Quote & Qualität – Frauen und die Hochschulkarriere
Shownotes
Mehr als die Hälfte der Hochschulabsolvent:innen in Deutschland sind weiblich. Aber nur 28 % der Professuren in Deutschland sind von Frauen besetzt. Wie lässt sich das ändern? Darüber sprechen wir mit Prof. Dr. Dr. Dagmar Führer-Sakel. Sie ist seit 2011 Direktorin der Klinik für Endokrinologie, Diabetes und Stoffwechsel am Universitätsklinikum Essen. Sie rät, klare Ziele zu haben und dabei auch immer den übernächsten Schritt mitzudenken. Und sie spricht über Quote und Qualität und die Vorreiterfunktion der DFG.
Link zum Film "Picture a Scientist": https://www.pictureascientist.com/
Im Podcast "Frau Doktor, übernehmen Sie!" erzählen Frauen aus der Medizinbranche, wie sie dort Karriere gemacht haben. Dazu spricht Julia Rotherbl, Chefredakteurin der "Apotheken Umschau", mit Frauen, die in Führungspositionen arbeiten, die Herausforderungen gemeistert haben oder an ihnen gescheitert sind. Es geht um Themen wie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Sexismus, männliche Netzwerke, mangelnde Vorbilder oder verschiedene Arbeitsmodelle. Das Ziel: Euch zu inspirieren und ermutigen, euren eigenen Weg zu finden.
Montags alle 14 Tage erscheint eine neue Folge. Habt Ihr Fragen, Anregungen oder Kritik? Dann schreibt uns gerne an redaktion@gesundheit-hoeren.de
Redaktion: Julia Rotherbl, Anja Kopf, Kareen Seidler; Schnitt und Post-Produktion: Anja Kopf, Benedikt Möltner, Yves Seißler; Managing Editor Audio: Peter Glück
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Transkript anzeigen
PROF. DAGMAR FÜHRER-SAKEL
Wir brauchen unterschiedliche Menschen, Frauen wie Männer, und Eignungen. Und nur das macht es auch rund. Und in der Medizin im Übrigen ganz besonders, denn unsere Patient-innen, die brauchen das, unbedingt.
JULIA ROTHERBL
Ich denke mal, dass viele von euch die Zahlen kennen. Ich kenne sie auch, aber sie sind immer wieder gleich erschreckend, wenn man sie sich erneut vor Augen führt. Über die Hälfte der Hochschulabsolvent-innen in Deutschland sind weiblich. Guckt man allerdings so die Karriereleiter an den Hochschulen nach oben, dann kommen relativ wenig Frauen ganz oben an. Nur ungefähr 28 % der Professuren in Deutschland sind von Frauen besetzt. Jetzt ist die Frage, wie lässt sich das ändern? Wir haben heute eine Frau zu Gast, die, wie ich finde, eine beeindruckende Hochschulkarriere hingelegt hat. Professorin Dagmar Führer-Sakel, seit 2011 Direktorin der Klinik für Endokrinologie, Diabetes und Stoffwechsel am Universitätsklinikum Essen. Und sie guckt gemeinsam mit uns – mit mir und mit euch – zurück auf ihren Karriereweg und hat unglaublich viele tolle Tipps für alle parat, die gerade am Anfang stehen. Wir freuen uns, dass ihr uns zuhört. Mein Name ist Julia Rotherbl, ich bin Chefredakteurin der Apotheken Umschau.
SPRECHERIN
Frau Doktor, übernehmen Sie! Ein Podcast von gesundheit-hören und Apotheken Umschau Pro.
KAPITEL 1 – KLARE SCHRITTE ZUM KARRIEREZIEL
JULIA ROTHERBL
Frau Führer-Sakel, herzlich willkommen beim Podcast „Frau Doktor, übernehmen Sie!“. Schön, dass Sie da sind.
PROF. DAGMAR FÜHRER-SAKEL
Ja, herzlichen Dank, Frau Rotherbl. Ich freue mich auch sehr auf unser Gespräch. Das ist großartig.
JULIA ROTHERBL
Ich habe mir natürlich im Vorfeld Ihren Werdegang angeguckt und ein Sprung darin hat mich überrascht. Sie haben quasi einen wohnortnahen Studienort gewählt, um auch so Dinge wie musikalische Hobbys usw. pflegen zu können. Also, haben Ihre Komfortzone nicht so wirklich verlassen, um dann quasi Ihre Komfortzone ständig zu verlassen. Wie kam es irgendwie zu diesem Wandel?
PROF. DAGMAR FÜHRER-SAKEL
Ja, im Nachhinein würde man das als Wandel bezeichnen. Ich glaube, wenn man, wenn Sie mich kennen würden, würden Sie sagen, ich war schon immer neugierig und umtriebig. Und im Nachhinein erklären sich Dinge natürlich leichter. Also, Medizinstudium war klar und ich würd auch mal sagen, pragmatisch, ich starte jetzt erst mal dort. Sie haben auch gesagt, Musik spielt eine große Rolle in meinem Leben. Dann habe ich aber während des Studiums meine große Affinität für das Ausland – erstmal europäisches Ausland – konsequent umgesetzt und habe ja nicht nur in Gießen studiert, sondern war in London und in Dublin und auch in Frankreich. Also insofern war das schon da. Ja, ich würde das nicht als Komfortzone bezeichnen, also das, ich habe eine Entscheidung getroffen für ein Fachgebiet, Endokrinologie, als ein ganz zentrales Teilgebiet der Inneren Medizin. Und dann bin ich schlicht und ergreifend dahin gegangen, wo ich damals den Eindruck gewonnen habe, dass das die beste Stelle ist, um Endokrinologie in der Inneren Medizin zu erlernen. Und so kam es dann praktisch zu dem Wechsel ans Universitätsklinikum Leipzig.
JULIA ROTHERBL
Sie haben diese Entscheidungen alle aus sich selbst heraus getroffen, also quasi so ein bisschen intuitiv, vielleicht auch? Jetzt, wenn man heutzutage sich unter anderem auch diesen Podcast anhört, dann wird eigentlich immer empfohlen – jungen Ärztinnen oder jungen Wissenschaftler-innen – gehen Sie in Mentoring-Programme, lassen Sie sich beraten. Würden Sie das alles noch mal so machen? Würden Sie auch sagen, dass Sie diese intuitiven Entscheidungen jungen Frauen empfehlen würden? Oder würden Sie sagen, „Das hat für mich gepasst, aber die Regel ist, dass es anders besser funktioniert.“?
PROF. DAGMAR FÜHRER-SAKEL
Ich glaube, es gibt Leute, die würden nicht unbedingt sagen, dass ich intuitiv Entscheidungen getroffen habe. Und auch retrospektiv würde ich das nicht sagen. Manchmal erscheinen Dinge so. Also, ich habe zum Beispiel beobachtet, dass mir Endokrinologie Spaß macht. Das ist intuitiv. Und dann habe ich ein bisschen aufgepasst, was die Leute, die erstens mal das sagen, so erzählen. Und das zweite ist, ich habe damals mit meinem Doktorvater – und das war in der Tat verlassen der Komfortzone – gesprochen, und der war ziemlich überrascht, als ich ihm gesagt habe, „Ich bleib nicht bei dem Fachgebiet, was du jetzt vertrittst.“ Und das war nicht intuitiv, sag ich mal. Und dann habe ich gezielt Gespräche gesucht, mit Personen, die mir zum Beispiel auch noch mal sagen können, wo ist Endokrinologie am besten? Und ich will das jetzt nicht banalisieren, was es heute alles gibt. Ich würde sagen, wir haben heute aus den Erkenntnissen zu Recht ein – nehmen Sie es mir nicht übel – „Rundum Wohlfühl“- Paket geschnürt für viele Menschen. Und das entbindet einen aber nicht davon, sich selbst auf den Weg zu machen. Und ich glaube, das ist eine absolute Grundvoraussetzung. Und es ist heute etwas leichter, weil die Informationen viel transparenter vielleicht kommuniziert werden.
JULIA ROTHERBL
Wann haben Sie denn eigentlich gewusst, was Ihr Karriereziel ist? Also gibt es irgendeinen Zeitpunkt, irgendein Erlebnis, wo Sie wussten, „Okay, da will ich hin. Mein Ziel ist, irgendwann eine Klinik zu verantworten“, zum Beispiel?
PROF. DAGMAR FÜHRER-SAKEL
Ich glaube, ich habe immer in bestimmten Schritten geplant. Nein, geplant habe ich nicht! Gedacht. Und das ist auch ein Rat, weil ich auch zurückblickend sagen würde, dass mir das sehr viel geholfen hat, Klippen auch zu meistern, und Schwierigkeiten. Und dann habe ich mir, denke ich, anhand der Vorbilder, die ich gesehen habe, insbesondere während der Promotionsphase in der klinischen Forschergruppe, DFG gefördert, natürlich so ein bisschen – oder, ich habe mitbekommen, wie ging das mit diesen Fachärzten dort. Oberarzt! Das war das Allergrößte, ein Oberarzt zu sein an einer Universität, das ist wirklich so. Und das waren sozusagen Dinge, die ich im Kopf hatte. Und mir hat geholfen zu sagen, „Okay, das mache ich, dann will ich eine Promotion haben. Das mache ich, dann ist das Ziel Facharzt für Innere Medizin. Dann kommt Facharzt für Endokrinologie, also noch mal eine Subspezialisierung. Dann ist klar, Universitätsklinikum, Habilitation.“ Also das sind solche Meilensteine. Und das hat sich sozusagen ergeben, dass das Dinge sind, auf die ich persönlich hinarbeite.
JULIA ROTHERBL
Weil Sie gerade von Vorbildern gesprochen haben, waren es Frauen? Männer? Überwiegend Männer, überwiegend Frauen?
PROF. DAGMAR FÜHRER-SAKEL
Gemischt. Damals waren es überwiegend Männer, ganz klar. Aber ich erinnere mich auch an eine Frau, die mir sehr ausgeschlafen schien. Und da habe ich auch mal so ein bisschen geguckt, wie die so ist. Und ja, und die Entscheidung, dass ich selbst Verantwortung übernehmen möchte, die kam vielleicht gegen Ende der Facharztphase. Und das ist interessant. Da hatte ich ein Gespräch mit einem sehr verantwortungsvollen Klinikdirektor aus einer ganz anderen Einrichtung, ganz anderes Fachgebiet, nicht innere Medizin. Und der hat mich abends irgendwo mal gefragt, „Was wollen Sie denn eigentlich mal machen?“ Da habe ich gesagt, „Naja, ich will mich jetzt habilitieren und dann werde ich also Oberärztin. So.“ Und dann hat er gesagt, „Ja, das ist ja schön und gut, aber was wollen Sie denn mal machen? Richtig?“ Und der hat zu mir gesagt, „Sie müssen sich eigentlich immer überlegen, was sozusagen nachdem, was Sie unmittelbar vor Augen haben, was Sie dann eigentlich machen wollen. Sie müssen eigentlich gedanklich einen Schritt weiter sein.“ Und eigentlich, wenn man auf so jemanden treffen kann – und solche Leute gibt es auch – das sind wichtige Elemente, würde ich mal sagen.
JULIA ROTHERBL
Und wie lange hat es gedauert, bis Sie dann eine Antwort hatten, auf seine Frage?
PROF. DAGMAR FÜHRER-SAKEL
Ach so, na ja, mir war das dann irgendwie schon klar. Und so richtig klar wird es einem dann in dem Moment, wo man eigentlich das, was man sich vorgenommen hatte, erreicht hatte. Und ich habe in der Tat – das war jetzt ein Glücksfall – ich habe einen Facharzt für Innere Medizin gemacht und einen Tag später hat mich der damals verantwortliche Klinikdirektor zur Oberärztin ernannt.
JULIA ROTHERBL
Oh, wow.
PROF. DAGMAR FÜHRER-SAKEL
Und da war ich eine der ersten Oberärztinnen, da auch in der Inneren Medizin und die Verantwortung für eine eigene Abteilung zu übernehmen, die war dann schon, das war, glaube ich, schon ein ganz harter Punkt der Motivation. Und so ist es dann auch ja gekommen. Also da war ich Ende 30 und dann habe ich den Ruf nach Duisburg-Essen bekommen und dann hatte ich schon ein Kind und ein zweites Kind, was noch bei mir war, als werdende Mutter.
JULIA ROTHERBL
Okay.
PROF. DAGMAR FÜHRER-SAKEL
Und dann gab es schon Stimmen, „Na, das kannst du vergessen und das wird jetzt sowieso nichts. Und überhaupt. Und sei doch mal Mutter.“ Und dann habe ich gedacht, „Ihr spinnt alle.“ Und es ist ja auch gut. Ich bin ja jetzt seit zwölf Jahren hier in der Verantwortung und habe die Klinik übernommen.
Kapitel 2 – QUOTEN UND QUALITÄT AN HOCHSCHULEN
JULIA ROTHERBL
Also, Sie waren ja 2011 bundesweit die einzige Frau mit dem Lehrstuhl für Endokrinologie und Stoffwechselerkrankungen. Ich weiß, dass es mittlerweile üblich ist, wenn tatsächlich eine Frau irgendwas zum ersten Mal oder die einzige Frau bundesweit ist, dass da auch ein PR-Spektakel losgeht, das war bei Ihnen nicht so. War Ihnen das trotzdem selbst eigentlich bewusst? In dem Moment? Also auch, was das zum Beispiel bedeutet, hinsichtlich Role Model, Vorbildfunktion und so?
PROF. DAGMAR FÜHRER-SAKEL
Mir ist das sehr bewusst geworden und ich war ziemlich erschrocken darüber, wie wenig die Institution daraus gemacht hat. Und ich war da so ein bisschen ambivalent. Also man ist da in der Situation – und doppelt vielleicht als Frau – dass man überlegen muss, „Ich kenne ja die alle hier gar nicht, ich muss mich ja auch erst mal etablieren. Trete ich jetzt gleich hier auf? Im Sinne von, mir gehört hier die Welt, und mache einen riesen Aufriss oder bin ich eher so ein bisschen dezent zurückhaltend?“ Ich war so ein bisschen, ich fand das nicht gut. Und ich würde das ein nächstes Mal auch nicht mehr so machen. Ich würde sagen, „Hier bin ich!“ Und so. Leider, wie die Männer das in der Regel machen. Die haben häufig nicht viel vorzuweisen, aber man hat das Gefühl, der Globus fängt sich jetzt auf einmal an, um diese Geschichte zu drehen.
JULIA ROTHERBL
Ja, ja, genau.
PROF. DAGMAR FÜHRER-SAKEL
Aber das muss man typusabhängig gestalten. Es ist gut, dass Sie danach fragen. Das sind eben Dinge, da muss man auch Pflöcke einschlagen, auch als Einrichtungen. Nicht nur, weil es gefordert wird, in Begutachtungen auch – da wird nach geguckt – sondern weil es auch wirklich wichtig ist. Denn wir brauchen unterschiedliche Menschen, Frauen wie Männer, und Eignungen. Und nur das macht es auch rund. Und in der Medizin im Übrigen ganz besonders, denn unsere Patienten, die brauchen das, unbedingt.
JULIA ROTHERBL
Und es hat sich jetzt ja auch nicht so viel verändert. Also, Sie sind jetzt nicht mehr die Einzige, Sie sind jetzt eine von dreien, richtig?
PROF. DAGMAR FÜHRER-SAKEL
Ja, die beiden Kolleginnen, die sind jetzt sozusagen eine wenige Jahre und die andere grad aktuell dazugekommen. Wie schön!
JULIA ROTHERBL
Wie war das denn eigentlich? Also ich könnte mir vorstellen, dass Sie auf dieser Hierarchieebene jetzt eher von Männern umgeben waren. Wie waren denn so die ersten Meetings mit männlichen Kolleginnen, äh, mit männlichen Kollegen?
PROF. DAGMAR FÜHRER-SAKEL
Na ja, also eine Sache muss ich ja korrigieren. Das ist nicht Vergangenheit, das ist ja Präsenz – „sind“.
JULIA ROTHERBL
Okay. Schade, war eine Hoffnung!
PROF. DAGMAR FÜHRER-SAKEL
Es gibt Unterschiede im Verhalten. Ich bin keine Psychologin, aber das ist in vielen Büchern ja auch beschrieben, dass vielleicht Männer in Runden eher dazu neigen, erstmal grundsätzlich ihre Themen und sich selbst zu propagieren. Also jetzt zum Beispiel eine Abteilung, und erst mal zu sagen, wie groß, wie wichtig sie sind. Während Frauen aus meiner Wahrnehmung eher problem- und lösungsorientiert eigentlich hineingehen. Das andere ist, dass es sehr geschickt funktioniert, nach wie vor, Frauen auszubremsen bei Berufungsverfahren. Das ist, ich würde mal sagen, zumindest in der Medizin ist das ein großes Thema aus meiner Sicht.
JULIA ROTHERBL
Bei den Berufungsverfahren. Also das kommt auch in den Podcast immer wieder. Ich habe es jetzt als Nichtwissenschaftlerin noch nicht so richtig begriffen, an welchen Punkten und mit welchen Mitteln Frauen in diesen Berufungsverfahren eigentlich rausfliegen? Manchmal wird gesagt, es bewerben sich ohnehin gar nicht so viele. Das ist immer ein Argument. Ich kann das ja nicht beurteilen. Was ist denn Ihre Sicht, an welchem Punkt scheitern die Frauen? Schon allein daran, dass sich zu wenig bewerben?
PROF. DAGMAR FÜHRER-SAKEL
Komplex. Und ich glaube, man muss das auch systematisch aufarbeiten. Und die Zahlen, wenn es sie denn gibt, kenne ich nicht. Die bräuchte man aber, um von Emotionalität da wegzukommen. Ich glaube, das hilft auch nicht.
JULIA ROTHERBL
Ja.
PROF. DAGMAR FÜHRER-SAKEL
Erstens mal ist die Geschlechterproporz in bestimmten Fachgebieten einfach so, wie sie ist und dann kann es sein, dass das auch Bewerbungsunterschiede auf das Geschlecht bezogen erklärt. Zweitens sind vielleicht manche Frauen auch ein bisschen intelligenter – sage ich jetzt mal bewusst, intelligent – und sagen, „Warum soll ich mir den Blödsinn eigentlich antun?“ Der Punkt, an dem ich ansetze, ist die Zusammensetzung der Berufungskommission. Die entscheidet über echt viel. Und da sind wir bei einem echten Dilemma, dass wir natürlich sagen, wir wollen dann einen Genderproporz auch haben und da wird auch nachgeguckt und dann werden die wenigen Frauen, die es gibt, in den Fakultäten überproportional belastet. Ja? Und die übernehmen auch gerne dann mal, oder man sagt ihnen, sie können doch mal den Vorsitz übernehmen, derjenige muss dann auch das ganze Protokoll schreiben. Also sie haben eine Riesenarbeit auf dem Berg. Irgendwann sagt man dann, „Nee, also ich habe andere Dinge zu tun.“ So, dann ist man da schon wieder raus. Aber ein Punkt ist für mich klar, dass es eine stärkere Förderung braucht von Frauen, die sich in Gremien engagieren. Und zwar eine echte Förderung. Da muss richtig viel Geld reingegeben werden, finde ich, um da was zu ändern. Die DFG hat angefangen, das zu machen. Vorbildfunktion. Sie hat Sprecherinnen von Verbünden gesagt, sie bekommen ein extra Sprecherinnen-Budget, also da, wo es weniger Frauen gibt. Und ich finde, man muss auch einen Hebel finden für Universitäten oder Universitätskliniken – aber eigentlich sind es ja die Fakultäten – dass sie gezielt Frauen berufen müssen.
JULIA ROTHERBL
Eine Quote.
PROF. DAGMAR FÜHRER-SAKEL
Und dieser Hebel, der ist vielleicht noch optimierbar. So, und jetzt kommt noch eine Sache, die ist mir, glaube ich, in dem Gespräch noch wichtig. Ich glaube, was wir Frauen, die wir – wenn man so von außen drauf schaut, sagt – wir haben jetzt eine Vorbildfunktion, nicht mögen, ist, dass man sagt, „Sie sind in der Position, weil sie eine Frau sind.“ Das ist mir übrigens in einem Berufungsverfahren mal passiert. Begrüßung des Vorsitzenden – „Ja, es ist ja schön, wir wollten ja Sie auch mal hier als Frau haben.“ Ich hätte mich eigentlich auf dem Absatz umgedreht und wäre am liebsten gegangen. In einer anderen Situation hätte ich das auch getan. Das ist nicht gut. Frauen – und das gilt für Frauen wie für Männer – müssen sich durchsetzen. Bewerber müssen sich durchsetzen aufgrund der Qualität und nicht, weil sie jetzt so oder so sind. Das scheint jetzt ein Widerspruch zu dem, was ich eben gerade gesagt habe. Aber ich glaube, das ist uns allen ganz ernst. Qualität comes first. Und dann das andere. Aber so. Punkt.
JULIA ROBERTHL
Ja. Weil sie gerade noch mal auf die Studierendenzahlen gekommen sind. Also ich habe mir die Zahlen jetzt noch mal angeguckt. Es gibt eine Statistik von 2021, dass tatsächlich über die Hälfte der Absolvent-innen an Hochschulen weiblich sind. Aber dann, wenn man weitergeht, wird es immer weniger. Also wenn man sich dann die Habilitationen anschaut, sind es nur noch 34 % und die Professuren sind dann 27 %. Warum steigen Frauen irgendwann aus dieser Hochschulkarriere eigentlich aus?
PROF DAGMAR FÜHRER-SAKEL
Ja, das sind halt die Punkte, die ich eben so versucht habe, vielleicht mal anzureißen. So. Mein Rat an der Stelle wäre jetzt, ich glaube, dass so ein innerer Kompass wichtig ist und man sich Ziele nehmen muss. Und dann – Vorsicht, Vorsicht! – muss man sich bewusst werden, dass es Ziele gibt, für die muss man selbst etwas tun. Da kann man nicht sitzen und sagen, „Es kommt schon alles, das Förderprogramm, alles ist gut, ich erwarte hier dieses und jenes“. Also irgendwann hat ein sehr geschätzter Kollege zu mir mal gesagt, „Anträge, die nicht abgegeben werden, sind die Anträge, die sicher nicht genehmigt werden.“ Das ist wahr. Also man muss da was für tun, aber da hilft es einem auch, egal wie ich mich grad fühle, mich mein Chef wertschätzt oder nicht – was will ich? Ja? Und wenn ich das erreichen will, dann halte ich das jetzt auch zwei Jahre durch oder drei Jahre, dann ist das mein Ziel. Und jetzt auf Ihre Frage mit den Frauen, mit den Abbrüchen bezogen. Vielleicht hilft das der einen oder anderen Person, sich das ab und zu mal zu versuchen, zu vergegenwärtigen. Und es ist auch völlig in Ordnung, wenn man sich jetzt sagt, „Ich will jetzt was ganz anderes. Das ist jetzt erst mal mein Ziel für den Zeitraum. Und es gibt Faktoren, die kann ich beeinflussen.“ Ich glaube, das ist echt wichtig. „Die kann ich beeinflussen.“ Und dann gibt es andere Faktoren beruflich anderer Art, die kann man sowieso nicht beeinflussen und da muss man dann auch manchmal drüber nachdenken, „Ist das beruflich oder privat das richtige Umfeld für das, was ich mir eigentlich vorgenommen habe?“ Und da wird es dann ein bisschen schwierig, im Sinne von, wenn man feststellt, „Das ist nicht gut“, dann muss man sich aus einer Komfortzone – das meine ich jetzt wirklich mit Komfortzone – hinaus verabschieden.
KAPITEL 3 – DIE DFG ALS VORREITER
JULIA ROTHERBL
Sie haben jetzt schon mehrfach die DFG angesprochen. Sie selber waren „Emmy Noether“-Nachwuchs-Gruppenleiterin in einem Förderprogramm. Was hat Ihnen das gebracht, für Ihre Laufbahn?
PROF. DAGMAR FÜHRER-SAKEL
Ja, das war ganz toll. Die DFG ist sowieso – muss ich sagen – toll. Vorreiter für ganz viele Dinge. Also das „Emmy Noether“-Programm wurde ja vor über 20 Jahren, ja gerade knapp, eingeführt und erlaubt einem, eine eigene Nachwuchsgruppe zu leiten. Und es gibt einem die eigene Stelle. Also, ich war selbst finanziert. Das habe ich zu dem Zeitpunkt gar nicht so in der vollen Tiefe realisiert. Aber das ging allen anderen auch so, die da waren. So. Und das erlaubt einem Freiheiten und das ist großartig, ja. Ich konnte eine eigene Arbeitsgruppe führen, ich musste dann auch Verantwortung übernehmen – also richtig, „Wen stelle ich ein?“, die aussuchen, ob die geeignet sind, entscheiden oder auch nicht.
JULIA ROTHERBL
Okay.
PROF. DAGMAR FÜHRER-SAKEL
Und das sind solche Erfahrungen – wenn man später jetzt Klinikdirektorin ist usw. – dann sind das Dinge, das ist wichtig, dass man solche Erfahrungen gemacht hat.
JULIA ROTHERBL
Sie sind ja auch heute noch in der DFG engagiert. Die DFG hat auch Chancengleichheit in ihrer Satzung verankert. Trotzdem ist es natürlich so, wenn man sich die Zahlen anschaut, wie viel Frauen beantragen, wie viel Männer beantragen, und so, hat sich das, was in der Satzung verankert ist, noch nicht so wirklich in die Realität umsetzen lassen. Was würden Sie sagen, was kann man da noch tun, um noch mehr Frauen für die Wissenschaft zu begeistern, sagen wir es mal so?
PROF. DAGMAR FÜHRER-SAKEL
Es hängt viel von den Führungsköpfen ab. Und die Frauen müssen auch untereinander, glaube ich, darauf pochen, dass das passiert. Jeder muss darauf sensibilisiert sein. Qualität ist aber die oberste Prämisse an der ganzen Geschichte. Wir müssen systematisch encouragen, ermuntern, ermutigen. Aber das gilt auch für die Männer. Wir haben eine Verantwortung für die junge Generation, und die müssen wir ermutigen, sich nicht irre machen zu lassen. Auch sich nicht im Wald der vielen Möglichkeiten – im Dschungel, muss man sagen – zu verirren. Auch Geduld zu haben. Das sind jetzt Herausforderungen, weil Wissen viel leichter zugänglich ist, viel leichter transparent ist und man auch schnelle Erfolge scheinbar sieht, nicht versteht, dass es da einen großer Boden dazu braucht. Dann sagt man, das sind alles die Altbackenen, die so was sagen. Da haben wir alle eine große Verantwortung. Und wie gesagt, Frauen wie Männer.
JULIA ROTHERBL
Ich glaube, dem ist nichts hinzuzufügen und würde tatsächlich sagen, wir haben alles besprochen, was zumindest ich gerne besprechen würde. Frage ist, ob Sie noch gerne was mit mir besprechen würden, was ich noch nicht angesprochen habe? Dann können wir das jetzt nachholen!
PROF. DAGMAR FÜHRER-SAKEL
Vielleicht kann man nur sagen, wir sind in Deutschland ja nicht alleine mit dem Thema. Immer hilft auch der Blick ins Ausland. Also wegbewegen aus dem deutschen System. Bitte, bitte, bitte tun Sie das! Es ist total gut, mal wo zu sein, wo die Dinge anders sind. Die Frage, „Warum macht ihr das eigentlich so? Wir machen das ganz anders und bei uns sind die Ergebnisse mindestens genauso gut“, ist mir auch untergekommen. Da habe ich gedacht, „Boah, das kriegt man nicht mit, wenn man immer in diesem einen System ist.“ Und für die, die mal gucken wollen, es gibt einen Film, der heißt „Picture a Scientist“. Da geht es um Frauen in der Wissenschaft aus den USA. Das ist ein Film, da würde ich sagen, da gibt es ganze Teile, die finde ich sehr merkwürdig und so was habe ich zum Glück nie erleben und beobachten müssen, aber offenbar gibt es dies. Aber entscheidend aus dem Film, ganz kurz, ist, an den Leading Universities – also führenden Universitäten in den USA – haben Frauen festgestellt, dass ihre Laborräume kleiner waren als die der Männer und haben tatsächlich ausgemessen, wie das ist.
JULIA ROTHERBL
Oh Gott.
PROF. DAGMAR FÜHRER-SAKEL
Und dann haben sie alle gemerkt, „Wir haben ja alle das gleiche Problem.“ Dann haben sie sich auf den Weg gemacht, das dem Dekan vorgestellt und sie hatten das Glück, auf einen Verantwortlichen zu treffen, der sie ernst genommen hat. Und dann hat sich etwas geändert. Und ich wollte nur sagen, es ist ein Prozess. Man muss nicht Haare auf den Zähnen haben. Aber es hilft, außen vor zu gehen und mal zu gucken und die Welt mal aus einer anderen Perspektive zu sehen. Und das ist ein Privileg, wenn man das darf. Und da bitte nicht auf Zeiten gucken, sondern bisschen mutig sein. Wenn man gesund ist, hat man lange Zeit, um Dinge auch hinzubekommen.
JULIA ROTHERBL
Man sollte seine Komfortzone verlassen!
PROF. DAGMAR FÜHRER-SAKEL
Exakt! Und neugierig bleiben.
JULIA ROTHERBL
Frau Führer-Sakel, es hat mir sehr viel Spaß gemacht. Vielen Dank, dass Sie unsere Gästin waren.
PROF. DAGMAR FÜHRER-SAKEL
Ja, herzlichen Dank von meiner Seite. Tschüss!
BIS ZUM NÄCHSTEN MAL
JULIA ROTHERBL
Alle Infos zu dem Film, den Frau Führer-Sakel gerade empfohlen hat – „Picture a Scientist“ – findet ihr natürlich in den Shownotes. Wir wünschen euch, wenn ihr ihn euch denn anschaut, viel Inspiration und viel Spaß dabei und hoffen, ihr habt auch mal wieder Lust was anzuhören. Unser Podcast „Frau Doktor, übernehmen Sie!“ erscheint alle 14 Tage neu, immer montags.
SPRECHERIN
Ein Podcast von gesundheit-hören und Apotheken Umschau Pro.
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