Von der Krankenpflegerin zur Pflegedirektorin

Shownotes

Sie wollte raus in die Welt und kam mit einer Ausbildung zur Krankenpflegerin und ohne ein Wort Deutsch zu sprechen nach Deutschland. Heute ist Marina Filipović Pflegedirektorin und Vorstandsmitglied an der Uniklinik Köln. Wir sprechen mit ihr über den Weg nach oben und warum es sinnvoll sein kann, ihn Schritt für Schritt zu begehen. Und wieso ohne eine demenzerkrankte Dame vieles vielleicht anders gekommen wäre.

Im Podcast "Frau Doktor, übernehmen Sie!" erzählen Frauen aus der Medizinbranche, wie sie dort Karriere gemacht haben. Dazu spricht Julia Rotherbl, Chefredakteurin der "Apotheken Umschau", mit Frauen, die in Führungspositionen arbeiten, die Herausforderungen gemeistert haben oder an ihnen gescheitert sind. Es geht um Themen wie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Sexismus, männliche Netzwerke, mangelnde Vorbilder oder verschiedene Arbeitsmodelle. Das Ziel: Euch zu inspirieren und ermutigen, euren eigenen Weg zu finden.

Montags alle 14 Tage erscheint eine neue Folge. Habt Ihr Fragen, Anregungen oder Kritik? Dann schreibt uns gerne an redaktion@gesundheit-hoeren.de

Redaktion: Julia Rotherbl, Anja Kopf; Schnitt und Post-Produktion: Anja Kopf, Benedikt Möltner, Yves Seißler; Managing Editor Audio: Peter Glück


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Transkript anzeigen

MARINA FILIPOVIĆ

Führungsarbeit ist auch ein Talent. Und es gibt junge Personen, die schon gute Führungskräfte sind. Ich persönlich glaube aber, dass man, wenn man länger in der Führungsarbeit tätig ist und viel mit unterschiedlichen Menschen gearbeitet hat, dass man natürlich diese Führungsrolle dann immer auch besser ausüben kann und ausfüllen kann.

JULIA ROTHERBL

Es ist kurz vor zehn. Wir stehen im Podcaststudio. Ich habe meine Kopfhörer schon auf, das Mikrofon läuft und ich freue mich total auf die heutige Aufnahme von „Frau Doktor, übernehmen Sie!“ Weil wir nämlich eine Premiere haben. Wir haben heute das erste Mal eine Pflegedirektorin zu Gast, nämlich Marina Filipović, Pflegedirektorin und Vorstandsmitglied der Uniklinik Köln. Wir sprechen mit ihr darüber, dass und wie man in der Pflege Karriere machen kann. Mein Name ist Julia Rotherbl, ich bin Chefredakteurin der Apotheken Umschau. Und ich wünsche euch jetzt ganz viel Spaß beim Zuhören.

SPRECHERIN

„Frau Doktor, übernehmen Sie!“. Ein Podcast von gesundheit-hören. Und Apotheken Umschau Pro.

KAPITEL 1_VON KROATIEN NACH DEUTSCHLAND

JULIA ROTHERBL

Marina, herzlich willkommen im Podcast „Frau Doktor, übernehmen Sie!“ Ich freue mich sehr, dass du da bist.

MARINA FILIPOVIĆ

Ja, vielen herzlichen Dank, dass ihr mich eingeladen habt und dass ihr meine Vita spannend findet für dieses Format.

JULIA ROTHERBL

Finden wir sehr spannend, aus unterschiedlichen Gründen. Und auf die gehen wir nachher auch alle noch ein. Die erste Frage, die ich dir gerne stellen würde. Du bist ja seit 2020 Pflegedirektorin. Du hast dir also für den Anfang einen Moment ausgesucht, der gerade in der Pflege viele Herausforderungen beinhaltet hat. Da hat die Corona-Pandemie so richtig Fahrt aufgenommen. Hättest du dir vielleicht einen anderen Einstieg gewünscht? Wie war das damals für dich?

MARINA FILIPOVIĆ

Ja, ich habe wirklich darüber nachgedacht, ob ich diese Corona-Pandemie nicht persönlich nehmen soll. Und diese Krisen, die irgendwie mit meinem Karrierebeginn angefangen haben. Ich habe ja, hattest du ja gesagt, im Januar 2020 habe ich die Position der Pflegedirektorin begonnen bzw. habe ich gestartet in dieser Rolle. Und wir hatten dann im Januar hier bei uns eine Krise, die sich als sehr große Krise damals angefühlt hat. Wir hatten nämlich ein Bombenfund hier auf dem Campus…

JULIA ROTHERBL

Oh, das auch noch!

MARINA FILIPOVIĆ

Ja, und wir mussten damals auch eine Intensivstation evakuieren. Und das ist ja immer eine große Herausforderung und das haben wir sehr, sehr gut gemeistert. Und als ich dann gedacht habe, okay, die Feuertaufe ist bestanden, dann kam Ende Februar eine Tat, begann für uns letztendlich das Thema Corona, weil wir den Initialpatienten hier bei uns in den Ambulanzen hatten. Und das war eine Phase, wo wir noch wenig Wissen über Corona hatten und wenig Kenntnisse über die wirksamen Maßnahmen bei einer Corona-Infektion. Und haben uns aber relativ rasch dann auch sortiert und konnten dann wirklich sehr gute Maßnahmen in die Wege leiten und ja, sogar im Frühjahr jetzt - in 23 - sogar Teil dieser Maßnahmen immer noch verfolgt.

JULIA ROTHERBL

Wie hast du denn damals das im Team aufgefangen? Also, ich stell mir vor, dass da große Verunsicherung geherrscht hat. Wie hat sich das in deinem Team gezeigt und wie hast du versucht, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter trotzdem zu motivieren und ihnen Sicherheit zu geben?

MARINA FILIPOVIĆ

Sicher einen sehr großen Vorteil, ich kannte die Uniklinik vorher. Ich habe 2003 hier in der Uniklinik angefangen zu arbeiten, in der Intensivpflege, und habe viele verschiedene Bereiche kennengelernt. Und von daher war auf jeden Fall diese Kennenlernphase nicht notwendig in dem Sinne, sodass wir direkt auch auf die Arbeitsebene kommen konnten. Und das war eine Situation, wo wir alle zusammengerückt sind, weil es eben eine Krise war, die noch nie dagewesen ist - in diesem Ausmaß ja auch noch nie dagewesen - und alle waren natürlich hochmotiviert, um diese Krise auch gemeinsam zu bewältigen.

JULIA ROTHERBL

Schön! Okay.

MARINA FILIPOVIĆ

Natürlich war das schwierig auch, das Personal auszubilden. Weil wir haben die Sorge gehabt, dass wir nicht genügend Intensivkapazitäten haben, dass wir zusätzliche Kapazitäten schaffen müssen. Wir haben auch zusätzliche Kapazitäten geschaffen und waren dann daran interessiert - aber bei den Personalverschiebungen, die wir auch vornehmen mussten - keine Frage - und die nicht angenehm waren für die Teams - trotzdem den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern das Wissen beizubringen. Wohl wissend, dass man jetzt nicht die Intensivpflege innerhalb von einem Zwei-Wochen-Kurs beibringen kann, aber wenigstens ein wenig Sicherheit geben an die Hand. Und haben Konzepte entwickelt, bei denen wir die erfahrenen Pflegekräfte eingesetzt haben als primary nurses und die Pflegekräfte, die zum Beispiel aus den Operationssälen kamen oder aus der Anästhesiepflege, die aber zwar schon ein bisschen mehr Erfahrung in Versorgung kritischer Patienten haben oder aus den allgemeinen pflegerischen Bereichen. Wir hatten ja sogar aus den psychiatrischen Bereichen Personal in der Somatik eingesetzt. Das haben wir behutsam gemacht, geschaut auch immer, dass das auch möglichst auf freiwilliger Basis ist, weil wir das für einen besseren Weg halten. Und die Mitarbeitenden sind da auch motivierter.

JULIA ROTHERBL

Marina, ich würde an der Stelle gerne von 2020 zurückspringen zu 1991. Auch da hast du dich einer persönlichen Herausforderung gestellt. Du bist vom heutigen Kroatien nach Deutschland gekommen, als ausgebildete Krankenschwester, aber ohne Deutschkenntnisse. Wie hast du denn diese Herausforderung gemeistert?

MARINA FILIPOVIĆ

Das war wirklich eine sehr große Herausforderung. Und ich bin nach Deutschland gekommen… Davor war ich in Italien, kurz, weil ich irgendwie in die große, weite Welt wollte und die politische Situation damals in meinem Land so war das, dass es mir nicht mehr so gefallen hat, nicht mehr mir entsprochen hat und nicht gedacht habe, okay, ich möchte auch mal andere Länder, offenere Länder kennenlernen und war in Italien. Das war ein kurzes Intermezzo und danach bin ich nach Deutschland gekommen. Schon damals war das so, dass Deutschland ein Fachkräftemangel in den pflegerischen Berufen hatte und ich so einen Job finden konnte. Und meine finanzielle Situation war ja so schlecht, dass ich ja nicht mal einen Kurs besuchen konnte und habe dann wirklich zu Hause Deutsch gelernt und habe dann aber auch relativ rasch angefangen zu arbeiten. Und in der Arbeit oder parallel zur Arbeit konnte ich auch meine Sprachkenntnisse weiterentwickeln. Und ich hatte ja aber das Glück, dass ich auf der Arbeitsstelle, wo ich gearbeitet habe, eine alte Dame versorgt habe, die eine promovierte Germanistin gewesen ist.

JULIA ROTHERBL

Okay…!

MARINA FILIPOVIĆ

Ja! Die Dame war demenziell verändert, aber was sie konnte, ist eben sehr gut Heraushören, dass ich kein Deutsch beherrsche. Und in den Gesprächen mit mir hat sie mich immer korrigiert und die deutsche Grammatik beigebracht. Und das waren meine Anfänge, das richtige Deutsch zu lernen. Und als ich nach Köln gezogen bin, habe ich aber wunderbare Menschen kennengelernt. Meine Freunde, die mich heute noch begleiten, sind beide auch deutsche Muttersprachler. Und so hatte ich irgendwie immer Glück, dass Menschen um mich herum waren, die hervorragend Deutsch beherrscht haben.

JULIA ROTHERBL

Okay. Du hast dann mehrere verschiedene Jobs in der Pflege gehabt und dann kam irgendwann diese Uniklinik ins Spiel, an der du heute noch bist und an die du unbedingt wolltest. Warum denn eigentlich?

MARINA FILIPOVIĆ

Eine Freundin von mir hatte damals an der Uniklinik gearbeitet auf einer der Intensivstationen der Uniklinik. Und sie hat zu mir gesagt „Boah, also die Uniklinik Köln, das ist ja wirklich ein toller Arbeitgeber. Und die Station - das war die innere Intensivstation - ist so hervorragend, sowohl fachlich als auch organisatorisch. Der Teamleiter ist super, die Praxisanleiter sind so engagiert, die Zusammenarbeit mit dem ärztlichen Team ist sehr respektvoll und sehr kollegial. Eine Arbeitsstelle, da, wo man auch selbstwirksam mitgestalten kann im Rahmen der eigenen Kompetenzen.“ Und dann habe ich gedacht „Boah, das hört sich ja ganz toll an. Das versuche ich doch jetzt auch mal.“ Und dann habe ich mich beworben. Ja, und ich musste mich, glaube ich, dreimal insgesamt bewerben, bis ich am Ende genommen worden bin. Das war eine Situation in den 2000er Jahren, wo es wirklich Einstellungsstopp gegeben hat in den Krankenhäusern und ja auch Krankenpflegerinnen, Krankenpfleger nicht mehr eingestellt worden sind. Und das hatte ich dann auch zu hören bekommen. Heutzutage kann man sich das ja überhaupt nicht mehr vorstellen. Aber so war das. Und das war ja, glaube ich, der erste Versuch, wo ich dann gesagt bekommen habe „Ne, wir können jetzt im Moment keinen einstellen.“ Dann hatte ich einen zweiten Versuch, wo ich mich beworben habe, und in einem Vorstellungsgespräch hatte er mir gesagt „Du hast zwar eine lange Erfahrung schon hinter dir, aber Universitätsklinik und insbesondere unsere Station ist so herausfordernd, dass wir schon erwarten, dass unsere neuen Mitarbeiter schon eine gewisse Erfahrung in Intensivpflege mitbringen.“

JULIA ROTHERBL

Okay.

MARINA FILIPOVIĆ

Und er hatte mir dann damals geraten, in ein kleineres Haus zu gehen und dort erst mal Intensiverfahrungen zu sammeln und dann wieder zurückzukommen. Und dann habe ich das auch gemacht. Dann war ich in einem kleineren konfessionellen Haus, da war ich auf der Intensivstation tätig. Und dann habe ich wieder hier angeklopft und dann wurde ich auch genommen.

JULIA ROTHERBL

Also du bist hartnäckig geblieben. Hut ab!

MARINA FILIPOVIĆ

Ich bin hartnäckig geblieben, genau. Ich wollte unbedingt an die Uniklinik, wo Champions League gespielt wird.

JULIA ROTHERBL

Du hattest vorher gesagt, als du erzählt hast, dass deine Freundin dir vorgeschwärmt hat, es gäbe hier die Möglichkeit, sich weiterzubilden. War das damals tatsächlich schon ein Punkt, der für dich wichtig war, dass du sagst, ich möchte irgendwo arbeiten, wo mir die Möglichkeit gegeben wird, mich weiterzuentwickeln?

MARINA FILIPOVIĆ

Das war mir auch wichtig, wobei ich nie von Anfang an einen festen Plan der Karriereentwicklung hatte. Also, mir war es wichtig, dass ich das fachliche Wissen, was ich hatte, einsetzen kann, dass ich Gestaltungsspielräume bekommen habe oder habe. Und es war mir aber wichtig, dass ich weiterhin lernen kann und dass ich mich in der fachlichen Expertise entwickeln kann, dass ich von meinen Kolleginnen und Kollegen lernen kann. Und das hat mir ja sehr, sehr viel gebracht. Also, wir haben ja tagtägliche Visiten bei Patienten gemeinsam gemacht, indem wir wirklich respektvoll auf Augenhöhe im Team auch gesprochen haben, diskutiert haben, wo aber auch das neueste Wissen ausgetauscht wurde. Wir konnten auch erfahren, an welchen Themen forschen die Ärztinnen und Ärzte? Und das hat mich natürlich weitergebracht. Und dann die Möglichkeit eben, dass es die Weiterbildung für die Intensivpflegerin dann Anästhesiepflegerin gegeben hat, hat mich sehr gereizt und ich hatte mich dann beworben. Da musste ich auch mich zweimal bewerben, weil so viele Menschen diese Weiterbildung machen wollten. Die dauert dann noch zwei Jahre. Und die hat mir auch fachlich wahnsinnig viel gebracht. Und ich habe gemerkt… All das Wissen, was ich vorher hatte, das war ja natürlich sehr gerne generalistisch geprägt. Meine Ausbildung war ja auch damals generalistisch. Ich hatte auch immer versucht, mir das notwendige Wissen auch anzueignen, was gebraucht wurde für die Tätigkeit in der Intensivpflege. Ich habe aber gemerkt, als ich in die Weiterbildung gekommen bin und insbesondere als ich sie absolviert habe und dann in den Bereichen war, die ich zuvor nicht gesehen habe - zum Beispiel kam ich in die Herz- und Thoraxchirurgie - war ich dann viel schneller in der Lage, mir das neue Wissen auch anzueignen und selbstständig Themen zu erarbeiten, dass das Stresslevel plötzlich auch niedriger war, obwohl die Patientenzustände sehr herausfordernd waren. Und von daher hat mir das in meiner alltäglichen Arbeit und für meine eigene Resilienz auch sehr viel gebracht.

KAPITEL 2_VON DER KRANKENPFLEGERIN ZUR PFLEGEDIREKTORIN

JULIA ROTHERBL

Du hast ja dann auch noch eine weitere Weiterbildung gemacht und dann sogar ein berufsbegleitendes Studium gemacht. Woher nimmt man diese Motivation, also sich nochmal oder immer wieder quasi die Schulbank zu drücken, Dinge zu lernen, noch dazu berufsbegleitend, also die Doppelbelastung…? Genau.

MARINA FILIPOVIĆ

Ich habe ja zu Anfang gesagt, ich habe ja meine Karriere nicht geplant, aber in einem Team, was so motiviert ist und was so an neuem Wissen interessiert ist, ist es toll zu arbeiten. Und bei mir bewirkt das, dass ich dann auch nicht irgendwie stehenbleiben möchte, sondern das hat mich auch motiviert, weiterzumachen. Und ich wollte dann auch unbedingt die Auszubildenden anleiten. Und als meine Teamleitung damals mir die ersten Auszubildenden gegeben hat, war ich so stolz, weil ich gedacht habe „Boah, die hält mich wirklich für fachlich sehr, sehr gut und sie denkt, dass ich das kann.“ Und von daher hat mich das sehr, sehr gefreut. Und gleichzeitig aber habe ich gedacht „Mensch, in dieser Fachweiterbildung werden bestimmt auch irgendwie didaktische Themen bearbeitet, die mir später meine Anleitungsarbeit erleichtern werden.“ Und dann habe ich mich beworben und dann wurde ich auch genommen.

JULIA ROTHERBL

Genau. Dann hast du noch ein berufsbegleitendes Studium…

MARINA FILIPOVIĆ

Genau. Und 2009 bin ich Teamleitung geworden. Das war ja auch ein wunderbarer Zufall, oder vielleicht war es ja auch gar kein Zufall, aber damals, für mich war es ja, fühlt es sich so als glücklicher Zufall… Mein damaliger Teamleiter hat in mir Potential gesehen. Da wurden zwei Stellen ausgeschrieben für die Intensivstation, also eine neurochirurgische Intensivstation und aber auch für die zentrale Notaufnahme. Er meinte zu mir, er sieht Talent in mir, ob ich mich nicht da bewerben möchte. Und dann habe ich mich auch beworben und habe auch Bewerbungsgespräche gemacht und ja und bin genommen worden. Ich hätte es nicht gedacht, aber ich bin wirklich ausgewählt worden und bin dann Teamleitung von der neurochirurgischen Intensivstation geworden.

JULIA ROTHERBL

Und man sieht heute noch, wie sehr du dich gefreut hast. Also unsere Zuhörerinnen sehen es nicht, aber ich sehe es.

MARINA FILIPOVIĆ

Ja. Das stimmt, also da war ich wirklich… Also, mit jedem Step war ich irgendwie so stolz. Und ja, dass man mich ausgewählt hat und dass man in mir Potenzial gesehen hat. Und ja, dass ich die Möglichkeit hatte, dann auch noch ein bisschen mehr zu gestalten. Und da habe ich ja natürlich gemerkt, in der leitenden Funktion braucht man natürlich auch noch andere Kenntnisse und Fertigkeiten und Wissen. Und das geht über die pflegefachliche Komponente und pflegedidaktische Komponente hinaus. Ich war ja dann in einer Position, wo ich Menschen führen musste oder sollte und wollte und gleichzeitig natürlich auf der niedrigsten Managementebene war ich aber dafür zuständig, auch die Unternehmensziele auch umzusetzen und eventuell sogar auch mitzugestalten in dem Rahmen, was möglich gewesen ist. Und da habe ich gemerkt, okay, ein Studium in Richtung Betriebswirtschaft und Leadership ist auf jeden Fall sinnvoll und habe dann mich für das Studium angemeldet und habe das dann auch erfolgreich absolviert. Und das hat letztendlich dann den Weg auch in die Managementarbeit oder in die Führungsarbeit und weitere Karriereschritte eingeleitet.

JULIA ROTHERBL

Genau. Es kam dann auch weitere Karriereschritte. Du hattest dann zweimal eine Pflegedienstleitungsstelle inne, Leiterin eines Geschäftsbereichs und bis jetzt eben Pflegedirektorin und Vorstandsmitglied. Also, ich könnte mir vorstellen, dass jemand, der selbst eben am Pflegebett gearbeitet hat, vielleicht eben mehr Verständnis hat, mehr weiß, was auf den Stationen passiert und vielleicht auch mehr Respekt bekommt von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern…?

MARINA FILIPOVIĆ

Mit Sicherheit ist das sehr hilfreich, wenn man lange in der Patientenversorgung gearbeitet hat. Und ich glaube auch, dass es hilfreich ist, wenn man in vielen verschiedenen Bereichen gearbeitet hat. Und aber auch eben, dass ich mir Zeit gelassen habe, auch in der Führungsarbeit, weil ich bin fest davon überzeugt, es gibt mit Sicherheit Talente… Also Führungsarbeit ist auch ein Talent. Und es gibt junge Personen, die schon gute Führungskräfte sind. Ich persönlich glaube aber, dass man, wenn man länger in der Führungsarbeit tätig ist und viel mit unterschiedlichen Menschen gearbeitet hat, dass man natürlich diese Führungsrolle dann immer auch besser ausüben kann und ausfüllen kann. Und das macht einen selber, glaube ich, auch resilienter, weil man schon sehr viele Situationen selber erlebt hat, sehr viele Gespräche gehabt hat, auch Konfliktgespräche geführt hat. Ich mein, ich habe jetzt viel über die positiven und schönen Sachen in der Führungsarbeit gesprochen, aber natürlich gibt es da auch herausfordernde oder problematische Situationen, die man auch meistern muss und die einen auch sehr verunsichern. Also, ich weiß noch, als ich das erste Mal nicht zu einer Geburtstagsfeier, was ja früher üblich war, dass man die Kolleginnen und Kollegen auch zu Geburtstagsfeiern einlädt, nicht eingeladen war als Einzige. Das war echt ein Thema, was mich beschäftigt hatte und ich musste wirklich eine Zeit lang mich damit auseinandersetzen, dass ich jetzt eine andere Rolle bin und dass das nicht mit meiner Person zu tun hat, sondern mit meiner Rolle, dass ich da nicht eingeladen werde. Diese Situationen kann man natürlich besser verstehen, wenn man etwas länger in diesem Job ist.

JULIA ROTHERBL

Hast du eigentlich quasi auf diesen einzelnen Wegen irgendwann so die gläserne Decke gesehen, berührt, dagegen gestoßen, keine Ahnung?

MARINA FILIPOVIĆ

Das kann ich für mich persönlich nicht sagen. Ich bin immer, wirklich immer unterstützt worden und ich bin gefordert worden und gefördert worden. Ich glaube, was schon erschwerend hinzukommt, sind die Strukturen. Wir sind natürlich in einem Betrieb, der 24 Stunden, sieben Tage die Woche funktionieren muss. Das ist vielleicht etwas schwieriger mit New Work Ansätzen zu vereinbaren, die wir aus dem Verwaltungsbereich kennen und die in den Verwaltungsbereichen mit Sicherheit gut umsetzbar sind. Und dennoch glaube ich auch, dass es in der Patientenversorgung Möglichkeiten gibt. Und das bieten wir auch. Familienfreundliche Arbeitszeiten, geteilte Führungspositionen. Und dennoch, glaube ich, gibt es noch zu wenig Strukturen und zu wenig Positionen für Frauen, die Kinder haben und zwar Kinder haben, die noch einen Versorgungsbedarf haben, also kleinere Kinder. Ich persönlich habe leider keine Kinder und ich glaube, dass es mir den Karriereweg doch erleichtert hat. Und ich glaube, dass das… also, dass wir… also ich als als Pflegedirektorin und meine Kolleginnen und Kollegen, die in diesen Positionen sind - das ist aber auch unabhängig der Fachrichtung - dass wir diejenigen sind, die die Strukturen schaffen müssen, damit die Frauen eben auch, obwohl sie Kinder haben, trotzdem eine Karriere machen können. Egal in welchem Bereich es ist, ob es jetzt der Pflegebereich ist, ob es die Führungsarbeit in der Pflege ist oder zum Beispiel die Ausbildungskarrierewege oder die fachliche Karrierewege oder aber auch im Medizinbereich, auch in der Forschung muss es eben beides vereinbar sein. Ich meine, wir sehen ja in beiden Bereichen… Also, im pflegerischen Bereich gibt es über 80 Prozent Frauen.

JULIA ROTHERBL

Ja!

MARINA FILIPOVIĆ

Bei den Medizinstudierenden sind das ja auch sehr hohe Zahlen. Ich glaub deutlich über 60 Prozent sind Frauen.

JULIA ROTHERBL

Ja!

MARINA FILIPOVIĆ

Und wenn wir im umgekehrten Falle sehen, wie viele sind dann wirklich in den hohen Forschungspositionen oder hohen oberärztlichen Positionen, da sind… Oder in den chefärztlichen Positionen, dann sind das doch nicht mehr so viele. Und ich glaube nicht, dass das daran liegt, dass die Frauen nicht fähig sind, sondern es liegt an den Strukturen, dass man es vielleicht nicht vereinbaren kann. Und ich weiß es auch nicht… Ich habe ja viele als auch darüber gelesen, dass eigentlich immer weniger Menschen aus der neuen Generation, egal ob Männer oder Frauen sind, eigentlich in die Führungslaufbahn möchten, weil sie das auch für sich nicht sehen, herausfordernd sehen. Und ich glaube, da werden wir uns in Zukunft auch umstellen müssen, dass man diese Rollen auch neu definiert.

JULIA ROTHERBL

Weil du gerade gesagt hast, je höher man guckt, desto weniger sind dann da Frauen. Ich habe mir mal den Vorstand des Uniklinikums angeguckt und festgestellt, du bist die einzige Frau. Ist es nicht auch so ein bisschen Klischee, dass die Pflege da jetzt von einer Frau vertreten wird? Die Ärzte und die kaufmännische Seite wird von Männern vertreten. Das habe ich mir so im ersten Moment gedacht. Empfindest du das so oder… Wahrscheinlich nicht, weil du mittendrin bist. Aber von außen habe ich echt gedacht „Ah ja!“

MARINA FILIPOVIĆ

Na ja, ich bin ja… Wir haben ja immerhin mich als Frau.

JULIA ROTHERBL

Ja.

MARINA FILIPOVIĆ

Und das, das ist natürlich selbstver…, also nicht... Es ist nicht selbstverständlich, dass die Pflegedirektion von einer Frau angeführt wird. Vielleicht entwickelt sich das, aber ich glaube, in einem pflegerischen Beruf haben Frauen diesen Karriereweg für sich nicht so gesehen wie die Männer. Und was uns betrifft, ist eben… Bei uns ist ja wenigstens 1/5 Frau und ich glaube, dass das ein Zufall ist und ich weiß, dass das Universitätsklinikum und die Universität selbst sehr darauf bedacht ist, auch sehr gute Frauen zu uns ins Unternehmen zu holen oder an die medizinische Fakultät. Und natürlich muss auch die Fachlichkeit passen, auch die Erfahrung passen, die dann gerade für diese Position notwendig ist. Und wir haben den Vorteil, dass unser Vorstandsvorsitzender schon sehr lange bei uns ist und das bietet auch viel Stabilität. Und ich könnte mir vorstellen, wenn in ein paar Jahren es vielleicht auch dazu kommt, dass manche Vorstandspositionen auch neu besetzt werden, dass das Universitätsklinikum Köln mit Sicherheit auch offen ist für Frauen in diesem Bereich.

JULIA ROTHERBL

Kann man als Pflegedirektorin auch Vorstandsvorsitzende werden?

MARINA FILIPOVIĆ

Bei uns in unserer Satzung nicht.

JULIA ROTHERBL

Okay. Okay.

KAPITEL 3_DIE ZUSAMMENARBEIT ZWISCHEN ÄRZTLICHEM UND PFLEGEPERSONAL

JULIA ROTHERBL

Marina, weil das ja hier ein Podcast ist, in dem vor allem Ärztinnen zu Gast sind und denen glaube ich auch vor allem eigentlich Ärztinnen hören, würde ich dich gerne am Ende fragen - Du hast es mehrmals betont, dass in der Uniklinik die Zusammenarbeit zwischen der Pflege und der Medizin oder der Pflege und der Ärzteschaft sehr gut funktioniert. Dadurch, dass du so betont hast, hat es sich so angehört, als hättest du auch andere Erfahrungen gesammelt. Ist dem so?

MARINA FILIPOVIĆ

Ja, natürlich ist das so und ich glaube auch, dass, wenn man die Ärztinnen und Ärzte fragt, dass sie das auch kritisch sagen würden. Und ich habe ja aus meiner Erfahrung berichtet, was ich erlebt habe auf den Stationen. Und ich bin eine Person, die sich als Brückenbauerin versteht. Ich warte nicht, bis eine Person auf mich zukommt, sondern ich bin auch bereit, selber auf die andere Person zuzugehen oder anderen Berufsgruppe die Brücken zu bauen und aber auch die Bedürfnisse anderer Personen oder eben auch anderer Berufsgruppe - und in diesem Falle Ärztinnen und Ärzte - versuchen zu verstehen. Und ich glaube, diese Eigenschaft hat mir immer meine Arbeit erleichtert und auch die Zusammenarbeit mit den ärztlichen Kolleginnen und Kollegen erleichtert. Es gibt mit Sicherheit aber auch hier bei uns in der Uniklinik Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sagen, die Zusammenarbeit ist nicht gut bzw. die Zusammenarbeit könnte besser werden. Das gibt es immer. Und ich würde mir natürlich wünschen, wenn wir alle respektvoll miteinander umgehen würden. Das würde uns den Arbeitsalltag erleichtern. Wir sagen auch oft auf Augenhöhe. Natürlich hat ja jeder Berufsgruppe in einem Team andere Aufgaben und wenn man die kennt und wenn man das respektiert, dann kann man auch gut auf Augenhöhe zusammenarbeiten. Und in den Situationen, wo ich eben doch in Konflikt geraten bin, wusste ich aber auch immer mir zu helfen. Und ich habe es nicht persönlich genommen. Und das sagt ja eher etwas über das Mindset einer anderen Person als über mich selbst. Ich glaube, ich hatte oft genügend Selbstbewusstsein, um das nicht so an mich heranzulassen. Aber wir haben natürlich Teamkonflikte, auch hinter professionelle Teamkonflikte auch hier erlebt. Und da haben wir viel Führungsarbeit mit reingesteckt, also investiert und haben uns auch wirklich Supervisoren und externer Coaches oder interner Coaches auch geholt, um eben wieder Teams auch aufzubauen.

JULIA ROTHERBL

Du bist ja jetzt quasi im Management angekommen und bist ja jetzt nicht mehr in der Pflege praktisch tätig. Was würdest du sagen, was vermisst du von deiner früheren Tätigkeit als Krankenschwester jetzt im Management. Was würdest du gerne trotz der neuen spannenden Aufgaben eigentlich machen?

MARINA FILIPOVIĆ

Also, das, was ich vermisse, ist dies das direkte Gefühl, einem Menschen geholfen zu haben, in der Genesung oder aber… Die Genesung hört sich ja immer so ganz groß an und wir haben Patienten, die wir nicht ganz heilen können. Aber die pflegerische Aufgabe ist, den Menschen zu unterstützen in dieser Erkrankung, Leid zu vermeiden und ein Stück Selbstständigkeit wiederherzustellen oder ein ganz großes Stück Selbstständigkeit wiederherzustellen oder aber zu erhalten. Und wenn ich gemerkt habe, dass meine Arbeit das bewirkt hatte, dann war das ein sofortiges Gefühl der Sinnhaftigkeit und des Erfolgs. Und das ist natürlich jetzt hier in der Managementrolle und vor allem in dieser Position nicht mehr gegeben. Jetzt ist dieses Gefühl des Erfolgs und der Zufriedenheit und des hohen Selbstwirksamkeitgrades dadurch, dass ich merke, dass ich einen Gestaltungsrahmen… oder einen Rahmen so gestaltet habe, dass die Mitarbeiter ihren besten Beitrag für die Patientenversorgung für das Unternehmen leisten konnten. Und manchmal gibt es Situationen, wo ich in einem Gespräch das sofort spüre. Und manchmal stellt sich dieses Gefühl eher über einen längeren Zeitraum, weil das sind ja alles Prozesse, die bisschen Zeit auch brauchen.

JULIA ROTHERBL

Marina, was man auf jeden Fall in diesem Gespräch, finde ich, gespürt hat, ist, wie sehr du für diesen Beruf und für die Pflege brennst. Und ich finde es total schön, dass man an deinem Beispiel zeigt, dass man in der Pflege sehr wohl Karriere machen kann. Und ich sage, vielen Dank, dass du unsere Gästin warst.

MARINA FILIPOVIĆ

Vielen Dank, dass ihr das Gespräch mit mir geführt habt.

JULIA ROTHERBL

Sehr gerne.

BIS ZUM NÄCHSTEN MAL

Was ihr jetzt alle leider nicht mehr hören konntet, weil die Mikros schon aus waren, war, dass Marina uns noch ein großes Lob ausgesprochen hat und gesagt hat, sie hat sich ein paar Folgen angehört und sie finde den Podcast ganz toll. Und wir haben dann gleich gesagt, sie soll das bitte ganz vielen Kolleginnen und Kollegen weitererzählen und uns weiterempfehlen. Und dann habe ich mir gedacht, eigentlich könnte ich euch das auch sagen. Wenn ihr also diese Folge oder diesen Podcast generell super findet, empfehle uns gerne weiter. „Frau Doktor, übernehmen Sie!“ erscheint immer montags, alle 14 Tage neu.

SPRECHERIN

Ein Podcast von gesundheit-hören. Und Apotheken Umschau Pro.

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