Forscherin, Brustkrebs-Pionierin, Vierfach-Mutter

Shownotes

Sie ist wohl DIE Brustkrebsexpertin in Deutschland und hat sich auch international einen exzellenten Ruf erarbeitet. Zu einer Zeit, in der es alles andere als selbstverständlich war, als Wissenschaftlerin international Karriere zu machen und gleichzeitig Mutter von vier Kindern zu sein. Die Rede ist von Prof. Dr. Nadia Harbeck. Sie ist Gynäkologin an der Frauenklinik des LMU Klinikums München, wo sie unter anderem das Brustzentrum leitet. Wieso ihre Karriere eigentlich mit einer Fotografieausbildung begann und wie sie zur Pionierin in der Brustkrebsforschung wurde, erzählt sie in dieser Folge.

Mehr zu unserer Gästin: https://www.lmu-klinikum.de/brustzentrum/uber-uns/unser-team/leitung-brustzentrum/5db2ac5d6b122a64

Im Podcast "Frau Doktor, übernehmen Sie!" erzählen Frauen aus der Medizinbranche, wie sie dort Karriere gemacht haben. Dazu spricht Julia Rotherbl, Chefredakteurin der "Apotheken Umschau", mit Frauen, die in Führungspositionen arbeiten, die Herausforderungen gemeistert haben oder an ihnen gescheitert sind. Es geht um Themen wie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Sexismus, männliche Netzwerke, mangelnde Vorbilder oder verschiedene Arbeitsmodelle. Das Ziel: Euch zu inspirieren und ermutigen, euren eigenen Weg zu finden.

Montags alle 14 Tage erscheint eine neue Folge. Habt Ihr Fragen, Anregungen oder Kritik? Dann schreibt uns gerne an redaktion@gesundheit-hoeren.de

Redaktion: Julia Rotherbl, Anja Kopf; Schnitt und Post-Produktion: Benedikt Möltner, Anja Kopf; Managing Editor Audio: Peter Glück


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Transkript anzeigen

PROF. NADIA HARBECK

Was dann allmählich angefangen hat zu nerven, so beim zweiten, dritten Kind, war, das immer, wenn ich auf Kongresse gefahren bin, die erste Frage war nicht „Was stellen Sie denn hier vor?“ oder „Worüber sprechen Sie?“, sondern immer „Ja, Frau Harbeck, wer passt denn auf Ihre Kinder auf?“ Und das kam dann von Kollegen, die selber 2, 3, 4 Kinder zu Hause hatten.

JULIA ROTHERBL

Sie ist wohl DIE Brustkrebsexpertin in Deutschland und sie hat sich auch international einen wahnsinnigen Ruf erarbeitet. Und zwar zu einer Zeit, wo es nicht selbstverständlich oder besser gesagt alles andere als selbstverständlich war, als Wissenschaftlerin international Karriere zu machen und gleichzeitig Mutter von vier Kindern zu sein. Wie sie das gemacht hat, das interessiert mich und ich hoffe auch ganz viele von euch. Meine Gästin heute ist Professorin Nadia Harbeck. Sie ist Gynäkologin an der Frauenklinik des LMU Klinikums München, wo sie unter anderem das Brustzentrum leitet. Ich freue mich sehr, dass sie heute meine Gästin ist. Mein Name ist Julia Rotherbl, Chefredakteurin der Apotheken Umschau. Und ich freue mich auf ein spannendes Gespräch und wünsche euch viel Spaß beim Zuhören.

SPRECHERIN

Frau Doktor, übernehmen Sie! Ein Podcast von gesundheit-hören.de. Und Apotheken Umschau Pro.

KAPITEL 1_ZWISCHEN BRUSTKREBSFORSCHUNG UND FAMILIENGRÜNDUNG

JULIA ROTHERBL

Nadia, hallo, in diesem Podcast. Ich freue mich sehr, dass du unsere Gästin bist.

PROF. NADIA HARBECK

Ja gerne, freue mich auch.

JULIA ROTHERBL

Nadia, wir haben ja auch für die Apotheken Umschau schon mit dir gearbeitet und deine Expertise als Brustkrebsexpertin genutzt, um Patientinnen aufzuklären. Deswegen weiß ich tatsächlich ziemlich viel über dich. Was ich nicht wusste bisher, ist, dass du, bevor du dich für die Medizin entschieden hast, eine Fotografieausbildung gemacht hast. Das heißt, Medizin war gar nicht deine erste Wahl?

PROF. NADIA HARBECK

Doch, ich wollte immer eigentlich was für Menschen und mit Menschen machen. Aber ich hatte ein sehr gutes Abi und damals wusste man dann, man konnte Medizin studieren. Und ich wollte einfach nicht in diese Schiene fallen, nur weil du ein 1,0-Abi hast, musst du jetzt Medizin machen und wollte mir das noch mal überlegen und auch ein bisschen den Kopf frei kriegen. Und ich habe Familie in Kanada und mein Großonkel ist ein sehr, sehr guter Fotograf dort gewesen und da habe ich mich entschieden, ein Jahr Pause zu machen, mir das nochmal gut zu überlegen, weil ich wusste, jederzeit, wenn ich nach Deutschland zurückkomme. kann ich ein Medizinstudienplatz bekommen.

JULIA ROTHERBL

Mhm. Wie ist es denn dann von Medizin zu Brustkrebs gekommen, wo du heute deine Expertise hast, wo du heute sehr viel arbeitest auf dem Gebiet?

PROF. NADIA HARBECK

Also das war für mich von Anfang an klar, dass ich Frauenheilkunde machen wollte, weil ich finde das total faszinierend, Frauen zu behandeln. Und es ist ja in Deutschland - ist ja in anderen Ländern nicht so - ist die Onkologie und gerade auch die Senologie, also die Brustkrebstherapie, Teil der Frauenheilkunde. Und das hat mich dann sehr früh interessiert. Ich habe die Doktorarbeit hier in München bei Professor Eiermann begonnen und das war ein onkologisches Thema. Wir haben damals nach Tumorzellen im Knochenmark gesucht, bei Patientinnen, die eigentlich als geheilt quasi entlassen worden sind und festgestellt, dass, wenn solche Tumorzellen schon im Körper gestreut haben, haben die schlechtere Prognose. Und das waren dann damals ganz neue Technologien, so molekulare Antikörper, mit denen man die Zellen eben gefunden hat. Und da habe ich dann gesehen, dass die Onkologie ein ungemein spannendes Gebiet ist und das hat mich dann letztlich zur Senologie und zur Brustkrebstherapie gebracht.

JULIA ROTHERBL

Du hast ja dann auch irgendwann deine Leidenschaft für die Forschung entdeckt. Was macht es für dich so spannend, Neues zu entdecken, neue Therapien auszuprobieren?

PROF. NADIA HARBECK

Damals war ja noch eine Zeit, wo… Es gab mehr Ärzte als Stellen. Und der Leiter der Frauenklinik an der Technischen Universität München, der Henner Graeff, der hatte mich damals angesprochen und hatte mich letztlich auch eingestellt dann, weil er eben junge Kollegen gesucht hatte, die eben so ein physischen Scientist sein wollen, also gleichzeitig Arzt und Forscher. Und das hat gut gepasst. Ich wollte was verändern, wollte neue Dinge erforschen, aber auch vor allem - und das ist ja auch Thema meiner Forschung bis heute geblieben - ich wollte was für die Patienten verändern. Und zwar nicht für die in Zukunft, sondern für die jetzt schon. Die an den Studien, die wir ja jetzt auch machen, teilnehmen. Und so bin ich dann an der Technischen Universität München damals gelandet und das war eine tolle Umgebung damals und das hat mich bestätigt und das habe ich dann auch... Ich habe ja dann auch Familie angefangen, Kinder bekommen und das hat sich dann auch sehr gut vereinbaren lassen. Immer dann, wenn ich nicht in der Klinik war, habe ich halt auch Forschungszeiten gehabt.

JULIA ROTHERBL

Hast du es tatsächlich auch deswegen gemacht, weil es sich gut vereinbaren lässt oder hast du das dann einfach im Laufe der Zeit festgestellt, dass es das tut?

PROF. NADIA HARBECK

Nein, also ich habe das nicht so geplant, aber das hat sich dann so ergeben, dass es eben doch eine gute Zeit war, wenn man mit einem kleinen Kind zu Hause ist. Und da habe ich dann halt vermehrt mich mit der Wissenschaft auch beschäftigt, natürlich neben den Babys sozusagen. Und das hat ja dann auch dazu geführt, dass ich die erste Ärztin damals an der Klinik war, die vor dem Facharzt schon die Qualifikation für die Habil erreicht hatte. Das war früher immer so, man macht den Facharzt, dann habilitiert man sich. Und dadurch, dass ich eben mehrere Erziehungszeiten oder wie man damals noch gesagt hat, Mutterschutzzeiten gehabt habe, habe ich eben sehr viel mehr Forschung vor dem Facharzt gemacht.

JULIA ROTHERBL

Wie war das eigentlich? Du hast vier Kinder bekommen. Wie hat denn dein Umfeld damals reagiert? Also, es war ja zu einer Zeit, wo es überhaupt noch nicht selbstverständlich war, dass man als Mutter weiter arbeitet.

PROF. NADIA HARBECK

Ja, das war nicht so ganz einfach. Aber mir war das mit meinem Mann damals von Anfang an klar, dass wir eine große Familie haben wollten. Ich bin selber Einzelkind und wollte immer viele Kinder haben. Und beim ersten Kind hatte ich noch so ne… Da gab es damals noch, das hieß „Arzt im Praktikum“, das war eine Zeit, wo man eben gearbeitet hat, aber nur die Hälfte des Geldes verdient hat. Weil eben Ärzteüberschuss war, konnte man sich das damals leisten. Das wäre heute undenkbar. Und da habe ich meinen ersten Sohn bekommen in der Zeit. Und dann bin ich zu meinem Klinikdirektor gegangen. Und das muss ich sagen, das habe ich nie vergessen. Das war wahrscheinlich eine der ersten Frauenförderer in unserem Bereich. Der hat mich dann gefragt „Ja, Frau Harbeck, was wollen Sie denn?“ Und dann habe ich gedacht, jetzt frage ich mal ganz frei und hab ich gesagt „Ich hätte gerne eine unbefristete Stelle bei Ihnen. Dann würde ich gerne weiter bleiben und weiter in der Gruppe klinisch und forscherisch mitarbeiten.“ Und dann hat er gesagt „Ja, okay“. Das, glaube ich, war der wesentliche Schritt in meiner Karriere. Wenn ich damals nicht diese Unterstützung gehabt hätte… Und ich glaube, also jeder, der Kinder und Beruf hat, weiß das. Man kann ja arbeiten, man braucht etwas mehr Flexibilität und vor allem braucht man eine Sicherheit, dass es weitergeht. Und das hat man nicht, wenn man nur Ein-Jahres-Verträge hat oder so. Und ich glaube, das war damals der Grundstock, wo ich dann sagen konnte, jetzt habe ich einen unbefristeten Vertrag, jetzt kann ich in aller Ruhe die Dinge planen und nehmen, wie sie kommen. Und ich habe dann zwei Jahre später das zweite Kind bekommen, meine große Tochter, und muss sagen, da war der Klinikchef nicht mehr so verständnisvoll. Ich sage mal, kurz etwas zusammengezuckt, aber hat sich dann auch gleich wieder gefangen und hat ja auch gesehen, dass ich immer wieder zurückgekommen bin, dass ich auch in der Zeit, wo ich zu Hause war, mit den Kindern - habe sie alle ja auch ein Jahr gestillt - da hatte ich eben auch den Kontakt und habe Forschung weitergemacht. Das hat sich gut ergeben so und für mich war das der richtige Weg. Aber wie gesagt, geplant hatte ich das so nicht.

Und was vielleicht auch noch interessant ist, was dann allmählich angefangen hat zu nerven, so beim zweiten, dritten Kind, war, das immer, wenn ich auf Kongresse gefahren bin, die erste Frage war nicht „Was stellen Sie denn hier vor?“ oder „Worüber sprechen Sie?“, sondern immer „Ja, Frau Harbeck, wer passt denn auf Ihre Kinder auf?“ Und das kam dann von Kollegen, die selber 2, 3, 4 Kinder zu Hause hatten. Und das fand ich dann am Anfang noch… belustigt war ich da und dann am Ende hat es nur noch genervt.

JULIA ROTHERBL

Hast du irgendwie dann so eine Standardantwort auf diese Frage entwickelt?

PROF. NADIA HARBECK

Nein, ich bin da einfach drüber hinweggegangen. Natürlich kann man dann flapsig mal sagen „Und wer passt auf ihre Kinder auf?“ Aber auch das läuft sich ja irgendwann tot. Und ich wollte das eigentlich immer gar nicht so thematisieren. Ich mein, wenn ich da war, war ich beruflich da. Und, dass jeder sich um die Kinderbetreuung kümmern muss, glaube ich, ist doch klar.

KAPITEL 2_EINE PIONIERIN IN DER BRUSTKREBS-THERAPIE

JULIA ROTHERBL

Was ich spannend find, ist auch der Punkt, an dem du eingestiegen bist in diese onkologische Forschung. Das war ja quasi ein Punkt, wo sich sehr viel getan hat. Andererseits war es ja auch ein Punkt - so ein Wendepunkt - weg von „Sie haben Brustkrebs und Sie erhalten jetzt diese standardisierte Therapie“ hin zu einer sehr viel individuelleren Behandlung. Bist du auch da gegen Hindernisse gelaufen, gegen Unverständnis gelaufen am Anfang, weil man eben dieses Therapiekonzept hinterfragt hat?

PROF. NADIA HARBECK

Ja, also klar gibt es Widerstände und wir haben damals ja zum ersten Mal Faktoren im Gewebe bestimmt, die die Prognose vorhergesagt haben und dann darauf basierend Studien gebaut. Dann haben wir später… Ich habe ja dann angefangen, 2009 mit Frau Professor Nitz in der Westdeutschen Studiengruppe zusammenzuarbeiten. Und wir haben als erstes eine Studie gemacht, wo wir bei Patienten, auch mit zwei oder drei befallenen Lymphknoten, auf die Chemotherapie verzichtet haben, wenn sie in einem Genexpressionstest ein sehr günstiges Ergebnis hatten. Das war damals die erste Studie in Deutschland, die so gelaufen ist. Und auch da gab es Widerstände, wo Kollegen gesagt haben „Das könnt ihr nicht machen.“ Und letztendlich haben wir die Studie ausgewertet und festgestellt, dass die Patienten ohne Chemotherapie exzellente Heilungschancen hatten. Also wir haben dann recht bekommen, aber das weiß man natürlich nicht, wenn man die Studie anfängt. Deswegen ist es ja auch so wichtig, dass man Kollegen begeistern kann und auch die Patienten mitnimmt von diesen Ideen und sagt „Wir haben genug Voraussetzungen zu sagen, dass diese Biomarker verlässlich sind und jetzt wollen wir sie auch in die Praxis überführen. Dazu brauchen wir die Studie.“ Also es gab immer Widerstände von Kollegen, die nicht so in der Materie waren, dann gedacht haben, das geht vielleicht so nicht. Aber letztlich, wenn man dann die Daten bringt, kann man natürlich auch viele überzeugen. Aber man ist auch in der Pflicht, erst mal Daten zu bringen.

JULIA ROTHERBL

Nadia, wie viel Kontakt, direkten Kontakt zu Patient*innen hast du denn aktuell noch? Wie muss ich mir deinen Arbeitsalltag vorstellen? Also…

PROF. NADIA HARBECK

Also das ist so ein Zwischending. Ich habe schon noch Sprechstundentage, zweimal die Woche. Manchmal fällt das auch aus, wenn Kongresse sind natürlich oder so, und ich bin ja auch für die Patienten hier bei uns im Brustzentrum verantwortlich. Das heißt, ich leite das Tumorboard, krieg da die Krankengeschichten natürlich mit. Und wenn es schwierige Fälle gibt, schaue ich mir dann im Nachhinein auch die eine oder andere Patientin selber mal an. Patienten, die auf Station liegen, denen es nicht gut geht, wo die Kollegen mich bitten, auch mal dazu zu kommen. Also ich habe, sagen wir mal, viel Patientenwissen und… über die Patienten, die bei uns sind, aber wir schauen natürlich… Nicht jede Patientin spreche ich selber mit ihr, aber habe natürlich in der eigenen Sprechstunde auch noch die Kontakte. Und was das Schöne ist, ich sehe die Patienten ja dann auch immer wieder. Ich habe gerade heute Morgen, als ich zur Sprechstunde ging, eine Patientin auf dem Flur getroffen, die seit zehn Jahren bei uns therapiert wird mit Lebermetastasen, die mittlerweile gar nicht mehr sichtbar sind und die wir jetzt zehn Jahre mit der ersten Therapie, die wir damals angefangen haben, 2013 behandeln. Und mittlerweile hat sie ein fünfjähriges Enkelkind. Und solche Dinge prägen einen dann natürlich. Also, ich habe natürlich Patientenkontakt, aber natürlich nicht mehr so viel, wie die anderen Kollegen bei uns im Brustzentrum.

JULIA ROTHERBL

Vermisst du es?

PROF. NADIA HARBECK

Nein, ich brauche beides. Also ich denke, wenn man sozusagen auch Forschung macht, ich bin ja auch als Professorin an der LMU hier an der Klinik angestellt und nicht nur als reine Klinikerin, dann muss man auch bereit sein, auf den direkten Patientenkontakt zu verzichten. Ich arbeite viel in Gremien, in Leitliniengremien mit, um die Brustkrebstherapie besser zu machen oder qualitätsgesichert international auch Standards zu setzen. Und man kann nicht alles machen. Der Tag hat 24 Stunden und ich glaube, man muss so ein gutes Mittelding finden. Und ich bin unglaublich dankbar auch für das Team, was wir hier am Brustzentrum haben, dass die mir da auch den Rücken freihalten, dass ich dann in den Leitliniengremien auch wiederum mich engagieren kann. Ich bin im Vorstand der großen Europäischen Onkologische Gesellschaft, der ESMO. Auch das kostet Zeit. Aber da beschäftigen wir uns neben den Leitlinien ja auch mit der Weiterbildung der Kollegen. Und das sind ja auch ganz wichtige Themen, dass man nicht nur Fortschritt erreicht, sondern den dann auch weitergibt an die Kollegen, die draußen in den Praxen, in den Kliniken auch die Patienten behandeln.

JULIA ROTHERBL

Wie viel von den 24 Stunden arbeitest du denn?

PROF. NADIA HARBECK

Ich glaube rechtlich nach EU-Recht darf ich zehn Stunden arbeiten, aber dass das nicht ausreicht, ich glaube, das wissen wir alle. Aber ich… Es ist auch nicht so… Ich beschwere mich nicht. Ich hab Tage, da arbeite ich sehr viel. Ich fange morgens hier um sieben an und fahr abends um acht nach Hause. Das ist dann okay. Aber es gibt eben auch Wochenenden, da… Wenn… Die Kinder sind jetzt bei mir alle aus dem Haus, wenn die dann kommen, dann wird das Wochenende auch freigehalten und dann gibt es da eben keine Arbeit und ich freue mich darüber, dass die Kinder uns besuchen. Also man muss, glaube ich, da ein bisschen flexibel sein und mir macht es nichts aus, lange Stunden zu arbeiten. Und natürlich braucht jeder auch seine Ruhepausen und seine Nischen sozusagen, wo er mal ganz andere Dinge macht.

KAPITEL 3_WIE MAN SICH INTERNATIONALEN EINFLUSS ERARBEITET

JULIA ROTHERBL

Nadia, du hast ja jetzt gerade von dieser Patientin mit den Metastasen erzählt. Der Fall zeigt auch, dass die Brustkrebstherapie generell eine große Erfolgsgeschichte ist. Also wer heute die Diagnose Brustkrebs erhält, erhält bei weitem jetzt kein Todesurteil. Deine Karriere ist auch eine Erfolgsgeschichte und ich würde dich gerne fragen, wann dir das klar geworden ist.

PROF. NADIA HARBECK

Ja, wobei das gar nicht der Zweck sozusagen meines Arbeitens ist, weil ich mache es ja nicht, um persönlich jetzt erfolgreich zu sein, sondern ich mache es, weil wir Dinge bewegen können, Therapie verbessern können und… Aber ich glaube natürlich, der Moment, wo ich das gemerkt habe, dass das auch international Anerkennung findet, war, als ich die E-Mail von der ESMO bekommen habe, dass ich den Preis für mein Lebenswerk 2020 bekommen habe. Das weiß ich noch. Ich habe da hingeschaut. Ich konnte es gar nicht glauben. Habe das dann gleich mit meinen Kolleginnen hier geteilt am Brustzentrum und haben uns natürlich tierisch gefreut. Und das ist ja auch schön, wenn man solche Anerkennung bekommt, während man noch bei der Arbeit ist. Weil ich glaube, wenn man die am Ende seines Arbeitslebens bekommt, dann ist das natürlich auch schön, weil man weiß, dass das auch eine Bestätigung ist. Aber solche Preise öffnen ja auch Türen und man kriegt eher Gehör. Man kann dann auch wieder Dinge verbessern, erreichen, sei es jetzt für die klinischen Kollegen, für die jungen Kollegen in der Weiterbildung oder eben auch für Patientinnen. Also ich glaube, das war natürlich so ein Moment. Und dieses Jahr bin ich gefragt worden auf dem großen amerikanischen Krebskongress, auf dem ASCO die Diskussion zu halten für die Studie, die weltweit am meisten erwartet wurde. Und das war natürlich auch eine ungeheure Ehre. Aber auch gleichzeitig hatte ich, glaube ich, keinen freien Tag zwischen Ostern und Anfang Juni dann. Also, es hat immer so zwei Seiten. Aber wie gesagt, der berufliche Erfolg ist ja nicht der Zweck dessen, was ich tue oder was wir in vergleichbaren Situationen tun, sondern wir wollen ja unseren Patienten helfen.

JULIA ROTHERBL

Wenn jetzt eine junge Kollegin, die noch am Anfang steht, diesen Podcast hört und sich fragt, wie er arbeite ich mir überhaupt international Einfluss? Wie komme ich quasi in Forschungsgruppen über Deutschland hinaus, was würdest du der Kollegin raten?

PROF. NADIA HARBECK

Also zum einen würde ich sie unbedingt bestätigen, weiterzumachen, wenn sie sich für Forschung neben der klinischen Tätigkeit entscheidet. In anderen Ländern ist es oft auch besser strukturiert als bei uns in Deutschland. Es gibt da auch kein Erfolgskonzept. Und bei mir war die Internationalisierung, als dass ich mir Partner gesucht habe, über die europäischen Fachgesellschaften, über europäische Studiengruppen, auch so ein bisschen aus der Not geboren. Und natürlich, wenn man dann übers Ausland kommt mit Erfolgen, die international sichtbar sind, dann kann man auch in Deutschland Strukturen aufbrechen, die man vielleicht in einer sehr männlich dominierten Gesellschaft so nicht so einfach aufbrechen könnte. Und deswegen, glaube ich, hilft das auch, sich dann ein bisschen Anerkennung von außen zu holen. Und vernetzen, vernetzen, vernetzen ist, glaube ich, das Allerallerwichtigste. Und über den eigenen Tellerrand hinausschauen. Und es gibt ja heute auch, wie gesagt… bei der ESMO gibt es Leadership Programme, es gibt Fellowship, es gibt beim Deutschen Ärztinnenbund gibt es Mentorinnennetzwerke. Das war auch sicher was, was meiner Generation nicht so da war. Da gab es kaum Rollenmodelle, weil einfach die noch nicht da waren, die Frauen oder ganz wenige, die eben auch mit Kindern weiter Klinik und weiter Forschung gemacht haben. In einem operativen Fach muss man dazu sagen. Frauenheilkunde ist ja ein operatives Fach. Das kommt ja auch noch erschwerend dazu, wenn man so an die Vereinbarkeit von Familie und Karriere denkt. Also vernetzen, Hilfe holen und die Augen offenhalten. Es gibt viele tolle Programme und die sollte man in Anspruch nehmen.

JULIA ROTHERBL

Siehst du dich denn selbst eigentlich als Vorbild?

PROF. NADIA HARBECK

Das ist, glaube ich, nicht meins zu beurteilen. Aber ich habe von Anfang an immer ganz oben in meinem Lebenslauf geschrieben, ich habe vier Kinder. Nicht, weil ich mich damit brüstet, das ist ja keine… Sag ich mal, hat man ja nichts geleistet, das sind ja… die Kinder, sind ja selber erwachsen geworden und gehen ihren eigenen Weg. Aber ich habe immer gedacht, wenn es jemanden interessiert, dann ist das vielleicht ein Anknüpfungspunkt, wo man dann mich mal ansprechen kann. Und es sind ja oft ganz praktische Fragen, die, die sich da aufdrängen. Und deswegen habe ich es immer in meinen Lebenslauf ganz vorne mit reingeschrieben, einfach um, um zu signalisieren, da ist sozusagen jemand, der hat das auch gemacht, hat auch Karriere gemacht, wenn man das mal so sagen möchte, und fragt doch einfach.

JULIA ROTHERBL

Fragen dich dann viele?

PROF. NADIA HARBECK

Ja, also ich muss sagen, kommen immer mal wieder Kollegen. Ich engagiere mich auch sehr, zum Beispiel bei der ESMO, bei den Young Oncologists und versuche auch immer da was zurückzugeben für die jüngeren Kollegen.

JULIA ROTHERBL

Wie nimmst du denn das war, wie die aktuell junge Ärztinnengenerationen dieses Thema Vereinbarkeit, Karriere und Beruf grundsätzlich das Thema überhaupt bestimmte Positionen anzustreben oder einen bestimmten Einfluss anzustreben, wie gehen die damit um?

PROF. NADIA HARBECK

Ganz unterschiedlich. Es gibt Kolleginnen – oder auch Kollegen, das ist ja jetzt auch nicht geschlechtsspezifisch - die sagen, das ist nichts für mich, ich mache so mein Ding, aber mehr möchte ich auch nicht an Verantwortung. Diese Sitzungen, die da eigentlich mit wenig Ergebnissen immer bis in den Abend reingehen, ist nicht so für mich. Ich denke, das muss man akzeptieren. Was ich erschreckend finde, ist, wenn ich Kolleginnen treffe, die schon als Studentin, wenn man so fragt, „Na ja, und was wollen Sie mal machen?“, dann sagen „Na ja, eigentlich möchte ich gerne Frauenheilkunde machen - jetzt mal als Beispiel - aber ich glaube, ich mache doch lieber Pathologie oder Radiologie. Das kann man besser mit Familie vereinbaren.“ Also ich glaube, das ist was, wo ich dringend von abraten würde. Wir sind ja länger berufstätig, als wir Familie haben, zumindest Familie, die zu Hause wohnt und für die wir auch tagsüber da sein müssen. Und deswegen würde ich dringend davon abraten, dem Beruf jetzt nach der Vereinbarkeit auszusuchen. Erstens kommt es dann doch nicht so, wie man es geplant hat, und zweitens muss der Beruf einem ja auch Spaß machen. Und ich glaube, man sollte eher den Beruf wählen - jetzt in der Medizin - wo man sagt, da ist man mit dem Herzen mit dabei und dann schauen, dass man sich die äußeren Gegebenheiten so schafft, dass es möglich ist. Sei es, dass es eben ein bisschen länger dauert zum Facharzt, weil man zwischendurch Pausen macht, dass man auch mal auf Teilzeit geht oder dass man letztlich dann sagt, ja, ich weiß nicht, man macht wie ich eben mal ein Forschungsjahr dazwischen, da ist man dann mehr zu Hause, kann das besser planen oder so… Also es gibt ja heute auch mehr Förderprogramme, wenn man vom Elterngeld anfängt und solche Dinge, das gab es ja alles bei uns damals noch gar nicht.

JULIA ROTHERBL

Nadia, als letzte Frage für jemanden, der schon unglaublich viel erreicht hat, der sogar schon einen Preis für sein Lebenswerk entgegengenommen hat. Was ist ein Ziel, wo du sagst, das möchte ich noch erreichen, das wäre quasi meine nächste Etappe.

PROF. NADIA HARBECK

Wir haben noch viele Studien laufen mit der Westdeutschen Studiengruppe, wo ich denke… wir haben auch noch ein Studienprojekt jetzt gerade abgeschlossen, wo wir auf die Daten warten mit über 5.000 Frauen, wo wir Chemotherapie ganz ersetzen wollen. Also, ich habe noch viel Forschungsdinge vor. Wir haben ja dieses Jahr auch den Deutschen Krebspreis bekommen, die Frau Professor Nitz und ich für die WSG und die Arbeit, die wir da geleistet haben. Ich würde mich sehr freuen, wenn wir diese Dinge, die wir da entwickelt haben, auch in die Praxis umsetzen, in die Leitlinien reinkriegen. Da haben wir geguckt nach dem Ansprechen auf die Antihormontherapie, vor der Operation, um dann eben Chemotherapie zu vermeiden. Und ich glaube, dass, wenn ich das sehen könnte, dass das Patienten wirklich hilft, nicht nur in Deutschland, sondern auch darüber hinaus, das wäre schon wunderbar. Und dann natürlich, ich würde mich sehr Enkelkinder wünschen. Und mein ältester Sohn ist jetzt 31, als Mutter denkt man, könnte ja mal Zeit werden. Also das glaube ich, das öffnet dann noch ganz neue Perspektiven.

JULIA ROTHERBL

Okay. Gut, vielen Dank. Vielen Dank für dieses spannende Gespräch. Danke, dass du unser Gästin warst.

PROF. NADIA HARBECK

Danke auch.

JULIA ROTHERBL

Und wir drücken natürlich die Daumen, dass diese Wünsche in Erfüllung gehen.

PROF. NADIA HARBECK

Herzlichen Dank.

BIS ZUM NÄCHSTEN MAL

JULIA ROTHERBL

Für alle, die sich für das Thema Brustkrebs interessieren, gibt es jetzt noch einen Buchtipp. Und zwar hat Frau Harbeck neben allem, was sie sonst noch so macht, auch ein Buch geschrieben. Es heißt „Brustkrebs. Alles, was jetzt wichtig ist.“ und beantwortet alle Fragen, die sich betroffene Frauen nach der Diagnose stellen. Und ein Podcast-Tipp gibt es auch noch. „Frau Doktor, übernehmen Sie!“ erscheint alle 14 Tage neu, immer montags.

SPRECHERIN

Frau Doktor, übernehmen Sie! Ein Podcast von gesundheit-hören.de. Und Apotheken Umschau Pro.

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