Von Betondecken und einem Hoffnungsschimmer
Shownotes
Warum kommen Frauen nicht oben an? Diese Frage stellt sich nicht nur in diesem Podcast, sondern diese Frage hat auch die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) ihren Mitgliedern gestellt. Über die Ergebnisse dieser Befragung spricht Host Julia Rotherbl mit Professorin Dr. Christine Klein, die die Befragung mit initiiert hat. Sie ist Direktorin des Instituts für Neurogenetik an der Uni Lübeck und am Uniklinikum Schleswig-Holstein und war ab 2019 die erste Präsidentin der Gesellschaft für Neurologie. Im Gespräch geht es nicht nur um die gläserne Decke, sondern - Achtung - auch um Betondecken. Welche das sind und warum es doch einen Hoffnungsschimmer gibt, erfährt ihr in dieser Folge.
Zu den Ergebnissen der Mitgliederbefragung: https://idw-online.de/de/news804135
Im Podcast "Frau Doktor, übernehmen Sie!" erzählen Frauen aus der Medizinbranche, wie sie dort Karriere gemacht haben. Dazu spricht Julia Rotherbl, Chefredakteurin der "Apotheken Umschau", mit Frauen, die in Führungspositionen arbeiten, die Herausforderungen gemeistert haben oder an ihnen gescheitert sind. Es geht um Themen wie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Sexismus, männliche Netzwerke, mangelnde Vorbilder oder verschiedene Arbeitsmodelle. Das Ziel: Euch zu inspirieren und ermutigen, euren eigenen Weg zu finden.
Montags alle 14 Tage erscheint eine neue Folge. Habt Ihr Fragen, Anregungen oder Kritik? Dann schreibt uns gerne an redaktion@gesundheit-hoeren.de
Redaktion: Julia Rotherbl, Anja Kopf; Schnitt und Post-Produktion: Yves Seissler, Anja Kopf; Managing Editor Audio: Peter Glück
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Transkript anzeigen
CHRISTINE KLEIN
Also, die gläserne Decke, die, wenn es sie gibt, dann sollte man sie durchstoßen. Manchmal aber hat man es auch mit Betondecken zu tun. Und ich bin immer sehr dafür, sich auf die Dinge zu konzentrieren, die man ändern kann, wo man wirklich mit einem hohen Wirkgrad was Schönes und was Gutes bewirken kann.
JULIA ROTHERBL
Warum kommen Frauen nicht oben an? Diese Frage stellt sich nicht nur in jeder Folge dieses Podcasts, sondern diese Frage hat auch die Deutsche Gesellschaft für Neurologie ihren Mitgliedern gestellt in einer Befragung, initiiert von der Arbeitsgruppe Gender Equality. Über die Ergebnisse dieser Mitgliederbefragung will ich mit unserer heutigen Gästin sprechen. Es ist Professorin Dr. Christine Klein. Sie ist Direktorin des Instituts für Neurogenetik an der Uni Lübeck und am Uniklinikum Schleswig-Holstein. Und sie war von 2019 bis 2021 die erste Präsidentin der Gesellschaft für Neurologie. Ich freue mich auf ein spannendes Gespräch, in dem es nicht nur um die gläserne Decke geht, sondern - Achtung - auch um Betondecken. Ich bin Julia Rotherbl, Chefredakteurin der Apotheken Umschau. Und ich wünsche euch ganz viel Spaß beim Zuhören.
SPRECHERIN
Frau Doktor, übernehmen Sie! Ein Podcast von gesundheit-hören.de und Apotheken Umschau Pro.
JULIA ROTHERBL
Hallo, Christine. Schön, dass du heute meine Gästin bist.
CHRISTINE KLEIN
Ja, Hallo, Julia. Ich freue mich sehr, hier zu sein. Und ich begrüße natürlich auch alle Zuhörer, Zuhörerinnen, die heute mit dabei sind. Vielen Dank!
SPIEL - FRAU DOKTOR, VERVOLLSTÄNDIGEN SIE
JULIA ROTHERBL
Genau. Wir freuen uns über jeden, der zuhört. Und Christine, wir fangen diesen Podcast mit einem kleinen Spiel an
CHRISTINE KLEIN
Ja.
JULIA ROTHERBL
Dazu kommt unsere Redakteurin Anja dazu. Hallo Anja und erklärt uns kurz, wie‘s geht.
ANJA KOPF
Genau. Hallo ihr beiden! Ja, es ist schön, dass ich hier gleich am Anfang mit dabei sein darf. Dieses Spiel - alle, die das schon… den Podcast schon öfter gehört haben, die kennen es vielleicht. Ich bringe immer Satzanfänge mit, die ihr vervollständigen dürft. Und ich muss jetzt noch mal kurz ein bisschen ausholen, weil wir haben echt ganz lange gesucht, wie wir dieses Spiel nennen können. Und unser Tonmann, der die Aufnahme mitbegleitet, hatte neulich einen Geistesblitz und der meinte „Warum nennen wir das Spiel nicht einfach ‚Frau Doktor, vervollständigen Sie!‘“
JULIA ROTHERBL
Sehr gut.
ANJA KOPF
Genau, so, so, deswegen… Das erklärt auch gleich das ganze Spiel. Ihr kriegt abwechselnd Satzanfänge vorgelesen und dürft da spontan drauf antworten. Ich würde sagen, unsere Gäste darf damit gleich anfangen. Christine, du. Der Satz wäre „Ich hätte niemals gedacht, dass…“
CHRISTINE KLEIN
… es ist ein Krieg mitten in Europa gibt. Das hat nichts mit unserem direkten Thema zu tun, aber das ist das, was mich mit am meisten im Moment beschäftigt.
JULIA ROTHERBL
Okay.
CHRISTINE KLEIN
Und Krieg sollte es nirgendwo geben. Auch nicht außerhalb Europas.
ANJA KOPF
Und ich finde, das ist definitiv auch ein persönliches Thema, irgendwo, ein politisches Thema, was wir in diesem Podcast auch gerne ansprechen dürfen. Ja, ja, ja, ja. Jetzt ist es, glaube ich, ein bisschen schwierig, den Bogen auch zu schlagen.
CHRISTINE KLEIN
Ich kann auch gerne noch was anderes sagen. Natürlich fallen einem da viele Dinge ein.
ANJA KOPF
Nö, nö. Also ich finde in diesem Podcast ist es irgendwie wichtig oder bei dem Spiel ist es ja auch wichtig, spontan zu antworten. Und wenn das deine Antwort ist, ist das deine Antwort.
JULIA ROTHERBL
Ja, finde ich auch.
ANJA KOPF
Das ist absolut legitim und ich glaube, das können viele, die hier auch zuhören, unterschreiben, dass das etwas ist, was sich keiner wirklich wünscht, aber das wahrscheinlich auch niemand erwartet hätte.
CHRISTINE KLEIN
Genau.
ANJA KOPF
Äh, ich schlage einfach trotzdem den Bogen. Julia, für dich der Satzanfang „Podcasten bringt mir…“
JULIA ROTHERBL
… ganz viel Spaß. Und tatsächlich ganz viel Learnings. Also für mich als Printjournalistin, ich musste mich da ein bisschen reinfuchsen in die Podcastwelt, aber ich glaube, ich bin jetzt ganz gut reingefuchst, oder Anja?
ANJA KOPF
Ja, ich würde auch sagen, wir haben uns da alle irgendwie als Team ganz gut reingefuchst und wir haben jetzt sogar schon einen Namen für dieses Spiel. Das ist total toll. Christine, für dich der nächste Satz „Mein größtes Talent ist…“
CHRISTINE KLEIN
… optimistisch in die Zukunft zu schauen.
ANJA KOPF
Wie bewahrst du dir deinen Optimismus, würde ich gerne auch noch fragen.
CHRISTINE KLEIN
Ja, gerne. Also, genau, das soll natürlich nicht verstanden werden als Naivität. Und es gibt ja ganz, ganz viele schlimme Dinge, die wir nicht ändern können und die uns trotzdem betreffen. Aber sozusagen aus den Situationen jeweils das möglichst Beste zu machen und vielleicht doch einen positiven Aspekt zu sehen und denen… auf den dann aufzubauen, das ist etwas, was mir viel Freude bereitet. Und das schafft man immer dann besonders gut, wenn man von Menschen umgeben ist, die einem dabei helfen, dieses Positive zu sehen und dieses Positive dann auch zu leben und weiter zu gestalten.
ANJA KOPF
Ja, ja.
JULIA ROTHERBL
Optimismus ist auch finde ich wichtig, wenn man sich mit dem Thema Parität auseinandersetzt. Wir bleiben immer Optimist. Irgendwann erreichen wir sie.
CHRISTINE KLEIN
Ja.
ANJA KOPF
Julia …
JULIA ROTHERBL
Ja.
ANJA KOPF
… du bekommst den Satz „Ich kann nicht mehr hören, dass…“
JULIA ROTHERBL
Also ein Wort, das ich überhaupt nicht mag, ist Work-Life-Balance…
CHRISTINE KLEIN
Ah, das wollte ich auch gerade sagen.
JULIA ROTHERBL
Wobei ich mittlerweile feststellen muss, dass ich da, glaube ich, tatsächlich einer Generation angehöre… Ja, also ich bin, glaube ich… gehöre einer aussterbenden Spezies an. Also, ich glaube, Work-Life-Balance ist für die jüngere Generation sehr, sehr wichtig. Ich für mich, ich sehe das anders. Also ich finde, meine Arbeit und mein Leben gehören irgendwie zusammen und ich fänd es extrem schade, wenn ich das so trennen müsste, weil es für mich irgendwie bedeuten würde, dass mir die Arbeit nicht so wirklich Spaß macht und ich sagen würde „Das ist ein Teil, der gehört nicht zu mir, nicht zu dem, was Spaß für mich bedeutet.“ Und deswegen möchte ich die Trennung für mich nicht aufmachen.
ANJA KOPF
Ich würde auch da noch mal anfügen, Christine, du hast gesagt, du willst es… würdest das Wort auch sagen. Hast du da die gleiche…
CHRISTINE KLEIN
Ich hatte genauso geantwortet. Ganz exakt genau so. Ja, das ist sehr lustig, ja. Ja, mit dem selben Argument tatsächlich. Also für mich ist das keine Dichotomie. Das finde ich also sehr, sehr traurig. Also es ist ja wirklich so, dass wenn man es wirklich literally sozusagen versteht, dann bedeutet‘s ja, dass Arbeit kein richtiges Leben ist und umgekehrt, dass man an der Arbeit nicht… Also das hat mir nicht eingeleuchtet.
ANJA KOPF
Ja, ja, aber ich glaube, da muss man vielleicht auch einfach über die Definition des Begriffs auch ein bisschen reden. Also ich glaube, dass das von vielen Leuten auch sehr auf die Spitze getrieben wird, mit, dass Leben und Arbeiten zwei sehr unterschiedliche Dinge sind. Das darf es nicht sein. Ich glaube, da geht es schon auch einfach darum, um die Leute, die sich, weil sie die Arbeit so hoch priorisieren, einfach auch in den Burnout arbeiten und dann auch den Spaß tatsächlich verlieren an der Arbeit.
CHRISTINE KLEIN
Natürlich, natürlich.
ANJA KOPF
Aber auch da möchte ich gar nicht so sehr vorgreifen, weil das auch Thema hoffentlich wird jetzt in eurem Gespräch - das Arbeiten - und hätte noch einen allerletzten Satzteil für dich, Christine. Die da wäre…
CHRISTINE KLEIN
Ja, bin gespannt…
ANJA KOPF
… die gläserne Decke
CHRISTINE KLEIN
Ja, die gläserne Decke. Also die gläserne Decke, die, wenn es sie gibt, dann sollte man sie durchstoßen. Und dafür gibt es bestimmt auch viele verschiedene kreative Wege. Manchmal aber hat man es auch mit Betondecken zu tun. Nämlich mit Gegebenheiten, die wir nicht ändern können. Und ich bin immer sehr dafür, sich auf die Dinge zu konzentrieren, die man ändern kann. Manchmal gehört vielleicht auch dazu, eine Betondecke zu einer gläsernen zu machen. Das will ich nicht ausschließen. Aber manchmal ist es auch ganz gut, wenn man ein paar Gegebenheiten hinnimmt und einfach dann sich auf das konzentriert, wo man wirklich mit einem hohen Wirkgrad was, was Schönes und was Gutes bewirken kann.
ANJA KOPF
Ja.
JULIA ROTHERBL
Genau, die gläserne Decke, das ist jetzt auch eine sehr gute Überleitung zu unserem Gespräch. Genau. Wir wollen nämlich unter anderem über eine Umfrage sprechen, die du mitinitiiert hast, Christine, und die sich damit beschäftigt, warum Frauen manchmal diese gläserne Decke eben nicht durchstoßen.
CHRISTINE KLEIN
Gerne.
ANJA KOPF
Genau. Und deswegen sage ich jetzt auch schon gleich „Auf Wiedersehen“ und danke fürs Mitspielen. Ich bin gespannt, Christine, wie du aus Betondecken gläserne Decke machen würdest.
WIESO KOMMEN FRAUEN NICHT OBEN AN? ERGEBNISSE EINER MITGLIEDERBEFRAGUNG
JULIA ROTHERBL
Christine, ich habe schon eben angedeutet, dass wir uns unter anderem mit einer Umfrage auseinandersetzen. Diese Umfrage ist entstanden in der AG Gender Equality der Deutschen Gesellschaft für Neurologie.
CHRISTINE KLEIN
Genau.
JULIA ROTHERBL
Du leitest diese Arbeitsgruppe und ich würde von dir zunächst gerne mal wissen, wie es denn überhaupt zu dieser Arbeitsgruppe kam.
CHRISTINE KLEIN
Ja, also zu dieser Arbeitsgruppe kam es im Grunde genommen so ähnlich, wie ich überhaupt zu dieser Präsidentschaft kam, wenn ich da sozusagen ein bisschen weiter ausholen darf. Ich hatte überhaupt nicht mit der Möglichkeit gerechnet, DGN-Präsidentin werden zu können oder auch zu wollen, vielleicht. Und dann kam man aber auf mich zu, genau auch mit eben dieser Frage, wäre ich nicht bereit, das zu machen. Und dann natürlich auch tatsächlich „Mensch, wir brauchen dringend jetzt endlich mal eine Frau. Wir haben jetzt hier… diese Gesellschaft ist ja so alt, wir hatten noch nie eine. Kannst du das nicht mal machen?“ Meine erste Antwort, wie man häufig Antworten von Frauen bekommt, war nein. Es passte auch tatsächlich… Wie gesagt, ich hatte überhaupt… hatte ganz viele andere Ideen, die ich auch zunächst erstmal für besonders wichtig hielt. Dann hat man mir gesagt - wie es immer so kommt - es ist gar nicht so groß. Stimmt nie. Es ist dann doch groß. Natürlich war es dann irgendwie auch... sozusagen lag es nahe, dass dieses Thema natürlich jetzt dann von mir auch mal in besonderer Weise mit angegangen - sag ich jetzt einfach mal - wurde. Und das habe ich auch sehr gerne gemacht.
JULIA ROTHERBL
Du hast ja schon gerade angesprochen, du warst die erste Frau an der Spitze dieser Fachgesellschaft. Hat man damit gerechnet oder wollte man auch, dass dieses Thema damit auf den Tisch kommt oder…
CHRISTINE KLEIN
Ja. Ja, ja, ja. Absolut. Das war so gewollt und gewünscht. Wissen wir ja alle. Das ist ein riesengroßes Thema für uns. Und wenn man es jetzt nur mal ganz nüchtern betrachtet, von einer sehr utilitaristischen Seite, dass wir einfach viel zu wenig Arbeitskräfte haben, natürlich auch in diesem Bereich. Wir müssen ja einfach was für die Frauen tun, um die natürlich in den Beruf zu bekommen, zu halten. Also auch im Interesse derer, die nicht unbedingt Frauenförderung als alleroberstes auf ihre Fahne geschrieben haben. Also da ko… da versammeln sich ganz viele Leute mit unterschiedlichen Interessen hinter diesem Ziel.
JULIA ROTHERBL
Genau, und ihr habt dann quasi nach einer Eigenrecherche, die unter anderem ergeben hat, dass von 252 Chefarztpositionen in kommunalen Krankenhäusern nur 20 von Frauen besetzt sind, habt ihr beschlossen, dass ihr eine Mitgliederbefragung zu dem Thema macht. Warum kommen Frauen nicht oben an? Und darauf zielt jetzt gerade so ein bisschen meine Frage, ob das überhaupt gewollt war. Leider war die Rücklaufquote bei dieser Mitgliederbefragung nicht so hoch, wie man es sich vielleicht erhofft hat.
CHRISTINE KLEIN
Genau.
JULIA ROTHERBL
Was glaubst du, warum nicht?
CHRISTINE KLEIN
Ja, da gibt es viele Gründe und ich finde das auch persönlich sehr schade. Wirklich sehr bedauernswert. Nicht so hoch heißt tatsächlich, es waren etwa fünf Prozent. Also wir haben mittlerweile über 11.000 Mitglieder, zu dem Zeitpunkt waren es über 10.000 und es haben etwa 500 mitgemacht. Und das ist natürlich schade, denn damit hat man mit Sicherheit irgendeine Art von Bias in den Antworten. Und man hat natürlich auch nicht die Chance, all die wichtigen und tollen Ideen überhaupt mit aufzugreifen, die all die anderen 95 Prozent der Mitglieder noch mit Sicherheit auch haben. Also, was anderes... Ich glaube nicht, dass die Umfrage jetzt unbedingt… Wir hatten uns sehr bemüht, dass sie nicht zu lang und zu umständlich wird. Also wir hatten‘s versucht, schmackhaft zu machen und auch technisch einfach zu lösen. Also ich würde einfach mal behaupten, daran kann es vielleicht eher nicht gelegen haben.
JULIA ROTHERBL
Es lag aber deiner Meinung jetzt auch nicht daran, dass das Thema für nicht brisant genug gehalten wird. Frauenförderung.
CHRISTINE KLEIN
Ja, das ist natürlich jetzt die Frage. Ich unterhalte mich ja immer mit diesen 5 Prozent und wir hatten jetzt auf der DGN auch eine sehr interessante, tolle Veranstaltung, mit der wir sehr viel diskutiert haben. Interessanterweise waren da, glaube ich, maximal zwei Männer und irgendwie 100 Frauen oder so. Also das ist zum Beispiel nach wie vor auch etwas, was natürlich schlecht ist, weil wir nicht wirklich ins gemeinsame Gespräch kommen. Und insofern kann ich die Frage gar nicht beantworten. Ich weiß, dass ich nicht mit allen spreche und ich befürchte, dass ich dadurch sehr, sehr wichtige Positionen verpasse. Möglicherweise auch DIE Position. Vielleicht sagt die Hälfte mir, es ist einfach egal. Das weiß ich aber nicht. Wird natürlich keiner sagen. Und der wird auch… Das sind auch ganz bestimmt nicht die Umfrage mitgemacht haben.
JULIA ROTHERBL
Was sind denn für dich die wichtigsten Ergebnisse, die sich daraus ergeben haben?
CHRISTINE KLEIN
Also ein paar Dinge, um jetzt noch mal was Positives über die Umfrage zu sagen, ist, wir hatten ein paar ganz gute Repräsentativitätsmerkmale auch dabei. Also, wir hatten… etwa der Karrierestufenverteilung hatten wir alles vertreten. Das ist ja sehr wichtig, weil wir ja gerade auch verstehen wollen, warum man oben eben nicht - Stichwort gläserne Decke - oben nicht ankommt. Dann kamen so paar Sachen, die sind wichtig, aber nicht überraschend. Also, dass zum Beispiel Frauen häufiger Teilzeitarbeit tun als Männer. Das ist nicht besonders überraschend. Ebenso wenig überraschend, aber natürlich wichtig, ist, dass auf der Chefebene sozusagen, sei es akademisch oder nicht- akademisch, dort Teilzeitarbeit wiederum besonders selten vorkommt. Also eigentlich, muss ich ganz ehrlich sagen, hat es das Bild mehr oder weniger hauptsächlich bestätigt, dass wir uns auch in der Gruppe vorher schon gemacht hatten.
JULIA ROTHERBL
Also das ist ja auch tatsächlich was, was viele Umfragen, Statistiken und auch jetzt zum Beispiel auch Gerpäche in diesem Podcast zeigen, dass diese Familiengründung und dann der Step in Teilzeit tatsächlich für viele Frauen dann der Karriereknick ist. Oder vielleicht sogar der Karrierekiller.
CHRISTINE KLEIN
Ja.
JULIA ROTHERBL
Ist es ne zu einfache Erklärung? Ich weiß nicht. Vielleicht ist es DIE Erklärung. Aber, was meinst du? Ist es tatsächlich so die einzige?
CHRISTINE KLEIN
Ich glaube nicht, dass es die einzige Erklärung ist. Aus mehreren Gründen. Und vielleicht noch mal einen Aspekt aus der Umfrage, der nicht unbedingt überraschend ist, aber auch nochmal wichtig zu nennen. Und das ist der, dass am Anfang der Karriere, danach haben wir natürlich auch gefragt, Frauen und Männer etwa ähnliche Karriereausblicke für sich sehen. Das ist, glaube ich, wichtig. Es geht nicht dort los, dass man sagt, dass die Frauen haben von vornherein nicht damit gerechnet, mal Oberärztin oder gar Chefärztin oder Kliniksdirektorin an einer Uniklinik zu werden. Das scheint nicht zu sein. Was ist es dann aber? Also erstens mal kenne ich auch viele weibliche Kolleginnen, die zum Beispiel keine Kinder haben. Es muss ja nicht jeder Kinder haben. Und umgekehrt gilt es natürlich auch für Männer. Es gibt Männer, die sich sehr engagieren, andere nicht. Das alles ist klar. Das wissen wir. Aber auch die Frauen, die keine Kinder haben, sind insgesamt schwieriger zu motivieren in meiner Erfahrung für bestimmte Aufgaben, als es Männer sind. Ich habe viel häufiger erlebt, dass ein Mann sagt „Ach ja, die Aufgabe, die mache ich“, ohne so richtig zu überlegen „Schaffe ich das eigentlich. Bin ich wirklich der Beste dafür?“ oder so. Bei Frauen „Ah, ich weiß nicht, und das passt jetzt gerade nicht. Und vielleicht könnte ich in zwei Jahren…“ Und dann kommt auch noch dazu, dass ich… häufiger tatsächlich auch so dieser letzte Kick, wo man dann doch noch mal beißen muss oder so, das machen manche Frauen, aber viele auch nicht.
JULIA ROTHERBL
Also Frauen trauen sich zu wenig zu deiner Meinung nach.
CHRISTINE KLEIN
Ja, genau, das ist das eine. Und das andere ist, manchmal können oder wollen sie halt nicht. Und natürlich ist das verständlich. Wenn man nun gerade zwei, drei kleine Kinder zu Hause hat. In der Regel - es gibt Ausnahmen, aber in der Regel, wenn man auch stillt und so, da gibt‘s einfach Momente, die sind eben so, dass… Dann sind einfach bestimmte Möglichkeiten zu bestimmten Zeiten dann einfach auch erst mal ungleich verteilt. Genauso wie am Ende in der Schwangerschaft. Da ist man einfach nicht ganz so schnell und so wendig wie ein Mann, der nicht schwanger, nicht im achten Monat schwanger ist. Also das sind einfach so Dinge, die muss man, glaube ich, auch mal beim Namen nennen.
EIN HOFFNUNGSSCHIMMER
JULIA ROTHERBL
Du hast ja selber nach der Geburt deines ersten Kindes in Teilzeit gearbeitet, beim zweiten dann nicht mehr.
CHRISTINE KLEIN
Genau.
JULIA ROTHERBL
Würdest du uns erzählen, warum du dich dann für ein anderes Modell entschieden hast?
CHRISTINE KLEIN
Ja, sehr gerne. Weil das erste Modell die absolute Mogelpackung war. Es gab noch gar keine Elternzeit. Das gab es noch nicht, die ist erst später eingeführt worden. Auf die Frage, ob ich das Kind in den Unikindergarten bringen könnte, kam die lapidare Antwort „Der ist nur für Krankenschwestern.“ Das heißt, da stand ich dann erst mal da mit einer nicht ganz so komfortablen Situation. Und dann war es also so, mein Chef, sehr verständnisvoll, sagte „Gut, machen wir so zwei Tage - das war großes Los - in die Poliklinik mit dieser Halbtagsstelle und dann den dritten Tag Forschung.“ Und natürlich haute das von vornherein nicht hin. Ich hatte eine Arbeitsgruppe schon zu dem Zeitpunkt mit sechs, sieben Mitgliedern, war für die verantwortlich, hatte drei größere Anträge, die ich zu bedienen hatte. Also, es klappte nicht. Mit anderen Worten, ich arbeitete wirklich locker fünf Tage die Woche.
JULIA ROTHERBL
Für weniger Geld.
CHRISTINE KLEIN
Genau, für die Hälfte des Geldes. Und dann habe ich gesagt beim zweiten Kind, nicht noch mal.
JULIA ROTHERBL
Okay.
CHRISTINE KLEIN
Genau.
JULIA ROTHERBL
Christine, ich würde noch gern was anderes übertragen auf deine eigene Karriere, nämlich Ja zu sagen. Du hast Ja gesagt, viele Frauen… Deine Erfahrung ist, viele Frauen trauen sich zu wenig zu. Du hattest jetzt schon die Präsidentschaft angesprochen. Wie hast du denn dann nach einem ersten Nein zu einem Ja gefunden?
CHRISTINE KLEIN
Ach, das war einfach so, ich hatte eine andere, sehr zeitintensive Beschäftigung, die dann aber aufhörte. Und das bekam derjenige, der mich das erste Mal versucht hatte anzuwerben, mit und sagte „Jetzt hast du keine Ausrede mehr, du hast doch jetzt Zeit“. Und da wusste ich dann nichts mehr zu sagen. Na ja, das ist natürlich nicht die ganze Wahrheit, sondern ich hatte mir inzwischen natürlich auch Gedanken gemacht und habe gedacht „Mensch, in der Tat ist das ja was, wo man vielleicht eine Rolle spielen kann oder zumindest ein Bausteinchen“. Also man soll das ja auch nicht überschätzen. Dann hatte ich mich auch gefragt, weil ich ja sehr forschungsintensiv arbeite, ob ich überhaupt so eine Fachgesellschaft in der Breite überhaupt so bereichern kann. Kann ich natürlich nicht. Aber dann habe ich mir gesagt „Mensch, letztlich kann das keiner“. Und insofern ist es vielleicht gut… Die Gesellschaft wird nicht zusammenbrechen, habe ich mir dann gesagt. Ich bin ja nur zwei Jahre Präsidentin, dann setze ich halt die und die und die Schwerpunkte in den zwei Jahren. Und ich war auch umstanden, muss man sagen, von zwei tollen… Es ist ja immer so eine Dreier…, also immer so ein Past-Präsidenten, ein aktiver Präsident und ein Präsident elect. Man ist also immer quasi umstanden von zwei Menschen mit mehr Erfahrung oder einer, der dann gerade noch lernt. Und das wusste ich auch vorher. Das war auch Teil der Entscheidung, dass ich dachte „Mensch, das kannst du wagen“.
JULIA ROTHERBL
Christine, wir hatten ja am Anfang das Thema Optimismus und ich würde gern damit auch aussteigen aus dieser Folge. Ihr habt eine Pressemitteilung veröffentlicht zu der vorgestellten Mitgliederbefragung.
CHRISTINE KLEIN
Ja.
JULIA ROTHERBL
Und dort ist auch von einem Hoffnungsschimmer die Rede.
CHRISTINE KLEIN
Ja.
JULIA ROTHERBL
Nämlich habt ihr euch die mittleren Positionen in der Neurologie angeguckt und dort ist die Zahl der dort tätigen Frauen von etwas über 30 Prozent im Jahr 2000 auf jetzt ungefähr die Hälfte angestiegen. Was würdest du sagen, hat sich dort in diesen 19 Jahren getan, dass es so gekommen ist?
CHRISTINE KLEIN
Ja, also, es ist tatsächlich so, dass zum einen ein großer kultureller Wandel stattgefunden hat. Also es ist völlig klar, dass Frauen das a) können und dass wir Frauen auch b) brauchen. So, fertig. Das ist das eine, das ist wirklich, wirklich durchgedrungen. Und das Zweite ist tatsächlich, dass viele praktische Dinge wirklich einfacher geworden sind. Muss man schon sagen. Also wenn ich jetzt so sehe, welche Modelle und mit wie viel jonglieren und mit wie viel Freiheit und auch mehr Geld und so, so die jungen Mitarbeiterinnen jetzt hier bedacht werden, das muss ich sagen, das ist schon einfach auch besser geworden und ist auch im internationalen Vergleich herausragend. Vielleicht an der Stelle noch mal was, was mich sehr umtreibt. Es gab neulich ein Ranking für die besten 1.000 Wissenschaftlerinnen der Welt. Frauen, speziell nur für Frauen. Ich bin tatsächlich dabei, sag ich jetzt mal so arrogant, allerdings auf Position 972 oder so was…
JULIA ROTHERBL
Trotzdem, herzlichen Glückwünsch!
CHRISTINE KLEIN
… Nicht sehr weit gekommen, aber immerhin. Ja, und jetzt kommt das Spannende. Von diesen Frauen, die da drin sind, sind ungefähr zwei Drittel, so 660 oder so, sind Amerikanerinnen. Danach das nächste Land, was die nächstmeisten stellt, sind die UK, also England mit ungefähr 80 oder so und das dritte Land ist Deutschland mit 40 Frauen. Das ist natürlich schön, dass wir auf Platz drei sind, können wir optimistisch sagen, prima. Auf der anderen Seite kann man auch sagen, Hm, jetzt ist das doch erstaunlich, dass in den USA irgendwie, selbst wenn man das jetzt mal an die Bevölkerung anpasst, irgendwie die mit dem Faktor fünf bis sieben, acht oder so, dazuzu… bei viel weniger Möglichkeiten eigentlich. Ich frage mich, was haben die Frauen… wieso haben die es da so viel besser und schaffen das so viel besser? Das würde ich gerne mal verstehen. Denn da muss es was geben, was auch für uns irgendwie passt oder wo wir was draus mitnehmen können. Genau.
JULIA ROTHERBL
Also es gibt natürlich dieses Elternzeitmodell in den USA nicht, muss man jetzt mal sagen. Was natürlich einerseits beklagenswert ist….
CHRISTINE KLEIN
Ja, würde ich auch so sagen.
JULIA ROTHERBL
Also es gibt nicht diesen automatischen… Bei uns ist es ja finde ich schon automatisierten Ausstieg erstmal… Wenn man ein Kind bekommt, geht man in Elternzeit. Das ist jetzt auch gar nichts, was ich verurteilen will. Um Gottes Willen. Aber, könnte vielleicht eine Erklärung sein, dass dieser Automatismus nicht gegeben ist.
CHRISTINE KLEIN
Genau, glaube ich auch. Und das andere ist. Ganz sicher die Kultur. Dass man sich insgesamt - und das ist egal ob man Mann oder Frau ist - dass man sich insgesamt erst mal mehr zutraut. Und auch dieses Zutrauen spürt. Hier ist wirklich eher gerade… Wie gesagt, auch von Frauen, aber auch von Männern, „Oh, ob das jetzt mal klappt. Und hier weiß ich nicht. Und da.“ Und das kommt wieder zu dem Optimismusthema. Das ist insgesamt… Da ist ja lange nicht alles Gold, was glänzt. Aber wenn man diese Zahlen sieht, da kommt man nicht drum rum, da muss man drüber nachdenken.
JULIA ROTHERBL
Also ein Hoffnungsschimmer ist ja schon auch, dass aus diesen mittleren Positionen jetzt in der Neurologie so ein Schub kommt, so, dass auch dann diese Frauen an die Spitze, also an die oberen Positionen drängen.
CHRISTINE KLEIN
Ich glaube, das wird auch gar nicht anders gehen. Ich glaube, das wird ein sehr natürlicher Prozess sein. Ich glaube sogar, es könnte sein, dass wir uns in zehn Jahren oder vielleicht in 20 Jahren mal darüber unterhalten, ob wir genug für die Männer tun. Das kann durchaus auch passieren. Und vielleicht noch mal ein Hoffnungsschimmer. Als ich anfing bei DGN, gab es eine Ordinaria. Jetzt gibt es vier. Also die richtig eine Klinik leiten. Kann man ja auch mal sagen, 400 Prozent. Ist natürlich immer noch nur 10 Prozent der Lehrstühle. Aber es tut sich was. Ich glaube, das darf man schon sagen.
JULIA ROTHERBL
Also, wir bleiben optimistisch und Christine, ich sag, vielen Dank, dass du unsere Gästin warst.
CHRISTINE KLEIN
Herzlichen Dank für die Einladung und herzliche Grüße an alle, die zugehört haben.
VERABSCHIEDUNG
JULIA ROTHERBL
Wenn ihr nicht nur diesen Podcast gerne anhört, sondern generell Podcast-Fans seid, dann schaut doch mal bei uns vorbei auf gesundheit-hören.de. Hier gibt es noch viele weitere Podcasts der Apotheken Umschau. Vielleicht ist der eine oder andere dabei, den ihr für euch entdeckt. Wir würden uns freuen. „Frau Doktor, übernehmen Sie!“ erscheint alle 14 Tage neu, immer montags.
SPRECHERIN
Frau Doktor, übernehmen Sie! Ein Podcast von gesundheit-hören.de und Apotheken Umschau Pro.
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