Vier-Tage-Woche als leitende Ärztin - funktioniert das?

Shownotes

"Ich bin die Älteste hier. Warum schrubbe ich hier die meisten Stunden ab? Muss das so sein?" Das hat sich unsere Gästin Dr. Patricia Dé-Malter gefragt. Sie ist leitende Ärztin der chirurgischen Abteilung und des Darmkrebszentrums des Gemeinschaftskrankenhauses Havelhöhe - und beschließt nach 22 Jahren, in ein 4-Tage-Modell zu wechseln. Wie sie das durchgesetzt hat, wie es ihr damit geht und wie sie die neu gewonnene Zeit jetzt für sich nutzt, hört ihr in dieser Folge.

Im Podcast "Frau Doktor, übernehmen Sie!" erzählen Frauen aus der Medizinbranche, wie sie dort Karriere gemacht haben. Dazu spricht Julia Rotherbl, Chefredakteurin der "Apotheken Umschau", mit Frauen, die in Führungspositionen arbeiten, die Herausforderungen gemeistert haben oder an ihnen gescheitert sind. Es geht um Themen wie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Sexismus, männliche Netzwerke, mangelnde Vorbilder oder verschiedene Arbeitsmodelle. Das Ziel: Euch zu inspirieren und ermutigen, euren eigenen Weg zu finden.

Montags alle 14 Tage erscheint eine neue Folge. Habt Ihr Fragen, Anregungen oder Kritik? Dann schreibt uns gerne an redaktion@gesundheit-hoeren.de

Redaktion: Julia Rotherbl, Anja Kopf; Schnitt und Post-Produktion: Benedikt Möltner, Anja Kopf; Managing Editor Audio: Peter Glück


[ANZEIGE] Mehr über die Angebote unserer aktuellen Werbepartner gibt’s unter https://www.apotheken-umschau.de/podcast/partner

Transkript anzeigen

DR. PATRICIA DÉ-MALTER

Zu Anfang hat mich das ja auch eher geärgert, dass alle weniger arbeiteten und wo ich mich immer gefragt habe, ich bin die Älteste hier und warum schrubbe ich hier die meisten Stunden ab. Warum ist das so? Und muss das so sein?

JULIA ROTHERBL

Stellt euch vor, ihr arbeitet ein Arbeitsleben lang - oder fast ein Arbeitsleben lang - in Vollzeit in der Klinik, also so 60 bis 70 Wochenstunden. Und dann mit über 60 merkt ihr, das geht so nicht mehr. Ich will das so auch nicht mehr, ich will Stunden reduzieren, ich will die Vier-Tage-Woche. Genauso ist es unser Gästin in dieser Folge gegangen. Dr. Patricia Dé-Malter ist leitende Ärztin der chirurgischen Abteilung und des Darmkrebszentrums des Gemeinschaftskrankenhauses Havelhöhe. Und seit letztem Sommer teilt sie sich die Abteilungsleitung mit einem Kollegen und hat einen Tag pro Woche frei. Wie es ihr damit geht, wie sie das durchgesetzt hat und wie sie diese jetzt neu gewonnene Zeit für sich nutzt, über all das wollen wir heute mit ihr sprechen. Ich freue mich sehr, dass ihr uns zuhört. Mein Name ist Julia Rotherbl, ich bin Chefredakteurin der Apotheken Umschau. Und ich würde sagen, wir steigen direkt ein ins Gespräch.

SPRECHERIN

Frau Doktor, übernehmen Sie! Ein Podcast von gesundheit-hören.de. Und Apotheken Umschau Pro.

KAPITEL 1_VIER-TAGE-WOCHE ALS LEITENDE ÄRZTIN – FUNKTIONIERT DAS?

JULIA ROTHERBL

Hallo, Patricia.

DR. PATRICIA DÉ-MALTER

Hallo.

JULIA ROTHERBL

Schön, dass du unsere Gästin bist.

DR. PATRICIA DÉ-MALTER

Ja, ich bin gerne Gästin, genau.

JULIA ROTHERBL

Patricia, ich muss ja zugeben, ich bin sehr neidisch. Als ich erfahren habe, worüber wir heute reden… so eine Vier-Tage-Woche, reduzierte Arbeitszeit in Leitungsfunktionen. Das...

DR. PATRICIA DÉ-MALTER

Das ist gut.

JULIA ROTHERBL

Ja, das hört sich sehr gut an. Fühlt sich es auch gut an für dich?

DR. PATRICIA DÉ-MALTER

Ja, das ist auch gut. Das ist auch wirklich gut. Ich muss gestehen, als wir das ganz frisch hatten, sozusagen meine Ehe mit meinem Leitungs-Co. Und auch mit der Stellenreduktion. Da war gerade der Berliner Chirurgenkongress. Das ist ja letztes Jahr gewesen, schon. Wir sind ja jetzt, haben das ja jetzt schon ein Jahr. Und wir haben das so erzählt, und da war das ja noch ganz frisch und… und alle alten Chefs, die kenne ich ja noch von früher. Haben mich alle sehr schräg angeguckt und haben gesagt „Ja, aber kann das denn gehen und dies und jenes?“ Und waren also alle sehr skeptisch und konnten das gar nicht so richtig verstehen, hat man das Gefühl. Und dann schon ein paar Tage später, ist das so gesackt war, dann kam so der eine oder andere und wollte wissen „Ja, wie habt ihr das denn so genau gemacht und so?“ Und dann hatte man das Gefühl, also so ein bisschen Neid sprach da dann auch schon raus. Und ja, die wollten das dann auch zum Teil ganz genau wissen, wie wir das so bewerkstelligt hatten und wie wir das in der Praxis umsetzen. Und ich glaube, das ist einfach etwas, was wir… so meine Generation der Babyboomer, wir haben das einfach verlernt, glaube ich, oder… oder haben es gar nicht erst gelernt, solche Modelle überhaupt zu denken.

JULIA ROTHERBL

Den Aspekt, den du gerade erwähnt hast, dass die Leute fragen „Wie habt ihr das eigentlich gemacht?“ Das ist, glaube ich, auch was, was ganz viele unserer Zuhörerinnen und Zuhörer interessiert. Und deswegen vielleicht gleich am Anfang die Frage Patricia, wie organisiert ihr das denn?

DR. PATRICIA DÉ-MALTER

Wir hatten früher vier Leute, die 100 Prozent gearbeitet haben, und wir sind jetzt fünf Leute, die 80 Prozent arbeiten. Sprich die eine Stelle wurde aufgeteilt und das ist für die Verwaltung oder von der Kostenseite her ist das im Prinzip ein Nullsummenspiel. Und diese, diese 20 Prozent, die wir alle weniger arbeiten müssen, das ist eben ein Tag, ein Wochentag, so dass wir alle eine Vier-Tage-Woche haben und es sind immer vier Leute da anwesend.

JULIA ROTHERBL

Okay.

DR. PATRICIA DÉ-MALTER

Genau. Jeder hat einen Tag frei und der ist auch nicht fest. Das hatten wir zu Anfang mal, die Idee, vielleicht das fest zu machen, um eben spezielle Dinge vielleicht fest anzuvisieren, weiß ich. Der eine möchte segeln, der andere möchte Yoga machen oder wie auch immer. Aber das das funktioniert nicht gut, darum haben wir dann doch letztendlich wechselnde Tage.

JULIA ROTHERBL

Wie hat denn die Klinikleitung reagiert, als ihr das vorgeschlagen habt? Also wahrscheinlich, wenn du sagst, es ist ein Nullsummenspiel, war das wahrscheinlich schon mal dieser, dieser finanzielle Aspekt, den habt ihr dann quasi von vornherein schon mal ausgeräumt. Aber wie war da so die Reaktion?

DR. PATRICIA DÉ-MALTER

Ja, die… wir haben schon ein paar geteilte Stellen hier, also auch Leitungsstellen, also in der Kardiologie und in der Anästhesie haben wir auch geteilte Stellen, so dass jetzt das nicht ganz neu war. Aber die Chirurgie war schon immer noch so ein alter Dinosaurier, wenn man so will, war ja auch immer männlich geprägt bisher. Und das war auf jeden Fall eine Abteilung, wo… wo natürlich Kontinuität und Präsenz gefordert ist und wo man sich immer schlecht vorstellen konnte, das irgendwie so zu machen. Und ich habe die Stelle ja 2017 angetreten, also das ist jetzt auch schon ein paar Jahre, habe es also auch schon ein paar Jahre klassisch gemacht und es war viel Arbeit. Also man muss schon sagen, das war schon eher 60, 70 Stunden Woche und auf Dauer ist das etwas, was finde ich jenseits der 60 dann schon ein bisschen schwerer fällt und wo man einfach auch die Motivation manchmal nicht mehr so hat oder das braucht einen auf. Man hat wenig Zeit zum Regenerieren. Und ich bin natürlich schon dann auch auf die Idee gekommen, weil von unseren ganzen jungen Kollegen, die wir haben, ist eigentlich gar keiner mehr da, der 100 Prozent arbeitet.

JULIA ROTHERBL

Das waren tatsächlich quasi dann so Vorbilder, die neue Generation.

DR. PATRICIA DÉ-MALTER

Ja, im Prinzip habe ich von der Generation Y gelernt. Also Vorbilder weiß ich jetzt nicht so genau. Zu Anfang hat mich das ja auch eher geärgert, muss ich sagen. Also als das losging, dass alle weniger arbeiteten und vor allen Dingen auch so eine, ja genauso wie meine Kollegen ja auch auf dem Chirurgentag so reagiert haben, auch so ein bisschen so einen Neid habe ich dann festgestellt. So tief in meinem Inneren, wo ich mich immer gefragt habe „Na ja, mein Gott, ich bin die Älteste hier. Und warum schrubbe ich hier die meisten Stunden ab? Das ist ja nicht gerecht.“ Und „Warum ist das so?“ Und „muss das so sein?“ Und… und da haben wir uns eben auch drüber unterhalten mit den anderen Oberärzten. Und das waren dann eben auch Frauen. Und Frauen sind, glaube ich, was das angeht, auch zugänglicher, weil ich glaube, für Frauen spielt das Prestige und Geld und solche Dinge vielleicht jetzt nicht… nur etwas geringere Rolle, vielleicht, als für Männer. Weiß ich nicht, aber wir waren uns alle einig, dass wir etwas für unsere Work-Life-Balance machen wollen. Und daher hatten wir dann die Idee.

JULIA ROTHERBL

Okay, das war sozusagen ein gemeinschaftlicher Vorstoß und nicht von einer Person alleine.

DR. PATRICIA DÉ-MALTER

Genau.

JULIA ROTHERBL

Okay. Hättest du es denn alleine auch gemacht?

DR. PATRICIA DÉ-MALTER

Ja, aber das hätte mir nichts gebracht. Das ist ja genau der Punkt. Es hat ja keinen Sinn, wenn ich de facto auf 80 Prozent runtergehe. Die Arbeit wird ja nicht weniger. Das muss ja dann wieder von anderen Leuten kompensiert werden. Und bevor ich es dann hinterher dann doch selber machen muss, dann ist ja gar nichts dabei gewonnen. Das ist ja immer so, diese Milchmädchenrechnungen, dass man eben sagt, man reduziert einfach, aber es funktioniert nicht. Es funktioniert ja wirklich nur, wenn tatsächlich auch mehr Hände da sind, die die Arbeit, die ja eben da ist, auch schafft. Sonst, sonst ist es nur Augenwischerei.

KAPITEL 2_DER GENERATIONENUNTERSCHIED

JULIA ROTHERBL

Hat euch denn grundsätzlich in die Hände gespielt, du hast ja schon die neue Generation der Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen angesprochen, dass diese Vier-Tage-Woche ja auch irgendwie so ein Thema ist, was jetzt schon länger so in der Diskussion ist und eben auch eine neue Generation da ist, die sagt „Wir achten nicht erst auf unsere Work-Life-Balance, wenn es zu spät ist, sondern wir achten von Anfang an auf unsere Work-Life-Balance.“ Hast du das Gefühl, das hat eure Initiative irgendwie befeuert? Für mehr Verständnis von Seiten der Klinikleitung gesorgt usw.?

DR. PATRICIA DÉ-MALTER

Ich denke schon, ja. Einfach weil, wie… ich meine, als ich angefangen habe, ich meine, das war jetzt wirklich… ich bin ja schon eine alte Tante, das war ja Anno Zopf. Da haben wir ja nicht nur Nachtdienst gehabt wie jetzt, sondern wir haben ja den ganzen Tag gearbeitet, die ganze Nacht und auch den ganzen letzten Tag. Und dann kam um 16 Uhr noch der Professor und sagte „Wollen Sie nicht noch mal eben eine kleine Schilddrüse assistieren oder so. Und dann hat man irgendwie sich breitschlagen lassen, und das heißt, das waren natürlich Hierarchien und Strukturen, wie man sich das jetzt heutzutage gar nicht mehr vorstellen kann. Und in der letzten Zeit und in den letzten Jahren ist das ja extrem publik geworden. Oder auch auf vogue oder wie auch immer, dass die Jungen eine andere Sicht auf die Arbeit haben und auf den Input, den sie in die Arbeit tun wollen und eben auch auf ihre Freizeit zu achten, was wir uns eben vorher gar nicht getraut, oder man kann ja auch nicht mal sagen getraut haben, das hört sich an, als wenn man, als hätte man da Angst gehabt oder in Angst gelebt. So war es ja eigentlich auch nicht, das kann ich jetzt gar nicht behaupten, aber das war einfach so ein No-Go. Also man hat gar nicht dran gedacht, weil es gar nicht existierte.

JULIA ROTHERBL

Ja, man ist ja auch so ein bisschen sozialisiert, oder? Also ich weiß es nicht, also ich bin jetzt wahrscheinlich… hänge irgendwo dazwischen, zwischen dir und der ganz neuen Generation. Aber für mich ist auch noch… also Stress und Überstunden waren am Anfang, als ich quasi bei der Zeitung angefangen habe, bei der Tageszeitung, da war das so, jemand, der viel Stress hatte und Überstunden und so, der war wichtig.

DR. PATRICIA DÉ-MALTER

Ja, genau, der war auch erfolgreich. Das waren die Guten.

JULIA ROTHERBL

Genau.

DR. PATRICIA DÉ-MALTER

Konnte man sich auf die Schulter klopfen und sich ein Fleißkärtchen oder Fleißbienchen so eins ans Revers stecken. Aber letztendlich muss man sagen, am Ende des Tages oder am Ende des Lebens hat man von den Fleißbienchen dann auch gar nicht so viel. Und ich denke, man sollte eher gucken, dass man auch bei der Arbeit auf sich selber achtet. Und dazu kommt natürlich, das darf man ja auch nicht verheimlichen, dass… es gibt ja schon auch eine Arbeitsverdichtung einfach. Also zur Zeit, als ich angefangen habe mit der Medizin, da hat ja jemand mit dem Blinddarm oder so, der hat eine Woche im Krankenhaus gelegen, das war ja völlig normal. Und heute schicken wir die am nächsten Tag nach Hause und das ist natürlich deutlich mehr Umsatz und die Mühle dreht sich einfach deutlich schneller. Und wir machen ja auch einfach von den ganzen administrativen Dingen auch viel mehr als früher und haben da nicht mehr 1000 Helferlein, die einem OP-Berichte tippen und diktieren und machen und tun. Das macht man ja mittlerweile zum großen Teil eben auch selber. Man ist ja für seine Finanzen auch zum Teil selber verantwortlich. Man hat ja viel mehr Verantwortungen als früher, würde ich mal denken.

JULIA ROTHERBL

Wann war denn für dich der Moment gekommen oder gab es irgendwie einen Auslöser, wo du erkannt hast „So mach ich das jetzt nicht mehr weiter oder so werde ich das nicht mehr weiter machen“?

DR. PATRICIA DÉ-MALTER

Ja, das war sicherlich eher… eher schleichend. Verstärkt, natürlich, dadurch, dass zu dem Zeitpunkt, als wir dann… als ich dann tatsächlich den Schritt unternommen habe, waren wir eben statt vier Leute tatsächlich nur drei, weil nämlich der eine Kollege, der eine Oberarzt eben aus Altersgründen ausgeschieden war und wir dann eine Zeit lang eben auch nur zu dritt waren, also ich als Chefin mit meinen zwei Oberärztinnen und dann wurde es halt wirklich immer stressiger. Das war dann eben tatsächlich so, dieses Gefühl, zum einen „Ich möchte gerne die Verantwortung teilen“, also diesen Chefjob, von meinen Schultern ein bisschen Verantwortung nehmen. Und das zweite war eben auch die Zeit. Also das sind ja eigentlich zwei verschiedene Paar Schuhe, aber die sind in diesem Falle natürlich schon verbunden, auch wegen der Kosten und wegen, ja, weil man das sonst gar nicht wirklich realisierbar hätte gestalten können.

KAPITEL 3 EIN TAG PRO WOCHE MEHR FREI – UND JETZT?

JULIA ROTHERBL

Patricia, du bist ja in dem Krankenhaus schon 22, 23 Jahre und hast immer quasi Vollgas gegeben, also immer diese 60 Stunden pro Woche oder mehr irgendwie ausgefüllt. Und jetzt bist du auf die Bremse getreten vor einem Jahr. Fühlt es sich für dich komisch an?

DR. PATRICIA DÉ-MALTER

Mittlerweile nicht mehr, aber zu Anfang war das schon seltsam. Also die ersten Tage, wo ich dann so zu Hause war, hatte ich immer so ein schlechtes Gewissen. Hatte immer so das Gefühl, wie wenn man die Schule schwänzt oder so, als würde man irgendwas Verbotenes tun. Und ich konnte mich eigentlich gar nicht so richtig entspannen, muss ich sagen. Und ich habe mir das also auch so ziemlich mit Arbeit dann vollgepackt, mit anderen Dingen und mittlerweile kann ich eben einfach mich auch einen halben Tag in Garten setzen und ein Kreuzworträtsel machen und die Zeitung lesen. Das finde ich wunderbar. Und das sind einfach im Prinzip, ja, „nutzlos“ verbrachte Stunden, die einfach nur der eigenen Entspannung dienen und keinen tieferen Sinn haben. Das sind so Dinge, die man mit der Zeit, die man so ein bisschen lernen muss.

JULIA ROTHERBL

Ich habe mir überlegt, was bei mir wohl passieren würde, wenn ich diesen einen Tag pro Woche frei hätte. Ich glaube, es gäbe zwei Möglichkeiten. Entweder würde ich dann so Dinge, die ich irgendwie, wo ich unter der Woche vielleicht dann länger arbeiten müsste, mir überlegen, was mache ich jetzt irgendwie dann doch am Freitag, oder ich würde mich total unter Druck setzen, diesen Freitag irgendwie in Anführungszeichen „sinnvoll“ zu nutzen. Also ich muss dann da irgendwie versuchen, jeden Freitag Yoga zu machen, oder weiß ich nicht. Wie hast du das für dich geschafft, dass du sagst „Ja, ich kann jetzt tatsächlich mal einen halben Tag im Garten liegen? Also bei mir würde das, glaube ich, ziemlich lange dauern, bis ich dahin käme.

DR. PATRICIA DÉ-MALTER

Ja, also das ist natürlich auch so eine Mischung aus allem. Natürlich sind die Tage zum Teil eben auch mit Dingen ausgefüllt, die man früher nie gemacht hat, geschweige denn irgendwelche Zahnarzt- und Vorsorge- und solche Termine. Man wird ja auch nicht jünger und natürlich eben zunehmend auch eben diese Entspannung. Als ich anfing, diese… diesen freien Tag in der Woche, da war das ein Zeitpunkt, wo ich echt, wo es mir dann körperlich auch extrem schlecht ging, muss man sagen, weil wir da vier Monate, glaube ich quasi zu dritt die Sache gerockt haben, weil da eben noch gar keiner war. Und das hieß also mehr als ein Wochenende arbeiten im Monat und eben entsprechend viele Dienste. Und da muss ich sagen, da habe ich gemerkt, da war ich so richtig fertig und dann habe ich überhaupt erst mal so, sicherlich ein halbes Jahr fast gebraucht, um meine Wunden zu lecken, um überhaupt mal Luft zu holen, also überhaupt mal wieder einen Gedanken, einen klaren Gedanken zu fassen. Also was würde dir überhaupt Spaß machen, welche Hobbys hast du noch? Weil eigentlich man die ganzen Dinge verlernt hat, auch mit der Zeit. Und je besser es einem geht, desto mehr kommt man wieder auf alte Dinge zurück und man erinnert sich, dass man ja eigentlich auch das und hier und jenes und dann hat man auch wieder die Power und die Energie, eben überhaupt andere Dinge neben der Arbeit zu tun. Und das muss man nach und nach auch eher lernen, muss ich ja sagen. Und das gelingt einem mit der Zeit immer besser.

KAPITEL 4 WIE DER KLINIKALLTAG ORGANISIERT WIRD

JULIA ROTHERBL

Patricia, euer Modell ist ja, ihr seid fünf Führungskräfte in dieser Abteilung und ihr arbeitet quasi jeder 80 Prozent. Die Leitung dieser Abteilung teilt du dir mit einem Kollegen.

DR. PATRICIA DÉ-MALTER

Ja.

JULIA ROTHERBL

Falls jetzt jemand von unseren Zuhörerinnen und Zuhörern sagt „So eine geteilte Führungsstelle, das ist was, das würde ich mir auch wünschen. Das könnte ich mir auch für mich vorstellen.“, wo würdest du denn sagen, soll man bei der Partnerwahl ganz genau hinschauen? Also was ist wichtig in so einem Tandem?

DR. PATRICIA DÉ-MALTER

Ja, das ist gut, dass letztendlich, glaube ich, sind es die gleichen Dinge, die immer wichtig sind bei jeder Partnerwahl. Also man muss erst mal auf der gleichen Wellenlänge schwingen, glaube ich. Das ist das Allerwichtigste. Und man muss, was jetzt das Medizinische angeht, eben bei uns in der Chirurgie, man muss auch vielleicht einer ähnlichen Schule entspringen, dass man ähnlich Sachen sieht und auch ähnlich Sachen macht, weil ich glaube, das ist sonst schwierig, wenn so völlig konträre Stile dann plötzlich in einer Abteilung dann sich etablieren würden. Und ja, das ist… es dürfen da nicht zwei Oberalphatiere aufeinandertreffen, weil das ist eben auch schwierig. Ich glaube, man muss auch Macht abgeben können und das gilt ja eben auch für den anderen, dass das gut funktioniert.

JULIA ROTHERBL

Wie muss ich mir denn das organisatorisch genau vorstellen? Seid ihr dann also quasi auch mal einen Tag gleichzeitig in der Klinik, so einen Tag, wo ihr dann intensiv Übergabe macht? Oder wie organisiert ihr euch da?

DR. PATRICIA DÉ-MALTER

Na, wir sind ja an mehreren Tagen gleichzeitig in der Klinik, also eigentlich an dreien, weil jeder hat ja einen Tag frei, nicht am gleichen Tag, das heißt, an den drei anderen Tagen sind wir ja dann auf jeden Fall zusammen.

JULIA ROTHERBL

Stimmt.

DR. PATRICIA DÉ-MALTER

Wir sind nicht gemeinsam in Urlaub oder so und überschneiden uns nicht. Oder zumindest nur ein Wochenende oder so, dass das eben auch gut funktioniert. Und ansonsten sind wir einfach, wir... wir reden viel miteinander. Ich glaube, das ist das Wichtigste. Also wir haben… unsere Zimmer sind nebeneinander quasi. Und jeder hat so seine Spezialitäten, die er besser kann als der andere. Und das leben wir dann auch jeder so aus. Und dann gibt es einen ganz großen Mittelbereich, den wir beide abdecken. Wir haben jeden Tag Sprechstunde. Je nachdem, wer da ist, gehen die Patienten entweder zu mir oder zu jemandem anders. Und meistens werden dann die OPs auch so eingeteilt, weil wir dann die Leute kennen und ein Vertrauensverhältnis aufgebaut haben. Und dann ergibt sich das eben so.

JULIA ROTHERBL

Es gibt ja immer dieses Klischee, Patricia, dass es quasi einen männlichen und weiblichen Führungsstil gibt. Du hast quasi einen Mann an deiner Seite, quasi. Kannst du das ein bisschen bestätigen? Gibt es Dinge, wo du sagst, die machst du, weil du eine Frau bist, anders? Und also anders, muss ja nicht immer besser heißen. Und er macht Dinge anders, weil er ein Mann ist. Oder kannst du das nicht bestätigen?

DR. PATRICIA DÉ-MALTER

Ja, sicherlich schon. Wobei wir sicherlich uns schon relativ ähnlich sind, würde ich sagen. Also er ist vielleicht nicht so männlich, wie man sich das… also ich… wenn er das hört, ist er dann sauer? Ich meine, er ist schon männlich, aber ich meine nicht so. Nicht im unangenehmen Sinne eben und ich bin für eine Frau sicherlich auch relativ zupackend und eben mutig auch. Aber letztendlich denke ich, ist er wahrscheinlich risikofreudiger als ich. Das ist schon richtig. Und insofern ist eben diese Symbiose, wir sprechen uns dann wirklich immer ab. Sollen wir den Patienten operieren? Macht es Sinn oder ist es doch besser, das nicht zu machen? Da kommen wir dann immer eigentlich ganz gut zu so einer gemeinsamen Entscheidung.

JULIA ROTHERBL

Patricia, so als Abschlussfrage. Jetzt hören bestimmt einige diese Folge auch, weil sie sich eben genau für dieses Vier-Tage-Modell interessieren. Wenn sie jetzt quasi vorhaben, zu ihrem Vorgesetzten zur ihrer Klinikleitung zu gehen und nach diesem Vier-Tage-Modell zu fragen, was wäre deiner Meinung nach so die wichtigsten drei Argumente, die man pro Vier-Tage-Woche oder geteilte Führung vorbringen könnte?

DR. PATRICIA DÉ-MALTER

Ich denke, gerade auch für den Arbeitgeber ist es wirklich interessant, oder positiv zu sehen, weil die Leute motivierter sind, ausgeruhter sind, mehr Zeit für sich haben. Das heißt, an den Tagen, wo sie in der Klinik sind, sind sie frischer. Das ist einfach so und ich denke auch, dass von der Power, die… und von den Ideen und auch von den Innovationen bringen fünf Köpfe, zum Beispiel jetzt wie in unserem Fall, mehr als vier. Also das ist schon so. Und Krankheiten, Missstände oder wie auch immer können besser abgemildert werden, wenn man so will. Also das jetzt als… als Argument für die Klinikleitung. Und für die Arbeitnehmer ist es… liegt es ja auf der Hand, einfach weil man zwar ein bisschen weniger verdient, das ist schon richtig, aber das finde ich, ist es allemal wert, dass man einfach die Zeit… oder mehr Zeit gewinnt für sich und für seine eigene Entfaltung und auch neben der Klinik. Und ich glaube, dass es eben einfach dieser Zeitfaktor ist, etwas, was ehrlich gesagt, ja, mehr oder weniger unbezahlbar ist. Also da kann man auch 20 Prozent Lohn draufgeben. Ich meine, ich spreche natürlich aus einer höheren Warte auch. Ich meine, es ist schon was anderes, wenn man wenig verdient, aber als Chefarzt oder Oberarzt werden wir ja doch nicht schlecht bezahlt. Und das ist zwar immer noch ziemlich verschieden in verschiedenen Kliniken, aber es ist ja so, dass man da gut drauf verzichten kann, denke ich.

JULIA ROTHERBL

Patricia, ich sage vielen Dank für das Gespräch. Ich bin immer noch sehr neidisch und ja, vielen Dank für diese Inspirationen und Tipps usw., genau. Sehr schön, dass du da warst.

DR. PATRICIA DÉ-MALTER

Ja, ich habe mich auch sehr gefreut und ich hoffe, dass ich so einige noch motivieren konnte.

JULIA ROTHERBL

Bestimmt. Dankeschön. Alles klar, tschüss.

DR. PATRICIA DÉ-MALTER

Tschüss.

BIS ZUM NÄCHSTEN MAL

JULIA ROTHERBL

Euch interessiert das Thema Teilzeit, flexible Arbeitszeitmodelle? Dann springt doch in unserer Playlist einfach ein paar Folgen zurück. In Folge Nummer drei sprechen wir mit einer Chefärztin darüber, wie sie ihren Kolleginnen und Kollegen Teilzeit ermöglicht. Und in Folge 25 sprechen wir mit einer Orthopädin und Unfallchirurgin darüber, wie man für sich Veränderungen anstößt, wenn man merkt „Ich pack diese Arbeitsbelastung einfach nicht mehr.“ „Frau Doktor, übernehmen Sie!“ erscheint alle 14 Tage neu, immer montags.

SPRECHERIN

Ein Podcast von gesundheit-hören.de. Und Apotheken Umschau Pro.

Neuer Kommentar

Dein Name oder Pseudonym (wird öffentlich angezeigt)
Mindestens 10 Zeichen
Durch das Abschicken des Formulars stimmst du zu, dass der Wert unter "Name oder Pseudonym" gespeichert wird und öffentlich angezeigt werden kann. Wir speichern keine IP-Adressen oder andere personenbezogene Daten. Die Nutzung deines echten Namens ist freiwillig.