Mitgefühl statt Mitleid: aus dem Alltag einer Gefängnisärztin

Shownotes

Für Medizinerinnen sind Klinik oder Praxis oft das klassische Arbeitsumfeld. Nicht so für Esra’a Al-Madhi. Sie hat beides ausprobiert und dann entschieden: Das ist nicht mein Weg. Heute arbeitet sie als Ärztin in einem Jugendstrafvollzug in Nordrhein-Westfalen. Wie ihr Alltag dort aussieht, wie sie es schafft, sich von ihrer Arbeit abzugrenzen und wieso sie sich gegen die Klinik und für das Gefängnis entschieden hat, erzählt sie Host Julia Rotherbl in dieser Folge.

Über 60% der Medizinstudierenden in Deutschland sind weiblich. Doch nur etwa jede zehnte Führungsposition in der Medizinbranche ist von einer Frau besetzt. Wie können es Frauen trotzdem ganz nach oben schaffen? Das möchte Julia Rotherbl, Chefredakteurin der "Apotheken Umschau", herausfinden. Zusammen mit Frauen, die von ihrem persönlichen Karriereweg erzählen.

Montags alle 14 Tage erscheint eine neue Folge. Habt Ihr Fragen, Anregungen oder Kritik? Dann schreibt uns gerne an redaktion@gesundheit-hoeren.de

Redaktion: Julia Rotherbl, Anja Kopf; Schnitt und Post-Produktion: Yves Seissler, Anja Kopf


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[00:00:00]Willkommen Dr. Esra'a Al-Madhi

Esra’a Al-Madhi - Also ich habe gelernt, Mitgefühl statt Mitleid zu empfinden. Also, weil ich da nicht mit denen leide, sondern mit denen fühle und das ist für mich dann einfach - na, weil ich ja nicht leide - erträglicher.

Sprecherin - Frau Doktor, übernehmen Sie!

Julia Rotherbl - Herzlich willkommen bei einer neuen Folge „Frau Doktor, übernehmen Sie!“ Heute mit einer Gästin, auf die ich mich total freue, auf die ich total gespannt bin, weil sie einen Beruf hat, mit dem ich noch nie zu tun hatte. Esra’a Al-Madhi ist Gefängnisärztin in einem Jugendstrafvollzug in Nordrhein-Westfalen. Und da tun sich ganz viele Fragen auf. Nicht nur zum Thema „Frauen in der Medizin“- also zu dem Thema, mit dem sich dieser Podcast beschäftigt, sondern auch Fragen wie „Was macht eine Gefängnisärztin den ganzen Tag?“, „Mit welchen Krankheitsbildern hat sie zu tun?“, „Wie gehen die Patientinnen und Patienten mit ihr um?“, „Wie schafft sie es, dass sie diese Geschichten, die sie dort erfährt, nicht mit nach Hause nimmt?“ Genau. All diese Fragen werde ich jetzt hoffentlich gleich loswerden. Und wenn ihr genauso neugierig seid auf die Antworten wie ich, dann bleibt einfach dran.Mein Name ist Julia Rotherbl. Ich bin Chefredakteurin der Apotheken Umschau und hoste diesen Podcast.

Sprecherin - Ein Podcast von gesundheit-hören.de und Apotheken Umschau Pro.

[00:01:35]

Das „Ich würde sagen“-Spiel

Julia Rotherbl – Esra’a, ich freue mich sehr, dass du heute Abend Zeit für uns hast, dass du Gästin in diesem Podcast bist. Herzlich willkommen.

Esra’a Al-Madhi - Ja ich freue mich auch. Hallo Julia.

Julia Rotherbl – Esra’a, ich habe es schon in der Anmoderation gesagt. Ich habe total viele Fragen im Kopf, weil ich natürlich auch dein Berufsbild extrem spannend finde. Ich habe noch nie mit einer Ärztin gesprochen, die in einem Gefängnis arbeitet. Aber bevor ich all meine Fragen loswerden kann, spielen wir ein kleines Spiel zusammen. Und dazu würde ich jetzt gerne Anja dazu bitten, die Redakteurin dieses Podcasts und erklärt die uns, worum‘s geht.

Anja Kopf - Ja, genau. Das heißt am Anfang, da hört ihr immer noch eine dritte Stimme, liebe Hörerinnen. Ich darf als Redakteurin auch immer dieses Spiel hier moderieren. Und ich habe für euch beide, Julia und Esra’a, Satzanfänge mitgebracht. Diejenigen, die diesen Podcast kennen und schon ab und zu gehört haben, die wissen wie's geht. Diese Satzanfänge, die beziehen sich alle so auf das Thema Medizin und Beruf und ein bisschen Frauenkarriere und ihr beide, ihr kriegt die abwechselnd von mir vorgelesen und ihr dürft dann einfach antworten mit dem, was euch als allererstes in den Kopf schießt. Also bitte nicht lange überlegen, sondern einfach frisch und frei aus dem Bauch raus. Und…

Julia Rotherbl – Ich überleg trotzdem meistens lange.

Esra’a Al-Madhi - Ich leider nicht so oft. Okay.

Anja Kopf - Und der erste Satz Esra‘a für dich lautet - Das Gute an meinem Job ist...

Esra’a Al-Madhi - Dass ich viel Kontakt zu verschiedenen Menschen habe.

Anja Kopf – Verschiedene Menschen. Ich glaube, das hören wir wahrscheinlich gleich schon. Aber könntest du uns nochmal schon einen kurzen Einblick geben, was du mit verschieden meinst?

Esra’a Al-Madhi – Ja, gut, also zum einen natürlich generell Altersunterschiede. Geschlechtsunterschiede hab ich tatsächlich momentan nicht, aber, ja verschiedene Herkunftsländer, soziale Schicht. Einfach so querbeet, alles, alles durch.

Anja Kopf – Ist eigentlich fast ein bisschen dem Job als Journalistin auch sehr ähnlich, weil wir haben auch Kontakt mit sehr vielen verschiedenen Menschen und ich finde das auch immer sehr bereichernd. Ja.

Esra’a Al-Madhi – Das ist auf jeden Fall, ja.

Anja Kopf – Julia, für dich ist Satz Nummer 2. Das Highlight in dieser Woche war für mich bisher …

Julia Rotherbl – … tatsächlich dass wir uns heute wieder in diesem Podcaststudio sehen. Das muss ich jetzt sagen… Nein, das mein ich ernst. Wir hatten – Esra‘a für dich als Hintergrund und auch für unsere Hörerinnen - wir hatten jetzt eine längere Pause, weil wir alle irgendwie hintereinander im Urlaub waren und haben uns jetzt heute das erste Mal seit sehr langer Zeit als Dreierteam hier wiedergefunden. Und während Corona ist es ja schon auch immer schön mal wieder Livekontakte zu haben. Und deswegen freue ich mich sehr, dass wir in der Konstellation wieder zusammengefunden haben.

Anja Kopf – Das freut mich jetzt tatsächlich persönlich sehr.

Julia Rotherbl – Ist auch wirklich so.

Anja Kopf – Esra‘a für dich - Nach einem zermürbenden Arbeitstag…

Esra’a Al-Madhi – … was mache ich denn nach einem zermürbenden Arbeitstag…?

Julia Rotherbl – Fallen einem keine spontanen Antwort mehr ein?

Esra’a Al-Madhi – Ja genau. Dabei hatte ich heute gar nicht so einen zermürbenden Arbeitstag. Steige ich ins Auto und fahr nach Hause. Ähm. Freue ich mich auf mein Zuhause und koche mir meistens was Leckeres.

Anja Kopf – Solide Antwort.

Esra’a Al-Madhi – Ja.

Anja Kopf – Julia, Kompromisse gehe ich ein für…

Julia Rotherbl – … och, für vieles. Ich glaube, ich bin jemand, mit dem man ganz gut Kompromisse machen kann. Behaupte ich jetzt von mir selbst. Keine Ahnung, ob andere das auch so sehen würden. Aber ich find, Kompromisse sind immer besser als was gar nicht machen zu können.

Anja Kopf – Esra’s, du darfst auch gleichzeitig abschließen, das Spiel. Frauen sind stark, weil…

Esra’a Al-Madhi – Ja, gut, wir jammern halt nicht so viel. Wir machen einfach.

Julia Rotherbl – Und ich glaube, wir müssen meistens oder bei vielen Dingen immer noch mehr machen, um dasselbe zu erreichen wie die anderen. Und dann entwickelt man daraus vielleicht auch eine gewisse Stärke.

Esra’a Al-Madhi – Genau, das stimmt. Oder muss halt, wo man da hinkommen, wo man hin möchte.

Anja Kopf – Ja, ich glaube auch, das wird ja jetzt wahrscheinlich gleich nochmal Thema von dem Gespräch werden, was ihr führt. Deswegen würde ich jetzt auch mal das Spiel offiziell beenden und von der Bild- bzw. eher Hörfläche verschwinden. Und ja wünsche ich viel Spaß beim Gespräch. Und jetzt kann Julia auch endlich ihre ganzen Fragen loswerden, die ihr unter den Nägeln brennen.

Julia Rotherbl – Genau. Danke Anja.

[00:06:15]

Vom Krankenhaus in den Justizvollzug

Julia Rotherbl – Esra’a, ich würde für unsere Zuhörerinnen ganz kurz den Lebenslauf skizzieren, den du bisher genommen hast. Du hast eine Ausbildung zur Krankenschwester gemacht und auch als Krankenschwester gearbeitet, dann Medizin studiert und als Fachärztin für Innere Medizin im Krankenhaus gearbeitet. Und jetzt bist du Ärztin im Jugendstrafvollzug. Und meine allererste Frage ist einfach - wie bist du darauf gekommen?

Esra’a Al-Madhi – Ich weiß nicht. Irgendwie verfolgt mich das mein Leben lang schon. In der Regel habe ich so grobe Ziele, aber keinen wirklichen Plan dorthin. Und meistens ist dann immer per Zufall eine schöne Tür aufgegangen, durch die ich dann gehen konnte. Und genau so war das jetzt auch mit der Arbeit im Vollzug. Das war der reinste Zufall. Also, ich habe irgendwas gesucht, was nicht mehr so Krankenhaus ist und Praxis war so nicht so ganz meins, irgendwie. Ja, und dann bin ich da irgendwie reingerutscht. Und dann hab ich Blut geleckt und bin jetzt da hängengeblieben.

Julia Rotherbl – Weißt du denn als Ärztin immer, warum die - jetzt in dem Fall - Männer im Gefängnis sind? Also, kennst du deren Akte quasi?

Esra’a Al-Madhi – Nee, in der Regel nicht. Ich muss ja jeden sehen, der neu ins Gefängnis kommt. Und ich sehe die auch immer am nächstmöglichen Tag. Quasi wenn die nachmittags kommen, sehe ich die am Folgetag. Und da hätte ich auch gar nicht die Zeit zu, ehrlicherweise, mir die Strafakte durchzulesen. Ich bekomme immer so eine Gesundheitsakte, die halt nur bei uns im medizinischen Bereich bleibt. Und ich hab mir selber auch gesagt, ich will grob gar nicht wirklich wissen, was die gemacht haben, weil ich mich davon nicht beeinflussen lassen möchte. Also, es gibt ja diverse Delikte - da bin ich am Ende auch nur ein Mensch - die ich schwierig finde. Also, auch den Umgang mit solchen Delikten schwierig finde. Und da sowohl die Gefangenen als auch mich davor schützen möchte, da mit Vorurteilen auf ihn zuzugehen und ihn womöglich irgendwie anders zu behandeln, als ich andere behandeln würde. Genau.

Julia Rotherbl – Aber das, was du gerade erzählt hast, deutet schon darauf hin, dass es für dich schon wichtig ist, das Gefühl zu haben, dass man über das Medizinische hinaus was erreichen kann. Richtig?

Esra’a Al-Madhi – Ja, genau. Das ist auch im Jugendvollzug tatsächlich auch explizit so gewünscht, dass man da auch so einen pädagogischen Auftrag mit einem geben sollte. Also, klar, hab ich da mit meinem medizinischen sowieso auch immer … Ich mein, Medizin ist ja auch Prävention und auch ein bisschen … „erzieherisch“ ist jetzt bei Erwachsenen gleich zu krass ausgedrückt, aber letztlich macht man ja Aufklärung und versucht, die Menschen auf einen gesünderen Weg zu bringen. Und dazu gehört natürlich auch der soziale Stand. Also… Und auch eine schulische Ausbildung oder so, ne. Das Ganze zieht ja so einen Rattenschwanz mit sich, wo es gerade bei Jugendlichen viele Anknüpfungspunkte gibt. Und trennen kann man es halt auch nicht, ne. Also, die haben oft einfach Lebensläufe, da ist man schon erschüttert oder steht davor und denkt sich „Naja, ob ich einen anderen Weg gegangen wäre, weiß ich gar nicht, will ich mir gar nicht anmaßen zu behaupten.“ Und deswegen gehört das alles einfach dazu. Die sind so viel mehr als einfach nur so jetzt meine Patienten. Also, das ist so ein Gesamtkonstrukt. Viel mehr als bei Erwachsenen oder den „normalen“ Patienten - normalen in Anführungsstrichen - den anderen Patienten in Krankenhäusern oder einer Arztpraxis.

Julia Rotherbl – Wir sind ja jetzt gerade hier zusammen nach 18 Uhr. Du hast Feierabend, du bist zu Hause. Wie schaffst du das, wenn du das jetzt so erzählst, dass du das eben nicht mit nach Hause nimmst, diese ganzen Geschichten und alles, was du dort erfährst und siehst?

Esra’a Al-Madhi – Ich glaube, dass ich ja schon bevor ich jetzt im Gefängnis angefangen habe zu arbeiten, auch als Internistin schon lernen musste - wenn auch manchmal hart - Dinge dort zu lassen, also nicht mit nach Hause zu nehmen. Und mein alter Chef - das war ein ganz prägender Moment für mich - da gab es einen Patienten, der mir sehr ans Herz gewachsen ist und letztlich dann gestorben ist. Das fiel mir extrem schwer, damit umzugehen. Und da meinte er halt nur es, ist vollkommen okay, dass man davon mitgenommen ist und man muss einfach nur für sich selber einfach eben in so eine Akzeptanz gehen, dass man das an sich ranlässt. Und dann ist es alles gar nicht mehr so … Also ich habe gelernt, Mitgefühl statt Mitleid zu empfinden. Also, weil ich da nicht mit denen leide, sondern mit denen fühle und das ist für mich dann einfach - na, weil ich ja nicht leide - erträglicher.

[00:10:51]

Der Arbeitsalltag als Gefängnisärztin

Julia Rotherbl – Mit was für Krankheitsbildern hast du den generell zu tun? Psychische Probleme dürften eine große Rolle spielen. Aber was noch?

Esra’a Al-Madhi – Genau das ist auch so. Ich war, also ich hab schon damit gerechnet, dass viele psychisch kranke Menschen im Gefängnis sind. Aber dass das so eine große Anzahl ist, hätte ich niemals gedacht.

Julia Rotherbl – Gehen die schon mit einer Erkrankung rein oder entwickeln sie dort eine?

Esra’a Al-Madhi – Das ist schwierig zu unterscheiden tatsächlich. Man hat ja auch wenig Vorbefunde - um es medizinisch auszudrücken - wenig Vorinformation, weil die oft wechselnde Betreuer hatten. Und dann gibt's kaum eine Anlaufstelle. Und die selber sind oft nicht in der Lage, so genau zu benennen, was jetzt in deren Vergangenheit so alles passiert ist. Einige entwickeln die Psychose tatsächlich aber schon auch im Gefängnis wahrscheinlich, weil die ein Jahr lang ganz gut laufen und dann plötzlich irgendwas passiert.Die häufigsten Psychosen, die wir haben, sind sogenannte drogeninduzierte Psychosen. Weil knapp 98 Prozent der - ich nenne sie ja gerne „die Strolche“ - die kiffen ja dann trotzdem. Ist immer so „Nimmst du Drogen?“ „Ja, äh, Gras“. Genau, das ist mir auch aufgefallen, dass es doch recht häufig zu Psychosen führt, die aber dann Gott sei dann selbstlimitieren sind. Also, aufhören weiterhin in deren Kopf zu spinnen, wenn die Droge dann komplett raus ist. Aber manche bleiben dann noch hängen drauf tatsächlich. Das ist es dann ein bisschen schwierig. Also es gibt viele, bei denen ich denke, die sind hier falsch. Also, das tut mir dann halt auch sehr leid, ne. Weil die im Gefängnis nicht gut versorgt sind, aber aufgrund ihrer Straftat halt nicht woanders hingehen können. Also, das ist schon … Da gehen wir alle auf dem Zahnfleisch, um die einigermaßen gut durchzubringen, muss man sagen.

Julia Rotherbl – Wie sieht denn so ein Arbeitsalltag aus? Wie muss ich mir das vorstellen, grob umrissen?

Esra’a Al-Madhi – Ja. Also, entweder gibt es die Zugänge, die dann in der Regel am Tag vorher gekommen sind, die dann auf meiner sogenannten Arztsprechstundenliste stehen und alle anderen, das sind … Die werden ja auch ein bisschen zur Selbstständigkeit erzogen. Die müssen dann sogenannte Anträge schreiben und dann so mit kurzen Sätzen beschreiben, warum sie zu mir wollen oder was deren Problem ist. Und dann filtere ich da halt oft … Ich mein, die meisten kenne ich natürlich auch, aber ich filtere dann auch mal ab und zu ein bisschen was raus, je nachdem wie lang die Liste ist. Ja, und dann werden die abgerufenen quasi von der Abteilung. Also, die sitzen ja in den verschiedenen Hafthäusern, ruft die halt nach Hafthaus letztlich ab. Dann hab ich hier Wartezellen hier vor meiner Praxis, vor meinem Praxisraum. Und… Genau dann kommen die so der Reihe nach rein…

Julia Rotherbl – Bist du mit denen dann alleine?

Esra’a Al-Madhi – Das ist ein schwieriges Thema. Also offiziell darf ich nicht mit denen allein sein. Und je nachdem, was für Delikte die begangen haben oder wie die sich generell dann auch während der Haft irgendwie zeigen, gibt es dann sogenannte Sicherungsmaßnahmen. Also, zum einen entweder, wenn der jetzt sehr gewalttätig ist oder mal aufgetreten ist, dann ist es immer in Begleitung von zwei Bediensteten. Oder Öffnen mit zwei Bediensteten, also wo man die Tür dann öffnet und … Bei den Patienten fühl ich mich eigentlich auch nicht unsicher. Aber da besteht dann so ein bisschen der Vollzug drauf, dass die dabei sein wollen. Das Gute ist, dass bei mir die Pflege größtenteils auch Vollzugsbeamte sind, sodass wir da auch ein bisschen die Schweigepflicht gut einhalten können, weil mir das doch recht wichtig ist.

Julia Rotherbl – Bevor wir nochmal auf den Arbeitsalltag zurückkommen, würde ich hier gern nochmal eine Frage stellen, die ich mir so gestellt habe, als ich auch gesehen habe, mit wem du’s zu tun hast. Also junge Männer zwischen 14 und Mitte 20 ungefähr.

Esra’a Al-Madhi – Genau.

Julia Rotherbl – Bist du da auch irgendwie … Also, du hast sie ja vorher so ein bisschen lächelnd Strolche genannt, aber sind dann nicht auch welche dabei, die jetzt gegenüber gerade einer Ärztin vielleicht auch mal Bemerkungen machen, die man als - im harmlosesten Fall - anzüglich bezeichnen kann?

Esra’a Al-Madhi – Ja, berechtigte Frage, aber ich glaube, dieser Beruf Arzt flößt den dennoch meistens doch Respekt ein, glaub ich. Dann kleide ich mich ja jetzt auch gar nicht… Also, ich bin da doch so, wo ich denk, da kann man auch nix gucken oder nix sehen. Und vielleicht ist es auch der Altersunterschied. Das die mich auch gar nicht erst mit solchen - sagen wir mal - sexualisierten Augen - oder wie auch immer wir das jetzt nennen möchten - betrachten. Das fall ich auch nicht ins Beuteschema. Da gab es halt diese … Es gab einen, bei dem ich mich unwohl gefühlt habe, der da so in die Richtung gegangen ist und wo ich gesagt hab, mit dem möchte ich nicht alleine sein. Aber das war die absolute Ausnahme. Ansonsten, sehen die mich eher so mütterlich, irgendwie.

Julia Rotherbl – Okay, verstehe. Interessant. Okay.

Esra’a Al-Madhi – Aber meine Schwestern, so die jüngeren, die dürfen sich gerne mal so ein paar Sprüche anhören tatsächlich. Die kriegen dann… Also jetzt gar nicht so fiese, aber schon so dieses „Siehst aber heiß aus!“ oder solche Sachen. Also, das machen die dann schon, aber doch recht charming muss man sagen. Bisher war noch nicht wirklich was ganz Schlimmes dabei.

Julia Rotherbl – Okay, gut. Also, wir waren jetzt an dem Punkt, dass die jungen Patienten sind jetzt bei dir im Zimmer, egal ob mit oder ohne Begleitung.

Esra’a Al-Madhi – Genau. Genau. Und, ja dann beklagen die… sagen das, was sie jetzt stört. Wie Kopfschmerzen oder so beim Fußball umgeknickt oder haben sich einen Tag vorher gekloppt oder irgendwie sowas. Dann guck ich mir das natürlich an. Oft kommen die auch mit Bauchschmerzen, weil sie keine Lust auf Arbeit oder Schule haben. Das haben die dann aber mittlerweile gemerkt, dass die bei mir da nicht so wirklich durchkommen mit. Also, gerade die, die in die Schule gehen, die zwing ich mehr oder minder in die Schule.Ja, ich weiß gar nicht. So groß unterscheidet sich das glaube ich dann innerhalb des Praxisraumes eigentlich kaum von der normalen Praxis. Also dann gehen wir in die Patienten-Arzt-Beziehung und dann frage ich die halt, was die haben, und guckt dann, was ich machen kann. Also, ich hab die Möglichkeit, selber einen Ultraschall zu machen oder EKG zu schreiben. Laborabnahmen kann ich täglich durchführen und habe am Folgetag dann die Ergebnisse - manchmal auch am gleichen Tag je nachdem - und … Aber so Röntgen oder alles andere, das kann ich selber nicht machen. Dann müssen die je nachdem rausgefahren werden. Entweder kann’s warten, dann gibt's ein Gefängniskrankenhaus, wo die hingebracht werden können. Oder es ist dringlich, dann werden die in ein nahes gelegenes Krankenhaus dann gebracht vom Fahrdienst.

Julia Rotherbl – Also, es ist eigentlich so, als hättest du deine Praxis und wärst also die Praxisinhaberin.

Esra’a Al-Madhi – Genau. Also einfach… Tatsächlich, es ist letztlich eine Praxis im Knast. Die haben keine freie Arztwahl. Ich habe keine freie Patientenwahl. Das unterscheidet das Ganze auch noch. Aber ansonsten ist es wie draußen auch.

[00:17:23]Der Vergleich zum Klinikalltag

Julia Rotherbl – Esra’a, du hast ja vorher gesagt - so kurz nur in nem Nebensatz - dass du in der Klinik nicht mehr arbeiten wolltest. Ich würde da gerne nochmal nachbohren. Was war der Grund? Oder was waren die Gründe dafür, dass du in der Klinik nicht mehr arbeiten wolltest?

Esra’a Al-Madhi – Das sind so mehrere Dinge, ne. Aufgrund meiner Krankenschwesterausbildung … Also, seitdem ich 20 war, war ich im Krankenhaus letztlich. Also zum einen eben die Zeit, zum anderen die ganzen Zustände und Umstände, die einfach mittlerweile auch in den Krankenhäusern herrschen. Mit sehr viel Arbeit und wenig Anerkennung oder Wertschätzung aus vielen Seiten. Und einfach auch die Arbeitsbelastung letztlich und diese ganz langen Dienste. Wo ich dann dachte, ich kann das auch nicht mehr. Ich hab da irgendwie gedacht, ich bin da jetzt auch zu alt für. Und auch diese Möglichkeit, von wegen zu gucken, ob man irgendwie eine Oberarztstelle oder irgendwas dergleichen bekommen könnte, hat mich dann irgendwann nicht mehr so wirklich gereizt. Es gab eine reizende Oberarztstelle, die ich mir gewünscht hätte, aus der aber dann - aus welchem Grund auch immer - nichts geworden ist. Wo wir jetzt beim Thema sind - wo dann ein Kollege, der später da so sein Interesse bekundet hat, dann die Stelle bekommen hat. Ich will er jetzt gar nicht unbedingt in den Raum stellen, dass das jetzt so ein Frau-Mann-Ding gewesen sein könnte. Genau. Hat aber letztlich auch keine Rolle mehr gespielt, weil ich wirklich einfach das Krankenhaus leid war. Gerade auch als Assistenzarzt. Da kriegt man von allen Seiten einfach permanent einen auf den Deckel, dass man irgendwann sagt, ich will das nicht mehr.

Und umso erstaunter war ich, wie groß die Wertschätzung draußen ist. Wo man dann - in der Praxis zum Beispiel habe ich ja nur für 2, 3 Monate gearbeitet - das war einfach … Ich konnt‘s nicht fassen. Die Leute waren dankbar. Die Arzthelferin hatte Sachen getan wie Kopieren oder Faxen. Das mussten wir alles alleine machen im Krankenhaus. Also wirklich so von… keine Ahnung, von Akten abheften bis hin zu was auch… Also sagen wir einfach, es gab da so keine Grenze und wenn was nicht lief, da war man immer schuld als Assistenzarzt und… Ja, das war kein Gleichgewicht mehr für mich. Also, wo ich sag, das bin ich bereit irgendwie zu ertragen, wenn ich nach hinten raus einfach auch was Schönes dabei rumkommt. Ein Dankeschön hätte oft einfach auch gereicht. Und das kam in der Klinik halt nicht.

Julia Rotherbl – Was würdest du denn jetzt… Wenn du den Job, den du heute hast und mit deinem letzten in der Klinik vergleichst - was sind so die größten Vorteile jetzt für dich?

Esra’a Al-Madhi – Also, ich bin ja die einzige Ärztin in der Anstalt. Der größte Vorteil ist tatsächlich, dass ich ja letztlich meine eigene Chefin bin. Da musste ich aber auch reinwachsen natürlich. Das war schon auch komisch so dieses „Entscheide mal!“ „Warte, wen kann ich denn fragen? Ah, ich kann ja keinen fragen, ich muss selbst entscheiden.“ Das war anfangs etwas ungewöhnlich. Aber das ist halt eigentlich ganz schön und man wird wirklich mit so viel Respekt behandelt. Das bin ich überhaupt nicht gewohnt. Sowohl von den Bediensteten als auch von der Leitung. Und mit zunehmender Zeit dort - also ich bin jetzt seit anderthalb Jahren im Jugendvollzug selber - habe ich halt gemerkt so, welche „Macht“ - in Anführungsstrichen - man auch so da als Arzt in einer Anstalt hat oder als Ärztin.

Und ja, ich habe meine freie Zeiteinteilung, ich hab mein kleines schönes Team, das sehr jung und engagiert ist. Also, ich sehe da eigentlich nur Vorteile. Außer, dass mein Handy nicht dabeihaben kann, ist eigentlich alles super.

Julia Rotherbl – Was meinst du genau mit Macht?

Esra’a Al-Madhi – Ja, Macht insofern als… Also zum einen ist es eine Stabsstelle selber. Also, ich bin ausschließlich dem Anstaltsleiter untergeordnet. Das heißt, kein anderer darf sich theoretisch in meinen Kram so einmischen. Und dadurch, dass ich die einzige Ärztin bin... Es ist ja so, wenn ich sage, dass ist ein medizinisches Problem, traut sich halt keiner da wirklich zu widersprechen.

Julia Rotherbl – Ist das eigentlich generell - mal von den Insassen abgesehen, die ja in dem jetzigen Strafvollzug nur männlich sind - eigentlich ein männlich geprägtes Arbeitsumfeld? Also, du hast es gerade gesagt, es gibt einen Anstaltsleiter, also gehe ich mal davon aus, das ist ein Mann. Arbeiten da überwiegend Männer oder wie muss ich mir das vorstellen?

Esra’a Al-Madhi – Ne. Also, tatsächlich… Wir haben immer montags und donnerstags eine sogenannte Leitungsrunde und heute hab ich mal gedacht, da guckst mal, wieviel Frauen dabei sind. Und es waren 15 Teilnehmer, davon waren acht Frauen.

Julia Rotherbl – Also Parität quasi.

Esra’a Al-Madhi – Genau. Der Anstaltsleiter selber wird jetzt in Rente gehen und es kommt eine Frau, eine Anstaltsleiterin. Und die stellvertretende Leiterin also ist halt auch eine Frau. Also es geht tatsächlich… Bin im Justizministerium sehr überrascht, wieviel Frauen tatsächlich auch in den höheren Riegen … na eben besetzt sind.

Julia Rotherbl – Empfindest du das auch als Vorteil gegenüber der Klinik?

Esra’a Al-Madhi – Absolut. Und ich merk halt auch… Ich glaube, in der Klinik muss man andere Attitüden oder Allüren an den Tag legen als Frau, als Oberärztin. Und musst diese männlichen Attribute annehmen, um irgendwie sich da Respekt zu verschaffen, ne. Männer sind dann cholerisch, Frauen sind zickig oder histrionisch oder wie auch immer dann irgendwelche anderen Menschen das meinen zu benennen. Und in der Anstalt ist das ein tolles Zusammenarbeiten also mit den Frauen. Natürlich auch mit den Männern - so ist es nicht - aber ich finde die Zusammenarbeit mit den Frauen deutlich angenehmer. Und auf vielen, sagen wir mal einflussreicheren Positionen in der Anstalt, sitzen einfach Frauen. Also, vom psychologischen Dienst die Chefin ist halt eine Frau, die sogenannte Abteilung Sicherheit und Ordnung ist auch eine Frau. Also, das ist schön. Dann trifft man sich schnell auf kurzem Dienstweg und klärt viele Dinge recht schnell. Julia Rotherbl – Weißt du denn zufällig wie das unter Gefängnisärzt-innen und generell ist? Sind das… Also, ich habe jetzt nicht wirklich ein Berufsverband gefunden. Gibt's den denn?

Esra’a Al-Madhi – Also entweder ist man verbeamtet als Gefängnisarzt - davon gibt's einige - oder man ist halt beschäftigt, so wie ich. Dann wird man nach TVöD da quasi beschäftigt und bezahlt. Und wir haben tatsächlich in NRW einmal im Jahr so eine Arte Ärztetagung wo sich alle Gefägnisärzte dann treffen und da sind wir überwiegend Frauen auch tatsächlich.

Julia Rotherbl – Ah,okay, interessant. Wir haben - also sowohl Anja als auch ich, als wir uns über dieses Berufsbild informieren wollten - vorab irgendwie auch bei der Recherche im Netz festgestellt, dass Gefängnisärzt-innen irgendwie dringend gesucht werden. Also, was du schilderst, hört sich jetzt für mich - ich bin jetzt keine Medizinerin, aber - generell spannend an. Aber scheinbar wollen das nicht so viele machen. Woran liegt das denn? Ist es nicht bekannt genug oder gibt‘s zu viele Vorurteile?

Esra’a Al-Madhi – Ich glaube beides, ne. Also, ich wusste es vorher auch nicht, bis ich da per Zufall reingestolpert bin. Also überhaupt, dass diese Alternative besteht war mir gar nicht klar. Genau, dann die Vorurteile. Die hatte ich natürlich auch. Aber sagen wir, ich bin jetzt so ein Mensch, der sagt „Okay, ich geh da mal rein und guck wie es ist und entweder ist gut oder halt nicht.“ Also ich probier dann. Aber da gibt's ja viele ängstlichere Typen von Mensch. Und man muss auch ganz ehrlich sagen, es ist auch ein bisschen die Bezahlung. Also wenn man als Facharzt … Auf dem freien Markt oder in der Praxis würde man mehr verdienen als das Justizministerium jetzt gerade bereit ist zu bezahlen. Sagen wir es mal so. Aber da wird‘s bald ein Zusammenschluss der Anstaltärztinnen und -ärzten geben und die wollen da mal gucken, dass das mal endlich ein bisschen besser bezahlt wird. Ich glaube, das spielt auch eine ganz große Rolle.

Julia Rotherbl – Wenn du jetzt zum Abschluss dieses Podcasts noch quasi einen Aufruf tätigen könntest, warum dieser Job wirklich Spaß macht und sich der eine oder andere tatsächlich mal damit beschäftigen sollte - Was würdest du sagen ?

Esra’a Al-Madhi – Also ich liebe den Job wieder. Ich geh wieder gerne arbeiten. Man hat halt … Sagen wir mal, das ist ein familienfreundliches Arbeitskonzept. Man hat viele Freiheiten. Ein interessantes, nettes Klientel, sehr abwechslungsreich. Also, es vergeht auch kein Tag, an dem ich nicht lache mit den Jungs, ne. Also, die sind schon auch echt witzig. Also, ich weiß nicht, ob ich da einfach gestrickt bin, aber ich finde die großartig. Ja, also das ist... Man hat ja schon viel Spaß. Auch das Team ist sehr fit und sehr gewillt und die Arbeit ist einfach eine andere. Die Pflege ist dort nicht überarbeitet. Was jetzt nicht bedeutet, dass die faul sind oder so. Aber die haben andere Aufgaben und dann bringt das insgesamt ne bessere Zufriedenheit mit sich. Also, ich kann das nur weiterempfehlen.

Julia Rotherbl – Also, ich finde, man hat im ganzen Podcast, im ganzen Gespräch gemerkt, dass dir dieser Job total Spaß macht und dir glaub ich auch sehr liegt. Und freue mich, dass du das mit uns geteilt hast. Vielen Dank, dass du hier zu Gast warst. Danke.

Esra’a Al-Madhi – Gerne. Sehr sehr gerne.

[00:26:17]Ciao und bis bald!

Julia Rotherbl – Egal, ob ihr auch gerade schon Feierabend habt oder ob ihr diesen Podcast kurz vorm Einschlafen anhört oder vielleicht gerade im Auto sitzt auf dem Weg zur Arbeit. Uns würde brennend interessieren, ob euch diese Folge gefallen hat. Und ob euch unser Podcast generell gefällt. Deshalb meine Bitte - bewertet uns doch auf Apple Podcast oder Sportiy. Wir freuen uns auf jedes Feedback und sind neugierig auf jede Anregung.Und sonst gibt's noch zu sagen - wir erscheinen wieder neu übernächsten Montag. Denn „Frau Doktor, übernehmen Sie!“ gibt's alle 14 Tage. Bis dahin – hoffentlich.

Sprecherin - Ein Podcast von gesundheit-hören.de und Apotheken Umschau Pro.

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