Als Schwangere im OP - das ist nicht unmöglich!

Shownotes

Muss man Chirurginnen automatisch ins Berufsverbot schicken, wenn sie schwanger sind? Momentan wird das sehr oft so gemacht. Immer mehr junge Ärztinnen fordern allerdings, dass Schwangere zumindest ein Mitspracherecht haben. Darum geht es in diesem Gespräch mit der Augenchirurgin Dr. Anne Hunold. Sie stand selbst bis zur 37. Schwangerschaftswoche im OP. Wo sie Möglichkeiten und Grenzen für schwangere Ärztinnen sieht, erfahrt ihr in dieser Folge.

Mehr zum Verein "Die Augenchirurginnen e.V.": https://www.augenchirurginnen.de/home/

Es gibt ein Positionspapier zum Thema "Operieren in der Schwangerschaft". Dieses und mehr Infos zum Thema unter: https://www.opids.de/start/

Hinweis: In der ursprünglichen Version dieser Folge gab es eine Passage, in der der Eindruck entstand, dass Schwangere gar nicht unter Röntgenstrahlung arbeiten dürfen. Das stimmt so nicht. Wir haben die entsprechende Passage aus dem Folge entfernt.

Im Podcast "Frau Doktor, übernehmen Sie!" erzählen Frauen aus der Medizinbranche, wie sie dort Karriere gemacht haben. Dazu spricht Julia Rotherbl, Chefredakteurin der "Apotheken Umschau", mit Frauen, die in Führungspositionen arbeiten, die Herausforderungen gemeistert haben oder an ihnen gescheitert sind. Es geht um Themen wie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Sexismus, männliche Netzwerke, mangelnde Vorbilder oder verschiedene Arbeitsmodelle. Das Ziel: Euch zu inspirieren und ermutigen, euren eigenen Weg zu finden.

Montags alle 14 Tage erscheint eine neue Folge. Habt Ihr Fragen, Anregungen oder Kritik? Dann schreibt uns gerne an redaktion@gesundheit-hoeren.de

Redaktion: Julia Rotherbl, Anja Kopf; Schnitt und Post-Produktion: Anja Kopf, Benedikt Möltner, Yves Seißler; Managing Editor Audio: Peter Glück


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Transkript anzeigen

DR. ANNE HUNOLD

Beim Operieren passieren immer unerwartete Situationen und auch Komplikationen. Und es ist Aufgabe eines Operateurs, dann die Ruhe zu bewahren und es zu managen. Ich glaube, dass manchmal Frauen so was besser können als Männer.

JULIA ROTHERBL

Muss man Chirurginnen, weil sie schwanger sind, automatisch in ein Berufsverbot schicken? Momentan wird es sehr oft genau so gehandhabt. Aber immer mehr junge Ärztinnen fordern zumindest ein Mitspracherecht der schwangeren Frauen. Ich darf mich heute mit Dr. Anne Hunold genau darüber unterhalten. Sie ist auch Augenchirurgin und sie stand - haltet euch fest - bis zur 37. Schwangerschaftswoche im OP. Mein Name ist Julia Rotherbl. Ich bin Chefredakteurin der Apotheken Umschau. Ich freue mich auf das Gespräch. Und ich freue mich, dass ihr alle zuhört.

SPRECHERIN

Frau Doktor, übernehmen Sie! Ein Podcast von gesundheit-hören.de und Apotheken Umschau Pro

KAPITEL1 _OPERIEREN IN DER 37. SCHWANGERSCHAFTSWOCHE

JULIA ROTHERBL

Hallo Anne, ich freue mich sehr, dass du heute unsere Gästin bist.

DR. ANNE HUNOLD

Sehr gerne.

JULIA ROTHERBL

Ich weiß, dass du als Augenchirurgin tatsächlich in der 37. Woche noch am OP-Tisch gestanden hast und wenn ich mich so an meine 37. Schwangerschaftswoche mit unserer Tochter erinnere, muss ich sagen „Hut ab!“ Wie, wie war das denn mit diesem Bauch und vielleicht geschwollenen Beinen oder so. Oder vielleicht hattest du auch keine geschwollenen, ich weiß es nicht. Ich hatte welche. Genau, wie war das? Wie erinnerst du dich zurück?

DR. ANNE HUNOLD

Also, geschwollene Beine hatte ich auch. Und Rückenschmerzen hatte ich auch. Aber interessanterweise ist es wirklich so, dass wenn man dann in den OP geht, dass man dann so im Fokus ist… Gerade bei Augen-OPs guckt man ja durchs Mikroskop und dann ist man so in seinem Korridor, dass dann wirklich bei der hohen Konzentration, die man da fährt, diese Sachen alle total in den Hintergrund gehen. Das größte Problem hat mir eigentlich meistens mein Blutdruck gemacht, weil ab und zu die Kollegen, wenn ich so schieloperiert habe und ich unter der heißen Lampe saß und der Kreislauf wegsackte, hatte ich immer das super Anästhesieteam, die dann sich dann um die Operateurin gekümmert haben. Aber… Also mit hervorragenden, diesen Kompressionsstrümpfen, die man dafür hat, klappt das alles hervorragend. Also, ich habe das Operieren nicht als wirklich belastend empfunden, muss ich sagen. Also das hat… wir haben… machen das ja in sitzender Tätigkeit anders als andere Kollegen, die vielleicht stehend operieren müssen. Augenheilkunde ist ja auch nicht so, dass wir wie die Unfallchirurgen da Hüften heben müssen oder so oder Beine halten. Insofern ist das eigentlich nicht belastend.

JULIA ROTHERBL

War dir das denn wichtig auch tatsächlich, das solange wie möglich zu machen?

DR. ANNE HUNOLD

Bei mir ist die Situation ja so, dass ich im Grunde als angestellte Ärztin noch in der Praxis meines Vaters nach der Unizeit angefangen habe, dann schwanger geworden bin und dann als Partnerin schon in der Praxis drin war. Somit war ich selbstständig und dann ist es einfach so, dass sich die Frage nicht stellt, wenn man dann keine gute Vertretung hat und einem die anderen Angestellten ausfallen. Das war bei mir leider mehrfach der Fall, dass die, die eigentlich meine Vertretung machen sollten, nicht gekommen sind oder krank waren oder ja oder weg waren. Ja, dann ist es einfach so, dann muss das weiterlaufen. Da stellt sich gar nicht die Frage, bin ich jetzt im Berufsverbot oder mache ich das? Ich hatte mal vorzeitige Wehen bei der zweiten Tochter, so dass mein Gynäkologe meinte „Frau Hunold, ich kenne ihr Arbeitspensum, Sie müssen jetzt mal ein bisschen kürzer treten, sonst zieh ich Sie da zwangsweise raus.“ Ja, da hatten wir schon Gespräche, wo ich gesagt habe „So, also wir müssen irgendwie gucken, dass es in der Sprechstunde nicht fünf Spalten sind, sondern irgendwie so, dass ich nicht nur von A nach B hetze.“ Aber das betrifft gar nicht den OP. Das war eher die Sprechstunde. Wenn da irgendwie 120 Leute pro Tag durchnudeln und man von A nach B hetzt und zwischen den Räumen hin und her joggt, dann ist das schon belastender, als wenn man im OP auf einem Stuhl sitzt und einer nach dem anderen kommt. Und das… man weiß ja, wie viel da dann anfällt. Also ich muss sagen, wirklich, das Operieren war das entspannteste.

JULIA ROTHERBL

Aber tatsächlich ist es ja in der Chirurgie auch quasi in diesem ganzen Dunstkreis Frauenförderung ein Politikum, dieses Operieren in der Schwangerschaft. Weil einen das jetzt ja auch in der Facharztausbildung dann, wenn man bestimmte OPs nicht mehr ausführen darf, zurückwirft in seiner Ausbildungsgeschwindigkeit. Wie beurteilst du das denn?

DR. ANNE HUNOLD

Das ist so. Da brauchen wir gar nicht um den heißen Brei herumzureden. Das ist einfach so, dass es so ist, wie es in größeren Zeitschriften veröffentlicht wurde. „Kinder, Karriereknick Nummer 1 bei den Frauen“. Und gerade bei den Operateurinnen oder Medizinern sehe ich das genauso. Also es ist so, dass man wirklich eine lange Ausbildungszeit hat. Man hat das Studium und braucht dann mindestens fünf Jahre, um die Facharztweiterbildung zu haben. Das heißt, selbst wenn ich... Ich habe wirklich alles super schnell durchgezogen. Ich war mit 24, Ende 24 schon in der Klinik und mit 30 war ich Fachärztin und habe dann mein Kind bekommen. Aber wenn ich mit 27 ein Kind in der Ausbildung bekomme und dann noch Teilzeit arbeite oder dann meine Dienste mit dem Kind nicht so machen kann, dann wirft mich das zurück. Ob die Regularien wirklich hilfreich sind für Operateurinnen, ist so die Frage. Denn ich habe jetzt drei Schwangerschaften voll durch operiert und ich habe weder Narkosegasschädigungen erlitten, noch mich jetzt irgendwie verletzt oder irgendwo angesteckt. Man ist ja auch so vorsichtig und wenn man weiß, man ist schwanger, dann ist man doppelt vorsichtig. Und wenn man weiß, der Patient hat Hepatitis C, dann sieht man doppelt die Handschuhe an. Das macht man auch, wenn man nicht schwanger ist. Aber das Problem ist sicherlich, dass sowohl die Chefs als auch die Arbeitgeber, in dem Fall die Krankenhäuser, natürlich eine gewisse Fürsorgepflicht haben und Haftung haben. Und denen ist das zu heiß, für die ist das einfach… Also ich weiß es bei meinem Belegkrankenhaus, die haben eine Versicherung abgeschlossen, dass wenn jemand schwanger wird, dann schicken die den lieber sofort ins Berufsverbot, kriegen dann die Versicherungssumme für die Ausfälle, dann müssen sie sich mit dem Risiko oder mit dem Umorganisieren für die Schwangere eigentlich nicht mehr auseinandersetzen. Aber die Kollegin an sich hat das Nachsehen.

JULIA ROTHERBL

Und die wird auch nicht gefragt, wie sie eigentlich das Risiko für sich beurteilt?

DR. ANNE HUNOLD

Also die Schwestern wurden alle nicht gefragt. Die Chirurginnen wurden auch alle nicht gefragt. Ich habe eine Freundin, die ist, die ist Neuroradiologin und macht auch… ist einfach eine teure Mitarbeiterin, weil sie außertariflich bezahlt wird. Und da ist es so, dass ihr dann auch nahegelegt worden ist, lieber ins Berufsverbot zu gehen, weil solange sie dann diese Operationen nicht machen kann, bringt sie dann dem Haus wirtschaftlich nichts. Und auch wenn sie andere Tätigkeiten als Radiologin wie Befundungen am Bildschirm machen könnte, ist das dann… wird dann gegengerechnet, ja das ist aber unlukrativ, das kann ein billigerer machen, also kommt das jetzt nicht in Frage. Also die ist knallhart, ist zwangsweise ins Berufsverbot geschickt worden. Die wollte weiterarbeiten.

JULIA ROTHERBL

Okay. Also du hast jetzt ja vorher schon gesagt, du hast dann einfach doppelt aufgepasst. Wie hast du denn für dich so dieses, dieses Risiko…? Also hast du das jemals tatsächlich abgewogen oder warst du dir einfach sicher, jetzt ist die ganze Zeit vorher nichts passiert ist, jetzt wird in den Schwangerschaften auch nichts passieren? Oder wie bist du damit umgegangen?

DR. ANNE HUNOLD

Ich habe gedacht, jetzt wird auch weiter nichts passieren. Ich war da total tiefenentspannt. Ich habe da auch keine Angst gehabt. Ich glaube, sobald man Angst hat ist, wird man ja unsicher. Ja, also ich operiere inzwischen seit 17 Jahren und es ist so, dass ich einfach noch nie Angst hatte und dass ist… Beim Operieren passieren immer unerwartete Situationen und auch Komplikationen und es ist Aufgabe eines Operateurs dann, die Ruhe zu bewahren und es zu managen. Ich glaube, dass manchmal Frauen so was besser können als Männer. Das... Ja, also einfach auch, wenn sie sich da nicht cholerisch aufregen oder die Schwester anbrüllen, wenn irgendwas nicht geklappt hat, sondern noch mal in sich zu gehen und zu überlegen… Und wenn man Dinge gut vorbereitet, sage ich auch meinen Patienten heute noch immer, Vorbereitung ist immer die halbe Miete. Ja, wenn ich weiß, das und das und das kann passieren und ich gehe in eine OP rein, die vielleicht kompliziert werden könnte. Und ich habe innerlich schon Fall A, B, C so durchgespielt, dann ist es ziemlich entspannt, weil wenn es dann passiert... Ich hatte letztens einen sehr, sehr komplizierten Fall und da ist wirklich ganz viel passiert und ich habe das alles vorher mit dem Patienten besprochen und der sagte danach „Ach wissen Sie, ich bin so froh, dass Sie diese OP gemacht haben, weil Sie haben es mir vorher alle schon gesagt, dass das vielleicht passieren wird und Sie haben es trotzdem gemacht.“ So, ich glaube, das ist ganz wichtig, auch in der Patientenkommunikation, dass man die Leute mitnimmt und offen über Sachen redet und nicht irgendwie das Blaue vom Himmel verspricht. Ja. Also nein, ich hatte nie Angst. Ich habe mir nie Sorgen gemacht.

KAPITEL 2_ „WER WIRKLICH OPERIEREN WILL, MUSS OPFER BRINGEN“

JULIA ROTHERBL

Ja, ich habe tatsächlich auch gelesen, dass es ja eine Umfrage gab unter schwangeren Ärztinnen und Medizinstudierenden. Und 50 Prozent haben in der Umfrage - also 4.800 haben teilgenommen und die Hälfte davon hat gesagt, sie hätten Bedenken gehabt, ihre Schwangerschaft dem Arbeitgeber zu melden. Das finde ich schon krass.

Wie wäre es denn für dich, wenn jetzt eine angestellte Augenchirurgin schwanger werden würde und du quasi auf der gegenüberliegenden Seite bist?

DR. ANNE HUNOLD

Also, wir hatten den Fall in der Tat schon und da hat sich das Problem insofern gestellt, dass wir im Rahmen der Makulaerkrankungsbehandlung, also das sind sogenannte Medikamentengaben bei altersbedingter Makulaerkrankung, Medikamente in das Auge spritzen. Das war eine Operation, die diese Kollegin auch durchgeführt hat und die hätte das auch gerne weiter gemacht. Aber diese Medikamente fallen unter die Zytostatika-Regelung und Zytostatika sind ganz klar fruchtschädigend und als solche klassifiziert. Und da gibt es dann sogenannte Risikobewertungen und das war dann der Grund, warum das eben definitiv nicht mehr ging. Jetzt muss man fairerweise auch sagen, das kommt natürlich aus dem Bereich der Onkologie, wo irgendjemand mit ganzen Infusionslösungen, die er anschließt an onkologische Patienten herumhantiert und großflächig Kontakt mit diesem Medikament bekommen könnte. Bei uns ist das in einer Spritze vorbereitet, von der Apotheke steril verpackt, 0,05 Milliliter. Wie da jetzt Unmengen verspritzt werden könnten, die ich dann irgendwo abbekomme, ist mir nicht ganz klar. Nur da ist wirklich dann unsere Rechtsprechung oder unsere, unsere Regularien, die verallgemeinern das halt. Wir haben Gefahrstoffbeurteilungen und da müssen wir ganz klar sagen, das ging nicht. Die habe ich da auch rausgenommen, weil ich gesagt habe, wenn du das machen möchtest und dein Kind hat letztendlich eine Behinderung, dann kann im Nachhinein die Versicherung kommen und sagen „Deine Chefin hat aber da nicht drauf geachtet“. Das war sicherlich ein Problem. Ich weiß von einer anderen Kollegin, die hat weiter operiert, hat aber die Mutterschaftsmeldung erst sehr, sehr spät abgesetzt. Das heißt, die hat halt einfach weiter operiert und sie und der Chef waren sich einig, dass das… dass sie das weiter machen möchte, der hat das auch unterstützt. Aber die Meldung - also wir müssen ja so Mutterschaftsbögen ausfüllen und Meldung an die Bezirksregierung machen usw. - und das haben die halt erst im achten Monat gemacht, als sie schon in Mutterschutz gegangen ist. So.

JULIA ROTHERBL

Also wahrscheinlich grundsätzlich ist Chirurgie schwerer zu planen als jetzt eine normale augenärztliche Behandlung jetzt, so, könnte ich mir vorstellen. Und es ist ja auch so, du engagierst dich in dem Verein Die Augenchirurginnen e.V. und ihr macht das ja unter anderem auch oder ihr engagiert euch unter anderem auch deshalb, weil in der Augenheilkunde tatsächlich relativ wenig Frauen chirurgisch arbeiten.

DR. ANNE HUNOLD

Also es werden immer mehr. Es ist aber so, dass wir uns natürlich auch klar sein müssen darüber, dass in meiner Generation - also ich habe 98 angefangen zu studieren - da waren wir noch 50 Prozent männliche Kommilitonen und 50 Prozent weibliche. Das wechselt langsam. Aber es ist in der Tat wirklich so, die Augenheilkunde ist ein Fach, wo man extrem spät mit dem Operieren anfängt. Also wir werden in der… Auch wenn das im Katalog drinsteht, in der Regel bekommt man innerhalb der Facharztausbildung keine operative Ausbildung. Das war bei mir übrigens auch nicht so, obwohl ich bei meinem Vater war, die letzten anderthalb Jahre. Da hieß es dann immer „Mach erst mal einen Facharzt und dann gucken wir mal weiter.“ Jetzt habe ich natürlich dadurch, dass er mich ausgebildet hat, das Glück gehabt, dass ich jemanden hatte, der mir auch was beibringen wollte und der einfach sehr viel Zeit aufgewendet hat, sich da stundenlang daneben zu setzen. Das ist nicht mehr der Fall. Also, ich habe eine Freundin, der wurde zugesagt, dass sie ausgebildet wird. Aber das sah dann so aus, dass der Chef im Nachbar-OP sitzt und sagt „Ja, Frau Soundso, dann gehen Sie mal dahin, und wenn was passiert, dann rufen Sie mich.“ So ist man nicht so entspannt beim Operieren.

JULIA ROTHERBL

Wobei, das trifft ja dann wahrscheinlich Frauen wie Männer gleich.

DR. ANNE HUNOLD

Das trifft Frauen wie Männer sicherlich gleich. Ja. Der Punkt ist einfach, dass das in gewissen Kliniken, wo ältere Chefs - ich will es jetzt gar nicht verallgemeinern, aber - wo männliche, ältere Chefs oder konservativere Chefs das Sagen haben, halt die Männer bevorzugt werden. Wenn man dann die Weiterbildung fertig hat, dann ist es schon so, dass es immer noch genügend oberärztliche Kollegen gibt, die das jetzt nicht forcieren. So nach dem Motto „Jetzt gebe ich mir Mühe, der was beizubringen, und dann wirst sie schwanger und dann isse weg.“

JULIA ROTHERBL

Ja, das ist immer so im Hinterkopf, dass man da Arbeit oder Engagement reinsteckt und am Ende geht die Frau dann halbtags arbeiten oder kommt gar nicht mehr zurück, oder…?

DR. ANNE HUNOLD

Also ich denke, man muss beide Seiten sehen. Es wird sicherlich schwerer operieren zu lernen oder erst rankommen. Auf der anderen Seite muss man vielleicht auch mal eine Lanze brechen. Wer wirklich operieren will, der muss das auch wollen und der muss auch bereit sein, dafür gewisse Opfer zu bringen. Das ist einfach so. Es gibt gewisse Berufe und gewisse Karrieren, die man nur erreicht, wenn man gewisse Abstriche an anderen Bereichen macht. Ja, wenn man dann irgendwie… Ne, da ist man im Zirkus… Habe ich… Ich war letztens im Zirkus, dann ruft die Station sieben Mal an und dann habe ich meinem Mann – irgendwie war ich zig mal aus den Zelt rein und raus - und da habe ich dem, meinem Mann gesagt „Mir lässt das jetzt keine Ruh, das tut mir total leid. Fahr mit den Kindern nach Hause, ich fahr jetzt in die Klinik.“ So. Und es war was. Mein Bauchgefühl hat mich nicht im Stich gelassen. Aber zum Schluss war ich um halb zwei erst wieder zu Hause, hatte das dann geregelt, habe dann auch… Das hatte noch alles gut geklappt. Aber letztendlich ist es so, man hat die komplette Verantwortung. Das ist vielleicht in einer Klinik, wo sich mehrere die Verantwortung teilen, anders, weil da ein anderer Oberarzt zuständig ist. Aber wenn man selbstständig ist und operative Patienten hat, dann muss man sich drum kümmern. Und dann fragt dieser Patient oder die Komplikation in dem Moment nicht, ob da jetzt gerade drei Kinder im Zirkus bespaßt werden wollen, ne.

KAPITEL 3_AUGENHEILKUNDE – (K)EIN TRAUMJOB

JULIA ROTHERBL

Anne, was ich, was ich aber total spannend finde. Du hast ja jetzt auch schon erwähnt, du hast quasi die augenärztliche Praxis deiner Eltern übernommen und wolltest aber eigentlich gar nicht in die Augenheilkunde.

DR. ANNE HUNOLD

Stimmt.

JULIA ROTHERBL

Warum denn nicht?

DR. ANNE HUNOLD

Ich wollte eigentlich Herzchirurgin mal werden, als ich so jung und dynamisch und voller Tatendrang war. Und dann habe ich in Wien Unfallchirurgie gemacht, Praktikum im AKH und da kamen die Polittraumata in die Unfallchirurgie und es kam der Hubschrauber und es war Action…

JULIA ROTHERBL

… Action…

DR. ANNE HUNOLD

… und ich fands wunderbar. Und das ist zum Beispiel ein super Beispiel, im AKH -als kleiner Schwank – im AKH war es so geregelt, dass wir fünf Teams hatten und es waren gleich viele Frauen wie Männer in den oberärztlichen Positionen in der Unfallchirurgie. Was in Deutschland sicher nicht so ist. Und die haben es einfach super organisiert. Wir haben um sieben Uhr morgens angefangen, es gab um zwei Uhr eine Mittagsbesprechung und nach 2 Uhr 30 waren alle fertig, außer das Team, was Notdienst hatte. Das heißt, alle vier Teams, die nicht Dienst hatten, die gingen nach Hause. Wir hatten A, B, C, D, E und es hatte immer ein Team Aufnahme, 24 Stunden. Das waren irgendwie 12, 14 Leute, die haben sich dann diese 8-Stunden-Schichten aufgeteilt. Am nächsten Tag hatte man einen Tag frei nach Dienst, also die 24 Stunden frei. Danach hatte man den Tag geplante Operationen wie Schrauben wieder rausholen oder Drähte oder so. Ein Tag war Ambulanztag, da hat man quasi einen Tag hatte das Team… Ich war Team E, war Team E in der Ambulanz, um die Patienten, die nachkontrolliert werden müssen, dort zu sehen oder neuen Gipse usw. Und der fünfte Tag war in der Tat… der letzte Tag war in der Tat Administration. Forschung und Administration. Da hatten die einen kompletten Tag für. Und somit konnte man… Man wusste das ganze Jahr durchgehend, wann ist man dran. Wann ist Team E am Samstag dran, am Sonntag dran usw. Ich fand es herrlich. Man war um 14 Uhr 30 super geplant aus dieser Klinik raus. Und ich habe mir gedacht, so wird es natürlich total frauenkompatibel, wenn man es einfach gut organisiert. Und ich glaube, da haben wir noch echt viel Aufholbedarf. Ich meine, auch Augenheilkunde kann man ja gut organisieren. Um aber jetzt auf das andere… um auf die andere Frage zurückzukommen.

JULIA ROTHERBL

Wie bist du doch noch zur Augenheilkunde gekommen? Genau, das war die Frage, die sich noch gestellt hat.

DR. ANNE HUNOLD

Genau. Ich wollte eigentlich Herzchirurgie machen. Und dann war ziemlich klar, meine ganze Familie wimmelt vor Internisten und Kardiologen usw. Und dann habe ich gedacht „Ja, ich mache sowieso Innere“. Aber im PJ, das sogenannte praktische Jahr, wollte ich unbedingt ins Ausland und dann hatte ich noch zur Auswahl die USA. Und weil mein Vater eben Augenarzt ist und gute Beziehungen zu allen Professoren hat, war es so, dass ich da ein Einladungsschreiben brauchte für das Visum. Und dann habe ich eben „nur“ in der Augenheilkunde - in Anführungsstrichen - eine Einladung erhalten, um dort mein PJ zu machen. Und da habe ich gedacht „Na gut, machste mal Augenheilkunde, kannst ja immer noch gucken. Machst ja eh Innere.“ Und Augenheilkunde habe ich dann vier Monate in Salt Lake City gemacht und habe das als ganz, ganz toll empfunden. Das war einfach total schön. Dann habe ich zum ersten Mal erlebt, wie vielseitig Augenheilkunde ist. Und das muss man auch sagen, wie dankbar die Patienten sind. Ja. Wir machen eine Graue-Star-OP und …

JULIA ROTHERBL

… und die sehen wieder richtig…

DR. ANNE HUNOLD

…und die dauert nicht lange. Wir haben unglaublich hohe Erfolgsraten und die Patienten merken jeden Tag, dass man ihnen total viel Lebensqualität zurückgebracht hat. Die meisten Patienten wissen nicht mehr, ob sie mal eine Gallenblasen-OP oder eine Blinddarm-OP hatten oder nicht, geschweige denn, wer sie damals operiert hat. Ob sie an den Augen operiert worden sind, das wissen die, das merken die jeden Tag. Also, wir haben ein kleines Fach, was aber sehr, sehr dankbar ist, weil wir unglaublich tolle Technologien haben, unglaublich supergute Medikamente, Einsatzmöglichkeiten. Wir haben ein unglaublich innovatives Fach und eine extrem hohe Erfolgsquote. Das darf man nicht vergessen.

JULIA ROTHERBL

Also du hast dein Fach für dich gefunden?

DR. ANNE HUNOLD

Total. Auch weil ich wirklich dieses Chirurgische total mag. Und in der Schweiz habe ich eine sehr, sehr nette Oberärztin der Unfallchirurgie kennengelernt, die damals sagte „Du bist handwerklich geschickt. Du musst Chirurgie machen. Aber such dir ein kleineres Fach. Mach Handchirurgie oder so. Nicht so was großes wie ich. Guck mich an. Ich bin 55, ich bin unverheiratet und alleine. Du brauchst ein kleines Fach, wenn du Familie möchtest.“ Und im Grunde hat sie eigentlich sehr recht gehabt.

JULIA ROTHERBL

Was allerdings auch schade ist. Also, dass man in den großen Fächern das immer noch nicht vereinbaren kann oder oft nicht vereinbaren kann. Ist natürlich auch schade.

DR. ANNE HUNOLD

Ja, ich denke, wir werden da einfach strukturell dran arbeiten müssen. Aber das ist etwas, was auch die Politik wollen muss. Ja. Also ich glaube, wir steuern auf einen gewissen Ärztemangel zu. Das wissen wir eigentlich alle.

JULIA ROTHERBL

Das wissen wir schon, ja.

DR. ANNE HUNOLD

Und wenn ich mir anschaue, dass meine Mutter als Hausärztin mit ihren 75 Jahren immer noch 60-70 Stunden-Wochen macht und die ganzen Hausbesuche, die sie macht, kein Jüngerer machen möchte, weil das alles zu anstrengend ist. Wir werden, um so jemanden dann, der in Rente geht, zu ersetzen, zwei bis drei Kollegen brauchen, die das Pensum sich dann aufteilen, um mit ihrer Work-Life-Balance besser hin zu kommen. Ja. Es ist einfach so, dass wir viel, viel, viel mehr Leute ausbilden müssen. Wir bräuchten eine dreifache Menge an Studienplätzen, weil uns einfach… Weil wir ja eigentlich wissen, dass wir bei einem höheren Frauenanteil auch eine höhere Abwanderung haben werden, sobald Kinder ins Spiel kommen.

JULIA ROTHERBL

Höhere Teilzeitquote auch, ja, genau. Anne, ich würde dich gerne zum Schluss des Gesprächs fragen - du leitest ja jetzt Praxen - wie du vielleicht selber versuchst... Du sagst, man muss strukturell auch Dinge ändern, organisatorisch, wie du ja selber versuchst, eine frauenfreundlich Arbeitgeberin zu sein.

DR. ANNE HUNOLD

Ja, das ist eine gute Frage. Wir haben jetzt viele neue... Also wir haben auch so Bewerbungsgespräch und so geführt. Da sind einige, die gesagt haben, ich bin berufstätig, ich möchte das. Da komme ich Ihnen schon entgegen. Also die eine Mitarbeiterin, die jetzt anfängt im Oktober, hat ihr Kind in der Schule, die aber neben dem einen Praxisstandort ist. Das heißt, da gucke ich schon, dass sie natürlich nicht irgendwo völlig anders eingeteilt wird, sondern da, wo Sie ihr Kind dann auch um 2 Uhr optimalerweise abholen kann, ja. Ich muss auch fairerweise sagen, dass das immer so eine gewisse Dynamik bei den Vollzeitkräften, die kinderlos sind, auslösen, wenn man sehr viel Rücksicht auf kinderhabende Mitarbeiter ja verwendet. Also, dass die Mitarbeiter mit Kindern Vorrang in den Ferien haben beispielsweise mit den Urlaubswünschen und so. Das ist total klar. Und da haben wir auch in der Regel kein Problem mit, weil außerhalb der Ferien ist es günstiger und das finden die anderen eh dann viel besser. Aber, ja, also wenn es darum geht, wer bleibt denn jetzt noch lange oder wer bleibt denn noch länger, da fängt es dann an. Und da versuchen wir es meistens so zu machen, dass da Kompromisse machen, dass jemand nicht 20 Stunden, viermal die Woche vormittags kommt, sondern dass wir sagen, wir machen nur drei Tage. Aber ein Nachmittag, den müssen wir irgendwie organisiert kriegen. So. Und das hat bei denen, die Kinder haben, eigentlich gut geklappt. Also ich habe eine Optikerin, die hat Zwillinge, die sind klein. Da passt dann dienstags nachmittags die Oma auf. Und die ist dann halt auch Dienstagnachmittag da. Und das kommt ihr entgegen, weil sie einen langen Tag hat, wo sie dann nicht eine zusätzliche Anfahrt hat. Dafür hat sie dann den anderen Tag komplett frei. Ja, also ich denke, das klappt schon ganz gut. Das versuchen wir auch irgendwie gut zu regeln.

JULIA ROTHERBL

Anne, Ich sage vielen Dank für das Gespräch, dass du dir die Zeit genommen hast.

DR. ANNE HUNOLD

Ja, sehr gerne.

JULIA ROTHERBL

Vielen Dank.

VERABSCHIEDUNG

JULIA ROTHERBL

Wir wissen, dass das Thema Operieren in der Schwangerschaft ein riesengroßes Thema ist, sicher auch für ganz viele von euch. Wir wissen, dass das in der Berufspolitik immer wieder für Diskussionen und Auseinandersetzungen sorgt und wir wissen auch, dass natürlich die heutige Gästin nicht repräsentativ ist für viele andere Fachrichtungen. Eine Augenchirurgin hat ganz andere Voraussetzungen als etwa eine Frau, die in der Unfallchirurgie tätig ist. Deswegen wollen wir euch gerne wissen lassen, dass wir das Thema Operieren in der Schwangerschaft auf jeden Fall nochmal aufgreifen werden mit einer Gästin aus einer anderen Fachrichtung. Wer sich also für das Thema interessiert, mein Tipp – abonniert den Podcast, dann wisst ihr ganz sicher, wann wir nochmal darüber sprechen werden. „Frau Doktor, übernehmen Sie!“ erscheint alle 14 Tage neu, immer montags.

SPRECHERIN

Frau Doktor, übernehmen Sie! Ein Podcast von gesundheit-hören.de und Apotheken Umschau Pro

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