Eine Apothekerin unter Ärzt:innen: Palliativpharmazie in der Klinik

Shownotes

Warum entscheidet man sich für ein Fachgebiet, in dem klar ist, dass man die Erkrankten nicht heilen kann? Das wollte Julia Rotherbl, Chefredakteurin der "Apotheken Umschau", von unserer Gästin Dr. Constanze Rémi wissen. Sie ist Fachapothekerin für Klinische Pharmazie und leitet das Kompetenzzentrum Palliativpharmazie der LMU München. Im Gespräch geht es um den noch jungen Fachbereich der Palliativpharmazie, aber auch, wie man damit umgeht, Menschen beim Sterben zu begleiten.

Im Podcast "Frau Doktor, übernehmen Sie!" erzählen Frauen aus der Medizinbranche, wie sie dort Karriere gemacht haben. Dazu spricht Julia Rotherbl, Chefredakteurin der "Apotheken Umschau", mit Frauen, die in Führungspositionen arbeiten, die Herausforderungen gemeistert haben oder an ihnen gescheitert sind. Es geht um Themen wie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Sexismus, männliche Netzwerke, mangelnde Vorbilder oder verschiedene Arbeitsmodelle. Das Ziel: Euch zu inspirieren und ermutigen, euren eigenen Weg zu finden.

Montags alle 14 Tage erscheint eine neue Folge. Habt Ihr Fragen, Anregungen oder Kritik? Dann schreibt uns gerne an redaktion@gesundheit-hoeren.de

Redaktion: Julia Rotherbl, Anja Kopf Schnitt und Post-Produktion: Yves Seissler, Anja Kopf Managing Editor Audio: Peter Glück


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Transkript anzeigen

Julia Rotherbl - Warum entscheide ich mich in einem Gesundheitsberuf für ein Feld, für einen Bereich, in dem klar ist - Ich kann den Patienten oder die Patientin nicht mehr retten? Warum entscheide ich mich für die Palliativbetreuung? Die Frage habe ich in dieser Folge von „Frau Doktor, übernehmen Sie!“ einer Palliativpharmazeutin gestellt und ihre Antwort hat mich überrascht, weil ich diesen Blickwinkel auf dieses Berufsfeld so noch nicht eingenommen hatte.

Dr. Constanze Rémi - Das Schöne an der Palliativversorgung, dass klar ist, wo es hingeht. Es ist eben nicht so, dieses Schwanken, Leben, Tod, sondern es ist klar, in welche Richtung es geht. Wir versorgen Patient_innen, die in der Regel relativ bald versterben werden. Das ist einfach ausgesprochen, das ist klar.

Julia Rotherbl - Das eben war Dr. Constanze Rémi. Sie ist Fachapothekerin für Klinische Pharmazie und leitet das Kompetenzzentrum Palliativpharmazie der LMU München. Und sie ist zu Gast in dieser Folge. Wir unterhalten uns über die Arbeit in der Palliativversorgung, unterhalten uns aber vor allem auch darüber, wie man auf einem so jungen Gebiet wie der Palliativpharmazie Fuß fasst und wie man sich damit in einem großen Klinikbetrieb Gehör verschafft.

Mein Name ist Julia Rotherbl, ich bin Chefredakteurin der Apotheken Umschau und ich würde sagen - jetzt geht's los.

Sprecherin - Frau Doktor, übernehmen Sie. Ein Podcast von gesundheit-hören.de. Und Apotheken Umschau Pro.

DER ALLTAG IN DER PALLIATIVPHARMAZIE

Julia Rotherbl - Hallo, Constanze. Schön, dass du da bist.

Dr. Constanze Rémi - Hallo, Julia, Ich freue mich sehr, bei dir zu sein heute.

Julia Rotherbl - Ich freue mich auch, weil so als Apotheken Umschau-Chefredakteurin ist auch immer schön, wenn man mal eine Pharmazeutin zu Gast hat. Genau. Ich würde gerne anfangen und über deinen Fachbereich sprechen. Über die Palliativpharmazie bzw. über die Palliativmedizin. Das Fach ist relativ jung. Ich habe vorher extra noch mal recherchiert. Also die ersten Palliativstationen in Deutschland haben tatsächlich erst in den 1980er Jahren geöffnet. Ich würde dich gerne fragen, wann denn die Pharmazie hier quasi dazugestoßen ist. Von Anfang an oder wie hast du das miterlebt?

Dr. Constanze Rémi - Na ja, also das kann man natürlich von zwei Perspektiven sehen. Letztendlich wird die Pharmazie ja immer eine Rolle gespielt haben, weil Medikamente einfach ganz wichtig sind, eine ganz essentielle Säule in der Versorgung von Palliativpatient_innen. Dass wir aber wirklich auch noch mal ein spezielles Augenmerk auf die Pharmazie in der Palliativversorgung gelegt haben, haben wir in Deutschland tatsächlich erst wirklich seit Anfang der 2000er Jahre. Julia Rotherbl – Constanze, für alle, die das Berufsfeld Palliativpharmazie jetzt nicht so gut kennen wie Du. Wie sieht denn dein Arbeitsalltag aus? Wie muss ich mir das vorstellen?

Dr. Constanze Rémi - In unserem Kompetenzzentrum Palliativpharmazie sind wir ein Team aus mehreren Apothekerinnen und pharmazeutisch-technischen Assistenten. Assistentinnen besser gesagt. Und der Alltag schaut so aus, dass… Also jetzt meiner im speziellen, dass ich einen festen Visitentag hab, dass ist der Montag, wo ich wirklich auf Station bei uns bin, die Visite mit begleite. Das ist deswegen nur ein Tag, weil Palliativvisiten sehr viel Zeit in Anspruch nehmen. Also für unsere zehn Patientinnen sind wir auch den ganzen Vormittag beschäftigt. An den anderen Tagen schaue ich aber auf Station vorbei, schaue gibt es irgendwas, wo ich unterstützen kann? Kümmere mich auch darum, dass Patientinnen, die nach Hause gehen, zum Beispiel wirklich Meditationspläne mit nach Hause bekommen, also solche Sachen. Wir haben aber auch noch andere Bereiche eben hier bei uns am Kompetenzzentrum Palliativpharmazie. Ganz wichtig ist da vor allem die Arzneimittelinformation Palliativmedizin, wo sich eben Fachkräfte aus dem Gesundheitswesen, aus dem ambulanten, aus den stationären Bereich, ganz egal, mit Fragen rund um die Arzneimitteltherapie in der Palliativmedizin an uns wenden können.

Julia Rotherbl – Sehr spannend ist ja an deinem beruflichen Werdegang, dass du dann quasi diesen Prozess, dass die Pharmazie hier auch wichtiger Bestandteil geworden ist, live miterlebt hast, quasi.

Dr. Constanze Rémi – Ja.

Julia Rotherbl – Du warst am Klinikum der Universität München und hast dort auch - ich hoffe, das ist jetzt okay, dass ich das so sage - das Ganze mit initiiert, also dass diese Palliativversorgung auch von Pharmazeutinnen und Pharmazeuten mit begleitet wird. Würdest du dich noch mal zurückerinnern für mich und mir erzählen, wie das so angefangen hat?

Dr. Constanze Rémi - Ja. Also tatsächlich muss ich immer noch schmunzeln, weil es tatsächlich relativ gleichzeitig mit meinem Berufsstart auch kam. Also ich habe hier im Klinikum als frisch Approbierte 2002 angefangen zu arbeiten in der Arzneimittelinformation von der Klinikapotheke und damals war die Palliativmedizin bei uns hier im Haus auch ganz neu. Und die Ärztinnen von der Palliativstation haben mitbekommen „Ah, okay, da gibt es so einen Service, melden wir uns auch mal.“ Und die haben sich dann brav regelmäßig bei uns mit Fragen gemeldet, die immer so ein bisschen herausgestochen sind, weil sie sehr speziell waren. Zum Beispiel, welche Medikamente man eben rektal geben kann. Also, es war immer, immer besonders und die waren immer unglaublich nett. Und ich hatte ja noch freie Valenzen als Berufsanfängerin und habe dann gesagt, ich schau gerne einmal im Monat vorbei und dann sammelt ihr auch mal Fragen und dann können wir die so im Gespräch zusammen besprechen. Und aus dem einmal im Monat hochgehen und so Fragen beantworten, wurde dann schnell eben wirklich Patientenkurven durchsprechen, bis ich dann schließlich zur Visite dann auch mitgegangen bin. Also irgendwie so wie die Jungfrau zum Kinde in gewisser Weise. Aber es war auch von Anfang an ein Feld, was mich wahnsinnig interessiert hat. Wo ich das Gefühl hatte, da kann man mit so wenig Handgriffen auch als Apothekerin, also indem man so Kleinigkeiten verändert, unglaublich viel Ergebnis erzielen. Ganz schnell den Betroffenen helfen.

Julia Rotherbl – Trotzdem stelle ich es mir jetzt als auch herausfordernde Zeit vor. Also du warst… standest am Anfang deiner Berufslaufbahn. Du warst wahrscheinlich Mitte 20, ungefähr.

Dr. Constanze Rémi – Genau.

Julia Rotherbl – Warst in der Klinik, wo ja eigentlich jetzt eher die Ärztinnen und Ärzte das Zepter in die Hand nehmen als die Pharmazeutinnen und Pharmazeuten. Du hast ein Gebiet beackert, was noch relativ neu war. Wie hast du das damals empfunden? War es schwer, sich durchzusetzen? Sichtbar zu sein?

Dr. Constanze Rémi – Ja. Jein. Auf der einen Seite ist die Palliativversorgung es gewöhnt, multiprofessionell zu arbeiten. Also es war jetzt grundsätzlich nichts total Seltsames, dass ich als andere Profession da mit dabei bin. Natürlich musste ich erst mal so meine Rolle finden und ich erinnere mich jetzt noch an Situationen zurück, wenn ich die Visite begleitet habe, wo ich mich damals einfach noch nicht getraut habe, was zu sagen. Aus fachlicher Unsicherheit, sicherlich auch aus Unsicherheit eben, wie gehe ich gerade mit den Ärzt_innen um, wo ich jetzt sagen würde, nee, würde ich jetzt im Hier und Jetzt nicht mehr so stehen lassen, sondern würde da auch mich mehr durchsetzen.

Julia Rotherbl – Über das Thema interdisziplinäre Zusammenarbeit würde ich gerne noch vertieft sprechen. Allerdings spielen wir in diesem Podcast immer ein Spiel und das wäre vielleicht eine gute Gelegenheit, das jetzt auch zu tun. Und ich hole dazu unsere Podcast-Redakteurin Anja dazu.

DAS „ICH-WÜRDE-SAGEN“-SPIEL

Anja Kopf - Hallo, ihr beiden.

Julia Rotherbl – Hi, Anja.

Dr. Constanze Rémi – Hallo.

Anja Kopf - Unser gutes „Ich würde sagen“-Spiel. Wer übrigens einen besseren Titel dafür hat, der kann uns da mal gerne schreiben. Ich nenn’s bisher immer so. Hier würde ich euch beiden einfach Satzanfänge vorlesen. Und ihr dürft die ganz spontan beantworten. Constanze, du darfst anfangen.

Dr. Constanze Rémi – Gut.

Anja Kopf - Der würde lauten „Zeit für mein Sozialleben...“

Dr. Constanze Rémi – …ist mir sehr wichtig und nehme ich mir auch ganz regelmäßig.

Dr. Constanze Rémi – Gut.

Anja Kopf - Und wie schaffst du es, dir das regelmäßig zu nehmen? Man muss jetzt vielleicht noch mal ganz kurz einschieben für unsere Hörerinnen und Hörer - wir wissen, du arbeitest nicht nur, hast eine Führungsposition, sondern du bist auch Mutter von vier Kindern, hast also auch eine Familie. Das sind also glaube ich schon zwei Bereiche, die viel Zeit brauchen. Aber wie nimmst du dir die dann?

Dr. Constanze Rémi – Wie genau, kann ich gar nicht sagen. Ich schaffe es, sie mir zu nehmen, weil ich einfach merke, dass ich das wirklich für mein inneres Gleichgewicht brauche. Und wenn ich im Alltag funktionieren will, brauche ich auch mein Sozialleben, die Begegnungen mit anderen.

Julia Rotherbl – Aber ist es bei dir auch so, dass das mittlerweile so Terminabsprachen sind? Also ich habe schon so Freundinnen. Wir schicken uns dann immer hin und her, bis wir einen, einen Abend gefunden haben, wo wir beide irgendwie gut können.

Dr. Constanze Rémi – Ja, und da bin ich tatsächlich auch immer noch nicht so ganz sicher, was der beste Weg ist. Ob möglichst lang im Voraus ein Termin fest zu setzen oder möglichst spontan. Weil, mal fühlt sich das eine besser bewerkstelligbar an und manchmal das andere eben. Und es funktioniert bisher immer, ja. Also… Aber wie, kann ich mich sagen.

Anja Kopf – Julia.

Julia Rotherbl – Ja.

Anja Kopf - Du bekommst den Satzanfang „Am Anfang meines Studiums hätte ich nicht gedacht, dass…“

Julia Rotherbl – Ähm. Oh Gott. Am Anfang meines Studiums hätte ich nicht gedacht, dass… Das ist jetzt echt schwierig. Ich hatte einen ziemlich, ich hatte einen ziemlichen Plan, den ich dann auch sehr strikt verfolgt habe. Also, ich wollte Journalismus machen. Ich habe schon während meines Studiums journalistisch gearbeitet, als freie Mitarbeiterin in den unterschiedlichsten Redaktionen. Deswegen… vielleicht hätte ich nicht gedacht, dass der Plan so gut aufgeht. Aber ich habe mich jetzt nicht wirklich von irgendwas überraschen lassen, ehrlich gesagt. Anja Kopf – Auch nicht, dass du zum Beispiel jetzt irgendwie Chefredakteurin der Apotheken Umschau bist oder so?

Julia Rotherbl – Na gut, also welchen Postem man am Ende hat, das weiß man ja dann so am Anfang des Studiums nie. Aber dass ich Journalismus machen will, das wusste ich schon.

Anja Kopf – Sollte man auch, wenn man sich ein Studienfach auswählt, vielleicht auch schon wissen, in welchem Job man gehen möchte.

Julia Rotherbl – Ja, wobei ich habe so ein Magister-Studium, wo man dann… Ich habe ja Politik, Germanistik und Geschichte studiert, also das ist schon ein eher offenes Feld.

Anja Kopf – Also bei uns hieß es dann immer, damit kann man wunderbar Taxifahrerin werden.

Julia Rotherbl – Ja, man kann damit quasi alles werden. Deswegen… Also man muss dann nebenher irgendwie gucken, dass man sich schon ein kleines Netzwerk und erste Kontakte aufbaut.

Anja Kopf – Ja, ja.

Dr. Constanze Rémi – Aber auch interessant, weil ich meine, ich mit Pharmaziestudium, da denkt man ja vermeintlich, da ist klar am Anfang, wo es hingeht. Aber ich finde es ganz spannend, jetzt mir noch mal zu überlegen, mit welchen Ideen ich ins Studium reingegangen bin und wann sich‘s immer geändert und dann irgendwann aber auch gefestigt hat, in welche Richtung ich gehen möchte.

Anja Kopf – Ja, ja, ja. Is ne gute Antwort.

Julia Rotherbl – Aber du hast gemerkt, Constanze, ich kenne die Satzanfänge auch nicht. Ich bin nicht, ich bin nicht top vorbereitet.

Dr. Constanze Rémi – Ja, das hoff ich auch. Nein, ich habe auch nix anderes erwartet. Ich glaube, sonst kommt auch nichts Vernünftiges raus, ehrlich gesagt, wenn man sie vorher kennt.

Anja Kopf – Dann zerdenkt man sich das irgendwie auch so ein bisschen.

Julia Rotherbl – Ja, glaub ich auch.

Anja Kopf – Genau deswegen versuche ich auch immer noch, irgendwas zu finden, wo ich weiß, dass Julia sich noch nicht so Gedanken drüber gemacht hat, wie sie antworten soll. Aber es wird jetzt langsam immer schwieriger. So, Constanze, du bekommst die nächsten Satzanfang „Wer in Teilzeit arbeitet...“

Dr. Constanze Rémi – Ho, ho! Wer in Teilzeit arbeitet... Ähm..

Anja Kopf – Ich mag‘s ja immer - das sehen ja unsere Hörerinnen und Hörer nicht - aber wie die, wie man so merkt, wie so die Rauchwolken über dem Kopf aufsteigen, weil alle so ganz stark nachdenken.

Dr. Constanze Rémi – Also ich bin ja schon fast versucht zu sagen, wer in Teilzeit arbeitet, hat ein janusköpfiges Arbeits- und Privatleben. Es ist so das Gute und auch das Schlechte von beidem. Ich meine, als, als immer Teilzeit-Arbeitende merke ich, dass mir, dass Teilzeitarbeiten auch viel Freiräume verschafft. Gleichzeitig aber auch natürlich mir für viele Sachen in der Arbeit Zeit fehlt. Aber vor allem auch Anerkennung oftmals fehlt. Also ums jetzt noch mal eine Stufe mehr zu degradieren quasi, ich bin halt die Teilzeit-Mutti. Die sowieso… wo von vornherein klar ist, dass die nicht das gleiche liefern wird wie jemand, der Vollzeit arbeitet, was natürlich völliger Schmarrn ist, ja, aber…

Julia Rotherbl – Aber woran merkst du das also? Kannst du ein Beispiel nennen? Oder ist es was, was auch vielleicht so ein bisschen in deinem Kopf ist und die anderen gar nicht so miterleben?

Dr. Constanze Rémi – Also ich glaube, ich strampeln mich immer besser frei und zeig einfach wirklich durch meine Leistung, dass es nicht so ist. Also, wobei ich schon auch sagen muss, dass ich vor einigen Jahren aufgehört habe, im beruflichen Kontext zu sagen, dass ich Teilzeit arbeite, sodass ich mich im Prinzip wirklich komplett über meine Leistung qualifizieren kann. Und da weiß ich, dass die gut ist. Und dass ich sicherlich mich da nicht hinter irgendeiner Stundenzahl verstecken muss, weil die überhaupt keine Aussage, keine Bewertung zulässt über meine Leistung. Jetzt mittlerweile kann ich… würd es mir schwerfallen zu unterscheiden, was ist im Kopf noch festgesetzt und was ist wirklich im Alltag so? Aber es war auf jeden Fall auch lange Jahre so, dass ich gemerkt habe „Ja, ja, nun ja, ist ja eh nur Teilzeit“, ja.

Julia Rotherbl – Wobei, ich glaube, man kann es eh nicht richtig machen.

Dr. Constanze Rémi – Nee. Ich glaube auch.

Julia Rotherbl – Also, ich höre im privaten Kontext dann immer so Sachen wie „Ach, die kann sich da sowieso nicht einbringen, die arbeitet ja Vollzeit.“ Also die kann ja gar nicht irgendwie für das Hobby ihres Kindes irgendwie was machen, weil es ist ja klar, dass die nicht da ist. Oder „Kommst du überhaupt zu der Ballettaufführung? Du arbeitest ja Vollzeit.“ So. Also ja.

Dr. Constanze Rémi – www.Rabenmutter.de, oder?

Julia Rotherbl – Ich glaube, man kann es nicht richtig machen.

Dr. Constanze Rémi – Ja, ne, das glaub ich auch.

Anja Kopf – Ähm, ich finde die Diskussion total spannend. Dennoch finde ich, sollten wir zum Satz jetzt mal langsam kommen. Für Julia.

Julia Rotherbl – Ja.

Anja Kopf – Stressige Zeiten im Job überstehe ich….

Julia Rotherbl – Okay, also meistens ist es tatsächlich so, dass ich manchmal auch erst hinterher merke, wie stressig eine Phase war. Also ich bin auch jemand, ich kann dann ein hohes Stresslevel über eine lange Zeit ganz gut halten und dann kommt irgendwann der Punkt, wo es zu viel wird. Aber oft auch komischerweise dann, wenn der Stress eigentlich dann weg ist. Also, Stress hält mich eine lange Zeit relativ fit und motiviert und irgendwann kommt dann der Einbruch.

Dr. Constanze Rémi – Das kenne ich auch so, dieses „Oh, jetzt könnte ich auch einfach mal nichts tun. Weiß gar nicht, wie die letzten Wochen so viel leiten konnte.“

Anja Kopf – Also es ist eine sehr spannende menschliche Eigenschaft, finde ich. Dieser Umgang mit Stress.

Dr. Constanze Rémi – Ja.

Anja Kopf – Ich weiß nur nicht, ob sie gut ist. An dich, Constanze. Ich habe einen allerletzten Satz noch. „Wenn wir uns in zehn Jahren noch mal zu einer „Frau Doktor, übernehmen Sie!“-Folge treffen…

Dr. Constanze Rémi – Da muss ich erst mal tief einatmen. Was sich in zehn Jahren so alles tut. Also das kann man ja auf verschiedenen Ebenen beantworten. Rein äußerlich…

Anja Kopf – … werden wir alle gealtert sein.

Dr. Constanze Rémi – Genau. Lauter Grauhaarige. In zehn Jahren… Ich kann natürlich jetzt gemein sein und einfach sagen, in zehn Jahren hoffe ich dann, die Ziele, die ich mir jetzt für in zehn Jahren gesetzt habe, erreicht habe. Sehr nebulös. Julia Rotherbl – Aber was wäre denn ein Ziel?

Dr. Constanze Rémi – Na ja, tatsächlich jetzt beruflich, ein ganz wichtiges Ziel ist, diesen Palliativpharmaziebereich noch mal gefestigt zu haben in der Palliativversorgung. Und zwar jetzt nicht nur hier bei uns am Klinikum, aber eben auch insgesamt in der, in der deutschen Palliativversorgung. Dass einfach ganz klar ist, sowohl den Apotheker_innen als auch den anderen an der Versorgung Beteiligten, die Pharmazie gehört einfach fest mit dazu. Dass wir in zehn Jahren, dass es da wirklich gar keinen Zweifel mehr daran gibt.

Anja Kopf – Also ich hoffe, dass dieser Podcast auf jeden Fall solange noch läuft. Die Einladung steht.

Dr. Constanze Rémi – Da bin ich ja dann gespannt, was… wie… also a) wie dieses Spiel dann in zehn Jahren heißt.

Julia Rotherbl – Genau.

Dr. Constanze Rémi – Und welche welche Satzanfänge die Julia dann noch bekommt.

Anja Kopf – Ja. Mhm… Das ist meine Aufgabe. Das überlege ich mir dann noch für die nächsten zehn Jahre. Ich danke euch beiden fürs Mitspielen und für diese sehr spaßige Runde diesmal.

Julia Rotherbl – Ja, hat wirklich Spaß gemacht. Danke, Anja.

ÜBER KOMPETENZBEREICHE UND DIE TRAUER

Julia Rotherbl – Genau, Constanze, ich würde gerne über dieses Thema multiprofessionelle Zusammenarbeit sprechen, weil ich das spannend finde und mir auch schon auch teilweise herausfordernd vorstelle. Wie erlebst du das denn? Und was sind - vielleicht auch für die jüngeren Zuhörerinnen und Zuhörer, die noch am Anfang stehen - so deine wichtigsten Learnings in diesem Bereich.

Dr. Constanze Rémi – Also das Allerwichtigste jetzt eben hier in diesem Krankenhauskontext ist, dass ich versuche, nicht hierarchisch zu denken. In den Krankenhäusern gibt es natürlich Hierarchien, aber es soll keine Berufsgruppen-Hierarchien geben bei den versorgenden Berufen. Wir Apothekerinnen haben, glaube ich, häufig die Tendenz, uns auf das ärztliche Personal zu konzentrieren. Aber viel wichtiger habe ich es von Anfang an erlebt - und das ist nach wie vor so - ist eigentlich die Pflege, weil die Pflege ist 24/7 anwesend in der Klinik. Die bekommen einfach den ganzen Tag, die ganze Woche mit, sind am nächsten am Patienten dran. Also das ist ein ganz wichtiger Aspekt, dass ich auch mit der Pflege kommuniziere. Und das andere ist, dass ich mir immer wieder bewusst machen muss, dass jede Berufsgruppe ebenso ihre eigene fachliche Expertise hat. Genauso wie ich eben nicht Medizin studiert habe, keine Ärztin bin, ist eben der Arzt, die Ärztin auch keine Apothekerin. Und da eben meine fachlichen Grenzen zu kennen, aber eben auch zu wissen, was ich kann, ja.

Julia Rotherbl – Was machst du denn, wenn jemand diese Grenzen, Kompetenzgrenzen, Kompetenzbereiche quasi, nicht respektiert oder deinen Kompetenzbereich über- oder unterschätzt? Wie geht man damit um?

Dr. Constanze Rémi – Also ich finde, dass eine Skepsis erst mal was ganz gesundes ist, ja. Und wenn ich jedem dahergelaufenen - so jetzt mal so salopp formuliert -gleich total vertrauen würde, auch in der Fachlichkeit, dann würde ja auch was nicht stimmen. Also ich würde immer dafür plädieren, erst mal wirklich dem anderen die Möglichkeit zu geben, einzuschätzen, was ich kann, was meine Aufgaben sind. Und wenn ich aber dann merke, dass meine Fachlichkeit angezweifelt wird, dass Grenzen überschritten werden, dann würde ich es auch explizit ansprechen und noch mal sagen, was meine Aufgaben sind, aber auch selber formulieren „Okay, ich bin eben nicht die Ärztin, ich stell keine Diagnosen.“ Ich kann Nachfragen stellen zu Diagnosen, aber ich stelle keine Diagnosen und ich bin auch nicht diejenige, die dann entscheidet, ja, wir geben das Medikament oder wir geben es nicht. Ich kann nur Empfehlungen aussprechen.

Julia Rotherbl – Wie ist es denn generell Entscheidungen zu treffen in diesem Feld? Also, es ist noch ein relativ junges Feld, das heißt - ich gehe mal davon aus, dass auch die Forschung dazu relativ jung ist. Und ich weiß auch aus dem, was ich über dich recherchiert habe, dass dort zum Beispiel auch viel im Off Label Use natürlich verschrieben wird. Also das heißt, man hat auf der einen Seite irgendwie einen Spielraum. Auf der anderen Seite geht man vielleicht auch Risiken ein. Wie wägst du hier Entscheidungen ab? Oder Empfehlungen zu Entscheidungen ab?

Dr. Constanze Rémi – Ja. Also Forschung ist nicht nur jung, sondern ist in der Palliativversorgung einfach sehr herausfordernd auch. Aufgrund des Patientinnenkollektivs, wirklich Menschen am Lebensende, da ist Forschung -abgesehen von ethischen Aspekten - einfach sehr herausfordernd. Insofern passiert Forschung auch langsamer. Für mich ist wahrscheinlich genau eben diese Unsicherheit der Reiz auch, als Apothekerin in der Palliativversorgung zu arbeiten, weil ich eben sehr dafür bin, dass wir eben auch Entscheidungen treffen müssen, selbst wenn es keine großen Studiendaten zu irgendeiner Therapie gibt, sondern wenn es, wenn wir vor uns einen leidenden Menschen haben. Was ich da unglaublich schätze, ist eben dieses gemeinsame Denken. Dass ich einfach aus meiner pharmazeutischen sich zum Beispiel mir überlege, okay, was gäbe es jetzt vielleicht für Optionen und das aber dann eben auch von den Ärztinnen, vom Pflegepersonal auch noch mal Gedanken mit reinkommen. Und eben bei aller Unsicherheit finde ich das eben wahnsinnig bereichernd, weil ich da wirklich mein pharmazeutisches Fachwissen komplett einbringen kann, eben ohne dass ich sagen kann, okay, hier ist auch diese Studie, sondern dass ich überlege, okay, einfach aus pharmazeutischen Überlegungen macht es Sinn oder macht keinen Sinn.

Julia Rotherbl – Also man merkt schon, dass aus dem wie du erzählst und wie du sprichst, dass du sehr für diesen Bereich brennst. Ich würde gerne die Frage stellen, warum du dir ausgerechnet ein Feld ausgesucht hast, wo vielleicht manch andere sagen würden, da kann man jetzt ja eh nicht mehr viel machen. Also in vielen anderen Folgen, wenn man die Gästinnen fragt, was an ihrem Fachgebiet so toll ist, dann kommt natürlich in unterschiedlichen Varianten die Antwort „Ich kann dem Patienten ganz toll helfen. Wenn ich den dann operiert habe und den eine Woche später über den Gang gehen sehe, dann ist das für mich ein totales Erfolgserlebnis“. Warum machst du dir also ein Feld ausgesucht, wo so ein Erfolgserlebnis eigentlich nicht möglich ist?

Dr. Constanze Rémi – Da muss ich sagen, definiere Erfolgserlebnis.

Julia Rotherbl – Ja, deswegen hab ich gesagt, so ein Erfolgserlebnis.

Dr. Constanze Rémi – Genau. Also ich finde tatsächlich auf der einen Seite das Schöne - auch wenn es vielleicht für manche so ein bisschen komisch klingt - aber das Schöne an der Palliativversorgung, dass klar ist, wo es hingeht. Es ist eben nicht so, dieses Schwanken, Leben, Tod, sondern es ist klar, in welche Richtung es geht. Wir versorgen Patient_innen mit lebensbedrohlichen Erkrankungen, die in der Regel relativ bald versterben werden. Also das ist einfach ausgesprochen, das ist klar. Und da eben mitunter durch Kleinigkeiten für diese Menschen und aber auch ihre Familien so unglaublich viel zu verändern, ist wahnsinnig bereichernd für mich. Wo so viele andere Dinge, materielle und so weiter, so wichtig sind, ist eben bei uns in den meisten Fällen gar nicht mehr wichtig, sondern es geht einfach um das Leben. Darum, die verbleibende Zeit so gut wie möglich zu gestalten. Und es ist egal, ob es mehrere Stunden oder mehrere Monate sind. Und da eben mit zu unterstützen, ist für mich, ja, immer wieder ein ganz großer Antrieb. Dann nehme ich… lerne ich für mein eigenes Leben ganz, ganz viel.

Julia Rotherbl – Ich finde‘s schön, dass du sagst, dass es bei euch ums Leben geht. Egal ob noch ein Monat oder ein Jahr oder eine Woche. Aber am Ende geht es ja doch auch darum, jemanden beim Sterben zu begleiten. Wie gehst du denn mit dem Thema Trauer um? Wie nimmst du das mit nach Hause oder nicht mit nach Hause?

Dr. Constanze Rémi – Also ich nehme sehr wohl auch was mit nach Hause. Das finde ich tatsächlich ganz entscheidend für meine Arbeit und das ist auch was… Ich frage mich ja regelmäßig, ob mein Job noch der Richtige für mich ist. Und zwar eben gerade, wenn wir Patient_innen hier bei uns auch Stationen versorgen, wenn ich Menschen hier mitbegleite, die mich in besonderer Weise berühren. Und da frage ich mich dann immer wieder, ist es noch das Richtige für mich? Und tatsächlich finde ich es ganz entscheidend, dass ich nicht jeden mit nach Hause nehme, also dass es weder das eine noch das andere Extrem ist, um da ein gutes Gleichgewicht zu haben. Und für mich ist es wichtig, dass mir immer wieder bewusst ist - und das ist Gott sei Dank der Fall - dass ich mit Menschen zu tun habe und dass da auch Trauer was ganz Normales ist. Also, dass ich schon bestürzt bin bei Patienten, wenn sie versterben, bei anderen auch wieder mich einfach freue, dass sie jetzt gehen durften. Also, dass ich diese Emotionen auch zulasse, dass es einfach sich einfügt in alle anderen Emotionen auch.

Julia Rotherbl – Constanze, ich freue mich sehr, dass du meine Gästin warst. Es war ein tolles Gespräch und wer weiß, vielleicht in zehn Jahren… Wie gesagt, die Einladung steht. Dankeschön.

Dr. Constanze Rémi – Vielen Dank. Danke. Hat sehr viel Spaß gemacht.

VERABSCHIEDUNG

Julia Rotherbl – Wer Fan dieses Podcast ist und auch Lust hat auf ein paar Blicke hinter die Kulissen oder keine Folge verpassen will und entsprechende Vorankündigungen schätzt, der kann mir gerne folgen auf Instagram unter Julia.Rotherbl. Dort mache ich genau das. Ich versuche den Podcast und das Thema dahinter, das mir sehr wichtig ist, zu promoten, zu pushen und freue mich über jeden, der mir folgt. Dieser Podcast erscheint alle 14 Tage neu, immer montags.

Sprecherin - Ein Podcast von gesundheit-hören.de. Und Apotheken Umschau Pro.

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