"Wir müssen alle mal raus aus unserer Komfortzone" - Einsatz bei "Ärzte ohne Grenzen"

Shownotes

Weg vom deutschen Gesundheitssystem, hinein in ein Krankenhaus im Südsudan. Dort hat unsere Gästin Sophia Rost über die Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" drei Monate als Anästhesistin gearbeitet. Wie sie die Arbeit dort erlebt hat und was sie für ihre weitere Karriere zurück nach Deutschland bringt, erzählt sie in dieser Folge. Und sie verrät, wie sie Google Translate an die Grenzen gebracht hat.

Wer sich bei "Ärzte ohne Grenzen" engagieren möchte, findet hier mehr Infos: https://www.aerzte-ohne-grenzen.de/stellenangebote/der-weg-ins-projekt

Weitere Informationen zum Thema Spende gibt es: https://www.aerzte-ohne-grenzen.de/spenden

Im Podcast "Frau Doktor, übernehmen Sie!" erzählen Frauen aus der Medizinbranche, wie sie dort Karriere gemacht haben. Dazu spricht Julia Rotherbl, Chefredakteurin der "Apotheken Umschau", mit Frauen, die in Führungspositionen arbeiten, die Herausforderungen gemeistert haben oder an ihnen gescheitert sind. Es geht um Themen wie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Sexismus, männliche Netzwerke, mangelnde Vorbilder oder verschiedene Arbeitsmodelle. Das Ziel: Euch zu inspirieren und ermutigen, euren eigenen Weg zu finden.

Montags alle 14 Tage erscheint eine neue Folge. Habt Ihr Fragen, Anregungen oder Kritik? Dann schreibt uns gerne an redaktion@gesundheit-hoeren.de

Redaktion: Julia Rotherbl, Anja Kopf; Schnitt und Post-Produktion: Anja Kopf, Benedikt Möltner, Yves Seißler; Managing Editor Audio: Peter Glück


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Transkript anzeigen

SOPHIA ROST

Ich finde, wir müssen alle mal raus aus unserer Komfortzone und man lernt einfach nur unglaublich viel dazu. Über sich selbst, über seine eigenen Grenzen, aber auch fachlich. Und es ist auf jeden Fall die Erfahrung wert.

JULIA ROTHERBL

In der heutigen Folge verlassen wir mal Deutschland und das deutsche Gesundheitssystem und springen ganz weit weg in ein Krankenhaus im Südsudan. Dort hat unsere Gästin Sophia Rost drei Monate als Anästhesistin gearbeitet. Über die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen. Über diese spannende Erfahrung will ich heute mit ihr sprechen und ich hoffe, ihr seid genauso gespannt wie ich. Ich bin Julia Rotherbl, Chefredakteurin der Apotheken Umschau. Und wünsche euch ganz viel Spaß beim Zuhören.

SPRECHERIN

Frau Doktor, übernehmen Sie! Ein Podcast von gesundheit-hören.de. Und Apotheken Umschau Pro.

KAPITEL 1_VON DER ERSTEN IDEE ZUR BEWERBUNG

JULIA ROTHERBL

Sophia, ich freue mich sehr, dass du unsere Gästin bist und freue mich total auf das Gespräch.

SOPHIA ROST

Ja, ich mich auch.

JULIA ROTHERBL

Sophia, ich falle gleich mit der Tür ins Haus, weil das eine Frage ist, die ich so als Menschtyp Sicherheit irgendwie total spannend finde. Du hast… also du bist Fachärztin für Anästhesie, hast dann noch zwei Zusatzbezeichnungen draufgelegt und hast dann beschlossen zu kündigen und für Ärzte ohne Grenzen zu arbeiten. Wie kam es zu dieser Entscheidung?

SOPHIA ROST

Ja, also tatsächlich hing so ein kleines bisschen mit Corona zusammen. Also ich hatte es schon mal früher vor – 2017 - hatte mich dann aber doch nicht mit dem Bewerbungen fertigmachen richtig überwinden können und mich erst mal aufs Reisen verlegt. Und dann war das Ganze nicht mehr so gut möglich während Corona. Und ich musste auch noch mehr auf der Intensivstation arbeiten mit Corona-Patienten als vorher. Und… Anstrengend ist das falsche Wort. Aber es stellte noch mehr so unsere Medizin für mich so ein bisschen infrage und ich wollte noch mehr in einem Setting arbeiten, wo ich das Gefühl habe, dass es dringender notwendig ist und das Gefühl haben, dass keine Sachen gemacht werden, die vielleicht unnötig oder zu viel sind. Was man hier manchmal schon als Gefühl hat. Und deswegen kam das dann während der Corona-Pandemie im Prinzip mehr wieder in den Kopf. Und ja, 21 habe ich mich dann während der Planung für das Jahr 22 im Prinzip dafür entschieden.

JULIA ROTHERBL

Wie hat so deinen Arbeitgeber reagiert? Also hast du auch offen gesagt, warum du gehst?

SOPHIA ROST

Ja, tatsächlich habe ich. Also ich… Wir hatten es immer so, dass wir die Jahresurlaubsplanung schon im September, Oktober für das darauffolgende Jahr gemacht haben. Und in dem Zusammenhang bin ich dann zu meinem leitenden Oberarzt gegangen und habe ihm von der Idee und dem Plan erzählt. Und natürlich war er nicht sehr erfreut, weil er wusste, er verliert einen guten Mitarbeiter. Aber er war auch eigentlich nicht besonders überrascht, weil ich schon in den Jahren davor immer mit ein paar verrückten Ideen kam. Also 2017 nach meinem Facharzt hatte ich ein halbes Jahr unbezahlten Urlaub mir genommen, um eine längere Reise zu machen und habe in den Jahren danach meine Arbeit auf Teilzeit reduziert, auf 80 Prozent. Aber in einem anderen Modell, als es die meisten machen. Also ich hatte nicht einen Tag die Woche frei, sondern habe die 20 Prozent immer gesammelt und war dann 2018 und 19 jeweils anderthalb, zwei Monate weg und hatte da auch schon Sachen vor, sodass er nicht überrascht war, aber natürlich traurig über die Kündigung. Ja.

JULIA ROTHERBL

Okay, also das ist ja allgemein auch das, was du gerade erzählt hast, relativ spannend. Weil, die meisten würden jetzt sagen „Das geht nicht, also unbezahlten Urlaub oder langen Urlaub, das funktioniert nicht, das macht auch mein Arbeitgeber nicht mit und so…“ Wie hast du das geschafft, dass es irgendwie doch ging?

SOPHIA ROST

Also ich habe mir das vorher auch gedacht und habe mich es tatsächlich auch bis 2016, ich würde fast sagen, nicht getraut. Also, viele haben immer gesagt, unbezahlter Urlaub, das geht nicht, das gibt's nicht, das machen wir nicht. Und bei mir war das ja aber so ein starker Wunsch, weil ich wirklich von Schule, Studium, Facharzt immer alles so an einem Stück durchgezogen habe. Und ein bisschen ja traurig, neidisch weiß ich nicht viele gemischte Gefühle hatte, was andere Leute betrifft, die ein Auslandssemester oder Work and Travel oder irgendwelche Reisen gemacht hatten. Und ich fand dann, dass ich es mir bis zu einem gewissen Grad auch verdient hatte. Ich denke, das muss man gar nicht, aber dieses Gefühl hatte ich und mit dem bin ich dann in das Gespräch auch reingegangen und musste sagen, dieses mit dem unbezahlten Urlaub war gar nicht schwer zu bekommen. Also, ich hatte aber auch im Hinterkopf, wenn mir das mein Arbeitgeber nicht ermöglicht, dann kündige ich eben. Also, ich bin eigentlich nach dem Facharzt für diese längere Reise mit der Idee hingegangen, ich kündige jetzt und komme dann später vielleicht wieder. Und tatsächlich war es mein leitender Oberarzt, der dann gesagt hat „Mensch, können wir da nicht irgendwas machen, dass wir Sie halten? Also können wir es nicht vielleicht über unbezahlten Urlaub machen, dass Sie auf jeden Fall wiederkommen?“ Also ich denke, bei den meisten Krankenhäusern ist inzwischen doch der Mangel auch im Ärztebereich so stark angekommen, dass wenn sie Assistenzärzte, Fachärzte haben, wo sie wissen, worauf sie sich verlassen können, dass doch auch ein gewisses Entgegenkommen von Arbeitgeberseite zu bemerken ist.

JULIA ROTHERBL

Okay, spannend. Man hat eigentlich eine bessere Verhandlungsposition, als man vielleicht denkt.

SOPHIA ROST

Auf jeden Fall. Man muss es sich nur trauen. Und man muss natürlich auch wissen, was es ist meine alternative Konsequenz. Also kann ich damit leben, dass ich jetzt kündige. Und das ist sicherlich für mich als nicht verheiratete Frau ohne Kinder leichter, als wenn man gebunden ist und sich vielleicht mehr Absicherung wünscht. Aber auch da denke ich, man kann inzwischen so mutig sein, dass man auf jeden Fall im Hintergrund weiß, als deutschsprachiger Facharzt findet man eigentlich immer einen Job. Ob es der Traumjob ist an dem Ort, den man unbedingt möchte, das ist eine andere Frage. Aber man wird als deutschsprachiger Facharzt mit Sicherheit nicht in der Arbeitslosigkeit landen.

JULIA ROTHERBL

Sophia, wie muss ich mir denn dieses Bewerbungsverfahren vorstellen bei Ärzte ohne Grenzen?

SOPHIA ROST

Also, primär beginnt das Verfahren mit einem Bewerbungsschreiben, das nicht ganz unaufwendig ist. Also, man muss ein englischsprachiges Motivationsschreiben verfassen, einen englischsprachigen Lebenslauf. Das sind sicherlich noch die Sachen, die man aus anderen Berufen durchaus gewöhnt ist, aber als Arzt halt vielleicht doch nicht so viele Bewerbungsschreiben in seinem Leben verfasst hat, die wirklich umfangreich sind. Und dann schließen sich daran noch etliche Formulare an Skillslisten, die man ausfüllen muss, die dann auch auf den Fachbereich zugeschnitten sind. Also in den Anästhesie-Skillslisten ist aufgeführt, in welchen Bereichen man Anästhesien gemacht hat, auch in der Notfallmedizin, welche Verfahren man schon gemacht hat, wie viele Kinderanästhesie man gemacht hat. Das ist recht umfangreich. Außerdem muss man drei Kollegen als Referenzen angeben, wo dann Ärzte ohne Grenzen Rückfragen stellen kann. Dann geht es aber ziemlich schnell. Also ich hatte innerhalb eines Tages einen Rückruf von der Kollegin, die fürs Recruiting zuständig ist. Die hat dann mit mir ein erstes Telefonat vereinbart. In diesem Telefonat haben wir erst mal ganz grob besprochen und dann haben wir einen nächsten Termin ausgemacht für das Bewerbungsgespräch. Das fand dann auch auf Englisch statt, mit zwei Kollegen von Ärzte ohne Grenzen. Und danach haben sie dann Kontakt zu meinen Referenzen aufgenommen. Und dann nach Bestehen dieses Verfahrens wurde man in den Pool aufgenommen. Und dann dauert es eben noch ein Weilchen, bis man ein Projekt angeboten bekommt. Hat dann auch die Möglichkeit zu sagen „Nein, das kann ich mir nicht vorstellen“. Aber ja, also für mich war das dann keine Frage.

JULIA ROTHERBL

Kann man denn Wunschorte angeben und Wunschzeiträume oder…?

SOPHIA ROST

Also, Zeiträume auf jeden Fall. Das ist Ärzte ohne Grenzen ja auch wichtig, dass man dann wirklich zur Verfügung ist. Wobei es meistens so ist, dass sie eher fragen, wie viel Vorlauf braucht man. Also, sie haben natürlich gerne flexible Mitarbeiter, die jetzt nicht sagen, ich kann nur in den drei Monaten, das wird auch nicht klappen. Entweder ist es ein größerer Zeitraum, in dem man variabel ist oder man hat schon mit seinem Arbeitgeber besprochen, dass man sagt, ich brauche eben acht Wochen Vorlauf oder so. Das ist so das Normale. Und es ist auch so, je nach Fachrichtung muss man für einen ersten Einsatz bei Ärzte ohne Grenzen unterschiedlich viel Zeit einrechnen. Als Chirurg oder Anästhesist hat man den Vorteil, dass der Ersteinsatz nur drei Monate lang sein muss. Wenn man sich aber als Pädiater oder Internist bewirbt, sollte man sich eher auf neun oder sogar zwölf Monate einstellen.

JULIA ROTHERBL

Okay. Und kann man einen Wunscheinsatzort oder einen Wunscheinsatzland angeben?

SOPHIA ROST

Also, man kann durchaus einen Wunsch angeben. Grundsätzlich ist es aber eher so, dass man sagen kann, was für einen nicht in Frage kommt. Also, man kann schon sagen, dass man jetzt nicht in ein Hochrisikogebiet, in ein aktuelles Kriegsgebiet möchte. Das kann man schon machen. Das schränkt aber natürlich dann wiederum die Möglichkeiten ein und damit gegebenenfalls das Zeitfenster, in dem Ärzte ohne Grenzen einen Platz für einen findet.

JULIA ROTHERBL

Also dein Einsatzort war ja ein Binnenflüchtlingslager im Südsudan. Als diese Zusage kam, wie war dein, wie war dein erstes Gefühl? War es so „Gott sei Dank. Endlich!“ oder „Oh Gott, jetzt wird es wirklich Realität!“

SOPHIA ROST

Also, es war eher so „Gott sei Dank. Endlich!“ Wir hatten vorher schon zweimal Angebote, die dann leider nicht geklappt hatten aus verschiedenen Gründen, so dass das wirklich eher „Gott sei Dank. Endlich!“ war. Dann die nächste Reaktion war - ich glaube für viele verständlich - der Südsudan? Was und wo ist das eigentlich? Ich habe dann erst mal Google aufgemacht. Sie hatten auch direkt den Ort mitgeschrieben, also konnte ich auch gleich schauen, wo das im Südsudan ist. Dann natürlich Wikipedia. Was gibt es als schnelle erste Infos über dieses Land? Und als ich dann gelesen habe, das jüngste Land der Erde, da war ich schon erstmal beeindruckt. Dann hat mich beruhigt, dass aktuell kein Bürgerkrieg, keine großen Kampfhandlungen da sind. Jetzt ist ja nun dieses Jahr gerade im Sudan wieder Konflikte ausgebrochen. Im Südsudan ist es Gott sei Dank immer noch erträglich ruhig. Aber... Ja, also da gab es natürlich erst mal ganz viel schon auf den ersten Blick, was an Infos kam, wo ich dachte „Oh ja, das wird bestimmt auch nicht ganz einfach, aber auch vor allem spannend.“ Und ich hatte auch nicht damit gerechnet, mit Ärzte ohne Grenzen irgendwo hinzukommen, wo ich jetzt ganz, ganz einfache und wunderbare Arbeitsbedingungen vorfinde. Von daher war wirklich eher die Vorfreude und es geht jetzt endlich los. Und die zweite Reaktion war dann „Okay, jetzt muss ich meinen Eltern und meiner Familie sagen, wohin es auch wirklich geht“ und ich war dann auch eher gespannt, wie die darauf reagieren, weil die natürlich auch schon vorher sehr besorgt waren. Ich glaube, es ist immer schwieriger für die, die nicht weggehen, als für denjenigen, der wirklich weggeht. Ich glaube, für mich war das einfacher als für meine Familie und meine Freunde.

JULIA ROTHERBL

Und wie war dann die Reaktion tatsächlich?

SOPHIA ROST

Ja, also es war eigentlich ganz okay. Ich glaube auch erst mal eben so unwissendsbedingt. Ich glaube, alle mussten sich selber auch erst mal anschauen, was das für ein Land ist und wie groß die Gefahr aktuell einzuschätzen ist. Man muss dazu sagen, mein erstes Angebot, was ich von Ärzte ohne Grenzen hatte, wäre die Zentralafrikanische Republik gewesen, also ein Nachbarland vom Südsudan, so dass zumindest über die Region schon ein bisschen Ahnung war. Und ich glaube, da sie sich mit dem Gedanken schon angefreundet hatten, war der Südsudan dann auch nicht schlimmer, sondern eher besser.

KAPITEL 2_DER ARBEITSALLTAG IN EINEM LAGER FÜR BINNENVERTRIEBENE

JULIA ROTHERBL

Also wir haben tatsächlich auch mal bei Google Maps geguckt, wo dieses Krankenhaus liegt und es wirkt ein bisschen, als läge es im Nichts. Also stimmt dieser Eindruck? Wie muss ich mir die Örtlichkeiten da vorstellen?

SOPHIA ROST

Der Eindruck ist grundsätzlich auf jeden Fall richtig. Also es gibt zwei in der Nähe gelegene Orte. Das ist Bentiu Stadt. Das ist tatsächlich sogar die Hauptstadt von diesem Bundesstaat-Unity. Das heißt aber nicht, dass da… das ein riesengroßer Ort ist, wo ganz viel möglich ist, sondern auch, dass es sehr ärmliche Verhältnisse sind, aber eben sehr viele Menschen vor allem. Und dann gibt es noch einen kleinen Ort ganz in der Nähe, der heißt Rubkona und dort ist dann auch der Airstrip, also die Landebahn, auf der man mit dem kleinen Flugzeug von der Hauptstadt aus dann ankommt. Was ganz wichtig für diese Region zur Vorstellung ist, ist, dass man weiß, dass dort seit vier Jahren in der Regenzeit so viel Niederschlag runterkommt, dass es auch in der Trockenzeit nicht abfließt und dadurch die gesamte Region komplett überschwemmt ist. Also, der Spiegel geht zwar immer ein bisschen runter, aber es ist aktuell nicht per Landwirtschaft zu bewirtschaften oder zu bewohnen. Viele Orte sind dauerhaft überflutet. Und das Binnenvertriebenenlager ist umgeben von Deichen, genauso wie Rubkona und der Airstrip und die Straße, die von dort zum Lager führt, sodass man sich eigentlich permanent ungefähr anderthalb Meter unter der Wasserlinie befindet. Und ich glaube, das ist der Haupteindruck, warum man sich im Nichts befindet. Also man ist umgeben von Wasser.

JULIA ROTHERBL

Wie kommen dann die Patientinnen und Patienten ins Krankenhaus? Mit dem Boot?

SOPHIA ROST

Die aus dem Binnenvertriebenenlager, die kommen gelaufen. Das ist ja auch umgeben von den Deichen. Und schon dort leben ungefähr 120.000 Menschen, so dass man durchaus genügend Patienten schon von dort hat. Aus der weiteren Umgebung, wenn sie selbstständig kommen, dann tatsächlich mit Kanu, mit Boot, gepaddelt. Das ist auch teilweise sehr eindrucksvoll. Wir hatten eine Gruppe von drei Patienten mit zwei Begleitpersonen, die nach einem Überfall auf deren Dorf mit Schussverletzungen eine ganze Nacht mit Kanu kamen. Die kamen dann früh um sieben, doch recht unterkühlt für die eigentlich warmen Bedingungen und sehr entkräftet bei uns an. Den konnten wir zum Glück sehr gut helfen. Ja, also wenn sie selbstständig kommen, dann mit Kanu oder Boot. Wenn sie sich vorher schon in einem anderen Ärzte-ohne-Grenzen-Krankenhaus vorstellen konnten in der weiteren Umgebung, aber Versorgung bei uns brauchen, dann werden sie mit einem Ärzte-ohne-Grenzen-Flugzeug zu uns geflogen.

JULIA ROTHERBL

Du hast ja vorher schon gesagt, du hast dir jetzt nicht die naive Vorstellung gemacht, dass du mit Ärzte ohne Grenzen in ein Krankenhaus kommst, das ähnliche Standards hat wie bei uns. Trotzdem noch mal die Frage, als du das erste Mal dann da was und tatsächlich gesehen hast, wie die Situation vor Ort ist, hast du dir das ungefähr so vorgestellt? Warst du überrascht, dass es besser ist, als du es dir vorgestellt hast? Oder schlimmer oder…? Wie war der erste Eindruck der ersten Tage?

SOPHIA ROST

Ich war positiv überrascht. Also gerade der OP-Saal an sich ist nicht so weit entfernt von unseren Standards. Es gibt eine Klimaanlage, es gibt einen OP-Tisch, es gibt eine Steri, es wird alles aufgearbeitet, wir müssen nicht mit irgendwelchen verschmutzten Sachen arbeiten. Es gibt sehr viel Einwegmaterial auch wie bei uns. Das heißt zum Beispiel die Venenzugänge oder auch Intubation, das ist Einwegmaterial wie bei uns. Das heißt, es wird nicht sterilisiert. Man muss jetzt nicht mit irgendwelchen Stahlkanülen arbeiten, die aufbereitet werden. Das ist ein ähnlicher Standard wie bei uns, muss man wirklich sagen. Und die gesamte Organisation des Krankenhauses ist unglaublich strukturiert und alle Kollegen, die da arbeiten, versuchen mit teilweise einfacheren oder eingeschränkteren Mitteln im Sinne von, dass man jetzt nicht 1.000 Alternativen hat, trotzdem ähnliche Standards wie hier aufrechtzuerhalten. Das ist unglaublich beeindruckend und ich war davon sehr, sehr positiv überrascht.

JULIA ROTHERBL

Wie muss ich mir denn so einen Arbeitstag vorstellen oder so eine Arbeitswoche?

SOPHIA ROST

Ja, also der Arbeitstag beginnt immer früh um acht mit einer gemeinsamen Besprechung, wo sich unter freiem Himmel teilweise überdacht, das ärztliche Personal des Krankenhauses und die Stationsleitungen treffen. Aber auch der Leiter der Apotheke, der Leiter des Lagers, der Leiter der Blutbank. Teilweise ist das dann auch die gleiche Person, je nachdem, wie es gerade ist. Es gibt eine Übergabe, was seit gestern Nachmittag zum heutigen Tag passiert ist, wie in anderen Krankenhäusern auch. Nur, dass es in deutschen Krankenhäusern normalerweise nur die Abteilung ist. Da trifft sich eben das ganze Krankenhaus, was sehr schön ist. Und dann werden dadurch auch teilweise Aufgaben für den Tag mit angegeben. Wenn zum Beispiel schon klar ist, dass ein Flugzeug aus einem anderen Krankenhaus mit Patienten kommt, sodass wir dann schon wissen, heute kommen mal mehrere Patienten für uns mit Fällen, die gegebenenfalls auch sehr dringend sind und sofort gesehen werden müssen. Danach beginnt die Visite auf den chirurgischen Stationen. Das heißt, da gehen der chirurgische internationale Kollege und der Anästhesist zusammen auf die zuerst Erwachsenen-chirurgische Station und dann auf die Kinder-chirurgische Station. Wir haben immer, ja zwischen 20 und Mitte 30 Patienten, je nachdem, wie voll es gerade auf den chirurgischen Stationen ist. Es ist für einen Anästhesisten eine neue Aufgabe. Also, in Deutschland macht man diese Visite zwar auch, wenn man für die Intensivstationen zuständig ist, aber normalerweise geht man auf einer chirurgischen Normalstation ja nicht mit auf die Visite. Und das ist auch eine sehr, sehr schöne Aufgabe, diese Visite machen zu können, weil man die Patienten eben nicht nur im OP und vielleicht eine Stunde nach der Operation sieht, sondern bis zum Tag ihrer Entlassung jeden Tag das Bessern oder auch kleine Auf und Abs miterleben kann. Das war für mich ein sehr positives Erlebnis. Dann haben wir immer eine ganz kleine Kaffeepause zum nochmal Durchatmen gemacht und sind dann ungefähr um zehn im OP gestartet und waren dann dort unterbrochen wenn möglich von einer Mittagspause bis zum Abend. Ja, wie lange kam eben darauf an, wie viele OPs an dem Tag anstanden. Das waren meistens dringende Sachen, aber doch geplante. Also so, dass wir schon am Vortag wussten, welche OPs jetzt kommen plus dann zusätzliche, die an dem Tag kamen. Also, es ist nicht wie in Deutschland, dass das geplante Sachen sind im Sinne von einer Tumoroperation, einer Knieprothese, solche Sachen gibt es da nicht. Aber natürlich kann man auch Patienten, wo man Verbandswechsel unter Narkose macht, Inzisionen für Abszesse, das sind zwar dringliche Sachen, aber die müssen normalerweise nicht innerhalb von Stunden sein, sondern man kann die Patienten am Vortag sehen und für den Folgetag planen.

JULIA ROTHERBL

Was ist denn so, mal abgesehen von den Möglichkeiten, also von der Ausstattung, der größte Unterschied? Also auch so kulturell. Also sind die Patienten dort quasi einfach anders? Haben die größere Ängste, Vorbehalte gegenüber medizinischen Dingen? Weißt du, was ich meine? Also…

SOPHIA ROST

Ja, also zwei Sachen beeinflussen den Arbeitsalltag im Unterschied am meisten. Das eine ist die Sprache. Also unsere Mitarbeitenden, auch die Ärzte-ohne-Grenzen-Mitarbeiter sprechen eigentlich alle Englisch. Man muss erst mal wissen in dem Krankenhaus arbeiten ungefähr 20 bis 30 internationale Mitarbeiter. Aber insgesamt mit technischen Arbeitern und allen sind es über 500 nationale. Das heißt, man arbeitet sehr viel mit Nationalen zusammen. Die, die aber im Krankenhaus arbeiten, sollten alle ein Mindestmaß an Englisch sprechen. Und das tun sie auch. Die Patienten aber zum großen Teil nicht. Die überwiegende Gruppe der Bevölkerung dort gehört dem Stamm der Nuer an. Und so heißt auch die Sprache. Und die kann man leider hier und auch dort nur sehr schwer erlernen. Und auch Google Translate kann es nicht. So dass man mit diesen Patienten eigentlich wenig direkt kommunizieren kann, sondern immer auf einen anderen Menschen zum Übersetzen angewiesen ist. Und normalerweise gibt es keine Dolmetscher im Sinne, wie wir uns Dolmetscher vorstellen, sondern das übernimmt dann natürlich ein Krankenpfleger oder ein anderer ärztlicher Kollege, der von dort kommt. Das ist das erste, was das Arbeiten mit den Patienten extrem beeinflusst, weil ich selber normalerweise keinen direkten Kontakt aufbauen kann, sondern immer auf die Übersetzung angewiesen bin. Das Zweite ist, dass die Patienten ins Krankenhaus normalerweise nicht alleine kommen, sondern immer mit einer Begleitperson. Und das eben nicht nur für Kinder so ist, sondern auch für Erwachsene. Und diese Begleitperson, auch die ist, die eine Einverständniserklärung unterschreibt. Auch bei Erwachsenen. Das heißt, Care Taker ist der Begriff in dem Rahmen und das ist auch kein Problem, wenn der Care Taker jederzeit da ist. Manchmal kann es aber Probleme machen, wenn man eigentlich einen Eingriff als relativ dringlich empfindet und dieser Care Taker das dann aber gerne noch mit der Familie oder Angehörigen besprechen möchte, ob das jetzt wirklich sein muss und im Sinne des Patienten gut ist. Und so kann es manchmal passieren, dass aus unserer Sicht sehr zeitkritische Eingriffe verschoben werden. Und das hat unser Arbeiten doch manchmal sehr stark beeinflusst. Also, das ist so das, was ich als am stärksten empfunden habe. Mentalitäts- und charaktermäßig ist das überhaupt nicht so. Es sind… Klar ist die Kultur eine andere. Es ist vieles für uns sicherlich fremd, aber wenn es um das Krankheitsbehandeln geht oder Operationen, Anästhesie durchführen, dann sind es einfach alles Menschen, die genauso leiden und empfinden wie wir und tatsächlich auch sehr offen mit ihren Emotionen umgehen. Also ich war eher überrascht, weil ich vorher gehört hatte, dass in manchen afrikanischen Ländern gerade vor Fremden eher ein verschlossenes Verhalten ist. Das war überhaupt nicht so. Wenn auf der Normalstation ein Patient gestorben ist, haben die Angehörigen geweint. Sie waren traurig, sie haben ihre Trauer offen gezeigt. Das war überhaupt nicht so, dass da irgendwer total verschlossen gewesen wäre. Sie haben mit uns gelacht, sie haben sich gefreut. Also das war ein ganz herzlicher, sehr, sehr, sehr schöner Umgang.

JULIA ROTHERBL

Gab es auch Punkte, die dich frustriert haben?

SOPHIA ROST

Also eigentlich sehr wenige Sachen. Also wie gesagt, frustrierend war es manchmal, wenn es mit der Aufklärung tatsächlich so lange gedauert hat. Das war wirklich ein Frustrationspotenzial, wo aber auch viele andere Mitarbeiter dann versucht haben zu helfen und auch Einheimische versucht haben zu helfen, eben mit Übersetzen und Einreden auf Patient und Angehörige. Aber ich würde sagen, das war so das, was noch das höchste Potenzial hatte, einen unzufrieden zu stimmen. Ansonsten eigentlich wirklich sehr wenig. Natürlich hatte man manchmal das Gefühl, dass man vielleicht hätte Patienten zu Hause besser helfen können. Wobei ich sagen muss, dass die, die wirklich, wirklich kritisch waren, das waren Patienten, wo ich mir auch nicht sicher gewesen wäre, ob sie selbst mit der idealsten Intensivmedizin zu Hause zu retten gewesen wären. Ich glaube, dass es da den Kollegen, die im Bereich der Mangelernährung und Kinderheilkunde gearbeitet haben, noch viel mehr so geht, weil natürlich gerade das Problem Mangelernährung bei uns einfach de facto nicht existiert und man gerade den Neugeborenen natürlich mit ein paar mehr Mitteln durchaus manchmal besser hätte helfen können. Ich denke trotzdem, dass dank Ärzte ohne Grenzen schon so viel mehr Hilfe möglich ist als das ohne es wäre. Sodass ich das eher als große Dankbarkeit empfunden habe, dass wir schon so vielen Menschen helfen können. Und ich muss sagen, es sind erstaunlich wenige, die im operativen Bereich gestorben sind. Also ich hatte wirklich das Gefühl, dass wir eher ganz vielen Menschen helfen können und nur bei wenigen Patienten es der Fall ist, dass wir ihnen leider nicht helfen können.

KAPITEL 3_MIT EINEM NEUEN BLICK IN EINEN NEUEN JOB

JULIA ROTHERBL

Jetzt war dein Einsatz irgendwann zu Ende. Du musstest zurück nach Deutschland. Oder wollte es vielleicht auch. Wie war diese Umstellung? Also, wie kommt man wieder an?

SOPHIA ROST

Ja, also tatsächlich wollte ich auch wieder nach Hause. Also drei Monate 24 /7 in Bereitschaft sein, ohne einen wirklichen freien Tag machen dann doch auch schon ganz schön kaputt, selbst wenn man nur sehr selten abends oder in der Nacht gerufen wird. Aber man ist sehr glücklich, am Ende das Funkgerät an den Nachfolger abgeben zu können. Und ich war auch sehr glücklich, dass ich meinen Nachfolger tatsächlich mehrere Tage gleichzeitig zu mir da hatte, sodass ich die letzten zwei Nächte schon ohne Funkgerät schlafen konnte, aber eben auch noch mal die Zeit dort dann entspannter ausklingen lassen konnte mit den Kollegen dort. Ja, und dann ist es so, dass Ärzte ohne Grenzen sehr viel Wert auf De-Briefings legt. Also schon dort vor Ort hatte ich in den letzten Tagen noch mal Gespräche mit Kollegen. Und dann ging es weiter erst mal mit dem Flug zurück in die Hauptstadt Juba, wo ich auch noch mal anderthalb Tage war und die Briefings dort hatte mit den Kollegen, die die Leitung für das ganze Land innehaben. Dann bin ich zurück nach Deutschland geflogen und hatte schon am nächsten Tag noch mal online De-Briefings mit den Kollegen in Amsterdam. Also das Projekt in Bentiu unterliegt dem Operation Center Amsterdam. Und dann, ich glaube, anderthalb, zwei Wochen später, war ich dann noch in Berlin, in der Zentrale, wo es dann auch noch mal Gespräche gab. Also da legt Ärzte ohne Grenzen sehr viel Wert drauf. Und es werden auch immer Gespräche mit Psychologen angeboten, so dass man, wenn man das Gefühl hat, man hat wirklich noch mal Sachen, die man nachbesprechen, nachbearbeiten muss, die man mitgenommen hat, die einen verfolgen, dass man da jederzeit das Angebot bekommt, dass man das besprechen kann. Ich denke, man kann nicht zurückkommen und zwei Tage später wieder anfangen zu arbeiten. Ich glaube, man sollte sich eine gewisse Ruhepause gönnen. Ich habe das genutzt, um ganz viele Freunde zu sehen und zu besuchen. Und dann tatsächlich erst anderthalb, zwei Monate nachdem ich zurück war, wieder ins Arbeitsleben eingestiegen bin.

JULIA ROTHERBL

Wie siehst du denn jetzt mittlerweile mit dieser Erfahrung im Gepäck deine Arbeitsumgebung hier? Beurteilst du Dinge jetzt neu und anders als vorher?

SOPHIA ROST

Also ich denke mit einem anderen Blick darauf, aber tatsächlich nicht komplett anders. Ich muss sagen, im OP bin ich wieder genauso gerne wie vorher und überraschenderweise auch auf der Intensivstation. Denn das war ja das, was mir zuletzt ein bisschen schwergefallen war. Die Arbeit im OP macht mir einfach immer wieder Spaß, weil es da eben ein nicht so starkes Nachdenken darüber ist, was als nächstes mit dem Patienten noch passiert. Also, man muss nicht über den Langzeitverlauf nachdenken, sondern es ist die ganz konkrete, akute Aufgabe, die vor mir liegt, die ich dann lösen und bewältigen kann. Und dann ist sie nach der Operation eben aber auch fertig. Auf der Intensivstation ist es so, dass mir das auch wieder sehr viel Spaß macht. Auch, dass ich einfach die Möglichkeit der Intensivtherapie habe, die ich dort ja nun gar nicht hatte. Also, das Krankenhaus in Bentiu hat keine Intensivstation. Ich schätze es sehr wert, dass wir das hier haben, dass wir einfach Patienten nach einer Operation länger und besser überwachen können. Dass wir dadurch vielleicht auch früher merken, wenn etwas nicht so läuft, wie ursprünglich gedacht. Nichtsdestotrotz stehe ich bei manchen Patienten wieder vor dem gleichen Problem, was ich vor meiner Abreise schon hatte. Was aber wahrscheinlich eher ethische Probleme sind. Wo man sich fragt „Ist das sinnvoll, was ich für diesen Patienten tue? Ist das vielleicht schon eine Übertherapie? Ist es eine sinnlose Verlängerung von Quälerei und Leid? Oder kann ich den Patienten wirklich damit wieder in ein Leben zurückführen, was dieser Patient auch für sich selber als lebenswert anerkennt?“ Also da geht es ja häufig nicht um meine Meinung, ob ich das für mich haben wollen würde, sondern darum, ob das für den Patienten lebenswert ist. Und das sind eben sehr schwierige Sachen, denen man sich als Intensivmediziner heute in unserer Medizin stellen muss. Was auch Spaß macht und wichtig ist. Aber ich habe es eben auch sehr geschätzt, dass mal für eine Weile nicht zu haben.

Aber es hat sich nicht aufgelöst?

SOPHIA ROST

Nein, es hat sich, es hat sich nicht aufgelöst. Das Problem existiert weiter. Aber ich nehme es aktuell als nicht so schwerwiegend wahr. Also ich habe weniger das Gefühl, des sinnlos zu viel und zu lange. Das Gefühl habe ich aktuell wirklich deutlich weniger.

JULIA ROTHERBL

Was würdest du denn sagen, sind die zwei Punkte persönlich und beruflich, in denen dich dieser Auslandsaufenthalt weitergebracht hat?

SOPHIA ROST

Ja, also persönlich ganz klar an der Kommunikation noch mehr zu arbeiten und zu sehen, wie einfach und wie unkompliziert man mit Menschen aus allen Ecken der Welt zusammenarbeiten kann und sich verstehen kann über alle Barrieren hinweg. Und das war eben so, dass bei Ärzte ohne Grenzen nicht nur die Nationalen und die Europäer arbeiten, sondern eben auch viele Menschen aus anderen afrikanischen Ländern, aus Sierra Leone, aus Äthiopien, aus Kenia, aus Nigeria. Es ist unglaublich schön zu sehen, wie Menschen zusammenarbeiten können und an einem Strang ziehen und am Ende doch alle das Gleiche wollen können. Das ist auf jeden Fall sehr beeindruckend und es hat mich sehr, sehr beeinflusst und ich möchte das auf jeden Fall wieder tun. Beruflich, glaube ich, hat es mir sehr viel Gelassenheit gebracht. Ich bin vorher ein Mensch gewesen, also bin ich auch jetzt noch, wenn eine Situation ist, von der ich mich vielleicht überfordert fühle, wo ich sehr unruhig werde und auch hektisch. Und ich glaube bzw. hoffe, dass es mir das gebracht hat, dass ich da wirklich ruhiger und gelassener ran gehe. Und mich auch in dem Sinne noch mehr auch auf mein Team verlassen kann und es auch einfach mache.

JULIA ROTHERBL

Hast du denn den Eindruck, wenn du jetzt quasi dich auf dem Jobmarkt bewegst, dass man quasi mit so was im Lebenslauf auch beeindrucken, punkten kann? Also, dass das irgendwie - in Anführungszeichen - etwas zählt auf dem Arbeitsmarkt?

SOPHIA ROST

Also ich denke schon. Vor allem im Sinne des darüber Unterhaltens und Nachfragen. Also viele Chefärzte, Oberärzte sind daran auch auf jeden Fall interessiert und finden es beeindruckend und schätzen es wert. Wenn man natürlich dann mit der Aussage kommt „Ich möchte das aber auch wieder machen und bin dann auch mal wieder weg“, dann finden die das meistens trotzdem noch grundsätzlich gut, aber eben nicht für ihre Klinik. Und das ist ja auch verständlich. Also, es fehlt dann halt immer jemand. Aber ich denke die meisten Chefs, das man das gemacht hat, sehen das auch schon als Weiterentwicklung, weil man eben ein Arbeiten auch in anderen Umständen mal gelernt hat. Und die wissen auch, dass man mit solchen Kollegen auch sehr viel anfangen kann und dass man flexibel auf jeden Fall ist. Nur wie gesagt, wenn man dann wieder weg möchte, das ist nicht so günstig.

JULIA ROTHERBL

Also das heißt, du hast schon was geplant?

SOPHIA ROST

Auf jeden Fall. Ich habe auch Ärzte ohne Grenzen, der Organisation grundsätzlich gesagt, dass ich das wieder machen möchte. Dieses Jahr eben nicht, weil ich jetzt den Job gerade erst gewechselt habe und erst mal ankommen muss. Aber potenziell für nächstes Jahr möchte ich das gerne noch mal versuchen. Ich weiß aber noch nicht, in welchem zeitlichen Rahmen und wohin es mich dann führen wird.

JULIA ROTHERBL

Sophia, falls jemand zuhört, eine Ärztin, ein Arzt, die mit dem Gedanken auch spielen, aber noch so irgendwie den letzten Schubs brauchen. Was würdest du denen sagen, warum sie das auf jeden Fall angehen sollten?

SOPHIA ROST

Also es macht auf jeden Fall flexibler im Kopf. Und ich finde, wir müssen alle mal raus aus unserer Komfortzone. Es bringt einen unglaublich weiter und man wird unglaublich viel Positives erfahren. Ich weiß, viele zweifeln an sich, ob sie sich das zutrauen können. Da muss ich sagen „Macht einfach den Schritt. Man kann es wagen.“ Man bekommt so viel Unterstützung und Hilfe von Ärzte ohne Grenzen und man lernt einfach nur unglaublich viel dazu. Über sich selbst, über seine eigenen Grenzen, aber auch fachlich. Und ich denke wirklich, dass uns das allen gut tut, mal das Setting zu wechseln. Ich weiß, es ist nicht für jeden möglich und jemand der kleine Kinder hat, wird es sicherlich jetzt nicht machen, aber vielleicht später. Und ich denke, den Mut sollte man haben und es ist auf jeden Fall die Erfahrung wert.

JULIA ROTHERBL

Danke für dieses Plädoyer zum Schluss und danke für dieses tolle Gespräch. Ganz generell vielen Dank, dass du unser Gästin warst.

SOPHIA ROST

Ja, ich danke euch vielmals für das Gespräch. Es war sehr, sehr schön, hier sein zu können.

BIS ZUM NÄCHSTEN MAL

JULIA ROTHERBL

Wer nach dieser Podcastfolge den Wunsch verspürt, Ärzte ohne Grenzen zu unterstützen, finanziell oder mit einem Arbeitseinsatz, der findet die notwendigen Links bei uns in den Shownotes. Und wir freuen uns, wenn ihr auch die nächste Folge von „Frau Doktor, übernehmen Sie!“ anhört. Wir erscheinen alle 14 Tage immer montags.

SPRECHERIN

Frau Doktor, übernehmen Sie! Ein Podcast von gesundheit-hören.de. Und Apotheken Umschau Pro.

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