Warum Digitalisierung auch Frauensache ist
Shownotes
Von Sprach- und Dialogsystemen bis hin zur Sensorikmatte, die wichtige Vitaldaten misst: Wenn es um digitale Tools im Krankenhaus geht, ist schon vieles möglich. Eigentlich. Aber: "Die digitale Transformation steckt wirklich noch in den Kinderschuhen," sagt Dr. Anke Diehl. Die Neurologin ist Leiterin der Stabsstelle Digitale Transformation an der Universitätsmedizin Essen, leitet das Projekt „Smart Hospital NRW“ und hat sich die digitale Transformation im Gesundheitswesen zum Ziel gemacht. Wo es noch hakt, warum auch Frauen den digitalen Change mitbestimmen sollten und was eine Tüte Röntgenbilder mit Anke Diehls Begeisterung für Digitalisierung zu tun hat, hört ihr in dieser Folge.
Zum Projekt "Smart Hospital NRW": https://smarthospital.nrw/
Im Podcast "Frau Doktor, übernehmen Sie!" erzählen Frauen aus der Medizinbranche, wie sie dort Karriere gemacht haben. Dazu spricht Julia Rotherbl, Chefredakteurin der "Apotheken Umschau", mit Frauen, die in Führungspositionen arbeiten, die Herausforderungen gemeistert haben oder an ihnen gescheitert sind. Es geht um Themen wie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Sexismus, männliche Netzwerke, mangelnde Vorbilder oder verschiedene Arbeitsmodelle. Das Ziel: Euch zu inspirieren und ermutigen, euren eigenen Weg zu finden.
Montags alle 14 Tage erscheint eine neue Folge. Habt Ihr Fragen, Anregungen oder Kritik? Dann schreibt uns gerne an redaktion@gesundheit-hoeren.de
Redaktion: Julia Rotherbl, Anja Kopf; Schnitt und Post-Produktion: Yves Seißler, Anja Kopf; Managing Editor Audio: Peter Glück
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Transkript anzeigen
DR. ANKE DIEHL
Bei der digitalen Transformation sind gerade diese Soft Skills, wo wir Frauen besser abschneiden, die sind sehr gefragt. Und man muss auch ganz ehrlich sagen, dass diese Soft Skills, die kann man eben nicht ersetzen, ja, sondern die brauchen wir nach wie vor.
JULIA ROTHERBL
Ganz ehrlich, wie sieht es bei euch in der Klinik, in der Praxis, in der Apotheke aus mit der Digitalisierung? Ich spreche heute mit einer Ärztin, die sich die digitale Transformation im Gesundheitswesen auf die Fahnen geschrieben hat und die auch ganz klar sagt, dass Frauen von dieser Digitalisierung profitieren werden. Ich freue mich sehr auf das Gespräch mit Dr. Anke Diel, Chief Transformation Officer und Leiterin der Stabsstelle Digitale Transformation an der Universitätsmedizin Essen. Mein Name ist Julia Rotherbl, ich bin Chefredakteurin der Apotheken Umschau. Und ich wünsche euch ganz viel Spaß beim Zuhören.
SPRECHERIN
Frau Doktor, übernehmen Sie! Ein Podcast von gesundheit-hören.de. Und Apotheken Umschau Pro.
VON DER NEUROLOGIN ZUR DIGITALEN VERÄNDERIN
JULIA ROTHERBL
Anke, ich freue mich sehr, dass du meine Gäste bist. Herzlich willkommen im Podcast „Frau Doktor, übernehmen Sie!“
DR. ANKE DIEHL
Ja, Julia, ich freue mich auch total. Ich habe schon große Lust, ein bisschen zu plaudern.
JULIA ROTHERBL
Anke, du bist Neurologin und dein Steckenpferd ist mittlerweile die digitale Transformation im Gesundheitswesen. Und ich würde dich gerne fragen, wie du mit dieser digitalen Transformation in Berührung gekommen bist. Wie hat es dich in dieses Gebiet verschlagen?
DR. ANKE DIEHL
Also, ich habe nach dem Medizinstudium angefangen in der Neurologie und war dann fasziniert von den Möglichkeiten der Bildgebung. Also damals kam so funktionelles Kernspin auf, wo man dann zum Beispiel Bewegungen wie dieses klassische Finger Tapping tatsächlich sichtbar machen konnte, welche Kerngebiete da involviert sind. Und dann bin ich gewechselt in die Neuroradiologie am Uniklinikum in Essen und das war für ein Jahr geplant. Und aus dem einen Jahr sind dann elf Jahre geworden.
JULIA ROTHERBL
Okay.
DR. ANKE DIEHL
Und in diesen elf Jahren kam dann auch tatsächlich die Installation von dem PACS System, also das sogenannte Picture Archiving System. Früher hat man ja die Bilder, die man gemacht hat, wie jetzt CTs, MRTs oder Röntgenaufnahmen, auf Filme ausgedruckt und hat die dann an große Lichtkästen, sogenannte Alternatoren gehängt, um sie zu beurteilen. Und letztendlich damals war das dann schon so ein Paukenschlag, einfach zu sehen, wie viel Zeit man spart, einfach weil man auf Knopfdruck dann die Aufnahmen richtig sortiert und auch dezentral hatte. Also man konnte die auf Station angucken, man konnte die zentral angucken, man konnte die im OP angucken und nicht nur da, wo die Röntgentüte mit den Aufnahmen war, wie es halt vorher war. Und das hat mich schon entscheidend beeinflusst.
JULIA ROTHERBL
Hattest du denn zu irgendeinem Zeitpunkt auch Berührungsängste?
DR. ANKE DIEHL
Ehrlich gesagt nicht. Also ich war auch diejenige, die, als ich mit meinem Freund und dann später Mann zusammengelebt habe, ich habe das Internet installiert, ich habe die erste E-Mail-Adresse bekommen, also, ich habe auch das erste iPhone gekauft oder Smartphone, ja. Ich war schon immer sehr technikfasziniert.
JULIA ROTHERBL
Wie tief ist denn dein technisches Verständnis? Bist du so eine richtige Tekkie mittlerweile oder kannst du programmieren?
DR. ANKE DIEHL
Nee, ich kann keine Algorithmen programmieren.
JULIA ROTHERBL
Okay.
DR. ANKE DIEHL
Ich bin sehr froh, wenn es eben funktioniert, dass man auf Augenhöhe miteinander zusammenarbeitet. Weil, das ist ja etwas, was wir in der Medizin wirklich lernen müssen. Früher war das so, dass der ärztliche Dienst im Grunde in der Hierarchie alles vorgegeben hat und alle darunter waren die Ausführenden. In der Digitalisierung funktioniert das so nicht. Weil, gerade wenn ich digitale Innovationen hervorbringen muss, dann muss ich erst mal mich auf die gleiche Stufe begeben, weil ich habe nur medizinisches Domänenwissen. Das ist wichtig, aber ich brauche auch das Technische. Sprich ich brauche dann die Zusammenarbeit auf Augenhöhe mit den anderen Berufsgruppen. Nur dann kommt man eben weiter.
JULIA ROTHERBL
Mit wem sitzt du denn da am Tisch? Also, ist es ein Klischee, dass man in diesem Bereich vor allem mit Männern am Tisch sitzt, wenn es um Digitalisierung geht?
DR. ANKE DIEHL
Wenn es um Digitalisierung geht, dann ist es tatsächlich immer noch so, dass über 80 Prozent auch der Studiengangbelegungen und Absolventen, aber auch im Beruflichen, also quasi IT, Fachinformatiker und Fachinformatikerinnen sind über 80 Prozent Männer. Das ist so.
JULIA ROTHERBL
Aber wäre es nicht wichtig, dass auch eine weibliche Perspektive, eine weibliche Meinung eingebracht wird?
DR. ANKE DIEHL
Ja, natürlich. Also für den technischen Bereich, das wäre schon wünschenswert, weil natürlich dann sich Fehler einschleichen, die gar nicht bewusst sind. Also jetzt zum Beispiel, wenn man auch dran denkt, im chirurgischen Bereich, in den OPs, da ist auch alles eher auf die Körperhöhe von Männern durchschnittlich ausgerichtet. Und so ist es natürlich auch im IT-Bereich. Wenn das halt überwiegend durch Männer definiert wird, dann schleichen sich halt Fehler ein und da ist es ganz wichtig, solche Verzerrungen - also Bias, Verzerrung - dass man da dran denkt, um das dann eben aufzudecken.
JULIA ROTHERBL
Was ist denn der Grund, warum hier weniger Frauen tätig sind momentan als Männer?
DR. ANKE DIEHL
Ja, das ist eine gute Frage. Also es scheint ja wirklich so zu sein, wenn man sich soziologische Studien anguckt, dass Frauen und Männer - und es tut mir jetzt leid, dass ich diese dichotome Verteilung anspreche, aber zu diversen oder anderen Geschlechtsidentitäten fehlen uns komplett die Daten. Also, wenn es Daten gibt, dann leider nur eben männlich-weiblich. Dass es da schon bestimmte Eigenschaften gibt, die Männer eher besetzen - also gerade räumliches Denken, technische Eigenschaften - und Frauen andere. Aber bei der digitalen Transformation sind gerade diese Soft Skills, wo wir Frauen besser abschneiden, die sind sehr gefragt. Also es verändert ja zum Beispiel in der Medizin auch komplett das Kommunikationsverhalten mit dem Patienten, der Patientin. Und da sind wir Frauen besser. Und man muss auch ganz ehrlich sagen, das Schöne daran ist ja, dass diese Soft Skills, die kann man eben nicht wegdigitalisieren oder ersetzen, sondern die brauchen wir nach wie vor.
SPIEL „FRAU DOKTOR, VERVOLLSTÄNDIGEN SIE!“
JULIA ROTHERBL
Ich würde gerne mit dir über das Projekt „Smart Hospital NRW“ reden und da kannst du dann ganz konkret erklären, wie Digitalisierung sich im Klinikalltag auswirken kann. Ich würde allerdings gerne vorher ein Spiel mit dir spielen.
DR. ANKE DIEHL
Okay.
JULIA ROTHERBL
Und zwar ist das ein Spiel, das wir immer in diesem Podcast spielen und die Leiterin dieses Spiels ist Anja und die kommt jetzt gleich dazu.
ANJA KOPF
Hi. Die man auch schon im Hintergrund leicht lachen gehört hat. Hallo ihr beiden.
DR. ANKE DIEHL
Hi.
ANJA KOPF
Ihr beide bekommt Satzanfänge jetzt von mir vorgelesen im Wechsel. Die Gästin, also Anke, du darfst anfangen und ihr dürft die ganz spontan vervollständigen. Anke, für dich habe ich den allerersten Satzanfang „Wenn ich nach einem langen Arbeitstag nach Hause komme...“
Dann leg ich mich auf die Couch. Weil tatsächlich bin ich da in bester Gesellschaft. Mein Mann ist nämlich Psychologe und ich sag immer, das ist herrlich. Ich kann nach Hause kommen und mich einfach auf die Couch legen.
JULIA ROTHERBL
Sehr gut.
ANJA KOPF
Ja, ja. Und ich gehe mal davon aus, dass ihr eine sehr gemütliche Couch dann da zu Hause habe.
DR. ANKE DIEHL
Ja, absolut. Und er muss natürlich klassisch dann im Sessel sitzen bleiben. Ist klar, ja.
JULIA ROTHERBL
Mit Stift und Block.
ANJA KOPF
Genau. So entspannt, Julia, ist dein Satzanfang nicht. Das ist nämlich „Wenn ich in der Arbeit so richtig im Stress bin…“
JULIA ROTHERBL
… ja, dann merke ich das meistens erst hinterher. Diese, dieses Adrenalin und was, was dann da so ausgeschüttet wird, also das was einen, was einen dann so am Laufen hält, das funktioniert bei mir ganz gut und erst wenn der größte Stress dann vorbei ist, klassischerweise im Urlaub…. Joa… Funktioniert nicht so gut.
ANJA KOPF
Ich würde jetzt auch noch mal gerne Anke fragen, wenn… Wie würdest du denn mit, mit Stress in der Arbeit umgehen oder wie gehst du damit um?
DR. ANKE DIEHL
Also tatsächlich ist es so, dass im ärztlichen Dienst ich halt gelernt habe, dass… der größte Stress war immer in der Notdienstsituation, also in der Nacht und am Wochenende zu arbeiten. Wenn man dann im ärztlichen Dienst quasi erst mal auf sich selbst gestellt ist. Das ist etwas, was einen schon sehr prägt. Also unter Stress werde ich sehr ruhig und kann dann auch sehr gut einfach denken und tatsächlich dieses priorisieren. Aber das habe ich rein in diesen Dienstsituationen gelernt.
ANJA KOPF
Ja, ja, ja. Aber auch irgendwie eine gute Eigenschaft, weil wenn ich mir vorstelle, jemand wird in einer Stresssituation total eben hibbelig und unruhig, da ist Ruhe wahrscheinlich ein guter Ratgeber. Gut, Anke für dich der zweite Satzanfang „Als Internet noch übers Modem kam…“
DR. ANKE DIEHL
Da habe ich mich immer sehr gefreut über diesen Ton, wenn man reinkam. Dieses „Ding, Ding“. Und ich weiß noch genau, es gab einmal die Rückfrage im Krankenhaus, weil das wurde ja dann auch übers Telefon abgerechnet. Und eine Kollegin hatte auf einer Intensivstation sich eingeloggt und war dann irgendwie zu einem Notfall gerufen worden. Und in der ganzen Nacht stand diese Leitung dann. Und das, weiß ich noch, das war halt eine Freundin von mir, die mir dann erzählt hatte „Oh no, jetzt habe ich hier die Rückfrage und muss das selbst bezahlen.“
ANJA KOPF
Oh weh! Ja, als das Internet noch, also richtig viel gekostet hat, ne? Das klingt ein bisschen blöd, wenn ich sage „Das habe ich auch noch erlebt.“
DR. ANKE DIEHL
Das tröstet einen ja dann, ja, Anja.
JULIA ROTHERBL
Es gab ja auch die Zeit, wo man, wenn man im Ausland telefoniert hat, quasi mit der Wohnung nebenan, dann wurde das quasi alles…
ANJA KOPF
…über Deutschland geleitet.
JULIA ROTHERBL
Und dann hatte man…
ANJA KOPF
Das hat unfassbar viel gekostet.
JULIA ROTHERBL
Das weiß ich auch noch. Als ich Teenie war, hat das das eine Freundin von mir erwischt, die quasi auf Kreta glaube ich immer mit dem Bungalow nebenan telefoniert hat und… Hm…
ANJA KOPF
Und am Ende des Tages war das Taschengeld komplett weg. Für die nächsten drei Jahre.
DR. ANKE DIEHL
Ja!
JULIA ROTHERBL
Mehr als Taschengeld. Also, da hat man…. Das hat ja richtig Geld gekostet.
ANJA KOPF
Genau, ja. Also ganz andere Zeiten. Und die sind noch gar nicht so lange her. Ja. Julia
JULIA ROTHERBL
Ja.
ANJA KOPF
Dann bekommst du den nächsten Satz „Ich wurde noch nie gefragt…“
JULIA ROTHERBL
Ich wurde noch nie gefragt…
ANJA KOPF
Ich weiß ja, dass du auch schon in anderen Podcasts Interviewgästin warst und auch jetzt ja als Chefredakteurin ja auch oft befragt wirst. Aber gibt es eine Frage…
JULIA ROTHERBL
Ja, aber was wurde noch nie gefragt…? Ja, also tatsächlich ist es ja so - wenn wir jetzt mal bei dem Thema Frauenförderung und so bleiben - dass ich schon öfter gefragt werde, wie ich das mache als Mutter und wie unser Familienmodell ist. Und dann erkläre ich das. Und dass mein Mann den größten Teil der Kinderbetreuung und so übernimmt. Dann wird selten gefragt, wie es ihm eigentlich damit geht. Weil dem, weil dem geht’s… dem ging‘s am Anfang damit eigentlich nicht so gut, weil es jetzt quasi… Anke, für dich als Hintergrund meine Tochter ist jetzt - oder unsere Tochter - ist jetzt acht und mein Mann hat die Elternzeit und das alles gemacht und war da ehrlich gesagt ziemlich allein. Es gab keinen Mann in der Krabbelgruppe und kein Mann im Eltern-Kind-Schwimmen und was weiß ich. Also es finden dann alle im ersten Moment toll, dass er so was… also, dass er das gemacht hat. Aber so gefragt, wie es ihm dabei ging, werde ich eigentlich nicht so.
ANJA KOPF
Was ja auch, finde ich, für den Perspektivenwechsel grade wie du jetzt auch die Antwort, du hast sie ja jetzt schon vorweggenommen, beschreibst, wäre das ja glaube ich auch eine gute, also eine gute Frage. Eine noch nie gestellte Frage mit endlich einer Antwort. Juhu. Ist gut. Ich habe noch einen allerletzten Satzanfang für dich, Anke. Der heißt „Gendern ist für mich…“
DR. ANKE DIEHL
Etwas total Wichtiges um auch unsere Realität ein Stück weit zu verändern und um das Bewusstsein von den Menschen zu verändern. Also Sprache prägt ja wirklich auch das, wie wir gerade auf die Berufsgruppen draufgucken. Und das hat jetzt gar nichts so mit Feminismus zu tun, aber ich habe mich schon oft genug geärgert bzw. ich war auch manchmal ein Stück weit entsetzt. Also das, wo ich tatsächlich am geknicktesten war, war mit meinen eigenen Töchtern, die waren im Krankenhauskindergarten. Und dann hat man die natürlich immer nach dem Dienst abgeholt. Und einmal hatte ich die dann beide an der Hand und wir sind da den Weg entlang gegangen und eine Kollegin, die ich auch gut kannte von früher, die hatte es eben nicht zeitlich geschafft, sich umzuziehen, kam also im, ja - es nennt sich ja klassischerweise Arztkittel - uns entgegen. Und dann sagte eine meiner Töchter, „Ach guck mal, Mama, die Mama vom Till ist auch Krankenschwester!“. Ich bin explodiert. Und ich meine, natürlich habe ich nie zu denen gesagt, ganz sicher, ich sei Krankenschwester. Ja, aber das ist halt das, womit die aufwachsen, auch in den Kinderbüchern. Es gibt den Feuerwehrmann, aber nicht die Feuerwehrfrau. Es gibt den Arzt und es gibt die Krankenschwester. Und dann haben die einfach so, ne, so quasi. Und ich war empört. Ich war echt empört! Ich so, „Die ist Ärztin! Ja, ich bin doch auch Ärztin!“, aber dieses „Die ist auch Krankenschwester.“, also. Und es geht jetzt gar nicht diskriminierend gegen Krankenschwestern, oder auch Gesundheits- und Krankenpfleger. Aber es ist einfach traurig, wie sehr die Sprache wirklich unsere Welt und unsere Wahrnehmung beeinflusst. Und das müssen wir einfach ändern.
ANJA KOPF
Ja, ja, ich finde, das ist auch ein total wahnsinnig gutes Sinnbild für ganz vieles, was einfach auch da schiefläuft. Du hattest es ja auch das Thema Kinderbücher angesprochen. Das Bild, was transportiert wird, wie wie man als Kind auch sozialisiert wird, in Anführungszeichen. Auch wenn man eine Mutter hat, die ganz viel Wert darauf legt, auf diese Gleichberechtigung und das vorlebt und trotzdem eine Gesellschaft das ganz schön torpediert. Ja, genau. Und ich weiß auch, dass Julia natürlich auch eine ganz, ganz, ganz große Verfechterin des, des Gendern ist.
JULIA ROTHERBL
Aber es ist echt anstrengend, was man da an Gegenwind bekommt, muss ich sagen.
DR. ANKE DIEHL
Ja, ich habe tatsächlich für ein Buchkapitel - da war die Aufforderung, man könnte auch alternativ konsequent die weibliche Form benutzen - und dann habe ich das einfach mal gemacht. Das fühlte sich schon merkwürdig an, muss ich gestehen. Aber ich habe gedacht, „Okay, warum denn nicht? Das probiere ich jetzt einfach mal aus.“, ja, dass das immer die männliche Form benutz wird und dann vorab quasi ein Satz drinsteht, „Ach ja, die Frauen sind ja auch mitgemeint.“, das ist ja so häufig das Übliche. Es sind wenige Bücher, die komplett durch gegendert sind, jetzt gerade bei den Büchern. Aber da nur die weibliche zu nutzen, war auch für mich gewöhnungsbedürftig, Aber war mal schön, ehrlich gesagt, ja.
JULIA ROTHERBL
Das Problem ist ja, dass dieses „mitgemeint“ halt dann oft nicht „mitgedacht“ ist. Also klar, du kannst als Autor oder als Autorin das mit meinen, aber was kommt denn dann bei dem oder derjenigen rüber, die, die oder der das liest? Also woran denken die meisten Leute, wenn man sagt „Eine Visite im Krankenhaus.“?
DR. ANKE DIEHL
Genau.
JULIA ROTHERBL
Wie viele Leute denken, dass da überwiegend Frauen stehen? Hmmm.
ANJA KOPF
Ja okay, also es zeigt sich, wir haben noch einiges zu tun, um sehr viele Bilder in den Köpfen der Menschen zu ändern. Aber ich bin da total froh, dass wir - ich habe es glaube ich an vielen Stellen schon gesagt - diesen Podcast haben, weil das vielleicht auch ein ganz kleines Steinchen in dem großen Bild ist, um da eben was ändern zu können. Und ich merke auch, ihr unterhaltet euch beide weiterhin sehr gut und deswegen würde ich das Spiel hier auch gerne schließen und gerne zu Teil zwei des Podcasts überleiten, des Gesprächs überleiten und sagen vielen, vielen Dank fürs Mitspielen.
JULIA ROTHERBL
Danke, Anja.
DR. ANKE DIEHL
Danke.
WIE DIGITALE ANWENDUNGEN DEN KRANKENHAUSALLTAG VERBESSERN
JULIA ROTHERBL
Genau. Ich hatte ja schon vor dem Spiel angedeutet, worum es jetzt gehen soll, nämlich um das Projekt „Smart Hospital NRW“. Du leitest das Konsortium zu diesem Projekt und sagst auch, das ist das erste Mal, dass eine Frau so ein großes KI- und Digitalisierungsprojekt leitet. Wie fühlt sich das denn an, als erste Frau, so eine Verantwortung, so eine Aufgabe übernehmen zu dürfen?
DR. ANKE DIEHL
Ja, das ist hochspannend und wirklich sehr komplex. Und natürlich bin ich auch sehr stolz, ja. Und sprichwörtlich ist es fast, dass es halt in diesem Projekt tatsächlich nicht nur um die isolierte Entwicklung von künstlicher Intelligenz für die Medizin geht, sondern eben auch um digitale Transformation und die Einbettung eben von diesen KI-Prototypen in eben das Krankenhaus. Und gerade dieser Fokus - wie kann das denn dann tatsächlich als Change Modelle umgesetzt werden? Wie kann man diese KI dann auch ausrollen und die digitale Transformation vorantreiben? Welche Qualifizierungsbedarfe zum Beispiel hat man da? Und die entsprechende Öffentlichkeitsarbeit dazu. Und gleichzeitig entwickeln wir halt mit den Arbeitsgruppen dann auch drei Prototypen für künstliche Intelligenz.
JULIA ROTHERBL
Ähm, magst du mir dazu mehr erzählen?
DR. ANKE DIEHL
Das ist es einmal quasi diese klassische Arzt - da ist es wieder, ne, nur der Arzt - also die Ärztinnen-Briefschreibung semi-automatisch. Weil, wenn man seinen Krankenhausaufenthalt beendet hat, dann hat man natürlich sehr viel Dokumentation, egal ob das jetzt elektronisch ist oder auf Papier. Und das muss zusammengefasst werden in einen Brief für den niedergelassenen, die niedergelassene Ärztin. Und diese Zusammenfassung, die kann man eigentlich durch Textextraktion auch mit künstlicher Intelligenz schon vorbereiten. Und dann muss es halt jemand freigeben. Das ist das eine. Das andere sind klassische Sprach- und Dialogsysteme, und zwar einmal am Ärztinnenarbeitsplatz. Also zum Beispiel, man steht steril in der Angeografie, also eine Gefäß-Darstellung, und dann möchte man auf den Monitoren, ohne dass man noch mal neues Personal dazu holt, um den Monitor zu bedienen, möchte man dann per Sprach- und Dialog andere Aufnahmen machen, vielleicht dokumentieren, den Kontrastmittelinjektor starten. Also solche Sprach- und Dialogsysteme. Und aber auch am innen Bett, dass eben nicht immer der die Gesundheits- und Krankenpflegerin gerufen werden muss. Selbst wenn es nur um Fragen geht, wie, wo stehen die Blumenvasen? Welches Parkhaus ist in der Nähe? Welche Termine habe ich heute noch? Oder vielleicht, ich möchte die Jalousien runter haben, weil die Sonne da rein scheint. Solche Sachen. Und das wäre ja sehr schön, wenn man so etwas dann eben aber auch in diesem datengeschützten Feld durch eine künstliche Intelligenz regeln lassen könnte. Und das Dritte ist tatsächlich die klassische Gesundheitsdaten-Analyse. Also wir haben ja in der Gesundheitsbranche mehr und mehr Daten und wir erhoffen uns, dass wir pflegerelevante Risikofaktoren durch neue zusätzliche Sensorikdaten vielleicht identifizieren können, die in Matten verbaut werden im Patientinnenbett.
JULIA ROTHERBL
Was würden denn diese Sensorikmatten so ungefähr messen? Was muss ich mir da vorstellen?
DR. ANKE DIEHL
Feuchtigkeit. Schwitzt man vermehrt oder nicht? Ja, bis hin zu aber auch Herzrate, Bewegung, Druck, Blutdruck. Das kann man dann alles messen und dann eben kombinieren mit anderen Daten, die wir aus der elektronischen Patientenakte haben und daraus dann eben vielleicht für die Pflege relevante Faktoren ableiten.
JULIA ROTHERBL
Ich glaube, der eine oder andere, der oder die uns jetzt zuhört, denkt sich, das wäre total cool, auch für unser Krankenhaus oder unsere Klinik. Meine Erfahrung ist, wenn man Menschen fragt, die in der Klinik arbeiten nach Digitalisierung in ihrem Arbeitsumfeld, dass die meisten sagen, da ist so gut wie nichts bisher angekommen. Was würdest du denn jemandem, der jetzt sagt, „Ich würde das gerne ändern, ich würde da gerne einen Change-Prozess einleiten in den Köpfen und vielleicht auch in der Ausstattung.“ Was kann man machen als einzelne Arzt, einzelne Ärztin?
DR. ANKE DIEHL
Genau. Also das ist tatsächlich ein großes Problem, was ja auch die Bundesregierung erkannt hat, dass eben die digitale Transformation in den Krankenhäusern doch wirklich noch in den Kinderschuhen steckt. Und man hat jetzt versucht, das eben durch entsprechende monetäre Mittel ein bisschen zu beschleunigen. Aber es ist tatsächlich ein finanzielles Problem. Die Krankenhäuser sind zum Großteil nicht gut ausgestattet. Und natürlich, wenn man sich die Bezahlung durch die Krankenkassen der Behandlung von den Patientinnen ansieht und dann ist das natürlich unabhängig davon, ob das in elektronischer Form erfolgt oder nicht, ja. Für die Mitarbeiterbindung ist es ganz anders. Also wir sehen, dass unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wirklich begeistert zu uns kommen und sich dann auch wiederfinden in dem, was sie in ihrem sonstigen Umfeld erleben, dass eben da digitale Tools eingesetzt werden. In den nächsten paar Jahren müssen wir ja auch durch die krisenhafte Entwicklung zum Beispiel im Energiesektor erwarten, dass die Finanzmittel, die die Krankenhäuser benötigen, letztendlich das Budget übersteigt und dadurch auch viele Krankenhäuser schließen müssen. Und das wird dann zu einer Abstimmung mit den Füßen führen, also dass auch die Patientinnen und Patienten begeben sich dann eher in Kliniken, wo sie sich auch, ja, digital einchecken können, wo sie wissen, dass ihre Informationen zentral gespeichert sind, überall zugänglich sind, wenn man die entsprechende Berechtigung hat. Und da hat sich schon viel getan durch die Pandemie, tatsächlich, um im Grunde zu erkennen, dass wir da Nachholbedarf haben. Und ich glaube, bei den Bürgerinnen ist es auch angekommen, dass so was wie die Corona-Warn-App tatsächlich dann ein Erfolgsmodell ist. Und auch meine Mutter konnte die auch bedienen. Also oder auch „Luca“, sich irgendwo einzuchecken, das war kein Problem zu lernen.
JULIA ROTHERBL
Weil du gerade die Pandemie angesprochen hast. Also eine Erfahrung für mich ist, dass von dieser Digitalisierung auch quasi im Arbeitsumfeld, vor allem auch Frauen - oder sagen wir es mal so, Menschen mit Care-Arbeit - profitieren. Also wir haben dadurch, dass wir jetzt Homeoffice-Modelle natürlich angeboten haben und auch weiterhin anbieten, zum Beispiel viele Mitarbeiterinnen, die jetzt plötzlich Stunden erhöhen können, weil sie quasi mit diesem Homeoffice-Modell und der Einsparung des Arbeitstages hier Zeitkapazitäten freigesetzt bekommen. Und deswegen würde ich dir gern als abschließende Frage stellen, ob du auch siehst, dass digitale Tools die Chancengleichheit verbessern könnten?
DR. ANKE DIEHL
Ja, das ist auf jeden Fall so! Also gerade hier an der Uniklinik, wo wir sehr früh uns auf diesen Weg zum Smart-Hospital gemacht haben, da setzen wir Digitalisierung und auch KI ein, um zum Beispiel flexible Modelle auch zum Teil von zu Hause bzw. standortübergreifend einzustellen. Also zum Beispiel die Kernspintomographen, die wir an den anderen Standorten haben, die werden durch hochspezialisierte, medizinischtechnisch-radiologische Assistentinnen, Assistenten bedient und das machen die von einer zentralen Stelle aus. Und das ist wirklich ein großer Schritt dahin, dann auch Teilzeitmodelle zu bedienen. Das geht natürlich nicht immer. Im pflegerischen Bereich ist es praktisch nicht möglich. Aber es ist so ein kleiner Schritt, auch in Richtung Telemedizin. Da kann man auch dann vielfach von zuhause aus arbeiten.
JULIA ROTHERBL
Anke, ich sag vielen Dank für deine Einschätzungen und das tolle Gespräch. Es hat mir Spaß gemacht! Danke, dass du da warst.
DR. ANKE DIEHL
Ja, da hat mir auch Spaß gemacht, Ich könnte jetzt noch stundenlang weiter plaudern, ja! Aber irgendwann muss man ja aufhören.
BIS ZUM NÄCHSTEN MAL
JULIA ROTHERBL
Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer. Wir freuen uns, wenn ihr uns konstruktive Kritik zu diesem Podcast gibt. Was gefällt euch, was gefällt euch nicht? Gibt es Themen, die wir bisher eurer Meinung nach vernachlässigt haben? Gibt's Gästinnen, die ihr euch wünscht? Wir freuen uns über jede Anregung. Am besten per Email an redaktion@gesundheit-hören.de. Vielen Dank.
SPRECHERIN
Ein Podcast von gesundheit-hören.de und Apotheken Umschau Pro.
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