"Meine Migräne ist ein Teil von mir"

Shownotes

Prof. Dr. Dagny Holle-Lee ist wohl DIE Kopfschmerzexpertin Deutschlands. Was viele aber nicht wissen: Die Neurologin hat selbst eine Schmerzerkrankung, nämlich Migräne. Sie verrät uns, warum sie glaubt, dass das für ihre Karriere sogar von Vorteil gewesen sein könnte. Außerdem geht es darum, wieso es dringend mehr Frauen in der Schmerzmedizin braucht und wie sie Job, Familie und Migräne miteinander vereinbart.

Im Podcast "Frau Doktor, übernehmen Sie!" erzählen Frauen aus der Medizinbranche, wie sie dort Karriere gemacht haben. Dazu spricht Julia Rotherbl, Chefredakteurin der "Apotheken Umschau", mit Frauen, die in Führungspositionen arbeiten, die Herausforderungen gemeistert haben oder an ihnen gescheitert sind. Es geht um Themen wie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Sexismus, männliche Netzwerke, mangelnde Vorbilder oder verschiedene Arbeitsmodelle. Das Ziel: Euch zu inspirieren und ermutigen, euren eigenen Weg zu finden.

Montags alle 14 Tage erscheint eine neue Folge. Habt Ihr Fragen, Anregungen oder Kritik? Dann schreibt uns gerne an redaktion@gesundheit-hoeren.de

Redaktion: Julia Rotherbl, Anja Kopf; Schnitt und Post-Produktion: Anja Kopf, Benedikt Möltner, Yves Seißler; Managing Editor Audio: Peter Glück


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Transkript anzeigen

PROF. DAGNY HOLLE-LEE

Es gibt mittlerweile Daten, dass 70% der Neurologen unter Migräne leiden. Also bei uns hier, das ist die halbe Abteilung. Ich kenne das ganze Haus im Prinzip dadurch, dass ich alle möglichen Migräne-Patienten aus allen möglichen Abteilungen behandle. Deswegen ist es dann auch keine Überraschung, wenn man sagt, man hat das selber.

JULIA ROTHERBL

In dieser Folge von “Frau Doktor, übernehmen Sie!“ haben wir wohl die Kopfschmerzexpertin Deutschlands zu Gast. Professorin Dagny Holle-Lee. Was nicht alle wissen - die Neurologin hat selbst eine Schmerzerkrankung, nämlich Migräne. Uns verrät sie, warum sie glaubt, dass das für ihre Karriere sogar von Vorteil gewesen sein könnte. Und wir sprechen mit ihr darüber, warum es dringend mehr Frauen in der Schmerzmedizin braucht. Mein Name ist Julia Rotherbl. Ich bin Chefredakteurin der Apotheken Umschau und wünsche euch jetzt viel Spaß beim Zuhören.

SPRECHERIN

Frau Doktor, übernehmen Sie! Ein Podcast von gesundheit-hören und Apotheken Umschau Pro.

KAPITEL 1_ARBEITEN MIT MIGRÄNE

JULIA ROTHERBL

Dagny, ich freue mich sehr, dass du meine Gästin bist. Herzlich willkommen in „Frau Doktor, übernehmen Sie!“.

PROF. DAGNY HOLLE-LEE

Danke für die Einladung.

JULIA ROTHERBL

Ich würde gerne ganz einfach am Anfang anfangen, nämlich bei dem Zeitpunkt, als du dich entschieden hast, Ärztin zu werden. Ich weiß, dass du aus einer Ärzte-Familie kommst. Jetzt ist die Frage, war es so quasi alternativlos, auch diesen Beruf zu ergreifen? Oder hattest du vielleicht auch noch andere Dinge im Kopf, gegen die du dich dann am Ende aber entschieden hast?

PROF. DAGNY HOLLE-LEE

Ja, also wie gesagt, ich komme aus einer Ärztefamilie. Da war es jetzt gar nicht so originell, auf die Idee zu kommen, Ärztin zu werden, aber ich hatte durchaus auch andere Gedanken. Es gab eine Zeit lang, da habe ich überlegt, ob ich Chemikerin werden will. Und ich habe auch immer mal mit dem Gedanken gespielt, Jura studieren zu wollen. Das hat dann mein Bruder gemacht, der dann diesen Part übernommen hat. Aber irgendwann hat sich das so herauskristallisiert, dass mich Wissenschaft interessiert, aber dass mich auch Menschen interessieren und aus diesem Gedanken heraus und weil ich es natürlich aus der Familie einfach kannte - ich hatte eine Vorstellung, was man so als Ärztin, als Arzt einfach so den ganzen Tag macht - war es dann irgendwie naheliegend, das auch zu machen.

JULIA ROTHERBL

Und wie bist du dann genau bei der Schmerzmedizin gelandet?

PROF. DAGNY HOLLE-LEE

Das war reiner Zufall. Ich habe in Essen angefangen zu arbeiten und mein alter Chef, Professor Diener, war schon zu dem Zeitpunkt der Kopfschmerzpapst in der Welt und hatte das erste große Kopfschmerzzentrum aufgebaut in Deutschland und bei uns in der Klinik war Kopfschmerz plötzlich einfach ein Riesenthema - viel größer als in anderen Neurologien - und es gab die Möglichkeit, in das Kopfschmerzzentrum rein zu rotieren und einfach mal ein paar Monate zu sehen, was machen die denn da? Und, wie arbeitet man da? Und da hat mir das so Spaß gemacht, weil es so Arbeit am Patienten wirklich war, also mit viel Gespräch und extrem viel schönen Patienten-Erfolgen, dass ich da dann irgendwie hängengeblieben bin.

JULIA ROTHERBL

Man muss jetzt dazu sagen, du bist selbst eigentlich Schmerzpatientin, du hast Migräne. Hat es eigentlich was zu dieser Entscheidung beigetragen, sich da zu spezialisieren?

PROF. DAGNY HOLLE-LEE

Ja, das, dass denkt man ja immer so.

JULIA ROTHERBL

Ja.

PROF. DAGNY HOLLE-LEE

Ich glaube auch, dass es hilft, dass man Patientinnen, Patienten besser versteht. Aber wenn ich ganz ehrlich bin, sehe ich mich gar nicht so als Patientin. Wenn du jetzt sagst, du bist Schmerzpatientin, dann überlege ich immer, ob ich mich da wirklich abgeholt fühle, weil ich glaube, dass ich zum Beispiel einfach ein Mensch mit Migräne bin. Und ich sehe auch ganz viele von meinen Patientinnen, Patienten, wo ich einfach denke, das sind Menschen mit Migräne. Natürlich ist das etwas, was die mal beeinträchtigt und das ist bei mir auch so, aber ich würde das gar nicht immer als eine ausgeprägte Krankheit sehen, sondern es ist ein Teil von mir und das habe ich und das erleichtert mir sicher den Zugang zu dem Thema. Aber das war jetzt nicht der Grund, warum ich das ausgesucht habe.

JULIA ROTHERBL

Wie lang hast du denn selbst schon Migräne?

PROF. DAGNY HOLLE-LEE

Das kann ich ganz genau terminieren. Das war so etwa zwei Monate vor meinem zweiten Staatsexamen. Da bin ich nachts aufgewacht und dachte, „Oh Gott, mir hat jemand in den Kopf geschossen“. So rückblickend denke ich, warum bin ich da nicht ins Krankenhaus gefahren? Warum war ich mir sicher, dass es eine Migräne ist? Aber ich war mir irgendwie sicher und bin dann noch am nächsten Tag zum Gynäkologie-Praktikum gegangen und hatte… das ganze Gesicht tat weh und es war wirklich furchtbar, es war wirklich eine der schlimmsten Attacken, die ich jemals hatte und das war so der erste Zeitpunkt, wo ich eine richtige Migräneattacke hatte.

JULIA ROTHERBL

Jetzt ist es ja so, dass Migräne oft zusammenhängt oder getriggert wird von, von Stress. Ist es bei dir auch so?

PROF. DAGNY HOLLE-LEE

Ach, das mit dem Stress, das ist ja ein bisschen kontrovers diskutiert, ja. Weil, wenn ich jetzt retrospektiv immer überlege, bei jeder Attacke, kann da Stress eine Rolle gespielt haben? Dann finde ich irgendwas, was mich gerade gestresst hat, weil jeder ja gerade irgendwas hat, was, wenn man genauer drauf guckt, Stress verursacht.

JULIA ROTHERBL

Mhm. Warum ich jetzt so gezielt gefragt habe, ist, weil ich mir vorstellen kann, das Thema Stressmanagement in der Medizinbranche - genau wie in jeder anderen auch - gewinnt vielleicht ein bisschen an Relevanz, je höher man die Karriereleiter nach oben klettert. Also wie kriegst du das für dich so hin, dass auch in Zeiten, in denen der Beruf Stress verursacht, das quasi nicht sich in deinem Kopf dann widerspiegelt?

PROF. DAGNY HOLLE-LEE

Ja, das ist eine gute Frage. Also man muss eine Sache sagen, so, als ich angefangen habe zu arbeiten, die ersten Monate hatte ich unglaublich viel Migräne. Und das erlebe ich auch bei ganz vielen Kollegen, dieser Anfang, dieser Wechsel, erste Stelle und dann plötzlich läuft das aus dem Ruder, bis man so seinen Rhythmus findet. Ich versuche schon im Alltag drauf zu achten, Sport zu machen. Das ist für mich extrem wichtig, weil ich das einfach als Ausgleich hab. Und eben auch Sachen mit der Familie zu machen, wo man wirklich auch nicht arbeitet und einen richtigen Ausgleich hat. Aber es ist natürlich mit einem anspruchsvollen Job auch immer so, dass Phasen kommen, wo man den Stress nicht gut unter Kontrolle hat.

JULIA ROTHERBL

Jetzt ist es ja so mittlerweile jeder der sich mit dem Thema Migräne befasst, kommt glaub ich um deinen Namen nicht drum rum. Und man weiß dann auch relativ schnell, dass du auch selbst Migräne hast. Aber bist du da eigentlich von Anfang an so offen damit umgegangen in deinem Job?

PROF. DAGNY HOLLE-LEE

Man muss immer so sagen. Ich erzähl das schon, wenn's gefragt wird und das sicherlich auch von Anfang an, aber ich habe Gott sei Dank nie das Problem gehabt, dass ich deswegen ausgefallen bin oder so. Ich habe immer die Sachen zu Ende gemacht und dann gesagt, „Oh, jetzt tut der Kopf aber weh und heute Abend lege ich mich ins Bett und dann muss ich schlafen“. Es gab in unserer Klinik so ein bisschen den Vorteil, dass mein alter Chef, der das Kopfschmerzzentrum gegründet hat, selber eine ordentliche Migräne hatte. Und der kannte das Problem. Wir wussten immer schon, wenn er seine Kontaktlinsen morgens nicht reinbekommen hat, dann hat er Migräne und dann guckte er schon so schief. Er hat das dann durchgezogen und ist gekommen. Aber es war in der Klinik klar, es ist vollkommen in Ordnung, auch zu kommunizieren, dass man eine Migräne hat. Es gibt mittlerweile Daten, dass 70 % der Neurologen unter Migräne leiden. Also bei uns hier, das ist die halbe Abteilung. Ich kenne das ganze Haus im Prinzip dadurch, dass ich alle möglichen Migränepatienten aus allen möglichen Abteilungen behandle. Das ist einfach ein sehr häufiges Problem. Und unter Neurologen ist es wirklich fast jeder. Deswegen ist es dann auch keine Überraschung, wenn man sagt, man hat das selber.

KAPITEL 2_MIGRÄNE UND DER GENDER PAIN GAP

JULIA ROTHERBL

Der Podcast geht ja um Frauen in der Medizin und ich finde ja Migräne und Frauen. Hat so was. Da hat man ja auch so Klischees im Kopf. Es gibt ja auch sehr gute Studien in Sachen Gender Pain Gap, die zeigen, dass das Frauen oft nicht ernst genommen werden mit ihren Schmerzen. Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass Frauen weniger Schmerzmittel verordnet bekommen als Männer. Jetzt frage ich mich, ob dieses - wo du sagst, du bist damit sehr offen umgegangen - ob das dann gerade als Frau dann Schwierigkeiten hervorruft. Zum Beispiel, dass man komisch angeguckt wird. „Jetzt hat die Kinder UND Migräne“. So in die Richtung.

PROF. DAGNY HOLLE-LEE

Ja, Ich habe das Gott sei Dank selber nie erlebt. Aber ich höre das natürlich immer wieder von Patientinnen, die das einfach berichten, dass das auf der Arbeitsstelle zu sehr viel Widerstand, sehr viel negativen Erfahrungen führt. Klar, man fällt dann irgendwie montags aus und dann denken alle „Na ja, da hat sie jetzt das Wochenende verlängert“ oder so. Oder man geht früher nach Hause, man sieht es den Patientinnen nicht an. Ich habe mir gesagt, den Vorteil, dass ich deswegen nicht jetzt irgendwelche größeren Ausfälle hatte oder wirklich Probleme hatte, da meine Arbeit zu schaffen. Es war mehr so, dass wenn ich dann was hatte oder habe, es häufig auch am Wochenende kommt, also so sehr Arbeitgeber freundlich, sodass es auf der Arbeit nie wirklich Konflikt gemacht hat. Aber klar, das ist immer noch eine stigmatisierte Erkrankung. Es ist deutlich, deutlich besser geworden. Aber es ist immer noch so, dass ganz viele denken, dass es eine psychosomatische Erkrankung ist.

JULIA ROTHERBL

Genau. Genau. Also du erlebst es auch, wenn Patientinnen darüber berichten, dass das immer noch tatsächlich, mhm.

PROF. DAGNY HOLLE-LEE

Ganz häufig. Und gerade wenn Patientinnen da eine chronische Migräne haben und fast jeden Tag Kopfschmerzen haben, im Prinzip nie kopfschmerzfrei sind, dann ist das häufig immer noch so, dass die ganze Umwelt immer sagt „Trink doch mal mehr!“ oder „Geh doch mal spazieren!“ oder „Geh doch mal zum Arzt, lös das Problem doch mal!“. Und das erleben viele natürlich als extrem anstrengend und auch irgendwie natürlich auch kränkend.

JULIA ROTHERBL

Es gibt ja auch Ärztinnen, die zum Thema Gender Pain Gap sagen, dass es wichtig wäre, dass eben auch mehr Ärztinnen in der Schmerzmedizin arbeiten, dass diese weibliche Perspektive, dieses Verständnis für wie Frauen Schmerzen empfinden und mit Schmerzen umgehen stärker vertreten ist. Würdest du diese These mittragen?

PROF. DAGNY HOLLE-LEE

Ja, absolut. Also ich glaube immer, dass es leichter ist, wenn man selber einen Zugang dazu hat. Und es gibt ja bei Migräne so ein bisschen das Phänomen, dass es sehr hormonabhängig ist. Und das ist einem Außenstehenden oder einem Mann manchmal gar nicht so einfach zu vermitteln, was das heißt. Also zum Beispiel eine Hauptzeit, wo Patientinnen stärkere Migräne bekommen, ist die Perimenopause - also wenn es Richtung Klimakterium geht, aber es ist noch nichts Richtiges - dann wird die Stimmung schlechter, dann werden die so ein bisschen durchlässiger, so vom ganzen Affekt und ein bisschen so ein bisschen unangenehmer vielleicht für die Umwelt usw. Und ich glaube, das ist für einen Mann ganz schwierig zu verstehen, was das heißt. Und das kann natürlich eine Ärztin, die einfach das besser einordnen kann und auch vielleicht von sich selber eine Vorstellung hat, welchen Einfluss auch Hormone haben können, viel besser nachvollziehen.

KAPITEL 3_ GLÄSERNE DECKE FAMILIENPLANUNG

JULIA ROTHERBL

Wie würdest du denn sagen, ist die Situation momentan speziell in der Schmerzmedizin, was Frauenförderung und Frauenkarrieren angeht?

PROF. DAGNY HOLLE-LEE

Also man muss ja sagen, Schmerz ist ja das Stiefkind generell in der Medizin, das heißt, es gibt ja ganz wenige Mediziner, die sich wirklich mit Schmerzen beschäftigen. Und Kopfschmerz gibt es ja wirklich fast niemanden. Dafür, dass es die Volkskrankheit Nummer eins ist. Es ist weiterhin so, dass es natürlich sehr viele Medizinerinnen gibt, die auch mit Neurologie anfangen, die auch in der Schmerzmedizin anfangen, das sieht man hier auch. Aber es gibt natürlich so ein Gap, dann, ab einer gewissen Karrierestufe, wo es dann doch sehr männlich wird.

JULIA ROTHERBL

Wie hast du das denn selbst erlebt? Gibt es irgendwie eine Stufe, wo du sagst okay, ab da wo es jetzt schwierig? Oder, ab da habe ich dann so die männliche Konkurrenz im Nacken gespürt, oder…?

PROF. DAGNY HOLLE-LEE

Ja, ich habe das nie so richtig als eine Konkurrenz gesehen, weil das für mich persönlich dieses Genderthema erst so im Verlauf, wenn ich jetzt gerade auch mit jüngeren Kollegen spreche, überhaupt erst so evident geworden ist, dass es ein Problem ist. Es war im Prinzip, bis überhaupt das Kinderthema aufkam, gar kein Problem, weil ich da nicht das Gefühl hatte, dass es irgendwie ein Nachteil ist, eine Frau zu sein. Und dann kam das „Problem“ - in Anführungsstrichen - wann bekommt man sein Kind? Und das, glaube ich, ist ein Hauptfaktor oder ein Hauptzeitpunkt, wo es für Frauen schwierig ist, so wie es im Augenblick in der Gesellschaft einfach organisiert ist und so, wie es beruflich organisiert ist. Ich hatte jetzt so ein bisschen den Vorteil, dass ich, ich hatte so einen Plan, ich wollte Fachärztin sein, ich wollte meine Habil fertig haben, bevor ich ein Kind bekommen habe. Das hat auch geklappt und hatte ne gewisse Karrierestufe einfach schon erreicht. Und dann hatte ich einen großen Vorteil. Es gab bei mir in der Klinik, einen Chefwechsel und Chefwechsel ist immer eine Phase mit viel Unruhe, aber auch eine Phase, wo erst mal so ein halbes, dreiviertel Jahr nicht so wirklich was geht. Und das war die Zeit, wo ich in Elternzeit war. Das war einfach ein guter Zeitpunkt. Ich habe da nicht gefehlt. Also es war gar nicht, es ist gar nicht richtig aufgefallen, glaube ich. Und dann bin ich sozusagen da das Jahr raus gewesen, wo sowieso extrem viel Umstrukturierung war und sehr viel Neubeginn war und bin dann zurückgekommen und das war im Prinzip unproblematisch, aber es war ein großes Glück, dass das so gelaufen ist.

JULIA ROTHERBL

Du bist ja mit 100% zurückgekommen. War das für dich so selbstverständlich oder hast du dir tatsächlich auch überlegt, eventuell in Teilzeit zurückzukommen?

PROF. DAGNY HOLLE-LEE

Also ich bin ein paar Monate in Teilzeit zurückgekommen, einfach weil ich es gar nicht organisieren ließ am Anfang. Man muss ja erst mal irgendwie auch so ein bisschen gucken, wie mein Sohn das mit der Kita hinbekommt. Das sind ja alles so Faktoren, die man gar nicht so vorher steuern kann und gar nicht so vorher weiß. Und dann habe ich aber relativ schnell gesehen, ich arbeite 100%. Ich werde aber einfach nur 70 bezahlt oder 75. Und dann habe ich wieder aufgestockt, weil ich gesehen habe, wenn ich so ein bisschen umstrukturiert, dann kriege ich auch 100% hin. Vielleicht nicht 120% wie vorher, aber 100%. Und dann kann man sich auch 100% bezahlen lassen, wenn man 100% arbeitet.

JULIA ROTHERBL

Wie hat denn, was haben denn alle so drum herum darauf reagiert, dass man - dass Frau - trotz kleinem Kind dann wieder 100% arbeitet?

PROF. DAGNY HOLLE-LEE

Ja, also das, das ist sicherlich schon eine Herausforderung. Also es ist schon so, dass das soziale Umfeld einem widerspiegelt, dass ein Kind seine Mutter braucht. Glaube ich ja auch. Ich glaube nur, dass man auch trotzdem da ist, auch wenn man arbeiten geht. Und natürlich wurde schon auf Arbeitgeberseite auch so ein bisschen kritisch geguckt, ob man das hinbekommt oder ob man das nicht hinbekommt. Man muss immer sagen - und das vertrete ich auch - ein Kind ist nicht ein Einzelprojekt, sondern das ist ja zumindest das Projekt von zwei Menschen. Und die müssen sich eben beide auch engagieren, sonst funktioniert das nicht. Sonst funktioniert natürlich auch kein Wiedereinstieg in die Arbeit, das ist vollkommen klar. Das heißt, man muss sich Hilfe holen. Und das habe ich auch von Anfang an gemacht. Das heißt, eine gute Kinderbetreuung und… Also, das geht einfach gar nicht alleine. Man muss das als Familie gemeinsam tragen, damit man überhaupt die Chance hat, wieder einzusteigen.

JULIA ROTHERBL

Dagny, eine der ersten Sachen, die mir durch den Kopf gegangen sind, als ich gehört habe, dass du unsere Gästin sein wirst und ich mich so ein bisschen mit deinem Lebenslauf auseinandergesetzt hatte, diese Sache war - und ich sage es jetzt einfach - die Frage, für was man eigentlich schief angeschaut wird. Für eine Krankmeldung wegen einer Migräneattacke oder für eine Krankmeldung, weil das Kind krank ist?

PROF. DAGNY HOLLE-LEE

Das ist eine gute Frage! Das ist eine wirklich gute Frage. Ist wahrscheinlich beides irgendwie schwierig. Kann ich gar nicht sagen, was da das Schlimmere ist. Aber es ist beides. Ja, es ist natürlich beides schwierig.

KAPITEL 4_FRAUENFÖRDERUNG IN DER SCHMERZMEDIZIN

JULIA ROTHERBL

Jetzt hast du ja als Oberärztin die Möglichkeit, quasi so die Arbeit in deiner Abteilung so zu gestalten, wie du das auch für richtig hältst. Was machst du denn als Oberärztin, um Frauen zu fördern in deiner Abteilung?

PROF. DAGNY HOLLE-LEE

Also ich habe ganz viele Mitarbeiterinnen, immer wieder, die auch Kinder haben. Und ich gucke schon, dass man so diese klassischen Sachen - zum Beispiel, dass man eben keine Meetings morgens um sieben macht oder sowas - dass ich das einhalte. Ich kann das selber gar nicht, weil ich muss ja auch mein Kind versorgen. Aber zum Beispiel aktuell habe ich eine Kollegin, die fängt um neun an, weil die ihre Kinder einfach zur Schule bringt. Und wir haben ihre Teilzeitarbeit einfach so angepasst, dass sie das einfach hinbekommt, die Versorgung zu Hause. Und da muss man einfach ein bisschen flexibler sein. Häufig ist es ja wirklich einfach ein Problem der Arbeitszeiten und der Flexibilität.

JULIA ROTHERBL

Okay. gibt es noch ein anderes Beispiel?

PROF. DAGNY HOLLE-LEE

Na ja, und dann ist es schon so, dass ich versuche - in meinen Möglichkeiten - junge Kolleginnen auch zu fördern und zu motivieren, sich das zu trauen. Also, meine Erfahrungen mit den Jüngeren, ich hatte heute wieder heute Morgen eine sehr nette Kollegin, die hospitiert hat und die mir auch so erzählte, ja, sie weiß gar nicht, Sie wünscht sich ein Kind und ob sie jetzt weiter die Karriere verfolgen soll. Meine Erfahrung ist, viele beschränken sich schon vorher, bevor überhaupt irgendwie ein Kind oder eine Familie da ist und überlegen, was dann vielleicht in zehn Jahren nicht möglich ist oder möglich ist. Und ich glaube, da hilft es schon - und das versuche ich in Rahmen von Mentoring, aber auch im Rahmen von persönlichen Gesprächen und Unterstützung - einfach, dass man noch mal drauf guckt, was jetzt wirklich eine realistische Einschätzung der Situation ist und auch so ein bisschen zu motivieren, sich Sachen auch zuzutrauen.

JULIA ROTHERBL

Mhm. Woher hast du denn dieses Vertrauen genommen, dass das alles irgendwie aufgehen wird?

PROF. DAGNY HOLLE-LEE

Ja, also ich muss sagen, ich komme aus einer Familie, wo die Frauen immer gearbeitet haben. Also, meine, meine Mutter ist Ärztin, die hat da eine Leitungsposition gehabt, Das heißt, ich bin mit dem Gedanken schon groß geworden, dass das gar nicht untypisch ist, dass das geht. Und dass ich sozusagen jetzt so drauf gucke und das hinterfrage. Oder dass du mich fragst, wie das so geht, ist eigentlich erst was Neues. Weil ich sonst immer dachte, ich mache meine Sachen, ich mache das, was mir Spaß macht und ich guck einfach, in welche Richtung ich mich da entwickeln möchte. Und wenn Beschränkungen kommen, dann kommen die ja automatisch, dann werde ich das merken, wenn irgendwas einfach sich nicht organisieren lässt. Aber was ich immer mir gedacht habe, ich lass mich jetzt nicht beschränken durch etwas, was noch gar nicht da ist und was vielleicht auch gar nie so auftauchen wird.

JULIA ROTHERBL

Genau, du hast jetzt schon klar gemacht, dass du selber das eigentlich nicht so gespürt hast. An welchen Punkten oder in welchen Gesprächen, in welchen Situationen hast du trotzdem gemerkt, dass Frauenförderung in der Medizin immer noch dringend notwendig ist?

PROF. DAGNY HOLLE-LEE

Nein, es ist trotzdem natürlich so, dass ich das schon merke. Das ist überhaupt gar keine Frage. Das ist hier im Oberarztteam, in der Leitungsgruppe bin ich die einzige Frau. Das ist natürlich ungewöhnlich, wenn alle anderen um einen Männer sind. Und ich sehe ja auch, wie Entscheidungen getroffen werden und wer in welche Position gesetzt wird oder wer eben nicht befördert wird aufgrund des Geschlechtes am Ende. Weil man vielleicht einer Frau dann doch nicht zutraut. Das habe ich ganz häufig gesehen und das habe ich auch erlebt. Ich glaube nicht, dass ich persönlich was nicht bekommen hätte oder der Weg anders gewesen wäre als Mann, weil ich es durchaus auch als Vorteil sehe, in vielen Situationen auch als Frau in dem System drin zu sein. Aber es ist trotzdem immer noch viel schwieriger und man muss sich mit viel mehr Widerständen auseinandersetzen, als man das als Mann muss.

JULIA ROTHERBL

Was würdest du denn sagen, wo würdest du Vorteile sehen als Frau? Das finde ich jetzt spannend!

PROF. DAGNY HOLLE-LEE

Ja. Für mich ist gute Medizin, dass man sehr viel mit Patienten spricht, dass man die gut versteht. Und das ist - nicht, dass das nur Frauen können, keine Frage! Auch Männer können empathisch sein. Aber das ist sicher etwas, womit Frauen vielleicht häufiger sozialisiert sind und das vielleicht auch häufiger mal besser können oder sich auch in Situationen besser einzufühlen. Ich glaube, dass es für Teams besser ist, wenn da Frauen drin sind. Das ist immer meine Erfahrungen gewesen. Dass Teams aus Männern und Frauen viel, viel besser funktionieren, als wenn es nur Frauen oder nur Männer sind, weil es einfach ausgleichend wirkt und weil man auch Sachen auch auf, einfach noch mal anders drauf guckt. Und es nimmt häufiger mal auch ein bisschen Aggressionen raus, wenn einfach noch Frauen dabei sind, weil das ist so ein bisschen glättet, glaube ich, von der Stimmung.

JULIA ROTHERBL

Das habe ich auch schon gehört, dass die Gesprächskultur sich schnell ändert, sobald eine Frau mit dabei ist.

PROF. DAGNY HOLLE-LEE

Auf jeden Fall. Das tut mir manchmal leid für die Männer, weil ich weiß, dass das durchaus das normale Gespräch stört, Aber ich glaube, für das Allgemeine ist es ganz angenehm, wenn eine Frau mit dabei ist.

JULIA ROTHERBL

Dagny, vielleicht zum Schluss nochmal. Weil du vorher schon gesagt hast, die Schmerzmedizin ist so ein bisschen ein Stiefkind. Brich doch mal eine Lanze für die Schmerzmedizin!

PROF. DAGNY HOLLE-LEE

Also das eine ist, es tut sich unglaublich viel wissenschaftlich in dem Bereich. Also es ist ein mega interessantes Fach für Studien. Man kann mit Patienten arbeiten, man kann aber auch Nassforschung machen. Aber das Allerschönste ist die Arbeit mit Patienten. Ich habe immer wieder Hospitantinnen oder Kollegen, die mir einen Tag zugucken, die ganz begeistert sind, weil das so schön ist. Man macht ein Gespräch, man leitet eine Therapie ein, die häufig ganz einfach ist und die bei den allermeisten extrem große Erfolge hat. Man hat Patienten, die man wirklich gesund machen kann, die wieder am Leben teilhaben können. Und das ist was unglaublich Befriedigendes. Selbst wenn der ganze Tag ganz blöd war, kommt hier jeden Tag jemand rein, der sagt „Sie haben mein Leben besser gemacht.“ Und das macht natürlich mein Leben auch besser. Weil man weiß, man macht einfach einen guten Job. Ich finde dass ist wirklich einer der schönsten Bereiche der Medizin, die man machen kann.

JULIA ROTHERBL

Hmm. Schmerzlosigkeit hat natürlich viel mit Lebensqualität zu tun.

PROF. DAGNY HOLLE-LEE

Hat extrem viel damit zu tun!

JULIA ROTHERBL

Mhm, mhm. Gut, Dagny. Ich sag vielen Dank, dass du unsere Gästin warst. Das war ein tolles Gespräch und vielen Dank.

PROF. DAGNY HOLLE-LEE

Ja, danke schön.

BIS ZUM NÄCHSTEN MAL

JULIA ROTHERBL

Ich freue mich sehr, dass ihr diesen Podcast angehört habt. Ich freue mich natürlich auch, wenn ihr noch weitere Folgen anhört. Was ich ein bisschen schade finde ist, dass ich euch gar nicht wirklich kenne. Das könnten wir ändern, indem ihr bei Spotify oder Apple Podcasts unter unseren Podcast kommentiert und uns zum Beispiel verratet, ob ihr selber in der Medizin tätig seid. Ob euch diese Folgen inspirieren. Welche Themen ihr vermisst bisher. Oder ob ihr euch eine bestimmte Gästin wünscht! Die nächste Folge von „Frau Doktor, übernehmen Sie!“ erscheint in 14 Tagen am Montag.

SPRECHERIN

Ein Podcast von gesundheit-hören und Apotheken Umschau Pro.

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