Warum 80-Stunden-Woche und Work-Life-Balance kein Widerspruch ist
Shownotes
„Manche denken, man kann Karriere machen zwischen 8 und 16 Uhr. Aber das wird nie der Fall sein“, sagt Professorin Dr. Angelika Eggert, Kinderonkologin und Gästin in dieser Folge. Als Direktorin der Klinik für Pädiatrie an der Charité Berlin arbeitet sie mit Patientinnen und Patienten zusammen, forscht, lehrt und leitet die Klinik - was gerne mal 80 Stunden in der Woche ausfüllt. Wie "work" und "life" für sie zusammenpassen und warum die Arbeit in der Kinderonkologie sie gelehrt hat, sich nicht über "jeden Fleck an der Wand" aufzuregen, erzählt sie Host Julia Rotherbl in dieser Folge.
Im Podcast "Frau Doktor, übernehmen Sie!" erzählen Frauen aus der Medizinbranche, wie sie dort Karriere gemacht haben. Dazu spricht Julia Rotherbl, Chefredakteurin der "Apotheken Umschau", mit Frauen, die in Führungspositionen arbeiten, die Herausforderungen gemeistert haben oder an ihnen gescheitert sind. Es geht um Themen wie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Sexismus, männliche Netzwerke, mangelnde Vorbilder oder verschiedene Arbeitsmodelle. Das Ziel: Euch zu inspirieren und ermutigen, euren eigenen Weg zu finden.
Montags alle 14 Tage erscheint eine neue Folge. Habt Ihr Fragen, Anregungen oder Kritik? Dann schreibt uns gerne an redaktion@gesundheit-hoeren.de
Redaktion: Julia Rotherbl, Anja Kopf Schnitt und Post-Produktion: Yves Seissler, Anja Kopf Managing Editor Audio: Peter Glück
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Transkript anzeigen
Angelika Eggert - Also ich glaube, wenn das, was man macht, einem wirklich Spaß, dann kommt der Gedanke an Grenzen setzen überhaupt nicht auf. Ich verstehe auch das Wort „Work-Life-Balance“ nicht. Weil, Work ist für mich Teil des Life. Und wenn ich daran keinen Spaß hätte, wäre, glaube ich, der Moment gekommen, in dem ich etwas anderes mache.
Sprecherin - Frau Doktor, übernehmen Sie.
Julia Rotherbl - Herzlich willkommen zu Folge 28 von „Frau Doktor, übernehmen Sie!“ 28 Folgen, das bedeutet, 28 ganz tolle, inspirierende, spannende Gäste rund um den Themenbereich Frauen in der Medizin. Ich bin Julia Rotherbl, Chefredakteurin der Apotheken Umschau und ich hoste diesen Podcast. Und ich muss zugeben, dass man sich als Host nicht ganz davon freimachen kann, dass einem manche Gästinnen besonders im Gedächtnis bleiben und einen selbst auch besonders beeindrucken. Und genau das ist passiert bei Folge 28. Also, bleibt dran. Es ist eine ganz tolle Folge.
Sprecherin - Ein Podcast von gesundheit-hören.de. Und Apotheken Umschau Pro.
80-STUNDEN-WOCHE UND WORK-LIFE-BALANCE
Julia Rotherbl - Meine Gästin heute ist Professorin Dr. Angelika Eggert, Kinderonkologin und Direktorin der Klinik für Pädiatrie an der Charité Berlin. Sie hat gesagt, wir dürfen uns gerne duzen. Das freut mich sehr. Ich freue mich, dass du da bist, Angelika.
Angelika Eggert – Sehr gerne.
Julia Rotherbl - Angelika, ich bin auf dich gestoßen über einen TV-Beitrag. Der lief im ZDF und hieß „Leading Women“. Und ganz viele Zitate dort von dir haben mich beeindruckt. Aber eines ist hängengeblieben, das würde ich gerne kurz vorlesen. „Man opfert schon einen großen Teil des Privatlebens und man opfert Zeit. Und das ist etwas, was junge Kolleginnen und Kollegen nicht verstehen. Man denkt, man kann Karriere machen zwischen 8 und 16 Uhr. Das wird nie der Fall sein.“ Ich würde gerne an dieses Zitat die Frage anschließen, wie denn dein Arbeitsalltag aussieht. Wann fängst du an, wann hörst du auf, wie viele Stunden arbeitest du in der Woche? Kannst du uns kurz mal mitnehmen?
Angelika Eggert - Ja mein, mein Arbeitsalltag ist schon sehr aufwendig. Das liegt aber auch an meiner eigenen Unruhe, mich breit beschäftigen zu wollen und an der Unfähigkeit, zu manchen dann inhaltlich spannenden Angeboten Nein zu sagen. Also, meine Arbeitswoche umfasst schon mit allem, was ich auch zu Hause dann noch am Schreibtisch dazu tue, um die 80 Stunden pro Woche. Und das muss, glaube ich, in der Ausdehnung nicht sein. Aber dass man mit einer 38,5-Wochenstunden-Zeit die Dinge karrieretechnisch in den Griff bekommt, das kann ich mir nicht vorstellen. Und ich kenne auch kein Beispiel in meinem Umfeld, wo jemand pünktlich auf die Uhr schaut und pünktlich nach Hause geht und dann trotzdem noch im Berufsleben, das karrieretechnisch reibungslos läuft. Aber die Frage ist ja auch, wie definiere ich Karriere und was soll es denn sein? Muss das so breit sein wie das, was ich mache? Muss es die Kombination sein von Klinik, von Forschung, von Management, von Lehre? Oder möchte ich mich vielleicht auch auf einen Teilaspekt fokussieren? Und in dem Moment, wo ich diese Entscheidung treffe, klappt das natürlich schon in einer normalen Stunden-Wochen-Zahl. Ich denke, das hat jeder in der eigenen Hand zu definieren, wie breit und wie tief will ich mich engagieren beruflich. Und zu dieser Entscheidung muss dann das Zeitfenster passen. Umgekehrt wird kein Schuh draus.
Julia Rotherbl - Die 80 Stunden pro Woche, war das schon immer so? Oder ist es… gab‘s Phasen, wo du sagst in deiner Karriere, da hast du noch mehr gearbeitet? Gab es Phasen, wo du klarere Grenzen gesetzt hast und weniger Stunden pro Woche gearbeitet hast?
Angelika Eggert - Also ich glaube, wenn das, was man macht, einem wirklich Spaß, dann kommt der Gedanke an Grenzen setzen überhaupt nicht auf. Ich verstehe auch das Wort „Work-Life-Balance“ nicht. Weil, Work ist für mich Teil des Life. Und wenn ich daran keinen Spaß hätte und denken würde, jetzt muss ich mich dahinquälen oder jetzt muss ich dieses oder jenes machen und, wäre, glaube ich, der Moment gekommen, in dem ich etwas anderes mache. Und natürlich gab‘s andere Zeiten. Also, ich muss sagen, ich habe ein Studium gehabt, da haben wir mehr gefeiert als gelernt und das war auch gut so und wir hatten ein sehr aktives Partyleben. Ich habe auch nur durchschnittliche Zensuren im Studium, weil man dann einfach nicht erwarten kann, wenn man nicht viel Zeit investiert, dass die besten Zensuren dabei rauskommen. Aber nach dem Studium in meiner Assistenzarzt-Zeit habe ich dann gemerkt, mich interessiert nicht nur das gut zu machen, was der Stand des Wissens ist, sondern es interessiert mich auch, den Stand des Wissens zu verschieben. Und das kann man nur, wenn man Forschung macht und selber wissenschaftlich aktiv ist, um dann Dinge auszuprobieren, die neu sind und auch Wege zu gehen für Patienten, die eben noch nicht so der Standardweg sind. Und das hat mich interessiert und herausgefordert. Und in dem Moment, wo man das machen möchte und sich dann mit Forschung beschäftigt, muss man dem auch eine eigene Zeit widmen. Das habe ich dann auch während meiner Postdoc-Zeit in den USA gemacht, also drei Jahre lang ausschließlich geforscht und keinen einzigen Patienten gesehen. Und auch das war gut, um das vertiefen zu können und um in dieses Feld als Mediziner überhaupt richtig reinzukommen. Ja, und dann zu… wieder zurück, da hat dann schon die intensive Arbeit angefangen und ich glaube, seitdem arbeite ich auch ungefähr 80 Stunden pro Woche. Mit unterschiedlichen Anteilen. Das war am Anfang mehr Patientenversorgung, dann auch mal wieder mehr Forschung. Im Moment ist es auch sehr viel Management. Das ändert sich im Laufe des Lebens.
Julia Rotherbl - Du bist ja jetzt auch Führungsperson. Dieses Thema Work-Life-Balance ist ja schon eins, was gerade die jüngere Generation auch dezidiert einfordert. Wie setzt du denn das als Vorgesetzte, als Führungskraft jetzt um, was dein Team anbelangt in Sachen Vereinbarkeit, Teilzeitmodelle. Wie gehst du damit um?
Angelika Eggert - Das muss man natürlich anbieten. Und die Art, wie man arbeitet und auch der Zeitumfang muss zu dem eigenen Lebensmodell passen. Wenn das vollkommen gegenläufig ist, wird das nicht funktionieren und das führt auch zu Frustration. Und man muss dann aber auch realistisch sehen, was kann ich in der Zeit - wenn es eine reduzierte Zeiteinheit ist - schaffen und kann ich dann auch auf etwas fokussieren, damit es sich mit dieser reduzierten Zeiteinheit deckt? Und was ich nur so schwierig finde, ist, dass manche denken, man hat dieses reduzierte Zeitfenster, aber es passt trotzdem alles rein und das geht dann nicht und führt dann auch zu Frust, weil das einfach nicht umzusetzen ist. Diese Rolle sehe ich schon auch bei mir als Chefärztin und als Mentorin meines Teams, das solche Gespräche mit mir geführt werden können und auch Überlegungen mit mir gemeinsam reflektiert werden können. Was ist realistisch, was geht, was kann man in welchem Zeitfenster angehen? Wie viel Zeit muss man sich dafür nehmen? Wie kann man das auch clever miteinander verschachteln? Das sind Überlegungen, die man gut mit jemandem anstellen kann, der schon ein bisschen mehr Berufserfahrung hat. Und dann findet man auch vielleicht schneller den Weg. Und man kann grundsätzlich keinen Rat geben, was der richtige Weg ist. Den gibt‘s nicht. Es gibt den richtigen Weg für jeden Einzelnen, aber den kann jeder nur selber für sich finden und definieren. Da kann jemand anders nicht beraten. Das muss man selber rausfinden.
Julia Rotherbl - Auch, wenn es jetzt quasi immer nur die individuelle Lösung gibt, gibt‘s trotzdem Fragen, wo du sagst, das sind Fragen, da kommen viele junge Kolleginnen und Kollegen zu mir?
Angelika Eggert - Ja, diese Vereinbarkeit von Familie und den Arbeitsverpflichtungen ist natürlich immer eine Frage, für die man dann auch die richtigen Modelle schaffen muss. Und natürlich auch andere Themen. Als Frau arbeitet man etwas anders und führt auch anders. Und das richtig in Szene zu setzen und sich auch zuzutrauen, sich selbst darzustellen und das, was man kann, die eigenen Stärken nach vorne zu bringen und sich nicht selber immer auf die Schwächen zu fokussieren. Also da auch das richtige Selbstbewusstsein aufzubauen, was dann auch in einer Männerwelt gesehen wird. Das sind schon Themen, die man auch miteinander besprechen muss. Aber meistens sind es die ganz praktischen, ganz logistischen Dinge. Wie kann man den Alltag so organisieren, dass die Dinge, die man machen will, auch zusammenpassen? Und bei der Frage, wie vereinbar ich Alltag mit Kindern, kann ich auch nicht beitragen, weil ich keine eigenen Kinder habe und mir auch tatsächlich nur schwer vorstellen könnte, wie mein Arbeitsalltag mit kleinen Kindern in Einklang zu bringen wäre. Aber auch das - ich habe Kolleginnen, die das schaffen und die da wunderbare Rollenmodelle sind und das ist alles eine Frage der Organisation.
Julia Rotherbl - Weil du gerade das Thema nach außen tragen… Du machst einen selbstbewussten und vor allem einen Eindruck, als würdest du sehr in dir ruhen und dir sehr bewusst sein, was du kannst. Wie bist du dort hingekommen? Gab‘s irgendwie ein Vorbild? Gab‘s den einen Ratschlag?
Angelika Eggert - Also tatsächlich war das die Zeit in Amerika, weil dort eine ganz andere Einstellung zu Lehre, zu Weiterbildung ist. Und man wird auf eine ganz andere Art und Weise ermuntert, selbstsicher zu sein und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu haben. Und man wird auch sehr früh mit an den Tisch genommen, wenn beispielsweise Gastprofessoren kommen. Ich war gerade zwei Wochen da, da wurde ich in so eine Diskussionsrunde eingeladen. Und da haben wir in Deutschland manchmal noch zu starke Hierarchien und beziehen die jungen Kolleginnen und auch Kollegen nicht früh genug mit ein und trauen ihnen diese gestalterische Freiheit nicht zu, die man ihnen aber in die Hand geben muss, damit sie sich auch gut entwickeln können. Und in Amerika wird man dazu in ganz anderer Weise ermuntert. Und am Anfang, wenn man die ersten Leistungen vorzeigt, die können total durchschnittlich sein und trotzdem sagen alle „Hey! Outstanding! Wonderful!“ Und das ist einfach auch… Dieses Loben ist sehr viel ausgeprägter als bei uns in Deutschland. Also, wir haben ja manchmal Konstrukte, gerade in unseren Kliniken - Wenn nicht gemeckert wird, ist das schon das größte Lob, was man erwarten kann. Und das ist, das ist eine kulturelle Frage. Das machen unsere amerikanischen Kolleginnen und Kollegen sehr viel besser als wir. Und ich habe davon profitiert, indem ich drei Jahre dort forschen durfte und diese Mentalität und Kultur eben dann auch kennenlernen durfte und bin mit einem ganz, ganz anderen Selbstbewusstsein zurückgekommen und hab am Anfang war ich zurückhaltend und habe gedacht, wenn ich damit jetzt komme in meine eigene Klinik, die ja doch der deutschen Hierarchie irgendwie verpflichtet ist, vielleicht finden meine Kollegen das blöd, wenn ich da jetzt so vehement auftrete oder auch ungefragt meine Meinung sage und einfach weiter so lebe, wie ich das in den USA gelernt habe. Und hab dann aber festgestellt, dass das im Gegenteil sehr gut ankommt und dass plötzlich, wenn man seine Meinung ungefragt sagt, man dann auch öfter gefragt wird. Das war mir vorher gar nicht so klar. Aber dass, dass in der Tat, glaube ich, schadet keinem. Und wenn man das irgendwie in sich entdecken und stärken kann, sei es durch das äußere Umfeld oder indem man es selber entdeckt, ist es total hilfreich.
Julia Rotherbl - Also, du würdest jetzt jungen Kolleginnen und Kollegen auch durchaus dazu raten, diese Freiheit und dieses Feedback einzufordern?
Angelika Eggert - Unbedingt.
Julia Rotherbl - Also, man fühlt sich als Vorgesetzter oder als Vorgesetzte dann nicht auf die Füße getreten?
Angelika Eggert - Na, ich glaube tatsächlich, dass einige Kolleginnen und Kollegen gar nicht bemerken, dass diese Notwendigkeit besteht. Vielleicht auch, weil sie es selber in ihrer Ausbildung nicht kennengelernt haben und dann das Verständnis dafür gar nicht da ist. Aber nicht aus bösem Willen, sondern weil übersehen wird, dass das wichtig ist. Und in dem Moment, wo man es einfordert, rückt man da vielleicht in die Aufmerksamkeitsschwelle und das ist gut.
DAS „ICH WÜRDE SAGEN SPIEL“
Julia Rotherbl - Angelika, ich würde gerne mit dir darüber reden als nächstes, wie du auf die Kinderonkologie gekommen bist. Aber vorher spielen wir ein kleines Spiel. Das spielen wir immer in diesem Podcast und dazu lade ich jetzt kurz die Anja, unsere Podcast-Redakteurin ein. Hi Anja.
Anja Kopf - Hallo zusammen. Ja…
Angelika Eggert - Hallo.
Anja Kopf - Ich habe da immer so meinen kleinen Zwischenauftritt, weil ich für euch beide Satzanfänge mitgebracht habe, die ihr als ganze Sätze vervollständigen dürft. Ich würde gerne wissen, ob ihr noch Fragen zu diesem Spiel habe oder ob‘s eigentlich relativ offensichtlich ist, was sie machen dürft.
Angelika Eggert - Klingt klar.
Julia Rotherbl - Klar, gell?
Anja Kopf - Gut, dann geht auch der erste Satzanfang schon, Angelika, an dich, an unsere Gästin. „Ich starte den Tag mit...“
Angelika Eggert - Ich starte den Tag auf jeden Fall mit einem Kaffee. Denn ohne Kaffee läuft nichts.
Julia Rotherbl - Das ist bei mir auch so. Ich habe ja auch einen stehen.
Anja Kopf - Okay, ich hätte… Ich warte immer noch auf den Tag, dass mir irgendjemand sagt, ich starte den Tag mit einem Tee. Aber ich glaube, das wird nicht kommen. Julia…
Julia Rotherbl - Ja.
Anja Kopf - Der nächste Satz für dich. „Pausen mache ich…“
Julia Rotherbl - … zu wenig. Definitiv. Also, vor allem jetzt, wenn ich viel im Homeoffice bin, mache ich quasi die Pause am Laptop und ess da was oder trink was und, ähm, ja… Definitiv zu wenig.
Anja Kopf - Also de facto gar keine Pause.
Julia Rotherbl - Manchmal tatsächlich dann merke ich am Abend dann, dass keine richtige Pause stattgefunden hat. Ja.
Anja Kopf - Ich sehe gerade an Angelikas Gesicht, dass ihr das ein bisschen bekannt vorkommt, vielleicht?
Angelika Eggert - Doch, ich habe gerade so gedacht, wie würde ich die Frage beantworten und habe gedacht, ich würde sagen, im Auto. Weil, das ist Zeit, die muss man irgendwie überbrücken und kann auch mal nachdenken und die Musik anmachen. Und ansonsten dann doch eher am späten Abend, weil irgendeine Pause muss natürlich sein. Aber zwischendrin habe ich tatsächlich auch nicht die Zeit.
Anja Kopf - Ja, wobei wir ja eigentlich alle inzwischen wissen, dass Pausen schon irgendwie notwendig ist.
Angelika Eggert - Ja klar.
Anja Kopf - Aber so einfach wahnsinnig schwierig zu nehmen, kann ich auch aus Erfahrung sagen. Gut. Angelika, der nächste Satz. „Wenn ich an den Beruf denke, bedeutet Team für mich...“
Angelika Eggert - … das absolut Wichtigste an der ganzen Arbeit. Gerade wenn man in der Medizin arbeitet, geht ohne Teamarbeit nichts. Interdisziplinär und das betrifft auch die Wissenschaft. Team ist das essentielle Wort. Also wenn ich ein Wort aussuchen sollte, was wichtig ist für die Arbeit, wäre das Team.
Julia Rotherbl - Volltreffer, Anja.
Anja Kopf - Ja, ja, ja, mhm. Julia. „Als Mann…“
Julia Rotherbl - Oh Gott. Okay… Nur die zwei Wörter? Als Mann…
Anja Kopf - Es muss ein bisschen schwieriger für dich werden langsam. Du bist ja schon ein Profi in dem Spiel.
Julia Rotherbl - Als Mann…
Anja Kopf - Hey, da kann man super viel sagen.
Julia Rotherbl - Okay, also ich hoffe, dass ich mich als Mann von dem ganzen Thema Frauenförderung, Parität nicht zu angegriffen fühlen würde, wie es viele Männer momentan meiner Meinung nach tun. Ja.
Anja Kopf - Mhm, gut. Der letzte Satz, Angelika, der geht an dich nochmal. „Mein bisher mutigster Schritt im Arbeitsleben...“
Angelika Eggert - … war, an einem Vorgesetzten Kritik zu üben. Was man manchmal leider machen muss.
Julia Rotherbl - Wie ist es ausgegangen?
Angelika Eggert - Ähm, es hat schon eine Leidensphase danach begonnen, die dann aber irgendwann auch beendet war und darin resultiert ist, dass ich langfristiger den Respekt aller meiner Kolleginnen und Kollegen für diese Kritik hatte, die sie nämlich nachvollziehen konnten. Und selbst wenn man dann persönlich mal unter dieser Aktion leidet, kommt zum Schluss immer was Positives dabei raus.
Anja Kopf - Finde ich an der Stelle auch noch mal - auch zu dem, was wir vorhin gesagt habt – irgendwie einen total guten Aufruf, mal mutig zu sein, auch wenn man weiß, dass das kurzfristig vielleicht unangenehm sein kann, aber es langfristig dann doch irgendwie echt einen Benefit für einen selber und für andere bringen kann. Gut super. Mit ein paar mehr neuen Erkenntnissen meinerseits, zumindest auch über euch, würde ich dann dieses Spiel auch wieder beenden und in Teil 2 des Gesprächs überleiten. Und ich sag, vielen Dank fürs Mitmachen.
Angelika Eggert - Vielen Dank!
Julia Rotherbl - Danke Anja!
DER WEG ZUR KINDERONKOLOGIN
Julia Rotherbl - Angelika, du hast vorher schon angedeutet, du arbeitest an so einer Schnittstelle irgendwie zwischen Forschung und praktische Anwendung. So habe ich das zumindest auch verstanden, in allem, was ich über dich gelesen habe. Wie bist du zu dem gekommen, was du heute machst? Wie hast du erkannt, was genau dir Spaß macht und wo deine Talente liegen?
Angelika Eggert - Also mal zurückgeblickt ins Studium, mit Kindern wollte ich immer schon arbeiten. Ich finde Kinder großartig. Die sind total ehrlich, direkt, unverfälscht, authentisch und das macht wahnsinnig Spaß, egal in welchem Berufsfeld, mit Kindern zu arbeiten, das war klar. Medizin war irgendwie auch klar. Das hat mich interessiert und im Studium tatsächlich dann auch das Bemerken, dass das Fachgebiet Onkologie mich am meisten interessiert, weil man da einfach so viele spannende Fragen hat, die noch nicht beantwortet sind und das ganze Fach auch sehr vielfältig ist. Und habe dann am Ende des Studiums gesagt, entweder Pädiatrie, also Kinderheilkunde, oder Onkologie oder am allerbesten beides. Und bin dann im Rahmen der Facharztausbildung Pädiatrie natürlich auch in die Onkologie rotiert und bin dann auch dabei geblieben und bin am Ende der Facharztausbildung, weil ich gesehen habe, alleine Patientenversorgung ist schön, aber ich möchte was an Neuem, an Innovation auch in den Arbeitsalltag bringen. Und dann muss man eben auch Wissenschaft und Forschung für sich selbst in Angriff nehmen. Und bin dann eben mit einem Stipendium der Deutschen Krebshilfe nach Philadelphia gegangen für drei Jahre, um da eben ausschließlich zu forschen. Und das war dann so ein Wendepunkt. Einmal war die Frage nach drei Jahren USA, möchte man bleiben. Das war gar nicht so leicht, dazu ja oder nein zu sagen. Ich habe mich dann doch für Europa entschieden. Auch das habe ich nicht bereut. Und die zweite Frage war dann - weil ich so viel Spaß an der Forschung gefunden habe - will ich vielleicht nur noch Forschung machen. Das hätte ich mir vorher nicht vorstellen können und habe dann aber gesagt, eigentlich fand ich vorher die Patientenversorgung ganz toll. Jetzt finde ich die Forschung ganz toll. Am liebsten möchte ich beides miteinander verbinden und das habe ich dann auch gemacht. Und glücklicherweise hat das funktioniert. Und über die Zeit ist das dann immer mal etwas mehr aus der einen Richtung oder etwas mehr aus der anderen. Aber man lässt… das lässt sich schon sehr gut verbinden und macht auch beides Spaß.
Julia Rotherbl - Angelika, hast du diese Entscheidungen mit dir selbst ausgemacht oder ge… Hast… Also, wer hat dir dabei geholfen, diese Entscheidungen zu treffen? Zum Beispiel Amerika oder Europa.
Angelika Eggert - Nee, ich hab alle diese Entscheidungen mit mir selbst ausgemacht. Ich habe eine einzige Entscheidung in meinem Leben, wo ich mir Rat eingeholt habe, weil ich extrem unsicher war. Ich hatte zwei Rufe auf eine W3-Professur zeitgleich. Das eine zu Hause in Essen, wo ich quasi aufgewachsen bin in der Klinik und mich sehr gut auskannte und das andere an der MHH in Hannover. Und das war eine sehr, sehr schwierige Entscheidung. Beides sehr attraktive Stellen, gut ausgestattet und da habe ich mich sehr schwergetan. Und dann haben alle Rat gegeben, ja, mach eine Plus-Minus-Liste. Ja, habe ich gemacht. Zum Schluss kam aber irgendwie auch nichts dabei raus. Und dann habe ich eine alte amerikanische Mentorin, die ich in der USA -Zeit sehr gut kennengelernt und schätzen gelernt habe, gefragt, was sie machen würde. Und dann hat sie gesagt „Wirf eine Münze“. Da war ich ganz überrascht und hat gesagt „Ich kann doch jetzt nicht einfach eine Münze werfen“. Dann hat sie gesagt „Doch, weil in dem Moment, wo du die Münze wirfst, wird dein Unterbewusstsein und dein Bauchgefühl dir sagen, was richtig ist. Wenn du nämlich den Impuls hast, du möchtest noch mal werfen, dann ist die andere Entscheidung die richtige. Und wenn du denkst ‚Oh super, ich nehme das so…‘“ So trivial sich das anhört, das hat wirklich funktioniert. Und das fand ich einen, einen sehr ungewöhnlichen Rat. Aber ich habe dann im Ausprobieren gemerkt, der ist gar nicht so schlecht und man kann auch auf diese Art zu richtigen Entscheidungen kommen.
Julia Rotherbl - Angelika, als ich gehört habe Kinderonkologie… Also, ich bin Mama einer achtjährigen Tochter. Und ich weiß natürlich als Medizinjournalistin auf der einen Seite, dass die Überlebenschancen für Kinder, die an Krebs erkranken, häufig zumindest größer sind als für viele Krebsarten im Erwachsenenalter. Ich weiß aber auch, dass das für mich keine Rolle spielen würde in dem Moment, in dem ich die Diagnose für mein Kind erhalten würde. Du kommst jetzt glaube ich auch gerade aus einem schwierigen Elterngespräch und für mich stellt sich die Frage - Wie gehst du mit diesen Themen um? Wie nimmst du das nicht mit nach Hause oder nimmst du es sowieso mit nach Hause? Wie arbeitest du das auch psychisch für dich selber, diese Fälle, mit denen du beruflich zu tun hast?
Angelika Eggert - Also, das sind natürlich schwierige Fälle und das bleiben sie auch. Und natürlich nimmt man das mit nach Hause. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, wer das nicht mehr mit nach Hause nimmt, bei dem ist irgendwie unterwegs was schiefgelaufen und der ist dann vielleicht auch gar nicht mehr geeignet, diesen Beruf mit der Empathie, die das erfordert, machen zu können. Nein, natürlich nimmt man das mit nach Hause. Da muss jeder für sich den Weg finden, wie er damit am besten umgeht. Mein Weg sind private Gespräche im privaten Umfeld. Andere suchen sich auch eine professionelle Supervision. Das wäre jetzt nicht mein Weg, aber auch da muss jeder eben seinen Weg finden. Mit Kollegen kann man natürlich auch darüber sprechen. Das tun wir auch häufig, wenn es schwierige Fälle zu verdauen gibt. Und letztendlich ist es ja so, dass man schon am Anfang mal mit der Optimistenbrille darüber schauen muss. Die Heilungsraten insgesamt liegen in Deutschland bei 82 Prozent im Durchschnitt über alles. Und Heilungsrate heißt wirklich auch gesund. Und in dem Moment, wo ein Kind bei uns zur Tür reinkommt mit der Erstdiagnose ist das für die Eltern ein großer Schock. Aber in dem Moment hat man in der Regel etwas anzubieten und eine realistische Aussicht für das Kind, gesund zu werden. Das zu vermitteln, glaube ich, fällt uns als Profis gar nicht schwer. Schwierig wird es eigentlich in dem Moment, wo ein Rückfall der Erkrankung kommt, wo man die Familie und das Kind auch schon sehr gut kennt, weil man es lange begleitet hat und man dann vielleicht irgendwann in einer Situation ist, wo man, egal wie gerne man das möchte, nichts mehr anzubieten hat. Und manche dieser Situationen sind trotzdem unglaublich ermutigend, weil wir manchmal Dinge ausprobieren, die vielleicht nicht die Durchschnittsklinik so ausprobieren würde und ganz innovative, dann aber auch risikoreiche Wege gehen. Und manchmal funktioniert das und das ist überhaupt das beste Erlebnis an meinem Berufsalltag. Das kann Management nicht geben, Wissenschaft nicht geben, Lehre nicht geben. Das sind Dinge, wo andere gesagt haben, da braucht ihr gar nicht erst anzufangen, dieses Kind wird sterben. Und wir schaffen das gegen jede Wahrscheinlichkeit. Das ist toll. Das sind die besten Erlebnisse in unserem Berufsalltag, die man haben kann. Aber natürlich klappt das auch nicht immer. Egal, wie sehr wir uns bemühen und egal wie viel, ja, verschiedene Dinge und innovative Dinge wir ausprobieren. Natürlich versterben Kinder an einer Krebserkrankung und das wird immer eine Belastung sein. Was alle meine Mitarbeiterinnen sagen, unser ganzes Team sagt, was man aber lernen kann in unserem Berufsalltag, ist, dass wir bewerten können, was wichtig ist und was nicht wichtig ist. Das heißt, triviale Dinge, die im Alltag so auf einen treffen und die man normalerweise als Ärgernis empfindet, da ist es doch in der Regel so, dass wir drüber lächeln und dann denken, ja, was wir heute auf der Station gesehen haben, war aber eine ganz andere Nummer. Und ich werde öfter angesprochen von Handwerkern, wenn irgendwas schief geht, dass ich da relativ gelassen reagiere und die fragen dann „Wie kommt das denn, andere Kunden regen sich total auf, wenn das passiert.“ Und dann sag ich mal „Wissen Sie, wenn ich da tagsüber ganz andere Geschichten sehe, dann kann ich mich einfach abends nicht aufregen über irgendeinen Fleck an der Wand.“ Das… Und diese Perspektive, das kann man, glaube ich mitnehmen, ohne persönlich mit der eigenen Familie betroffen zu sein, wenn man in so einem Fachgebiet arbeitet und das ist toll.
Julia Rotherbl - Ja, also ich finde auch… Also, wir kennen uns ja jetzt nicht persönlich, aber den Eindruck in dem Gespräch und aus den Videos und so, die ich von dir gesehen hat, ist das genau der Eindruck, den auch auf mich ehrlich gesagt machst. Du wirkst total geerdet und in dir ruhend. Vielleicht deshalb, ja. Spannend.
Angelika Eggert - Ja, ich glaube schon, dass das ein Aspekt ist.
Julia Rotherbl - Angelika, ich würde zum Schluss dieser Aufnahme noch mal auf diese ZDF-Serie kommen, auf… die ich eingangs erwähnt habe. Dort hast du auch gesagt, es gibt niemanden in solch einer Position, der nicht auch mal kämpfen musste. Das ist ganz normal. Darauf muss man sich einlassen und den Mut muss man haben. Ich fänd‘s schön, wenn du vielleicht ein oder zwei Beispiele nennen könntest für Punkte, an denen du gekämpft hast. Mit dir selbst, mit deinen Ansprüchen, mit der Konkurrenz, mit - wie man so schön sagt – alten, weißen Männern. Wie auch immer. An welchen Punkten hast du gekämpft?
Angelika Eggert - Ja, in diese Situationen kommt man ja unweigerlich. Einmal, ja klar, auch fachlich muss man kämpfen. Das meinte ich damit aber gar nicht. Das ist in der Tat so, je höher man kommt in eine Führungsposition, um so häufiger landet man auch in Situationen, wo man sich einem Konflikt stellen muss und sich auseinandersetzen muss und manchmal auch mit einem Vorgesetzten. Und manchmal sind Vorgesetzte auch alte weiße Männer. Und wenn man dann eine diskrepante Meinung hat und es gefragt ist, diese zu äußern, dann muss man natürlich sich fragen „Wie viel riskiere ich von meiner Karriere und wie viel riskiere ich nicht?“ Und ich habe mich, glaube ich, hoffentlich in dieser Situation immer dazu entschieden, wahrhaftig zu bleiben und zu meiner Meinung zu stehen, auch wenn ich natürlich wusste, das kann für mich negative Konsequenzen haben. Und vorübergehend hatte es die auch - zwei Mal bereits. Aber zum Schluss kommt dann immer dabei heraus, dass das richtig war und dass man dann doch auch mehr Kollegen hinter sich vereint, als man vorher so denkt. Und dass dann manchmal auch der Auftakt ist, die Dinge ins Positive zu verändern. Und im Nachhinein muss man dann sagen, das war‘s auf jeden Fall wert. Aber es ist natürlich auch noch nie so richtig daneben gegangen. Von daher weiß ich nicht, wie man es, wenn man solche Dinge bewertet, wenn dann so wirklich dauerhafte Konsequenzen daraus entstehen. Trotzdem denke ich, das Wichtigste ist, morgens - neben der Tasse Kaffee – der Blick in den Spiegel. Und wenn man davorsteht und denkt, warum hast du jetzt… bist du da eingeknickt oder warum hast du das… Hattest du nicht den Mut, dieses oder jenes zu sagen und zu deiner Meinung zu stehen? Das möchte ich einfach nicht. Und ich glaube, manchmal muss man einen Preis dafür bezahlen. Aber der umgekehrte Preis, das nicht zu tun, wäre aus meiner Perspektive höher. Und darum würde ich immer denken, ja, Meinung… zu der eigenen Meinung stehen, diesen Luxus muss man sich einfach leisten.
Julia Rotherbl - Ich soll das, was ich jetzt sag, eigentlich nicht sagen, weil es so platitüdenmäßig ist, aber ich sage es trotzdem - Ich finde, das ist ein sehr schöner Schlusssatz. In dem Fall finde ich tatsächlich kann man das so sagen und ich würde‘s auch gerne so stehen lassen. Gucke mal kurz zu Anja, ob das ok ist.
Anja Kopf - Ich hab sie neulich mal gescholten, weil sie das gerne am Schluss sagt, die liebe Julia…
Julia Rotherbl - Aber diesmal finde ich tatsächlich…
Angelika Eggert - Ja, ist doch gut.
Julia Rotherbl - Vielen Dank, dass du unsere Gästin warst, Angelika. Es hat mir sehr viel Spaß gemacht.
Angelika Eggert - Sehr gerne. Es war ein ausgesprochenes Vergnügen.
Julia Rotherbl - Für uns auch.
Angelika Eggert - Dann noch einen schönen Tag.
Julia Rotherbl - Dir auch.
Angelika Eggert - Bis dann.
Julia Rotherbl - Tschüss.
Angelika Eggert - Tschüss.
VERABSCHIEDUNG
Julia Rotherbl - Also wer bis hierhin gehört hat und noch immer da ist, der findet die Folge scheinbar genauso toll wie ich. Ich würde mich freuen, wenn ihr diese Begeisterung kundtut und uns auf Apple Podcasts, Spotify oder wo auch immer ihr diesen Podcast hört, bewertet und uns auch gerne folgt. „Frau Doktor, übernehmen Sie!“ erscheint alle 14 Tage neu, immer montags.
Sprecherin - Ein Podcast von gesundheit-hören.de. Und Apotheken Umschau Pro.
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