Gesundheitssystem am Limit – Eine Ärztin engagiert sich
Shownotes
Marathondienste, Überlastung, finanzielle Fehlanreize – in deutschen Kliniken gibt es viele Missstände. Stefanie Minkley will daran etwas ändern und engagiert sich deshalb auch als Politikerin in der SPD. Sie ist Fachärztin für Chirurgie und Notärztin, hat 2022 aber beschlossen, die Arbeit in der Klinik an den Nagel zu hängen. Davor hat sie noch verdeckt eine Dokumentation über den alltäglichen Wahnsinn in der Klinik gedreht. In dieser Podcast-Folge erzählt sie, wie sie sich jetzt engagiert, warum sie auch weiterhin als Ärztin arbeiten möchte, welche kleinen Erfolge sie schon verbuchen konnte – und was sich noch ändern muss.
Weitere Infos und Links:
- Doku „My doctor’s life - Tagebuch einer Ärztin, die aussteigt“: https://www.ardmediathek.de/video/close-up/my-doctor-s-life-tagebuch-einer-aerztin-die-aussteigt/hr-fernsehen/Y3JpZDovL2hyLW9ubGluZS8xODU4ODI
- Umfrage bei Assistenzärzt:innen, u. a. zu Arbeitsbedingungen und Ökonomisierung (2021): https://www.hartmannbund.de/berufspolitik/umfragen/weiterbildung/assistenzarztumfrage-2021-arbeitsbedingungen-oekonomisierung-und-digitalisierung/
Im Podcast „Frau Doktor, übernehmen Sie!“ erzählen Frauen aus der Medizinbranche, wie sie dort Karriere gemacht haben. Dazu spricht Julia Rotherbl, Chefredakteurin der „Apotheken Umschau“, mit Frauen, die in Führungspositionen arbeiten, die Herausforderungen gemeistert haben oder an ihnen gescheitert sind. Es geht um Themen wie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Sexismus, männliche Netzwerke, mangelnde Vorbilder oder verschiedene Arbeitsmodelle. Das Ziel: Euch zu inspirieren und ermutigen, euren eigenen Weg zu finden.
Montags alle 14 Tage erscheint eine neue Folge. Habt Ihr Fragen, Anregungen oder Kritik? Dann schreibt uns gerne an redaktion@gesundheit-hoeren.de
Mehr Gesundheitspodcasts gibt es hier: www.gesundheit-hoeren.de
Redaktion: Julia Rotherbl, Anja Kopf, Kareen Seidler, Constanze Radnoti; Schnitt und Post-Produktion: Constanze Radnoti, Benedikt Möltner, Yves Seißler; Managing Editor Audio: Peter Glück
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Transkript anzeigen
STEFANIE MINKLEY
Gerade in einem so hochkomplexen System wie dem Gesundheitssystem, wo es so viele Player gibt, wird es von allen Seiten immer sehr viel Widerstand geben, wenn es um Veränderungen geht. Aber wir wissen ja alle, dass das System auf Kante genäht ist und dass es am Limit ist, also müssen wir es verändern.
JULIA ROTHERBL
Herzlich willkommen zu dieser Folge von „Frau Doktor, übernehmen Sie!“. Ich freue mich sehr, dass ihr alle zuhört. Das Thema heute ist – als Ärztin in der Politik. Meine Gästin ist Stefanie Minkley. Sie ist Fachärztin für Chirurgie, Notärztin und SPD-Politikerin. Und ich sage herzlich willkommen, Stefanie. Schön, dass du heute da bist.
STEFANIE MINKLEY
Ja, vielen Dank für die Einladung.
JULIA ROTHERBL
Und ich bin Julia Rotherbl, Chefredakteurin der Apotheken Umschau.
SPRECHERIN
„Frau Doktor, übernehmen Sie!“ – ein Podcast von gesundheit-hören und Apotheken Umschau Pro.
KAPITEL 1 – DOKU ZUM „KRANKEN“ GESUNDHEITSSYSTEM
JULIA ROTHERBL
Stefanie, du hast eine TV-Dokumentation gedreht, die heißt „Close-up – My Doctor‘s Life, Tagebuch einer Ärztin, die aussteigt“. Du hast verdeckt gedreht, du hast mit deiner Handykamera den letzten Monat begleitet, in dem du in der Klinik gearbeitet hast. Und ich habe mir die Doku im Vorfeld, diese Aufnahme, nochmal angesehen und es sind echt schockierende Szenen dabei. Also zum Beispiel sagst du an einer Stelle, du hast seit 27 Stunden keine frische Luft mehr gehabt. Oder die Stelle, wo du erzählst, wie der Einstieg war, in den ersten Job nach dem Studium. Du hast Freitag in der Klinik angefangen und montags bist du alleine in der Notaufnahme gesessen. Wie haben denn eigentlich die Menschen, die tagtäglich auch in diesem System arbeiten und mit all diesen Missständen konfrontiert sind, auf die Doku reagiert?
STEFANIE MINKLEY
Also, die allermeisten Rückmeldungen waren sehr, sehr positiv. Es haben mich über 100 Menschen wirklich persönlich angeschrieben, über Instagram oder per E-Mail. Und das waren vor allem Kolleginnen und Kollegen, nicht nur aus dem ärztlichen Bereich, sondern aus allen möglichen Bereichen des Gesundheitssystems. Und die meisten waren sehr froh, dass das mal zu Tage kommt, dass das mal öffentlich wird, wie die Arbeitsbedingungen eigentlich sind. Und sehr viele haben mir auch von ihrer eigenen Geschichte erzählt, dass sie auch ausgestiegen sind oder dass sie aus der Klinik raus sind, in den ambulanten Bereich, oder den Job komplett gewechselt haben. Das hat mich vor allem darin bestärkt, diese Geschichte und diese Arbeitsbedingungen noch mal lauter öffentlich zu machen. Einfach weil es ja nicht nur mich betrifft, sondern weil es ein systemisches Problem ist und auch immer mehr Menschen aus dem Gesundheitssystem aussteigen. Und ja, so wird das System irgendwann zusammenbrechen, wenn niemand mehr da arbeiten mag.
JULIA ROTHERBL
Es hat dich ja der Hessische Rundfunk angefragt, für diese Doku. Wie lange hast du überlegt, ob du das wirklich machen willst?
STEFANIE MINKLEY
Ich habe nicht so lange überlegt, weil ich schon immer, wenn ich gemerkt habe, dass was schiefläuft und dass Missstände sind, ich den Willen hatte, das zu verändern. Und ja, ich hatte das als eine Chance gesehen, eben die Bedingungen, unter denen wir arbeiten, und auch die Fehler im System, öffentlich zu machen. Und natürlich war das ein Risiko, weil wir ja keine Drehgenehmigung bekommen haben, sondern eben nur verdeckt gedreht haben. Aber wir haben uns da gut beraten lassen vorher. Und mir war das einfach so wichtig, das mal in die Öffentlichkeit zu bringen. Weil, ich glaube, so viele Menschen einfach gar nicht wissen, wie unser System funktioniert, und man sehr, sehr viel über das tolle deutsche Gesundheitssystem lobt und weltweit Deutschland immer sehr positiv und sehr fortschrittlich gesehen wird, aber sehr viele Menschen gar nicht wissen, dass es auf dem Rücken von den Menschen ausgetragen wird, die im Gesundheitssystem arbeiten.
JULIA ROTHERBL
Was waren für dich denn so die wichtigsten Punkte, die dich zu der Entscheidung gebracht haben, jetzt steige ich aus? Oder gab es einen Moment, wo du gewusst hast, okay, jetzt ist es vorbei für mich?
STEFANIE MINKLEY
Es gab eigentlich nicht den einen Moment, sondern ich habe einfach immer mehr gemerkt, wie viele Fehler im System bestehen. Und es waren einerseits natürlich die Arbeitsbedingungen. Ich konnte auch einfach irgendwann nicht mehr, weil es immer schlechter wurde und weil vor allem auch gar keine Wertschätzung mehr kam und kein Verständnis dafür, dass wir uns beschwert haben, dass es zu wenig Personal gibt. Oder wenn man irgendwie nach mehrfachen 27-Stunden-Diensten immer noch von den Vorgesetzten einen drauf bekommt, dann kostet das ja noch mehr Energie. Und es waren aber auch vor allem diese Fehler im System, nämlich diese Kommerzialisierung, dass es morgens in der Frühbesprechung darum ging, dass wir schwarze Zahlen schreiben müssen, mehr operieren müssen, dass es eben bestimmte Gründe gibt, warum man PatientInnen aufnimmt oder operiert, die nicht nur medizinischer Art sind. Wo ich gesagt habe, das kann ich eigentlich nicht weiter mittragen. So möchte ich nicht als Ärztin arbeiten und ich will versuchen, das zu verändern.
JULIA ROTHERBL
Haben eigentlich die Kollegen in derselben Klinik dich bewundert dafür? Hattest du den Eindruck, dass manch einer vielleicht sogar sich gedacht hat, den Mut hätte ich auch gern?
STEFANIE MINKLEY
Also ich habe danach ja nicht mehr dort gearbeitet, aber ich habe natürlich noch Kontakt zu befreundeten KollegInnen. Und da kamen schon eher positive Rückmeldungen und sie meinten ja, in der ganzen Klinik wurde das besprochen. Und ich weiß nicht, ob sie gedacht hatten, hätten sie das auch gemacht ... Ich glaube, es gibt einfach nicht so viele Menschen, die so in die Öffentlichkeit treten würden, mit so einem Thema, was ja auch irgendwie intim ist und was einen auch angreifbar macht. Aber ich glaube, es waren einfach sehr viele froh, dass unsere Arbeitsbedingungen gezeigt wurden und dass damit ja auch gezeigt wird, wie sie arbeiten und auch immer noch arbeiten. Es hat sich ja daran bisher noch nie so viel verändert.
KAPITEL 2 – Politisches Engagement
JULIA ROTHERBL
Du bist dann von der Klinik in die Politik gegangen. Wie kam es dazu?
STEFANIE MINKLEY
Ja, tatsächlich bin ich schon immer, oder schon seit bestimmt 20 Jahren politisch aktiv. Ich habe erst mal angefangen in der SchülerInnenvertretung, habe dann beschlossen, in die SPD einzutreten, war bei den Jusos ganz lange aktiv, in Frankfurt. Also mein politisches Engagement sozusagen hat sich eigentlich nicht so arg verändert. Das war immer schon ehrenamtlich und ist auch heute noch ehrenamtlich. Und ich habe aber dann nach dem Austritt aus der Klinik gesagt, ich möchte versuchen, hauptamtlich Politik zu machen und eben hauptberuflich in die Politik zu gehen und habe dann für den Hessischen Landtag kandidiert, in Frankfurt. Ja, was leider nicht funktioniert hat, weil einfach unser Wahlergebnis so extrem schlecht war. Und so mache ich weiter ehrenamtlich Politik. Von daher kann man jetzt nicht sagen, dass ich meinen Beruf geändert habe, von der Klinik in die Politik, sondern das ist eigentlich ein roter Faden, der sich durch mein gesamtes Leben gezogen hat.
JULIA ROTHERBL
Was ich mich gefragt habe, du hattest gesagt, dass die Arbeitsbelastung in der Klinik sehr hoch war, 60 bis 70 Stunden pro Woche. Aber so ein Landtagswahlkampf dürfte jetzt wahrscheinlich nicht auf viel weniger Wochenstunden kommen – oder schon?
STEFANIE MINKLEY
Nee, in der Tat war das glaube ich eher noch mehr. Aber es war deshalb anders, weil es selbst gewählt war. Es lag ja daran, dass wir einfach nicht genug Personal hatten. Sonst hätten wir auch, sage ich mal, für eine Klinikärztin normale Arbeitszeiten gehabt. Aber wenn man so runterspart, dass samstags plötzlich kein Dienst mehr da ist, weil einer krank ist und keiner mehr im Pool ist, weil alle vorher oder nachher Dienst haben oder im Urlaub sind oder sonst irgendwas, dann liegt es ja einfach an der falschen Personalpolitik. Aber der Wahlkampf, das war ja mein eigenes Engagement und da habe ich so viel Energie reingesteckt, wie ich wollte. Und das hat sich anders angefühlt, weil es eben sozusagen selbstbestimmter Stress war und nicht von außen aufgedrückt.
JULIA ROTHERBL
Du hast die Initiative gegründet „Aufbruch Gesund und Gerecht“, wo du dann auch versuchst, diese Missstände, die du in der Klinik erlebt hast, politisch zu ändern. Was sind denn für dich so die drei Dinge, wo du sagst, das läuft am schiefesten? Du könntest jetzt drei Dinge sofort ändern. Was würdest du ändern?
STEFANIE MINKLEY
Ich würde vor allem diese Fehlanreize aus dem System rausnehmen. Das liegt ja am Fallpauschalen-System, was eingeführt wurde, um Kosten zu drücken. Und das hat dazu geführt, dass viel Personal abgebaut wurde, dass Fehlanreize da sind, sodass man PatientInnen aufnimmt, um sie zu operieren, zum Beispiel, oder Interventionen durchzuführen, die aber vielleicht gar nicht unbedingt notwendig sind. Sodass da auch einfach Geld verloren geht, in Leistungen, die vielleicht nicht notwendig sind, und auch gegebenenfalls PatientInnen geschadet werden kann, weil wir wissen, dass jede Intervention und jede Operation auch Nebenwirkungen hat und Komplikationen hervorrufen kann. Also einmal dieses Vergütungssystem zu ändern, das ist auf jeden Fall ein großer Punkt, den ich angehen würde. Und zum Zweiten – unser System umzustellen, auf mehr Prävention, auf mehr Gesundheitsförderung. Dass wir nicht abwarten, bis die Menschen überhaupt krank werden, sondern viel mehr da reinstecken, sie überhaupt gesund zu halten. Und das gilt ja in allen Bereichen. Es ist nicht nur das klassische Gesundheitssystem, sondern dann geht es darum, dass man Bewegung fördert, dass man viel mehr über gesunde Ernährung redet. Sozialleistungen, die gekürzt werden, wo wir auch wissen, dass Armut zu Gesundheitsschädigungen führt. Also eigentlich müsste sich jeder politische Bereich damit auseinandersetzen. Da gibt es ja auch ein schlaues Wort für – Health in all policies – was viele schon lange fordern und wo unser Gesundheitssystem in Deutschland, glaube ich, noch sehr, sehr rückschrittlich ist.
JULIA ROTHERBL
Du darfst noch einen dritten Punkt nennen, wenn du möchtest.
STEFANIE MINKLEY
Der dritte Punkt wäre die intersektionale Verquickung der ganzen Bereiche. Das heißt, dass der stationäre und der ambulante Bereich nicht so getrennt voneinander gesehen werden, dass auch die Professionen, also Krankenpflege, ÄrztInnen, TherapeutInnen nicht so getrennt abgerechnet werden, sondern wir viel mehr schaffen, interprofessionell und intersektoral zu arbeiten und vom Patienten oder von der Patientin aus denken. Und das funktioniert in unserem aktuellen Gesundheitssystem nicht. Also ich weiß noch genau, wie viele PatientInnen wir entlassen haben mit Arztbrief, von denen wir nie wieder was gehört haben, und wo auch nicht zum Hörer gegriffen wurde und nochmal der Hausarzt oder die Hausärztin angerufen wurde. Ich habe das Gefühl, dass mit der Krankenhausschwelle auch so eine Wissensschwelle besteht und ganz viele Informationen verloren gehen. Und das ist, finde ich, nicht mehr zeitgemäß.
JULIA ROTHERBL
Wo und wie kämpfst du denn aktuell für diese Forderungen? Wie sieht aktuell dein ehrenamtliches Engagement hier aus? Wie muss man sich das vorstellen?
STEFANIE MINKLEY
Also einerseits natürlich innerhalb der SPD. Ich bin die Leiterin der SozialdemokratInnen im Gesundheitswesen in Hessen-Süd. Und wir machen eigentlich jeden Monat Fortbildungen, also beschäftigen uns einfach mit bestimmten Themen, vom Rettungsdienst über die Krankenhausreform bis hin zu solchen Spezialthemen wie Lipödem oder weibliche Genitalverstümmelung, wie da die Versorgung ist. Also tauschen uns aus, vernetzen uns, das ist eine Sache. Dann werden wir auf jeden Fall auch die Initiative weitertreiben. Ich mache das ja mit einer befreundeten Krankenpflegekraft zusammen, Xenia Ebner-Pühl.
Und wir wollen die Initiative auf jeden Fall weiterführen, auch zur weiteren Vernetzung und zum weiteren Wissensaustausch, weil ich glaube, dass es ganz viele Menschen und Organisationen in Deutschland gibt, die eigentlich wissen, was schiefläuft und da was verändern wollen. Und wir hatten uns auf die Fahne geschrieben, dass wir die alle zusammenführen wollen. Und das wollen wir in diesem Jahr auch weiterführen. Also es wird wieder Seminare geben, wo wir Menschen einfach miteinander vernetzen wollen, Wissen austauschen wollen und dann auch letztendlich durch die Vernetzung den politischen Druck noch mal weiter erhöhen wollen. Ja, und dann natürlich in der Landesärztekammer, in der Delegiertenversammlung. Ich bin da jetzt ganz neu drin. Ich bin mal gespannt, was ich da vielleicht auch einbringen kann. Also, ich glaube, dass man über Vernetzung und Wissensaustausch schon zivilgesellschaftlich sehr viel erreichen kann. Und wenn dann der Druck für die Forderungen groß genug ist, dass man dann auch Veränderungen erreicht.
JULIA ROTHERBL
Du hattest ja vorher gesagt, dass in der Klinik natürlich jetzt aktuell immer noch so gearbeitet wird, wie es in der Doku zu sehen ist, dass sich da so schnell irgendwie nichts ändert. Glaubst du nicht, dass diese politische Arbeit ein ähnlich hohes, aber natürlich anders sich ausdrückendes Frustrationspotenzial haben könnte, wie die Arbeit in der Klinik?
STEFANIE MINKLEY
Witzigerweise fragen mich das echt sehr viele.
JULIA ROTHERBL
Das war auch eins der ersten Dinge, die ich mir gedacht habe.
STEFANIE MINKLEY
Ja, ich denke mir, man muss sich doch irgendwie engagieren. Und natürlich gerade in einem so hochkomplexen System wie dem Gesundheitssystem, wo es so viele Player gibt, wird es von allen Seiten immer sehr viel Widerstand geben, wenn es um Veränderungen geht. Aber wir wissen ja alle, dass das System auf Kante genäht ist und dass es am Limit ist. Also müssen wir es verändern.
JULIA ROTHERBL
Also wir hatten schon ein paar Chirurginnen zu Gast in dem Podcast und ein Punkt, den viele nennen, warum sie dieses Fach gewählt haben, sind die relativ schnellen Erfolgserlebnisse. Also viele sagen, ich operiere quasi am Mittwoch eine Patientin, einen Patient, und am Donnerstag sehe ich den oder die schon auf dem Flur gehen und weiß, das hat jetzt die Lebensqualität groß verbessert. Das ist natürlich jetzt in der Politik eher auf Langfrist angelegt. Also wo nimmst du dir jetzt heute diese kleinen Erfolgserlebnisse her?
STEFANIE MINKLEY
Ja, ich nehme meine Energie, glaube ich, schon auch ein bisschen aus der Partei, weil da einfach sehr viele sind, die ähnlich denken, die auch sagen, es ist zu viel privatisiert worden. Wir brauchen wieder eine Unterstützung des Sozialstaates und so. Weil da einfach sehr viel, sage ich mal, gemeinsame Energie da ist, uns gegenseitig zu stärken. Aber schon auch, weil ich gesehen habe, dass man was bewirken kann. Also, in Frankfurt habe ich am Koalitionsvertrag mitarbeiten dürfen und da gab es so kleine Erfolge, die jetzt umgesetzt werden, wie dass unser einziges Geburtshaus mal gefördert wurde oder dass wir so eine Art Pflegerat zusammenstellen wollen, um die Pflege zu verbessern und uns auszutauschen. Wo ich merke, wenn man sich engagiert, dann kann man auch Dinge verändern.
Und genau, das sind ja so Dinge, da sieht man seine eigene Handschrift und das, was Engagement eben vollbringen kann. Und das gibt schon ein bisschen Hoffnung und Energie. Und natürlich läuft auch viel schief, in dem System und es gibt auch Dinge, die einfach nicht gut laufen. Aber deswegen wollen wir sie verändern und die Veränderung ist aber möglich.
KAPITEL 3 – MUTIG FORDERUNGEN STELLEN
JULIA ROTHERBL
Stefanie, uns hören relativ viele junge Ärztinnen, die so am Anfang stehen, die vielleicht auch in der Situation waren, in der du, so stelle ich mir das vor, zumindest warst – so der erste Job, man kommt in die Klinik und dann erlebt man das erste Mal diese Arbeitsbedingungen. Was würdest du denn denen raten? Was können die tun, auch von innen heraus in ihrer Klinik, um für sich und die Kollegen und Kolleginnen irgendwie ein besseres Arbeiten zu ermöglichen?
STEFANIE MINKLEY
Also ich glaube, das Wichtigste ist, dass man ein bisschen Mut mitbringt und sich Dinge nicht gefallen lässt. Gerade in einem Arbeitsmarkt, der so ist wie der jetzige, dass wir eigentlich einen ArbeitnehmerInnen-Markt haben, in dem Fachkräfte gesucht werden, können wir auch Forderungen stellen. Natürlich ist es in den Großstädten in bestimmten Fachbereichen immer noch nicht ganz einfach, den perfekten Job zu finden. Aber eigentlich müssten mittlerweile die ArbeitgeberInnen dankbar dafür sein, dass sie gute Fachkräfte bekommen. Und entsprechend finde ich, kann man auch Forderungen stellen. Und ich habe viele Freundinnen, die auch mittlerweile gesagt haben, „Na gut dann kündige ich halt. Dann gehe ich halt in die nächste Klinik, wenn die mir hier keine Teilzeit ermöglichen. Dann kündige ich.“ Oder „Wenn sie mir nicht die drei Monate freigeben, für ein Forschungsprojekt oder so, dann kündige ich halt, dann gehe ich woanders hin.“ Und ich finde, das ist, ehrlich gesagt, die richtige Einstellung. Weil, wir haben das Recht dazu und wir sollten uns das Recht auch rausnehmen. Und ich glaube, wenn man anfängt, in der Klinik zu arbeiten und man merkt, dass Dinge schieflaufen, dann sollte man sich absprechen, mit den anderen KollegInnen, und auch engagieren. Es gibt ja immer auch AssistentInnen, SprecherInnen und es gibt den Betriebsrat und es gibt ja die Strukturen, an die man sich eigentlich wenden kann. Und vielleicht gibt es auch den einen oder die andere Oberarzt oder Oberärztin, der bzw. die sich kümmert und nett ist und einen unterstützt. Und es gibt durchaus auch ChefärztInnen, die sehr mitarbeiterfreundlich sind und sich sehr gut kümmern und schauen, dass alle glücklich sind mit der Arbeit, mit den Arbeitsbedingungen. Aber ich habe auch das Gefühl, dass die Generation, die jetzt noch nach uns kommt oder die jetzt gerade AssistenzärztInnen werden, dass die auch ein bisschen mutiger sind, Dinge einzufordern.
JULIA ROTHERBL
Am Ende der Dokumentation, um nochmal auf diesen Film zurückzukommen, da stehst du in diesem Aufzug. Und als ich das das erste Mal gesehen habe, dachte ich, „Okay, jetzt kommt vielleicht doch ein Tränchen.“ Weil ich dachte, „Okay, klar, du bist froh, dass du aus dem System raus bist. Aber man gibt ja auch irgendwie einen Traum auf, Kollegen auf, Patientinnen auf, irgendwie.“ Aber es war die pure Erleichterung. Was ich echt krass fand. Was für mich noch mal gezeigt hat, wie hoch der Leidensdruck vorher gewesen sein muss, irgendwie. Kannst du dieses Gefühl heute noch spüren oder gibt es Momente, wo du sagst, es ist eigentlich schade, dass ich nicht mehr chirurgisch arbeite?
STEFANIE MINKLEY
Auf jeden Fall. Also es war auch damals schon ein weinendes und ein lachendes Auge. Ich habe mich natürlich auch von den Kolleginnen und Kollegen nur schweren Herzens verabschiedet, weil ich die Arbeit miteinander total schätze. Und gerade in einer großen Klinik, wo man viele Abteilungen hat, und nach fünfeinhalb Jahren auch jeden oder jede kennt und anrufen kann und so weiter, fiel es mir schon schwer, da rauszugehen. Und das chirurgische Arbeiten, das fehlt mir schon, klar, auf jeden Fall. Aber die Zeit danach – ich kann mich einfach nur sehr gut daran erinnern, wie glücklich ich in der Zeit danach war, weil ich selbstbestimmt war und selbst mit meiner Zeit das gemacht habe, was ich wollte. Ich habe Urlaub gemacht, habe viel Sport gemacht, habe so viele Freundinnen und Freunde getroffen und konnte einfach ganz selbstbestimmt die Zeit so nutzen, wie ich das wollte. Und ich habe ja dann im Januar auch wieder in einer Praxis angefangen, ein bisschen zu arbeiten. Ich bin immer noch mit ganzem Herzen Ärztin und will auch auf jeden Fall nie hundertprozentig aus diesem Job aussteigen. Ich will halt gerne genug Zeit haben, daran mitzuarbeiten, dass das System sich verbessert. Aber ich will schon auch in der PatientInnenversorgung irgendwo bleiben. Und die Arbeit, die ich jetzt gerade in der Praxis mache, die ist auch erfüllend.
JULIA ROTHERBL
Und eigentlich ist es ja auch so, dass es schon auch, könnte ich mir vorstellen, für die politische Arbeit von Vorteil ist, wenn man irgendwie selber dieses System kennt.
STEFANIE MINKLEY
Ja, das glaube ich auf jeden Fall. Dass wenn man das mal erlebt hat, jeden Tag in so einem System zu arbeiten, unter den Strukturen, unter der Hierarchie mit dem Druck und auch am eigenen Leib miterlebt hat, was das für Auswirkungen hat, auch für die PatientInnenversorgung, nämlich dass es auch Leben kosten kann, wenn man einfach einen Personalmangel hat oder Fehlanreize. Ich glaube, dann hat man einfach eine viel höhere intrinsische Motivation, das zu verändern und man weiß einfach, wovon man spricht.
JULIA ROTHERBL
Da, wo du jetzt arbeitest, das hat ja auch so ein bisschen einen politischen Hintergrund. Willst du uns davon ein bisschen erzählen?
STEFANIE MINKLEY
Ja gerne. Ich habe Anfang letzten Jahres eben angefangen bei Kristina Hänel in der Praxis zu arbeiten, weil wir uns aus dem politischen Kontext mal kennengelernt haben. Und da ich weiß, dass das eben ein sehr unterversorgtes Gebiet ist, nämlich Schwangerschaftsabbrüche, habe ich bei ihr mal reingeschaut und bin jetzt bei ihr tageweise eben als Honorarärztin tätig und werde sozusagen auch ausgebildet, im chirurgischen Abbruch. Und es ist irgendwie auch eine politische Arbeit, einfach weil es in Deutschland immer noch unterversorgt ist. Und weil es selbst in Frankfurt manchmal Probleme gibt, späte Abbrüche, also bis zur 14. Woche ist das ja möglich in Deutschland, durchzuführen. Und von daher finde ich es wichtig, meine ärztliche Zeit, die ich noch habe, dann auch für so ein Thema zu nutzen.
JULIA ROTHERBL
Wie stellst du dir denn so die nächsten, weiß ich nicht, fünf Jahre vor? Deine Wunschvorstellung für dich persönlich. Wie soll es weitergehen?
STEFANIE MINKLEY
Wo es beruflich hingeht, kann ich noch nicht genau sagen, weil es gibt einfach verschiedene Möglichkeiten, wo ich auch gesundheitspolitisch arbeiten könnte. Und ich bin gerade eigentlich so ein bisschen eher in einer Findungsphase und schaue mich in verschiedenen Organisationen um. Es gibt einfach viele Bereiche, die gesundheitspolitisch arbeiten. Aber ich würde am liebsten weder nur ehrenamtlich politisch arbeiten, noch wie davor nur als Ärztin, sondern tatsächlich einen gesundheitspolitischen Bereich finden, wo ich mich für ein besseres System einsetzen kann. Und ich denke aber, dass ich den Job in der Praxis auf jeden Fall auch jetzt noch weitermachen werde.
JULIA ROTHERBL
Vielen Dank, dass du unsere Gästin warst. Danke für das Gespräch.
STEFANIE MINKLEY
Sehr gerne.
JULIA ROTHERBL
Für alle, die die Doku, über die wir hier gesprochen haben, bisher nicht angeschaut haben, die sind jetzt nach dem Gespräch bestimmt total neugierig drauf. Und deswegen haben wir euch natürlich in den Shownotes einen Link gesetzt, wo ihr euch den kleinen Film anschauen könnt. Und allen, die lieber was anhören wollen, statt das anzuschauen, denen lege ich die nächste Folge von „Frau Doktor, übernehmen Sie!“ ans Herz. Wir erscheinen alle 14 Tage neu, immer montags.
SPRECHERIN
Ein Podcast von gesundheit-hören und Apotheken Umschau Pro.
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