nicht gleich Ethikberatung. Es gibt da ganz verschiedene Modelle und Kliniken lösen das unterschiedlich. In unserem Fall an der Klinik UKSH Kiel ist es so, dass aktuelle Fälle eingereicht werden können vom behandelnden Team.
Und da ist ganz egal, wer das einreicht. Das kann vom PJler über den Chefarzt, aber auch Reinigungskräfte, wer auch immer. Jeder hat Zugriff auf dieses Portal und kann den Fall einreichen. Dann ist es so, dass wir innerhalb von wenigen Tagen im Zweierteam auf die Station gehen und diesen Fall mit allen betreffenden Personen besprechen. Dazu gehört eben das ärztliche Team, das pflegerische Team, aber auch Angehörige, wenn es passt, der Patient selber.
Und dann besprechen wir diesen Fall und versuchen zu einem Konsens zu kommen. Das funktioniert relativ häufig ganz gut, manchmal eben auch nicht, aber dann ist es so, dass man eben darüber gesprochen hat und zumindest die Position des anderen besser versteht.
JULIA ROTHERBL
Ist es denn eigentlich so, das habe ich mich gefragt, also hätte sich in dem Fall von dieser Brustkrebspatientin auch die Patientin selbst eigentlich an die Ethikberatung wenden können?
DR. LAURA LUNDEN
Also in unserer Klinik im UKSH würde das funktionieren, dass sich auch die Patienten an die Ethikberatung wenden, genau.
JULIA ROTHERBL
Weil die wissen das sicher am allerwenigsten, dass es dieses Angebot gibt.
DR. LAURA LUNDEN
Das ist richtig, ja.
JULIA ROTHERBL
Du hattest ja schon gerade das Projekt Ethic First angesprochen. Darauf würde ich auch gleich kommen. Ich würde nur noch mal einen Schritt zurückgehen wollen, weil wir jetzt darüber gesprochen haben, wie du überhaupt mit dem Thema in Berührung gekommen bist. Und was ich ganz spannend finde, ist, dass wenn wir in diesem Podcast mit jungen Ärztinnen gesprochen haben und es um Stressfaktoren ging, dieser Faktor bisher, soweit ich mich jetzt zurück erinnern kann, nie genannt wurde. Also es ging dann eher so Dinge wie lange Dienste, eine gefühlt schlechte Vorbereitung vom Studium hin zur ersten Position, wo man dann all sein Wissen auch praktisch umsetzen muss, eingequetscht sein zwischen Hierarchie-Ebenen.
Also dieser moralische Stress, der kam tatsächlich noch nie zur Sprache. Warum war der für dich so herausragend, dass du gesagt hast, da muss sich irgendwie was verändern?
DR. LAURA LUNDEN
Ich denke, moralischer Stress steht selten für sich und man nimmt ihn selten als solches wahr. Sondern moralischer Stress entsteht eher aus den Faktoren, die du genannt hast. Zum Beispiel aus Zeitdruck, aus strengen Hierarchien. All das kann dazu führen, dass man eben so handelt, wie man handelt, ohne dass man das unbedingt moralisch so vertreten kann, wie man es tut. Dass man eben in moralische Fallen gerät, dass man nicht nach den eigenen moralischen Maßstäben handeln kann.
Und deswegen denke ich, dass in den meisten Stressfaktoren auch moralischer Stress eine Rolle spielt, der vielleicht erstmal nicht als solcher wahrgenommen wird, weil andere Faktoren im Vordergrund stehen. Und die Sorge Fehler zu machen oder die Sorge Fehler gemacht zu haben, einen Patienten falsch behandelt zu haben, spielt glaube ich bei wahnsinnig vielen eine große Rolle. Aber wir haben einfach ein sehr schlechtes Fehlermanagement. Wir sind in strengen Hierarchien, wie gesagt, in denen wir Fehler schlecht ansprechen können, in denen Fehler häufig gesehen werden als Fehlverhalten eben und weniger als Chance etwas besser machen zu können.
KAPITEL 2 PROJEKT “ETHIC FIRST”
JULIA ROTHERBL
Das Projekt Ethic First soll daran ja auch was ändern. Du hast es schon gesagt, du bist über diese Ethikberatung dann dazu gekommen, dich dort auch zu engagieren. Magst du unseren Zuhörer*innen kurz erklären, was dieses Projekt überhaupt ist und was ihr da in Kiel macht?
DR. LAURA LUNDEN
Genau, also bei Ethic First, da treffen wir uns medizinstudierende junge Ärzt*innen in Weiterbildung. Wir besprechen Fälle, die uns selber passiert sind auf Station, zum Beispiel, die uns moralisch belastet haben oder wo es eben auch Falldiskussionen auf Station gab. Und lernen damit dann eben wie man ethisch argumentieren kann, wie man auch seine Meinung, sein ethisches Gefühl, was man vielleicht hat, vor dem Chef vertreten kann, vor anderen Personen vertreten kann, wie man darüber spricht. Wir wollen also sozusagen eine Sprache lernen, eine Strategie lernen, wie man damit im Alltag dann am Ende umgehen kann.
JULIA ROTHERBL
Und es habt ihr speziell zugeschnitten eben für Menschen, die noch am Berufsanfang stehen. Ladet ihr denn auch Leute ein, bei denen die Strategie dann aufgehen muss?
DR. LAURA LUNDEN
Ja, hin und wieder haben wir auch Gäste. Aber es soll schon eher etwas sein, wo wir uns untereinander austauschen, denn Berufsanfänger haben eben ihre ganz eigenen Sorgen und Probleme. Gerade im medizinischen Bereich, egal in welchem Bereich man da genau arbeitet, hat man in der Regel hohe moralische Ansprüche an sich selber, wenn man in den Beruf startet.
JULIA ROTHERBL
Danach nicht mehr?
DR. LAURA LUNDEN
Ja, das ist das Problem, denn diese moralischen Ansprüche, die treffen eben auf ein System, was sehr starr ist. Auf strenge Hierarchien, auf finanziellen Druck und so weiter. Und es ist so, dass man sich irgendwie in diesem System zurechtfinden muss und ein bisschen anpassen muss. Entweder schafft man es, ein Stück weit mit dem System zu gehen und vielleicht seine moralischen Ansprüche entweder zu verändern oder anders auszudrücken. Oder es ist halt so, dass viele eben auch aus dem Beruf aussteigen, was man heutzutage immer häufiger sieht.
Und Dieses Dilemma ist halt am Berufsanfang besonders groß, weil die Ansprüche an einen eben noch sehr hoch sind. Man findet sich noch nicht so sehr mit dem System zurecht. Man akzeptiert es noch nicht so sehr. Und gleichzeitig ist man eben ganz unten in der Hierarchie. Genau deswegen ist es uns wichtig, dass wir eben auch untereinander viel diskutieren können und die Chefärzte in dem Moment gar nicht unbedingt so mithören.
JULIA ROTHERBL
Und was ist so dein Eindruck? Also Was trifft bei den meisten, die daran teilnehmen zu? Also verändern sie ihre moralischen Ansprüche? Passen sie sich also an oder spielen viele tatsächlich schon so früh mit dem Gedanken auszusteigen? Oder können Sie das irgendwie anders auffangen?
DR. LAURA LUNDEN
Also man sieht ja, dass es immer häufiger so ist, dass Menschen aus medizinischen Berufen aussteigen. Nicht nur Ärzt*innen, sondern eben auch Pflegepersonal oder alle anderen, die im medizinischen Bereich arbeiten. Man sieht also, dass es auf jeden Fall ein Faktor ist, der dazu führt, dass sich der Facharztmangel und der Fachkräftemangel verschärft. Nichtsdestotrotz ist es natürlich so, dass es Leute gibt, die weitermachen. Und ich denke, da ist es so, dass man sich immer ein Stück mit dem System arrangieren muss.
Aber man kann eben lernen, wie man damit umgeht und wie man sich selber trotzdem gerecht wird. Und das ist eben auch Ziel unseres Projekts, dass wir uns darüber austauschen, wie wir uns selber gerecht werden können und gleichzeitig in diesem System arbeiten, von dem wir nicht alles ändern können.
JULIA ROTHERBL
Wie hat denn dieses System in Anführungszeichen reagiert, als dieses Projekt etabliert werden sollte?
DR. LAURA LUNDEN
Wir haben Fördermittel eingeworben, sodass wir insgesamt eigentlich ganz gern gesehen sind von der Klinik. Aber es ist eben auch kein großes Projekt und wir würden uns schon wünschen, dass wir auch Einfluss auf mehr Studierende bekommen, dass wir vielleicht auch an anderen Standorten Leute finden, die das gerne nachmachen würden.
JULIA ROTHERBL
Was glaubst du, Woran scheitert es aktuell, dass das noch nicht so ist?
DR. LAURA LUNDEN
Also inzwischen ist es so, dass sich immer mehr Standorte dafür interessieren. Wir haben auch immer wieder Gäste, die zuhören und sich das mal anschauen. Ich denke, ein großer Faktor ist, dass man eben, naja es ist wieder der Stress, oder? Auch während des Studiums hat man hunderte Angebote und man muss eben schauen, welches davon man wahrnimmt. Und manchmal ist es so, dass, wie du schon sagst, der moralische Stress nicht unbedingt das ist, was einem als erstes in den Sinn kommt.
Und deswegen vielleicht auch Ethik first nicht das erste Projekt ist, was man macht als Medizinstudierende. Häufig ist es so, dass man tatsächlich in irgendeiner Form schon mal Kontakt dazu hatte. Also selber einen Fall erlebt hat, den man als belastend empfunden hat oder insgesamt ein Interesse an Ethik hat, an dem Projekt teilzunehmen.
JULIA ROTHERBL
Gibt es eigentlich in deinen Augen und nach deiner Erfahrung eine unterschiedliche Herangehensweise bei Kollegen versus Kolleginnen, wenn es um ethische Fälle geht?
DR. LAURA LUNDEN
Ich glaube, wir sind da ein bisschen gebiased, weil wir Studierende in unserem Projekt haben, die alle sehr offen sind für das Thema. Es ist so, dass wir sehen, dass wir deutlich mehr weibliche Studierende haben als männliche. Aber ich glaube schon, dass das ein Thema für beide Geschlechter ist. Vielleicht braucht es ein bisschen mehr Sensibilität für das Thema bei den Männern. Aber vom Grundsatz her ist es so, dass beide gleich diskutieren und argumentieren können. Auch beide vor denselben Problemen stehen am Ende.
JULIA ROTHERBL
Ich habe mir mal angeguckt, was zumindest, was man sehen konnte auf eurer Homepage, was für Fälle besprochen werden. Also es waren dann in der Regel medizinische Fälle. Eine Patientin mit einer Essstörung, die die Nahrungsaufnahme verweigert hat. Oder ein Fall aus der Pädiatrie, wo es eine Chemotherapie unter Zwangsmaßnahmen ging. Es waren weniger Dinge, die sich im Kolleg*innenkreis abgespielt haben.
Und ich muss schon sagen, dass wir jetzt in dem Podcast auch immer wieder Geschichten hören, wo ich mir denke, das ist auch tatsächlich ethisch, moralisch bedenklich. Also junge Ärztinnen, die im OP-Saal anzügliche Bemerkungen über sich ergehen lassen müssen in einer Situation, wo sie nicht einfach den Raum verlassen können. Oder eine Ärztin, die von ihrem Vorgesetzten gesagt bekommt, wenn sie jetzt in Teilzeit gehen müssen, sie wissen, dass sie hier keine Chance auf eine Karriere haben. Oder Frauen, die ihre Schwangerschaft so lang wie möglich verstecken, damit sie quasi noch auf ihre Operationsquote in der Weiterbildung kommen. Wird sowas auch diskutiert?
DR. LAURA LUNDEN
Also es ist so, dass wir in diesem Projekt eben versuchen wollen Fallbesprechungen zu lehren. Also wie argumentiert man ethisch in einem medizinischen Fall? Natürlich, klar, das sind immer wieder auch solche Aspekte, die dabei eine Rolle spielen, aber explizit diesen Fall haben wir noch nicht besprochen.
JULIA ROTHERBL
Gibt es denn eigentlich so ein, zwei Fälle, die für dich sehr einprägsam waren, abgesehen von dem ersten, der dich überhaupt zu dem Thema gebracht hat, wo du dich sehr lange damit beschäftigt hast, was tiefer sich in deinen Gedächtnis eingebrannt hat als andere?
DR. LAURA LUNDEN
Besonders einprägsam sind natürlich immer die Fälle, die man selber erlebt, die man selber bespricht. Und da sind es manchmal gar nicht unbedingt die Themen, wo es Leben und Tod geht, sondern es geht ja in vielen Fällen auch um kleinere Entscheidungen, die trotzdem einen großen Input auf das Leben des Patienten haben. Ich erinnere mich zum Beispiel an eine Patientin, die ein Medikament gegen eine Post-Covid-Erkrankung bekommen wollte, was überhaupt nicht zugelassen ist. Und über diese Frau haben wir wirklich sehr lange diskutiert, ob wir dieses Medikament verschreiben würden oder nicht.
Für sie ist es eine absolut belastende Erkrankung, die ihr gesamtes Leben bestimmt. Und mit einer Unterschrift unter einem Rezept hätten wir ihrem Wunsch nachgehen können. Und trotzdem fühlt es sich nicht richtig an, ein Medikament zu verschreiben, von dem man nicht überzeugt ist, dass es ihr mehr hilft als schadet. Und das sind Diskussionen, die haben ja viele Aspekte, auch auf unterschiedlichen Ebenen, wie die Patientin mit der Erkrankung umgeht, wie wir mit der Erkrankung umgehen, wie das Verhältnis zwischen Arzt und Patient ist und so weiter. Das sind Fälle, die bleiben einem wirklich dann lange in Erinnerung.
KAPITEL 3 BEGEISTERUNG FÜR ALLGEMEINMEDIZIN
JULIA ROTHERBL
Du arbeitest ja in einer Hausarztpraxis. Wie hilft dir denn dort eigentlich diese Ausbildung zur Ethikberaterin bzw. dein Engagement bei Ethic First?
DR. LAURA LUNDEN
Ich habe mir eine Praxis ausgesucht, die sehr offen für solche Themen ist. In der Praxis wird viel Palliativmedizin auch gemacht. Wir haben ein sehr offenes Ohr insbesondere für Menschen mit Migrationshintergrund und so weiter. Deswegen habe ich mir diese Praxis ausgesucht. Und das Team ist total super.
Wir können über Fälle diskutieren. Wir können alles untereinander ansprechen. Und klar, da profitiere ich auf jeden Fall auch davon, Sachen argumentieren zu können, mich ausdrücken zu können, ethisch. Und ich denke, gerade wenn man häufig mit so Grenzfällen zu tun hat, ist es eben wichtig, dass man sich ein bisschen Gedanken darüber macht, was Argumente sind und wie man diese untereinander diskutieren kann.
JULIA ROTHERBL
Du hast ja quasi einen Beruf ausgesucht, der ja auch als Mangelberuf gilt mittlerweile. Also die Prognosen, wie viel unbesetzte Hausarzt-, Hausärztinnensitze es in, keine Ahnung, 15 Jahren geben wird, die sind sehr erschreckend. Hast du nicht manchmal ein bisschen Angst, dass man da auch in so ein ethisches Dilemma reinrutscht, weil man gar nicht mehr alle versorgen kann oder nicht alle so versorgen kann, wie man es gerne möchte?
DR. LAURA LUNDEN
Ja, auf jeden Fall. Wir sind auch unter Zeitdruck. Nichtsdestotrotz ist es gerade in der Hausarztpraxis nochmal anders, weil wir einfach nicht nur einen einzigen Kontakt zu unserem Patienten haben, weil wir ein längerfristiges Verhältnis haben zu unseren Patienten. Und ich denke, das ist das, was bleibt, auch wenn es einen Hausarztmangel gibt.
JULIA ROTHERBL
Ich schließe daraus, dass du denkst, dass wenn man Leute länger als zwei Wochen Klinikaufenthalt oder ein paar Tage Klinikaufenthalt begleitet, dass man deren Lebenswelt, deren Gedanken und Einstellungen besser kennt und dann vielleicht auch in moralisch schwierigen Situationen besser zu einer Entscheidung kommt.
DR. LAURA LUNDEN
Die Entscheidung ist einfach plötzlich auf einer ganz anderen Ebene, Denn man kennt den Patienten deutlich besser, man hat einen Eindruck davon, was er sich wünscht, wie er so tickt. Aber man gewinnt natürlich auch ein ganz anderes Verhältnis zu dem Patienten. Man ist plötzlich nicht mehr nur der Arzt, der jetzt mal zwei Wochen behandelt hat, sondern man begleitet den Patienten wirklich über einen langen, langen Zeitraum. Und selbst wenn man das noch nicht tut, dann ist man als Hausarzt eine ganz andere Person für den Patienten als ein Klinikarzt. Der Vertrauensvorschub ist von Anfang an deutlich größer.
Und von daher gibt es eine neue Ebene, die da in diesen Fällen eine Rolle spielt. Und das ist eben die persönliche Bindung zu dem Patienten. Die erlebte Anamnese auch. Wie habe ich den Patienten über die Jahre erlebt? Wie hat er sich verändert? Und so weiter.
JULIA ROTHERBL
Weil unsere Zuhörer*innen dich jetzt nicht sehen, muss ich ganz kurz sagen, dass man dir jetzt gerade im Gesicht angesehen hat, dass der Hausarztberuf tatsächlich irgendwie dein Wunschberuf ist, also dass dir das sehr viel Spaß macht und du diese persönliche Bindung auch sehr schätzt. Und du setzt dich auch im Vorstand von Junge Allgemeinmedizin Deutschland unter anderem auch, glaube ich, dafür ein, dass eben dieses Image des Hausarzt- und Hausärztinnenberufs ein bisschen aufpoliert wird. Es ist so, dass man manchmal auch hört, dass generell eine Niederlassung, egal ob als Hausarzt oder als Fachärztin, auch quasi in Sachen Vereinbarkeit viele Vorteile hat. Du wirst ja demnächst das erste Mal Mutter. Glaubst du das auch oder ist das eigentlich ein Trugschluss?
DR. LAURA LUNDEN
Man ist halt sein eigener Chef und man kann sich überlegen, wie man Medizin machen möchte und wie man den Praxisalltag strukturieren möchte. Man kann das so leben wie vor 50 Jahren typisch, dass man rund die Uhr erreichbar ist und auch nachts noch einen Hausbesuch fährt. Man kann es aber auch eben ganz anders gestalten. Es gibt nach wie vor viele Einzelpraxen, aber es gibt eben auch ganz viele andere Praxismodelle. Und gerade wenn man sich Familie vorstellen kann, dann ist es häufig eben auch so, dass man in Gemeinschaftspraxen geht und sich einfach die Arbeit organisiert untereinander.
Und man hat einfach deutlich mehr Optionen, als wenn man angestellt in der Klinik ist. Wenn man seine Dienste machen muss, wenn man auf den Dienstplan angewiesen ist. Genau, man ist eben sein eigener Chef.
JULIA ROTHERBL
Aber jetzt Laura wünschen wir dir erstmal alles Gute für das, was jetzt für dich ansteht. Projekt Baby.
DR. LAURA LUNDEN
Vielen Dank.
JULIA ROTHERBL
Und wir drücken auf jeden Fall auch die Daumen, dass sich das Ethic First Projekt irgendwie noch weiterverbreitet. Ich finde es ein total schönes Projekt.
DR. LAURA LUNDEN
Ja, also wer Interesse an dem Projekt hat, darf sich immer gerne melden. Dann können wir sicher irgendwie eine Lösung finden, wie man das auch an anderen Standorten etablieren kann.
JULIA ROTHERBL
Genau, alles Gute dafür und vielen Dank, dass du uns deine Zeit geschenkt hast.
DR. LAURA LUNDEN
Ja, danke, dass ich da sein durfte.
JULIA ROTHERBL
Sehr gerne.
JULIA ROTHERBL
Wenn wir bei euch jetzt ein Interesse geweckt haben an dem Projekt Ethik First oder am Engagement von JAD, also junge Allgemeinmedizin Deutschland, dann findet ihr zu beidem die Links in den Shownotes. Und wir freuen uns natürlich, wenn ihr auch wieder rein hört bei der nächsten Folge Frau Doktor übernehmen Sie. Wir erscheinen immer montags alle 14 Tage neu.
SPRECHERIN
Ein Podcast von Gesundheit hören und Apotheken Umschau Pro.
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