Beschimpfungen, Schläge und Tritte – Wenn Patient:innen gewalttätig werden

Shownotes

Gewalt gehört für viele Ärzt:innen – und anderes medizinisches Personal – leider zum Alltag. Die Unfallchirurgin Dr. Silke Naumann d'Alnoncourt findet, dass darüber aber viel zu selten gesprochen wird – und will das Thema aus der Tabu-Ecke herausholen. Die Sektionsleiterin Alterstraumatologie der Klinik für Unfallchirurgie im Johanniter Krankenhaus Stendal spricht in dieser Folge mit Julia Rotherbl darüber, welche Erfahrungen sie schon gemacht hat, warum Patient:innen gewalttätig werden und welche Hilfe sich Betroffene holen können.


Weitere Infos und Links:

Infos zu den Balintgruppen, die im Podcast erwähnt werden, findet ihr hier:

Mehr über die erwähnten Studien, die sich mit dem Thema Gewalt gegen medizinisches Personal befassen, könnt ihr hier nachlesen:


Im Podcast „Frau Doktor, übernehmen Sie!“ erzählen Frauen aus der Medizinbranche, wie sie dort Karriere gemacht haben. Dazu spricht Julia Rotherbl, Chefredakteurin der „Apotheken Umschau“, mit Frauen, die in Führungspositionen arbeiten, die Herausforderungen gemeistert haben oder an ihnen gescheitert sind. Es geht um Themen wie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Sexismus, männliche Netzwerke, mangelnde Vorbilder oder verschiedene Arbeitsmodelle. Das Ziel: Euch zu inspirieren und ermutigen, euren eigenen Weg zu finden.

Montags alle 14 Tage erscheint eine neue Folge. Habt Ihr Fragen, Anregungen oder Kritik? Dann schreibt uns gerne an redaktion@gesundheit-hoeren.de

Mehr Gesundheitspodcasts gibt es hier: www.gesundheit-hoeren.de


Redaktion: Julia Rotherbl, Anja Kopf, Kareen Seidler, Constanze Radnoti; Schnitt und Post-Produktion: Constanze Radnoti, Benedikt Möltner, Yves Seißler; Managing Editor Audio: Peter Glück


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Transkript anzeigen

DR. SILKE NAUMANN D’ALNONCOURT

Ich persönlich bin der Meinung, dass die meiste Aggression von Angst herkommt. Und wenn man frühzeitig den Leuten die Angst nimmt, auch den Angehörigen die Angst nimmt, dann wird das besser.

JULIA ROTHERBL

Jeder und jede von uns erlebt jeden Tag Gewalt. Das sagt meine heutige Gästin Dr. Silke Naumann d‘Alnoncourt und sie meint mit jeder und jede medizinisches Personal, also Ärztinnen, Ärzte, Menschen, die in der Pflege arbeiten. Silke ist Sektionsleiterin Alterstraumatologie der Klinik für Unfallchirurgie am Johanniter Krankenhaus Stendal und hat gemerkt, dass man sich um das Thema Gewalt gegenüber Menschen in medizinischen Berufen stärker kümmern sollte als bisher, dass dieses Thema dringend aus der Tabuecke raus gehört. Wir hoffen, dass auch die Folge von „Frau Doktor, übernehmen Sie!“ dazu beitragen kann.

Hallo Silke, schön, dass du unsere Gäste bist.

DR. SILKE NAUMANN D’ALNONCOURT

Ja, hallo. Schön, dass ich kommen durfte.

JULIA ROTHERBL

Mein Name ist Julia Rotherbl, ich bin Chefredakteurin der Apothekenumschau und wünsche euch jetzt allen viel Spaß beim Zuhören.

SPRECHERIN

„Frau Doktor, übernehmen Sie!“. Ein Podcast von gesundheit-hören. Und Apotheken Umschau Pro.

KAPITEL 1 Verschiedene Formen von Gewalt

JULIA ROTHERBL

Silke, ich habe ja schon gesagt, dass du dich mit dem Thema Gewalterfahrung im Arzt- oder Ärztinnenberuf auseinandersetzt und auch im Pflegeberuf natürlich und würde dich gerne als erstes fragen, wann du denn eigentlich zuletzt eine Gewalterfahrung im Job gemacht hast?

DR. SILKE NAUMANN D’ALNONCOURT

Das ist eine sehr schwierige Frage, weil die Gewalterfahrung geht ja von bis. Das ist die verbale Gewalt, wo ein Patient oder auch eine Patientin aufgrund von Wartezeit, die als zu lang empfunden wird, sich aufregt und einen beschimpft, man wäre nicht schnell genug. Bis hin zu körperlicher Gewalt. Und das macht halt was mit einem Menschen, wenn er jeden Tag verbale oder körperliche Gewalt erlebt. Egal, wie professionell man damit umgehen möchte und wie viel Verständnis man auch für jemanden hat. Also wenn gerade jemand in einer akuten Trauerreaktion ist, weil jemand verstorben ist, dann ist der aufgebracht. Und dann braucht er auch einen Schuldigen und dann ist das medizinische Personal einfach das Erste, was einem einfällt, wo man seine Wut abladen kann, seine Trauer und seine Ängste.

JULIA ROTHERBL

Trotzdem nochmal zurück zu meiner Eingangsfrage. Egal an welcher Bandbreite dieses Gewalterlebnis einzuordnen wäre, was war denn dein letztes im Beruf, wenn du uns davon erzählen willst?

DR. SILKE NAUMANN D’ALNONCOURT

Ein alkoholisierter Patient, der sehr offensichtliche Verletzungen hatte und sich nicht behandeln lassen wollte. Den wir verbal beruhigt haben, der aber dennoch um sich geschlagen hat und auch einen vom medizinischen Personal getroffen hat. Das ist zwar etwas – das ist uns klar und wir versuchen da auch mit umzugehen – aber dennoch ist derjenige getroffen worden. Und das tut halt zum einen weh, aber macht halt auch was mit einem selber, mit der Psyche.

JULIA ROTHERBL

Wie hat der Getroffene reagiert und wie habt ihr als Umfeld reagiert?

DR. SILKE NAUMANN D’ALNONCOURT

Wir nehmen sowas BG-lich auf. Also wenn während der Arbeit man Gewalt erfährt, durch Angehörige oder durch einen Patienten oder auch tatsächlich durch einen Mitarbeiter oder Mitarbeiterin, dann kann das berufsgenossenschaftlich als Arbeitsunfall aufgenommen werden. Und das ist auch die Empfehlung der Arbeitsmediziner, das auch zu tun, damit die Dunkelziffer endlich sichtbar wird. Also die meisten dieser Art von Arbeitsunfällen werden nicht aufgenommen, sondern werden halt abgeschüttelt und dann hat man halt einen blauen Fleck und gut ist. Aber der Schutz vor Gewalt kann halt nur vom Arbeitgeber eingefordert werden, wenn man belegbare Zahlen hat. Und deswegen ist so eine Meldung sehr wichtig. Es gibt neben dem offiziellen Meldung als Arbeitsunfall auch ein sogenanntes Verbandsbuch, wo man das reinschreiben kann.

JULIA ROTHERBL

Nimmt man da auch verbale Gewalt auf? Wahrscheinlich eher nicht. Oder es geht dann tatsächlich um…

DR. SILKE NAUMANN D’ALNONCOURT

Doch, verbale auch. Also ich weiß jetzt nicht, was ich hier im Podcast an Schimpfwörtern so vor mir geben darf. Aber es kommen durchaus Schimpfwörter gegen Frauen die mit F anfangen. Also „F, geh und hol mir ein Schmerzmittel!“ und das ist halt schwierig da professionell zu bleiben, weil man eigentlich demjenigen seine Meinung sagen möchte. Vor allem, den ich da im Kopf habe, das mich auch jetzt seit… das ist vor fünf Jahren passiert, immer noch nicht loslässt. Das war ein junger Mann, der eben nicht alkoholisiert war, sondern völlig klar.

JULIA ROTHERBL

Bei klarem Verstand eigentlich.

DR. SILKE NAUMANN D’ALNONCOURT

Bei klarem Verstand. Und wie so was gegen den Kopf knallte. Und natürlich, also wenn er Schmerzen hat, natürlich muss ich ihm Schmerzmittel geben und auch anordnen. Aber der Umgangston, das hat mich sehr verletzt, sehr gestört. Und das war eigentlich auch der Auslöser, dass ich mich nicht mehr nur ausschließlich um häusliche Gewalt gekümmert habe, also die Gewalt, die wir als Unfallchirurgen behandeln, sondern auch das Thema Gewalt, Umgang mit Gewalt gekümmert habe, das uns betrifft, das uns gegenüber angebracht wird.

JULIA ROTHERBL

Wie ist es denn so, gibt es denn eigentlich unter Ärzten und Ärzten quasi einen Konsens darüber, was Gewalt gegenüber ihrem eigenen Berufsstand, was das umfasst? Also weil du hast jetzt eine große Bandbreite aufgemacht.

DR. SILKE NAUMANN D’ALNONCOURT

Bei den medizinischen Berufen empfinde ich das, was ich so lese und die Gespräche, die ich mit Kollegen habe, mit Arbeitsmedizinern, immer noch als sehr großes Tabu. Die Zuhörer mögen mich korrigieren und mir dann auch gerne E-Mails schreiben, einen richtigen Konsens finde ich da nicht. Weil halt der Berufsethos einem halt auch so ein bisschen ein Bein stellt. Also Niemand würde zugeben oder gibt gerne zu, dass einen das belastet. Viele Kolleginnen aus dem medizinischen Personal, Pflegende oder auch Ergotherapeuten, Physiotherapeuten, die sagen, na ja, das muss man aushalten. Also Augen auf bei der Berufswahl. Die sind krank. Also Patienten, die Demenz haben oder in das sogenannte Delir rutschen. Das sind ja Krankheitszustände. Da muss ich professionell genug sein, das auszuhalten. Und wer das nicht aushält, muss den Beruf verlassen. Und solange diese Einstellung noch da ist, die durchaus, ich will das gar nicht kritisieren, natürlich müssen wir das aushalten und natürlich sind wir dazu angehalten, damit umzugehen und auch zu lernen damit umzugehen, aber dennoch müssen wir auch sozusagen uns selber schützen, damit wir diesen Beruf auch lange genug machen können.

KAPITEL 2 Gegen die Dunkelziffer – Austausch & Dokumentation

JULIA ROTHERBL

War dir das klar, dass sowas in dieser Häufigkeit dir passieren würde als Unfallchirurgin?

DR. SILKE NAUMANN D’ALNONCOURT

Auf der einen Seite ja, weil Medizin ist mein zweites Studium. Ich habe ein abgeschlossenes Studium in Philosophie mit Schwerpunkt Medizinethik. Dadurch habe ich mich mit diesem Thema schon beschäftigt gehabt. Und von da aus war mir das schon zumindest klar. Es gibt auch so kleine Seminare – bei uns war das eine Woche – wo es „Umgang mit dem herausfordernden Patienten“, so hieß das, wo man so Rollenspiele gespielt hat. Aber in der Intensität, wie wir das erleben, hätte ich mir das nicht vorgestellt.

JULIA ROTHERBL

Darauf kann man sich auch gar nicht vorbereiten, oder?

DR. SILKE NAUMANN D’ALNONCOURT

Nicht wirklich.

JULIA ROTHERBL

Weil das Thema ist ja schon auch eins, was in den Medien momentan gerade zum Beispiel was Rettungsdienst oder so angeht, auch immer wieder aufgegriffen wird. Auch wir haben darüber schon berichtet. Aber wenn man sich dann diese krassen Zahlen anschaut, dass echt also gerade verbale Gewalt über 90 Prozent fast täglich erleben, das ist schon so, weiß gar nicht ob man sich darauf vorbereiten kann.

DR. SILKE NAUMANN D’ALNONCOURT

Das kann man auch nicht. Und vor allem, das eine ist das, was in der Presse aufgenommen wird, was man sehen kann, die Gewalt gegen medizinisches Personal im Rettungswesen. Aber wo ich als junge Assistenzärztin zum ersten Mal für ein paar Sekunden mich sehr hilflos gefühlt habe, war, als ich im Nachtdienst zum ersten Mal auf einen Patienten stieß, der in einem hyperaktiven Delir war. Das heißt, der Patient war am Vortag operiert worden und hat nachts einen Delir-Zustand entwickelt, in dem er, ja, er hatte so wie so Kriegserinnerungen – das war ein älterer Patient – und hat den Nachttopf geschmissen, hat seinem Bettnachbarn das Glas ins Bett gepfeffert und war nicht zu beruhigen, ist auch aufgestanden, obwohl er nicht aufstehen durfte, weil er frisch operiert war. Und letztendlich standen wir dann da und ich hatte ihn dann hinterher im Arm. Also ich hatte ihn in den Arm genommen, ihn festzuhalten, damit er sich nicht wehtut. Und letztendlich lagen wir uns dann gegenseitig in den Armen und haben geheult. Ich vor Anspannung, weil ich mir... Der war halt schwer. Ich musste ihn ja irgendwie halten, damit er mir nicht hinfällt und sich hinterher das frisch Operierte nochmal bricht. Und er hat geweint, weil er nicht wusste, wo er war. Der hat mich auch erwischt und ich hatte hinterher auch einen blauen Fleck. Aber das war halt ein Krankheitszustand, mit dem ich professionell umgehen muss und weil ich ihm ja auch helfen will. Aber dennoch hätte ich zu dem Zeitpunkt gerne hinterher jemanden gehabt, mit dem ich darüber reden kann.

JULIA ROTHERBL

Das hattest du nicht?

DR. SILKE NAUMANN D’ALNONCOURT

Nee, das hatte ich nicht.

JULIA ROTHERBL

Und hat sich das jetzt geändert? Also hättest du heute jemanden, mit dem du darüber redest?

DR. SILKE NAUMANN D’ALNONCOURT

Ja, zum einen bin ich in diesem Netzwerk „Die Chirurginnen“. Das ist ein großes Netzwerk und da ist 24 Stunden, sieben Tage die Woche ein Chatraum offen. Da ist immer irgendjemand drin. Da gibt es immer irgendjemanden, mit dem man reden kann. Mit dem man auch über sowas reden kann. Das ist ein geschützter Chatroom. Die Schweigepflicht wird komplett eingehalten. Da kann man sich mit den Kolleginnen austauschen. Da ist immer jemand, der zuhört, der Tipps hat, der einen sozusagen digital in den Arm nimmt und auch sagt, wie man so etwas verarbeitet.

Auf der anderen Seite gibt es sogenannte Balintgruppen, die gibt es schon relativ lange. Das sind Gesprächsgruppen, die von einem Psychologen oder Psychologinnen geleitet werden, wo man sowas auch besprechen kann. Nicht an allen Kliniken vorhanden und auch nicht von allen Kliniken gefördert. Da muss ja auch jemand für bezahlt werden und dann ist das ja in der Arbeitszeit und in Zeiten, wo Finanzierbarkeit ganz oben steht, ist das etwas, was nicht immer gerne gesehen wird. Aber das wäre auch etwas, was die Arbeitsmediziner sagen, wenn man die Dunkelziffer endlich sichtbar machen würde, dann müsste der Arbeitgeber sowas einrichten, weil der Arbeitgeber dazu verpflichtet ist, seine Arbeitnehmer zu schützen. Ein Schutz wäre auch solche Erlebnisse einfach zu verarbeiten.

JULIA ROTHERBL

Du beschäftigst dich zum einen mit dem Thema und hast jetzt auch schon ein paar Jahre Berufserfahrung. Wir wissen, dass uns viele junge Ärztinnen hören, also die auch gerade vielleicht in den Beruf erst einsteigen. Was würdest du denn denen raten, was wäre wichtig nach so einer Situation? Also ich nehme jetzt erstmal mit, wichtig ist, in den Austausch zu gehen. Gäbe es noch andere Dinge, wo du sagst, das würde ich heute so machen, wenn ich nochmal in der Situation wäre?

DR. SILKE NAUMANN D’ALNONCOURT

Also ich würde solche Vorfälle immer in das sogenannte Verbandsbuch eintragen, damit das dokumentiert ist. Weil diese Bücher werden einmal im Jahr eingesammelt und vom Qualitätsmanagement ausgewertet. Also es werden auch so Beinahe-Unfälle und alles Mögliche eingetragen. Ich würde es tatsächlich auch als Arbeitsunfall melden, auch wenn es jetzt nur ein kleiner blauer Fleck war und mehr nicht, um halt diese Dunkelziffer sichtbar zu machen. Und ich würde jungen Kolleg*innen immer dazu raten, sich in Verbänden zu organisieren, in Vereinen oder in den Dachgesellschaften. Jedes Fach hat seine eigene Dachgesellschaft und sich dort zu engagieren und sich auszutauschen. Man sollte meiner Ansicht nach Dinge nicht selber aushalten. Das ist etwas, was noch so alt hergebracht ist. „Man muss hart wie Kruppstahl sein und das alles aushalten.“ Das ist halt Quatsch. Also Man muss nichts aushalten. Man kann reden und reden tut keinem weh. Im Gegenteil. Dadurch wird man sich seiner eigenen Position und seiner eigenen Handlung viel sicherer und viel gewisser.

JULIA ROTHERBL

Was sind denn deiner Erfahrung nach so heikle Situationen, wo man sich darauf einstellen sollte, dass sowas passieren kann. Also alkoholisierte Patienten hatten wir jetzt schon.

DR. SILKE NAUMANN D’ALNONCOURT

Ja, Patienten unter Drogenabusus. Das sind auch Dinge, die man sich so als normaler Mensch in der Form schlecht vorstellen kann. Ich hatte eine junge Patientin, minderjährig, so um die 16, spindeldürr, aber in einem Wahn durch diese Drogen, dass wir die zu fünft kaum gebändigt bekommen haben. Also diese Kräfte, die da wirken, das muss man einmal gesehen haben, sonst glaubt man das einfach nicht. Und auch der Umgang mit aufgebrachten Angehörigen, das ist etwas, das Üben in diesen Rollenspielgruppen gibt das nicht her. Also das ist etwas, da ist es leider so, das bringt dann nur die Erfahrung. Und da würde ich mich auch immer als junge Assistenzarzt oder -ärztin dagegen wehren, solche Gespräche allein zu führen. Ich würde mir immer einen Zeugen mitnehmen, entweder einen ärztlichen Kollegen oder einen Kollegen oder Kollegin aus dem medizinischen Personal. Also niemals alleine. Und ich würde immer alles dokumentieren.

JULIA ROTHERBL

Gibt es für dich so Warnsignale, wo du weißt, okay, zum Beispiel bei Angehörigen?

DR. SILKE NAUMANN D’ALNONCOURT

Ja, also ich glaube durch den ganzen Druck, der momentan auf dem Gesundheitssystem liegt, die Gespräche werden zu wenig. Und das werden sicherlich andere Menschen anders sehen, aber ich persönlich bin der Meinung, dass die meiste Aggression von Angst herkommt. Und wenn man frühzeitig den Leuten, die die Angst nimmt, auch den Angehörigen die Angst nimmt, dann wird das besser.

Also schwierig ist es bei Menschen, die nicht mehr in der eigenen Realität leben, also Demenzkranke zum Beispiel. Da ist es auch ganz wichtig, denen die Angst zu nehmen. Das kann man aber nur mit ganz viel Zeit und mit der Überlegung, und das ist dann auch ein größeres Projekt, dass man im Team überlegt, wie geht man mit diesen Patienten um? Kann man geschützte Räumlichkeiten aufbauen? Kann ich das Personal anders schulen, um halt so einen gegenseitigen Respekt und so einen gegenseitigen Perspektivenwechsel herzuführen. Dass man die Perspektive von jemandem, der dementkrank ist, einnehmen kann, sagen kann, okay, wir sehen hier, dieser Mensch reagiert auf Frauen aggressiv, dann gehen da halt nur das männliche medizinische Personal rein und nimmt ihm oder ihr die Angst. Wo ich keine Lösung für habe, sind alkoholisierte Personen oder Personen unter Substanzenabusus. Da muss man situationsabhängig gucken, was man macht. Da würde ich aber jedem jungen Kollegen oder auch jedem alten Kollegen raten, gut zu dokumentieren. Also was man macht, was man nicht macht, was für eine Absprachefähigkeiten diejenigen haben, was diejenigen einem gegenüber geäußert haben oder auch körperlich angetan haben. Weil alkoholisierte oder auch unter Substanzen stehende Menschen oft im Nachhinein die Situation verkennen und dann auch eher die Schuld beim medizinischen Personal suchen und weniger bei sich selber.

KAPITEL 3 Was tun? Fortbildungen & Netzwerken

JULIA ROTHERBL

Silke, du hattest ja vorher schon gesagt, dass dieses Thema Gewalt gegenüber medizinischem Personal immer noch so in der Tabuecke ist. Ich gehe mal davon aus, dass es bei dir in der Abteilung, weil du dich für das Thema stark einsetzt, anders ist. Wie würde man es denn auch in anderen Abteilungen schaffen, dass das aus der Tabuecke rauskommt und die Kolleg*innen untereinander zumindest sich darüber austauschen?

DR. SILKE NAUMANN D’ALNONCOURT

Schwierige Frage, weil das immer ganz erstens abhängig ist von der Geschäftsführung, was die zulässt, was die nicht zulässt. Es ist abhängig davon, ob der Klinikleiter, also der Chefarzt oder die Chefärztin da einen Fokus drauf legt. Und man muss sich Wissen aneignen. Da bin ich auch ganz fest von überzeugt. Also wenn man in seiner Klinik was ändern möchte, dann muss man sich in Netzwerke begeben. Also in Sachsen-Anhalt, in Stendal, gibt es ein großes Antigewalt-Netzwerk und da bin ich Teil von. Und dann kann ich auch mit diesem Netzwerk Schulungen machen. Ich kann den Menschen Wissen anbieten und wenn ich dieses Wissen habe, kann ich das transportieren. Also wir haben jetzt vom Verein „Die Chirurginnen“ ein Kampagnenjahr Gewalt gemacht und hatten da jetzt auch Online-Fortbildungen. Und da waren ganz viele, die gesagt haben, „Ja, ach Mensch, in meiner Praxis, das mache ich jetzt so und führe ein Verbandsbuch ein.“ Und erst, wenn ich dieses Wissen transportiere und verbreite, dann kann ich was ändern. Ich glaube, das was nicht geht, ist, dass man in seine Abteilung geht und sagt, „Hallo, da bin ich und ab morgen machen wir alles anders.“ Das geht nicht. Also ich glaube, man muss erst eine Bestandsaufnahme machen und dann versuchen mit Schulung und Wissensverbreitung Dinge zu ändern, Perspektiven zu ändern.

JULIA ROTHERBL

Was wären denn noch aus deiner Erfahrung ganz konkrete Tipps, die ein Praxisteam oder eine Abteilung in einer Klinik umsetzen kann, um Gewalterfahrungen zu minimieren, besser damit umzugehen? Also was wären für dich vielleicht so die fünf wichtigsten Dinge?

DR. SILKE NAUMANN D’ALNONCOURT

Das Erste wäre Schulungen, Deeskalationsschulungen. Das Zweite wäre, sich mit dem Qualitätsmanagement zusammensetzen und diese Verbandsbücher auszuwerten. Das Dritte wäre – je nachdem wie groß mein Krankenhaus ist – zu schauen, habe ich ein psychologisches Team am Krankenhaus oder aber auch einen Seelsorger, den das Thema interessiert. Dann würde ich mir interessierte Kollegen aus allen Fachabteilungen und Kolleginnen holen, um mit denen sozusagen gemeinsame Sache zu machen. Und dann würde ich als Fünftes zu dem Pressesprecher des Krankenhauses gehen und sagen, was ich vorhabe und dann mit diesen fünf Punkten zum Geschäftsführer und Geld locker machen.

JULIA ROTHERBL

Wir haben im Vorfeld natürlich ein bisschen recherchiert und es gibt auch so Sachen wie – das macht einem fast ein bisschen Angst – aber die Einrichtung so zu wählen, dass Mitarbeiter da auch Schutz finden würden, Code-Wörter im Team vereinbaren.

DR. SILKE NAUMANN D’ALNONCOURT

Ja, das gibt es auch. Viele Krankenhäuser haben in den Notfallambulanzen rote Knöpfe, die gedrückt werden können, unauffällig. Und dann direkt der Polizei- oder der Wachschutz kommt. Wobei ich beim Thema Wachschutz sagen muss, da war ich beim allerersten Mal, als er dabei war, sehr enttäuscht, weil der Wachschutz darf niemanden anfassen. Der darf dann dastehen und böse gucken, aber darf niemanden anfassen. Das heißt, man braucht halt immer die Polizei, weil die halt die Einzigen sind im Staat, die Gewalt anwenden dürfen, rein rechtlich. Ja und diese Deeskalationstrainings, die gibt es ja jetzt auch viel im Angebot.

JULIA ROTHERBL

Wie ist es denn so, wie geht ihr denn im Team damit um, wenn jetzt einer der Vorfälle, die du vorher geschildert hast, passiert ist und ihr redet darüber? Versucht man auch ein bisschen runter zu spielen, indem man das vielleicht ein bisschen mit Humor erzählt oder wie muss ich mir das vorstellen? Sagen dann alle, „Ach Arme Silke, so was habe ich gestern auch erlebt“ oder wie versucht man das irgendwie so zu machen, dass auch der, der das erlebt hat, irgendwie was davon hat?

DR. SILKE NAUMANN D’ALNONCOURT

Indem man zuhört. Also es geht ja vor allem zuhören. Es ist demjenigen überlassen, wie er es erzählt. Wenn er es mit Humor erzählt, dann ist das seine oder ihre Art, es zu verarbeiten. Da würde ich keine Vorschrift machen. Darum geht es ja gerade bei diesem ganzen Thema Gewalt gegenüber medizinischem Personal geht es ja darum, diese Gewalt irgendwie zu verarbeiten. Die großen spektakulären Sachen – also als mein Kollege erschossen wurde in der Klinik – natürlich gab es hinterher da viele Hilfeangebote für das Personal.

JULIA ROTHERBL

Also vielleicht nochmal kurz für unsere Zuhörerinnen zum Einordnen. Du warst in einer Klinik, wo ein Oberarzt von seinem Patienten erschossen wurde.

DR. SILKE NAUMANN D’ALNONCOURT

Genau. Und da wurden die direkt Beteiligten, das wurde selbstverständlich alles als Arbeitsunfall aufgenommen. Aber das ist ja gar keine Frage, wenn sowas passiert. Worüber wir uns unterhalten und was ja meiner Ansicht nach diese Dunkelziffer ist, sind halt diese alltäglichen Sachen, diese kleinen Sachen. „Sie dumme Kuh, können sie nicht schneller machen!“ Das ist etwas, was halt oft nicht ernst genommen wird, auch interkollegial. Also wir sind alle Menschen, es ist auch hier so, dass wenn ich das mal erzähle und ich sage, „Das hat mich aber getroffen“, dass ich dann auch manchmal einfach nur ein „Ja, ja sei nicht so empfindlich“ bekomme. Aber darum geht es nicht. Wenn das im Großen stimmt und im Großen die Unterstützung da ist, dass man sagt, okay, wir gehen jetzt aber schrittweise darauf zu, dass wir solche Gesprächsgruppen anbieten, dass wir dort Hilfe erfahren, dass wir das aufnehmen in den Verbandsbüchern. Das reicht aus. Dann kann man auch einmal sagen, ja okay, war auch nicht so schlimm.

JULIA ROTHERBL

Eine letzte Frage, Silke, die ich mir gestellt habe bei dem Thema ist, es gibt ja auch Daten dazu, was es mit dem medizinischen Personal macht, diese fast schon alltägliche Gewalterfahrung, was weiß ich, Gereiztheit, gedrückte Stimmung, Verlust der Freude am Beruf. Es gibt aber auch den Punkt Abstumpfung. Wie schaffst du das, dass dir das nicht passiert? Also dass du sowas wie „Können sie nicht mal schneller machen?“, dass das dich immer noch trifft? Was natürlich jetzt einerseits doof ist, aber andererseits ja auch zeigt dass du noch nicht abgestumpft bist.

DR. SILKE NAUMANN D’ALNONCOURT

Man muss sich die Menschlichkeit und den Perspektivenwechsel erhalten. Ich denke, das ist das, was ich persönlich denke, was einen davon abhält, gemein und abgestumpft zu werden. Solange man den Perspektivenwechsel noch hinbekommt und sich in den anderen reinversetzen kann und sagen kann, der Patient ist einfach traurig oder ängstlich und deswegen benimmt er oder sie sich gerade so. Solange man diesen Perspektivenwechsel hinbekommt, wird das schon. Viel schlimmer ist, wenn man das sozusagen das mit nach Hause nimmt und das Gefühl hat, man ist nichts wert. Also wenn das einem zu sehr unter die Haut geht. Und da hilft es einem, wenn man darüber redet.

JULIA ROTHERBL

Deswegen gibt es auch diese Podcast-Folge, in der wir darüber geredet haben und mit der wir hoffentlich ganz viele, die uns zuhören dazu bringen auch über ihre Erlebnisse untereinander oder mit Vorgesetzten zu sprechen. Vielen Dank Silke, dass du unsere Gästin warst und so offen mit uns darüber geredet hast.

DR. SILKE NAUMANN D’ALNONCOURT

Ja, ich bedanke mich auch. Vielen Dank.

JULIA ROTHERBL

Schön, dass ihr bis hierhin gekommen seid. Das zeigt, dass euch das Thema interessiert. Falls ihr noch weitere Informationen dazu haben wollt, gibt es Links in den Shownotes, unter anderem zu den von Silke erwähnten Balintgruppen, aber auch zu verschiedenen Studien zum Thema. Wir freuen uns, wenn ihr reinlest und wir freuen uns natürlich auch, wenn ihr bei der nächsten Folge „Frau Doktor, übernehmen Sie!“ wieder einschaltet. Wir erscheinen alle 14 Tage neu, immer montags.

SPRECHERIN

Ein Podcast von gesundheit-hören. Und Apotheken Umschau Pro.

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