"Ich mach's, aber nicht allein." - Arbeiten in einer Doppelspitze

Shownotes

Sie wollte eigentlich nie Chefärztin werden. Aber dann kam ein Angebot und sie sagte: "Ich mach‘s, aber ich mach‘s nicht allein." Dr. Maren Darsow ist Gynäkologin und führt ihre Abteilung am Luisenkrankenhaus Düsseldorf zusammen mit einer weiteren Chefärztin. Sie spricht darüber, wie schön es ist, ihr Handy auch mal ausschalten zu können – und über das Ende des Patriarchats.

Im Podcast "Frau Doktor, übernehmen Sie!" erzählen Frauen aus der Medizinbranche, wie sie dort Karriere gemacht haben. Dazu spricht Julia Rotherbl, Chefredakteurin der "Apotheken Umschau", mit Frauen, die in Führungspositionen arbeiten, die Herausforderungen gemeistert haben oder an ihnen gescheitert sind. Es geht um Themen wie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Sexismus, männliche Netzwerke, mangelnde Vorbilder oder verschiedene Arbeitsmodelle. Das Ziel: Euch zu inspirieren und ermutigen, euren eigenen Weg zu finden.

Montags alle 14 Tage erscheint eine neue Folge. Habt Ihr Fragen, Anregungen oder Kritik? Dann schreibt uns gerne an redaktion@gesundheit-hoeren.de

Redaktion: Julia Rotherbl, Anja Kopf, Kareen Seidler; Schnitt und Post-Produktion: Anja Kopf, Benedikt Möltner, Yves Seißler; Managing Editor Audio: Peter Glück


[ANZEIGE] Mehr über die Angebote unserer aktuellen Werbepartner gibt es unter https://www.apotheken-umschau.de/podcast/partner

Transkript anzeigen

MAREN DARSOW

Letztendlich war es wirklich für mich klar, ich will es nicht alleine machen. Ich brauche jemand dabei. Und für mich gab es dazu eigentlich keine Alternative. Sonst wäre ich schon vor vielen, vielen Jahren alleine als Chefärztin in eine andere Klinik gegangen.

JULIA ROTHERBL

Herzlich willkommen beim Podcast „Frau Doktor, übernehmen Sie!“. Ich freue mich, dass ihr alle da seid und unserem Thema lauscht. Das da wäre, Führen in einer Doppelspitze. Spannend an der Gästin, die wir dazu eingeladen haben, ist, dass sie eigentlich gar nie Chefärztin werden wollte. Und als dann das Angebot auf dem Tisch lag, hat sie gesagt, ich mach‘s, aber ich mach‘s nicht allein. Meine Gästin ist Dr. Maren Darsow. Sie ist Gynäkologin und Chefärztin am Luisenkrankenhaus Düsseldorf und spezialisiert auf Brustchirurgie und Brustgesundheit. Ich freue mich auf ein spannendes Gespräch mit ihr. Und ich freue mich, dass ihr zuhört. Und muss mich jetzt noch vorstellen, glaube ich. Ich bin Julia Rotherbl, Chefredakteurin der Apotheken Umschau.

SPRECHERIN

„Frau Doktor, übernehmen Sie!“. Ein Podcast von gesundheit-hören. Und Apotheken Umschau Pro.

KAPITEL 1_ZWEI FRAUEN AN DER SPITZE

JULIA ROTHERBL

Hallo Maren.

MAREN DARSOW

Hallo Julia.

JULIA ROTHERBL

Schön, dass es geklappt hat und du heute bei uns zu Gast bist.

MAREN DARSOW

Ja, vielen Dank.

JULIA ROTHERBL

Maren, wenn das für dich okay ist, würde ich gleich direkt ins Thema springen.

MAREN DARSOW

Ja.

JULIA ROTHERBL

Und das Thema ist Führen in der Doppelspitze. Vielleicht kannst du uns das kurz erklären, also, du bist Chefärztin, gemeinsam mit einer weiteren Ärztin zusammen, wie ihr das eigentlich organisiert?

MAREN DARSOW

Also es gibt viele Bereiche, die wir parallel abdecken. Das ist ja selbstverständlich. Jeder hat seine Sprechstunde, jeder hat seine Patientinnen. Aber was ganz wichtig für mich ist, dass wir natürlich auch ganz beruhigt in Urlaub fahren können. Der andere übernimmt dann die Patientinnen. Alle sind in guten Händen. Wir haben ein ähnliches Arbeitsverhalten, was natürlich auch sehr wichtig ist, damit die Kontinuität gewahrt bleibt. Was ganz wichtig ist, in dem Thema, ist Kommunikation. Also ohne Kommunikation funktioniert das nicht. Man muss ganz oft und ganz viel miteinander sprechen, damit das auch fließend bleibt. Und ja, man geht immer davon aus, der andere kann telepathisch denken. Das funktioniert aber meistens nicht.

JULIA ROTHERBL

Aber habt ihr dann quasi jeder auch so Gebiete, die ihr tatsächlich vor allem alleine betreut, wo ihr dann in Abwesenheit natürlich eine Übergabe oder sowas macht? Aber grundsätzlich gibt’s jetzt… Weiß ich weiß nicht, rekonstruktive Brustchirurgie macht immer eine von euch beiden oder, oder…?

MAREN DARSOW

Nein, wir haben komplett dasselbe Arbeitsgebiet.

JULIA ROTHERBL

Okay. Das heißt, ihr habt dann getrennte Sprechstunden. Und der Betrieb in der Klinik, wie teilt ihr euch das auf?

MAREN DARSOW

Wir haben zwei OPs, die wir beide benutzen können. Bei schwierigen Operationen assistieren wir uns natürlich auch gegenseitig. Und die Patienten… Wir haben am Anfang gemeinsam bei allen Visite gemacht. Das hat sich aber herausgestellt, dass das dann ein Moloch ist und dass das nicht funktioniert. Und seitdem macht jeder bei seinen Patienten Visite, es sei denn, der andere ist verhindert.

JULIA ROTHERBL

Okay. Ist das dann dann…? Also, wir sind momentan zu viert in der Chefredaktion, also noch mal doppelt so viele wie ihr. Und ich muss schon sagen, das hat viele Vorteile. Aber es hat auch den einen Nachteil, dass es schon auch… dass man Zeit einplanen muss, für Absprachen und Übergaben. Wie macht ihr das? Und, vor allem, wie macht ihr das vielleicht möglichst effizient?

MAREN DARSOW

Ja, also das finde ich halt auch ganz wichtig. Manchmal haben wir beide den Kopf so voll und es brummt und die Arbeit ist da und man kommt nicht dazu. Wir versuchen, uns aber jeden Tag ein bisschen Zeit zu nehmen, dass man wichtige Sachen bespricht, ob es Neuigkeiten gibt. Jeder hört vielleicht auch mal was anderes, und wichtige Sachen wie zum Beispiel Einstellungen, Hospitationen und solche Geschichten - die Personen sehen wir uns dann gemeinsam an und besprechen gemeinsam, wen wir für geeignet halten, ob das funktionieren könnte. Und diese Entscheidungen treffen wir dann wirklich auch gemeinsam. Genauso wie es für uns ganz wichtig ist, dass wir gemeinsame Gespräche bei der Geschäftsführung haben und bei den Gesellschaftern, dass man da als Team auftritt. Weil wir sind halt ein Team.

KAPITEL 2_WIE ES ZUR DOPPELSPITZE KAM

JULIA ROTHERBL

Wie ist es denn eigentlich zu dem Team gekommen? Denn ursprünglich hast du diese Stelle ja alleine ausgefüllt, zumindest für ein Jahr. War das dein Wunsch, in einer Doppelspitze zu arbeiten? Oder wie hat sich das eigentlich ergeben?

MAREN DARSOW

Also als mein früherer Chefarzt gegangen ist, war eigentlich schon klar, dass wir das als Doppelspitze übernehmen werden.

JULIA ROTHERBL

Okay. Warum war das klar?

MAREN DARSOW

Weil ich es alleine nicht machen wollte.

JULIA ROTHERBL

Okay.

MAREN DARSOW

Und die Kollegin war ja Chefärztin in einer anderen Klinik. Die hat sich dann dazu entschieden, mit mir gemeinsam die Doppelspitze zu machen. Wir hatten vorher auch häufig miteinander telefoniert. Wir haben auch miteinander gesprochen und hatten von vornherein das Gefühl, dass wir beide da dieselbe Einstellung haben. Und das ist natürlich ganz wichtig.

JULIA ROTHERBL

Also was ich mich jetzt in dem Moment frage, also quasi, es war vorher eine Person, die das gemacht hat und dann zwei, die das ja auch Vollzeit tun. Jetzt ist ja so eine Chefärztinnen-Position wahrscheinlich kein kleines Budget für eine Klinik. Also, wie habt ihr das überhaupt durchgesetzt, dass jetzt zwei Personen diese Arbeit machen? Weil, wir haben hier immer wieder das Thema, dass Doppelspitzen, egal ob quasi in Teilzeit oder beide Vollzeit, jetzt nicht immer das Modell der Wahl einer Klinik sind.

MAREN DARSOW

Also wir hatten natürlich hervorragende Geschäftsführer und Gesellschafter, die das mitgetragen haben.

JULIA ROTHERBL

Okay. Also du hattest es von Anfang an gar nicht so im Kopf, dass man da vielleicht auf Widerstand stößt.

MAREN DARSOW

Also ich bin ja seit über 20 Jahren schon in der Klinik gewesen. Das heißt, sich nur für jemand anderen zu entscheiden, wäre wahrscheinlich extrem teuer geworden. Und alleine, wie gesagt, wollte ich es nicht machen.

JULIA ROTHERBL

Ich frage da jetzt so nach, weil uns natürlich auch viele andere Medizinerinnen hören. Und wie gesagt, wir eben oft berichtet bekommen, dass man das zwar will, aber dass es nicht unbedingt als praktikabel angesehen wird. Also, unter anderem ein Argument sind eben diese Reibungsverluste mit Übergaben und so. Deswegen habe ich jetzt so nachgefragt, aber ihr habt quasi da eine positive Erfahrung gehabt und es hat natürlich auch reingespielt, dass du eine gewisse Position schon hattest. So habe ich das jetzt verstanden.

MAREN DARSOW

Ja, und es ist wahrscheinlich selten, dass zwei Chefärzte als Vollzeitstelle das als Doppelspitze machen. Aber ich glaube, das ist gerade auch ein Konzept, was sehr gut funktioniert, wenn jemand nur Teilzeit arbeiten möchte oder beide Teilzeit arbeiten möchten. Und dann gleicht es sich mit den Finanzen nicht ganz aus, aber doch deutlich besser aus, als wenn einer dann ständig fehlt, wegen Kinderbetreuung, zum Beispiel. Weil man dann natürlich solche Fehlzeiten auch mit abdecken kann.

JULIA ROTHERBL

Du hast jetzt vorher schon gesagt, die Ärztin, mit der du das jetzt gemeinsam machst, ihr habt im Vorfeld viel telefoniert. Euch war dann auch klar, dass ihr eine ähnliche Arbeitsweise habt. Was waren für dich so die wichtigsten Punkte bei der Auswahl der Person, die dann an deiner Seite arbeitet? Was würdest du sagen, sollte man auf jeden Fall abfragen und berücksichtigen?

MAREN DARSOW

Also für mich war das Wichtigste eigentlich, dass sie dieselbe Einstellung dazu hat, dass uns die Arbeit am Patienten das Wichtigste ist. Und ohne das hätte ich nicht mit ihr zusammenarbeiten können. Wenn ich jetzt jemanden gehabt hätte, der sagt ja, Work-Life-Balance, und ich möchte dann lieber, und mir ist ganz wichtig, ich geh ganz pünktlich und ich komme später… Das hätte nicht funktioniert. Ich habe immer alles für meinen Beruf gegeben und das erwarte ich dann auch von der Kollegin. Und für sie war das auch von vornherein klar, weil sie genauso gearbeitet hat.

JULIA ROTHERBL

Was sind denn für dich die größten Vorteile einer Doppelspitze? Und was sind vielleicht doch ein, zwei Nachteile?

MAREN DARSOW

Der größte Vorteil ist, dass man wirklich entspannter arbeiten kann, in vielen Bereichen. Man teilt sich die Verantwortung, das ist keine Frage. Man kann beruhigt in Urlaub fahren, kann das Handy auch mal ausmachen, zwischendurch. Das finde ich ganz wichtig. Nachteile sind, dass man reden, reden, reden, reden muss. Das erste halbe Jahr war wirklich schwierig, weil wir in vielen Bereichen… Wir dachten, wir sind gleich. Aber man ist halt nicht gleich. Und dann muss man erstmal lernen, dass man den anderen nicht verändern kann oder muss, sondern dass man viele Bereiche dann vielleicht auch parallel abdecken kann, dass man auch von dem anderen sehr viel lernen kann. Und ja, also ich glaube, man muss sich mindestens ein halbes Jahr geben, bevor man feststellt, ob es wirklich harmoniert, ob es funktioniert oder nicht.

JULIA ROTHERBL

Du hast vorher schon gesagt, dass ihr gegenüber der Geschäftsführung zum Beispiel als Team auftretet. Wie ist es denn mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern? War denen von Anfang an immer klar, mit welchem Anliegen sie jetzt zu wem gehen sollen? Oder wie habt ihr das organisiert?

MAREN DARSOW

Also da ist es letztendlich so, dass die Mitarbeiter den ansprechen, den sie halt als erstes erwischen.

JULIA ROTHERBL

Okay. Die pragmatische Lösung.

MAREN DARSOW

Ja.

KAPITEL 3_DIE ENTSCHEIDUNG ZUR CHEFÄRZTIN

JULIA ROTHERBL

Gab es denn eigentlich für dich irgendwie an einer anderen Klinik eine Vorbild-Doppelspitze? Also, wie bist du denn darauf gekommen, dass das ein gutes Modell für dich sein könnte?

MAREN DARSOW

Also ich hatte da gar keine Vorbilder, muss ich sagen. Ich habe nachher gelesen oder gehört, auch in anderen Podcasts, dass es auch andere Chefärzte gibt, die das als Halbtagsstelle als Doppelspitze betreiben und das gut funktioniert. Aber letztendlich war es wirklich für mich klar, ich will es nicht alleine machen. Ich brauche jemand dabei. Und für mich gab es dazu eigentlich keine Alternative. Sonst wäre ich schon vor vielen, vielen Jahren alleine als Chefärztin in eine andere Klinik gegangen.

JULIA ROTHERBL

Das wäre jetzt auch der Punkt, den ich gerne als nächstes angesprochen hätte. Weil ich weiß aus dem Vorgespräch, das meine Kollegin mit dir geführt hat, dass du eigentlich gar nicht Chefärztin werden wolltest. Warum eigentlich nicht?

MAREN DARSOW

Ich habe so ein bisschen diese ganze Bürotätigkeit gescheut und diese ganzen Bereiche, die das umfasst, und natürlich letztendlich auch ein bisschen, ja, die Verantwortung ganz alleine zu tragen. Bis dahin hatte ich immer einen Chefarzt. Wenn ich irgendwelche Probleme hatte, konnte ich zu dem gehen, oder wenn irgendwas war, konnte der… musste er das klären. Und ich habe so ein bisschen gescheut, da an vorderster Front zu stehen. Gut, jetzt weiß ich, dass es eigentlich relativ problemlos machbar ist. Bürokratie hatte ich vorher fast genauso viel wie heute. Gut, man hat natürlich jetzt zusätzlich noch die Gespräche mit der Geschäftsführung, wobei ich die vorher auch hatte.

JULIA ROTHERBL

Aber an welchem Punkt kam denn dann der Sinneswandel? Wo du gedacht hast, okay, ich kann es mir doch zutrauen?

MAREN DARSOW

Ja, es war eigentlich der Weggang von dem Chefarzt. Dass ich mir jetzt überlegen musste, werde ich selber Chefärztin oder arbeite ich unter jemand anderem?

JULIA ROTHERBL

Dazu würde ich dich gern noch mal was fragen. Wir haben natürlich im Vorfeld dieser Aufnahme recherchiert und festgestellt, dass der Name deines Vorgängers auch gefallen ist, im Zusammenhang mit einem Skandal rund um Krebsmedikamente. Es war vor ein paar Jahren, als ein Bottroper Apotheker unterdosierte Krebsmedikamente weitergegeben hat. Er ist dafür auch verurteilt worden. Und er hat sie leider eben auch an deinen Vorgänger weitergegeben. Wir waren uns jetzt nicht sicher, ob sein Weggang damit zu tun hat…

MAREN DARSOW

Gar nicht.

JULIA ROTHERBL

Okay. Aber der Weggang war trotzdem ziemlich plötzlich, oder?

MAREN DARSOW

Ja, es war jetzt so ein halbes Jahr praktisch überlappend, dass ich Bescheid wusste und dass er langsam ausschied aus der Klinik und dass ich dann zunehmend halt mehr Verantwortung übernommen habe.

JULIA ROTHERBL

Okay. Kannst du dich an den Moment erinnern, als er dir gesagt hat, dass er geht und du jetzt vielleicht doch Chefärztin werden könntest?

MAREN DARSOW

Ja. Ich kam mir ein bisschen alleingelassen vor.

JULIA ROTHERBL

Was war der erste Gedanke? Oh nein? Oh ja?

MAREN DARSOW

Also vielleicht am ehesten wirklich okay, dass man so überlegt, was sind die Vorteile, was sind die Nachteile, dass ganz viel im Kopf rumgeht. Und ja, ich habe mir dann relativ schnell gesagt, dass ich ja vieles von dem schon erfüllt habe, was letztendlich die Chefarztstelle ausfüllt. Das ist ja auch etwas. Ob man Verantwortung übernimmt, ist ja nicht nur etwas, was auf dem Papier steht, sondern das, was man da empfindet. Und ich habe mich immer verantwortlich gefühlt, für meine Patientinnen, und deshalb hat sich in der Hinsicht gar nichts für mich verändert.

JULIA ROTHERBL

Hast du dir Bedenkzeit auserbeten? Wie lange hat es gedauert, bis du tatsächlich Ja gesagt hast?

MAREN DARSOW

Ich glaube, ein Wochenende.

JULIA ROTHERBL

Okay. Du machst es ja jetzt schon einige Zeit. Was sind denn so Dinge, die sich bewahrheitet haben, bei der Vorstellung einer Chefarztposition? Und was sind so Dinge, wo du sagst okay, das waren eigentlich Hürden, die ich mir nur vorgestellt habe, aber die gar nicht wirklich existieren?

MAREN DARSOW

Also ich glaube, die größten Hürden, die man hat, die sind wirklich im Kopf. Diese, in meinen Augen etwas typische Angst, gerade von uns Frauen. Schaffe ich das alles? Kann ich das alles? Es gibt so vieles, was ich noch nicht weiß, was ich nicht kann. Wo ein Mann vielleicht gerade reinspringt und sagt, egal was, ich mach‘s einfach, ist eine Frau immer etwas zögerlicher. Das hängt wahrscheinlich mit unserer Erziehung zusammen, würde ich mir so vorstellen. Aber das existiert eigentlich nicht. Weil die Sachen, die man vielleicht nicht kann, oder noch nicht kann, die kann man lernen. Und das sind ja meistens wirklich so kommunikative Geschichten oder Personalführung, so etwas. Letztendlich, wenn man dann den Hut aufhat, muss man das machen. Aber das hat man vorher auch schon gemacht. Man hat vorher auch schon kommuniziert und Gespräche geführt und hier getröstet und da aufgefangen. Das ist nichts Neues.

JULIA ROTHERBL

Weil, es gibt ja tatsächlich auch dieses Scheinargument, dass gerade Männer gerne anführen, dass viele Frauen ja gar nicht Chefin sein wollen. Das heißt, du würdest jetzt aus deiner jetzigen Erfahrung heraus sagen, traut euch das einfach.

MAREN DARSOW

Ja. Also, es gibt gar keinen Grund, sich das nicht zu trauen.

JULIA ROTHERBL

Hast du dir im Kopf eigentlich so eine Art Probezeit gegeben? Also, hast du dir gedacht, okay, ich mach das jetzt, obwohl ich es nie wollte, für ein Jahr. Und wenn ich dann merke, es ist nichts für mich, dann…

MAREN DARSOW

Nein. Für mich gibt es ganz oder gar nicht. Ich habe mich dafür entschieden. Und damit war die Sache für mich ganz klar, dass ich das bleibe.

KAPITEL 4_VORBILDER UND EMPATHIE

JULIA ROTHERBL

Jetzt ist es so. Du sagst, dass du viele Sachen vorher auch schon gemacht hast. Aber ich kann mir vorstellen, dass man natürlich jetzt als Chefärztin trotzdem einen größeren Gestaltungsspielraum oder mehr Gestaltungsmöglichkeiten hat. Wenn du jetzt guckst auf die Zeit, in der du das jetzt machst, was sind für dich die größten Veränderungen, die du oder die ihr als Team angestoßen habt, in eurer Klinik, in eurer Abteilung?

MAREN DARSOW

Also wir sind nicht… wir sind kein Patriarch. Das heißt, es gibt nicht nur einen, der an der Spitze steht und hinter dem praktisch auch kein anderer Name mehr fällt. Den keiner…, ne? Sondern wir treten als Team auf, auch offiziell. Wir machen gemeinsam Fortbildungen und gerne als Viererteam. Wobei die zwei Kolleginnen, unsere Oberärztinnen, da etwas zurückhaltender sind als wir Chefärztinnen. Aber ja, wir lassen den anderen sein, so wie er ist.

JULIA ROTHERBL

Weil du das jetzt so betonst. Also das hast du vorher anders erlebt.

MAREN DARSOW

Ja.

JULIA ROTHERBL

Okay.

MAREN DARSOW

Vorher war‘s eine One-Man-Show.

JULIA ROTHERBL

Okay. Wie wirkt sich das denn auch so generell auf den Teamspirit dann aus? Also hat es einen Einfluss generell auf Frauenförderung?

MAREN DARSOW

Die Hierarchien sind jetzt flacher. Das hat Vor- und Nachteile. Das hat als Vorteil natürlich, dass man schneller mal angesprochen wird, dass man eher etwas schlichten kann, als wenn es, ja, eskaliert. Das hat aber natürlich auch Nachteile, weil man… Sachen an einen herangetragen werden, die man nicht zwingend als Chefarzt wissen muss oder beachten muss.

JULIA ROTHERBL

… wissen will.

MAREN DARSOW

Ja, wissen will, auch das.

JULIA ROTHERBL

Und wenn man in diese neue Position kommt, was sind Dinge, wo du heute sagen würdest, okay, das hätte ich vielleicht am Anfang anders machen sollen? So jetzt auch im Hinblick auf Frauen, die uns zuhören, vielleicht auch vor einem Karrieresprung stehen. Also, was sind vielleicht – in Anführungszeichen - „Fehler“, wo du sagst, okay, das hätte ich, wie gesagt, anders machen können?

MAREN DARSOW

Also ich habe mich vorher, glaube ich, kleiner gemacht. Und das ist traurig. Und ja, also wenn man so etwas plant wie eine gemeinschaftliche Geschichte, ich bin da ein bisschen blauäugig rangegangen. Ich habe gedacht, wir treffen uns, wir verstehen uns, wir haben dieselbe Einstellung, wir machen das gleich und es wird alles… Und am Anfang war es doch schwierig. Jeder hat zum Beispiel – es sind so Kleinigkeiten alleine. Jeder hat einen anderen Schreibstil. Die Arztbriefe waren komplett unterschiedlich. Und es gibt so wahnsinnig viel, was man gleichschalten muss. Weil kann man nicht von den Mitarbeitern erwarten, das mache ich jetzt bei dem so und bei dem so und vielleicht beim dritten oder beim vierten noch anders. Sondern man muss sich gleichschalten und damit kann man eigentlich nicht früh genug anfangen. Am besten hätten wir uns schon vorher zusammengesetzt und das alles geplant, bevor wir überhaupt gemeinsam gearbeitet haben. Aber wie gesagt, dafür war ich wirklich zu blauäugig…. Ja.

JULIA ROTHERBL

Hast du dir denn eigentlich gezielt eine Frau ausgesucht? War das dein Wunsch, auf jeden Fall mit einer Frau in eine Doppelspitze zu gehen?

MAREN DARSOW

Also ich habe mich nicht gezielt um eine Frau bemüht. Wobei ich der Ansicht bin, dass dieser Bereich, gerade Brust, schon ein sehr feminines Thema ist, und deshalb natürlich, in meinen Augen, auch in die Hände von Frauen gehört. Es geht ja nicht nur darum, ob man Brustkrebs behandelt oder nicht behandelt, sondern es geht um Ästhetik. Es geht um Ängste. Es geht in vielen Bereichen auch um eine spezielle Form der Empathie. Wir dürfen nicht vergessen, auch wenn eine Frau zur Kontrolle zu uns kommt, einfach nur zur Kontrolle, kommt sie erstmal mit Angst, ob da was gefunden wird. Die Nachbarin hatte irgendetwas oder die Mutter oder sonst was. Und ja, ich glaube, dass wir das vielleicht doch eher verstehen können manche Sachen und manche Reaktionen. Aber Männer würden mir da wahrscheinlich widersprechen.

JULIA ROTHERBL

Wahrscheinlich auch manche Frauen. Also, ich widerspreche dir auf keinen Fall. Ich finde es genauso. Wir versuchen, in der Apotheken Umschau zu gynäkologischen Themen nur Frauen zu interviewen. Weil ich einfach finde… Also, ich interview… lasse dann auf der anderen Seite auch in Prostata-Artikeln keine Ärztinnen unbedingt zu Wort kommen, weil das so einen ähnlichen Touch hat. Also es sind einfach Dinge... Also ich hatte auch mal einen Brief von einer Leserin, einer älteren Leserin, die mir geschrieben hat. Als wir das angefangen haben, hat sie mir geschrieben, sie findet das so wohltuend, weil in ihrer Brustkrebstherapie saß sie kein einziges Mal einer Person gegenüber, die selbst Brüste hat. So hat sie es formuliert. Und das hätte sie schon etwas irritiert.

MAREN DARSOW

Ja. Und so ist es doch.

JULIA ROTHERBL

Ja. Ja, aber… Also, ich finde es schön, dass du das sagst. Aber ich glaube, es gibt auch immer das Argument, na ja, eigentlich zählt allein die Kompetenz. Das ist schon auch irgendwie richtig. Aber es zählt, finde ich schon auch, dass die Patientin sich wohlfühlt, aufgefangen fühlt. Das Arzt-Patienten-Verhältnis oder Ärztin-Patientinnen-Verhältnis in dem Fall, trägt ja auch oft entscheidend dazu bei, wie eine Therapie abläuft, wie therapietreu jemand ist usw.

MAREN DARSOW

Ja, oder man hat zum Beispiel auch ganz junge Mädchen, die einfach eine Körperbildstörung haben oder die eine angeborene Missbildung der Brust haben. Denen fällt es schon schwer genug, uns Frauen ihre Brust zu zeigen. Und in der Pubertät weiß vielleicht jeder noch von sich selber, wie das war. Da hat man sich eingeschlossen, damit noch nicht mal die Eltern reinkamen. Und sich dann einem fremden Mann zu zeigen, das ist, glaube ich, noch besonders schwierig.

JULIA ROTHERBL

Ich würde dir gerne abschließend eine Frage stellen. Wie wir in dem Podcast jetzt besprochen haben, warst du eigentlich immer jemand, der gesagt hat, Chefärztin, das ist jetzt nicht ein Karriereziel von mir. Wie ist es denn heute? Wie versuchst du, gezielt Frauen zu fördern, in deiner Abteilung? Also, dass vielleicht mehr Frauen doch sagen, ja, das kann ich mir vorstellen, irgendwann.

MAREN DARSOW

Also das erste ist natürlich, dass man letztendlich Vorbildfunktion hat. Und wenn zwei Chefärztinnen da sind, sehen natürlich auch jüngere Ärztinnen, das geht und das funktioniert gut. Und ja, wir haben halt zwei Oberärztinnen. Wir haben eine OTA-Schülerin, also eine operationstechnische Schülerin aus dem Ausland da. Wir haben häufiger mal Hospitantinnen da. Und es ist so, dass es halt häufiger Frauen sind als Männer. Und ich glaube, dass sie das einfach sehen. Die sehen ja, dass es funktioniert und dass das in dieser Position… dass das was Normales ist, eigentlich. Wenn man sich vorstellt, dass über 50 Prozent der Frauen, weit über 50 Prozent der Studenten Studentinnen sind, im Medizinstudium, und wie wenig dann letztendlich in den höheren Rängen enden. Das finde ich schon sehr traurig. Weil sie haben ja alle dieselbe Ausbildung. Sie haben alle dieselbe Kapazität, dieselbe Möglichkeit. Ja gut, und natürlich bekommen Frauen zwischendurch Kinder, aber letztendlich haben Männer auch Kinder.

JULIA ROTHERBL

Ja.

MAREN DARSOW

Es sind ja nicht nur die Frauen. Und ja. Warum sollen sie dann nicht dieselben Möglichkeiten haben?

JULIA ROTHERBL

Werdet ihr eigentlich tatsächlich manchmal auch von Frauen gefragt, wie macht ihr das eigentlich? Also jetzt ähnliche Fragen, wie ich euch vielleicht im Podcast oder dir jetzt im Podcast gestellt habe? Also, ist da tatsächlich Interesse auch da, wie so was funktionieren kann, um es selber zu übernehmen?

MAREN DARSOW

Also überraschend wenig, muss ich sagen. Also ich hatte mich auch für ein Mentorinnen-Programm angemeldet und da ist bis jetzt noch nichts gekommen.

JULIA ROTHERBL

Okay. Schade eigentlich. Okay. Aber umso schöner, dass wir heute in diesem Podcast drüber gesprochen haben.

MAREN DARSOW

Das finde ich auch.

JULIA ROTHERBL

Maren, vielen Dank, dass du unsere Gästin warst.

MAREN DARSOW

Ja, vielen Dank, dass ich hier sprechen durfte.

JULIA ROTHERBL

Sehr gerne. Hat mir Spaß gemacht.

MAREN DARSOW

Mir auch. Vielen Dank.

BIS ZUM NÄCHSTEN MAL

Also ich kann es selbst kaum glauben, aber es ist tatsächlich so. Wir haben 49 Folgen von „Frau Doktor, übernehmen Sie!“ produziert. Und die nächste Folge, die erscheint, ist damit die Jubiläumsfolge, die 50. Freut euch auf eine spannende Diskussion, diesmal mit zwei Gästinnen, die sicher ganz viele von euch kennen, aber deren Namen ich euch natürlich jetzt noch nicht verrate. Dafür müsst ihr schon reinklicken oder reinhören, in dem Fall. Die Jubiläumsfolge erscheint in 14 Tagen am Montag.

SPRECHERIN

Ein Podcast von gesundheit-hören. Und Apotheken Umschau Pro.

Neuer Kommentar

Dein Name oder Pseudonym (wird öffentlich angezeigt)
Mindestens 10 Zeichen
Durch das Abschicken des Formulars stimmst du zu, dass der Wert unter "Name oder Pseudonym" gespeichert wird und öffentlich angezeigt werden kann. Wir speichern keine IP-Adressen oder andere personenbezogene Daten. Die Nutzung deines echten Namens ist freiwillig.