Grey's Anatomy funktioniert nicht - Eine Ärztin im Wandel
Shownotes
Dr. Madeleine Stuber ist Fachärztin für Orthopädie und Unfallchirurgie und coacht junge Ärztinnen. Ihr Ziel: Jede soll ihre Karriere so gestalten können, wie es sich richtig und gesund anfühlt. Madeleine hat das für ihre eigene Karriere und für ihr eigenes Familienleben auch in aller Konsequenz durchgezogen und viele Veränderungsprozesse durchgemacht. Wie sie das angegangen ist und was „Grey's Anatomy“ damit zu tun hat, verrät sie in dieser Folge.
Im Podcast "Frau Doktor, übernehmen Sie!" erzählen Frauen aus der Medizinbranche, wie sie dort Karriere gemacht haben. Dazu spricht Julia Rotherbl, Chefredakteurin der "Apotheken Umschau", mit Frauen, die in Führungspositionen arbeiten, die Herausforderungen gemeistert haben oder an ihnen gescheitert sind. Es geht um Themen wie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Sexismus, männliche Netzwerke, mangelnde Vorbilder oder verschiedene Arbeitsmodelle. Das Ziel: Euch zu inspirieren und ermutigen, euren eigenen Weg zu finden.
Montags alle 14 Tage erscheint eine neue Folge. Habt Ihr Fragen, Anregungen oder Kritik? Dann schreibt uns gerne an redaktion@gesundheit-hoeren.de
Redaktion: Julia Rotherbl, Anja Kopf; Schnitt und Post-Produktion: Yves Seissler, Anja Kopf
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Transkript anzeigen
Madeleine Stuber - Wenn wir überhaupt mal zulassen, was eigentlich gerade Kacke ist und warum und das ausformulieren dürfen, kommen eigentlich die Tatsachen hervor, die da dahinterstecken.
Sprecher - Frau Doktor, übernehmen Sie!
Julia Rotherbl - Hallo liebe alle. Schön, dass ihr da seid und euch eine neue Folge von „Frau Doktor, übernehmen Sie“ anhören wollt. In dieser Folge zu Gast ist Dr. Madeleine Stuber. Sie ist Fachärztin für Orthopädie und Unfallchirurgie und coacht junge Ärztinnen. Ihr Ziel dabei - dass jede ihre Karriere so gestaltet, wie es sich richtig und gesund anfühlt. Madeleine hat das für ihre eigene Karriere und für ihr eigenes Familienleben auch in aller Konsequenz durchgezogen und ganz viele Veränderungsprozesse durchgemacht. Und darüber will ich mich heute mit ihr unterhalten. Und kleiner Spoiler - Sie verrät auch allen, was „Grey's Anatomy“ damit zu tun hat. Also bleib dran. Ich bin Julia Rotherbl, Chefredakteurin der Apotheken Umschau und ich hoste diesen Podcast.
Sprecher - Ein Podcast von Gesundheit-hören.de. Und Apotheken Umschau Pro.
[00:01:10]Wie man Veränderungen anstoßen und Bedürfnisse erfüllen kann
Julia Rotherbl - Ich freue mich sehr, dass du heute hier bist, Madeleine.
Madeleine Stuber - Ja, vielen Dank, dass ich hier sein darf.
Julia Rotherbl – Madeleine, ich habe mich natürlich im Vorfeld dieser Aufnahme mit deinem Lebenslauf beschäftigt und habe mir auch ein paar Podcasts angehört, in denen du auch schon zu Gast warst. Und was mir so im Kopf geblieben ist, ist das Thema Veränderung. Dass das irgendwie ein großes Thema sowohl in deinem Beruf und einem Privatleben ist und würde gerne deswegen folgende Einstiegsfrage stellen - Woher kommt denn dein Mut zur Veränderung. Und was würdest du Menschen sagen, die diesen Mut vielleicht nicht haben?
Madeleine Stuber - Also für mich ist Veränderung im Prinzip Teil unseres Lebens und ich sehe es eher in die andere Richtung. Wenn wir nicht verändern, also nicht aktiv selber verändern, dann verändert uns eine Situation. Und ich glaube, das geht jeder Ärztin so. Wenn man nach dem Studium in, in diesen Berufsalltag eintritt, dann sind einfach sehr, sehr viele Veränderungen. Und das führt natürlich zu einer Überlastung. Weil grundsätzlich ist der Mensch eigentlich kein Wesen, der Veränderungen total gut findet, weil er würde gerne einfach immer so, dass alles beim Alten bleibt und sich nichts verändert.
Julia Rotherbl – Genau das meinte ich mit der Frage. Genau.
Madeleine Stuber - Aber wenn wir uns jetzt darüber unterhalten, wie man eben in diesem Leben gesund bleiben möchte - und das ist ja mein Ansatz - dann dürfen wir das überdenken. Was nicht heißt, dass es mir immer leichtfällt, Veränderungen anzustreben. Nein. Aber es wird immer leichter. Und das ist im Prinzip wie so ein Übungsmuskel, den wir trainieren können. Und wenn wir dann angefangen haben zu trainieren, dann ist es tatsächlich total schwer, damit aufzuhören. So würde ich es beschreiben.
Julia Rotherbl – Eine große Veränderung war in deinem beruflichen Leben - du hast in zwei Kliniken gearbeitet und tust das heute nicht mehr. Wann war der Moment, wo du gemerkt hast, dieses Kliniksystem funktioniert für mich nicht? Ich bleibe damit - wie du es grade angeteasert hast - nicht gesund.
Madeleine Stuber - Ich würde jetzt gerne sagen, ich habe das total bewusst festgestellt. Und dann habe ich gedacht, jetzt geh ich in die ambulante Versorgung. Äh, nein. Also es war tatsächlich auch ein Reinlaufen in eine absolute Unzufriedenheit. Trotzdem, dass ich eigentlich alle Strukturen um mich herum so für mich geschaffen hatte, dass ich damit total glücklich hätte sein können.Im Rückschluss ist es tatsächlich so, dass die Arbeit, die ich in der Klinik gemacht habe, dass das Operieren, die Notaufnahme, die Station, die Infiltration, viel Wirbelsäule und so weiter mich in dem, was mir eigentlich Freude bereitet, wo ich richtig glücklich bin, mir das nicht gegeben hat. Und jetzt eben im Verlauf herauszufinden, dass meine eigentliche Zufriedenheit daher kommt, dass ich eben eine Verbindung mit Patienten und Menschen aufbauen darf und darin meine Freude besteht, hier zu begleiten. Das wusste ich damals noch nicht.
Julia Rotherbl – Es gab ja auch noch quasi diesen Schritt von einer Klinik zur anderen. Da gab es ja bestimmt auch einen Moment, wo du gesagt hast oder ein Grund, warum du gesagt hast, du wechselst auch die Klinik.
Madeleine Stuber - Ja, also ich bin vor zehn oder elf Jahren glaube ich, in meine Tätigkeit als Ärztin in Weiterbildung gestartet und damals hatten wir in die Klinik, in die ich gegangen bin, noch Opt-Out-Verträge, die ich selbstverständlich ganz brav unterschrieben hatte und war dann zwei Jahre lang in dem Modus der 80- bis teilweise 100 -Stunden-Wochen. Das hat mich total von mir entfernt. Also, ich hatte gefühlt gar keine Zeit mehr für mich. Ich habe die dann für mich genommen, indem ich irgendwie versucht habe, gesund zu bleiben und Sport zu machen, indem ich noch weniger geschlafen habe. Aber ich habe dann ein Kind bekommen - wir haben ein Kind bekommen - und das war für mich dann so der Rest dieses Fasses, das irgendwie voll war, wo ich sagte, mit Familie, mit eigener Familie möchte ich das so nicht mehr weitermachen.
Julia Rotherbl – War das denn in der zweiten Klinik dann anders?
Madeleine Stuber - Ja, also jetzt ist natürlich einfach zu sagen, die Klinik war anders. Was anders war, war vor allem ich. Weil ich nach einem Jahr Elternzeit zurückkam und nicht mehr gewillt war, so zu arbeiten. Und ich kam mit ganz, ganz anderen persönlichen Werten für mich zurück wie in dieser Zeit zuvor in den ersten zwei Jahren. Ich habe eine Klinik gewählt gehabt, die mitten in der Stadt war. Da wollte ich auch irgendwie dieses Unfallchirurginnenleben so richtig mal ausprobieren. Ja, meine Vorbilder waren irgendwie Meredith Grey hier von „Grey‘s Anatomy“ und jeder, der diese Anfangszeit aus dieser Staffel kennt, weiß, dass diese Frauen nur noch in der Klinik leben, es ihnen eigentlich total dreckig geht und Partnerschaften irgendwie nur im Bereitschaftsdienst stattfinden. Und wenn man mit solchen Vorbildern irgendwie aufwächst, dann erwartet man verständlich auch diese Selbstaufgabe und dieses komplette Hingeben in dieses System. Und das habe ich tatsächlich gemacht. Aber ich habe vergessen, was das mit mir persönlich macht. Und ich war dann in der Elternzeit wie auf Reset. Also ich habe einfach festgestellt „Oh Gott, ich kann dieses andere Leben gar nicht mehr“. Und dann haben wir tatsächlich viel verändert. Mein Mann und ich und haben diese Strukturen um uns herum gebaut. Wir haben dann ein zweites Kind bekommen und haben dann tatsächlich immer unterschiedlich mal Vollzeit, mal Teilzeit, mal mehr Teilzeit, mal weniger Teilzeit in ganz unterschiedlichen Formen gearbeitet. So wie es eben in dieser Veränderungsphase mit Kindern, ersten Kindern, zweiten Kindern nachher händelbar war.
Julia Rotherbl – Hmmm, du coacht ja auch Ärztinnen. Wie kommt man denn zu so einer klaren Haltung und wie erarbeitet man sich das auch, dass man seine Wünsche kennt und dann auch kommunizieren kann?
Madeleine Stuber - Der erste Punkt ist bei allen Ärztinnen eigentlich, dass sie überhaupt mal wieder Räume für sich selbst schaffen müssen, weil noch nicht mal diese Räume mehr da sind. Also Räume, in denen sie sichs erlauben, einfach mal nur sich um sich zu kümmern. Nicht um die Arbeit, nicht um die Weiterbildung, nicht um die nächste Fortbildung, nicht um die Kinder, nicht um die Organisation der Events, die für die Kinder notwendig sind, nicht um den Haushalt, nicht um … also diese ganzen Pflichten. Und dann geht der Prozess im Prinzip von alleine los, weil die Leute wieder anfangen, sich um sich zu kümmern, plötzlich wieder Sachen machen, die sie auch glücklich machen und diesen - früher hätte man gesagt - Ausgleich, diese Haltung nehmen die einfach mit. Ja, ich habe früher als - ich sage jetzt mal Meredith Grey erstes, zweites Weiterbildungsjahr - da habe ich immer gesagt „Oh Gott, ich kann es fast nicht aushalten, dass diese jungen Ärztinnen wieder in unsere Klinik reinkommen. Denen scheint die Sonne aus dem Arsch“, habe ich immer gesagt. „Ich kann‘s nicht ertragen.“ Aber schlussendlich ist es so. Also die, die sich halt wieder angefangen haben, dann um sich zu kümmern, da entsteht dann plötzlich wieder Raum und mehr ist es eigentlich nicht.
[00:08:17]Das „Ich würde sagen“-Spiel
Julia Rotherbl – Madeleine, du hast vorher schon kurz mal angedeutet, dass ihr auch im Familienleben ständig in einem Veränderungsprozess wart und seid. Darauf würde ich gerne kommen nach einem Spiel, das immer in diesem Podcast gespielt wird und für das wir ja Redakteurin Anja brauchen, die jetzt gleich zu uns kommt. Hi Anja.
Anja Kopf - Genau. Hallo. Madeleine… Ich begleite ja schon auch die Aufnahme hier am Bildschirm und sehe grad auch, Madeleine hat schon gelacht. Sie freut sich schon drauf, vielleicht?
Madeleine Stuber – Ja, Spiele sind immer super.
Anja Kopf - Eigentlich wissen glaube ich alle Beteiligten jetzt schon, was kommt. Madeleine, dir habe ich das Spiel schon mal in unserem Vorgespräch erklärt. Julia, du hast es ja jetzt eh schon ein vielfaches Mal gespielt. Aber für alle Hörerinnen und Hörer, die uns jetzt neu hören - letzten Endes bekommt ihr abwechselnd, Madeleine und Julia, einen Satzanfang von mir vorgelesen und ihr dürft ganz spontan drauf antworten, was euch da in den Kopf schießt. Und wie gesagt, sehr gerne auch ganz spontan, weil dann kommen die schönsten Antworten dabei raus.
Madeleine Stuber - Okay.
Anja Kopf – Gut.
Julia Rotherbl – Wir sind bereit.
Anja Kopf – Ihr seid bereit, gut. Madeleine, du darfst anfangen. Der erste Satz für dich heißt „Meine Lieblingsarztserie ist oder war...
Madeleine Stuber - … Grey's Anatomy mit Abstand.
Julia Rotherbl – Das wissen wir ja jetzt auch schon.
Anja Kopf – Ich wusste nicht, dass das davor schon im ersten Teil so oft genannt wird. Sonst hätte ich auch einen anderen Satz rausgesucht. Aber damit hast du es noch mal bestätigt. Schaust du die immer noch eigentlich?
Madeleine Stuber – Nein. Ich habe, ich habe tatsächlich kein, keinen Fernseher. Und Serien schaue ich schon sehr lange nicht mehr, nein.
Anja Kopf – Julia, „Ich gehe zufrieden schlafen, wenn...“
Julia Rotherbl - … wenn… Ja, genau. Also, da kann ich… Da bin ich letztens auch immer gefragt worden nach Schlafritualen. Also, wie man quasi gut in den Schlaf findet. Und was mir tatsächlich hilft, ist der Tipp, dass man sich für den nächsten Tag eine To-Do-Liste macht. Weil ich festgestellt habe, wenn ich aufschreibe, was ich am nächsten Tag tun muss, dann habe ich das aus meinem Kopf draußen und grübel dann nicht noch im Bett darüber nach, wie ich das am nächsten Tag organisiere. Ich weiß, da unten dann - also ich sage jetzt unten, weil unten in der Wohnung liegt diese To-Do-Liste - und da kann ich mich dann am nächsten Tag damit beschäftigen und muss nicht jetzt noch drüber nachdenken.
Anja Kopf - Sehr guter Tipp. Ich habe zwar gedacht, dass da eine etwas andere Antwort kommt, zum Beispiel „Wenn ich XY am Tag erledigt habe…“, aber es war gut. Madeleine, da interessiert mich jetzt auch die Antwort total, weil wir schon ein bisschen angekratzt haben das Thema „Zeit und Raum für sich“. Ich würde nämlich gerne wissen „Zeit für mich finde ich...
Madeleine Stuber - … regelmäßig. Morgens habe ich jeden Tag meine 20 Minuten für mich und die 10 bis 15 Minuten, bevor ich ins Bett gehe, gehören auch immer mir.
Julia Rotherbl - Es hört sich so wenig an, aber eigentlich ist es nicht so wenig.
Madeleine Stuber - Es ist die Welt, es ist die Welt. Und wenn man es sich überlegt, darf man mit… Ich bin gestartet mit – ich glaub - einer halben Minute für mich. Das fand ich damals schon viel.
Julia Rotherbl – Also, ich bin… Ich bin die Erste, die bei uns in der Früh aufsteht. Das Kind schläft noch, der Mann schläft noch oder ist gerade im Badezimmer. Und es sind so ungefähr 20 Minuten, die ich allein in der Küche bin. Und da werde ich echt sauer, wenn auch jemand runterkommt, weil ich das total genieße dann. So dieses „Ich bin jetzt hier allein…“
Madeleine Stuber - Aber für was nutzt du die, Julia? Für was nutzt du die Minuten?
Julia Rotherbl - Eigentlich trinke ich dann den Kaffee und lass einfach so meine Gedanken.... Schaue dann meistens aus dem Fenster. Und irgendwann mache ich dann auch den Laptop auf - zugegeben - und gucke mir mal schon so meinen Tag an. Aber so die ersten zehn Minuten sind einfach nur dastehen, Kaffeetrinken und nichts machen. Was irgendwie für meinen Kopf ganz gut ist.
Madeleine Stuber – Mhm.
Anja Kopf - Wir gehen mal noch mehr Richtung Thema Beruf. Madeleine, von dir würde ich jetzt als nächstes gerne wissen „Dass Frauen im Beruf diskriminiert werden…“
Madeleine Stuber - Da fällt mir … Spontan fällt mir gar nichts darauf ein.
Julia Rotherbl - Können wir nachher noch mal drüber reden…
Anja Kopf - Das ist nochmal die Startrampe für Teil zwei des Gesprächs.
Julia Rotherbl – Genau.
Anja Kopf – Ja, Julia. Gut, dann kriegst du die letzte.
Julia Rotherbl – Ja.
Anja Kopf – Julia, für dich – „Karriere bedeutet für mich…“
Julia Rotherbl – Karriere bedeutet für mich… Na ja, dass man quasi dorthin kommt, wo man sich sieht, sehen würde. Also, dass man seine Ziele erreicht hat. Hat, glaube ich, nicht unbedingt was mit Macht zu tun, aber zumindest mit einem Gestaltungsspielraum, den man sich erarbeitet, sofern man das für sich möchte. Aber ich glaube, das ist so was, was sich jede, jeder wünscht. Dass man quasi auch Einfluss auf bestimmte Dinge nehmen kann.
Anja Kopf – Wobei, da sind wir, glaube ich, auch wieder bei dem Thema der Veränderung auch. Dass man auch eben die Macht, die Möglichkeit hat, etwas zu verändern. Und damit würde ich auch dieses Spiel hier schließen und ich übergebe zurück an euch beide und dann Teil zwei des Gesprächs.
Julia Rotherbl – Danke, Anja.
Madeleine Stuber - Vielen Dank.
[00:13:55]Vollzeit, Teilzeit, 50-50 – Familienmodelle im Wandel
Julia Rotherbl – Teil zwei sollte sich jetzt um die - wie schon angekündigt - Veränderungen in eurem privaten Leben drehen, weil ihr spannenderweise tatsächlich sehr viele verschiedene Familienmodelle ausprobiert habt. Welches funktioniert denn für dich am besten. Oder für euch am besten? So muss man das sagen
Madeleine Stuber - Das ist wirklich… sind die geilsten Experimente der letzten Jahre, muss ich echt sagen. Und wir haben es häufig auch so gesehen, dass wir sagen „Jetzt machen wir…, jetzt sehen wir das einfach wie ein Experiment und probieren einfach aus, bis es für uns passt.“ Und zwar hatten wir am Anfang die Konstellation, nachdem unser erstes Kind geboren war, da war ich tatsächlich ein Jahr zu Hause und dann durfte ich natürlich erst mal ausprobieren, wie viel will ich machen und wie viel nicht. Und ich dachte „Okay, jetzt gehe ich einfach wieder 100 % zurück, weil da fehlt ja auch noch viel bis zu diesem Facharzt“. Damals war ich auch noch immer in dieser Meinung, es wird alles gut, wenn ich diesen Facharzt habe, dann werde ich total zufrieden. Okay, dachte ich damals und dann bin ich 100 % zurück.Mein Mann ist dann teilweise Teilzeit zurück, was damals die größte Veränderung war, weil er war nämlich bei einem ganz großen Unternehmen angestellt, der erste Mann, der überhaupt Elternzeit genommen hat. Und mein Mann hat mit einer unglaublichen Härte damals festgestellt, was es bedeutet, als Mann Teilzeit zu arbeiten und inwieweit er in keinster Weise in einem Unternehmen steckt, das auch nur ansatzweise familienfreundliche Bedingungen lebt. Das steht vielleicht irgendwo, aber es wird nicht umgesetzt. Das hat dann tatsächlich dazu geführt, dass er dieses Unternehmen verlassen hat, weil seine Wertevorstellungen so eklatant auseinandergingen.Aber auch das war natürlich ein Prozess. Ja, und aktuell sind wir in der Lage, dass ich in meiner Selbstständigkeit arbeite, aber in meiner Vollzeit, die - sage ich jetzt mal - mit 28 Stunden in der Praxis auch keine Vollzeittätigkeit sonst entspricht. Und mein Mann ist zum Teil mit in der Praxis angestellt und aber eben noch Teilzeit anderweitig arbeitend, weil er eben auch selbstständig arbeitet. Also ein komplett buntes, kreatives Bild mittlerweile.
Julia Rotherbl – Also du kannst gar nicht sagen, was wirklich am besten funktioniert, sondern du kannst nur sagen, was für die eine Phase am besten funktioniert.
Madeleine Stuber - Richtig.
Julia Rotherbl – Okay.
Madeleine Stuber - Ja, und da würde ich auch echt voll dazu einladen, dass man sich das da leicht macht und sagt „Jetzt stellen wir nicht einen Plan auf und der funktioniert die nächsten 2, 3, 4, 5 Jahre, solange die Kinder klein sind. Und so muss es jetzt bleiben, weil so haben wir uns entschieden“, sondern echt einladen und sagen „Okay, let’s try. Wir müssen uns nicht daran festhalten“. Und in den Arbeitsbedingungen und wie wir mittlerweile arbeiten, ist es möglich. Mein Chef hat das alles ohne Meckern immer mitgemacht. Der hat immer gesagt „Frau Stuber, wie viel wollen Sie denn jetzt arbeiten? Was soll ich denn dieses Mal auf den Arbeitsvertrag stellen, schreiben?“ Das haben wahrscheinlich nicht alle Leute. Für uns war das optimal. Muss ja auch nicht jeder so machen. Aber zumindest mal, sich die Option erlauben auszuprobieren. Das finde ich schön.
Julia Rotherbl – Also ich glaube, es ist halt vieles so dann von außen irgendwie vorgegeben. Also kriege ich einen Krippenplatz? Ja, wie viel kostet der Krippenplatz? Lohnt sich dafür dann überhaupt? Ich meine, das ist jetzt vielleicht in unseren beiden Berufen nicht quasi so relevant, aber es gibt ja auch Berufsfelder, wo man dann tatsächlich rechnen muss. Ich zahl hier in München 800 € für eine Kita. Lohnt sich dann, dass ich dafür Teilzeit arbeiten gehe? Oder habe ich irgendwie ein Backup im Sinne von Großeltern, die auch mal spontan einspringen, wenn irgendwie man nicht pünktlich das Büro verlassen kann? Das sind natürlich Faktoren, die sind nicht unbedingt immer so beeinflussbar.
Madeleine Stuber - Finde ich auf jeden Fall. Aber schlussendlich ist auch das was, das man feststellt, wenn man es ausprobiert, wenn man sich danach ausrichtet, dass man eben einen zufriedenen Lebensalltag gestalten möchte für die Familie, die eigenen Bedürfnisse, die Bedürfnisse des Partners, die Bedürfnisse der Kinder. Das alles irgendwie so haben möchte, dass dieses System gesund ist. Ich … Meine Priorität ist gesundes Familiensystem. Aber das muss man erst mal wissen. Wenn die Priorität für eine Zeit eine andere ist und man sagt „Meine Priorität ist dieses Jahr Karriere. Ich gebe 100 % Vollgas und die gesundheitliche Beeinträchtigung, die mir vielleicht dadurch zustehen… passieren oder nicht passieren - das weiß man ja auch immer nicht - das ist gerade für mich nicht meine Priorität.“ Das ist eine ganz andere Ausrichtung. Ganz andere Ausrichtung.
[00:18:34]„Die Rolle meiner Brüste“ – Das (alte) Leben als Unfallchirurgin
Julia Rotherbl – Madeleine, ich würde gern noch auf einen Aspekt zu sprechen kommen und zwar auf ein Buch, das du mal geschrieben hast. Das heißt „Oha, können Sie denn auch operieren?“ Ja. Und ich habe so - du kannst mich gerne korrigieren - den Eindruck, dass auch hier ein Veränderungsprozess stattgefunden hat und du dieses Buch vielleicht so nicht nochmal veröffentlichen würdest.
Madeleine Stuber - Aus der heutigen Sicht ist diese Einschätzung richtig. Absolut. Also es ist total notwendig gewesen, dieses Buch zu schreiben für meinen Veränderungsprozess. Ich brauch oder… ich darf dieses Buch heutzutage tatsächlich mit sehr viel Selbstmitgefühl angucken. Das ist der Veränderungsprozess, den ich damals beschrieben habe. Das ist ja keine Autobiografie, sondern ich habe einen Blog geschrieben, bei denen ich vor allem die Themen der Vereinbarkeit angesprochen habe, die ich als Unfallchirurgin in diesem System für mich gefunden habe, um mit Familie zu leben. Und dieses Problem, vor dem ich damals stand, hat tatsächlich sehr viele Leute angezogen. Es haben mir ganz, ganz viele Ärztinnen geschrieben. Ich hatte auf diesem Blog damals ich glaube 60 Interviews veröffentlicht von anonym geschriebenen Ärztinnen, die alle ihre Probleme oder Hindernisse auf diesem Weg geschrieben haben und der Unzufriedenheit, die damit resultiert ist. Aber es war natürlich auch eine Reflexionsarbeit über Patienten.Und genau… In diesem Buch habe ich ganz viele Thematiken, die die Ärztinnen angesprochen haben, aber natürlich auch persönliche Entwicklungsprozesse beschrieben und. Die meisten Ärztinnen haben überhaupt kein Problem zu definieren, warum sie diesen Job machen. Also am „why“ liegt‘s nicht, sondern ist… Die haben alle richtig Bock darauf und dann dauert‘s zwei Monate bis zwei Jahre, bis im Prinzip dieses persönliche Burnout da ist. Auch wenn heutzutage die Ärzte das nicht so beschreiben wollen. Schlussendlich ist die Entwicklung auch in diesem Buch so beschrieben, weil da negative Gedankenkreislauf alles übernimmt.
Julia Rotherbl – Es geht in dem Buch auch zum Teil um Frauen in der Medizin. Also es gibt ein ganzes Kapitel mit der Überschrift „Die Rolle meiner Brüste“. Ja, wo du auch zum Beispiel erzählst, dass bei einer Einführungsveranstaltung als Medizinstudentin du dir anhören müsstest, Frauen könnten sich eigentlich diesen Kurs hier sparen, die würden sowieso Kinder bekommen und die Ausbildungszeit wäre verschwendet und ein anderer irgendwie was ähnlich Blödes gesagt hat. Also, du hast ja diese Erfahrungen gemacht. Es lässt sich nicht wegdiskutieren, auch durch eine andere Einstellung, die man heute vielleicht zu Dingen hat. Wie würdest du denn oder wie würde diese Überschrift über so ein Kapitel vielleicht heute lauten, statt „Die Rolle meiner Brüste“?
Madeleine Stuber - Also schlussendlich ist dieses Kapitel natürlich der Tatsache geschuldet, dass ich damals mit dem Thema Weiblichkeit und dem Umgang meiner Weiblichkeit in einem Beruf, in dem hauptsächlich Männer arbeiten, überhaupt keine Vorstellung hatte. Ich bin in diesen Beruf rein und dachte „Okay, Unfallchirurgie, das will ich machen“, weil es einfach handwerklich total erfüllend ist und ich auch das Gefühl hatte, ich hatte da eine Begabung dafür, ein Talent und wurde da immer gefördert. Und ja, und hab dann eben diese Erfahrungen gemacht, dass die Patienten aus dem Raum sind und gefragt haben, wann der Arzt kommt, weil sie mich nicht mit der Ärztin in Verbindung gebracht haben und schon gleich gar nicht mit der Ärztin, die sie operiert hat.Dann habe ich natürlich die Erfahrung gemacht, bin auf Männer getroffen, die tatsächlich einfach ein absolut ungelöstes Frauenproblem mit sich hatten. Und die Erfahrungswelt natürlich auf die alten Chefs zu treffen, die man auch noch kennengelernt hat, die einfach in jeglicher Hinsicht versucht hatten, dich da auszureizen, um auch zu testen „Wo sind deine Grenzen?“ Das hätte ich vielleicht mit einer anderen Haltung entspannter genommen. Damals hat es mich einfach massiv überfordert. Und dann war ich natürlich auch noch in einem System, wo lauter Männer, die unzufrieden sind und ihre grundlegendsten Bedürfnisse wie Essen, Schlaf und Sex nicht erfüllt hatten, als Frau. Das ist einfach eine ungute Konstellation. Und da war ich dann einfach in Situationen teilweise auch, die absolut grenzüberschreitend waren. Damals für mich nicht reflektierend, überhaupt nur mir Zeit nehmend dafür, dass es so war. Aber diese Dinge passieren jeden Tag.
Julia Rotherbl – Willst du ein Beispiel erzählen?
Madeleine Stuber - Ja, also ich war ja tatsächlich - das habe ich im Buch auch beschrieben - in der Situation, dass mir Kollegen irgendwann pornografische Videos gezeigt hatten, weil sie in ihrem Arbeitsalltag in der Pause gegenseitig sich lustig gemacht haben über Situationen. Und dann sitzt man eben in fünf Minuten Pause mal zusammen, fragt nach „Was ist eigentlich so lustig?“ Und, was ist so lustig…? Das war im Prinzip ja eine Einladung. Also ich kann mich gar nicht beschweren, aber dass überhaupt der Schritt gegangen wird, das man der weiblichen Kollegin dann pornografische Inhalte per Video vors Auge hält, das ist etwas, das heutzutage nicht mehr in meiner Erfahrungswelt vorhanden wäre, mich damals aber natürlich massiv konfrontiert damit hat, das ich hier in einem männlichen Arbeitsumfeld arbeite, wo kein Ausgleich stattfindet.
[00:24:01]Wie man es schafft, das Thema Geschlecht für sich zu klären
Julia Rotherbl – Du hast im Vorgespräch einen Satz gesagt, den habe ich mir hier auf meinem Ausdruck unterstrichen. Du hast gesagt „Mein Geschlecht hat so lange eine Rolle für mich gespielt, bis ich das Thema für mich geklärt hatte.“ Vielleicht als abschließende Frage für dieses, wie ich finde, tolle Gespräch - Wie schafft man es, das Thema Geschlecht für sich zu klären?
Madeleine Stuber - Also für mich ist… Ganz klar nicht alleine. Die größte Hürde, die wir Ärztinnen da vermutlich immer noch haben, dass wir denken, wir müssen diese Themen alleine für uns klären. Das ist schlicht und ergreifend nicht machbar. Es konfrontiert dich mit deiner Erfahrungswelt als Mensch vom Kind bis zum Erwachsenen. Diese Thematiken sind so wichtig und so entspannend, wenn sie gelöst werden dürfen. Und ich habe mir dafür Begleitungen genommen. Ich habe heutzutage für viele Punkte in meinem Leben Coaches selber, bin immer in irgendwelchen Coachings, wenn ich einfach bemerke, da ist ein Thema, das gelöst werden will. Weil es schlussendlich Stolpersteine sind, mit denen ich im dauerhaften Kampf in meiner Umwelt bin, die überhaupt nicht notwendig sind. Also, der erste Rat wäre immer „Such jemanden. Hol dir Hilfe.“
Julia Rotherbl – Ja. Vielleicht doch noch, jetzt die richtige letzte Frage - Was würdest du denn einer jungen Ärztin sagen, die zu dir ins Coaching kommt? Oder die dir jedenfalls den Satz sagt „Ich habe das Gefühl, ich komme nicht weiter, weil ich eine Frau bin.“
Madeleine Stuber - Ja, also zum ersten Mal ist da, glaube ich, ganz wichtig, dass man überhaupt sich das mal erlaubt, um das Gefühl überhaupt zuzulassen. Ja, da ist schon der größte Widerstand. Die meisten Leute sind überhaupt im Widerstand. Wenn wir den Widerstand mal hinter uns lassen und überhaupt mal zulassen, was eigentlich gerade Kacke ist und warum und es ausformulieren dürfen, kommen eigentlich die Tatsachen hervor, die da dahinter stecken. Und dann sind wir tatsächlich da unten angekommen und dann können wir ganz, ganz easy - nicht immer easy, aber viel einfacher - auf einen Berg hochklettern, wie uns die ganze Zeit damit zu beschäftigen, mit sehr viel Reibung zu bremsen, bis wir im Tal ankommen.
Julia Rotherbl – Madeleine, vielen Dank für deine Antworten für dieses Gespräch. Danke, dass du bei uns zu Gast warst.
Madeleine Stuber - Vielen Dank.
[00:26:25]Tschüssi und bis bald!
Julia Rotherbl – Wenn ihr findet , dass wir an diesem Podcast noch etwas verbessern könnten, dann freuen wir uns auf jeden Fall über eine E-Mail an redaktion@gesundheit-hören.de. Und wenn ihr findet, dieser Podcast ist genauso wie er ist, schon total genial und ihr hört total gerne rein, dann abonniert uns. Dann verpasst ihr keine Folge. Wir erscheinen immer montags alle 14 Tage neu. Und zusätzlich zum Abonnieren könnt ihr uns natürlich auch noch eine kleine Lobes-E-Mail schicken. Das freut uns immer - mich und das ganze Podcastteam.
Sprecher - Ein Podcast von gesundheit-hören.de. Und Apotheken Umschau Pro.
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