Vertraut auf eure Kompetenz!

Shownotes

Das medizinische Fachgebiet Virologie hat durch die Coronapandemie große Aufmerksamkeit erfahren. Im medialen Rampenlicht standen vor allem - Männer. In dieser Folge ist eine Frau zu Gast, die in diesem Fachgebiet Karriere gemacht hat. Professorin Ulrike Protzer ist Direktorin des Instituts für Virologie an der Technischen Universität und am Helmholtz Zentrum in München. Host Julia Rotherbl spricht mit ihr unter anderem über Medienpräsenz von Expertinnen im Bereich Medizin und warum man es sich nicht leisten kann, auf kompetente Frauen zu verzichten.

Im Podcast "Frau Doktor, übernehmen Sie!" erzählen Frauen aus der Medizinbranche, wie sie dort Karriere gemacht haben. Dazu spricht Julia Rotherbl, Chefredakteurin der "Apotheken Umschau", mit Frauen, die in Führungspositionen arbeiten, die Herausforderungen gemeistert haben oder an ihnen gescheitert sind. Es geht um Themen wie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Sexismus, männliche Netzwerke, mangelnde Vorbilder oder verschiedene Arbeitsmodelle. Das Ziel: Euch zu inspirieren und ermutigen, euren eigenen Weg zu finden.

Montags alle 14 Tage erscheint eine neue Folge. Habt Ihr Fragen, Anregungen oder Kritik? Dann schreibt uns gerne an redaktion@gesundheit-hoeren.de

Redaktion: Julia Rotherbl, Anja Kopf Schnitt und Post-Produktion: Yves Seissler, Anja Kopf Managing Editor Audio: Peter Glück


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Transkript anzeigen

Ulrike Protzer - Das, was man als Kapital hat, ist das, was man kann. Das ist die eigene Kompetenz. Und die kann einem keiner nehmen. Die kann einem keine Krise nehmen, die kann kein Vorgesetzter nehmen, die können einem keine blöden Kollegen nehmen. Und damit kann ich jetzt auch das und das Ziel, was ich mir vornehme, erreichen.

Sprecherin - Frau Doktor, übernehmen Sie.

Julia Rotherbl - Ich hoffe, ihr schaltet jetzt nicht sofort wieder aus, wenn ich euch sage, dass es in dieser Folge unter anderem um Corona geht. Das medizinische Fachgebiet Virologie hat durch die Pandemie eine riesengroße Aufmerksamkeit erfahren und im Rampenlicht standen dabei in den Medien leider vor allem Männer. In dieser Folge des Podcasts „Frau Doktor, übernehmen Sie!“ ist eine Frau zu Gast, die in diesem Fachgebiet Karriere gemacht hat. Professorin Dr. Ulrike Protzer ist Direktorin des Instituts für Virologie an der TU München und am Helmholtz Zentrum München. Und wir sprechen mit ihr heute nicht nur, aber unter anderem über Medienpräsenz von Expertinnen im Bereich Medizin und Wissenschaft.

Ich freue mich sehr auf das Gespräch und ich hoffe, ihr seid noch alle da.

Mein Name ist Julia Rotherbl. Ich bin Chefredakteurin der Apotheken Umschau.

Sprecherin - Ein Podcast von Gesundheit hören.de. Und Apotheken Umschau pro.

Julia Rotherbl - Hallo Ulrike, schön, dass du bei uns bist.

Ulrike Protzer - Hallo, grüßt euch.

[00:01:28]

Das „Ich würde sagen“-Spiel

Julia Rotherbl - Wir fangen diesen Podcast mit einem Spiel an und holen deshalb mal kurz Anja dazu, die Redakteurin dieses Podcasts, die dir noch mal erklären wird, wie das Spiel funktioniert.

Anja Kopf - Genau. Hallo zusammen. Julia kennt das Spiel, für unsere Gästin, aber auch für alle Zuhörerinnen hier die ganz kurze Erklärung. Dieses Spiel besteht darin, dass ihr abwechselnd Sätze vervollständigen dürft mit dem, was euch so spontan kommt. Und Ulrike, für dich lautet der erste Satz - Wenn ich entspannen möchte...

Ulrike Protzer - Dann lege ich mich zu Hause in unsere Heaven Swing und guck in den Himmel und in die Blätter des großen Blutbuchebaums.

Anja Kopf - Oh, sehr schön. Das klingt tatsächlich sehr entspannend. Allerdings nach einem Sommerprogramm.

Ulrike Protzer - Sehr richtig. Im Winter würde ich dann eher spazieren gehen mit unserem Hund, wenn das Wetter schön ist. Natürlich am allerliebsten und noch lieber, wenn irgendwo ein bisschen Schnee liegt.

Anja Kopf - Ja, voll gut. Julia, für dich ist das eine etwas ähnliche Frage. Die Frage nach - Wenn ich sehr viel Zeit habe...

Julia Rotherbl - Wenn ich sehr viel Zeit habe, dann gehe ich in die Bücherei und leihe mir ganz viele Bücher aus. Also ich bin auch jemand, der im Urlaub immer dann all die Dinge liest, für die er so unter der Arbeitszeit keine Zeit findet. Lesen kommt definitiv im Arbeitsalltag etwas zu kurz. Also, Bücherlesen kommt zu kurz.

Anja Kopf - Ja, das kenne ich auch tatsächlich. Als ich studiert habe, habe ich auch nichts… also nichts in Anführungszeichen „Normales“ gelesen, sondern so viel Fachliteratur, dass ja… dass ich das im Urlaub nachgeholt habe. Wir gehen mal weiter, auch eben - ich habe gerade schon Studium gesagt - Richtung Studium. Ulla, für dich der Satzanfang - Eine Männerquote im Medizinstudium halte ich für …

Ulrike Protzer - … schwierig. Halte ich für schwierig, denn ich finde… Ich halte Quoten insgesamt für schwierig. Außer es sind wirklich kritische Minderheiten. Sprich - eine kritische Minderheit beginnt ja immer oder ist ja immer, wenn irgendjemand unter 15 Prozent hat. Und im Medizinstudium sind sie ja zum Glück immer noch deutlich mehr als 15 Prozent Männer. Deswegen halte ich eine Männerquote tatsächlich für schwierig umsetzbar.

Julia Rotherbl - Wobei wir glaube ich, wenn wir die Frauen angucken in den Chefarztpositionen teilweise unter den 15 Prozent sind, je nach medizinischem Fachbereich.

Ulrike Protzer - Absolut, richtig. Aber da ist natürlich das Selektionssystem, das erlaubt nur schwierig eine Quote. Nichtsdestotrotz muss das ganz, ganz… muss sich jeder irgendwo energisch dafür einsetzen, dass natürlich die Frauenquoten auch in den Chefarztetagen und in den C4-W3- Professuretagen und auch in den Führungsebenen der Hochschulen und Kliniken einfach zunehmen.

Anja Kopf - Da passt für dich, Julia, gleich schon mal nicht der Satzanfang. Ich merke gerade, ich kann so schöne Brücken heue bauen. Frauen können sichtbarer werden indem…

Julia Rotherbl - … indem sie sich vielleicht auch einfach mehr zutrauen. Also, wir erleben es jetzt als Journalisten und Journalistinnen schon immer wieder, dass man bei einem Professor anruft und ihn zu einem Fachgebiet anfragt und im Gespräch merkt „Na ja, okay, ist jetzt vielleicht doch nicht der beste Ansprechpartner für dieses Fachgebiet.“ Und dann fragt meine Frau an, wo man genau weiß, die ist da gerade super kompetent, hat vielleicht zwei Studien dazu gerade aktuell abgeschlossen und ist dann sich selber unsicher, ob sie die geeignete Interviewpartnerin wäre. Also, diese Erfahrung machen wir leider immer wieder.

Anja Kopf - Ja, ja, da wird mich auch noch mal interessieren - aber ich gehe mal davon aus, dass wir da später noch dazu kommen – Ulla, wie du das in der Hinsicht siehst. Aber ich schließe dieses Spiel lieber mit dem letzten Satz auch direkt an dich, der da heißt - Meine schwierigste Entscheidung in einer Führungsposition war bislang…

Ulrike Protzer - Einem Mitarbeiter zu erklären, dass er oder sie leider nicht mehr in das Team passt. Man hofft eigentlich immer als Führungsposition, dass man jeden mitnehmen kann, dass man jeden fördern kann. Und manchmal muss man feststellen, das funktioniert nicht. Und obwohl man versucht, das natürlich schon irgendwie bei der Auswahl rauszubekommen, gibt es, gerade wenn man das länger macht, Situationen, wo man sagen muss „Boah, das funktioniert einfach nicht“. Und das dann jemandem sagen zu müssen, der das nicht schon bereits für sich selbst erkannt hat, das ist wirklich schwierig.

Anja Kopf - Stelle ich mir tatsächlich auch ja sehr schwierig vor. Gut.

Julia Rotherbl - Wir sind am Ende des Spiels.

Anja Kopf - Wir sind am Ende des Spiels. Das war kurz und knackig, aber hat vielleicht auch schon einen, einen guten Einblick gegeben in, wer da jetzt hier gerade zu hören sein wird in diesem Gespräch. Und ich sage da schon mal, danke fürs Mitmachen, fürs Mitspielen. Und übergeb dann wieder zurück an dich, Julia.

Julia Rotherbl - Danke, Anja. Danke.

[00:06:48]

Eine eigene Karriereperspektive entwickeln

Julia Rotherbl - Wir hatten dich im Vorgespräch gefragt, welche Botschaft dir wichtig wäre und da ist eine sehr schöne Botschaft rausgekommen, finde ich. Und die würde ich gerne kurz vorlesen. „Man sollte auf sein eigenes Wissen und seine eigene Kompetenz setzen. Egal was man tut. Das gibt einem sein ganzes Leben lang Sicherheit. Auf die sollte man sich auch als Frau verlassen und sollte damit seinen Berufswunsch verfolgen und darauf vertrauen, dass einen die eigene Kompetenz dahin bringt, wo man hinmöchte.“ Und ich würde an diese schöne Botschaft gerne die Frage anschließen, woher du gewusst hast, wo du hinmöchtest.

Ulrike Protzer - Ich habe als vierjähriges Kind eine Puppe zu Weihnachten bekommen. Diese Puppe habe ich dann operiert, um zu schauen, was innen drin ist. Sehr zur Unfreude meiner Eltern, die mir diese Puppe geschenkt haben. Aber das zeigt schon, dass sich offensichtlich immer so ein bisschen genauer nachschauen wollte, wie es denn innendrin auch wirklich aussieht. Und dann habe ich mich eigentlich ein bisschen hart getan, mich zu entscheiden, was ich studieren möchte. Ob das eher naturwissenschaftlicher Studiengang sein soll - also Biochemie hat mich zu dem Zeitpunkt total fasziniert - oder ob ich doch Medizin studieren sollte. Dann hatte ich das Glück, hatte ein gutes Abi und einen Medizinstudienplatz. Dann habe ich irgendwie gedacht „Na ja, mit Medizin kann man ja ganz viel machen und da kann ich ja auch damit in die Forschung gehen.“

Aber dann studiert man und dann fasziniert einen natürlich wirklich auch die Medizin sehr. Und diese Aufgabe, Menschen zu helfen und Patienten zu helfen. Und das hat mich dann tatsächlich dazu geführt, dass ich auch direkt nach dem Studium erst mal Angebote ausgeschlagen habe, an die Uni zu gehen, weil ich einfach so richtig Medizin lernen wollte. Und dann macht man das eine Weile und dann fängt man drüber nach… an nachzudenken „Was sind denn eigentlich die Karriereperspektiven, die man hat?“ Und da wurde mir sehr schnell klar, wenn ich da bleibe, wo ich bin - und das war ein Haus der Maximalversorgung in Frankfurt. Also schon ein großes Haus, viele Patienten, interessante Aufgaben, viel Verantwortung. Aber die Karrierechancen, die man da hat, sind natürlich irgendwo limitiert.

Und deswegen habe ich dann für mich die Entscheidung gefällt - damals mussten wir noch AIP machen - nach dem AIP, ich wechsle. Und habe dann an die Uni gewechselt, weil ich mir dort sicher war, dass ich einfach verschiedenste Karriereoptionen mir offenhalte. Und insofern hatte ich keinen so ganz geraden Weg auf irgendwas zu, sondern das hat sich aus dem, was ich gemacht habe und was ich versucht habe zu reflektieren, dann einfach ergeben. Und ich muss sagen, das war für mich genau der richtige Schritt.

Julia Rotherbl - Also, Karriere definieren ja… definiert jeder Mensch wahrscheinlich ein bisschen unterschiedlich. Aus deiner Antwort könnte man jetzt schließen, dass es bei dir schon bei Karriere auch um bestimmte Positionen, um einen bestimmten Aufstieg ging. Habe ich das richtig interpretiert?

Ulrike Protzer - Nee, gar nicht mal unbedingt. Eher um die Aufgabe.

Julia Rotherbl - Okay.

Ulrike Protzer - Also mir ging's zu dem Zeitpunkt wirklich drum, womit beschäftige ich mich und womit möchte ich mich auch die nächsten 30 Jahre beschäftigen? Denn das ist ja so der Zeithorizont, den man hat, wenn es nicht sogar 40 Jahre sind. Für alle diejenigen, die jetzt nicht nur - wie wir – bis 68, sondern irgendwann bis 70 arbeiten müssen. Und da muss man sich, glaube ich, schon immer wieder fragen „Ist das, was ich jetzt tue, das, was ich auch in 30 Jahren noch tun möchte? Und füllt mich das so aus, dass ich wirklich sage, da möchte ich jetzt auch mein, mein Leben und meine ganze Aktivität reinentwickeln“.

Und das… dann wird man in dem Bereich, wenn es das tut, auch erfolgreich sein. Und ich glaube, das ist dann ganz egal, ob man als niedergelassener Arzt arbeitet, ob man sich in der Spezialpraxis anschließt, ob man Oberarzt an nem peripheren Haus bleibt oder ob man an die Uni geht. Aber ich glaube, dieses sich immer wieder mal hinsetzen, die Augen zumachen und fragen „Ist das wirklich das, was ich will und was ich längerfristig will?“ Das ist das Entscheidende.

Julia Rotherbl - Hm. Ich weiß, dass du als 12-jährige dir in der Schule hast ein Infoblatt geben lassen über das Berufsbild Professor/Hochschullehrer. Ich denke mal, da stand tatsächlich „Professor“ und „Hochschullehrer“ und nicht das „in“ hintendran. Das ist ja ein Bereich in dieser ganzen Gleichstellungsdebatte auch, dass es wichtig ist, dass junge Mädchen sich bestimmte Dinge überhaupt für sich vorstellen können. Also, du konntest hier, obwohl da Professor und Hochschullehrer stand, für dich schon vorstellen, dass man auch als Mädchen dorthin kommt?

Ulrike Protzer - Ich glaube, es stand tatsächlich damals Schrägstrich „in“ dahinter.

Julia Rotherbl - Ach so, schon. Sehr gut.

Ulrike Protzer - Aber es… Ich komme aus einer Lehrerfamilie. Bei uns sind irgendwie alle Lehrer. Und das war auch so ein bisschen die Erwartungshaltung. Jetzt passt Lehrer und Medizin irgendwie nicht zusammen. Und dann war natürlich die Überlegung wie, wie kann ich das auch vereinbaren? Und deswegen war dann für mich die Überlegung „Na ja, so mit kleinen Kindern die ganze Zeit arbeiten“ kann man sich mit zwölf irgendwie auch nicht so richtig vorstellen. Dann habe ich mir gedacht „Na, dann arbeitest du halt mit so Halberwachsenen und dann wirst halt Hochschullehrer.“ Das war, glaube ich, so die Motivation. Da war mir überhaupt nicht klar, was das bedeutet und was das für eine Karriere und so bedeutet. Dass man da vielleicht auch ein paar Schritte dazwischen machen muss. Das hatte ich mir zu dem Zeitpunkt sicherlich nicht durchüberlegt.

[00:12:29]

"Kinder oder Karriere? Dieses "Oder" ist doch Quatsch!"

Julia Rotherbl - Es ist ja so, wenn man sich die Zahlen anschaut, Studierende und Promovierende, da ist das Geschlechterverhältnis noch so mehr Frauen, weniger Männer. Die Lücke ist nicht riesengroß, aber sie ist da. Dann dreht sich es bei der Habilitation, dreht sich schon. Und bei der Professur ist es dann umgekehrt und mit einer viel größeren Lücke. Also Professorinnen gibt es einfach viel weniger als Professoren. Hast du denn selbst irgendwann diese sogenannte gläserne Decke zu spüren bekommen?

Ulrike Protzer – Also, es ist tatsächlich so, dass es immer noch deutlich weniger Professorinnen als Professoren gibt. Aber man muss sagen, da hat sich tatsächlich einiges getan. Wenn ich mir so unsere Zahlen hier anschaue - und ich bin schon eine ganze Weile auch für die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses zuständig - hat sich der Anteil der habilitierten Frauen verdoppelt, also prozentual gesehen. Und selbst an der Technischen Hochschule sind inzwischen 30 Prozent der Professorinnen Frauen. Also es ist lange nicht mehr so, dass man da keine, keine Role Models hat oder keine Karriereoptionen hat, wie das vielleicht vor zehn Jahren oder 15 Jahren noch der Fall war. Da hat sich wirklich einiges geändert. Da muss sich sicherlich einiges noch weiter ändern, aber das ist einfach deutlich besser geworden.

Ob ich selber mal die gläserne Decke gespürt habe? Also, man, man spürt die natürlich immer wieder mal, wo man so das Gefühl hat „Boah, da wird jetzt… Wenn ich jetzt ein Mann wäre, hätten sie mich vielleicht genommen und dann wäre ich vielleicht - und das ist, glaube ich, ein wichtiger Aspekt - auch besser vernetzt, als ich jetzt bin.“ Im Frauenbereich vernetzt zu sein oder auch Männern… mit Männern vernetzt zu sein, da gibt es einfach doch noch mal geschlechtsspezifische Unterschiede. Aber da darf man sich, glaube ich, einfach nicht dran stören. Das was man als Kapital hat, ist nicht ein lebenslanger Dauervertrag mit irgendwelcher Pseudosicherheit, die es eh nicht gibt, sondern das, was man als Kapital hat, ist das, was man kann. Das ist die eigene Kompetenz. Und die kann einem keiner nehmen. Die kann einem keine Krise nehmen, die kann einem kein Vorgesetzter nehmen, die können einem keine blöden Kollegen nehmen. Also das ist einfach das, was man hat und worauf man sich natürlich einmal berufen sollte, um es zu erwerben und auch ständig weiterzubilden. Aber, wo man dann irgendwo auch mit einer gewissen Relaxtheit, um es auf Neudeutsch zu sagen, sich zurücklehnen kann, sagen kann „Komm, das kann ich und damit kann ich jetzt auch das und das Ziel, was ich mir vornehme, erreichen“. Und dieses Ziel ist natürlich dann irgendwie unterschiedlich.

Julia Rotherbl - Hmm. Ulrike, ich würde gerne noch eine Nachfrage stellen zu dem, was du vorhin gesagt hast. Dass sich das schon stark verbessert hat. Deiner Meinung nach, was sind die Gründe dafür, dass es sich verbessert hat? Wovon müsste es dann vielleicht noch mehr geben? Also, sind das tatsächlich gezielte Förderprogramme? Ist es generell das Frauenbild in der Gesellschaft, das sich ändert? Woran liegt es deiner Meinung nach?

Ulrike Protzer - Ich glaube, es ist von allem ein bisschen was. Also, es hat sich sicherlich das Frauenbild in der Gesellschaft geändert. Wir haben einfach viel mehr akademisch ausgebildete Frauen als wir in der Generation unserer Eltern oder Großeltern - sowieso gab es ja kaum - hatten. Heute haben Frauen einfach auch eine sehr gute Ausbildung und damit die Ausgangschancen, auch in Hierarchien nach oben aufzusteigen und auch die Kompetenz einfach das zu tun. Und dann ist es schon erkannt worden, dass man Frauen braucht. Zum einen braucht man sie, weil das Klima einfach besser ist, wenn es gemischt ist. Ich finde es ganz lustig, ich bin im Aufsichtsrat des Uniklinikums Köln und als ich das erste Mal war, kam eine Dame auf mich zu, die das Ministerium dort vertreten hat und die sagte nach der ersten Sitzung „Ich bin ja so froh, dass Sie da sind. Sie wissen gar nicht, wie sich die Stimmung in diesem Gremium geändert hat.“ Deshalb ist es wichtig.

Aber natürlich ist es auch wichtig - und das ist jetzt ein wirtschaftlicher Grund - wir brauchen einfach die kompetenten Frauen, auch als Arbeitskraft. Und das haben, glaube ich, inzwischen auch alle Unternehmen und alle Politiker erkannt. Also, umso mehr als wir jetzt gerade im Moment wirklich in den Fachkräftemangel reinlaufen. Ist aber, glaube ich, schon doch vor einigen Jahren allen klar geworden, auf diese Kompetenz kann man einfach gar nicht verzichten als Gesellschaft. Und das hat natürlich auch viel dazu beigetragen, dass man gesagt hat, dann muss man die Frauen auch fördern und man muss sie durch diese kritische Phase, die jeder irgendwann mal hat, wenn man so drüber nachdenkt „Na ja, kriege ich jetzt Kinder oder mache ich jetzt Karriere?“ Und dieses „oder“ ist ja schon Quatsch.

Julia Rotherbl - Ja, ja.

Ulrike Protzer - Ich meine, wenige Männer fragen sich, ob sie Kinder zeugen sollen oder Karriere machen. Da muss man sich fragen „Ist es die richtige Frage als Frau?“ Ich glaube, die ist es nicht. Denn wenn ich mir anschaue, wer Karriere macht, dann haben mindestens 50 Prozent dieser Frauen auch Kinder. Also das ist überhaupt kein Grund, es nicht zu machen. Es ist mehr so dieses Selbstvertrauen, was einem in dem Moment natürlich irgendwie fehlt zu sagen „Boah, ich kriege das auch hin. Ich kriege da beides unter einen Hut“. Und diese Phase, die muss man überwinden. Da muss man, glaube ich, auch den, den jungen Frauen Netzwerke geben und Programme an die Hand geben, wie sie da durchkommen. Wenn sie da mal durch sind, dann starten die auch durch und dann machen die auch ihre Karriere und dann stehen die ihren Mann, wie man so schön sprichwörtlich sagt.

Julia Rotherbl - Wie hast du denn diese Phase organisiert und überstanden? Und wie lang dauert es überhaupt? Meine Tochter ist jetzt acht. Würdest du sagen, die Phase ist vorbei? Ich habe sie überstanden?

Ulrike Protzer - Nein.

Julia Rotherbl - Nein, okay.

Ulrike Protzer - Nein, du hast sie noch nicht überstanden. Es gibt einen schönen Spruch „Kleine Kinder, kleine Probleme, große Kinder, große Probleme“. Aber die großen Probleme sind dann seltener. Man muss sie aber trotzdem lösen. Wie habe ich das überstanden? Also, zum einen hatte ich das Glück, einen Mann zu haben, der einfach das als gemeinsame Aufgabe betrachtet hat. Für den es ganz normal war, dass seine Frau auch den Beruf, den sie erlernt hat und der ihr Spaß macht, nachgehen möchte. Für den das überhaupt kein Problem war, dass die Frau auch Karriere macht und der gesagt hat „Na ja, wir teilen uns diese Aufgabe der Kinderbetreuung.“ Das wird nie 100 Prozent gleich geteilt sein. Aber das ist ja auch komplett egal. Jemanden zu haben, der einen dabei unterstützt, ist, glaube ich, extrem wichtig.

Und dann muss man sich natürlich irgendwo das Umfeld schaffen. Und ich weiß nicht, wie es bei dir war. Bei mir war es so, als die Kinder klein waren und damals gab es noch nicht so viel staatliche Kinderkrippen und so, sondern das musste man eher privat organisieren. Da ging halt schon 75 Prozent meines Gehaltes, ging schlicht und einfach direkt in die Kinderbetreuung. Aber ich habe mir gesagt „Na ja, das ist ja gut investiert, weil die Kinder dann gut betreut sind.“ Und für mich selber war das einfach auch der richtige Weg, weil ich sonst, glaube ich, nicht zufrieden gewesen wäre. Und wenn ich nicht zufrieden bin, dann sind die Kinder auch nicht zufrieden. Das hat ja dann zum Rattenschwanz hinter sich.

Julia Rotherbl - Also wir hatten tatsächlich schon die Möglichkeit, das Kind in eine Kinderkrippe zu geben. Aber das reicht natürlich nicht aus. Die Kinder sind ja in diesem, gerade in diesen Krippenalter oft krank. Also man hat dann… braucht dann schon immer das Backup irgendwie Babysitter, Großeltern, also befreundete Paare, die Kinder im ähnlichen Alter haben, wo wir mal sagen „Okay, dann bring sie mir drei Stunden, das ist schon okay.“ Also man braucht irgendwie so ein Netzwerk. Vor allem finde ich in so Notfällen, also in so Ausnahmesituationen. Wie gesagt, das Kind ist krank, man muss mal eine Dienstreise machen und der Mann ist auch nicht da. Dafür braucht man, glaube ich, schon irgendwie ein sehr gut funktionierendes Netzwerk.

Ulrike Protzer - Aber das findet man auch. Also, weil man ist ja dafür selber auch bereit, mal das andere Kind mit abzuholen oder zu übernehmen, wenn das eben mal krank ist oder die Eltern mal nicht da sind oder abends einfach auch mal weggehen wollen. Klar, da muss man sich natürlich auf jeden Fall ein Netzwerk schaffen. Ich hatte auch keine Eltern, die vor Ort gewohnt haben. Die waren ja immer mindestens 200 Kilometer weg. Aber die sind dann schon eingeflogen, wenn wir die gebraucht haben. Das hat zum Glück auch funktioniert und das hat natürlich auch wahnsinnig geholfen, gar keine Frage.

[00:20:56]

Wie lernt man diesen Umgang mit Medien?

Julia Rotherbl - Ulrike, ich würde gerne zum Abschluss dieses Gesprächs noch einmal auf die letzten zwei Jahre kommen. Also, das Thema Virologie hat ja jetzt eine große Aufmerksamkeit erfahren, auch in den Medien. Und daraus resultierte dann auch eine Diskussion rund um das Thema Sichtbarkeit von Frauen. Also, es gibt unterschiedlichste Auswertungen, die gezeigt haben zum Beispiel, dass nur eine von, einer von fünf Experten, die im TV eingeladen waren, weiblich war. In der Online-Berichterstattung waren es sogar nur sieben Prozent überhaupt Frauen in Expertenfunktionen. Wie hast du das miterlebt? Hast du diese Debatte verfolgt?

Ulrike Protzer - Ich hatte gar keine Zeit dazu die zu verfolgen, ehrlich gesagt. Wir waren so eingespannt in der Anfangsphase dieser Pandemie, weil wir natürlich erst mal die gesamte Diagnostik umstellen, umorganisieren mussten. Zudem irgendwo gucken mussten, dass auch der Forschungsteil nicht untergeht, sondern weiterlaufen kann. Dann waren wir wirklich überschüttet mit Medienanfragen. Also, das waren bis zu drei Fernsehteams pro Tag. Und dann hat man irgendwann gesagt, das geht nicht mehr. Sodass ich das aus meiner persönlichen Sicht leider überhaupt nicht mitbekommen habe und froh gewesen wäre, wenn es dann mehr Frauen gegeben hätte, die da auch mehr sich mit engagiert hätten. Gar keine Frage.

Julia Rotherbl - Du bist ja selber schon auch in Medien präsent. Also, du bist jetzt hier indiesem Podcast. Aber du hattest auch als Coronaexpertin verschiedene Auftritte im TV, im Radio, in Zeitungen. Was ist deine Erfahrung im Umgang mit Medien? Wie, wie kann man sich vielleicht auch als Medizinerin oder Wissenschaftlerin, die sagt „Ja klar, ich würde meine Expertise gerne hier zur Verfügung stellen“… Wie lernt man diesen Umgang mit Medien? Wie kann man sich vielleicht auch einfach so das erste Mal überwinden, ein Interview zu geben?

Ulrike Protzer - Ich glaube ehrlich gesagt, es müsste eigentlich zur Ausbildung eines jeden Akademikers dazugehören. Denn ich meine, zumindest wenn ich an der Uni bleibe, dann… oder an irgendeinem öffentlichen Forschungsinstitut bleibe oder einer öffentlichen Klinik bleibe, werde ich ja von öffentlichen Geldern finanziert. Und natürlich hat dann die Öffentlichkeit auch einen gewissen Anspruch zu erfahren, was passiert denn mit dem Geld bzw. an dem Wissen was jemand hat, dann auch zu profitieren? Ich glaube, da besteht sogar eine gewisse Verpflichtung. Aber wenn ich sage, da besteht eine gewisse Verpflichtung, muss ich den Leuten auch das Handwerkszeug an die Hand geben. Und das hatten, ehrlich gesagt, die wenigsten von uns bzw. fast niemand von uns.

Also, ich hatte einmal so ein Training, weil ich mal für Alpha so eine Sendung gemacht habe über Viren und da kam tatsächlich vorher jemand, der einen trainiert hat, wie man denn auf so einer Bühne steht, wo man seine Hände halten soll, in welcher Geschwindigkeit man sprechen soll und solche Dinge. Sonst lernt man so was einfach nicht. Und das ist, glaube ich, schlecht. Ich glaube, da müssen wir besser werden. Und dann wäre es schon auch schön, wenn die Institutionen einen da so ein bisschen mehr unterstützen. Also, wenn sie jemanden haben, die sie dann immer in die Medien schicken, mal zu sagen „Oh, ich schick auch mal einen Medienexperten dahin, der vielleicht hilft, wie man eine Kameraausleuchtung vernünftig macht oder wie man eine gute Tonaufnahme macht.“ Ich meine, das lernt man natürlich auch von den Journalisten, mit denen man dann arbeitet relativ schnell, aber man würde sich schon sicherer fühlen, wenn man das wüsste.

Und der dritte Punkt, glaube ich, der wichtig ist, dass man vermeidet, dass Dinge veröffentlicht werden, die aus dem Zusammenhang gerissen sind. Ich bitte mir jedes Mal aus, dass ich die Zitate, die publiziert werden oder veröffentlicht werden, nochmal gegenlesen kann. Weil damit kann man einfach verhindern, dass das Gegenüber einen falsch versteht. Das kostet natürlich auch noch mal Zeit, aber das hat sich für mich schon sehr bezahlt gemacht. Und ich habe auch ganz gezielt hauptsächlich Dinge gemacht, wo ich jetzt wirklich Informationen oder Wissen weitergegeben habe. Nicht so sehr, mich jetzt in Talkshows zu setzen und da mich in Streitgespräche zu verwickeln. Das ist, glaube ich, eher eine Aufgabe für mediengeschulte Politiker, die die da natürlich irgendwo auch einen Profit dann aus ihrer Popularität haben, was wir als Wissenschaftler ja nicht haben. das ist für uns ja letztendlich egal.

Julia Rotherbl - Ulrike, vielen Dank, dass du meine Gästin machst.

Ulrike Protzer - Gerne.

[00:25:25]

Vielen Dank fürs Hören dieser Jubiläumsfolge

Julia Rotherbl - Übrigens ist diese Folge auch ein kleines Jubiläum. „Frau Doktor, übernehmen Sie!“ ist jetzt genau ein Jahr alt. Und wir freuen uns total zu sehen, was aus dieser Idee, das Thema Frauen in der Wissenschaft, Frauen in der Medizin zu puschen, geworden ist. Nämlich 26 - wie wir finden - super Folgen. Und wir freuen uns vor allem auch, dass ihr uns gerne hört, dass eine Community entstanden ist, die uns feedbackt, die uns Gästinnen vorschlägt, die dieses Thema genauso wichtig findet wie wir. Und wir würden uns total freuen, wenn auch ihr Teil dieser Community werdet. Und wir würden uns natürlich auch total freuen, wenn ihr uns weiterempfehlt. Sodass wir vielleicht auch das Zweijährige feiern können irgendwann. „Frau Doktor, übernehmen Sie!“ erscheint alle 14 Tage neu, immer montags.

Sprecher - Ein Podcast von gesundheit-hören.de und Apotheken Umschau Pro.

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