Am Anfang war Freud - Karriere als türkeistämmige Ärztin

Shownotes

Sie kam als junge Ärztin von der Türkei nach Deutschland. Zu einer Zeit, in der einerseits wenig Ärztinnen und Ärzte mit migrantischer Geschichte an den Kliniken gearbeitet haben. Und andererseits noch weniger Frauen in Führungspositionen waren als heute. Aber sie ist ihren Weg gegangen: Heute ist Yesim Erin Professorin und leitet die Psychosomatische und Psychotherapeutische Abteilung am Uniklinikum Erlangen. Wie sie Stolpersteine für sich aus dem Weg geräumt hat und warum ihr die türkische Ausgabe von Freud den Weg in die Psychotherapie eröffnet hat, hört ihr in dieser Folge.

Im Podcast "Frau Doktor, übernehmen Sie!" erzählen Frauen aus der Medizinbranche, wie sie dort Karriere gemacht haben. Dazu spricht Julia Rotherbl, Chefredakteurin der "Apotheken Umschau", mit Frauen, die in Führungspositionen arbeiten, die Herausforderungen gemeistert haben oder an ihnen gescheitert sind. Es geht um Themen wie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Sexismus, männliche Netzwerke, mangelnde Vorbilder oder verschiedene Arbeitsmodelle. Das Ziel: Euch zu inspirieren und ermutigen, euren eigenen Weg zu finden.

Montags alle 14 Tage erscheint eine neue Folge. Habt Ihr Fragen, Anregungen oder Kritik? Dann schreibt uns gerne an redaktion@gesundheit-hoeren.de

Redaktion: Julia Rotherbl, Anja Kopf; Schnitt und Post-Produktion: Anja Kopf, Benedikt Möltner, Yves Seißler; Managing Editor Audio: Peter Glück


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Transkript anzeigen

PROF. DR. YESIM ERIM

Also was bei Frauen fehlt, sind glaube ich Rollenmodelle. Und zum Beispiel wenn es um die Habil geht, kriegen die Frauen Angst. Und ich habe zum Beispiel sehr davon profitiert, dass mir eine Kollegin gesagt hat, „Du brauchst sechs Publikationen.“ Also ich muss nicht 100 Publikationen haben, sondern sechs.

JULIA ROTHERBL

Sie kam als junge Ärztin von der Türkei nach Deutschland, zu einer Zeit, in der zum einen wenig Ärztinnen und Ärzte mit Migrationshintergrund an den Kliniken hier gearbeitet haben und zum anderen noch weniger Frauen in Führungspositionen waren, als es heute sind. Trotzdem hat sie eine beachtliche Karriere hingelegt. Prof. Dr. Yesim Erim ist heute Leiterin der psychosomatischen und psychotherapeutischen Abteilung des Uniklinikum Erlangen. Und sie ist heute unsere Gästin in „Frau Doktor, übernehmen Sie!“ Ich freue mich sehr auf ein tolles Gespräch mit ihr. Ich bin Julia Rotherbl, Chefredakteurin der Apotheken Umschau und wünsche euch super viel Spaß beim Zuhören.

SPRECHERIN

Frau Doktor, übernehmen Sie! Ein Podcast von gesundheit-hören.de und Apotheken Umschau Pro.

KAPITEL 1_FRAUENFÖRDERUNG – DER UNTERSCHIED ZWISCHEN DEUTSCHLAND UND DER TÜRKEI

JULIA ROTHERBL

Frau Erim, vielen Dank, dass Sie unsere Gästin sind. Es freut mich sehr, dass wir uns heute unterhalten.

PROF. DR. YESIM ERIM

Ja, ich freue mich auch für die Einladung und die Gelegenheit, mit Ihnen diesen Podcast aufzunehmen. Danke schön.

JULIA ROTHERBL

Sie sind 1989 nach Deutschland gekommen, von der Türkei aus, und haben dann hier als Assistenzärztin gearbeitet. Und meine erste Frage wäre, mit welchen Erwartungen sind Sie eigentlich hierhergekommen und haben sich die erfüllt?

PROF. DR. YESIM ERIM

Meine Erwartungen damals waren eigentlich sehr konkret, weil ich im Rahmen einer Studie gekommen bin. Also, ich habe damals in Istanbul in der Psychiatrie gearbeitet, und man hatte eben die Problematik, die Patienten medikamentös ausreichend zu behandeln. Aber die Familien waren immer sehr zugegen und ich habe gedacht, wenn ich Familientherapie lerne, dann ist das vielleicht eine sinnvolle Sache. Dann können wir die Familien anstatt Medikamente einsetzen. Das war der Ausgangspunkt. Und es war eine wunderbare Studie, die damals auch sehr großzügig gefördert wurde vom Ministerium für Forschung und Bildung. Also diese Erfahrung, dass ich dann Familientherapie in diesem Zusammenhang gelernt habe, diese Erwartung hat sich erfüllt. Das war die erste Erwartung.

JULIA ROTHERBL

Okay.

PROF. DR. YESIM ERIM

Aber dann haben sich natürlich andere wissenschaftliche und berufliche Ziele ergeben. Ich konnte an der Universitätsklinik weiterarbeiten und diese psychiatrische Abteilung, in der ich damals gearbeitet habe - in Münster - das war eine wunderbare Abteilung, und ich war auch unheimlich gerne dort und habe viel gelernt.

JULIA ROTHERBL

Also, Sie hatten am Anfang gar nicht tatsächlich vor, in Deutschland zu bleiben? Das war gar nicht Ihr Ziel, Sie wollten tatsächlich nur für diese Studie…?

PROF. DR. YESIM ERIM

Ja, das war tatsächlich mein Ziel. Das war nicht meine Vorstellung, hier zu bleiben. Es hat sich so ergeben, dass ich dann Stellenangebote bekommen habe und immer weiter im wissenschaftlichen Bereich bleiben konnte. Und so habe ich irgendwann auch irgendwann gar nicht mehr nachgedacht. Also diese Entscheidung ist dann sozusagen eine Bauchentscheidung gewesen. Ja, irgendwann habe ich geheiratet usw. Also dann kommen ja dann auch die verschiedenen Lebensentwicklungen dazu.

PROF. DR. YESIM ERIM

Hatten Sie denn auch den Eindruck, dann, als die nächsten Karriereschritte erfolgt sind, dass es für Sie als Frau in Deutschland leichter ist, wissenschaftlich Karriere zu machen oder in der Medizin Karriere zu machen als in Ihrer Heimat?

PROF. DR. YESIM ERIM

Also als ich hierher kam, also in diesen Jahren, gab es in der Türkei mehr Hochschullehrerinnen als in Deutschland.

JULIA ROTHERBL

Ja, das habe ich auch recherchiert vor dem Podcast. Das fand ich erstaunlich, hätte ich nicht gedacht!

PROF. DR. YESIM ERIM

Genau. Ja, und das hat damit zu tun, dass da die Rollen einfach anders definiert sind. Und in der Türkei gibt es ja jetzt auch eine gegenläufige Tendenz. Also das dürfen wir auch nicht vergessen. Vielleicht kommen wir auch noch mal darauf zu sprechen. Man will ja jetzt Mädchenschulen aufmachen und Mädchen und Jungen trennen usw. Aber damals war das so, dass wir als Frauen noch sehr deutlich davon profitiert haben, dass es in der Türkei mal Reformen gegeben hat. Und Frauen und Männer gleichen Zugang haben. Also ich hatte da keine besonderen Nachteile als Frau im rein formalen Bereich. Die Behinderungen finden ja auf anderen Ebenen statt. Ich habe eher davon profitiert, dass ich in der Türkei die Erfahrung gemacht hatte, dass ich mich voll in die Konkurrenz begebe und mir als Frau vieles zutraue, ja.

JULIA ROTHERBL

Waren Sie dann in Deutschland irritiert? Also, so wie ich jetzt vielleicht nicht erwartet habe, dass es damals in der Türkei mehr Hochschulprofessorinnen gab, haben Sie vielleicht umgekehrt nicht erwartet, dass es in Deutschland so wenig gibt?

PROF. DR. YESIM ERIM

Ja, wir hatten ja - wenn ich überlege - gab es an der ersten Universitätsklinik in Münster, gab es keine einzige Oberärztin. Ähm, also ich überlege, ob ich was Falsches sage, aber nein, es gab keine einzige Oberärztin. Und es war aber andererseits so, wenn eine Frau gesagt hat, „Ich will jetzt weiter, ich will Karriere machen und ich möchte Wissenschaft machen.“, dann wurde man unterstützt und ich habe sofort eine Planstelle bekommen und große Anerkennung und konnte hier weitermachen. Das, was in Deutschland sicherlich ein Thema ist - damals und heute - ist eben, je weiter man steigt in der Karriereleiter - das kennen Sie – diese… - da gibt es ja bestimmte Bezeichnungen dafür - desto weniger Frauen sind da und das Netzwerken und die Anerkennung im sozialen Bereich, also diese direkte Unterstützung, die man sich geben kann, die wird irgendwann eben schwierig. Dafür muss man sorgen, dass man auch zu Frauen gute Kontakte hat und vielleicht dann auch bestimmte Informationen bekommt.

JULIA ROTHERBL

Jetzt nochmal ganz kurz zurück zu, weil ich mir mal überlegt habe, ich habe gar keine Frage gestellt und eigentlich finde ich es sehr spannend, dass Sie gesagt haben, dass Sie von den Erfahrungen profitiert haben, dass Sie in der Türkei in Konkurrenz gegangen sind.

PROF. DR. YESIM ERIM

Ja.

JULIA ROTHERBL

Können Sie mir noch mal sagen, was Sie genau damit gemeint haben?

PROF. DR. YESIM ERIM

Ja, also in der Türkei mussten wir schon im Schulalter, also im Alter von zehn oder elf Jahren, mussten wir Prüfungen machen, um in die besseren Schulen zu kommen. Und danach einen Studienplatz zu bekommen, da musste man auch in die besten, glaube ich, 10.000 kommen. Und nach dem Medizinstudium gab es noch mal eine allgemeine Aufnahmeprüfung für die Weiterbildung. Das heißt also, das ist der eine Punkt. Der andere Punkt ist sicherlich, wenn es eben auch wissenschaftliche Studien gab, die aufgelegt worden sind und so, dann haben die Frauen genauso gesagt, „Ich will da mitmachen, ich will auch eine Studie ins Leben rufen.“. Und das war in Münster tatsächlich anders. Viele haben mich zum Beispiel gefragt, „Wie ist das eigentlich? Ist das viel? Was musst du da alles machen?“ Aber aus dieser Gruppe hat sich eigentlich kaum jemand dann zum Beispiel in Richtung einer Habilitation weiter bewegt als ich. Ja.

JULIA ROTHERBL

Okay. Was würden Sie denn sagen, warum haben sich Ihre Kolleginnen nicht beworben, wissenschaftlich zu arbeiten? Weil sie es sich nicht zugetraut haben? Weil sie gedacht haben, sie kriegen das zeitlich mit allem, was sie vielleicht sonst noch tun, nicht unter einen Hut?

PROF. DR. YESIM ERIM

Ja, ich glaube, dass viele wirklich davon überzeugt sind, dass es unheimlich viel Arbeit ist, zum Beispiel eine Habilitation, und dass es nicht zu schaffen ist, dass eben Familie und meinetwegen wissenschaftliche Tätigkeit kaum unter einen Hut zu bringen sind. Das stimmt ja auch alles. Aber das sind ja auch alles Zeitfenster und es gibt Zielvorgaben. Also was bei Frauen fehlt, sind, glaube ich, Rollenmodelle, dass man nicht weiß, wie schaffen es andere Frauen. Deswegen ist ja ihr Podcast ganz wichtig. Und zum Beispiel wenn es um die Familie geht, da kriegen die Frauen Angst. Und ich habe zum Beispiel sehr davon profitiert, dass mir eine Kollegin gesagt hat, „Du brauchst sechs Publikationen.“ Sechs ist sechs. Das ist so mein Standardsatz. Wenn ich jetzt mit meinen Mitarbeiterinnen spreche und sie dafür erwärmen möchte, dass sie in diese Richtung gehen, denn es hat ja eine Begrenzung. Also ich muss nicht 100 Publikationen haben, sondern sechs. Das ist an den meisten Unikliniken so, dass man sechs Publikationen als erste oder letzt Autorin haben muss. Und das muss man eben einander sagen. Also, das ist zu schaffen.

JULIA ROTHERBL

Wie nehmen Sie das denn generell wahr, wenn Sie sagen, Sie haben… ja, oder ich weiß auch aus dem, was wir vorab über Sie recherchiert haben, Sie haben ja sehr viele Mitarbeiterinnen. Haben Sie den Eindruck, dass sich das geändert hat, also dass mehr Frauen in diese Richtung streben und sich das auch zutrauen? Oder immer noch zu wenig?

PROF. DR. YESIM ERIM

Nein, leider nicht. Ich habe das Gefühl, dass sich da kaum etwas geändert hat, also dass diese Vorstellung Familie und Beruf sind sehr schwer zu vereinbaren, diese Vorstellung ist noch sehr weitverbreitet, ist auch realistisch. Also es gibt ja kaum Maßnahmen, die es den Frauen erleichtern, als Mutter im Beruf zu sein. Wir müssten viel bessere Lösungen für die Kinderbetreuung haben. Und in der Zeit der Pandemie, da haben sich die Bedingungen eigentlich noch mal sehr verschlechtert. Das wissen wir alle. Also nach dem Ende der Pandemie sprechen wir ja jetzt eigentlich alle nur noch über die Arbeitswelt und was sich in der Arbeitswelt verändert hat oder verändern sollte. Die Kolleginnen haben sehr gelitten in der Pandemie, weil es keine ausreichende Kinderbetreuung gab. Viele haben ihre Stellenanteile reduziert und diejenigen, die dann Wissenschaft machen, das sind meistens Frauen, die eben auf andere Aspekte in ihrem Leben verzichten. Und das ist natürlich sehr schade. Und für eine Frau müsste das ja unbedingt vereinbar sein.

KAPITEL 2_ DIE ARBEIT ALS ÄRZTIN MIT MIGRATIONSHINTERGRUND

JULIA ROTHERBL

Jetzt ist es ja so, dass, als Sie am Anfang der Karriere standen, es nicht nur so war, dass sehr wenig Frauen in Leitungspositionen waren, sondern dass auch wenig Ärztinnen mit Migrationshintergrund damals an deutschen Unikliniken waren. Wie haben Sie das erlebt, wie ist man Ihnen begegnet?

PROF. DR. YESIM ERIM

Ja, das war tatsächlich auch eine zusätzliche Schwierigkeit. Also wenn man zum Beispiel Freundschaften geschlossen hat usw. Das ist vielleicht auch Münster gewesen, muss man sagen. Da sind die Städte auch unterschiedlich. Da gab es eben auch nicht einen hohen Migrantenanteil, das hat sich jetzt völlig verändert. Als ich nach Essen ging, dann hatte jeder schon eine Migrantin als Schulfreundin und so. Also man war da nicht so fremd. In Münster mussten alle erst mal austesten, was mit mir sozusagen möglich ist, ja?

JULIA ROTHERBL

Können Sie ein Beispiel nennen?

PROF. DR. YESIM ERIM

Ja, ob man mich auf eine Fete einladen kann und ob ich dann zum Beispiel tanzen würde, ob ich Alkohol trinken würde oder ob es irgendwelche Brüder von mir gibt, die irgendwen verfolgen.

JULIA ROTHERBL

Also so die ganz, also so ganz klischeehaft?

PROF. DR. YESIM ERIM

Ja. Aber das war ja 89 - das ist - wir wissen ja, dass sich diese Stereotypen, diese Vorurteile verändern, wenn man eben die Bekanntschaft der anderen Menschen gemacht hat. Und jetzt haben wir ja ein ganz anderes Milieu. Jetzt haben wir ja auch sehr viele Bildungsaufsteiger. Wir haben auch viele Ärzte, Ärztinnen auch. Ich wüsste jetzt den Anteil der Frauen - also der Ärztinnen unter den Migrantinnen aus der Türkei zum Beispiel - wüsste ich nicht. Aber ich glaube, dass der Anteil eigentlich ziemlich hoch ist.

JULIA ROTHERBL

Also es ist ja sogar so, dass sich das fast schon gedreht hat. Also der Tagesspiegel hat mal getitelt „Deutschlands Gesundheitssystem hängt von Migration ab“. Also nicht nur im Sinne von Pflegepersonal, sondern auch unter Ärztinnen und Ärzten ist der Anteil von Menschen mit ausländischen Wurzeln extrem hoch mittlerweile.

PROF. DR. YESIM ERIM

Genau das ist ja, mittlerweile sind es ja jetzt diejenigen, die neu zuwandern und auch eingeladen werden. Aber es gibt natürlich auch Menschen, die hier geboren, aufgewachsen sind und dann in entsprechende Bereiche gehen konnten. Das ist ja auch eine wunderbare Entwicklung.

JULIA ROTHERBL

Wie sind Sie denn als junge Frau damit umgegangen, dass man Ihnen mit solchen Stereotypen begegnet ist? Hat Sie das verletzt? Bestimmt hat sie es verletzt, aber, aber haben Sie das gezeigt? Haben Sie fünf Sätze entwickelt, die Sie dann immer erwidern? Oder wie geht man damit um?

PROF. DR. YESIM ERIM

Also ich habe diese Dinge im Nachhinein eigentlich viel mehr für mich analysiert und wahrgenommen. Damals habe ich natürlich mal so überlegt, „Hä, was ist denn jetzt passiert?“, ja. Also ich kann nicht sagen, dass ich sehr darunter gelitten habe und das sehr deutlich wahrgenommen habe. Im Nachhinein ist es ja auch eines der wissenschaftlichen Themen, mit denen ich mich beschäftige. Auch da habe ich im Rückblick gesehen, okay, also da sind bestimmte Dinge eben auch schwierig gewesen, ja, bis ich da mal eingeladen wurde usw. Ich kann mich zum Beispiel daran erinnern, dass unheimlich viel über Urlaube gesprochen wurde. Also so auch als Pausenthema. Und da wurde ich immer abgehängt, weil ich im Urlaub also nicht irgendwelche Fernreisen gemacht hatte und so. Und wie ist man interessant für die anderen? Das hat sich später geändert. Also Migranten sind ja dann auch mehr in der Kunst, in der Literatur beschrieben worden und dadurch wurden sie insgesamt auch interessanter.

JULIA ROTHERBL

Also wir hatten vor kurzem eine junge Ärztin, schwarze Ärztin zu Gast, die erzählt hat, dass ihr tatsächlich auch Rassismus begegnet in der Klinik, also dass es auch zum Beispiel Patient-innen gibt, die sich von ihr nicht behandeln lassen wollen. Was würden Sie jetzt betroffenen Kolleginnen raten?

PROF. DR. YESIM ERIM

Ja. Also einmal, denke ich, ist es immer gut, direkt die Patienten anzusprechen, nicht sich zu erklären, aber so mitzuteilen, also dass man eben hier eine bestimmte Aufgabe hat und usw. Aber auch die Vorgesetzten müssten da einfach unterstützen, denke ich. Und für sich selber müsste man sich wirklich mit dem Thema beschäftigen. Das ist glaube ich, sehr wichtig. Also zu gucken, wie erleben andere Menschen Ausschluss. Und da haben wir ja jetzt auch in der Literatur unheimlich viele Beispiele dafür, also zum Beispiel auch für die Schwarzen, zum Beispiel wenn sich eine nigerianische Frau in USA erlebt, ja. Americanah. Das ist dieser Roman, den viele jetzt gelesen haben. Also ich glaube, Beispiele zu sehen ist immer ganz wichtig. Und dann kann man ja einen Schritt weitergehen und sagen, das ist jetzt nicht auf mich bezogen und vielleicht auch… das ist vielleicht jetzt die älteste Generation, diejenigen, die danach kommen, die haben die Erfahrung eben auch mit schwarzen Menschen, mit Türken, mit Migranten. Und das wird sich verbessern. Also das wären so meine Tipps.

KAPITEL 3_AM ANFANG WAR FREUD

JULIA ROTHERBL

Sie haben sich ja psychische Gesundheit einen Bereich ausgesucht, in dem sehr viele Frauen arbeiten. Also es gibt zum Beispiel die Arztzahlstatistik der kassenärztlichen Bundesvereinigung von 2022, wo der Frauenanteil bei niedergelassenen psychologischen Psychotherapeut_innen bei 76,8 Prozent liegt. Das heißt, Sie dürften wahrscheinlich, was jetzt Ihre Abteilung angeht, eher mit einem Männermangel kämpfen. Liege ich da richtig?

PROF. DR. YESIM ERIM

Ja, das ist völlig richtig. Wir kämpfen um die Männer, wir konkurrieren mit den anderen Abteilungen um die Männer, weil das natürlich schön ist, wenn man ein gemischtes Team hat.

JULIA ROTHERBL

Ja, und weil es wahrscheinlich auch schön ist, wenn... Also es ist ja auch so, dass weniger Männer als Frauen wiederum psychotherapeutische Angebote in Anspruch nehmen. Das heißt, ich frage mich manchmal, ob die Hürde auch kleiner werden würde, wenn mehr Männer quasi überhaupt in den Behandlungsrolle kämen. Genau. Also ist es auch ein Punkt, wo Sie sagen, es wäre einfach schön, wenn bei uns auch Patienten, die dezidiert nach einem männlichen Therapeuten fragen, diesen Wunsch auch erfüllt bekommen?

PROF. DR. YESIM ERIM

Ja. Also diese 75 Prozent, die treffen ja auch für unsere Patienten zu oder Patientinnen. Also wir haben auch mehr Frauen als Patientinnen. Und das ist tatsächlich auch eine Diskussion. Wer soll wen behandeln? Also soll eine Frau nur von einer Frau? Diese Diskussion findet vor allen Dingen im Zusammenhang mit Traumatisierungen, mit schwersten Traumatisierungen. Und da haben wir ja ein Störungsbild - das heißt posttraumatische Belastungsstörung - und dann gibt es die komplexe posttraumatische Belastungsstörung. Die entsteht, wenn Frauen, auch Männer, langjährig schlecht behandelt worden sind, also wenn die Traumatisierung nicht einmalig war, sondern sich über einen langen Zeitraum gezogen hat. Und das findet ja leider meistens in der Familie statt. Also wir wollen alle diesen Frauen ermöglichen, wenn sie sagen, ich möchte über meine Probleme nur mit einer Frau sprechen, dann wollen wir das ermöglichen. Ja. Und deswegen haben wir da auch eher den Bedarf, den absoluten, nach Frauen. Aber natürlich ist es immer schön, Männer zu haben. Darum bemühen wir uns, weil eben auch die Geschlechtsrollen bestimmte Sichtweisen ermöglichen und wir wollen ja alles abbilden in unserer Wahrnehmung. Ja, aber das ist es nicht so, dass Männern etwas entgeht oder dass Männer den Wunsch haben, von einem Mann behandelt zu werden. Das ist sehr selten. Es gibt einen einzigen Bereich, wo es so Männer und Männer vielleicht so geht. Das sind die Männer, die tatsächlich Täter sind. In der Behandlung von Tätern wird es dann noch mal ein bisschen schwierig. Und da sind auch viel mehr Männer dann als Therapeuten aktiv.

JULIA ROTHERBL

Okay.

PROF. DR. YESIM ERIM

Ja, es gibt so Settings, die dann wirklich zum Beispiel Männer, die eben Gewalt in der Familie ausgeübt haben usw. Das ist noch mal ein ganz besonderer Bereich.

JULIA ROTHERBL

Warum glauben Sie denn, generell entscheiden sich so viele Frauen für den psychischen Bereich, also Psychotherapie, Psychosomatik? Warum ist es was, was gerade Frauen anzieht?

PROF. DR. YESIM ERIM

Ich denke, das entspricht der traditionellen Frauenrolle, dass man eben für die emotionale Versorgung der Familie da ist. Die, die Fürsorglichkeit, den wir ja immer noch bei den Frauen, auch wenn Männer mal die zwei Monate Elternzeit nehmen, sind ja die fürsorglichen Aufgaben eher bei den Frauen. Und ich denke, das entspricht mehr dem Rollenbild der Frauen. Darüber hinaus gibt es ganz praktische Aspekte in, zum Beispiel für die Ärztinnen, in die psychosomatische Medizin zu gehen, weil wir sehr viele regelmäßige Termine haben, also sehr wenig notfallmäßige Interventionen oder Aufnahmen. Und das kommt natürlich den Frauen zugute, wenn sie um eine bestimmte Uhrzeit nach Hause gehen wollen.

JULIA ROTHERBL

Wie war das denn bei Ihnen? Wann kam der Wunsch, in diese Richtung zu gehen? Woher kam der Wunsch?

PROF. DR. YESIM ERIM

Also ich glaube, bei mir war diese Vorstellung, sich mit psychischen, psychologischen Problemen zu beschäftigen, das war etwas sehr intrinsisches. Also ich glaube, vielleicht habe ich viel Literatur gelesen und Romane sind ja so - da geht es ja immer um die Entwicklung einer Person. Und es gibt ein Ereignis, eine Anekdote. Ich habe die Schülerzeitung herausgegeben im Alter von 16 Jahren, und das liegt ja jetzt schon wirklich viele Jahre zurück. Und da wurden die Zeitschriften noch gesetzt und wir sind in den Verlag gefahren. Und das war nun mal der Verlag der die „Freud“- Ausgabe in türkischer Sprache herausgegeben.

JULIA ROTHERBL

Okay.

PROF. DR. YESIM ERIM

Ja, und wenn man eine Korrektur gemacht hat, musste man dann abwarten und die Korrektur noch mal freigeben. Und in der Zeit habe ich Freud gelesen. Also das war eine ganz praktische Geschichte, dass ich dann auf einmal einiges wusste und mich da sehr angesprochen hat. Und Psychotherapie ist für mich am Anfang Freud gewesen. So wie es sich gehört! Genau. Aber ich fand es auch super. Also, anschließend habe ich Anna Freud übersetzt und das ist auch ein großer Erfolg gewesen. Das ist die… die Tochter hat ja so wichtige Werke in der Kinderpsychologie, Pädagogik geschrieben, und das habe ich 30 Jahre, nachdem es geschrieben wurde, übersetzt. Und das liegt jetzt auch noch mal, glaube ich, 35 Jahre zurück. Und es sind. Ich glaube 50.000 gedruckt worden in der Türkei. Das war also auch eine gute Geschichte.

KAPITEL 4_„ES GIBT EIN HERSCHAFTSWISSEN, DAS SCHENKT IHNEN NIEMAND!“

JULIA ROTHERBL

Zum Abschluss würde ich gern zu dem Arbeitsplatz kommen, an dem Sie jetzt angelangt sind. Das Uniklinikum Erlangen. Sie leiten ja eine Abteilung und wir haben uns mal angeschaut, wie viele von den rund 50 Kliniken, Instituten und selbständigen Abteilungen eigentlich von Frauen geleitet werden momentan. Also es sind es sieben. Wir haben jetzt mal auf der Homepage gezählt. Sofern die Homepage aktuell ist, sind es sieben. Wie war das denn damals, als Sie diesen Leitungsposten übernommen haben?

PROF. DR. YESIM ERIM

Also es gibt ja klinische Abteilungen, also die Patienten behandeln, man sagt auch bettenführende Abteilungen. Als ich hierher kam, war ich die einzige Frau. Und das ist, das ist tatsächlich ein Nachteil. Man kann dann noch so freundlich sein und auf Kontakte achten und Netzwerke versuchen, aber da sind natürlich die Strukturen schon auf die Bedürfnisse der Männer abgestimmt. Es dauert einfach bei einer Frau - wenn man die einzige Frau ist in so einem Milieu - dauert es viel, viel länger, bis man mal wirklich so direkte Kontakte hat. Und das sind ja eigentlich die wichtigen Kontakte. Also dass man Vertrauen findet, dass man mal einfach außer der Arbeit mal ein Brainstorming macht, dass man ein Bierchen zusammen trinkt und sagt okay, das könnten wir mal zusammen machen. Das fehlt natürlich bei den Frauen auf lange Zeit und das wird sich sicherlich auch positiv verändern in der Zukunft. Ja, weil die Rollenbilder ja sich mehr einander annähern.

JULIA ROTHERBL

Wenn Sie zurückdenken an die erste Zeit in dieser Position, gibt es irgendwas, wo Sie sagen, das hätte ich damals gern gewusst, dann hätte ich das irgendwie schneller, besser hingekriegt, hier in diesen Zirkel aufgenommen zu werden?

PROF. DR. YESIM ERIM

Hm. Vielleicht hätte ich mehr Gremienarbeit gemacht. Also meine wichtigste Tätigkeit war damals, eine der Frauenbeauftragten zu sein, und da habe ich an vielen Berufungskommissionen teilgenommen. Das ist natürlich wichtig. Aber dieses Wissen fehlt auch ein Stückchen, nicht? Also ich, ich habe zum Beispiel jetzt einige Dinge, die ich berufspolitisch anders gemacht hätte, und es ist mir immer ein Anliegen, wenn ich jetzt junge Kolleginnen, die neu bei uns starten, kennenlerne, ihnen das auch mitzuteilen, weil Frauen manchmal nicht so zielgerichtet agieren wie Männer.

JULIA ROTHERBL

In diesen Gremien kriegt man mehr Einblick und gute Kontakte?

PROF. DR. YESIM ERIM

Ja, mehr Einblick, gute Kontakte, auch bestimmte Verhaltensweisen, vielleicht, dass man mehr nachfragt, dass man mehr hinterfragt, ja? Also zum Beispiel, wie bestimmte Stellen auch gesichert werden können. Also es gibt ein Herrschaftswissen, das schenkt Ihnen niemand! Da müssen Sie hinterher sein.

JULIA ROTHERBL

Frau Erim, vielleicht zum Abschluss, weil Sie es selber vorher angesprochen haben, ich hoffe, das ist okay. Ich wusste nicht genau, ob Sie darüber sprechen wollen. Aber Sie haben ja selber schon gesagt, dass sich die Situation für Mädchen und Frauen in der Türkei gerade sehr verändert. Sie sind zu einer Zeit hierhergekommen, als es eben in der Türkei mehr Professorinnen gab als in Deutschland. Wie geht es Ihnen, wenn Sie sich diese Entwicklung anschauen? Was macht das mit Ihnen?

PROF. DR. YESIM ERIM

Ja, das bedrückt mich sehr.

JULIA ROTHERBL

Hm.

PROF. DR. YESIM ERIM

Ich kann, ich kann da sicherlich noch einen Satz dazu sagen. Also das ist ja eine Veränderung, die man vor Jahren schon vorausgesehen hat. Da gibt es ja auch Frauenverbände, die versucht haben, sich dagegen zu wehren. Da gibt es auch Filialen davon. Also wir haben zum Beispiel eine Vereinigung in Münster damals gegründet, die regelmäßig Studierende in der Türkei, also Frauen, Schülerinnen und Studierende, unterstützt, mit Stipendien usw. Also das ist etwas, was man befürchtet hat und das es jetzt immer mehr eintritt, das ist bedrückend. Und natürlich kann man sagen, ist es nicht so schlimm und die Frauen bleiben ja im Arbeitsleben usw. Aber wenn man die Trennung im Schulalter schon startet, habe ich große Sorge, dass dann die Rollenbilder sich sehr negativ verändern. Und die Freiheiten, die ich vielleicht hatte, in der nächsten Zukunft, vielleicht nicht so gegeben sind, das ist wirklich sehr bedrückend.

JULIA ROTHERBL

Frau Erim, es ist jetzt ein eher trauriger Abschluss für ein - wie ich fand - super schönes Gespräch. Vielen Dank, dass Sie mit uns diesen Podcast aufgezeichnet haben.

PROF. DR. YESIM ERIM

Ja, der Dank liegt auf meiner Seite.

VERABSCHIEDUNG

JULIA ROTHERBL

Gibt es irgendein Thema, das euch in Sachen Frauen und Karriere am Herzen liegt und das wir noch nicht oder noch nicht ausreichend behandelt haben in dem Podcast? Oder gibt es eine Gästin, mit der müsste Julia unbedingt mal ein Gespräch führen? Da würde ich total gern dem Interview lauschen! Dann schreibt uns doch gerne an redaktion@gesundheit-hören.de - Wir freuen uns!

SPRECHERIN

Frau Doktor, übernehmen Sie! Ein Podcast von gesundheit-hören.de und Apotheken Umschau Pro.

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