"Ist es das wert oder mache ich mich kaputt?"
Shownotes
Besonders dick ist die gläserne Decke für Medizinerinnen in der Chirurgie. Das ist eine Erkenntnis, die wir im Laufe der über 30 Folgen von "Frau Doktor, übernehmen Sie!" mitgenommen haben. Auch in dieser Folge ist eine Chirurgin zu Gast: Dr. Julia Rehme-Röhrl ist Unfallchirurgin, Notärztin und auf Instagram aktiv mit dem Account @notarztmami. Wie es sich anfühlt, in einem männlich geprägten Umfeld zu arbeiten und warum man bestimmte Charaktereigenschaften wie Durchsetzungsfähigkeit mitbringen sollte, darüber spricht sie mit unserem Host Julia Rotherbl.
Im Podcast "Frau Doktor, übernehmen Sie!" erzählen Frauen aus der Medizinbranche, wie sie dort Karriere gemacht haben. Dazu spricht Julia Rotherbl, Chefredakteurin der "Apotheken Umschau", mit Frauen, die in Führungspositionen arbeiten, die Herausforderungen gemeistert haben oder an ihnen gescheitert sind. Es geht um Themen wie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Sexismus, männliche Netzwerke, mangelnde Vorbilder oder verschiedene Arbeitsmodelle. Das Ziel: Euch zu inspirieren und ermutigen, euren eigenen Weg zu finden.
Montags alle 14 Tage erscheint eine neue Folge. Habt Ihr Fragen, Anregungen oder Kritik? Dann schreibt uns gerne an redaktion@gesundheit-hoeren.de
Redaktion: Julia Rotherbl, Anja Kopf Schnitt und Post-Produktion: Yves Seissler, Anja Kopf Managing Editor Audio: Peter Glück
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Transkript anzeigen
Julia Rotherbl - Eine Sorge, die mich immer so ein bisschen umtreibt, ist, dass wir mit den Karriere-Beispielen unserer Gästinnen die eine oder andere Zuhörerin, den einen oder anderen Zuhörer, so ein bisschen unter Druck setzen. Nach dem Motto, "Man kann alles schaffen, wenn man es nur will, man kriegt alles irgendwie vereinbart." Und umso mehr freue ich mich, dass in dieser Folge neben ganz vielen spannenden Sätzen dieser hier gefallen ist.
Dr. Julia Rehme-Röhrl - Natürlich wäre es mir das liebste, ich könnte diesen Satz unterschreiben und sagen "Ja, man kann alles schaffen, man muss es nur wollen". Aber ich stoße natürlich auch total an meine Grenzen und muss das immer noch lernen. Man kann nicht alles 100 % haben!
Julia Rotherbl - Besonders dick ist die gläserne Decke für Medizinerinnen in der Chirurgie. Das ist eine Erkenntnis, die ich im Laufe der mittlerweile vielen Folgen von "Frau Doktor, übernehmen Sie!" mitgenommen habe. Auch in dieser Folge ist eine Chirurgin zu Gast, eine Unfallchirurgin, die mit mir darüber spricht, wie es sich anfühlt, in einem männlich geprägten Umfeld zu arbeiten und warum man bestimmte Charaktereigenschaften und Durchsetzungsfähigkeit mitbringen sollte. Meine Gästin ist Dr. Julia Rehme-Röhrl, sie ist Unfallchirurgin, Notärztin und auf Insta aktiv mit dem Account @notarztmami. Mein Name ist Julia Rotherbl. Ich bin Chefredakteurin der Apotheken Umschau. Und ich wünsche euch jetzt allen viel Spaß beim Anhören dieser Folge.
Sprecherin - Frau Doktor, übernehmen Sie! Ein Podcast von gesundheit-hören.de und Apotheken Umschau Pro.
BERUFSWUNSCH - UNFALLCHIRURGIN
Julia Rotherbl - Julia, wir hatten schon in diesem Podcast Gästinnen aus den unterschiedlichsten Fachbereichen, stellen aber immer wieder fest, dass das Thema „gläserne Decke“ gerade in der Chirurgie ein sehr brisantes und immer noch sehr präsentes Thema ist. Warum glaubst du, ist es ausgerechnet in diesem Fachgebiet so?
Dr. Julia Rehme-Röhrl - Ja, ich denke, es ist vor allem, weil es immer noch den alten Strukturen folgt bei uns. Also in der Unfallchirurgie, sind einfach Männer immer noch die dominante Berufsgruppe. Und ein Mann wird immer einen Mann fördern oder jemanden, der ihm ähnlich ist. Und das sind normalerweise Männer. Und da bleiben uns als Kolleginnen natürlich viele Bereiche auch verschlossen. Und ich mache es auch niemandem zum Vorwurf. Eine Frau wird vielleicht auch immer eine Frau fördern, aber ein Mann eben immer ein Mann. Und in der Unfallchirurgie ist es halt noch viel krasser als in anderen Gebieten in der Medizin, wo einfach das Geschlechterverhältnis schon anders ist. Und das wird sicherlich auch noch einige Jahre so gehen.
Julia Rotherbl - Aber glaubst du tatsächlich, dass es an der Zahl der Frauen liegt, die dort arbeiten, bzw. an den wenigen, die dort arbeiten, in dem Fall, aber oder ob es nicht eher auch strukturelle Dinge sind? Wie zum Beispiel, dass Operationen ohne Übergabe stattfinden müssen, also dass Teilzeitstellen dann schlecht möglich sind.
Dr. Julia Rehme-Röhrl - Absolut. Das sind sicherlich auch Gründe, weil Unfallchirurgie hat ja eigentlich - sagt ja schon der Name - es ist natürlich so, wir warten ja nur drauf, dass was passiert, das kannst du nie planen. Und da kommt dann natürlich ins Spiel, dass wir ja doch die Hälfte der Bevölkerung sind, die den Uterus mitbringt und halt irgendwann früher oder später schon einige auch Familie gründen wollen und dann teilweise oder ganz auch mal in Teilzeit gehen. Und das ist natürlich in der Unfallchirurgie auch was, was noch sehr verpönt ist und noch etwas schwierig zu organisieren ist, weil es eben auch dieses ist, „Ja, man weiß ja gar nicht, wo man wann ist. Jetzt startet die OP, weil ich warte ja nur drauf, wann kommt der nächste Schockraum und wann, wann fängt dann die OP an? Oh, 17 Uhr? Ja, blöd. Ich habe aber nur Kinderbetreuung bis 17 Uhr“.
Julia Rotherbl - War dir das denn bewusst, als du dich für diesen Fachbereich entschieden hast?
Dr. Julia Rehme-Röhrl - Ja, da muss man sagen, ich bin sehenden Auges da rein gerannt, sag ich jetzt mal.
Julia Rotherbl - Okay.
Dr. Julia Rehme-Röhrl - Mein Vater ist auch Unfallchirurg und ich wusste genau, auf was ich mich einlasse. Ich habe in meiner Kindheit den teilweise drei, vier Tage am Stück nicht gesehen und immer nur am Geruch erkannt, weil er so nach dem Desinfektionsmittel gerochen hat, dass er zu Hause ist und mir noch über das Gesicht streicht oder so was oder ein Bussi gibt. Deswegen verbinde ich auch mit Sterilium, was ja viele sagen - das ist ja dieses Desinfektionsmittel, das klassische - wo viele sagen, „Nö, hier riecht's nach Arzt“, für mich ist das ein ganz…
Julia Rotherbl - Hier riecht’s nach Papa
Dr. Julia Rehme-Röhrl - Vertrauter Heimatgeruch, sage ich jetzt mal! Genau. Und deswegen wusste ich genau, auf was ich mich einlasse und sah es auch überhaupt nicht ein, als junge Studentinnen und Berufsanfängerin mich in irgendeine andere Nische drängen zu lassen. Ich wollte immer was mit meinen Händen machen und das war mir ganz wichtig. Also mir war immer klar, operativ muss es sein und ich habe mich da auf gar keinen Fall von abbringen lassen, nur weil jemand sagt, es ist nicht möglich, sondern ganz im Gegenteil, wenn mir jemand sagt, irgendwas ist nicht möglich, dann ist es für mich Ansporn. „Dir zeige ich es jetzt, aber es ist möglich und ich schaffe es. Ich bin so cool, ich schaff das schon!“ Ja, aber natürlich ist es auch was anderes mit Anfang 20 und auch ohne Partner. Und dann einfach die Fähigkeit oder die Möglichkeit haben, den ganzen Tag dort zu operieren und zu arbeiten. Oder jetzt mit Kleinkind und zwei Personen, die man organisieren muss mit Diensten. Mein Mann ist nämlich auch Unfallchirurg und es ist anders, bisschen als man denkt, mit Anfang 20 natürlich.
Julia Rotherbl - Julia, du arbeitest in der Klinik, du hast eine Familie und du fährst Rettungsdienst. Das hört sich jetzt so alles zusammen nach recht viel an! Hast du irgendwann mal darüber nachgedacht, den Rettungsdienst aufzugeben? So aus Zeitgründen?
Dr. Julia Rehme-Röhrl - Nja. Ganz im Gegenteil. Notarztfahren ist das, äh, da fange ich an zu strahlen. Das ist das, was mir echt viel zurückgibt und einfach super viel Spaß macht. Weil es so ein abwechslungsreicher Job ist, weil man auch schnell Entscheidungen treffen muss und zwar aber auch versierte Entscheidungen unter Druck irgendwie. Und auch dieses Zusammenspiel mit anderen Fachdisziplinen, halt auch mal mit der Wasserwacht, eben mit den ganzen Sanitätern aus dem Rettungsdienst sowieso. Da gibt es ja auch die verschiedensten Teilnehmer, sage ich jetzt mal, oder Anbieter. Nicht nur das Rote Kreuz, sondern eben auch die anderen, die da eine Rolle spielen. Dann auch Polizei, immer mal wieder die ganze Blaulichtfamilie, die da mitwirkt. Und noch dazu ist es natürlich ein Setting, in dem ich mich auch verwirklichen kann, sage ich jetzt mal, weil ich da genau das mitbringe, was es braucht und genau das halt auch einsetzen kann, wozu ich geschaffen bin oder was ich gerne machen möchte. Und auch das Feedback dann bekomme, „das war gut so“ und ich kann dort Teamleader sein. Und es sind nicht so krasse Hierarchien und trotzdem kann ich Verantwortung übernehmen und mich da voll einbringen. Und ja, das ist einfach gnadenlos schön.
Julia Rotherbl - Das heißt, du lernst da auch viel, was du in der Klinik vielleicht irgendwann brauchst?
Dr. Julia Rehme-Röhrl - Ja, bzw., ich hoffe, das da auszubauen oder man sollte das halt auch mitbringen, wenn man Notarzt sein soll, weil man muss es halt auch machen und man muss es auf Knopfdruck machen. Sofort. Nachts um drei geht plötzlich der Piepser. Massenanzahl von Verletzten, irgendwie Crash mit drei Autos oder so. Du musst jetzt performen, du kannst dich nicht erst sammeln und solche Sachen. Und dieses auf Knopfdruck irgendwas machen, das kann man da natürlich schon trainieren, aber du musst das auch in dem Job natürlich sofort „delivern“, wie es so schön neudeutsch heißt. Also du kannst da dich nicht… in der Klinik kann man sich vielleicht in manchen Fällen noch mehr ausprobieren und jemanden fragen. Draußen auf der Straße bist du alleine und musst es dir auch zutrauen und können. Und das ist halt, warum es ich so gern mach. Aber eigentlich ist es so Ich würde das natürlich auch gerne mit mehr Verantwortung. Und so weiter. Und so ein bisschen wie ein Teamleiter oder so was würde ich natürlich auch gerne in der Klinik machen, aber das geht halt nur in den Strukturen, wenn ich halt dann auch strukturell aufsteigen würde.
DAS „ICH WÜRDE SAGEN“-SPIEL
Julia Rotherbl - Julia, jetzt sind wir da noch gespannt, wie du das alles unter einen Hut bringst - Familie, Klinik und Rettungsdienst - darüber wollen wir aber sprechen nach einem Spiel. Wir spielen in diesem Podcast ja immer einmal und dazu hole ich jetzt unsere Redakteurin Anja dazu. Hi Anja.
Anja Kopf - Hallo ihr beiden! Also wie Julia schon gesagt hat, wir spielen genau ein Mal in diesem Podcast ein Spiel. Ich finde, wir können demnächst auch mal zwei Spiele machen oder so! Und in diesem Spiel geht es darum, dass ihr von mir Satzanfänge bekommt und die dürft ihr vervollständigen. Beide nicken. Gut.
Julia Rotherbl - Ich hab‘s schon öfter gespielt!
Anja Kopf - Und weil Julia es schon öfter gespielt hat, kriegt sie jetzt eine ganz kurze Überraschung, weil heute darf sie mal anfangen!
Julia Rotherbl - Oh, okay!
Anja Kopf - Julia, unser, unser Host Julia, darf heute anfangen mit dem ersten Satz.
Julia Rotherbl - Ja.
Anja Kopf - Genau. Und der lautet für dich „Mit Fehlern gehe ich um, indem...“
Julia Rotherbl - Ich glaube, dass ich mit Fehlern, die ich mache, nicht gut umgehe, muss ich ehrlich sagen. Ich kann mir selbst schwer verzeihen, anderen schon eher. Aber es arbeitet immer sehr lange in mir.
Anja Kopf - Mhm. Das wäre es auch meine Anschlussfrage gewesen, wie du da mit den Fehlern anderer umgehen würdest, aber...
Julia Rotherbl - Also dadurch, dass ich weiß, wie schlimm Fehler für mich selber sind, versuche ich immer, den anderen zu sagen „Ist alles okay, ist gar nicht schlimm, das kann jedem passieren“, weil ich nicht will, dass es ihnen so geht wie mir. Aber ich selber, ich, ähm, ich zehre lang an meinen Fehlern. Von meinen Fehlern. Ja.
Anja Kopf - Eigentlich ist das sehr schade. Wenn man mit Lob genauso umgehen würde wie mit Fehlern und das Lob bei einem genauso lange dauern würde wie die Fehler. Ja, okay. Dann kriegt unser Gast Julia den zweiten Satz. Wir wissen ja schon, dass du ein Kleinkind bei dir hast. Eine kleine Tochter darf ich vielleicht auch verraten an der Stelle. Deswegen für dich der Satzanfang „Als Mama…“
Dr. Julia Rehme-Röhrl - Als Mama habe ich gelernt, was Triage in allen Lebenslagen bedeutet. Also ganz klar einfach Prioritäten setzen. Das war früher nicht so, oder ich tendiere auch dazu, ich will natürlich alles immer sofort und gleichzeitig machen, aber das geht einfach nicht. Und du musst Prioritäten setzen mit Kind. Und das ist mein täglich Brot, sage ich jetzt mal.
Anja Kopf - Mhm. Mhm, kann ich mir gut vorstellen. Julia hatte das ja gerade auch schon angedeutet gehabt, dass du ja auch deine drei Rollen, also wahrscheinlich noch mehr Rollen in deinem Leben ausführst. Kann ich mir vorstellen, dass gerade die zeitliche Priorisierung eine sehr, sehr große Lebensaufgabe sein kann?
Dr. Julia Rehme-Röhrl - Ja, absolut, ja.
Anja Kopf - Allgemeines Nicken, gut. Okay. Unser Host Julia…
Julia Rotherbl - Ja?
Anja Kopf - „Weibliche Führungskräfte…“
Julia Rotherbl - Weibliche Führungskräfte sollten eine Selbstverständlichkeit sein.
Anja Kopf - Na, wunderbar. Da kann man einen Haken hinter machen! Und dann habe ich auch den letzten Satz. Für unsere Gästin „Meine schwerste Entscheidung bislang war…“
Julia Rotherbl - Woah, spannende Frage.
Anja Kopf - Darfst du auch gleich beantworten, wenn du möchtest!
Julia Rotherbl - Oh Gott, okay, ich überleg schon mal!
Dr. Julia Rehme-Röhrl - Puh. Kann ich eine andere Frage haben?
Anja Kopf - Mh, ich habe leider, das war die letzte, ich hab leider nicht mehr!
Dr. Julia Rehme-Röhrl - Schon auf eine gewisse Art zu planen, wann der richtige Zeitpunkt ist, um eine Familie zu gründen.
Anja Kopf - Mhm.
Julia Rotherbl - War bei mir aber auch so. Ich glaube, den richtigen Zeitpunkt erwischt man dann am Ende nie. Den perfekten, sagen wir mal so. Aber wenn man dann in diesem Studium, dann fängt man irgendwie gerade an zu arbeiten. Leute, die ne normale Ausbildung hatten natürlich schon einfach ein Step weiter.
Dr. Julia Rehme-Röhrl - Ja, wie du sagst, es gibt eigentlich nie den richtigen Zeitpunkt.
Julia Rotherbl - Ne, und wir hatten hier auch schon unterschiedlichste Modelle. Also wir hatten jetzt letztens eine Aufnahme mit einer Medizinstudentin, die bewusst im Studium schon ihr Kind gekriegt hat, weil sie in der Pflege arbeitet als Krankenschwester und sagt „Ich kenne den Klinikbetrieb. Ich kann mir das nicht vorstellen, als Assistenzärztin Mutter zu werden oder in der Facharztausbildung. Ich wollte das im Studium machen“. Also da gibt es halt auch sehr unterschiedliche Wege, mit dieser Entscheidung umzugehen, und, ja.
Dr. Julia Rehme-Röhrl - Es gibt ja auch immer wieder Kollegen, die sagen „Mensch, im Studium ist so praktisch“, aber man muss halt auch den passenden Partner dazu haben!
Julia Rotherbl - Ja, jaja
Dr. Julia Rehme-Röhrl - Und das muss sich ja auch erst mal ergeben, sage ich jetzt mal und ich war sogar jemand, ich wollte eigentlich nicht unbedingt Kinder. Also es war jetzt nicht so voll auf meiner Agenda und für mein Seelenheil unbedingt notwendig, sondern es kam echt erst der Wunsch mit dem richtigen Partner. Halt einfach mit dem richtigen Mann wollte ich dann auch Kinder haben.
Anja Kopf - Na, ja, ja. Und weil hier die Julia, die mir hier gegenüber steht, die vorhin schon gesagt hat, das ist eine spannende Frage - was hättest du denn geantwortet?
Julia Rotherbl - Oh Gott. Ich mein, ich kann nicht einfach sagen „dasselbe“. Für uns war es schon eine schwierige Entscheidung, wie wir unser Familienmodell einrichten. Also wir haben uns ja dann dafür entschieden, dass mein Mann komplett zu Hause ist das erste Jahr und ich komplett 40 Stunden in die Arbeit gehe. Und ich glaube, für uns selber war die Entscheidung gar nicht so schwer gewesen. Aber von außen gab es sehr viel Meinung und Kommentar dazu. Und dann zu sagen „Okay, wir machen es aber trotzdem so“. Und dabei zu bleiben. Und ja.
Anja Kopf - Ja, ehrlicherweise muss ich auch sagen, ich bin so froh, dass ich die Sätze mir aussuchen muss und nicht beantworten muss! Alles klar. Dann haben wir ja hier viereinhalb Sätze, sage ich jetzt mal, beantwortet, nachdem wir den Satz zweimal hatten. Sage Vielen Dank, dass ihr beide mitgemacht habe und wünsche noch ganz viel Spaß mit dem zweiten Teil des Gesprächs!
Julia Rotherbl - Danke Anja.
Dr. Julia Rehme-Röhrl - Danke.
ZWISCHEN FAMILIE UND UNFALLCHIRURGIE
Julia Rotherbl - Julia, ich habe ja jetzt mit der Frage schon beantwortet, wie wir, also wie meine Familie das organisiert hat. Arbeit und Familie und Kleinkind und so. Wie organisiert ihr das?
Dr. Julia Rehme-Röhrl - Ja, das ist so ein bisschen ein Spagat.
Julia Rotherbl - Mhm.
Dr. Julia Rehme-Röhrl - Es ist natürlich auch dadurch etwas leichter, dass ich Teilzeit arbeite und eben nicht Vollzeit. Und wir haben hier eine ganz normale Kita am Ort, wo die Kleine hingeht. Und man muss halt viel planen, sage ich jetzt mal. Wir haben einen geteilten Kalender, in dem jeder halt auch online zugreifen kann und seine Sachen eintragen kann. Also mein Mann und ich, meine Tochter jetzt noch nicht, aber halt alles reingeschrieben wird.
Julia Rotherbl - Noch nicht!
Dr. Julia Rehme-Röhrl - Ja genau, wo alles, alles wirklich reingeschrieben wird, damit jeder immer weiß, wo der andere da ist, oder kann ich da was ausmachen? Ja? Nein? Es ist halt sehr strukturiert, ja. Wir wissen halt jetzt schon, was in zwei Monaten ist, weil da natürlich schon die Dienstpläne laufen. Weil wir da auch immer zu so einem Thema kommen, wo, wo ich auch immer ganz allergisch drauf reagiere, weil es dann immer heißt „Ja, man kann alles schaffen, man muss es nur wollen“. Äh, nee. Es hilft alles nichts, du kannst es noch so sehr wollen und alles mitbringen, aber manchmal stößt du und deine Grenzen, weil es eben nicht um organisierbar ist oder nicht umsetzbar ist. Oder jeder der Kinder hat, weiß halt auch, du planst alles perfekt. Und dann plötzlich hat sie irgendwie Durchfall, Erbrechen oder Fieber oder so was. Das kommt bei Kleinkindern so schnell. Trotzdem kannst du dann nicht deinen geplanten Badeurlaub sofort antreten oder so. Du musst halt echt flexibel bleiben. Aber das ist halt auch diese gnadenlose Effizienz der Frauen, „Das, das geht schon!“.
Julia Rotherbl - Aber musstest du es denn lernen? Also bist du erst mal mit einer anderen Anspruchshaltung reingestartet, also überall 100% und jetzt teilst du es dir auf oder hast du das von Anfang an ganz gut hingekriegt?
Dr. Julia Rehme-Röhrl - Natürlich wäre es mir das Liebste, ich könnte diesen Satz unterschreiben und sagen „Ja, man kann alles schaffen, man muss es nur wollen“ und so. Aber ich stoße natürlich auch total an meine Grenzen und muss das halt immer noch lernen. Man kann nicht alles 100 % haben! Im Gegenteil eben. Ich muss halt immer wieder Abstriche machen und neu evaluieren und gucken, was ist jetzt gerade das Wichtigste, was will ich jetzt und kann halt nicht immer überall 100 % geben. Aber wenn ich eben, wenn ich dir dann noch sage, dass ich in der Klinik auch noch Doktoranden betreue und auch noch wissenschaftliche Arbeiten veröffentliche und eigentlich da auf Kongressen auch noch sein möchte und da noch mitmischen möchte. Und dann möchte ich auch noch bei Instagram irgendwie mitmischen, dann sind es natürlich ganz viele Felder, aber ich kann nun mal nicht alles haben und dann muss halt immer der Bereich, der jetzt am unwichtigsten ist, irgendwo zurückstecken.
Julia Rotherbl - Mhm. Das finde ich total schön, dass du das jetzt so sagst, weil, ich habe immer so ein bisschen Angst, in diesem Podcast, dass wir auch so das Bild - eben genau das Bild vermitteln, so ungefähr, „Du kannst eigentlich alles, wenn du es nur willst“, ja?
Dr. Julia Rehme-Röhrl - Ja.
Julia Rotherbl - Das wäre vielleicht auch eine ganz schöne Überleitung zur letzten Frage, die ich mir überlegt habe, weil es tatsächlich auf den ersten Blick so klingt, als würdest du eben sehr viel schaffen. Du wirkst ja auch sehr engagiert. Gab es im Laufe dieser Karriere Zeitpunkte, wo du gedacht hast „Boah, das ist jetzt irgendwie alles doof. So habe ich mir das nicht vorgestellt. Vielleicht sollte ich doch was ganz anderes machen.“?
Dr. Julia Rehme-Röhrl - Ich glaube, jeder, der nicht zugibt, dass er da schon mal gezweifelt hat oder irgendwie an seine Grenzen stößt, lügt erstens und ist andererseits ein Roboter oder völlig emotionslos das. Interessanterweise bin ich schon ein paarmal sehr an meine Grenzen gestoßen, sogar vor dem Kind schon. Einfach auch, weil es so ein teilweise toxisches Arbeitsumfeld war und ich einfach auch gedacht hatte „Mensch, jetzt bin ich doch eigentlich so ein kluges, talentiertes junges Mädchen und komme hier nicht weiter, weil mir einfach Grenzen von außen vorgesetzt werden, die ich nicht einreißen kann. Und sollte ich es noch so sehr wollen! Und so viel mitbringen und sogar teilweise mehr als meine männlichen Kollegen“. Aber wenn dir einfach ein Riegel vorgeschoben wird, dann geht es nicht weiter, und ich, ich kann mich da ganz bewusst und klar jetzt auch verletzlich zeigen oder so. Aber ich glaube, es gibt viele Unfallchirurgen und viele in meiner Situation oder Position oder auf dem Weg. Es wäre gelogen, wenn wir nicht uns auch dann mal zurückziehen, irgendwo und auf einer Toilette auch mal heulen würden oder so was. Und ich weiß es auch von Männern, die sich schon teilweise vor Chefs versteckt haben, auf der Toilette, die jetzt vielleicht nicht - Frauen sind, vielleicht näher ans Wasser gebaut - aber es ist auch nur eine Form der Emotion, sich irgendwie zu schützen. Und deswegen glaube ich, dass das viele, viele, viele schon machen. Und da muss man sich halt immer wieder selber auch rausholen und dann sich selber um sich kümmern und halt noch mal definieren, auch was ist einem wichtig und eben noch mal re-evaluieren. „Ist es das wert auch oder mache ich mich kaputt?“ Dann muss ich natürlich was ändern und da sind unsere Chirurgen oder auch Notärzte eigentlich ja auch prädestiniert dafür, immer das klar zu wissen, weil wir sehen es ja jeden Tag, Es kann wirklich es entscheiden eins zwei Sekunden über ein ganzes Leben und es kann alles anders werden und alles anders laufen. Und deswegen macht man sich das dann immer wieder bewusst. Und dann findet man einen Weg, da auch wieder rauszukommen.
Julia Rotherbl - Julia. Vielen Dank für diese Ehrlichkeit und für das gesamte Gespräch. Danke, dass du unsere Gästin warst.
Dr. Julia Rehme-Röhrl - Ja, ich sage vielen Dank für die Möglichkeit!
VERABSCHIEDUNG
Julia Rotherbl - Liebe Podcast-Freundinnen und -Freunde, wir hätten noch ein weiteres Angebot für Gesundheitsprofis zum Anhören. Nämlich den Podcast „‘Ne Dosis Wissen“. Hier fassen Kolleginnen und Kollegen immer ein aktuelles Thema rund um das Gesundheitswesen in wenigen Minuten zusammen. Kann man konsumieren, während man den ersten Kaffee trinkt. Und Themen waren bisher zum Beispiel „Richtig Essen und Trinken im Nachtdienst“, wir haben informiert über neue HIV-Therapien, ein Thema war über Gewalt gegen Gesundheitsprofis. Natürlich mit Tipps zur Deeskalation. Das Angebot gibt es überall, wo es Podcasts gibt oder direkt auf gesundheit-hören.de. „‘Ne Dosis Wissen“ erscheint werktäglich. „Frau Doktor, übernehmen Sie!“ erscheint alle 14 Tage, immer montags.
Sprecherin - Frau Doktor, übernehmen Sie! Ein Podcast von gesundheit-hören.de und Apotheken Umschau Pro.
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