Von der Dorfpraxis ins World Wide Web
Shownotes
Sie bloggt und twittert ziemlich erfolgreich über ihren Alltag als Landärztin. Dafür hat sie sogar den Social-Media-Preis "Goldener Blogger 2019" gewonnen. Gemeint ist Dr. Ulrike Koock, alias "Schwesterfraudoktor", die in dieser Folge zu Gast ist. Host Julia Rotherbl spricht mit ihr über die Teilzeitfalle, Männer und Stethoskope und sie erzählt uns, wie sie mit Hass im Netz UND in der Praxis umgeht.
Den Blog unserer Gästin findet ihr hier: https://www.schwesterfraudoktor.de/
Im Podcast "Frau Doktor, übernehmen Sie!" erzählen Frauen aus der Medizinbranche, wie sie dort Karriere gemacht haben. Dazu spricht Julia Rotherbl, Chefredakteurin der "Apotheken Umschau", mit Frauen, die in Führungspositionen arbeiten, die Herausforderungen gemeistert haben oder an ihnen gescheitert sind. Es geht um Themen wie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Sexismus, männliche Netzwerke, mangelnde Vorbilder oder verschiedene Arbeitsmodelle. Das Ziel: Euch zu inspirieren und ermutigen, euren eigenen Weg zu finden.
Montags alle 14 Tage erscheint eine neue Folge. Habt Ihr Fragen, Anregungen oder Kritik? Dann schreibt uns gerne an redaktion@gesundheit-hoeren.de
Redaktion: Julia Rotherbl, Anja Kopf; Schnitt und Post-Produktion: Yves Seissler, Anja Kopf
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Transkript anzeigen
Willkommen Dr. Ulrike Koock
[00:00:00]
Dr. Ulrike Koock - Wenn man sich diese Instagram-Accounts von irgendwelchen Männern anguckt, die heißen fast alle „Doc Irgendwas“ und sie haben immer ein Stethoskop um den Hals. Und ich glaube, dass viele Frauen das nicht so machen. Die inszenieren sich nicht so. Sondern sie wollen mit ihrem Wissen oder mit ihrem Können, mit ihrer Kompetenz irgendwie beeindrucken und sich eben nicht so darstellen. Einfach nur mit ‚nem schönen Bild und Stethoskop um den Hals, ne.
Sprecherin - Frau Doktor, übernehmen Sie!
Julia Rotherbl - Sie bloggt und twittert ziemlich erfolgreich über ihren Alltag als Medizinerin. Gemeint ist Dr. Ulrike Koock, alias „schwesterfraudoktor“, die heute in dieser Folge von „Frau Doktor, übernehmen Sie!“ zu Gast ist. Und wir dürfen mit ihr sprechen über die Teilzeitfalle, Männer und Stethoskope - wie ihr im Eingangszitat schon gehört habt - und sie verrät uns, warum sie auf Twitter dann doch manchmal wochenlang nicht auffindbar ist. Ich freue mich sehr auf dieses Gespräch und ich freue mich sehr, dass ihr alle da seid. Ich bin Julia Rotherbl, Chefredakteurin der Apotheken Umschau.
Sprecherin - Ein Podcast von gesundheit-hören.de und Apotheken Umschau Pro.
Wie "Schwesterfraudoktor" zu "Schwesterfraudoktor" wurde
[00:01:21]
Julia Rotherbl - Heute bei mir zu Gast ist Frau Dr. Ulrike Koock. Sie ist Ärztin und Bloggerin und den meisten von euch vielleicht eher bekannt unter ihren Bloggerinnen-Namen „schwesterfraudoktor“. Herzlich willkommen Ulrike bei unserem Podcast.
Dr. Ulrike Koock - Hallo, danke für die Einladung.
Julia Rotherbl - Ulrike, eine frühere Gästin dieses Podcasts, hat mal erzählt, dass sie sich sehr darüber ärgert, dass wenn die Menschen an eine Arztvisite im Krankenhaus denken, die allermeisten immer noch Männer im weißen Kittel vor sich sehen. Und ich erzähle es jetzt, weil das so gut zu der Geschichte passt, die hinter dem Namen deines Blogs steht, der ja heißt „schwesterfraudoktor“. Würdest du unseren Zuhörerinnen und mir diese Geschichte bitte nochmal erzählen?
Dr. Ulrike Koock - Ja, der der Name „schwesterfraudoktor“, das war so eine, ich sag mal, so eine Art kleine Eingebung. Also ich habe in der Klinik gearbeitet. Es ist jetzt auch schon ein paar Jahre her, aber da war ich in der Notaufnahme tätig und da war das so, dass ich… Also, es ist ja immer ganz schön, wenn man ein bisschen jünger aussieht, als man ist - aber damals wurde ich nie für eine Ärztin gehalten. Und obwohl ich mein Namensschild hatte, auf dem auch immer mein Doktortitel drauf stand und meine Funktion als eben damals Assistenzärztin, war das ganz häufig, so, dass die Patienten - häufig hochbetagte Patienten, Patientinnen mehr, also auch Frauen häufiger als Männer - mich angesprochen haben mit „Schwester“, weil sie dann irgendetwas von mir wollten, was ich für sie tun sollte und dann so verdattert auf mein Schild geguckt haben und sagten „äh, Frau Doktor!“. Daraus wurde dann irgendwann dass „schwesterfraudoktor“.
Julia Rotherbl - Sehr schön. Aber wie geht man in dem Moment damit um?
Dr. Ulrike Koock - Also als ich jünger war, hat es mich maßlos gestört, irgendwie. Jetzt bin ich über 40, jetzt kann ich damit irgendwie lockerer umgehen. Aber es stört schon, weil man so das Gefühl hat, nicht ernst genommen zu werden. Was überhaupt nicht heißen soll, dass ich den Beruf der Pflegerin oder des Pflegers nicht wertschätze, sondern es war so aus der Stimme der Patientinnen und Patienten so eine, eine nicht-Wertschätzung meines Berufs sozusagen. Also so kam es mir vor, als wäre ich zu jung und zu inkompetent um eine Ärztin sein zu können. Das hatte mich damals schon gestört. Man bekommt mit der Zeit natürlich ein bisschen dickeres Fell und vor allem lernt man damit umzugehen, dass es gar nicht böse gemeint ist, sondern das ist wirklich einfach. Aufgrund der Tatsache ist, dass in vielen gerade etwas hochbetagten Köpfen eben die Frau die Schwester ist und der Mann ist der Arzt.
Julia Rotherbl - Hast du denn das Gefühl, dass sich das ändert - wenn du sagst es sind vor allem die Hochbetagteren - ist die die Generation, die nachfolgende Generation da offener?
Dr. Ulrike Koock - Ja, ich denke schon. Also gerade jetzt in der Praxis erlebe ich das sehr häufig, dass, ich denke, ich eher gutes Ansehen habe und dass keiner auf die Idee käme, dass ich keine, dass ich keine Ärztin sein könnte. Klar, jetzt ist man auch nochmal ein paar Jahre älter als damals. Das kommt natürlich auch noch dazu. Aber erst neulich ist es mir passiert, dass ich einen Patienten in ein Sprechzimmer geschickt habe und er geht zu meiner MFA - also zu meiner medizinischen Fachangestellten - und hat in einem sehr wirklich abfälligen Tonfall gesagt „Das Mädchen da hinten hat gesagt, ich soll in das Zimmer hier reingehen“ und dann bin ich bin ich hinterhergegangen und habe gesagt, „Das Mädchen hier ist über 40 und ihre behandelnde Ärztin!“.
Julia Rotherbl - Okay, wie hat er reagiert? War‘s ihm wenigstens peinlich?
Dr. Ulrike Koock - Es war ihm schon, glaube ich, unangenehm, grummelte so ein bisschen dann in seinen Bart. Irgendwie „sehen aber nicht so danach aus“. Dann hab ich mich dafür freundlich bedankt und dann haben wir auch ganz normal irgendwie, ja, gearbeitet miteinander sozusagen. Das war dann auch wieder in Ordnung. Ich denke, der meinte das nicht so, aber in dem Moment konnte ich dann auch nicht ganz mich zurückhalten und das sagen. Der Ton macht die Musik, ne?
Die Arbeit als Landärztin
[00:05:23]
Julia Rotherbl - Ulrike, du hast jetzt ja schon angedeutet, du bist nicht mehr in der Klinik tätig. Du bist in einer Landarzt-, sogenannten Landarztpraxis angestellt. Wie kam es zu dem Schritt?
Dr. Ulrike Koock - Also ich war ein paar Jahre in der Inneren und eben in der Notaufnahme tätig und hatte schon mit dem Gedanken gespielt, Allgemeinmedizin zu machen. Ich habe vorher so ein paar andere Berufe ausprobiert. Ich war in der Pathologie tätig und ich war auch in der klinischen Forschung tätig und es fehlte mir immer etwas. Also, ich hatte immer das Gefühl, noch nicht ganz angekommen zu sein in meinem Beruf. Und dann irgendwann, als ich dann schwanger war, sind wir auf‘s Land gezogen. Einfach, naja, die Gründe, warum man aufs Land zieht.
Julia Rotherbl - Das ist ja so der klassische Schritt, oder?
Dr. Ulrike Koock - Genau. Genau. Also man möchte ja irgendwie nicht, dass die Kinder in der Stadt groß werden und man kann ein Haus kaufen und die Schwiegereltern sind in der Nähe und dann geht man eben aufs Land. Und dann hab ich meine Klinikzeit absolviert und dann war da eine große Landarztpraxis und der Inhaber hatte mich gefragt, ob ich mich nicht, ob ich mir nicht vorstellen könnte, dort danach tätig zu werden. Und im Prinzip ist es dann dabei geblieben. Das war, wir hatten nie ein richtiges Vorstellungsgespräch. Ich bin da halt einfach dann irgendwann dazugestoßen und dort geblieben.
Julia Rotherbl - Es sind ja mit dem Landarztberuf einige Vorurteile verbunden, z.B. man hätte nie Feierabend und würde quasi auch im Supermarkt noch auf den komischen Punkt am Fuß angesprochen, oder so. Ist es denn tatsächlich so?
Dr. Ulrike Koock - Ja, das ist schon so. Aber das bringt schon auch manchmal schöne Seiten mit sich. Also, ich habe auch irgendwie ganz gerne so vernetzt und verbunden zu sein. Man muss aber lernen, sich abzugrenzen. Also dass man jetzt z.b. nicht die private Telefonnummer herausgibt und dann am Wochenende noch erreichbar ist, sondern wenn ich dann zuhause bin, dann bin ich zuhause. Also, das, der einfachste Weg ist, abends dann das Handy leise zu machen, auszuschalten in der Nacht sowieso. Also die medizinische Versorgung in Deutschland ist zum Glück so, dass keiner irgendwo dann blutend auf der Straße liegen muss, sondern immer irgendeine Versorgung da ist. Auch wenn ich jetzt als Landärzte sozusagen „nicht verfügbar“ bin.
Julia Rotherbl - Du hast ja gerade gesagt ihr seid dann mit den Kindern aus aufs Land gezogen. Ich wohne auch auf dem Land. Was man dabei immer nicht bedenkt ist das - oder vielleicht habt ihr es bedacht, wir nicht so - dass die Kinderbetreuung dann auf dem Land weit weniger ausgebaut ist als in der Stadt. Wie, wie ist da deine Erfahrung?
Dr. Ulrike Koock - Also noch zu Klinikzeiten war das wirklich schwierig. Also da hatte ich große Probleme, wenn ich mal Überstunden machen musste - obwohl ich da auch nur Teilzeit gearbeitet hatte - also 75 prozent, sechs Stunden am Tag, man kann halt in der Notaufnahme nicht einfach irgendwie das Stethoskop fallen lassen und nach Hause gehen. Da gab es immer Überstunden. Es gab immer wieder Probleme. Ich musste die Oma anrufen oder meinen jetzt Ex-Mann anrufen sagen „Hol mal bitte die Kinder, aber es geht gerade nicht“. Er war ja auch beruflich voll eingebunden. Inzwischen, in der Praxis, ist das natürlich deutlich leichter, weil ich da andere Arbeitszeiten habe, meine Kinder jetzt auch größer sind. Das heißt, wenn die von der Schule kommen, dann bin ich zu Hause. Und auch an meinen langen Tagen schaffen die das mal, dass ich da mal jetzt nicht stundenlang da bin. Aber das war, gerade als sie kleiner waren, auf dem Land wirklich schwierig. Wir haben es dann mit einem Au-Pair-Mädchen probiert. Das war für mich die große Katastrophe. Das hat gar nicht funktioniert. Aber das ist sicherlich Einstellungssache. Das kann man ja einfach irgendwie für sich entscheiden und ausprobieren.
Julia Rotherbl - Du arbeitest jetzt in Teilzeit, 20 Stunden, hast vor 30 Stunden zu arbeiten. Weiß ich aus dem Vorgespräch, hat mir unsere Redakteurin Anja gesteckt. Und du machst auch deine Facharztausbildung quasi in Teilzeit. Würdest du sagen, du steckst in der klassischen Teilzeitfalle, wie man so schön sagt?
Dr. Ulrike Koock - Irgendwie schon. Also es fühlt sich schon so an. Also, jetzt bin ich ja schon nicht mehr ganz so jung. Andere in meinem Alter sozusagen sind schon seit fünf Jahren vielleicht selbstständig in der Praxis und haben mit, ich weiß nicht, 30, Anfang 30 Facharzt gemacht. Das ist bei mir jetzt nicht so. Also ich habe jetzt kürzlich auf 30 Stunden aufgestockt, weil ich jetzt das Gefühl habe, dass meine Kinder groß genug sind. Das ist deutlich anstrengender. Das muss man echt so sagen. Es klappt gut, aber es ist wirklich deutlich anstrengender und mache jetzt dann im im Frühjahr meinen Facharzt, damit ich dann in die Praxis einsteigen kann. Und wie gesagt, andere die haben das natürlich deutlich früher gemacht und da würde ich schon behaupten, ist man in der Teilzeitfalle. Aber ich hätte es nicht anders hinkriegen können. Also ich hätte nicht Vollzeit arbeiten können, nicht mal in der Praxis, weil die langen Tage, die dann bis 19 Uhr gehen, die kann ich gerade als Alleinerziehende nicht abdecken.
Julia Rotherbl - Du hast ja noch einen anderen Job. Weiß nicht, ob du es als Nebenjob bezeichnen würdest. Ich habe jetzt mal in Anführungszeichen auf meinem meinem Spickzettel als Nebenjob beschrieben. Auf den würde ich aber gleich erst zu sprechen kommen, wenn wir ein Spiel gespielt haben, das immer Teil dieses Podcast ist. Und dazu würde ich gerne die Redakteurin dieses Podcasts, Anja, zu uns holen.
Das „Ich würde sagen“-Spiel
[00:10:48]
Anja Kopf - Genau. Ich darf so als als Zwischen-break hier in diesem Spiel, manchmal auch zum Anfang, hier das Schöne „Ich-würde-sagen“- Spiel moderieren. Julia hat es jetzt bald schon, ich glaub 10 mal mindestens gespielt. Sie ist schon ein bisschen Profi! Ulrike für dich ist es noch neu. Die Idee dahinter - relativ simpel. Ich hab für euch beide Satzanfänge rausgesucht und die dürft ihr vervollständigen.
Julia Rotherbl - Ich kenne meine Satzanfänge auch nicht, ich schwöre!
Anja Kopf - Deswegen kommt auch immer noch was bei Julia auch noch was sehr spontanes, schönes rum!
Dr. Ulrike Koock - Ich bin gespannt.
Anja Kopf - Genau. Und, Ulrike, ich habe den ersten Satz für dich rausgesucht. Wenn du keine Fragen mehr hast?
Dr. Ulrike Koock - Nein. Kann losgehen.
Anja Kopf - Gott sei Dank ist auch die Komplexität dieses Spiels relativ gering. Da bin ich immer relativ froh drum.
Dr. Ulrike Koock - Kannst du nochmal erklären wie es geht, bitte?
Anja Kopf - Also, da waren diese Satzanfänge! Okay.
Dr. Ulrike Koock - Ich höre…
Anja Kopf - Der erste Satz heißt, „wenn ich aus dem Urlaub zurück in die Praxis komme...“
Dr. Ulrike Koock - Dann freue ich mich, meine Kolleginnen wiederzusehen.
Anja Kopf - Das ist eine sehr, sehr, sehr schöne Antwort.
Julia Rotherbl - Die Kolleginnen freuen sich auf jeden Fall, wenn sie das hören.
Anja Kopf - Für Julia, der Satz „Nervös werde ich…“
Julia Rotherbl - Okay. Nervös werde ich, wenn der Anteil meiner ungelesenen E-Mails die 10.000-Grenze überschreitet.
Anja Kopf - Oh wow!
Dr. Ulrike Koock - Oh mein Gott.
Julia Rotherbl - Ja, man sollte wahrscheinlich schon früher nervös werden. Aber ich habe jetzt einen Trick, weil normalerweise zeigt das Mailprogramm ja diese ungelesenen E-Mails immer an und da hast du dann immer diese rote Zahl die echt schlimm ist. Aber ich verschieb‘ die jetzt in Ordner. Und dann erscheint diese Zahl nicht mehr. Ungelesen sind sie trotzdem!
Dr. Ulrike Koock - Sehr gut.
Anja Kopf - Es gibt immer Möglichkeiten, sich selbst ein bisschen auszutricksen, ja.
Julia Rotherbl - Ja!
Anja Kopf - Ulrike. Von dir würde ich gerne wissen, „Schreiben ist für mich…“
Dr. Ulrike Koock - Schreiben ist für mich Ausgleich und Vervollständigung meines Berufs.
Anja Kopf - Sehr schön.
Dr. Ulrike Koock - Also ich merk das wirklich, dass das Schreiben mir fehlt wenn ich es eine Zeit lang nicht machen kann. Und ich glaube, dass ich da zum Teil - also ich lerne viel davon - und ich glaube auch, dass ich dadurch meinen Beruf auch irgendwie, ja, vervollständige. Meinen Tagesalltag verarbeite.
Anja Kopf - Genau. Du bist die schreibende Ärztin, Ulrike. Die Julia ist die vielleicht auch immer noch schreibende, gar nicht mehr so viel schreibende Chefredakteurin. Deswegen würde ich von dir gerne wissen, Julia, „Schreiben ist für mich…“
Julia Rotherbl - Schreiben ist… Schreiben war für mich immer der totale Traum, dass ich quasi einen Beruf habe, indem ich schreiben kann. Ich habe schon immer als Kind immer ellenlange Aufsätze geschrieben. Und jetzt ist es so, dass ich es tatsächlich vermisse, aber auch merke, dass man für Schreiben - oder für gut schreiben - auch Zeit braucht, die der Beruf so wie er jetzt ist einfach gerade nicht mit sich bringt.
Anja Kopf - Ulrike nickt nachdrücklich.
Dr. Ulrike Koock - Ja, es kommt bei mir leider gerade auch zu kurz. Aber man kann sich halt nicht teilen. Und dann macht man es irgendwann wieder, wenn es die Zeit hergibt. Ansonsten liefert man irgendein Text ab, der einem nicht gefällt und das ist auch blöd.
Julia Rotherbl - Ja.
Anja Kopf - Ich habe einen abschließenden Satz jetzt auch nochmal für dich, Ulrike. „Meine berufliche Vision ist…“
Dr. Ulrike Koock - Also, eigentlich darf es so weitergehen, wie es jetzt ist. Ich weiß, dass ich in der Praxis bin, dass ich weiterhin schreiben kann, ein bisschen Öffentlichkeitsarbeit machen kann und, ja, es darf so bleiben.
Anja Kopf - Das ist schön, wenn man seine Vision eigentlich selbst ein bisschen erreicht hat.
Julia Roherbl - Gut. Anja wir sind, glaube ich am Ende des Spiels, richtig?
Anja Kopf - Ja, das war kurz und knackig, aber ich fand, ich fand die Antworten super, super schön, tatsächlich.
Julia Rotherbl - Vielen Dank.
Anja Kopf - Sehr gerne!
Übers Bloggen
[00:14:53]
Julia Rotherbl - Ulrike. Jetzt kommen wir zu dem Nebenjob, der auch im Spiel schon angeklungen ist. Du schreibst, du hast einen Blog - eben unter dem Namen „schwesterfraudoktor“ - und du bist auch auf Twitter und Instagram aktiv. Hast da ‚ne ziemlich große Follower-Zahl. Deine Arbeit wurde auch schon preisgekrönt. Und ich würde jetzt quasi als erstes gerne wissen, wie du überhaupt dazu gekommen bist. Wie kam die Idee auf, zusätzlich zum Arzt- oder zum Ärztinnenberuf zu schreiben?
Dr. Ulrike Koock - Das hat sich mit der Zeit so nach und nach entwickelt. Das fing manchmal mit so kleinen Geschichten an, die ich Freunden oder Freundinnen geschrieben habe und habe auch andere Blogger verfolgt, die ich wirklich sehr spannend und gut fand. Und habe dann irgendwann gedacht, „Och, das würde ich ja irgendwie auch gerne machen“, hatte aber wirklich überhaupt keinen blassen Schimmer, wie man sowas überhaupt aufzieht oder auch über‘s Schreiben. Ich wollte gerne schreiben, habe auch gemerkt, dass ich das offenbar irgendwie so, gar nicht so schlecht hinkriege. Aber Schreiben ist natürlich eine ganz große Übungssache. Da braucht man schon viel Erfahrung. Und am Anfang lief das natürlich alles überhaupt nicht rund. Dann hab ich mal geguckt, wie ich ein Blog überhaupt starten kann und hab mich dann irgendwie da so rein gearbeitet. Hab meine Website selbst erstellt, hab auf anderen Blogs geguckt, wie man bloggt und was da wichtig ist. Hab dann auch so ein Journalismus-Studium angefangen, hab das allerdings ehrlicherweise irgendwann wieder aufgegeben, weil ich da die Zeit nicht mehr für hatte. Hab aber sehr viel Handwerkszeug daraus mitnehmen können. Und so richtig groß wurde der Blog dann erst, als ich mich bei Twitter angemeldet habe und dann dort die Texte so verbreiten konnte und eine, ja, größere Follower-Anzahl dann irgendwann bekommen habe. Als ich dann den goldenen Blogger bekommen hab, das war im März 2020, da hatte ich irgendwie so ich glaube 20.000 Follower, was für mich schon wirklich sehr, sehr viel war. Inzwischen bin ich bei knapp 70.000 und ja, dann wurde das auch durch den goldenen Blogger, und so wurde das irgendwie immer mehr und immer mehr. Und dann kam mein Buch dazu, was ich dann irgendwann geschrieben habe. Ich hab noch einen kleinen Instagram-Account, da mache ich aber nicht viel. Das ist eher so ein bisschen wie ein privates Fotoalbum. Ich koche ganz gerne, dann schreibe ich das da rein und ich mache Sport und dann kommt das auch da rein. Aber das hat nicht viel mit meinem Beruf zu tun.
Julia Rotherbl - Setzt sich das unter Druck, dass es mittlerweile so viele sind, die sich für deine Inhalte interessieren? Irgendwie, dass du denkst, du musst jetzt, was weiß ich, wöchentlich irgendwie „abliefern“ in Anführungszeichen?
Dr. Ulrike Koock - Das war eher anfangs so, als ich das Gefühl hatte ich muss mich noch etablieren. Ich verdiene ja auch an meinem Blog nichts. Es ist ja nicht so, dass mich das jetzt finanziell unter Druck setzt. Das ist ja meine eigene Freizeit, die ich da sozusagen für opfere, auch gerne das mache. Ich nehme mir auch immer mal wieder so die Freiheiten raus, zu sagen, ich mache jetzt mal ein paar Wochen gar nichts oder ich mache z.B. dann auch Twitter Pause, ganz bewusst, weil ich mich detoxe, einfach weil man da mal so ja manchmal auch einfach genug im Alltag zu tun hat. Also im echten Leben aber ist es zum Glück inzwischen so stabil, dass ich da dann zurückkehren kann und dann auch wenn ich was schreibe, oder Menschen auf mich zukommen und fragen, ob ich mal über dies oder jenes schreiben kann, das ich eigentlich gleich wieder voll drin bin.
Julia Rotherbl - Wie wichtig würdest du es denn finden, dass speziell auch mehr Ärztinnen oder Wissenschaftlerinnen sich so eine öffentliche Bühne erarbeiten. Im Sinne von „Man glaubt nur, das werden zu können, was man sieht“. Also je mehr Ärztinnen auch, ja, zu öffentlichen Figuren werden, in den Medien präsent sind, desto mehr verschwindet dieses Vorurteil „Frauen können in der Medizin keine Karriere machen“?
Dr. Ulrike Koock - Ich glaube es gibt gar nicht so wenige Ärztinnen, die sich durch Blogs oder durch ihren Beruf auch in den sozialen Medien irgendwie zeigen. Ich glaube das Problem ist vielmehr - und das entdecke ich bei mir auch - dass die meisten Frauen nicht zur Selbstdarstellung neigen. Und da ist glaube ich, der große Unterschied zu den Männern. Also wenn man sich diese Instagram-Accounts von irgendwelchen Männern anguckt, die heißen fast alle „Doc Irgendwas“ und sie haben immer ein Stethoskop um den Hals. Teilweise oberkörperfrei, irgendwie schön dargestellt, ne? Irgendwie sehr gutaussehend. Und ich glaube, dass viele Frauen das nicht so machen. Die inszenieren sich nicht so. Sondern sie wollen mit ihrem Wissen oder mit ihrem Können, mit ihrer Kompetenz irgendwie beeindrucken. Sich eben nicht so darstellen. Einfach nur mit einem schönen Bild und Stethoskop um den Hals, ne. Vielleicht muss man da als Frau so ein bisschen sich ein Beispiel daran nehmen. Und sagen, „Gut, das ist einfach, gehört dazu, zu diesen sozialen Medien“. Aber gleichzeitig muss man natürlich auch bei sich selbst bleiben und ich hab, ich hab mich nie mit Stethoskop um den Hals präsentiert. Weil ich‘s so albern finde. Ich hab das nicht mal bei der Arbeit um. Also warum soll ich dann dieses Markenzeichen, als würde nur dieses Stethoskop mich ausmachen. Und ich habe irgendwann für mich gesagt, ich mache auch diese Videos nicht. Ich hab das ein paarmal probiert. Ich hab auch mal so ein paar kleinere Videos auf Instagram gemacht. Es ist nicht meine Art. Also jemand der mich lesen möchte, der liest mich, und wer es nicht möchte, der lässt es bleiben. Und wer meinen Humor mag, der bleibt, und wer Inhalt nicht mag, der geht halt, so. Dafür sind diese sozialen Plattformen da. Man kann ja genau dort hingehen, wo man sich zuhause fühlt und was man gerne liest und was man sich gerne anguckt. Und ich glaube, da muss sich keiner verstellen. Und nur wenn man so ist, wie man halt ist, kommt man auch gut an bei der Zielgruppe, die das halt mag.
Hass im Netz und in der Praxis - und warum der Ärztinnenberuf doch toll ist
[00:20:45]
Julia Rotherbl - Es gab ja jetzt auch diesen Fall der Ärztin aus Österreich, der ziemlich für Furore gesorgt hat. Durch diese ganze Corona-Debatte, so ist auch mein Eindruck, hat teilweise schon der Ton in den sozialen Netzwerken nochmal an Schärfe gewonnen. Wie erlebst du das denn?
Dr. Ulrike Koock - Das ist tragisch. Also es ist wirklich teilweise katastrophal. Es gibt Zeiten, da hab ich das Gefühl, dass dieses ganze soziale Medium echt toxisch geworden ist. Also ganz viele Menschen hauen ihren ganzen Hass irgendwie raus, weil es anonym einfach geht. Ich habe auch schon Strafanzeigen gestellt, weil ich beleidigt wurde. Oft blockiere ich einfach nur diese Menschen, weil ich dann einfach keine Lust habe, mich da mit auseinanderzusetzen. Man wird auch vorsichtiger, wenn man Tweets schreibt, wenn es gerade ums Thema Corona geht, ums Thema Impfen und so. Neulich ein, einfach ein Porträt mal auf Twitter, da war ich mit meinen Kindern unterwegs und ich hatte ein Porträt auf Twitter gepostet. Und es hält dann diese Leute die diesen Hass loswerden wollen, auch nicht davon ab, dass das so überhaupt nichts mit Impfen und Corona zu tun hat .Und irgendjemand schrieb dann drunter, ich sehe aus wie Karl Lauterbach und ich wäre genauso schlecht für die Menschheit wie er, und so. Inzwischen belastet mich das nicht mehr, aber da sieht man mal wo das hinführt. Also, die Leute möchten das irgendwo loswerden, und das schaffen sie im Internet, weil das für viele offenbar immer noch rechtsfreier Raum ist. Und bei der Ärztin aus Österreich hat das natürlich so tragische Formen angenommen, dass man mal sieht wo dieser Hass hinführen kann. Das muss absolut unterbunden werden, sowas.
Julia Rotherbl - An der Stelle würde ich gerne einen Schwenk machen Zurück zu deiner Tätigkeit in der Hausarztpraxis Also meine Schwiegermutter ist medizinische Fachangestellte, MFA, und die erzählt schon immer wieder dass auch vor Ort in der Praxis Patientinnen und Patienten sich zum Beispiel wegen Corona aufregen, jemanden beschimpfen, sich nicht unbedingt so verhalten wie man es sich wünschen würde. Wie sind da deine Erfahrungen?
Dr. Ulrike Koock - Zum Glück eher wenig. Also, da verhalten sich die Menschen uns gegenüber zumindest gesitteter, sag ich mal so, aber was man gemerkt hat ist, dass die Menschen unfreundlicher geworden sind. Also was unsere MFA‘s am Telefon zum Teil an Unhöflichkeit abbekommen, das ist nicht schön. Im Sprechzimmer, bei uns Ärzten, verhalten sich die Menschen meistens eher ein bisschen ruhiger, ein bisschen zurückhaltender. Aber tatsächlich wird es am Telefon manchmal sehr unschön. Also gerade wenn es ums Thema Impfen geht, manchmal aber auch bei Kleinigkeiten. „Ich bin bei euch am Telefon überhaupt nicht durchgekommen Was ist denn bei euch los?“ Oder „Ich brauche dies und jenes und ich muss bei euch in die Praxis aufgenommen werden. Ansonsten rufe ich einen Anwalt an.“ Also es wird schon, der Ton hat sich verschärft. Und ja, unsere grandiosen MFA‘s müssen das halt alles irgendwie manchmal abhalten, filtern. Ja. Ich hab aber auch kein Problem damit zu den Patienten hinzugehen und zu sagen, „In diesem Ton nicht“. Und das mache ich auch.
Julia Rotherbl - Bevor das jetzt quasi so ein bisschen ein Anti-Plädoyer für den Landarztberuf wird…
Dr. Ulrike Koock - Das soll es eigentlich nicht werden!
Julia Rotherbl - Genau. Vielleicht noch am Ende, weil es ja auch so ein Herzensthema von dir ist, warum würdest du diese Tätigkeit in einer Landarztpraxis jedem ans Herz legen? Warum ist das für dich der Beruf, der dich erfüllt?
Dr. Ulrike Koock - Es gibt mehrere Punkte. Das eine ist, dass ich ja, wie ich eingangs erwähnt hatte, immer einen Beruf gesucht habe, bei dem ich so von allem etwas habe, der mich ja in der gesamten Bandbreite sozusagen erfüllt. Und das gibt mir eben die Allgemeinmedizin. Also man hat ja wirklich ein sehr breites Spektrum an Behandlungen von, ja, wie sagt man - von der Wiege bis zur Bahre. Also ganz kleine Kinder bis zur hochbetagten Patienten, Patientinnen. Man hat jedes Fachgebiet. Orthopädie, innerer Hals, Nasen, Ohren, Auge, Neuro. Das macht das sehr interessant. Und darüber hinaus - und das ist der nächste Punkt - natürlich die Tatsache, dass man die Patienten so lange begleitet. Also sehr spannend. Manchmal ist es so, dass Patienten reinkommen und ich muss eigentlich nur fragen „Und, wie isses?“ und oder, oder „was gibt's Neues?“ Und das ist irgendwie ganz schön. Also das hab ich wirklich gerne. Das ist jetzt nicht immer nur ums Medizinische geht, sondern ich manchmal auch mitkrieg, was da so privat los ist. Das ist einfach schön.
Julia Rotherbl - Würdest du sagen, dass der Beruf auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf erleichtert?
Dr. Ulrike Koock - Ja, absolut. Also anfangs, als meine Kinder noch kleiner waren, hab ich da auch manchmal dran gezweifelt, weil man eben diese langen Nachmittage nicht gut abdecken kann. Inzwischen ist es so, dass das deutlich besser geht und man hat natürlich auch eben keine Schichtdienste, keine Wochenenddienste. Selbst wenn die Woche anstrengend ist, weiß ich am Wochenende, ne, dieses Wochenende gehört der Familie, gehört mir. Ich kann inzwischen in der Mittagspause einfach nach Hause gehen, meinen Kindern schnell was zu essen kochen, und dann gehe ich halt nochmal ein paar Stunden arbeiten. Also das ist wirklich alles viel, viel besser als in der Klinik. Also, das, nicht nur darum kann ich es einem ans Herz legen, sondern eben auch wegen den vorher genannten Punkten. Und gerade wenn man dann z.B. doch mal irgendwie später kommen muss, weil man die Kinder doch noch schnell zur Schule bringen muss, weil der Bus nicht gefahren ist, ist vielleicht ein bisschen ungünstig, aber davon geht dann die Welt nicht unter, ne. Das macht es auch nochmal leichter. Man ist so ein bisschen eigene Chefin.
Julia Rotherbl - Schön. Ulrike, vielen Dank, dass du bei uns zu Gast war. Das hat mich sehr gefreut. Vielen Dank.
Dr. Ulrike Koock - Es hat mich auch gefreut. Dankeschön.
Bis zum nächsten Mal
[00:26:41]
Julia Rotherbl - Lust auf noch mehr tolle Vorbilder, auf tolle Frauen, die im Bereich Medizin Karriere gemacht haben? Dann lege ich euch all unsere bereits bestehenden Folgen von „Frau Doktor, übernehmen Sie!“ ans Herz. Wir hatten schon die unterschiedlichsten Gästinnen. Wir hatten hier schon eine Medizinischjournalistin, eine Nuklearmedizinerin, eine Notfallmedizinerin, eine Gefängnissärztin. Wir hatten Frauen, die in der Klinik Karriere gemacht haben, Frauen die in Berufsgremien aufgestiegen sind, Frauen, die einfach gesagt haben „Ich steig aus diesem System aus und mach jetzt mein eigenes Ding“. Ich bin mir sicher, es ist für jede von euch eine Gästin dabei, von der ihr gerne was lernen würdet, von der ihr gerne Tipps annehmt, der ihr einfach gerne zuhört. „Frau Doktor übernehmen Sie!“ erscheint alle 14 Tage neu. Immer montags. Und ich sage schon jetzt vielen Dank fürs Anhören - im besten Fall - all unserer Folgen!
Sprecherin - Ein Podcast von gesundheit-hören.de und Apotheken Umschau Pro.
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