Operieren mit Babybauch – Initiative gegen Beschäftigungsverbote
Shownotes
Eine Umfrage des Marburger Bunds hat gezeigt: Schwangere Ärztinnen, die weiter im OP arbeiten wollen, werden häufig mit einem betrieblichen Beschäftigungsverbot abgestraft. Das sorgt für einen deutlichen Karrierenachteil – insbesondere während der Weiterbildung. Aber nach einer Gefährdungsbeurteilung und mit den richtigen Schutzmaßnahmen könnten viele Frauen eigentlich problemlos weiter operieren. Dr. Caroline Fortmann, Fachärztin für Kinderchirurgie an der Medizinischen Hochschule Hannover, ist Teil des erweiterten Leitungsteams der Initiative Operieren in der Schwangerschaft (OPidS). Sie erzählt, wie sie in ihren zwei Schwangerschaften weiter operieren konnte – sogar mitten in der Pandemie. Und sie erklärt, wie die Website von OPidS schwangeren Ärztinnen dabei helfen kann, gut vorbereitet in das Gespräch mit dem Arbeitgeber zu gehen.
Weitere Infos und Links:
- Initiative Operieren in der Schwangerschaft: https://www.opids.de/
- Verein Die Chirurginnen e. V.: https://chirurginnen.com/
- Umfrage Marburger Bund zu Schwangerschaft und Karriere: https://www.marburger-bund.de/bundesverband/themen/marburger-bund-umfragen/karriereknick-durch-schwangerschaft-junge-aerztinnen
- Sendung Report Mainz: „Schwangere Ärztinnen: Häufig benachteiligt und diskriminiert“: https://www.ardmediathek.de/video/report-mainz/schwangere-aerztinnen-haeufig-benachteiligt-und-diskriminiert/das-erste/Y3JpZDovL3N3ci5kZS9hZXgvbzIwMTQwMjk
- Podcast „’ne Dosis Wissen“, Folge „Operieren trotz Schwangerschaft“: https://www.apotheken-umschau.de/podcast/episode/ne-dosis-wissen-der-medizin-podcast-fuer-menschen-im-gesundheitswesen/operieren-trotz-schwangerschaft-1080911.html
Im Podcast „Frau Doktor, übernehmen Sie!“ erzählen Frauen aus der Medizinbranche, wie sie dort Karriere gemacht haben. Dazu spricht Julia Rotherbl, Chefredakteurin der „Apotheken Umschau“, mit Frauen, die in Führungspositionen arbeiten, die Herausforderungen gemeistert haben oder an ihnen gescheitert sind. Es geht um Themen wie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Sexismus, männliche Netzwerke, mangelnde Vorbilder oder verschiedene Arbeitsmodelle. Das Ziel: euch zu inspirieren und ermutigen, euren eigenen Weg zu finden.
Montags alle 14 Tage erscheint eine neue Folge. Habt Ihr Fragen, Anregungen oder Kritik? Dann schreibt uns gerne an redaktion@gesundheit-hoeren.de
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Redaktion: Julia Rotherbl, Kareen Seidler, Constanze Radnoti; Schnitt und Post-Produktion: Constanze Radnoti, Benedikt Möltner, Yves Seißler; Chefredakteur: Peter Glück
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Transkript anzeigen
JULIA ROTHERBL
Überraschung! Alle, die diesen Podcast schon länger hören, wundern sich jetzt wahrscheinlich, warum diese Folge nicht an einem Montag erscheint. Es gibt eine Erklärung. Das Thema der Folge ist „Operieren in der Schwangerschaft“ und dieses Thema hat durch eine Fernsehsendung gerade ziemlich viel Aufmerksamkeit bekommen und wir haben gedacht, wir nutzen die Gunst der Stunde und leisten hier noch ein kleines bisschen mehr Aufklärungsarbeit. Deshalb gibt es die Folge schon jetzt und wir wünschen euch sehr viel Spaß beim Zuhören.
CAROLINE FORTMANN
Das ist ja einfach nur, dass man motiviert ist und weiterarbeiten möchte und eben als eingearbeitete Fachkraft einfach weiter seinen Beitrag in der Abteilung leisten möchte. Und das wird einem dann verwehrt.
JULIA ROTHERBL
Als schwangere Chirurgin operieren. Ist noch gar nicht so lange her, da war das undenkbar. Ehrlicherweise ist es in manchen Kliniken leider immer noch undenkbar. Aber die gute Nachricht, es tut sich was. Zum Beispiel durch die Initiative „Operieren in der Schwangerschaft“, kurz OPidS, die zum Thema aufklären will, weil viele Entscheidungen, die hier getroffen werden, einfach auf falschen Annahmen beruhen. Etwas Aufklärung soll auch dieses Gespräch bringen. Zu Gast ist Dr. Caroline Fortmann. Sie ist Kinderchirurgin an der Medizinischen Hochschule Hannover und sie ist Teil des erweiterten Leitungsteams von OPidS. Sie hat selbst während zwei Schwangerschaften operiert und ich freue mich sehr auf dieses Gespräch und sage Hallo Caroline, schön, dass du heute unsere Gästin bist.
CAROLINE FORTMANN
Ja, vielen Dank und vielen Dank für die Möglichkeit, über dieses wichtige Thema zu reden.
JULIA ROTHERBL
Mein Name ist Julia Rotherbl, ich bin Chefredakteurin der Apotheken Umschau und wünsche euch jetzt allen viel Spaß beim Zuhören.
SPRECHERIN
„Frau Doktor, übernehmen Sie!“. Ein Podcast von gesundheit-hören. Und Apotheken Umschau Pro.
KAPITEL 1 SCHWANGER – UND JETZT?
JULIA ROTHERBL
Caroline, wann hast du denn für dich gemerkt, dass operieren in der Schwangerschaft tatsächlich so ein großes Problem ist für viele Ärztinnen?
CAROLINE FORTMANN
Mit dem Thema bin ich ehrlich gesagt erst im Rahmen meiner ersten Schwangerschaft in Kontakt gekommen. Als ich 2020 zum ersten Mal schwanger war, habe ich durch eine unserer Oberärztinnen erfahren, dass sie eben Schwierigkeiten hatte, weiter zu operieren. Und sie hätte mir die Initiative OPidS empfohlen und dort habe ich mich dann informiert, das Positionspapier runtergeladen und bin dann damit vorbereitet zum betriebsärztlichen Dienst gegangen. Und dort war es eben auch ganz neu, obwohl dieses Positionspapier ja schon ein paar Jahre öffentlich war.
JULIA ROTHERBL
Also es war dort neu, dass Frauen weiter operieren können.
CAROLINE FORTMANN
Genau, dass es möglich ist, ja. Und dann haben sie sich aber das Positionspapier auch durchgelesen und so wurde es mir letztendlich ermöglicht, auch weiter zu operieren.
JULIA ROTHERBL
Also für dich war das tatsächlich total klar, dass du das weiterhin machen willst? Oder gab es schon einen Moment, wo du überlegt hast, mache ich das weiter oder trete ich da in der Schwangerschaft kürzer?
CAROLINE FORTMANN
Für mich persönlich war es von Anfang an klar, weil ich bin ja Chirurgin, weil ich gerne operieren möchte und ich habe mich gut gefühlt und hatte mit den Schutzmaßnahmen, die ja empfohlen sind, dann auch keine Bedenken.
JULIA ROTHERBL
Kannst du vielleicht allen, die uns zuhören und die vielleicht in dieser Entscheidungssituation stehen, mal kurz sagen, was die wichtigsten Schutzmaßnahmen sind, die ergriffen werden müssen für Schwangere im OP-Saal?
CAROLINE FORTMANN
Also im OP-Saal ist wichtig, dass man doppelte Handschuhe trägt, dass man ein Schutzvisier trägt und man soll nicht an Notfalloperationen teilnehmen. Es muss immer die Möglichkeit bestehen, dass man abgelöst wird. Die Narkose sollte gasfrei sein, also zum Beispiel komplett intravenös, also TIVA. Oder zum Beispiel Regionalanästhesien oder Lokalanästhesien sind auch möglich. Und keine Eingriffe bei infektiösen Patienten.
JULIA ROTHERBL
Bei dir war das ja auch noch so, dass das mitten in der Corona-Pandemie war, als du dich entschieden hast, weiter zu operieren. Da gab es natürlich noch ganz viele andere Schutzmaßnahmen zusätzlich. Trotzdem könnte ich mir vorstellen, dass es ein komisches Gefühl war oder nicht. Gab es nicht so Situationen, wo du an deiner Entscheidung manchmal zumindest kurz gezweifelt hast?
CAROLINE FORTMANN
In meiner ersten Schwangerschaft war es tatsächlich so, dass es da noch hieß, dass Schwangere nicht stärker gefährdet sind. Deshalb gab es da keine weiteren Beschränkungen diesbezüglich. Und dann muss man ja rückblickend auch sagen, dass der OP ja eigentlich mit der sicherste Arbeitsbereich war, weil da einfach die Patienten alle getestet sind. Und wenn man das mit anderen Arbeitsplätzen vergleicht, ist das ja schon sehr sicher.
JULIA ROTHERBL
Und du warst auch körperlich so fit bis quasi kurz vorher, dass du das gemeistert hast?
CAROLINE FORTMANN
Ja, also mir ging es glücklicherweise immer sehr gut, sodass ich das problemlos körperlich schaffen konnte.
JULIA ROTHERBL
Wie läuft es denn eigentlich genau ab, wenn ich als Chirurgin schwanger werde, das meinem Arbeitgeber, meiner Vorgesetzten sage, was läuft da dann eigentlich für einen Prozess los, dann am Ende zu einer Entscheidung zu kommen, ob man weiter operiert oder nicht?
CAROLINE FORTMANN
Also erstmals teilt man ja die Schwangerschaft dem Arbeitgeber oder der Arbeitgeberin mit. Und dann muss der Arbeitgeber eine individuelle Gefährdungsbeurteilung erstellen und anhand dieser Gefährdungsbeurteilung werden dann Schutzmaßnahmen genannt, die eben eingehalten werden müssen, um die Sicherheit dann zu gewährleisten. Und der Arbeitgeber oder die Arbeitgeberin müssen dann die Schwangerschaft auch beim Gewerbeaufsichtsamt melden. Und das Gewerbeaufsichtsamt ist allerdings nur beratend tätig. Also die dürfen nicht die Entscheidung durchsetzen. Allerdings halten sich leider viele Arbeitgeber*innen dann an die Empfehlung und schicken manche schwangere Ärztinnen dann direkt ins betriebliche Beschäftigungsverbot.
JULIA ROTHERBL
Also man hat so ein bisschen auch den Eindruck, dass sich so der Schwarze Peter dafür, wer eigentlich verantwortlich dafür ist, dass so viele Ärztinnen dann im Beschäftigungsverbot landen, der wird so hin und her geschoben zwischen der Behörde und der Klinik. Wir haben tatsächlich mal nachgefragt beim Gewerbeaufsichtsamt Oberbayern und haben auch auf die Anfrage ein schriftliches Statement vom Pressesprecher der Regierung Oberbayern bekommen und da steht eben auch genau drin, „die Entscheidung über eine Weiterbeschäftigung oder ein Beschäftigungsverbot treffen nicht die Gewerbeaufsichtsämter, sondern ausschließlich der Arbeitgeber. Einer Genehmigung oder Zustimmung der Behörden bedarf er dabei nicht.“
Und es steht auch drin, „Maßnahmen, die eine Weiterbeschäftigung der schwangeren oder stillenden Frau ermöglichen, haben Vorrang vor der Erteilung eines Beschäftigungsverbots.“ Und dann haben wir allerdings auch einen Leitfaden Mutterschutz im Krankenhaus, der erstellt wurde in Kooperation mit dem Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau Baden-Württemberg und da steht dann quasi eigentlich das Gegenteil drin. „Operativer Bereich, Stellungnahme – die Einzeltätigkeiten stellen eine unverantwortbare Gefährdung dar, sodass empfohlen wird, eine schwangere Frau nicht in diesem Bereich einzusetzen.“
CAROLINE FORTMANN
Ja, man muss sagen, leider ist das auch noch in vielen Krankenhäusern Realität. Da gibt es auch ganz besonders ein Nord-Süd-Gefälle. Deshalb überrascht, aber erfreut mich dieses Statement des Gewerbeaufsichtsamtes Bayern, weil das ist ja wirklich sehr wichtig. Und da steht ja ganz klar, dass sie nur beratend tätig sind und die endgültige Entscheidung der Arbeitgeber oder die Arbeitgeberin trifft. Und deshalb finde ich das sehr wichtig und das muss wirklich eben allen zugänglich gemacht werden, damit alle Arbeitgeber, Arbeitgeberinnen das wissen.
JULIA ROTHERBL
Es ist so, dass die Kliniken immer wieder anführen, dass sie quasi Angst haben, da in Haftung genommen zu werden, sollten sie eine schwangere Frau weiter operieren lassen und es dann zu irgendwelchen gesundheitlichen Konsequenzen dadurch kommt. Es gab ja jetzt diese Sendung „Report Mainz“ mit dem Titel „Mütter und Schwangere im Arztberuf – Diskriminierung, Benachteiligung, Mobbing“. Und darin wurde unter anderem eine Arbeitsrechtlerin befragt und die eben sagt, dass sich die Frage dieser Haftung gar nicht stellen würde, wenn die Arbeitgeber eben die vorgeschriebenen Schutzmaßnahmen und auch diese individuelle Gefährdungsbeurteilung machen würden. Das sehen die meisten Kliniken aber anders, oder?
CAROLINE FORTMANN
Ich glaube, da ist häufig auch noch ein Wissensdefizit vorhanden, dass viele eben Sorge haben, dass sie da haftend gemacht werden, aber eben nach dieser individuellen Gefährdungsbeurteilung und dann den eingehaltenen Schutzmaßnahmen eben rechtlich sicher dastehen.
JULIA ROTHERBL
Was ist denn deine Erfahrung, auch aus der Arbeit bei OPidS, wie wird in den Kliniken hier mit den Frauen umgegangen, die eben weiterarbeiten wollen?
CAROLINE FORTMANN
Da ist es tatsächlich leider sehr unterschiedlich. Also es gibt manche Schwangere, denen wird das ermöglicht und die können ganz viel machen. Und dann gibt es leider wieder manche, denen wird das verwehrt, ohne dass sie da Mitspracherecht haben. Und auch oft ohne individuelle Gefährdungsbeurteilung werden sie dann pauschal ins betriebliche Beschäftigungsverbot geschickt. Also leider gibt es noch diese Fälle und deshalb ist, glaube ich, diese Aufklärungsarbeit, die die Initiative OPidS leistet, sehr, sehr wichtig, um eben dieser Diskriminierung vorzubeugen
JULIA ROTHERBL
Genau, du sagst jetzt Diskriminierung. In diesem „Report Mainz“, den ich jetzt vorher schon zitiert habe, wird dann auch einfach empfohlen, man soll sich dann, wenn das so läuft, wie du jetzt gerade beschrieben hast, also man wird gegen seinen Willen ins Beschäftigungsverbot geschickt, soll man sich an die Antidiskriminierungsstelle des Bundes wenden. Also es ist halt so, dass man da eigentlich ziemlich allein dasteht, wenn man in dem Moment irgendwie gegen die Entscheidung des Arbeitgebers vorgehen will, oder?
CAROLINE FORTMANN
Ja, also ich musste auch lachen, als ich diesen Kommentar gehört habe. Was man natürlich machen kann, ist, sich Unterstützung, zum Beispiel durch OPidS zu suchen. Und auch durch zum Beispiel Rechtsbeistand. Dass man guckt, dass man das irgendwie durchgeboxt bekommt. Wobei man muss schon sagen, wenn einem so Steine in den Weg gelegt werden, dann ist es leider ein schwieriger und langer Weg. Deshalb ist es sehr unglücklich, finde ich, wenn das von vornherein abgelehnt wird. Und das ist ja einfach nur, dass man motiviert ist und weiterarbeiten möchte und eben als eingearbeitete Fachkraft einfach weiter seinen Beitrag in der Abteilung leisten möchte. Und das wird einem dann verwehrt. Und man darf ja auch nicht vergessen, dass viele Schwangere ja auch noch in der Weiterbildung sind und eben auch viele operative Eingriffe noch brauchen. Und da werden sie eben dann auch benachteiligt und brauchen dann viel, viel länger, wenn sie in der Schwangerschaft nicht operieren durften.
JULIA ROTHERBL
Das Beste wäre natürlich, es würde gar nicht zu der Situation kommen. Deswegen würde ich gerne nochmal zwei Schritte zurückgehen und dich fragen, wie man als Frau, die sich eben wünscht, weiter zu operieren in der Schwangerschaft, am besten in so ein Gespräch mit dem Arbeitgeber, der Arbeitgeberin geht. Was würdest du raten?
CAROLINE FORTMANN
Also ganz, ganz wichtig, als erstes der Besuch der neuen Website OPidS.de. Die haben wir gerade, also gemeinsam mit Maya Niethard, Lisa Rosch und Andrea Kreuder, komplett neu gemacht. Und ist Anfang dieses Jahres jetzt freigeschaltet worden. Und da sind eigentlich sämtliche Informationen zu finden. Da ist das Positionspapier, das sollte man sich durchlesen. Da ist ein Vorschlag für eine individuelle Gefährdungsbeurteilung und da gibt es vor allem auch jetzt viele Positivlisten. Das ist auch ein weiterer Meilenstein, der jetzt vor wenigen Wochen erreicht wurde, dass es mittlerweile für alle chirurgischen Fachgesellschaften Positivlisten gibt. Also Listen mit Eingriffen, die man als Schwangere unter den Schutzmaßnahmen sicher durchführen kann. Und diese Positivlisten sind von den jeweiligen Fachgesellschaften auch alle abgesegnet worden. Und das ist eben jetzt wieder eine große Errungenschaft, an der viele Chirurginnen mitgearbeitet haben und was man dann auch mit in so ein Gespräch nehmen sollte.
JULIA ROTHERBL
Wie sollte man denn im Gespräch argumentieren? Eigentlich ist es ja klar, man hat diesen Beruf ergriffen und man möchte weiter operieren. Aber wenn einem jetzt so quasi suggeriert wird, „Wollen Sie das wirklich? Das geht ja auch mit Risiken einher.“ Wie kommt man aus dieser Falle raus, dass einem quasi so unterstellt wird, man würde sich um sein Ungeborenes weniger sorgen, als um seine Karriere?
CAROLINE FORTMANN
Also ich glaube, man muss sich vorher einfach wirklich Gedanken machen, möchte ich das oder nicht? Und wenn man das möchte, dann muss man eben ganz klar dahinterstehen und sagen, dass unter den Schutzmaßnahmen, die ja extra dafür ergriffen wurden, um eben dieses Risiko zu minimieren, das Risiko eben nicht so groß ist.
JULIA ROTHERBL
Eine Konsequenz dieser Situation ist ja, dass viele schwangere Ärztinnen ihre Schwangerschaft tatsächlich erst mal möglichst lange geheim halten. Wir hatten da Zahlen aus einer Umfrage vom Marburger Bund, 2016 waren es noch 44 Prozent der befragten Frauen, die Bedenken hatten, eine Schwangerschaft mitzuteilen und das ist sogar noch gestiegen. 2022 waren es 56 Prozent. Das heißt, mit der Verheimlichung gehen die ja auch erst recht Risiken ein, weil sämtliche Schutzmaßnahmen gar nicht ergriffen werden und auch nicht ergriffen werden können.
CAROLINE FORTMANN
Ja, genau. Das ist genau das Gegenteil von dem, was man ja erreichen möchte.Sondern man wünscht sich, dass die Frauen das frühzeitig bekannt geben, um dann diesen Mutterschutz zu haben, aber eben trotzdem soweit weiter arbeiten zu können, wie sie es eben möchten. Und deshalb, das ist unserer Ansicht nach eben der falsche Weg, das lange geheim zu halten, nur eben weiter operieren zu können.
JULIA ROTHERBL
Ist es eigentlich tatsächlich so, dass in der Klinik dann sofort diese Schleife mit Gefährdungsbeurteilung und so weiter losgeht? Also stellt sich die Frage sofort in dem Moment, ob jemand morgen noch in den OP geht?
CAROLINE FORTMANN
Ja, also sobald man die Schwangerschaft mitgeteilt hat, muss man die individuelle Gefährdungsbeurteilung erhalten und ab da muss man die Schutzmaßnahmen einhalten. Es ist natürlich auch empfohlen, die Schwangerschaft so früh wie möglich bekannt zu geben, um eben frühestmöglich die Schutzmaßnahmen zu haben, weil ja auch gerade diese erste Phase der Schwangerschaft eben die sensibelste ist.
KAPITEL 2 KARRIEREKILLER KIND?
JULIA ROTHERBL
Es ist ja so, dass dieses Thema Schwangerschaft als Ärztin nicht nur in den operierenden Fächern ein Problem darstellt, sondern viele Frauen es einfach so empfinden, dass man dann in der Klinik so einen Stempel aufhat. Okay, die geht jetzt erst mal in Elternzeit, dann kommt sie vielleicht Teilzeit zurück, wenn überhaupt, vielleicht macht sie dann auch eine Praxis auf. Also da schwingt schon noch viel mehr mit, dass man diese Schwangerschaft auch nicht so mit Freude teilt, oder?
CAROLINE FORTMANN
Tatsächlich ist es leider unterschiedlich. Also natürlich freut man sich sehr über die Schwangerschaft, aber es gibt leider auch einige Kollegen, Kolleginnen, die das eben anders aufnehmen. Und dann eben auch die Folge, dass manche Ärztinnen dann nicht mehr gefördert werden. Was man auch in dieser Umfrage vom Marburger Bund, die du gerade erwähnt hattest, auch gesehen hat, dass eben die Internistinnen sogar noch ein bisschen stärker eingeschränkt waren als die Chirurginnen. Da wurde ja zum Beispiel erfragt, ob es einem ermöglicht wurde, Operationen oder interventionelle Eingriffe durchzuführen. Also um da Zahlen zu nennen, das war insgesamt um die 50 Prozent der schwangeren Ärztinnen, die da Einschränkungen hatten vor Corona. Und seit Corona waren es tatsächlich knapp 80 Prozent. Und das hat einfach schon eine riesen Auswirkung auf die weitere Karriere.
JULIA ROTHERBL
Ja, da wurden ja auch Freitext-Kommentare zugelassen in der Umfrage und da sind ja dann auch solche drin wie „Keine Operationen mehr, ein Karrierekiller in einem operativen Fach. Auch nach der Elternzeit wurde ich kaum mehr für den OP eingeteilt. Männliche Vollzeitkollegen bevorzugt.“
CAROLINE FORTMANN
In sehr vielen Fällen ist es leider noch so, muss man sagen. Aber das lässt ja auch viel Raum für Verbesserung. Also in dem Bereich muss sich einfach ganz viel ändern, weil die Medizin und eben auch die Chirurgie wird immer weiblicher. Und bei dem aktuellen Fachkräftemangel können wir es uns eben nicht leisten, auf gut ausgebildete Ärztinnen und Chirurginnen zu verzichten. Und deshalb muss da ein Umdenken erfolgen und eben auch eine Unterstützung von Müttern und Schwangeren.
JULIA ROTHERBL
Was würdest du denn generell aus deiner persönlichen Erfahrung und auch aus deinem Engagement bei OPidS sagen, was müsste sich denn so generell auch an diesem System, an den Prozessen, die da dahinterstehen, ändern? Du hattest jetzt schon Aufklärungsarbeit genannt, weil oft sind es ja falsche Annahmen, die hinter diesen Entscheidungen stehen.
CAROLINE FORTMANN
Ja. Und dann muss man einfach sagen, diskriminierungsfreie Unterstützung aller Mitarbeiter*innen. Also egal, ob es ein Mann ist, ob es eine Frau ist, ob er oder sie Kinder hat oder nicht, wenn man engagiert ist und motiviert und dann eben Unterstützung erfährt, dann hat man einfach viel mehr Möglichkeiten, eine gute Karriere zu machen.
JULIA ROTHERBL
Ich hatte jetzt schon diesen „Report Mainz“ auch angesprochen. Das ist jetzt tatsächlich Zufall, dass der zwischen der Vereinbarung dieses Gesprächs hier und dem Gespräch tatsächlich ausgestrahlt wurde. Ich finde das ja super, weil ich glaube, das ist eigentlich immer so ein quasi medizinbrancheninternes Diskussionsthema gewesen und war, glaube ich, der Öffentlichkeit gar nicht so bekannt, dass das so ein Problem ist. Ich habe es mir natürlich auch angeguckt und manches hat mich jetzt nicht so überrascht. Eine Sache allerdings schon und zwar hat ja eine der Ärztinnen, die dort auch Gesicht gezeigt haben für das Thema, erzählt, dass es nicht nur darum geht, wie der Vorgesetzte, die Vorgesetzte oder der Arbeitgeber generell mit dem Thema umgeht, sondern auch wie die Kollegschaft mit dem Thema umgeht. Und sie hat ja erzählt, dass sie quasi seit der Bekanntgabe ihrer Schwangerschaft in ihrer Abteilung gemobbt wurde, dass die Leute quasi sie nicht mehr gegrüßt haben am Morgen, die Augen verdreht wurden, dass hier Informationen vorenthalten wurden, um Patienten gut zu versorgen. Ist das auch was, was ihr bei OPidS mitbekommt, dass auch quasi im Kolleg*innenkreis eine Schwangerschaft einer operierenden Ärztin nicht so gut aufgenommen wird?
CAROLINE FORTMANN
Das ist natürlich, je nachdem aus welcher Perspektive man es sieht, klar muss man bedenken, die schwangere Kollegin fällt aus für Dienste. Das heißt, diese Dienste müssen von den anderen mit abgedeckt werden. Nichtsdestotrotz arbeitet man dann in Tagen eben komplett mit. Und viele Arbeitgeber*innen sehen den Anreiz, eben eine schwangere Ärztin direkt ins betriebliche Beschäftigungsverbot zu schicken, weil sie dann über ein Umlageverfahren eben die Kosten erstattet bekommen und dann eine Ärztin einstellen können, die eben auch Dienste mitmacht.
JULIA ROTHERBL
Okay. Das heißt, es wird im Kolleg*innenkreis dann sogar kritischer gesehen, wenn jemand weiterhin im Team bleibt, obwohl es Einschränkungen gibt bei den Diensten.
CAROLINE FORTMANN
Das muss man, glaube ich, sagen, ist ganz individuell. Und bei uns war es jetzt zuletzt so, dass das immer positiv angesehen wurde und die auch weiter unterstützt wurden. Und das ist einfach der normale Lauf der Dinge. Also das wird es in allen Abteilungen geben, weil es immer mehr Frauen in der Medizin gibt und in der Chirurgie. Und da muss man sich einfach darauf einstellen und dann damit umgehen und zwar positiv umgehen.
JULIA ROTHERBL
Was ich einfach so krass fand an dieser Erzählung war, dass ich mir dann im Nachhinein gedacht habe – also ich bin ja keine Ärztin, aber ich habe eine Tochter, also ich war mal schwanger – dass mich wahrscheinlich dieses subtile Mobbing, dieses subtile Gefühl, das finden jetzt alle doof, hätte mich, glaube ich, psychisch und damit meine seelische Gesundheit viel mehr belastet, als mal irgendwie drei Stunden anstrengend irgendwo eine körperliche Tätigkeit im OP zu verrichten. Also das hat mich schon erschreckt, weil das muss man ja schon sagen, also das macht ja auch in der Schwangerschaft was mit einem, gerade in der Schwangerschaft.
CAROLINE FORTMANN
Ich fand es auch ganz schrecklich, muss ich sagen. Und in den besten Fällen ist man ja auch einfach ein Team. Und da dann ausgegrenzt zu werden, ist eben schon schrecklich. Und man hat jahrelang, manchmal jahrzehntelang da alles gegeben, mitgearbeitet. Und dann ist man schwanger und wird sofort rausgemobbt. Also ja, ich finde einfach, das sollte in der aktuellen Zeit nicht mehr sein. Und da müsste man dann in den einzelnen Fällen auch mit Unterstützung von auswärts vielleicht dagegen angehen.
JULIA ROTHERBL
Ihr bei OPidS unterstützt ja auch durch diese Website, die jetzt auch noch mal neu überarbeitet wird. Was ist denn so dein Gefühl, wie weit seid ihr schon gekommen mit eurer Arbeit? Hast du das Gefühl, dass sich etwas ändert? Also was ja ganz klar ist, dass irgendwie immer mehr Leute die Fakten kennen und dieses Problem auch in die Öffentlichkeit getragen wird. Aber ändert sich auch an den Entscheidungsprozessen in den Kliniken tatsächlich schon was? Wie ist dein Gefühl?
CAROLINE FORTMANN
Also vom Gefühl her würde ich sagen ja, weil es einfach viel mehr verfügbare Informationen gibt und jetzt doch deutlich mehr Arbeitgeber*innen darüber Bescheid wissen und eben vor allem auch die schwangeren Ärztinnen sich gut informieren. Und ich glaube, ganz aktuell müsste man das einfach nochmal anhand einer Umfrage erfragen, weil wir haben ja gerade diese Umfrage durchgeführt mit dem Marburger Bund, Deutscher Ärztinnenbund und Chirurginnen Verein und OPidS. Und da spielte noch diese Phase nach Corona tatsächlich eine sehr große Rolle.
JULIA ROTHERBL
Das ist nicht so repräsentativ wahrscheinlich.
CAROLINE FORTMANN
Genau, da hatte sich noch nicht viel verändert. Und da muss man ganz klar sagen, in der Corona-Pandemie ist es noch mal viel, viel schlimmer geworden von den Einschränkungen. Also deshalb hoffen wir, dass es jetzt eben doch einen deutlichen Aufschwung gibt, eine deutliche Besserung, vor allem auch jetzt mit den Positivlisten, die von allen chirurgischen Fachgesellschaften jetzt abgesegnet wurden. Und das soll auch bald als Flyer erscheinen, dass das dann an alle Kliniken rausgeht.
JULIA ROTHERBL
Und ich glaube, was den betroffenen Frauen schon auch einfach Auftrieb gibt und irgendwie ein bisschen Mut, dass man jetzt auch das Gefühl hat, man ist damit nicht allein.
CAROLINE FORTMANN
Ja, also das ist was, was immer Sinn macht, sich zu vernetzen, Netzwerken. Und gerade für alle chirurgisch tätigen Ärztinnen kann ich da uneingeschränkt den Verein Chirurginnen e.V. empfehlen. Also wirklich ein großartiges Netzwerk, was sehr motivierend und unterstützend ist.
JULIA ROTHERBL
Dann hoffen wir, dass die nächste Umfrage tatsächlich zeigt, dass sich was getan hat und sich euer Engagement auch lohnt und in den Kliniken für Veränderung sorgt. Also das sich tatsächlich dann in den Zahlen auch widerspiegelt. Und ich sage vielen Dank, dass du hier warst.
CAROLINE FORTMANN
Ja, vielen Dank für die Möglichkeit. Es hat viel Spaß gemacht.
JULIA ROTHERBL
Mir auch. Dankeschön, Caroline.
Für alle, die sich jetzt noch näher mit dem Thema befassen wollen, die vielleicht gerade vor der Entscheidung stehen, ob sie in ihrer Schwangerschaft weiter operieren wollen, die sich auf ein Gespräch mit dem Arbeitgeber, der Arbeitgeberin vorbereiten wollen – wir haben in den Shownotes ganz viele Links für euch zusammengestellt. Ihr findet dort natürlich vor allem den Link zu OPidS.de, es gibt einen Link zur Umfrage des Marburger Bundes, es gibt einen Link zur zitierten Sendung von „Report Mainz“ und natürlich auch einen Link zum Netzwerk die Chirurginnen e.V. Wir freuen uns, wenn ihr auch bei der nächsten Folge „Frau Doktor, übernehmen Sie!“ mit dabei seid. Wir erscheinen planmäßig immer montags alle 14 Tage neu. Die nächste Folge kommt am 1. April.
SPRECHERIN
Ein Podcast von gesundheit-hören. Und Apotheken Umschau Pro.
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