"Früher war die Medizin weniger menschlich als heute"
Shownotes
Wie stellt ihr euch den idealen Arbeitsalltag als Hausärztin vor? Wohl eher nicht mit 72-Stunden-Wochen, Patientinnen und Patienten, die man im Minutentakt durchschleust und völlig gestressten Mitarbeitenden. Dr. Jaqueline Hiepler wollte das für sich und ihre Mitarbeitenden auch nicht. In dieser Folge erzählt sie, wie sie es in ihrer Praxis schafft, dass alle eine ausgeglichene Work-Life-Balance haben und ihre Patientinnen und Patienten ein menschlicheres Umfeld vorfinden. Wieso die Generation junger Medizinerinnen dafür ein großes Vorbild für Jaqueline Hiepler ist, erfahrt ihr in dieser Folge.
Im Podcast "Frau Doktor, übernehmen Sie!" erzählen Frauen aus der Medizinbranche, wie sie dort Karriere gemacht haben. Dazu spricht Julia Rotherbl, Chefredakteurin der "Apotheken Umschau", mit Frauen, die in Führungspositionen arbeiten, die Herausforderungen gemeistert haben oder an ihnen gescheitert sind. Es geht um Themen wie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Sexismus, männliche Netzwerke, mangelnde Vorbilder oder verschiedene Arbeitsmodelle. Das Ziel: Euch zu inspirieren und ermutigen, euren eigenen Weg zu finden.
Montags alle 14 Tage erscheint eine neue Folge. Habt Ihr Fragen, Anregungen oder Kritik? Dann schreibt uns gerne an redaktion@gesundheit-hoeren.de
Redaktion: Julia Rotherbl, Anja Kopf; Schnitt und Post-Produktion: Benedikt Möltner, Anja Kopf; Managing Editor Audio: Peter Glück
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Transkript anzeigen
DR. JAQUELINE HIEPLER
Wir haben alle eine gute Work-Life-Balance und insofern, denke ich, haben wir uns verändert in Richtung der nächsten Generation. Und ich finde das sehr angenehm.
JULIA ROTHERBL
Wie stellt ihr euch den idealen Arbeitsalltag in einer Hausarzt- oder Hausärztinnenpraxis vor? Ich schätze mal eher nicht mit 72-Stunden-Wochen, Patienten, die man im Minutentakt durchgeschleust, völlig gestressten Mitarbeiterinnen. Unsere Gästin Dr. Jaqueline Hiepler wollte genau das für sich und ihre Mitarbeitenden auch nicht. In dieser Folge erzählt sie uns, wie sie ihre Praxis so organisiert, dass alle eine ausgeglichene Work-Life-Balance haben plus zufriedene Patient_innen. Und sie erzählt uns auch, was sie sich dafür von der Generation junger Mediziner_innen abgeschaut hat. Mein Name ist Julia Rotherbl. Ich bin Chefredakteurin der Apotheken Umschau und wünsche euch ganz viel Spaß beim Zuhören.
SPRECHERINFrau Doktor, übernehmen Sie. Ein Podcast von gesundheit-hören.de. Und Apotheken Umschau Pro.
KAPITEL 1_DER TRAUM VON DER LANDARZTPRAXIS
JULIA ROTHERBL
Hallo.
DR. JAQUELINE HIEPLER
Hallo, Julia.
JULIA ROTHERBL
Hallo, schön, dass du da bist.
DR. JAQUELINE HIEPLER
Gerne.
JULIA ROTHERBL
Ähm, Jaqueline, ich weiß, dass dein Medizinstudium oder überhaupt deine Karriere als Ärztin mit einem Surfbrett auf dem Autodach angefangen hat. Würdest du uns mal kurz auf diese Reise mitnehmen?
DR. JAQUELINE HIEPLER
Ja, also, mein Wunsch war es schon als Schülerin Medizin zu machen, weil ich in einem Haushalt groß geworden bin, mit Großvater, der Landarzt war. Und diese gute Atmosphäre meiner Großeltern, also auch liebevoller und gütiger Umgang mit Menschen, hat mich sehr fasziniert, weswegen ich den Wunsch hatte, Medizin zu studieren und ebenfalls Landärztin zu werden. Nun hat das mit dem Abitur nicht so gut geklappt. Also, ich war nicht schlecht, aber auch nicht gut genug, um einen Studienplatz zu bekommen. Und es gab damals das Losverfahren und ich habe auch noch nie eine Waschmaschine gewonnen. Und deswegen habe ich gedacht, ich mache erst mal MTA. Also habe ich eine Ausbildung als MTA begonnen, auch abgeschlossen und dann gearbeitet, aber dann irgendwann gesagt „So, jetzt muss es aber irgendwann mal reichen“. Und habe gekündigt, meine Wohnung aufgelöst und das besagte Surfbrett aufs Dach gelegt und bin nach Italien gefahren, um dort anzufangen zu studieren.
JULIA ROTHERBL
Okay, welchen Bezug hattest du zu Italien?
DR. JAQUELINE HIEPLER
Gar keinen. Ich wusste nur, das soll schön sein da. Und ich kannte kein Wort Italienisch, musste Italienisch lernen und dann die Uniaufnahmeprüfung machen. Und das hat auch alles dann geklappt. Und dann habe ich da angefangen.
JULIA ROTHERBL
Krass. Also tatsächlich erst die Sprache auch noch gelernt.
DR. JAQUELINE HIEPLER
Mhm.
JULIA ROTHERBL
Dann bist du zurück nach Deutschland gekommen - zum Abschluss des Studiums?
DR. JAQUELINE HIEPLER
Genau am Ende des Studiums wär ich gerne geblieben. Aber in Italien ist die Facharztausbildung unbezahlt und ich war ja nun auch schon ein bisschen älter, dann zu dem Zeitpunkt und hatte dann auch zwei kleine Kinder. Und nebenbei jobben wollte ich dann auch nicht mehr und deswegen habe ich beschlossen, nein, ich möchte gerne bezahlte Facharztausbildung machen und bin dann wieder zurück nach Deutschland gekommen, wo ich diese Stelle dann auch ergattert hatte. Was damals nicht einfach war, denn das Frauenbild in der Medizin war ja noch nicht so wie heute. Und als Frau wurde man immer so ein bisschen, ähm, es wurde immer unterstellt, na ja, du wirst ja schwanger, kriegst Kinder und fällst aus. Und deswegen wurden Frauen wirklich schwierig eingestellt, was sich ja dann Gott sei Dank heute geändert hat.
JULIA ROTHERBL
Aber musstest du dir solche Sprüche tatsächlich auch anhören in Vorstellungsgesprächen?
DR. JAQUELINE HIEPLER
Also ich hatte nur ein Vorstellungsgespräch und wurde auch genommen und deswegen kann ich gar nicht sagen, dass es wirklich so viele gab, die so gedacht haben. Aber ich habe das nebenbei mitgekriegt, bei anderen halt. Bei bekannten Frauen, die eben auch Medizinerinnen waren. Die haben so was eher erlebt, als ich das erlebt habe. Aber das gab es durchaus.
JULIA ROTHERBL
Und du bist auch tatsächlich dann nicht lange in der Klinik geblieben. Du hast mit 34 schon deine Praxis gegründet, gemeinsam mit Kolleg_innen und… Du hattest nie den Wunsch, in der Klinik zu arbeiten?
DR. JAQUELINE HIEPLER
Nein, also dieses, diese Idee, als Landarzt zu arbeiten, wie gesagt, hatte ich das Vorbild meines Großvaters. Das war mein Wunsch - in Beziehung treten zu Menschen. Ich wollte nicht auf… in einem Krankenhaus bleiben und dort Karriere machen - das wäre ja die Alternative gewesen - weil ich dann immer neu jemanden kennenlerne und wieder gehen lasse. Aber den Menschen werde ich nie wiedersehen. Oder vielleicht einige von denen, aber ganz wenige.
JULIA ROTHERBL
Jetzt ist ja trotzdem mit 34 dann quasi so eine Verantwortung zu haben für eine Praxis, auch finanziell, ja irgendwie dann…. - was heißt irgendwie - finanziell, die Verantwortung zu haben, Angestellte zu haben. Wenn du jetzt heute zurückschaust auf dein 34-jähriges Ich, was würdest du sagen, hast du damals schon so richtig gemacht? Und was würdest du vielleicht im Rückblick anders machen?
DR. JAQUELINE HIEPLER
Also ehrlich gesagt habe ich mir gar keine großen Sorgen gemacht. Ich habe einfach getan. Ich glaube, das, was heute die jungen Frauen alles für Probleme durchdenken, diese Gedanken habe ich mir einfach nicht gemacht. Ich habe einfach übernommen, hatte 300 Patienten übernommen. Die Investition war übersichtlich. Ich habe sehr schnell auch sehr viel mehr Patienten gehabt, so dass ich nach und nach gewachsen bin. Bin dann mit meinem jetzigen Mann in eine Gemeinschaftspraxis gegangen. Wir haben die Patienten zusammengelegt und haben nach und nach eben ein großes System aufgebaut, weil ich die Antwort meiner Patienten „Sie waren ja schon wieder in Urlaub, als ich krank war“, nicht mehr hören wollte. Und dann habe ich gedacht „Na ja, dann machen wir das anders. Wir werden einfach mehr und irgendeiner ist da und ich muss ersetzbar sein“. Und deswegen sind wir heute ein Team von fünf Ärztinnen und zwölf MFAs. Und die Praxis ist immer auf, so dass ich persönlich auch meine freie Lebensführung in einem gewissen Maß natürlich, aber ich kann mein Leben gestalten. Das finde ich total wichtig, die Selbstwirksamkeit zu leben. Also Autonomie, ist mir sehr wichtig.
JULIA ROTHERBL
Hattest du die denn tatsächlich von Anfang an oder hattest du auch Phasen, wo du sagst, die Work-Life-Balance hat jetzt nicht wirklich so gestimmt?
DR. JAQUELINE HIEPLER
Ich glaube, wir waren damals anspruchsloser, als das heute so ist. Also ich kam aus einer Klinik, wo wir 72-Stunden-Dienste machten. Also die Praxistätigkeit an sich empfand ich als totale Erleichterung, auch wenn die Dienste dann noch da waren. Die Notdienste mussten wir ja auch in der Praxis machen. Wozu ich dann auch mein politisches Amt angegangen bin und habe gesagt „Nein, also der Notdienst, das muss organisiert werden, das muss besser werden, dass jeder von uns mehr Freiheit hat und auf alle Schultern verteilt werden“. Und habe die Notdienstpraxis vor 25 Jahren gegründet, mitgegründet. So haben wir da auch die Wochenendbelastung deutlich reduziert, weil das war ja am Ende das, was ich wollte - ich wollte Familie und Beruf zusammenbringen. Und diese Gestaltung wüsste ich nicht, wo ich die woanders so gut hingekriegt hätte als in der Niederlassung.
KAPITEL 2_WIE SICH GENERATIONENWÜNSCHE VEREINBAREN LASSEN
JULIA ROTHERBL
Du hast ja gesagt jetzt schon oder angedeutet, dass es da Generationen Unterschiede gibt. Welche Generationen arbeiten denn bei dir in der Praxis? Wie muss ich mir das vorstellen?
DR. JAQUELINE HIEPLER
Also unser inzwischen 78-jähriger Oberarzt aus der Klinik damals ist dieses Jahr dann in Rente gegangen. Dann habe ich unsere drei jungen Kolleginnen, die sind zwischen 35 und 45 Jahre alt. Und dann wir. Wir sind jetzt Anfang 60. Und so dann haben wir drei Generationen in der Praxis.
JULIA ROTHERBL
Und was würdest du sagen, sind so die größten Unterschiede, was die Einstellung zu Arbeit, Karriere, Vereinbarkeit usw. betrifft?
DR. JAQUELINE HIEPLER
Also ehrlich gesagt haben wir uns ja auch verändert. Ich glaube, wir haben uns in Richtung derjenigen, die jetzt jünger sind, auch verändert. Ich möchte heute auch nicht mehr 60 Stunden arbeiten und die 40 Stunden möchte ich auch nicht mehr machen. Also wir haben uns alle so ein bisschen auf die 35 Stunden eingeschossen, dass jeder auch mal einen freien Nachmittag zusätzlich hat, damit er seine Privatsachen erledigen kann. Und ich glaube, wir haben alle fünf eine gute Work-Life-Balance und insofern denke ich, haben wir uns verändert in Richtung der nächsten Generation. Und ich finde das sehr angenehm.
JULIA ROTHERBL
Wie ist es denn aus der Warte als Chefin, als Praxisinhaberin? Inwieweit kann man denn tatsächlich all diese Wünsche, die da vielleicht kommen, was Teilzeit oder flexibles Arbeiten angeht, erfüllen? Also wo ist eine Grenze?
DR. JAQUELINE HIEPLER
Ja, also man muss schon auch konzentriert arbeiten und in der Zeit, wo man eben da ist, auch leistungsfähig sein, Flexibilität auch zeigen, wenn jemand anderes ausfällt oder wenn jemand im Urlaub ist, dann auch schon mal mehr übernehmen. Das Limit dieses Work-Life-Balance ist an der Stelle da, wo nicht alle am gleichen Strang ziehen. Also es muss schon die Arbeit einigermaßen gleich verteilt sein, wenn denn auch die Bezahlung gleich ist, also dass alle sich gerecht behandelt fühlen. Das finde ich total wichtig. Da gibt es natürlich kleine Unterschiede, die sind alle akzeptabel. Aber wenn das eklatant ist, dann ist das schwierig.
JULIA ROTHERBL
Ich hatte eine Aufnahme mit, mit einer niedergelassenen Augenärztin, Augenchirurgin, deren Mutter Hausärztin ist und auch immer noch praktiziert. Und sie sagt „Meine Mutter arbeitet 70 Stunden die Woche und macht Hausbesuche. Wenn die mal aufhört, braucht es mit den Arbeitseinstellungen der neuen Generation drei Ärzt_innen, die diese Arbeitsleistung ersetzen.“ Und habe das auch sehr kritisch eingeordnet bezüglich des Ärztemangels, der uns ja allen droht. Also es ist ja schon dieses Verständnis da für die Arbeitseinstellung der neuen Generation. Wir wollen uns alle nicht mehr zu Tode arbeiten, wir wollen auf unsere Gesundheit achten. Aber das ist jetzt so ein Aspekt, da hab ich mir gedacht „Ja. Kann man jetzt nicht einfach wegwischen, diesen Aspekt.“
DR. JAQUELINE HIEPLER
Genau. Also, das ist das Problem, wenn man alleine niedergelassen ist. Und deswegen war das für mich auch keine Form, die ich beibehalten wollte. Wenn man Einzelkämpfer ist, muss man ja nicht nur die Patientenversorgung machen und die Hausbesuche, sondern die ganze Administration steht dann noch aus. Die Organisation, die Abrechnung, Rechnungen bezahlen, bestellen, gucken, was ist zu reparieren? Wenn ich das alles alleine machen müsste, dann muss ich sagen, hohen Respekt vor der Kollegin, die das macht und 72 Stunden auch arbeitet die Woche. Das wollte ich auch nicht mehr machen. Und ich kann mir auch vorstellen, dass es dann schwierig wird, einen Nachfolger zu finden, der das alleine machen möchte. Das kann man zu zweit sicherlich stemmen. Und da es steht in Diskrepanz zu der Nachwuchsorganisation. Wir haben zu wenig Nachfolger in der Medizin und eben die Medizin ist weiblich geworden. Frauen haben die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu erledigen. Deswegen muss das System geändert werden. Das System, was wir mal hatten - und es war einfach so, wir mussten da durch - ist aber heute nicht mehr zukunftsfähig. Und deswegen ist eine Praxis, wo jemand 72 Stunden arbeitet, unverkäuflich.
JULIA ROTHERBL
Du hattest ja schon vorher kurz gesagt, dass du dich auch politisch engagierst, berufsplitisch. Unter anderem auch um quasi für den Hausärzt_innenberuf zu werben. Und was, was wären jetzt deine Ansatzpunkte, wo du sagst, das System müsste sich ändern?
DR. JAQUELINE HIEPLER
Ja, also Ärzte müssen zusammengehen. Also die Einzelpraxis ist, glaube ich, tot. Es sei denn, man macht eine Privatpraxis in der Stadt, in einem Stadtteil, der eben sehr wohlhabenden Menschen obliegt. Dann wird das noch klappen. Aber wenn man eben im Kassenarztbereich tätig ist, dann denke ich, ist das die bessere Form, sich zusammenzutun, die Arbeit zu teilen, dass man delegieren kann. Man kann heute auch die MFAs unglaublich gut fortbilden, dass die, die Hausbesuche machen, dass man Videosprechstunde anbietet. Dann gibt es Systeme, dass man die ausbildet, dass sie wirklich die ganze Abrechnung machen können. Da haben wir ja ehrlich gesagt auch gar keinen Spaß dran, das zu tun. Und ich sehe auch an meinen Arzthelferinnen, dass sie sich freuen über eine Fortbildung. Die möchten gerne autonom arbeiten und auch Verantwortung übernehmen. Und ich glaube, das ist auch für sie durchaus zufriedenstellender, als wenn sie nur Befehlsempfänger wären.
KAPITEL 3_“FRÜHER WAR DIE MEDIZIN VIEL UNMENSCHLICHER ALS HEUTE“
JULIA ROTHERBL
Du hast dich noch weitergebildet zur Diabetologin. Wir hatten schon ganz viele Fachbereiche hier im Podcast. Eine Diabetologin hatten wir tatsächlich noch nicht. Wie bist du, wie bist du darauf gekommen?
DR. JAQUELINE HIEPLER
Ach, das war Zufall. Ich war im Krankenhaus und irgendwie kümmerte sich keiner um Zuckerpatienten und Zucker. Und ja „Machen Sie mal irgendwas. Sie sind doch Frau. Da hat doch was mit Kochen zu tun. Machen Sie mal!“
JULIA ROTHERBL
Ach so.
DR. JAQUELINE HIEPLER
Und ich weiß nicht mehr, was ich geantwortet habe. Ich habe was Witziges dazu gesagt, weil ich dachte, irgendwie war das jetzt ein bisschen... Mmmmh?!
JULIA ROTHERBL
Ja, ein bisschen sehr klischeehaft. Okay.
DR. JAQUELINE HIEPLER
Ja. Und dachte „Ja, gut. Dann mache ich einfach mal.“ Und dann habe ich auch gemacht. Das Schöne war, die hatten ja alle auch keine Ahnung und ich konnte einfach mich da reinknien und denen sagen, wie's geht. Und das fand ich eigentlich auch ganz klasse, weil ich dann innerhalb des Krankenhauses auch so meine Autonomie erarbeitet habe.
JULIA ROTHERBL
Wäre das denn auch generell noch so ein Tipp, dass man zusätzlich zu einer Allgemeinmedizinerausbildung sich dann quasi noch so was sucht, was ja dann auch so eine Praxis auszeichnet?
DR. JAQUELINE HIEPLER
Genau. Man muss sich ja überlegen, man macht ja 30, 35 Jahre dasselbe. Wir fangen ja alle irgendwo nach dem Studium an mit einer Basisausbildung und dann kommen Zufälle ins Leben, weswegen man sich in eine oder in die andere Richtung entwickelt. Und die Fortbildung alleine ist ja auch irgendwas, woran ich wachse und was mich wiederum interessiert und auf neue Ideen bringt. Und ja, und da ich ja kochen konnte, dachte ich, ist das doch gut, wenn ich das mal mache.
JULIA ROTHERBL
Okay. Wie ist das… Du hast ja jetzt schon gesagt, man macht 35 irgendwie dasselbe, aber trotzdem, in dieser Zeit, in der du jetzt diese Praxis hast oder ihr diese Gemeinschaftspraxis habe, wie würdest du sagen, hat sich euer Beruf denn verändert?
DR. JAQUELINE HIEPLER
Also, am Anfang stand ich schon ziemlich unter Strom und habe aus heutiger Sicht eine Fließbandarbeit gemacht. Also ich habe unglaublich schnell gearbeitet und der nächste und… Weil ich ewig den Druck verspürt hatte, die sitzen im Wartezimmer und warten alle und sind unzufrieden und ich muss jetzt dafür sorgen, dass sie zufrieden werden. Dann habe ich dieses System geändert, indem ich dann eben die Abstände zwischen den Patienten etwas größer gewählt habe. Aber ich muss ja immer noch sehen, dass ich auch mit meiner Arbeitszeit auskam und dass ich auch am Ende des Tages das erledigt hatte, was ich erledigen musste. Also diese Diskrepanz muss man sich ständig überlegen und die kann man ja auch ständig ändern. Was dann eigentlich die größte Veränderung außer der Diabetologie waren, war, dass ich diese Psychosomatik für mich entdeckt hat. Also, ich hatte am Anfang als junge Ärztin überhaupt kein Verständnis dafür, dass einer… also, dass er mit Symptomen kam, die ich keiner Krankheit zuordnen konnte. Und trotzdem hatte er die. Und die Veränderung, die sich in diesem Laufe ergeben hat, dass ich jetzt viel mehr zuhöre als früher und mich vom Patienten leiten lassen. Also dieser psychosomatische Aspekt, den finde ich total spannend und auch interessant, auch wenn es oft sehr viel Zeit frisst und den Stau im Wartezimmer wieder verursacht. Da muss man dann mal gucken, dass man da nicht zu viele Gespräche hintereinander hat. Aber im Grunde hat sich die Medizin ja sehr zu ihrem Vorteil entwickelt, wenn ich das mal so die letzten 30 Jahre beobachten kann. Früher war es viel unmenschlicher als heute und ich glaube, das ist auch der jetzigen Generation, die jetzt übernommen hat - oder gerade übernimmt - zu verdanken, dass da ein anderer Ton reingekommen ist, eine andere Atmosphäre, ein anderer Umgang miteinander.
KAPITEL 4_WAS MAN ALS HAUSÄRZTIN MITBRINGEN SOLLTE
JULIA ROTHERBL
Wenn jetzt jemand zuhört, eine junge Ärztin, die noch nicht genau weiß, wohin sie ihr Weg führt. Was sind für dich die - weiß ich nicht - drei größten Pluspunkte in der Hausarztpraxis zu arbeiten.
DR. JAQUELINE HIEPLER
Drei Stück. Also, erstens, ich kann Familie und Beruf so gut vereinbaren, dass ich meine Sprechstundenzeiten an meinen Bedarf anpassen kann. Also, wenn ich Kleinkinder habe und muss sie um 12 Uhr in der Kita abholen, kann ich sagen „Gut, ich fange um 8 Uhr an und um Viertel vor 12 habe ich den letzten Patienten, dass ich dann noch um 12 mein Kind abholen kann. Macht dann eine Pause und mache nachmittags noch mal flexible Hausbesuche.“ Wenn die Kinder dann größer sind, kann man sagen „Gut, ihr seid jetzt bis 3 Uhr in der Schule, ich arbeite durch bis 3 und dann sehen wir uns zu Hause.“ Also, all das kann man gestalten. Das finde ich wirklich lebenswert. Zweiter Punkt. Ich bin mein eigener Chef. Ich kann selber beurteilen, wie ich arbeiten möchte und bin nicht mehr weisungsabhängig. Und dritter Punkt. Ich glaube, unser Verdienst ist nicht schlechter als im Krankenhaus. Vielleicht eher besser. Und, ich lebe gerne und gut.
JULIA ROTHERBL
Und welche drei Herausforderungen müsste man annehmen?
DR. JAQUELINE HIEPLER
Ja, also ich glaube, das Größte, was man eben aufnehmen muss, ist der Mut, einen Kredit aufzunehmen, eine Praxis zu kaufen, sich niederzulassen und die Verantwortung zu tragen, dass ich das Gehalt meiner Angestellten irgendwie erwirtschaften werde. Aber das kann man, wenn man sich nicht dumm anstellt, eigentlich ganz gut. Was ist dann noch ein schwieriges Hindernis? Ja, ich muss eine Persönlichkeit mitbringen, wo ich Bindung herstellen kann mit Patienten, die eben gerne kommen, die auch mein Lächeln sehen und ein Mitgefühl, also empathisch sein. Das, denke ich, sind Voraussetzungen, die man mitbringen muss.
JULIA ROTHERBL
Eigentlich alle Hausärzt_innen, mit denen ich mich unterhalte, die nennen genau das als positiven Punkt, dass man Patient_innen ganz lange begleiten kann. Andererseits erlebt man da natürlich auch unglaubliche Schicksalsschläge und die gehen einem vielleicht auch viel näher, wenn man den Vater der Patientin kennt, das Kind der Patientin kennt. Also, nimmt man solche Geschichten dann nicht auch viel eher mit nach Hause? Also, wie gehst du damit um?
DR. JAQUELINE HIEPLER
Ja. Das habe ich mich oft gefragt, wenn ich überlege, wie machen die Onkologen das? Da ist das noch extremer als bei uns. Aber es ist wirklich eine Sache der Abgrenzung. Also, ich lebe mein Leben, du lebst dein Leben und auch mein Leben wird irgendwann enden. Und das ist das Leben. Und ich glaube, das ist einfach eine Frage, wie akzeptieren wir das Leben und so wie wir auch den Tod akzeptieren. Und ich trauere dann mit den Patienten mit, aber ich sterbe nicht mit.
JULIA ROTHERBL
Bevor ich noch mal eine letzte Frage zum Thema Generationen stelle, würde ich dich gerne noch fragen, wie sich denn so in deinen Augen auch deine, deine eigene Führungspersönlichkeit vielleicht geändert hat in den Jahren? Ich kann mir vorstellen, dass man mit 34 anders führt als paar Jahre später.
DR. JAQUELINE HIEPLER
Ja, also ich habe genau die gleiche Wandlung durchlebt. Also, ich war vorher wahrscheinlich autoritärer. Ich bin selber auch autoritär erzogen worden. Das heißt, das habe ich mitgebracht und habe aber sehr viele Schulungen auch gemacht, auch eine Psychotherapieausbildung, indem ich einfach auch selber gelernt habe, wie wir anders miteinander umgehen. Und ich glaube, dass das die zufriedenstellendere Umgangsform ist als das, was ich früher erlebt habe mit dem autoritären „Und sie machen jetzt und keine Widerworte.“ Das möchte heute keiner mehr hören. Heute fragt man einfach „Ist das für dich in Ordnung, dass wir das so und so machen?“ Und ich habe noch nie irgendein Problem damit gehabt.
JULIA ROTHERBL
Also du hast in dem Gespräch jetzt deutlich gemacht, dass dir klar ist, dass die Generation, die da jetzt nachfolgt, Dinge mitbringt, die auch für deine Generation gut sind und dass man da viele Dinge übernehmen und sich abschauen kann. Es gibt ja aber auch durchaus Menschen, die das anders sehen. Also es gibt ja auch Sprüche wie „Die Generation so und so wäre faul.“ Wann hast du denn für dich erkannt, dass du, wenn du dir die Einstellungen der Nachkommenden anschaust, für dich einen Gewinn daraus ziehen kannst? Und wann hast du erkannt, dass manche Dinge, die deine Generation gemacht haben, für dich gar nicht so gut sind?
DR. JAQUELINE HIEPLER
Na ja, das war der Umgang, nicht in dem Krankenhaus, wo ich war, aber… Wenn ich bei Fortbildungen mit Menschen, also Kollegen, zu tun hatte, die aus dem universitären Umfeld kamen, fand ich das äußerst unangenehm dieses über… sich über andere setzen. Zum Teil bis zu Arroganz hin und narzisstisch. Das hat mich gestört. Und ich kann das gut nachvollziehen, dass das andere auch stört. Und das war aber früher sehr viel häufiger, als wir es heute finden. Den Einzelnen wird es auch in jung geben. Aber im Großen und Ganzen sind das Verhaltensweisen, die nicht akzeptabel sind. Wie wir miteinander umgehen, dann ist das auch egal, ob das der Bäcker ist oder meine Zugehfrau. Mich stört es doch selber, wenn man so mit mir umgeht. Und warum soll es andere nicht stören, wenn ich das gleiche tun würde? Und deswegen war das zu ändern. Und seitdem muss ich sagen, habe ich auch deutlich weniger Stress.
JULIA ROTHERBL
Sehr gut. Jaqueline, vielen Dank, dass du unsere Gäste warst. Es war ein super Gespräch. Danke dir.
DR. JAQUELINE HIEPLER
Danke auch.
VERABSCHIEDUNG
JULIA ROTHERBL
Da wir davon ausgehen, dass sich diesen Podcast vor allem Menschen anhören, die im Medizinbetrieb arbeiten oder irgendwann dort arbeiten wollen, hätten wir da noch einen weiteren Podcasttipp für euch. „Ne Dosis Wissen“. Darin beschäftigen sich meine Kollegin Dr. Laura Weißenberger und mein Kollege Dr. Dennis Ballwieser immer werktäglich mit News rund um Gesundheitspolitik, Medizin, Wissenschaft, mit allem, was für Health Professionals interessant ist und kommt immer morgens und passt perfekt zu einer Tasse Kaffee. Hört doch mal rein. „Frau Doktor, übernehmen Sie!“ erscheint alle 14 Tage neu, immer montags.
SPRECHERIN
Ein Podcast von gesundheit-hören.de. Und Apotheken Umschau Pro.
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