Mehr Fantasie für neue Arbeitszeitmodelle

Shownotes

Immer mehr Ärztinnen und Ärzte wünschen sich gerade für die Arbeit in der Klinik flexiblere Arbeitszeitmodelle. Aber wie ist das in einem Betrieb, der rund um die Uhr besetzt sein muss, möglich? Darüber sprechen wir mit Dr. Ina Rühl, die seit kurzem Chefärztin der Geburtshilfe des Rotkreuzklinikums München ist. Sie selbst arbeitet in Vollzeit, will aber ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern innovative Arbeitszeitmodelle ermöglichen. Wie das gelingt und warum sie sich über jede schwangere Mitarbeiterin freut, das hört ihr in dieser Folge.

Mehr zu unserer Gästin: https://rotkreuzklinikum-muenchen.de/medizin-und-pflege/geburtshilfe/team/ruehl-ina.php

Im Podcast "Frau Doktor, übernehmen Sie!" erzählen Frauen aus der Medizinbranche, wie sie dort Karriere gemacht haben. Dazu spricht Julia Rotherbl, Chefredakteurin der "Apotheken Umschau", mit Frauen, die in Führungspositionen arbeiten, die Herausforderungen gemeistert haben oder an ihnen gescheitert sind. Es geht um Themen wie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Sexismus, männliche Netzwerke, mangelnde Vorbilder oder verschiedene Arbeitsmodelle. Das Ziel: Euch zu inspirieren und ermutigen, euren eigenen Weg zu finden.

Montags alle 14 Tage erscheint eine neue Folge. Habt Ihr Fragen, Anregungen oder Kritik? Dann schreibt uns gerne an redaktion@gesundheit-hoeren.de

Redaktion: Julia Rotherbl, Anja Kopf; Schnitt und Post-Produktion: Yves Seißler, Anja Kopf; Managing Editor Audio: Peter Glück


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Transkript anzeigen

DR. INA RÜHL

Ich glaube, der wichtigste Grundsatz ist, wenn wir gemeinsam eine Sache wollen, dann schafft man das immer. Ich habe noch nie zu einer Mutter gesagt, deren Kind krank ist „Oh mein Gott!“ Sondern wir haben immer gesagt „Egal wie, das schaffen wir.“

JULIA ROTHERBL

40 Stunden und mehr Arbeiten im Klinikbetrieb. Wer von euch macht das? Wer von euch macht das gerne? Wer von euch kann sich vorstellen, das auf Dauer zu machen? Immer mehr Ärztinnen und Ärzte wünschen sich flexiblere Arbeitszeitmodelle, gerade auch in der Klinik. Darüber sprechen wir mit unserer heutigen Gästin Dr. Ina Rühl. Sie ist Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe und seit April Chefärztin der Geburtshilfe des Rotkreuzklinikums München. Sie selbst arbeitet 40 Stunden und wahrscheinlich mehr, will aber ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern innovative Arbeitszeitmodelle ermöglichen. Wie das gelingt und wo die Grenzen sind, darüber sprechen wir heute mit ihr und ich freue mich sehr auf dieses Gespräch. Mein Name ist Julia Rotherbl, ich bin Chefredakteurin der Apotheken Umschau und ich wünsche euch jetzt ganz viel Spaß beim Zuhören.

SPRECHERIN

Frau Doktor, übernehmen Sie. Ein Podcast von gesundheit-hören.de. Und Apotheken Umschau Pro.

OHNE NEUE ARBEITSMODELLE KEINE NEUEN MITARBEITENDEN

JULIA ROTHERBL

Hallo, Ina.

DR. INA RÜHL

Hallo, Julia. Grüß dich.

JULIA ROTHERBL

Schön, dass du hier bist und dass du mit mir spricht heute.

DR. INA RÜHL

Ja, danke, dass ich bei euch sein darf.

JULIA ROTHERBL

Erst mal herzlichen Glückwunsch zur neuen Stelle.

DR. INA RÜHL

Vielen Dank.

JULIA ROTHERBL

Wie fühlt sich das an?

DR. INA RÜHL

Ehrlich gesagt, gar nicht so anders. Also, es ist im Moment vielleicht auch noch so ein Gefühl, als wäre mein Chef im Urlaub und wird wiederkommen. Aber… Nee, es fühlt sich gut an. Also, macht, macht Spaß und es, ähm.... Ich glaube, wir sind ganz gut gestartet.

JULIA ROTHERBL

Perfekt. Ina, ich würde gerne mit dir heute unter anderem über Arbeitszeitmodelle in der Klinik sprechen. Und was ich mich bei dem Thema immer so frage, warum wir da überhaupt noch drüber reden müssen. Also bei uns ist es so, wenn wir Bewerbungsverfahren haben hier im Verlag habe ich eigentlich kaum noch Bewerbungen mit 40 Stunden. Das heißt, können sich die Kliniken das überhaupt leisten, so wenig neue Arbeitsmodelle zuzulassen?

DR. INA RÜHL

Bisher war das was, was es eigentlich ehrlich gesagt nur gab, wenn das Mütter waren mit Kindern. Und jetzt, mittlerweile ist es aber so, dass eben auch junge Ärztinnen und Ärzte nicht mehr bereit sind, sich so versklaven zu lassen und eben das Thema Work-Life-Balance immer wichtiger wird. Ich bin immer so hin- und hergerissen, weil ich zum einen das natürlich gut finde, dass die Leute mehr bei sich sind und mehr auf sich achten. Und zum anderen bin ich jetzt natürlich gerade auch als Chefärztin in der Position, dass ich nun mal einfach den Laden am Laufen halten muss. Und das sind manchmal Dinge, die sind schwierig miteinander zu vereinbaren. Und gerade Geburtshilfe ist nun mal ja auch ein Bereich, da kannst du nicht sagen „Ja, das machen wir halt jetzt in Gleitzeit und ihr könnt halt kommen, wann ihr wollt und schauen wir mal und nachts ist dann keiner da.“ Ja, das geht natürlich nicht. Das ist halt ein 365-Tage-24/7-Business und an Feiertagen, an einen Brückentag, an allen Tagen. Und das ist etwas, was schwierig vereinbar ist mit Teilzeitmodelle und so weiter. Und deswegen, glaube ich, bin ich natürlich in der Situation, dass ich drüber nachdenken muss. Ich habe gar keine andere Wahl. Ich möchte es, aber ich muss es auch, weil ich möchte auch in Zukunft den Frauen ermöglichen, sicher zu entbinden. Und wir hatten jetzt hier in Bayern haben wir eine Klinik, die zum Beispiel zugemacht hat, weil sie kein ärztliches Personal mehr hatten. Wo jetzt keine Entbindung in ganzen Landkreis mehr möglich ist. Und natürlich passiert einem das in der Stadt nicht so schnell. Aber trotzdem müssen wir auch in 20 Jahren noch Leute finden, die bereit sind, den Job so zu machen.

JULIA ROTHERBL

Welchen Erwartungshaltungen begegnest du denn, wenn du Vorstellungsgespräche machst? Also ist tatsächlich neben „Ich möchte nicht mehr Vollzeit arbeiten“, auch eine Erwartungshaltung „Ich will nicht am Wochenende arbeiten oder nicht an Feiertagen oder nicht nachts“ oder ist... Ich stelle mir das so vor, wenn ich mir überlege, ich hätte mich entschieden, in der Geburtshilfe zu arbeiten, egal ob als Hebamme, Krankenschwester oder Ärztin, muss ich ja wahrscheinlich irgendwie irgendwann gecheckt haben, dass das ein 24-Stunden-Betrieb ist. Also ist es doch eigentlich unrealistisch, dann zu sagen „Ich möchte da arbeiten, aber auf keinen Fall Nachtdienst machen, weil nachts kommt niemand mit Wehen“.

DR. INA RÜHL

Deswegen… Ich habe das auch noch nie selber erlebt. Ich habe noch nie erlebt, dass eine Bewerberin vor mir saß und gesagt hat „Ich möchte nicht am Wochenende arbeiten.“ Die Kolleginnen und Kollegen, die neu kommen, fangen eigentlich immer mit 100 % an, es sei denn, es sind Mütter, die in Teilzeit arbeiten. Und häufig kommen dann diese Wünsche erst zu einem späteren Zeitpunkt. Also wir hatten Phasen, wo wir wirklich nicht gut besetzt waren und wo die Belastung sehr hoch war und wo dann eben ein, zwei Kollegen gekommen sind und gesagt haben „Wir würden ganz gerne ein bisschen reduzieren“. Und ich glaube, meine persönliche Philosophie ist, dass ich immer versuche, es für alle lebbar zu machen. Und natürlich, wie gesagt, der Laden muss laufen. Aber ich würde jetzt auch nie jemanden, der die Größe und die Stärke hat, zu erkennen, dass es ihnen zu sehr belastet, würde ich jetzt niemals deswegen nicht mehr haben wollen oder was auch immer. Im Gegenteil, ich finde, das ist ja auch ein sehr gesunder Prozess zu merken, ich kann nicht mehr als das. Und es ist ja auch nicht in meinem Sinne, weil wenn ich überforderte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter habe, dann können die auch ihre Leistung gar nicht bringen. Vor allem mir ist es wichtig, dass wir das gemeinsames Schaffen und da muss es für jeden irgendwie eine Nische geben. Und bisher ist es uns auch immer gut gelungen.

JULIA ROTHERBL

Ina, weil du gerade gesagt hast, gemeinsames Schaffen. Es ist ja so, dass man für… um quasi innovative oder neue Arbeitsmodelle einzuführen, braucht es zum einen natürlich den Willen der Führungskraft. Und ich, glaube, es braucht aber auch und das Team, das das Ganze mitträgt. Also was wir in diesen Podcastfolgen, immer wieder hören, ist, dass uns Frauen erzählen „Wenn ich nach der Schwangerschaft in Teilzeit wiederkomme, dann habe ich das Gefühl, ich werde nicht mehr als vollwertiges Teammitglied wahrgenommen. Jeder hat nur Angst, dass mein Kind krank wird und ich dann auch ausfalle.“ In chirurgischen Fächern ist es dann oft schon in der Schwangerschaft. Ich kann da bestimmte Dinge nicht machen und fühle mich deswegen schlecht. Wie schaffst du es auch, so ein Teamspirit hinzukriegen, dass solche Modelle dann auch von allen mitgetragen werden?

DR. INA RÜHL

Also erst mal ist die Geburtshilfe, eben weil sie rund um die Uhr ist, eigentlich dazu gar nicht so schlecht geeignet. Weil, wir hatten zum Beispiel schon Modelle, wo wir Müttern angeboten haben, dass sie halt wirklich nur am Wochenende oder nur nachts kommen oder am Wochenende tags oder was auch immer, weil dann der Mann zu Hause war oder die Schwiegereltern oder wer auch immer auf die Kinder aufpassen konnte. Das heißt, wo wir versucht haben, Möglichkeiten zu finden, wie sie trotzdem ihre Weiterbildung bei uns machen konnten. Und das war zum Teil natürlich für das Team auch cool, ja. Weil wenn ich jetzt eine Mutter habe, die sagt, ich möchte Samstag, Sonntag, tags arbeiten… Samstag, Sonntag tags sind nicht die beliebtesten Arbeitszeiten für junge Leute, die am Freitag gerne einen trinken geht. Und dementsprechend war das für das Team sogar gut. Also ich glaube, der wichtigste Grundsatz ist, wenn wir gemeinsam eine Sache wollen, dann schafft man das immer. Ich habe noch nie zu einer Mutter gesagt, deren Kind krank ist „Oh mein Gott!“ Sondern wir haben immer gesagt „Egal wie, das schaffen wir“. Oder auch wenn, wenn in der Familie irgendwelche Situationen waren oder was auch immer, wir haben immer… Ich glaube, weil wir das immer so vorgelebt haben und weil wir immer gesagt haben, Familie ist wichtiger. Das hier ist… Wir lieben diesen Job, wir tun alles für diesen Job. Das ist ein ganz großer Teil unseres Lebens. Aber es ist nur unser Job. Das darf man auch nicht vergessen. Und weil wir das immer so machen, funktioniert es auch. Weil jeder weiß, wenn so was ist, rücken alle zusammen. Und jeder weiß, wenn bei mir was ist, wenn ich krank bin, wenn irgendwas ist, wir schaffen das. Und ich glaube, dass das lohnt sich. Also in unserem Team lohnt es sich.

VERSCHIEDENE TEILZEITMODELLE IM KLINIKALLTAG

JULIA ROTHERBL

Du hattest gerade schon gesagt oder dieses Beispiel genannt, dass man Müttern zum Beispiel anbietet, gerade am Wochenende zu arbeiten ausschließlich oder nachts zum Beispiel könnte ich mir vorstellen. Aber was sind denn andere Arbeitszeitmodelle, die du in deinem Team gerade möglich machst und wo du sagst, das läuft für dich und für euch alle gut?

DR. INA RÜHL

Also das ist erst noch in Erarbeitung. Aber was natürlich auch ein Thema ist, ist, dass wir zum Beispiel gerade in München Schwierigkeiten haben, Kinderbetreuungszeiten zu bekommen, die, die sich mit den Arbeitszeiten in der Klinik decken. Also bei uns ist es so, dass wir um 7.30 starten und wir haben jetzt aber schon verschiedene Positionen, wo dieser Start um 7.30 halt eben nicht unbedingt notwendig ist. Sprich, ich würde jetzt nicht jemandem sagen, er kann hier nicht arbeiten, weil er leider erst um 8.00 sein Kind in den Kindergarten bringen kann. Sondern wir haben halt Positionen, wo man dann halt auch eben um 8.00 starten kann oder um 8.30 starten kann. Und wir haben überlegt, ob es nicht gerade eben sinnvoller wäre, dass man eben so eine Art Zwischenschicht hat, die bewusst später anfängt, weil ja dieses traditionelle „Wir sitzen alle morgens in der Frühbesprechung und jeder muss da sein, um irgendwelche salbungsvollen Worte vom Chef zu hören“, da muss man sich, glaube ich, ein bisschen frei von machen. Und man muss auch die Besprechung nicht um 7.30 machen, sondern die kann ja vielleicht auch um 10.00 sein, oder… Also ich glaube, man braucht mehr Fantasie und da sind wir noch nicht gut genug. Aber wir versuchen zumindest jetzt mit, mit jeder Situation neu umzugehen.

JULIA ROTHERBL

Gibt es denn auch ein Beispiel, wo du sagst „Woah, das haben wir ausprobiert…“ oder das hast du im Laufe deiner eigenen Karriere irgendwo gesehen, dass es ausprobiert wurde, und es ist komplett schiefgegangen und es kommt aus den und den Gründen für dich nicht in Frage?

DR. INA RÜHL

Nee, würde ich nicht sagen, dass ich… das irgendwas für mich gar nicht in Frage käme. Allerdings glaube ich, dass wir politisch halt einen schwierigen Aspekt haben. Und das ist der durchaus verständliche Wunsch, wenn jetzt zum Beispiel jemand in Teilzeit arbeiten möchte mit verkürzten Tagen… Also häufig ist Teilzeit ja, dass man ganze Tage arbeitet und dann ganze Tage frei hat. Das ist natürlich für die Kinderbetreuung nur sehr mäßig hilfreich, weil dann habe ich vielleicht einen Tag, wo ich mal schaffe, 17 Ladungen Wäsche zu waschen. Aber ich habe halt nicht die Möglichkeit, jeden Nachmittag mit meinem Kind zu verbringen. Und da ist halt das Problem, dass derjenige dann einfach fehlt. Also diese Position ist ja dann ab 13.00, ab 14.00, wann auch immer, ist diese Position nicht mehr besetzt. Und wir haben jetzt festgestellt… Also abgesehen davon, dass die Frauen, die in Teilzeit arbeiten, nun wirklich ja bewiesenermaßen effektiver sind, ist es wirklich so, dass wir festgestellt haben, dass es eben doch Bereiche gibt, wo das möglich ist. Nur als Beispiel. Wir haben… Geplante Kaiserschnitte die sind halt vormittags und die sind dann auch irgendwann vorbei. Das heißt, wenn dann die ungeplanten Kaiserschnitte kommen, kann dann vielleicht jemand, der sonst in der Ambulanz oder in anderen Bereichen, Präpartalstation oder so tätig ist, kann dann vielleicht diese ungeplanten Kaiserschnitte machen. Aber die Kollegin, die an der Hälfte des Tages nach Hause geht, die hat dann schon die geplanten Kaiserschnitte erledigt und so weiter. Also es gibt, glaube ich, viel mehr Möglichkeiten, die wir uns gar nicht erlauben dran zu denken. Und mein Wunsch wäre, dass es da auch noch politische Möglichkeiten gäbe, dass eben so was besser unterstützt wird. Natürlich kriege ich diese Person nicht on top, ja, die kriege ich nicht umsonst, aber das es halt zumindest nicht ein Nachteil bedeutet, mehrere Teilzeitkräfte einzustellen anstelle einer Vollzeitkraft. Weil natürlich ist es teurer für die Klinik, wenn ich mehrere Teilzeitpersonen habe. Und ich kam jetzt auch an das Problem, dass ich… Ich wollte zwei leitende Oberärztinnen haben, eben bewusst zwei Teilzeitmütter, und das ist gar nicht so einfach, wie man sich das vorstellt. Also da gibt es quasi viele Hürden, die eigentlich ursprünglich mal gedacht waren, zum Wohle einer Teilzeitkraft, aber die sich dann wieder zum Nachteil für den, für den Träger verwandeln.

JULIA ROTHERBL

Zum Beispiel?

DR. INA RÜHL

Ganz banale Geschichte. Wenn ich jetzt eine Oberärztin habe, die 75 Prozent arbeitet und eine die 80 arbeitet und ich möchte gerne, dass beide zu 50 Prozent leitende Oberärztinnen sind, muss ich Ihnen beiden ihr 80-Prozent- und 75-Prozent-Gehalt voll für die leitende Oberarztstelle zahlen. Das heißt, ich bezahle 1,5 Menschen leitenden Oberarzt. Und das kann ich mir nicht leisten. Ich muss mich refinanzieren. Das ist in der Geburtshilfe schier nicht möglich und dementsprechend ist es was, was tatsächlich eigentlich bedeuten würde, ich kann das gar nicht machen. Und jetzt habe ich gemeinsam überlegt mit der Verwaltung, was gäbe es für Möglichkeiten? Gibt es die Möglichkeit, dass man zum Beispiel beide als 45-Prozent-leitenden Oberarzt anstellt? Das dürfte man wieder. Und die Idee ist ja eigentlich eine gute, weil man will denjenigen besser bezahlen. Aber wenn sie dann die Chance gar nicht bekommen, die Stelle zu kriegen, weil es für den Träger zu teuer wird, dann ist es ja eigentlich wieder ein Nachteil. Und so, glaube ich, gibt es leider viele Dinge, die ursprünglich als Vorteil für die Teilzeitkräfte gedacht waren und die aber am Ende dann leider sich als Nachteil herausstellen können.

JULIA ROTHERBL

Aber wenn du sagst, du hast mit der Verwaltung gesprochen, das heißt, es gibt bei euch an der Klinik schon die Bereitschaft, hier auch nicht nur von deiner Seite, sondern auch von der Seite des Trägers und der Verwaltung hier Möglichkeiten zu schaffen?

DR. INA RÜHL

Doch sehr. Die Bereitschaft ist auf jeden Fall da, was sicherlich auch daran liegt, dass gerade in der Führungsebene, Geschäftsführung, Klinikdirektor und so weiter, das sind Frauen und Mütter. Und deswegen habe ich schon den Eindruck, dass da ein bisschen ein Umdenken stattgefunden hat. In meiner Oberarztriege sind bis auf eine alles Teilzeitmütter.

JULIA ROTHERBL

Und hast du das Gefühl, wenn du so an die gesamte Branche quasi denkst, dass eure Klinik die Ausnahme, also eine Ausnahme ist?

DR. INA RÜHL

Ja, eigentlich schon. Es gibt natürlich andere Bereiche, wo das mittlerweile schon auch üblicher ist. Aber wenn ich gerade an die Gynäkologie und die Geburtshilfe denke... Ich weiß natürlich nicht unbedingt, wie es in allen anderen Kliniken ist, aber ich weiß, wie es früher war, als ich noch an der Uniklinik war und als ich an der Uniklinik war, gab es keinen Teilzeitoberarzt. Das wird sich geändert haben, denke ich. Aber in welchem Maße, kann ich nicht beurteilen. Also ich glaube schon, dass es zum einen der Situation geschuldet ist, weil man muss ja auch einfach wie gesagt Leute finden, die bereit sind den Job zu machen. Und eben in zehn Jahren wird es sicherlich nicht einfacher sein, solche Menschen zu finden. Und wenn ich dann nicht bereit bin oder wenn ich mich bis zu dem Zeitpunkt immer noch weigere, über so was nachzudenken, dann glaube ich, kriege ich ein echtes Problem.

JULIA ROTHERBL

Ina, du hast ja gerade schon so ein bisschen gesagt, so wie es früher war. Ich würde gern auch noch mit dir drüber reden, was von den Dingen, die du heute machst, ein bisschen die Wurzel in deinem eigenen Lebenslauf hat oder in deinem eigenen Karriereweg. Aber vorher würde ich gerne ein Spiel spielen.

SPIEL „FRAU DOKTOR, VERVOLLSTÄNDIGEN SIE!“

JULIA ROTHERBL

Dafür kommt jetzt die Anja zu uns.

DR. INA RÜHL

Oha.

ANJA KOPF

Hallo. Hallo ihr beiden.

DR. INA RÜHL

Und ich darf vorher einmal Nase putzen.

JULIA ROTHERBL

Ja, natürlich.

DR. INA RÜHL

Danke.

ANJA KOPF

Sehr gerne. Gut, ich habe euch Satzanfänge mitgebracht. Und die dürft ihr spontan vervollständigen. Und unsere Gästin, Ina, du darfst anfangen. Nämlich mit dem Anfang „Ich entspanne…

DR. INA RÜHL

Am besten…?

JULIA ROTHERBL

Gar nicht.

DR. INA RÜHL

Ehrlich gesagt, mein erster Impuls war das tatsächlich, das zu sagen. Aber dann habe ich kurz überlegt, ob ich sage „Eigentlich die ganze Zeit“. Also ich bin… Ich glaube. Ich, ich fühl mich… Es gibt ja, glaube ich, den Unterschied zwischen Distress und Eustress. Und ich persönlich empfinde mein Leben zum Beispiel wirklich nicht als anstrengend oder als stressig, oder… Also, ich arbeite in einem Akutmedizinfach, aber das macht mir halt auch mega Spaß. Also, wenn es dann so richtig brummt und kracht, da steh ich halt auch einfach drauf und dann in der richtigen Situation die richtige Entscheidung zu treffen, das liebe ich. Deswegen, so, so eine durchgerockte Nacht im Kreißsaal finde ich mega und, na ja… Ich überlege gerade. Ich entspanne... Also ich entspanne am besten beim Snowboard fahren, weil ich dann über nix nachdenke. Mach es aber leider viel zu selten. Und bin leider auch krass unfit geworden. Kann es nicht mehr so gut wie früher. Aber ich habe generell, glaube ich, gar nicht so viel Bedarf nach Entspannung oder Zeit für mich oder so. Hab ich, hab ich, hab ich nicht, aber vermisse ich auch nicht.

ANJA KOPF

Mhm. Super spannende Antwort, weil ich, ich… Ich habe genau den Anfang ausgewählt gehabt, weil ich mir eben dachte, so im Kreissaal - wir hatten ja ab und zu ja schon Gynäkologinnen hier - das ist halt super stressig und ich stell mir das halt wirklich so vor, dass man danach entspannen muss. Aber… Deswegen fand ich deine Perspektive jetzt gerade ziemlich cool. Der Satzanfang für Julia ist etwas, was im Kreißsaal nie passieren wird, wahrscheinlich… Videokonferenzen…

JULIA ROTHERBL

Oh, Videokonferenzen! Ich... Also Ina, es richtet sich jetzt nicht gegen dich, weil wir sind ja jetzt auch in einer Videokonferenz, aber ich… Oh, ich find Videokonferenzen langsam... Also, puh… Ich finde sie viel anstrengender als Live-Konferenzen, weil ich muss auch sagen, ich bin dann - also in diesem Gespräch natürlich nicht, aber - normalerweise ist man auch dann sehr leicht ablenkbar. Man sitzt dann an seinem Laptop, man sieht dann die E-Mail läuft ein, diese Nachricht läuft ein, dann macht man nebenbei noch das. Also man hat irgendwie fünf Schubladen im Kopf. Also ich finde es total anstrengend. Das dürfte sich wahrscheinlich bei dir in Grenzen halten, die Videokonferenzen, Ina, oder bin ich… Ist das so ein Klischee, was im Kopf hab, aber…?

DR. INA RÜHL

Na ja, das ist jetzt gar nicht mehr so selten. Also in dieser Corona-Zeit sind wir dann plötzlich alle digitalisiert worden und ich war zuständig hier für die Organisation eines coronasicheren Kreißsaals. Weil da war ja klar, das ist ja nicht elektiv, also ich kann nicht sagen „Nee, das machen wir jetzt mal ein paar Monate nicht“, sondern wir haben uns ja echt mit krassen Szenarien beschäftigt und haben hier den Kreißsaal und die ganze Entbindungsstruktur so aufgebaut, dass wir in Corona-Zeiten das hier hinkriegen konnten. Und da.. Eben, am Anfang hatten wir keine einzige Kamera, keinen einzigen Webex-Zugang und ich hing immer mit dem Handy so halb aus dem Fenster, damit ich an diesen Videokonferenzen teilnehmen konnte. Also es war eine Katastrophe, deswegen, ich persönlich bin jetzt gerade noch an dem Punkt, dass ich mich ja freue, wenn es überhaupt funktioniert. Und ich fand aber auch, dass viele Besprechungen dadurch ehrlich gesagt drei Mal schneller gehen, weil man nicht so viel rum labert, sondern weil man - zack, zack, zack - die Themen schnell durchzieht. Also ich will ja nicht sagen, dass ich ein Fan von Videokonferenzen bin, aber ich finde es gar nicht so schlecht.

JULIA ROTHERBL

Also, was man schon sagen muss, weil wir ja jetzt über Arbeitszeitmodelle reden. Also die Erfahrung ist schon hier da im Verlag, dass jetzt durch dieses Homeoffice und ich kann an Konferenzen von überall aus teilnehmen, wir zum Beispiel auch viele Mütter haben, die Stunden aufstocken. Die sagen „Okay, durch diese Anfahrerei spare ich mir schon die und die Zeit. Das Kind kann theoretisch nachmittags auch eine Stunde selbst Hausaufgaben machen und neben mir sitzen, die Stunde kann ich dann auch noch zugeben“. Also das ist schon jetzt zumindest im Verlagswesen, glaube ich, für viele Frauen tatsächlich organisatorisch eine große Erleichterung.

ANJA KOPF

Also, ich habe vielleicht dann noch mit der Einleitung mit „Videokonferenzen gibt es im Kreißsaal so nicht“ vielleicht gar nicht so ganz recht gehabt, wenn… Nachdem, was du gerade erzählt hast. Ich bin erstaunt…

DR. INA RÜHL

Also, was es gar nicht so selten gibt, ist, dass die ganze Familie gefühlt eine Sekunde nach der Geburt des Kindes bis über den großen Teich mit eingeladen wird per Videokonferenz. Also, ich habe schon den Omas in Afrika gewunken und habe Hallo gesagt zu Tante und Onkel in was weiß ich wo. Also, das ist… In Indien.

ANJA KOPF

Ich würd jetzt mal zum nächsten Satz für dich, Ina, kommen.

DR. INA RÜHL

Oha.

ANJA KOPF

Schwer fällt mir…

DR. INA RÜHL

Schwer fällt mir, loszulassen. Eine Zeit lang ist es mir auch schwergefallen, jetzt zum Beispiel bei, bei komplizierten Patientinnen so einen Schritt zurück zu machen. Und jetzt habe ich aber mittlerweile zum Glück so ein supergeniales Team, dass mir das immer leichter fällt. Also, dass ich jetzt nicht immer alles selber machen muss oder jede, jede schwierige Entbindung selber machen muss, sondern dass ich da auch wirklich mit einem guten Gefühl einen Schritt zurücktreten kann, um mich dann eben eher um die organisatorischen Dinge kümmern kann, um unsere Situation hoffentlich zu optimieren. Und schwer fällt mir in meinem privaten Leben, dass man immer ein schlechtes Gewissen hat und dass man immer doch das Gefühl hat, dass man seiner Familie nicht gerecht wird.

ANJA KOPF

Genau, du bist Mutter eines Sohnes, ne?

DR. INA RÜHL

Richtig.

ANJA KOPF

Um das ist auch noch mal einzuordnen.

JULIA ROTHERBL

Wie alt? Darf ich fragen, wie alt?

DR. INA RÜHL

Der wird jetzt acht. Und ich sage immer so ein bisschen - sag das immer so halb als Scherz - dass die Klinik mein zweites Kind ist. Aber das ist schon so. Er hat sich sehr gefreut, als ich jetzt Chefin geworden bin, weil er gesagt hat „Dann musst du nicht mehr nachts arbeiten.“ Hab ich gesagt „Nee, nur noch, wenn was Schlimmes passiert, dann fahre ich nachts natürlich hin“ und das versteht er auch. Aber die Nachtdienste, das war für ihn immer schlimm. Also, irgendwann kommt er wahrscheinlich das Alter, wo er sich… ein bisschen traurig ist, dass ich keine Nachtdienste mehr mache. Aber noch ist es nicht so. Noch finde er das echt gut, dass ich einfach abends da bin.

JULIA ROTHERBL

Aber kommt das schlechte Gewissen tatsächlich aus dir selbst oder dadurch, dass das Umfeld einem das ein bisschen vermittelt?

DR. INA RÜHL

Nee, das kommt voll aus mir selbst. Also zum Beispiel, ich habe das große Glück… Also, mein Mann ist auch Arzt und ist aber derjenige, der deutlich weniger karriereorientiert war und der hat immer gesagt „Ich will doch nicht Oberarzt werden, ich bin Anästhesist, ich will Medizin machen. Wenn ich Oberarzt bin, telefoniere ich nur noch, da hätt ich einen anderen Job machen können. Und der hat einen großen Teil der Elternzeit übernommen und der ruht da total in sich und findet es auch überhaupt nicht irgendwie stressig, dass ich jetzt da eine höhergestellte Position habe oder so, was ich, was ich extrem cool finde. Also das finde ich, dass er das auch so gar nicht braucht. Also das finde ich auch echt sexy, ja, dass er nicht das braucht, um sich irgendwie zu definieren oder dass er da kein Problem mit hat, wenn andere Leute sagen „Äh, wie!“. Und von meinem Mann und meinem Sohn kriege ich überhaupt kein schlechtes Gewissen, sondern ich persönlich habe das Problem, dass ich glaube ich von mir selbst erwarte „Na, jetzt muss ich aber wenigstens alles andere noch hinkriegen“. Sprich, ich reiß alles an mich. Ich kriege… Mein Mann kriegt gar nicht die Chance, manche Dinge zu machen, weil ich das dann schon erledigt habe.

JULIA ROTHERBL

Aber ich meinte auch dann nicht quasi mit Umfeld, dass dein Sohn oder ein Mann ein schlechtes Gewissen haben, sondern… Also, wir haben das gleiche Modell. Mein Mann hat auch Elternzeit gemacht und arbeitet nicht Vollzeit im Gegensatz zu mir. Also, ich schätze mal, das ist jetzt wahrscheinlich exakt das gleiche Modell. Manchmal muss ich mich dann echt hinterfragen und sagen „Ok, kommt das jetzt von mir oder kommt es, weil irgendwie am Elternabend der Satz gefallen ist ‚Na ja, die Frau Rotherbl brauchen wir jetzt eh nicht fragen, ob sie jetzt den Kuchen backt, weil das schafft die eh zeitlich nicht.‘ Das man immer auch von außen so vermittelt bekommt ‚Hm, so semi, dass das du Vollzeit arbeitest und dein Kind nicht so viel siehst wie die meisten anderen, die hier sitzen.‘“

DR. INA RÜHL

Also, was ich schon mal erlebt hab, sind so Nebensätze wie „Na ja, wenn das Kind dann von 7.00 bis 17.00 in die Krippe geht, warum schafft man sich dann überhaupt ein Kind an?“ Oder „Oh, aber der muss doch die ersten drei Jahre bei seinen Eltern bleiben“. Nee, muss er nicht. Alle anderen auf der Welt machen das auch nicht und die sind auch nicht alle Meuchelmörder geworden. Also, ich habe mal nachts um 3.00 eine wütende E-Mail an den damaligen Bürgermeister geschrieben, weil ich hier saß und nach einem Kindergarten gesucht habe, der eine Öffnungszeit hat, der meinem Mann und mir ermöglicht zu arbeiten. Und habe da geschrieben „Anscheinend wollen Sie nicht, dass Frauen wie ich in ihrer Stadt arbeiten.“ Ich war so sauer, weil ich keinen Kindergarten gefunden habe, der das mir ermöglicht hat, weil mein Mann und ich beide um 7.30 umgezogen in der Besprechung sitzen mussten. Und dann haben wir schließlich einen gefunden, wo wir das Kind morgens um 7.00 durch die Tür treten konnten, damit wir rechtzeitig in unsere Besprechungen kommen. Nur das ist… Das war privat, da mussten wir viel Geld für zahlen. Das war jeden Cent wert. Aber darum geht es nicht. Es war… Dann wurde wieder gesagt „Öh, ja, hier, elitär. Und die Ärzte und nehmen wieder den privaten Kindergarten.“ Nee, ich habe nach Öffnungszeiten gesucht, nicht nach pädagogischen Konzepten. Ja, oder auch mit der Schule… Finde mal eine Schule, die morgens das Kind betreut. Bis ich dann einen Babysitter gefunden hab, der morgens kommt und dann meinen Sohn zum Bus bringt. Also, es ist halt einfach… Die Strukturen sind extrem schwierig. Also wir, wir haben ganz, ganz viel gearbeitet, um genug Geld zu verdienen, damit wir uns leisten können, viel zu arbeiten. Und das finde ich ein bisschen absurd.

JULIA ROTHERBL

Ja.

ANJA KOPF

Das ist total absurd.

JULIA ROTHERBL

Aber lustig. Ich habe auch einen, einen Brief an den Bürgermeister geschrieben, allerdings ging es um den Krippenplatz.

DR. INA RÜHL

Ja, siehste. Ähnliche… Also, es ist… Es ist halt wirklich... Und da muss ich sagen, ich komme ursprünglich aus dem, aus dem Ruhrpott, da sind die schon ein Stück weiter. Oder Berlin ist weiter. Ganz Ostdeutschland ist weiter, was das angeht, weil da war es normal, dass, dass die Mutter gearbeitet hat. Und da haben wir irgendwie einen Rückschritt gemacht. Also, das ist nicht so gut für mich zu verstehen.

ANJA KOPF

So, ich würde jetzt mal kurz einhaken, hier auch ein bisschen mit Blick auf was wir noch im zweiten Teil des Gesprächs haben wollen.

JULIA ROTHERBL

Ja, wir machen die nächste Frage. Oder wir hören auf mit der Fragerunde und machen weiter mit dem Gespräch.

ANJA KOPF

Nein, ich habe noch zwei Sätze und da würde ich total gerne die zweite Antwort noch hören.

DR. INA RÜHL

Ohweia.

ANJA KOPF

Genau, Julia an dich…

JULIA ROTHERBL

Mist, jetzt krieg ich ihn doch.

ANJA KOPF

Ich bezeichne mich selbst als…

JULIA ROTHERBL

Oh Gott. Ich bezeichne mich selbst als…. Ähm, Feministin. Auch wenn der Begriff mittlerweile so richtig doof besetzt ist. Ist mir aber egal.

ANJA KOPF

Mhm.

DR. INA RÜHL

Ich bezeichne mich selbst als chronobiologisch diskriminiert, weil ich nicht checke, dass ich schon so krass alt bin.

ANJA KOPF

Chronobiologisch diskriminiert. Das ist ja unfassbar schön der Ausdruck.

JULIA ROTHERBL

Habe ich noch nicht gehört. Das muss ich mir merken.

ANJA KOPF

Also du möchtest nicht altern, heißt es quasi in Übersetzung für mich jetzt.

DR. INA RÜHL

Na ja, nicht altern wollen, weiß ich nicht. Aber ich habe irgendwie so das Gefühl, wo ist denn die Zeit so hin? Und ich beneide… Eben. Das fing schon an mit der Familienplanung. Ich bin ja ganz alt Mama geworden. Ich war, ich war schon leitende Oberärztin und ich war, war schon 40. Und ich sag immer meine Assistenzärztinnen „Macht das bloß nicht, kriegt eure Kinder früher.“ Ja, weil sonst… Das ist doch voll schade, wenn man das… Das macht mega Spaß, da kannst du nicht so spät anfangen. Das ist so schade. Und mein Sohn findet es anscheinend cool, dass er ein Einzelkind ist. Ich weiß nicht, ob er das später auch so sehen wird, wenn er sich dann um seine alten Eltern kümmert. Aber auf jeden Fall, das war jetzt nicht mein Plan. Und zum Beispiel dann zu merken „Okay, jetzt ist eigentlich echt schon ein bisschen zu spät für noch mehr als ein Kind“, das ist halt schon schade. Und da habe ich mich schon ein bisschen chronobiologisch diskriminiert gefühlt. Und auch, ja, wenn ich zum Beispiel… Jetzt kam neulich so ein Aufruf, die haben Leute gesucht, die irgendwo im peruanischen Dschungel bei so einem Aufbau von einer Station mithelfen, die sich um Mutter-Kind-Gesundheit kümmert. Da hab ich gesagt „Oh, da hätte ich ja mega Bock drauf, das mal so zwei Jahre zu machen.“ Hab ich gesagt „Moment mal kurz, dass ist jetzt vielleicht mal ein bisschen ungünstig.“ Oder das ich… Ja, also ich, ich hätte schon auch Bock, noch mal ein paar andere Dinge zu machen und meinen Lebenslauf ein bisschen schiefer zu machen, als er ist. Und da bin ich eigentlich schon ein bisschen alt für.

JULIA ROTHERBL

Aber tatsächlich wirkt ein Lebenslauf nicht so, als hättest du viele Kurven gemacht.

DR. INA RÜHL

Ne, und das ist ja total bescheuert. Also, vor allem ich persönlich würde mich vielleicht gar… Also, ich glaube, ich würde mich gar nicht einstellen. Weil, ich steh total auf schiefe Lebensläufe. Also, ich steh auf Leute, die vorher eine Schreinerlehre gemacht haben. Und solche Leute, finde ich, braucht man, ja, und nicht nur die kleinen Strebermädchen, die halt mit 18 schon studieren gehen und, ja, überhaupt gar nicht drüber nachgedacht haben, ob sie jetzt wirklich… Also, was das auch bedeutet, worauf sie sich einlassen, wenn sie Medizin studieren. Und im Nachhinein zum Beispiel hätte ich mir selber geraten „Mach ein gap year, reise rum, mach noch irgendwas anderes.“ Und das finde ich schade. Ich habe ja nur so Miniausbrüche gemacht, indem ich für meine Doktorarbeit halt dann anderthalb Jahre nach USA gegangen bin oder so. Aber es war jetzt nicht die Art von Ausbruch, die ich persönlich mir selbst gewünscht hätte oder die ich für eine Entwicklung von Leuten cool fänd.

JULIA ROTHERBL

Ich habe beim Blick auf deinen Lebenslauf gar nicht gedacht Strebermädchen. Aber was ich schon gedacht habe, ist, wir machen ja diesen Podcast auch, weil es in der Medizin immer noch diese gläserne Decke gibt. Also, das ist ja einfach Fakt, wenn man sich anguckt, wie die Verteilung der Führungspositionen ist. Bei dir könnte man sich jetzt überlegen, bist du jemals da dran gestoßen eigentlich?

DR. INA RÜHL

Na ja, also, ich habe mich an so ein paar Ratschläge nicht gehalten. Also, ich bin zum falschen Zeitpunkt zum Forschen gegangen, habe die Unikarriere verlassen, bewusst. Also hab gesagt “Nee, ich bleib jetzt hier nicht“, obwohl ich hätte bleiben können, was sicherlich karrieremäßig schlauer gewesen wäre. Trotzdem bin ich jetzt hier, wo ich bin. Aber eine richtige gläserne Decke…? Nee, kann ich nicht behaupten. Also ich, ich habe immer das, was ich gemacht habe, habe ich immer einfach volle Lotte gemacht. Aber ich bin auf nicht so viele Widerstände gestoßen. Das könnte ich jetzt nicht behaupten. Ich meine, ich bin ja quasi hier vorher leitende Oberärztin gewesen hier in diesem Haus. Was ja sehr, sehr unüblich ist, gerade in der Medizin. Und da zum Beispiel muss ich auch sagen, dass das so extrem unüblich ist, halte ich nicht für besonders schlau. Weil, in vielen Kliniken passiert dadurch nämlich ein ganz schöner Einbruch der Leistungen und auch das Team wird völlig durcheinandergewürfelt. Und ich sehe schon viele Vorteile in so einer externen Besetzung. Also wenn ich jetzt woanders hingegangen wäre, dann hätte ich mich ja noch mal total neu definieren können. Und so bin ich halt Ina, die aus dem Team heraus Chefin geworden ist. Aber auf der anderen Seite steckt natürlich auch eine megariesige Chance drin, ja, weil wir schon im Vorfeld uns gemeinsam überlegt haben, wie wollen wir es uns gestalten und wie wollen wir es machen? Und, weil ich eben die Nähe zum Team habe, die ich in der Art und Weise, glaube ich, nicht hätte aufbauen können. Und damit meine ich die Schwestern, die Hebammen, alle. Weil ich, glaube ich, wenn ich jetzt als Chefin von extern gekommen wäre, gar nicht die Chance bekommen hätte, die Leute so echt kennenzulernen, wie ich sie kennengelernt habe. Und eben gemeinsam durch die Nachtdienste durchzuleiden oder so, das ist… Das bringt natürlich ganz viel Nähe und das hat den großen Vorteil, dass ich jetzt diese flache Hierarchie haben kann, die ich sonst vielleicht niemals hätte schaffen können.

ANJA KOPF

So, jetzt würde ich hier noch mal eingrätschen und das, das Spiel offiziell kurz mal beenden.

JULIA ROTHERBL

Ja. Danke Anja.

DR. INA RÜHL

Danke.

ÜBER DAS EIGENE ARBEITSMODELL

JULIA ROTHERBL

Du hattest schon gerade das Stichwort flache Hierarchien genannt. Was wir in diesem Podcast immer wieder hören, ist, das ein Problem in den Klinikbetrieben genau das Gegenteil ist. Dass alles sehr hierarchisch aufgebaut ist und dadurch auch quasi Frauen einen gewissen Nachteil haben, weil in diesen Hierarchien sich dann auch entsprechende Netzwerke bilden, die insbesondere zwischen Männern dann sehr stark sind. Wie hast du es denn geschafft, dann für dich und dein Team diese flachen Hierarchien zu etablieren?

DR. INA RÜHL

Ich glaube, zum einen hatte ich den großen Vorteil, dass ich das selber erleben durfte. Ich war in Belgien. Und in anderen Ländern ist es ja sowieso nicht so üblich, so eine steile Hierarchie zu haben. Wir sind da ja in Deutschland sehr altertümlich. Und dann kam ich halt nach Belgien als Oberärztin hierhin und ich bin einfach nicht so der Typ für Hierarchie. Ich duze mich halt. Das hat aber jetzt nicht gerade auf Begeisterung gestoßen am Anfang. Also als ich kam, war es zum Beispiel bei vielen… Also wurde sich unter den Oberärzten geduzt, aber nicht in Richtung Assistenten, zumindest nicht von allen. Und es gibt ja auch Leute, die kommen damit nicht so gut zurecht, ja. Und mein Credo war immer schon, ich möchte, dass sie mich für mein Können und für meine Leistung quasi wertschätzen. Und ich möchte nicht, dass nur weil ich von außen so eine irgendwie so eine Position auferlegt bekommen habe, dass ich so eine Pseudo-Achtung bekomme. Und ich muss auch ganz ehrlich sagen - vielleicht ist das auch meine Waldorfschulenvergangenheit, aber ich, ich bin so vor… Ich verliere sofort spontan jegliche Achtung vor jemandem - egal, wer das ist, ja, ob das jetzt irgendein der Direktor von irgendwem Institut ist oder was auch immer - wenn die Leute sich menschlich total danebenbenehmen. Und dementsprechend achte ich die nicht dafür, sondern er muss schon ein bisschen was liefern. Und das war mir halt auch immer wichtig, dass ich wollte… Klar, diskutiert man. Und natürlich muss es so sein, dass wenn es hart auf hart kommt, dass einer den Hut aufhat und sagt „Moment mal kurz“. Aber das haben wir uns einfach in diesem Gemeinsamen auch erarbeitet und da habe ich auch wirklich tatsächlich nie dann Probleme mit gehabt.

JULIA ROTHERBL

Dieses Bemühen um diesen Teamspirit und diese flachen Hierarchien und auch dieses Ermöglichen von innovativeren Arbeitszeitmodellen hat es auch mit eigenen Erfahrungen zu tun im Laufe deiner Karriere. Dass du sagst, ich hatte mal Vorgesetzte, da habe ich mir gedacht, so mache ich das nie.

DR. INA RÜHL

Also ich hatte insgesamt muss ich sagen, hatte ich schon viel Glück mit Vorgesetzten. Also, ich habe mich jetzt nie wirklich krass eingeschränkt gefühlt, sondern viele von denen, denen verdanke ich auch ganz viel. Die haben, haben mich auch viel machen lassen. Und eben mein letzter Chef hat mich auch zum Beispiel an seiner Seite großwerden lassen. Aber klar, auf der anderen Seite kam natürlich die Frage… Also, erstens mal hat keiner damit gerechnet, dass ich mit 40 noch Mutter werde. Ich hatte halt kein Kind, als ich angefangen habe hier als Oberärztin. Und damit hat halt einfach keiner gerechnet. Und das war, glaube ich, schon mal ein kleiner Schock. Da hat er, hat er auch echt geschluckt und hat gesagt „Damit muss ich jetzt erst mal klarkommen“.

JULIA ROTHERBL

Okay.

DR. INA RÜHL

Und ich weiß auch noch, als ich dann zu ihm gekommen bin, das erste Mal mit der Frage Chefnachfolge, da habe ich gesagt, ich würde das schon ganz gerne besprechen, weil danach würde ich ja vielleicht auch noch meine private Planung, wie es weitergeht und so ein bisschen… das spielt ja alles eine Rolle. Und dann hat er gesagt „Ja, mit zwei Kindern, da können Sie das vergessen“, habe ich ihm nur gesagt „Chef, moment mal, wie viel Kinder haben Sie noch mal?“ Und er so „Ja, okay, ich habe vier. Sie haben ja recht“. Ja. Und… Also, in der Uniklinik habe ich eine sehr steile Hierarchie erlebt. Und das war dann letzten Endes auch der Grund, warum ich gegangen bin. Und als ich gekündigt habe, hat mein damaliger Chef gesagt „Aber warum wollen Sie denn jetzt in die Regionalliga? Sie sind doch Bundesliga“. Und dann habe ich gesagt „Weil ich in der Regionalliga auf dem Platz darf und in der Bundesliga sitze ich auf der Bank. Und ich möchte jetzt meine eigenen Fehler machen. Und ich möchte meine eigenen Entscheidungen treffen dürfen“. Und das fand er nicht gut, aber das war halt mein Weg.

JULIA ROTHERBL

Jetzt, wo du selbst Führungskraft bist, wie würdest du dir denn wünschen, dass Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiter mit dir kommunizieren, wenn es zum Beispiel darum geht, Stunden zu reduzieren, nach einer Schwangerschaft in Teilzeit wiederzukommen? Also, wann sagt man das, wie sagt man? Geht man mit einer Maximalforderung in das Gespräch, mit einer Mindestanforderung? Was wäre dein Ratschlag?

DR. INA RÜHL

Also erst mal würde ich nicht dazu raten, dass man immer mit dieser Familienplanung auf irgendwas wartet. Also ganz, ganz viele - das ist ja so der Klassiker - die wollen immer erst ihren Facharzt fertig haben. Klar das auch was damit zu tun, dass man natürlich erst auch an einem bestimmten Punkt in seinem Leben sein möchte, bevor man überhaupt eine Familie gründet. Und dieser Zeitpunkt der Familiengründung, der hat sich ja auch deutlich nach hinten verschoben. Das erlebe ich nun mal in meinem Alltagsbusiness ja jeden Tag. Aber ich würde wollen, dass sie nicht den Beruf als Grund dafür nehmen. Weil ich zum Beispiel einer jungen Frau eher dazu raten würde, in ihrer Facharztausbildung schon Kinder zu bekommen, weil eine Weiterbildungsassistentin, die in Teilzeit kommen möchte mit einem Kind, die kann ich immer noch trotzdem besser gebrauchen. Und wenn ich jetzt einen neuen Facharzt einstellen möchte oder ein Oberarzt einstellen möchte, wenn die dann gerade frisch Kinder bekommen hat, weiß ich ja noch gar nicht, wie sie das auch handelt. Wie sie damit überhaupt klarkommen mit dieser doppelten Situation, mit dieser Doppelrolle. Und deswegen, wenn ich schon beweise in meiner Weiterbildung, dass sich Familie und Beruf irgendwie auf die Reihe kriege, dann habe ich eine viel bessere Chance, dass ich in dieser Klinik auch weiter Karriere machen kann. Und deswegen habe ich immer dieses „Ich warte bis zum Facharzt“ habe ich immer als nicht sinnvoll gefunden. Und was den Zeitpunkt oder die Art und Weise, wie man das anspricht, angeht, das kann ich wahrscheinlich insofern nicht so gut beurteilen, weil ich das große Glück habe, dass ich gar nicht so selten die erste bin, die das erfährt, dass sie schwanger sind, weil ich wirklich ein gutes Verhältnis zu meinen Assistenten habe und ich bei jeder - und das ist unsere Philosophie hier und das würde ich auch niemals erlauben, dass die sich ändert - dass wir uns über jede Schwangerschaft freuen. Ich meine, wer sind wir denn als Frauenklinik, wenn wir das nicht mehr hinbekommen? Und was ich schon tatsächlich interessant finde, was viele Mütter nicht wissen, gerade am Anfang, wenn die Kinder ganz klein sind, haben die ja noch kein Zeitgefühl. Und wenn ich es noch mal machen würde, dann würde ich tatsächlich am Anfang, wenn die wirklich winzig sind, dann würde ich in Vollzeit wiederkommen, weil dann kriege ich schnell noch was für einen Facharzt weggerissen und hinterher, da brauchen die dich echt, wenn die in die Schule kommen oder so, da brauchen die wirklich viel Mama, finde ich. Und das ist glaube ich was, was viele gar nicht in Erwägung ziehen, weil das macht man so nicht, weil man lässt nicht ein kleines Kind so lange in Betreuung. Und die Frage ist, warum eigentlich? Ist es für mich? Dann es ist ja völlig in Ordnung. Aber glaube ich, dass das Kind das so haben muss? Das würde ich in Frage stellen.

JULIA ROTHERBL

Ina, dann würde ich zu meiner Abschlussfrage kommen, die auch so ein bisschen in die Richtung geht, in der wir uns jetzt befinden. Du selber arbeitest ja in einem sehr klassischen Modell. Du arbeitest einfach 40 Stunden. Kam das für dich persönlich nie in Frage, Stunden zu reduzieren?

DR. INA RÜHL

Also mein Mann hat mal zu mir gesagt „Egal, ob du jetzt in der Klinik wärst oder in einer Praxis oder was du auch machen würdest, der Job hat für dich immer schon eine wahnsinnig große Bedeutung gehabt und hat immer schon eine große Rolle in deinem Leben gespielt“. Und deswegen würde er jetzt sagen „Das würde sie sowieso nicht machen“. Ich glaube, dass ich jetzt tatsächlich an dem Punkt bin… Ich meine, ich habe ja früher nicht 40 Stunden gearbeitet, sondern eher so 70. Und jetzt bin ich an dem Punkt, dass ich auch sehr effektiv zum richtigen Zeitpunkt sage „Ich gehe jetzt“. Und dass es mir jetzt leichter fällt. Natürlich auch auf Grund meiner Position, klar, aber auch mental leichter fällt, wirklich dann auch zu gehen. Und das hätte ich vor zehn Jahren wahrscheinlich einfach so noch nicht gekonnt, weil da konnte ich eben noch nicht gut genug loslassen. Und das ist auch ein Lernprozess. Der hat bei mir vielleicht ein bisschen zu lange dauert. Aber deswegen - Ich persönlich für mich habe das tatsächlich nicht in Erwägung gezogen, aber auch, weil ich nicht den Bedarf hatte. Ich, ich habe, ich habe den Eindruck, dass es meinem Kind gut so ging. Ich habe den Eindruck, dass er nicht darunter gelitten hat, dass ich sehr intensiv die Zeit, die ich hatte, dann auch wirklich mit ihm verbracht habe. Und wenn ich jetzt jeden Mittag um 1.00 nach Hause gekommen wäre, dann hätte ich eingekauft, hätte das alles parallel neben ihm her gemacht. Also netto weiß ich nicht, ob ich so viel weniger Zeit mit meinem Kind verbringe als viele Teilzeitmütter. Und für mich hat sich's richtig angefühlt. Aber vielleicht sehe ich das irgendwann mal anders, wenn ich mich frage „War es das wert?“ oder so. Im Moment würde ich sagen, das war mein Weg und der fühlte sich immer richtig an.

JULIA ROTHERBL

Wir lassen dich schweren Herzens gehen. War ein schönes Gespräch, fand ich.

DR. INA RÜHL

Vielen Dank euch.

JULIA ROTHERBL

Und ich sage auch, vielen Dank, dass du da warst.

DR. INA RÜHL

Ich danke.

VERABSCHIEDUNG

JULIA ROTHERBL

Wir verabschieden uns mit dieser XXL-Folge in die Sommerpause und sind wieder da am 10. Juli. Mit der nächsten Folge von „Frau Doktor, übernehmen Sie!“ Wir wünschen euch auch einen super Start in den Sommer mit Freibad, Urlaub, Eis, was auch immer und freuen uns, wenn ihr im Juli wieder dabei seid.

SPRECHERINEin Podcast von gesundheit-hören.de. Und Apotheken Umschau Pro.

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