E-Health: Mitgestalten statt abgehängt werden
Shownotes
Wie digital arbeitest du schon? In dieser Folge ist Dr. Alexandra Widmer, Fachärztin für Neurologie und Psychotherapie zu Gast. Sie arbeitet mittlerweile auch selbstständig als Senior Medical Advisor, also als Beraterin für E-Health-Unternehmen und ist überzeugt: Ärztinnen (und Ärzte) müssen den digitalen Wandel mitgestalten, damit er in ihrem Sinne verläuft. Wo Digitalisierung helfen kann und wie es überhaupt kam, dass sie als promovierte Ärztin in der Unternehmenswelt landete, hört ihr in dieser Folge.
Auf Instagram und YouTube findet ihr unsere Gästin unter @docsdigital.
Im Podcast "Frau Doktor, übernehmen Sie!" erzählen Frauen aus der Medizinbranche, wie sie dort Karriere gemacht haben. Dazu spricht Julia Rotherbl, Chefredakteurin der "Apotheken Umschau", mit Frauen, die in Führungspositionen arbeiten, die Herausforderungen gemeistert haben oder an ihnen gescheitert sind. Es geht um Themen wie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Sexismus, männliche Netzwerke, mangelnde Vorbilder oder verschiedene Arbeitsmodelle. Das Ziel: Euch zu inspirieren und ermutigen, euren eigenen Weg zu finden.
Montags alle 14 Tage erscheint eine neue Folge. Habt Ihr Fragen, Anregungen oder Kritik? Dann schreibt uns gerne an redaktion@gesundheit-hoeren.de
Redaktion: Julia Rotherbl, Anja Kopf; Schnitt und Post-Produktion: Yves Seissler, Anja Kopf; Managing Editor Audio: Peter Glück
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Transkript anzeigen
DR. ALEXANDRA WIDMER
Ich rechne so spätestens in fünf Jahren wird das mit auch als Behandlungsfehler gelten, wenn wir nicht Technologien in die Diagnostik und Therapie, Behandlung mit hinzuziehen.
JULIA ROTHERBL
Diese Folge von „Frau Doktor, übernehmen Sie!“ dreht sich um ein Thema, über das wir tatsächlich noch nie gesprochen haben in diesem Podcast, nämlich um die digitalen Möglichkeiten in der Medizin. Meine Gästin ist Dr. Alexandra Widmer, Fachärztin für Neurologie und Psychotherapie und arbeitet mittlerweile selbstständig als Senior Medical Advisor als Beraterin für E-Health-Unternehmen. Warum wechselt eine Fachärztin für Neurologie und Psychotherapie in die freie Wirtschaft, ins Management großer E-Health-Unternehmen? Mein Name ist Julia Rotherbl, Ich bin Chefredakteurin der Apotheken Umschau, und Ich wünsche euch viel Spaß beim Zuhören.
SPRECHERIN
Frau Doktor, übernehmen Sie! Ein Podcast von gesundheit-hören.de und Apotheken Umschau Pro.
DAS POTENTIAL DER DIGITALISIERUNG
JULIA ROTHERBL
Hallo, Alexandra.
DR. ALEXANDRA WIDMER
Hallo. Vielen Dank für die Einladung. Vielen Dank, Julia.
JULIA ROTHERBL
Alexandra, Ich würde gerne gleich mit deinem Herzensthema einsteigen. Und zwar mit digitaler Medizin und würde dir gern eine wahrscheinlich sehr große Frage stellen, nämlich wie digitale Tools Frauen in der Medizin fördern können. Also für mich ist es so, dass allein durch dieses Homeoffice-Thema in der Corona-Pandemie zum Beispiel Vereinbarkeit viel leichter zu leben ist, weil ich jetzt an vielen Tagen diesen Arbeitsweg nicht habe, viel mehr zu Hause bin. Also mein Mann und ich witzeln immer, wie wir eigentlich unseren Alltag organisiert haben, bevor Homeoffice möglich war. Ist das zum Beispiel ein Punkt, Vereinbarkeit, die mit digitalen Tools auch für Ärztinnen leichter wird?
DR. ALEXANDRA WIDMER
Ja, garantiert. In Zukunft wird das vieles verändern. Diese Möglichkeit, auch telemedizinisch zu arbeiten und besonders für Frauen, die gerade im Beschäftigungsverbot sind oder aber in der Elternzeit sind, ergeben sich natürlich dadurch neue Optionen und Möglichkeiten. Aber - es kommt leider ein aber - es hängt auch vom Fach ab. Also wenn ich Chirurgie mache, bleibt es schwierig noch. Wenn ich hingegen in der Anästhesie arbeite und Aufklärung telemedizinisch mache oder auch Innere Medizin, da gibt es schon viele Möglichkeiten, wo man auch telemedizinisch arbeiten kann. Und man sollte trotzdem aufpassen, dass da nicht so ein Zweiklassensystem, Arzt-System entsteht. So nach dem Motto, die Männer machen das alles an der Front und kriegen die tollen Positionen und die Frauen werden dann in die Telemedizin oder ins Homeoffice verschoben. Da warne ich so ein wenig vor. Das muss ausgeglichen bleiben und sein und das dürfen wir aber auch aktiv mitgestalten.
JULIA ROTHERBL
Wann bist du denn persönlich mit Digital Health das erste Mal in Berührung gekommen?
DR. ALEXANDRA WIDMER
Das ist schon ziemlich lange her. Also das war ein kleiner Umweg dorthin. Ich habe 2014 ein privates Projekt gestaltet gehabt, ein ehrenamtliches Projekt für alleinerziehende Eltern in Deutschland. Das war digital - damals noch mit einem Blog - das war lange vor der Zeit vor Instagram und TikTok, das gab es noch alles gar nicht und habe im Rahmen dieses ehrenamtlichen Projektes sehr viele erste digitale Erfahrungen gesammelt, hatte damals auch schon einen Podcast und habe durch das Feedback und über die Millionen Leute, die mir damals da gefolgt sind, gesehen, „Wow, da ist ganz, ganz viel Potenzial drin, was wir auch noch in der Medizin nutzen werden“. Und das war der Umweg, wo ich dann letztendlich dann in einem ersten Unternehmen gelandet bin, wo Medizin, Psychotherapie und digitale Neuerung zusammen gestaltet worden sind. Und das war mein erster Kontakt, wo ich wusste, da steckt ganz viel Potenzial drin für die Patienten und Patientinnen, aber auch natürlich für die Ärztinnen und Ärzte in diesem teilweise maroden Gesundheitssystem, in dem wir noch gerade stecken.
JULIA ROTHERBL
Ist die Psychotherapie denn ein Feld, wo sich das besonders eignet? Also, ist ja eine sprechende Medizin. Genau. Also hat sich das auch so ergeben, weil du eben in diesem Feld deine ärztliche Expertise hast?
DR. ALEXANDRA WIDMER
Manch einer würde sagen, „Um Gottes willen, nein!“ Ja, das, wie kann man die Psychotherapie digitalisieren? Ein anderer sagt, „Oh ja!“. Da gibt es unterschiedliche Parteien und Positionen zu diesem Thema. Wenn wir uns so den klassischen Herrn Freud vorstellen, vor 150 Jahren, dann sagen alle, „Nein, Gott, nein, das geht nicht. Die Beziehung, die Arzt-Patienten-Beziehung ist der Faktor Nummer eins und das muss vis a vis stattfinden“. Ich würde das differenzierter sehen. Es kommt ganz darauf an, es gibt viele Möglichkeiten und viele therapeutische Ansätze, die wir sehr wohl digital abbilden können und auch sollten, weil wir einfach nicht genug Kapazitäten haben, um allen Menschen gerecht zu werden und ihn aber trotzdem frühzeitig Tools und Strategien zur Verfügung stellen sollten, die sie nutzen können. Und das ist alles sehr logisch und strukturiert durchdacht und das kann man auch digital abbilden.
DER WECHSEL VON DER KLINIK IN DIE E-HEALTH-WELT
JULIA ROTHERBL
Du hattest jetzt vorher in einer Antwort schon ein bisschen deinen Karriereweg angedeutet, in dem du gesagt hast, du hast dann quasi in das Management eines Unternehmens gewechselt. Du hast, nachdem du Fachärztin für Neurologie und Psychotherapie warst und auch praktisch dann in der Praxis gearbeitet hast, hast du dich entschieden, für zwei Unternehmen tätig zu sein. Wie kam es dazu und ist sie die Entscheidung schwergefallen - zumindest für eine Zeit lang - diese ärztliche Tätigkeit aufzugeben?
DR. ALEXANDRA WIDMER
Sagen wir mal so, mir blieb gar keine andere Wahl, diesen Weg zu gehen. Drei Jahre nach der Geburt meiner ersten Tochter kam es leider zu einer Trennung vom Vater, so dass ich mit meinen beiden Töchtern allein war zu dem damaligen Zeitpunkt und ich ganz schlicht und einfach in den Kliniken keine Anstellung als Oberärztin bekommen habe. Das war eine Zeit, wo ich extrem wütend und frustriert auf das ganze Gesundheitssystem war, weil ich kein Stück schlechter war als meine ganzen männlichen ärztlichen Kollegen, die Chefärztin und Oberärzte waren. Das hat mich sehr frustriert.
JULIA ROTHERBL
Darf ich dazu eine Nachfrage stellen?
DR. ALEXANDRA WIDMER
Ja, natürlich!
JULIA ROTHERBL
Bist du denn mit dem Fakt, dass du alleinerziehende Mutter bist, in den Vorstellungsgesprächen offen umgegangen? Also, war das tatsächlich eine Reaktion auf diesen Fakt?
DR. ALEXANDRA WIDMER
Es ist gar nicht so Vorstellungsgespräche bekommen, weil ich habe das offen so kommuniziert in den Bewerbungen und dann gab es gar keine Rückmeldung.
JULIA ROTHERBL
Okay. Krass.
DR. ALEXANDRA WIDMER
Also dieser Weg hat mich dann halt in die Privatambulanz geführt und ich bin dann, ja, mit diesem Frust im Hintergrund und zu wissen, ich kann gar nicht das so leben, was ich eigentlich machen wollte - Medizin - war auch ein Faktor, wo ich gesagt habe, „Okay, jetzt, finde ich digitale Themen so super spannend. Ich liebe Medizin, ich liebe Therapien. Jetzt habe ich die Chance dorthin zu gehen.“ Und bereue sie auch keinen Tag, weil sie mir eine ganz neue Welt eröffnet hat, die ich jetzt sehr zu schätzen weiß und bin dankbar über diesen Weg, ihn so gehen zu können und gegangen zu sein, ja.
JULIA ROTHERBL
Du bist dann aus dieser reinen Unternehmenstätigkeit wieder ausgeschieden, machst heute Hälfte-Hälfte.
DR. ALEXANDRA WIDMER
Ja.
JULIA ROTHERBL
Zur Hälfte arbeitest du als Oberärztin, zur Hälfte arbeitest du als selbstständige Beraterin. Wie viel Digitales erlebst du denn, wenn du als Oberärztin arbeitest?
DR. ALEXANDRA WIDMER
Wenig. Ganz wenig.
JULIA ROTHERBL
Okay.
DR. ALEXANDRA WIDMER
Ich glaube, das ist sehr unterschiedlich. Es gibt Kliniken in Deutschland, die sind schon sehr weit vorangeschritten, und die haben auch das Krankenhauszukunftsgesetz und die drohenden Strafzahlungen, die in den nächsten Jahren kommen, wenn sie nicht ein gewisses Level erreichen, schon sehr präsent und haben da viel Kapazitäten, viel Geld zur Verfügung und gehen da voran. Obwohl ich auch von Unikliniken weiß, zum Beispiel in großen Städten, die auch gar nicht digital sind. Also, das hängt nicht nur immer von Uni oder Nicht-Uni ab, sondern von den Leuten, die da in der Geschäftsführung oder in der Spitze sitzen und die schon sozusagen die Zeichen der Zeit erkannt haben und da auch die richtigen Impulse setzen und vorangehen. Aber ich selbst erlebe sehr wenig. Ich bringe selbst sehr viel ein für mich, mit meiner Arbeit, mit dem Patienten, in dem ich neue digitale Tools austeste mit dem Patienten und gucke, wie sie darauf reagieren und versuche da Innovation mit in meine Behandlung einfließen zu lassen.
JULIA ROTHERBL
Also ich stell mir so vor, dass diese „Digital Health“-Branche generell vor allem von Männern geprägt wird. Das ist ein falsches Bild in meinem Kopf? Man stellt sich so, IT, Tech und so, da denkt man immer noch an viele, viele Männer.
DR. ALEXANDRA WIDMER
Jain. Also, wenn ich Gästinnen und Gäste für mein Podcast „DocsDigital“ suche, finde ich natürlich immer schneller Männer - das stimmt, das fällt mir auch auf - als Frauen. Es gibt sie, aber deutlich noch weniger. Viele haben die Idee, dass es zu technisch ist, dass man dann irgendwie coden muss. Darum geht es aber gar nicht, sondern es geht darum, Technik und Technologien zu verstehen. Weil, ich rechne so spätestens in fünf Jahren wird es mit auch als Behandlungsfehler gelten, wenn wir nicht Technologien mit ein in die Diagnostik und die Therapie, Behandlungen mit hinzuziehen. Dann ist es einfach eine unterlassene Hilfeleistung an der jeweiligen Stelle, wenn wir das nicht im Blick haben. Und Ärztinnen und Ärzte wissen sehr wenig, welche Services und Dienstleistungen und Produkte es in der digitalen Welt gibt, die jetzt schon ihnen im Alltag helfen, aber natürlich auch den Patienten und Patienten helfen. Aber da ist noch eine riesige Wissenslücke. Also an Datenkompetenz und an technologischer Kompetenz in der Ärzteschaft, die noch gar nicht geschlossen ist. Und darüber will ich aufklären.
JULIA ROTHERBL
Ich würde gerne, nachdem wir ein Spiel gespielt haben, dass wir in diesem Podcast immer spielen, gerne noch auf deine private Situation eingehen. Wir hatten ja vorher schon kurz gesagt, dass du alleinerziehend bist. Du hast auch darüber sehr offen eine Zeit lang gesprochen, hattest einen Podcasts, einen Blog. Wie gesagt, nachdem wir das Spiel gespielt haben, für das ich jetzt die Anja dazuhole.
DR. ALEXANDRA WIDMER
Ja.
SPIEL „FRAU DOKTOR, VERVOLLSTÄNDIGEN SIE!“
ANJA KOPF
Ja und damit Hallo an euch beide!
DR. ALEXANDRA WIDMER
Hallo Anja.
ANJA KOPF
Hallo auch an alle Hörerinnen und Hörer. Ich bin für den Podcast hier die Redakteurin und ich habe für euch beide Satzanfänge mitgebracht. Der erste Satzanfang geht auch direkt an dich, Alexandra, und der lautet…
DR. ALEXANDRA WIDMER
Ich bin bereit!
ANJA KOPF
„Ohne Smartphone…“
DR. ALEXANDRA WIDMER
…funktioniert der Alltag kaum noch. Aber es tut uns nicht immer gut.
ANJA KOPF
Mhm. Ja, das ist auch meine Erfahrung, tatsächlich. Julia grinst auch schon?
JULIA ROTHERBL
Ja, also ohne Smartphone - geht gar nicht. Also ich hätte ja, würde schon alleine nicht wissen, was mein nächster Termin ist und so weiter und so fort. Also, ja.
ANJA KOPF
Aber was mich jetzt kurz mal interessieren würde, Alexandra, machst du? Weil ich mache das manchmal, so einen wirklich Digital-Detox-Tag und leg mein Smartphone einfach an die Seite, dass ich da gar nicht drauf schau. Machst du das manchmal auch? Funktioniert das?
DR. ALEXANDRA WIDMER
Dass ich den ganzen Tag gar nicht drauf gucke, das habe ich jetzt bislang so noch nicht gemacht. Aber wir haben hier zu Hause so die Regel, dass wir ab 18 Uhr, wenn es so zur Bettgehzeit ist, dass wir alle unsere Handys zur Seite legen und uns nur wirklich einander widmen. Aber ich muss mich auch wirklich stark disziplinieren. Meine Lösung ist teilweise, ich mache den Bildschirm dann so schwarz-weiß, dass es unattraktiv ist. Das kann man einstellen. Und ich habe wirklich nur die allernötigsten Apps auf dem Handy. Und da, das ist mein Versuch, das ein bisschen unter Kontrolle zu halten.
JULIA ROTHERBL
Mhm.
ANJA KOPF
Ja, cooler Tip mit dem schwarz-weiß. Das kannte ich noch nicht. Okay, Julia, du darfst den Satz vervollständigen, „Jeden Tag aufs Neue…“
JULIA ROTHERBL
Jeden Tag aufs Neue... Haha. Scheiße.
ANJA KOPF
Du darfst auch…
JULIA ROTHERBL
Jeden Tag aufs Neue, hat der Tag zu wenig Stunden. Ja.
DR. ALEXANDRA WIDMER
Das ist gut!
ANJA KOPF
Ich vollständige ja die Sätze auch immer so ein bisschen im Kopf und dachte Julia antwortet vielleicht „Jeden Tag aufs Neue mache ich mir eine Tasse Kaffee“.
JULIA ROTHERBL
Ja, das mach ich auch, aber...
ANJA KOPF
Das wäre naheliegend gewesen, aber das ist…
JULIA ROTHERBL
Das stimmt. Aber nicht nur eine.
ANJA KOPF
Ja. Alexandra, du bekommst, „Im Gespräch mit Ärztinnen, merke ich....“
DR. ALEXANDRA WIDMER
…dass wir noch viel selbstbewusster unsere Positionen vertreten dürfen.
JULIA ROTHERBL
Mhm.
ANJA KOPF
Magst du die Positionen noch mal ein bisschen konkretisieren?
DR. ALEXANDRA WIDMER
Ja, das sind viele verschiedene Positionen, also angefangen von der beruflichen Weiterentwicklung, also, was die Karriere anbetrifft. Nicht davon auszugehen, nur weil man schwanger ist, dass man seinen Arbeitsplatz verliert, sondern frühzeitig zum Beispiel mit der Klinikleitung und dem Chef zu besprechen, wie kann ein Einstieg wieder funktionieren? Ich bin damals davon ausgegangen „Ja, ich kriege Kinder und dann war es das.“ Also das finde ich wichtig. Und was ich ganz, ganz wichtig finde, wenn zunehmend Mentoring stattfindet, das hatte ich damals gar nicht. Und auch sehr gezielt in Gespräche mit Vorgesetzten reingehen und sich vorbereiten und auch bestimmte Dinge verlangen. Wir können das. Genauso wie die männlichen Kollegen.
ANJA KOPF
Mhm. Danke. Danke für die sehr ausführliche und sehr bildliche Konkretisierung! Cool. Ja, Julia. „Den größten Vorteil der Digitalisierung sehe ich...“
JULIA ROTHERBL
Also für mich persönlich sehe ich das tatsächlich momentan in der Telearbeit, wie ich vorher schon gesagt hab, also ich weiß nicht wie, wie wir das als Familie gestemmt haben, als ich quasi noch 45 Minuten Arbeitsweg hin, 45 Minuten Arbeitsweg nach Hause und jeden Tag von 9 bis 18 Uhr im Büro. Das ist für mich persönlich und für unsere Familie ein wahnsinniger Vorteil.
ANJA KOPF
Wobei du ja schon erzählt hast in einem anderen Podcast, inzwischen hast du die 45 Minuten ja so hingehend als Nutzzeit umgewidmet, um entweder unsere Podcasts zu hören oder Telefonate zu führen!
JULIA ROTHERBL
Jaja, also wann… Genau. Also die, die Autofahrten, die kann man natürlich auch nutzen, aber ich schaff's auch mal vor der Arbeit noch irgendwas einzukaufen. Lauter so Dinge.
ANJA KOPF
Ja.
JULIA ROTHERBL
Ich kann in der Mittagspause den Termin bei der Lehrerin wahrnehmen, weil ich vor Ort bin. Solche Sachen. Also das war halt vorher alles mit einer riesigen Orga verbunden. Und dann, genau.
ANJA KOPF
Ja.
JULIA ROTHERBL
Ja.
ANJA KOPF
Ich will das auch gar nicht kleinreden. Ich glaube, anderthalb Stunden Arbeitsweg am Tag ist auch, wenn man da mal ein Telefonat führen kann, das einfach irgendwie zu viel tote Zeit.
JULIA ROTHERBL
Ja.
ANJA KOPF
Ja, voll. Dann, Alexandra, für dich der letzte Satz, „In meinem beruflichen Umfeld fehlt es an…“
DR. ALEXANDRA WIDMER
Aufklärung. Das war der erste Gedanke.
JULIA ROTHERBL
Mhm. Aufklärung zu digitaler Medizin?
DR. ALEXANDRA WIDMER
Sowohl in die Richtung der Ärztinnen und Ärzte und Pflegekräfte, also die, die wirklich an den Patienten dran sind. Aber auch in Richtung der ganzen Startups und Entwickler in dem IT-Sektor, in diesen ganzen Technologien, die wiederum zu wenig Verständnis haben für die auf der anderen Seite. Also sowohl als auch. Und ich wünschte mir mehr Formate, wo mehr Austausch ist, um wirklich - und wir müssen uns immer wieder überlegen, warum machen wir das alles? Was ist eigentlich das „Warum“ hinter allem? Ich habe gerade erst gestern eine Studie gelesen dazu, dass jede Behandlungsminute, die ein Arzt mehr Zeit für seinen Patienten hat, die Wahrscheinlichkeit einer Wiederaufnahme in eine Klinik oder eine Verschlechterung der Erkrankung reduziert. Wenn mehr Aufmerksamkeit und Zeit da ist. Und da sollten wir unbedingt dranbleiben. Mhm.
ANJA KOPF
Gut. Ja, genau um um das Thema Aufklärung möchte ich fast sagen, soll es vielleicht sogar jetzt in der zweiten Hälfte gehen, aber in einem etwas anderen Bereich. Ich versuche eine gute Überleitung zu schaffen! Und möchte dieses, dieses Spiel beenden und wünsche dann noch viel Spaß und sag Vielen Dank.
JULIA ROTHERBL
Danke Anja.
DR. ALEXANDRA WIDMER
Danke, Anja.
ALLEINERZIEHEND ALS ÄRZTIN
JULIA ROTHERBL
Alexandra, du hast jetzt gesagt, „Ich dachte, ich kriege Kinder. Und das war's dann.“ Also du hattest für dich quasi im Kopf, dass wenn man als Ärztin Kinder kriegt, dass die Karriere erst mal auf Eis liegt, habe ich das richtig interpretiert?
DR. ALEXANDRA WIDMER
Ja, also, das war damals so mein Glaube. Aber ein großer Fehler war, dass ich - also, grundsätzlich ein Fehler - wenn ich jetzt noch mal mein 20-jähriges Ich, mit dem sprechen könnte, dann würde ich ihr raten, sich über diesen Tag des Kinderkriegens noch mal Gedanken zu machen, wie es denn dann weitergeht. Ich habe das nicht getan. Es war sehr blauäugig, würde ich rückblickend sagen. Sondern mir zu überlegen, wie kann ich Medizin mit Kindern und Familie überhaupt vereinbaren? Als ich angefangen habe zu studieren, war das überhaupt kein Gedanke vor mir, wie ich das unter einem Hut bekomme.
JULIA ROTHERBL
Bei dir kam noch hinzu, du bist Mutter geworden und quasi warst dann auch alleinerziehend. Mit welchem Arbeitszeitmodell bist du denn in den Bewerbungen an den Start gegangen? Also, was hättest du irgendwie hinbekommen in der Klinik?
DR. ALEXANDRA WIDMER
Ich hätte so ganz klassisch von 8 bis 15 Uhr hätte ich machen können am Anfang. Und es war sogar so, dass ganz zu Beginn - das habe ich auch in meinen Büchern beschrieben - ich habe eine Zeit habe ich noch 30 Stunden in der Praxis gearbeitet und nach knappen acht Monaten war ich so fertig, dass ich auf 8 Stunden, äh auf 20 Stunden runtergegangen bin. Ich hatte damals wirklich sehr, sehr wenig Geld, ich konnte mir, das kann man sich ja mal gar nicht vorstellen, aber wir wohnen in Hamburg und ich konnte mir damals wirklich die Miete dieser Wohnung ja nicht mal leisten. Und alle sagten „Wieso, du bist doch Ärztin, du musst doch genug Geld haben?“ Ich sage“ Nein, habe ich nicht.“ Sprich, ich habe dann jahrelang mit, also jahrelang, wir haben drei Jahre lang oder vier Jahre lang mit Studentinnen zusammengelebt hier, bis ich dann wieder genug Kapazitäten hatte und meine Töchter größer waren, dass ich wieder auf mehr Stunden hochgegangen bin. Aber ich habe eine ganze Zeit lang wirklich 20 Stunden nur gearbeitet.
JULIA ROTHERBL
Was hast du denn generell für Tipps für Frauen in einer ähnlichen Position wie du damals? Wie hast du das dann mit den Kindern gut für dich organisiert?
DR. ALEXANDRA WIDMER
Ich habe den Vorteil, jetzt hier in Hamburg direkt zu wohnen und hier ist die Versorgung bezüglich Kitaplätze und auch Betreuung nach der Schule sehr gut gewesen. Das habe ich maximal in Anspruch genommen. So, wenn man auf dem Land lebt, muss man eigentlich in die Stadt ziehen und dahin ziehen, wo die Kinderbetreuung wirklich gegeben ist. Es geht nicht anders, außer man hat ein familiäres, dichtes Umfeld und ein Backup mit Großeltern oder so was, was ich nicht hatte. Ich hatte hier gar keine Familie. Also das klingt so blöd und so abgedroschen, aber den Mund aufmachen und Hilfe holen und das auch anzeigen und sich dann auch ein Ort suchen, wo es diese Hilfe gibt.
JULIA ROTHERBL
Okay.
DR. ALEXANDRA WIDMER
Ja.
JULIA ROTHERBL
Okay. Glaubst du denn tatsächlich, dass, dass es auch darum ging, dass du alleinerziehend warst? Oder ist es eine Erfahrung - jetzt bezüglich dieser Klinikbewerbungen - die auch einfach Ärztinnen machen, die zwei kleine Kinder haben, egal ob mit Partner oder ohne?
DR. ALEXANDRA WIDMER
Ich glaube auch mit Partner machst du die Erfahrung. Aber ich glaube, das verschärft das alles noch mal, dann ist auch der Gedanke, „Wenn das Kind krank ist, dann fällt die uns sicher in den Diensten aus oder hat da niemanden im Backup“. Also sagen wir mal so, ich habe selbst sehr, sehr viele Menschen eingestellt. Ich habe sehr gerne Alleinerziehende eingestellt und ich habe die Erfahrung gemacht, dass waren immer die zuverlässigsten von allen, die alles natürlich immer möglich gemacht haben. Gerade um diesem Klischee nicht zu entsprechen, muss man ganz ehrlich sagen. Ich glaube, es gibt es sowohl als auch. Es gibt da wirklich sehr Aufgeklärte, die unterstützend sind und andere, die nicht. Und ich muss sagen, in dieser Firma, in diesen „Digital Health“- Unternehmen, wo ich gearbeitet habe, waren die meisten Führungspositionen von Frauen besetzt und die waren alle alleinerziehend.
JULIA ROTHERBL
Okay!
DR. ALEXANDRA WIDMER
Also das war wirklich sehr fortschrittlich.
JULIA ROTHERBL
Okay, das hätte ich jetzt gar nicht gedacht, dass man quasi dann in der Unternehmensstruktur tatsächlich viele, viele alleinerziehende Frauen als Chefs, das finde ich jetzt total spannend!
DR. ALEXANDRA WIDMER
Das hängt von der Kultur der Geschäftsführung. Ja aber doch, das gab es, und ich weiß jetzt nicht, wie es jetzt dort ist. Aber doch, das ist möglich.
JULIA ROTHERBL
Alexandra, ich würde dir gern noch eine abschließende Frage stellen, und zwar, du hast ja jetzt auch quasi von den finanziellen Nöten teilweise berichtet und wie schwer das auch war, mit den Kindern das zu organisieren. Du hast trotz dieser Erfahrungen ja irgendwann den Schritt in die Selbstständigkeit sogar gewagt. Wo man ja mit finanziellen Risiken vielleicht auch noch mal anders zu tun hat, als wenn man angestellt ist. Warum hast du dich dafür entschieden? Und was macht selbstständig arbeiten für dich aus? Was sind die Vorteile?
DR. ALEXANDRA WIDMER
Ja, dieses Thema damals ist, es ist über zehn Jahre her. Die Kinder waren klein und in dieser ganzen Zeit war ich angestellt. Das ist ganz wichtig. Damals wäre ich nicht in die Selbstständigkeit gegangen. Ich habe manchmal Vorträge gehalten, aber das habe ich nur nebenberuflich gemacht. Hauptsächlich war ich angestellt, jetzt seit ungefähr einem Jahr, erleben wir ein Wechselmodell, das mir sehr viel Freiraum ermöglicht. Meine Kinder sind jetzt in der Pubertät, die machen schon viel allein. Das ist eine ganz andere Ausgangssituation. Und meine Selbstständigkeit lebe ich jetzt in meiner Woche aus, in Anführungsstriche, und kann ich umsetzen, wenn meine Kinder gar nicht bei mir sind. Das ermöglicht mir die Zeit zu reisen und mich auf Projekte vorzubereiten und tief einzulassen. Und das ist eine gute Kombination. Insofern hat sich das Lebensmodell deutlich geändert und ermöglicht auch diesen Raum für diese Selbstständigkeit. Was hat mich dazu gebracht? Ich, ich kann nicht nur mehr an den Patienten arbeiten, weil ich zu viel andere Dinge erlebt habe. Und ich sehe, wenn wir Ärztinnen und Ärzte uns nicht einmischen, wie die Digitalisierung in der Medizin weiterentwickelt wird, es nicht in unserem Sinne geschieht. Ich mag auch das System im Großen mit verändern und Impulse geben in eine gute Richtung. Also ich möchte mitgestalten, das kann ich, ich kann das am Patienten alleine auch tun. Aber nicht nur, sondern ich möchte es auch im Großen tun. Und deswegen habe ich mich dafür entschieden, Halb-Halb zu machen. Und das ist für mich die perfekte Kombination. Also es erfüllt mich sehr, so zu arbeiten.
JULIA ROTHERBL
Das heißt, du wirst der Medizin auf lange Sicht auch als Ärztin treu bleiben? Oder kannst du dir vorstellen, dass du vielleicht irgendwann nur noch in, also „nur“ - in Anführungszeichen - beratende Tätigkeit machst?
DR. ALEXANDRA WIDMER
Ich kann es dir noch nicht sagen. Also ich bin offen und ich bin gespannt, wie sich das weiterentwickelt. Da ist sehr viel Potenzial, auch noch für andere Ärztinnen und Ärztinnen und Ärzte. Dazu möchte ich natürlich ermuntern, dass wir uns mehr einmischen dürfen, mitgestalten sollen. Da liegen viele neue Möglichkeiten, da ist einfach noch viel Raum, um selbst Ideen einzubringen und die Medizin mitzugestalten. Und insofern, es bleibt spannend!
JULIA ROTHERBL
Es bleibt spannend. Und vielleicht fühlt sich die eine oder andere Zuhörerin, der ein oder andere Zuhörer ja jetzt angesprochen und motiviert. Und ich sage Danke, Alexandra, dass du unsere Gästin warst!
DR. ALEXANDRA WIDMER
Ja, vielen, vielen Dank.
JULIA ROTHERBL
Danke, dass du hier warst.
DR. ALEXANDRA WIDMER
Danke, Julia.
BIS ZUM NÄCHSTEN MAL
JULIA ROTHERBL
Wer sich mit dem Thema Digitalisierung beschäftigt kommt aktuell um ChatGPT nicht herum. Wenn ihr euch dafür interessiert, wie sich ChatGPT auf den Klinikalltag auswirken könnte, dann lege ich euch zwei Folgen unseres Podcasts „‘Ne Dosis Wissen“ ans Herz. Nämlich die Folgen vom 06. und 07. März. Wie auch „Frau Doktor, übernehmen Sie!“ ist „‘Ne Dosis Wissen“ überall dort zu hören, wo es Podcasts gibt. Dieser Podcast, den ihr gerade gehört habt, erscheint alle 14 Tage neu, immer montags.
SPRECHERIN
Ein Podcast von gesundheit-hören.de und Apotheken Umschau Pro.
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