„Ich akzeptiere das nicht mehr“: Wie aus Wut etwas Konstruktives wird
Shownotes
Ein Kunstherz implantieren - eine sehr aufwändige Operation. 2012 hat Dilek Gürsoy als erste Frau in Europa diese aufwändige Operation bei einem Patienten durchgeführt. Zusätzlich ein kleines Kunststück, wenn man bedenkt, dass die Herzchirurgie in Sachen Frauenförderung doch noch einiges an Nachholbedarf zu haben scheint. Als Koryphäe auf diesem Gebiet hat sich Dilek Gürsoy allerdings inzwischen aus dem Kliniksystem verabschiedet. Warum und was ihre Pläne sind, das verrät sie uns in diesem Gespräch.
Mehr zu unserer Gästin: https://dr-guersoy.com/
Zur Webseite des Vereins "Die Chirurginnen e.V.": https://chirurginnen.com/ und zur Seite auf Instagram https://www.instagram.com/diechirurginnen/
Zur Befragung über Ärztinnen in der Herzchirurgie: https://www.bdc.de/netzwerk-herzchirurginnen-foerdert-weiblichen-nachwuchs-und-initiiert-praxisorientierte-seminare/
Über 60% der Medizinstudierenden in Deutschland sind weiblich. Doch nur etwa jede zehnte Führungsposition in der Medizinbranche ist von einer Frau besetzt. Wie können es Frauen trotzdem ganz nach oben schaffen? Das möchte Julia Rotherbl, Chefredakteurin der "Apotheken Umschau", herausfinden. Zusammen mit Frauen, die von ihrem persönlichen Karriereweg erzählen.
Montags alle 14 Tage erscheint eine neue Folge. Habt Ihr Fragen, Anregungen oder Kritik? Dann schreibt uns gerne an redaktion@gesundheit-hoeren.de
Redaktion: Julia Rotherbl, Anja Kopf; Schnitt und Post-Produktion: Yves Seissler, Anja Kopf
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Transkript anzeigen
[00:00:00]
Willkommen Dr. Dilek Gürsoy
Dilek Gürsoy - Und ich habe halt mit der Zeit dann begriffen, dass du, wenn du selbstbewusst bist, du eine Vision hast und klare Vorstellungen hast, was du im Leben willst, dass das auch nicht mehr erwünscht ist von deinen Chefs.
Sprecherin - Frau Doktor, übernehmen Sie!
Julia Rotherbl - Keine einzige Chefärztin an 78 deutschen Fachzentren. Nur zwölf Prozent Oberärztinnen, circa zehn Prozent der Leitungspositionen mit Frauen besetzt. Wisst ihr schon, um welchen medizinischen Fachbereich es geht? Es ist die Herzchirurgie, die in Sachen Frauenförderung scheinbar noch eine Menge Nachholbedarf hat. Umso mehr freuen wir uns, dass wir heute eine Gästin hier haben, die trotz all dieser widrigen Umstände für Frauen in der Herzchirurgie eine unglaubliche Karriere hingelegt hat.Dr. Dilek Gürsoy war 2012 die erste Frau in Europa, die bei einem Patienten ein komplettes Kunstherz implantiert hat. Als Koryphäe auf diesem Gebiet hat sie sich allerdings inzwischen aus dem Kliniksystem verabschiedet. Warum und was ihre Pläne sind, das verrät sie uns heute in diesem Gespräch.Mein Name ist Julia Rotherbl. Ich bin Chefredakteurin der Apotheken Umschau und hoste diesen Podcast. Und ich freue mich wahnsinnig auf das Gespräch mit Dilek.
Sprecherin - Ein Podcast von gesundheit-hören.de und Apotheken Umschau Pro.
[00:01:32]
Warm up mit dem „Ich würde sagen...“-Spiel
Julia Rotherbl - Ich freue mich total, dass du heute hier bist. Weil ehrlicherweise, als wir diesen Podcast konzipiert haben, warst du eine der ersten Frauen, die ich auf die Liste geschrieben hatte von Gästinnen, die ich mir wünschen würde. Deswegen - ich finde es total schön, dass es jetzt geklappt hat.
Dilek Gürsoy - Vielen Dank.
Julia Rotherbl - Die Herzchirurgie ist ja auch nochmal, was das Feld Frauenförderung und Frauenanteil generell angeht, natürlich nochmal hervorsticht aus allen Fachdisziplinen. Negativ hervorsticht in diesem Fall muss man sagen.
Dilek Gürsoy - Leider Gottes.
Julia Rotherbl - Wir würden in diesem Podcast starten mit einem Spiel. Und zwar kommt unsere Redakteurin Anja dazu, die dieses Spiel leitet. Genau. Anja, magst du uns kurz erklären, wie das Spiel funktioniert?
Anja Kopf - Genau. Hallo ihr beiden. Dieses Spiel ist sozusagen der Einstieg und das Warm-up in ein hoffentlich total schönes und spannendes Gespräch, bei dem es relativ simpel darum geht, dass ihr beide abwechselnd Sätze vervollständigen dürft aus dem Bereich Beruf, Frauenförderung, Medizin, so im weitesten Sinne.Wir starten gleich und den allerersten Satz, Dilek, den würde ich dir vorlesen, den ersten Satzanfang und du darfst einfach ganz spontan, was dir in den Kopf schießt, einfach antworten.
Dilek Gürsoy - Okay.
Anja Kopf - So. Für dich wäre der erste Satz „Ich bin stolz darauf, dass…“
Dilek Gürsoy - ... ich meinen eigenen Weg gehe.
Julia Rotherbl - Schöne Antwort.
Anja Kopf - Das ist so ein bisschen... Tatsächlich ist das so ein bisschen ein Wandkalender-Spruch, aber irgendwie ist der ganz schön wahr.
Dilek Gürsoy - Der ist... Ja, der ist aktuell sehr, sehr wahr für mich, ja.
Anja Kopf - Julia. Du bekommst den Satzanfang „Die größte Hürde für Frauen ist aktuell…“
Julia Rotherbl - Das kommt natürlich auch auf das Feld an. Also ich glaube, eine der größten Hürden vielleicht so generell im Beruflichen ist, dass Frauen sich meiner Meinung nach teilweise zu wenig zutrauen. Und meinen, Dinge wären nicht vereinbar oder Dinge wären nicht in Teilzeit zu handeln. Was aber alles möglich ist.
Dilek Gürsoy - Absolut.
Anja Kopf – Dilek, du bekommst den Satz „Zu oft gehört habe ich…“
Dilek Gürsoy - Lass es lieber.
Julia Rotherbl - Aber du hast nicht darauf gehört. Du hast es gehört, aber du hast nicht darauf gehört!
Dilek Gsürsoy - Genau, genau, ja.
Anja Kopf - Julia, du bekommst die drei Wörter „Vor fünf Jahren...“
Julia Rotherbl - Vor fünf Jahren hätte ich jetzt beruflich nicht gedacht, dass ich da bin, wo ich heute bin. Ich hätte nicht gedacht, dass dieser Posten frei wird in meiner Lebenszeit, vielleicht auch frei wird für eine Frau in meiner Lebenszeit. Ja.
Anja Kopf - Also du meinst jetzt... Du spielst jetzt auf deinen…
Julia Rotherbl - ... Chefredakteursposition an. Ja genau.
Anja Kopf - Genau, genau. Nicht hier als Host. Also, diesen Posten gab's vor fünf Jahren auch noch nicht, muss man dazu sagen.
Julia Rotherbl - Das stimmt.
Anja Kopf - Dieser Podcast geht jetzt langsam auf das Einjährige zu, was ich ja auch schon total schön finde, tatsächlich. Gut. Wir haben einen abschließenden Satz, der geht an dich nochmal, Dilek. „Als Chefin würde ich gerne…“
Dilek Gürsoy - ...zeigen, wie es eigentlich richtig gehen kann in der Medizin. Damit meine ich vornehmlich die Patientenfürsorge. Denn die Pandemie hat uns gerade gezeigt, dass wir enorme Lücken haben. Das war uns vorher so nicht bewusst. Ich wusste es natürlich schon vorher, aber es hat ja auch niemand geglaubt, weil wir uns immer verglichen haben mit dem Ausland und wir sind immer noch gut im Vergleich zum Ausland. Aber da muss noch enorm was verbessert werden, nicht nur, was die Patientenfürsorge angeht, sondern auch die, ja, Mitarbeiterwertschätzung, weil es fast nicht mehr existent ist. Die Leute werden einfach nur noch zum Arbeiten losgelassen und es geht einfach nicht mehr, wenn du mit Menschen zu tun hast. Du musst deine Mitarbeiter motivieren, wertschätzen, damit sie das auf den Patienten übertragen können. Eigentlich ganz einfach, aber schwer in der Umsetzung anscheinend.
Anja Kopf - Gut, ich finde, du hast jetzt auch schon in den Antworten ein paar ganz spannende Aspekte angerissen, wie ich finde. Insoweit würde ich sagen, wir starten jetzt richtig in das Gespräch rein und sage „Bühne frei“ und Danke fürs Mitspielen!
[00:05:52]„Das akzeptiere ich nicht mehr“ - Der Weg aus der Klinik in die Selbstständigkeit
Julia Rotherbl – Dilek, du kennst bestimmt den Verein „Die Chirurginnen e.V.“
Dilek Gürsoy - Ja, natürlich.
Julia Rotherbl - Und ich folge denen auf mehreren Social-Media-Kanälen und die teilen auf ihren Social-Media-Kanälen Sprüche, die sich Ärztinnen anhören müssen. Ich war ziemlich entsetzt, als ich einige davon gelesen hab. Ich würde gerne mal drei oder so vorlesen. Also, eine Ärztin in Weiterbildung wurde von ihrem Oberarzt im OP gefragt, ob sie ihre Brüste nicht stören würden beim Operieren. Eine Ärztin in Weiterbildung wurde von einem Kollegen gefragt, ob sie lesbisch wäre, weil eine - in Anführungszeichen - „normale Frau“ würde sich die Unfallchirurgie ja nicht antun. Ein Oberarzt beim Betreten eines OPs hat sein Team begrüßt mit „Hallo, ihr Flittchen!“ und ein Chefarzt hat zur Studentin am OP-Tisch gesagt „als muslimische Frau, die sich bedeckt“ bringt Sie es eh zu nichts. Er würde ihr raten, sich lieber mal einen kurzen Rock anzuziehen. Es gibt ja dieses Klischee, dass im OP der Ton recht rau ist. Diese Sprüche bestätigen es ein bisschen. Bestätigst du es auch?
Dilek Gürsoy - Ja, ich hab sie natürlich so krass noch nicht gehört. Ich höre es auch nur von anderen. Aber ich selber habe auch einen ähnlichen Spruch erfahren und zwar im ersten Jahr. Ich kam in den OP-Saal und so nett wie ich war, es war auch eine ganz angenehme Atmosphäre eigentlich. Und dann hatte ich mich gewaschen, steril, und hab nur darauf gewartet, dass mich die OP-Schwester dann anzieht, quasi damit ich an den OP-Tisch treten kann. Und dann hat der Oberarzt, der auch einen Migrationshintergrund hatte, zu mir gesagt „Mädchen, wenn du was hier werden willst, musst du eine Schlampe werden.“Und ich habe tatsächlich genauso gelacht wie jetzt auch oder wie du gerade, als du die Sprüche aufgezählt hast. Darüber kannst du ja eigentlich auch nur lachen, weil es ist zum Teil auch manchmal so peinlich, dass man es gar nicht mal erzählen möchte. Aber anscheinend müssen wir das tun, weil sonst geht es unter. Und ich möchte nicht mehr in 20 Jahren nochmal diese Sprüche hören von Studentinnen, von jungen Kolleginnen. Weil, ich höre sie jetzt aktuell von meinen Mentis. Es sind zum Teil Studentinnen, zum Teil junge Assistenzärztin. Und ich sage, es kann doch einfach nicht sein, dass wir das uns noch antun müssen, 2022. Hat sich denn gar nichts getan, ja?
Julia Rotherbl - Es ist ja, also es ist ja dieses Klischee - hab ich jetzt vorhin schon angesprochen - dass im OP ein rauer Ton herrscht. Ich meine, diese Sprüche gehen natürlich weit über das hinaus, was man vielleicht als rauen Ton definieren würde. Aber ist es denn tatsächlich so in der Chirurgie, am OP-Tisch, dass die Hierarchien so stark sein müssen und der Ton rau oder nicht immer sehr nett, sagen wir es mal so?
Dilek Gürsoy – Ja, also ich finde es schon wichtig, dass man dem Operateur, der die Verantwortung für den Patienten an einem Tisch dann trägt - die Hauptverantwortung -, ihm auch einen gewissen Respekt auch zollt. Das verlange ich aber auch von einem Operateur selber gegenüber mir, weil er ohne mich dann auch nicht arbeiten kann. Aber der raue Ton und ähnliches muss natürlich auch nicht sein.Das ist aber auch die Beschaffenheit jedes Einzelnen. Ich bin eher der ruhigere Mensch. Ich bin in einem gewissen Alter, wo ich auch eine gewisse Erfahrung habe, ein gewisses Selbstbewusstsein habe. Und ich akzeptiere es nicht mehr von einem 50jährigen Chirurgen, der den Job schon über 20 Jahre macht, dass er rumschreit, mit Instrumenten wirft und die Leute am Tisch beleidigt, nur weil er jetzt gerade gestresst ist. Das setze ich voraus, dass er das nicht mehr ist, damit der Patient da heile da auch rauskommt. Das muss unsere oberste Priorität sein.
Julia Rotherbl - Du warst ja lang im Klinikwesen unterwegs, hast dich dann ein bisschen davon verabschiedet. Also bist jetzt quasi, in einer Privatpraxis. Oder? Bist du noch in der Privatpraxis?
Dilek Gürsoy - Ich bin in der Privatpraxis.
Julia Rotherbl - Und gleichzeitig in einer privaten Klinik.
Dilek Gürsoy - Genau.
Julia Rotherbl - Waren solche Vorkommnisse im OP auch ein Grund dafür, dass du diesen Schritt getan hast?
Dilek Gürsoy - Nein, nicht die im OP. Da haben noch ganz andere Sachen eine Rolle gespielt. Die mangelnde Wertschätzung deines eigenen Chefs. Natürlich ist das Hauptkriterium, weil du denkst, was willst du denn noch machen? Das war nicht nur ein Chef, sondern mehrere Chefs. Und ich habe halt mit der Zeit dann begriffen, dass du, wenn du selbstbewusst bist, du eine Vision hast und klare Vorstellungen hast, was du im Leben willst, dass das nicht mehr erwünscht ist von deinen Chefs. Du musst einfach nur noch funktionieren. Du sollst operieren, du sollst gut operieren. Das sowieso. Aber das war's dann auch. Dann geh nach Hause, komm am nächsten Tag bitte schön wieder. Aber dann auch gut gelaunt und versuche, mich auch gleichzeitig zu unterhalten. Und das nervt. Und es hat mich maximal genervt. Und dann hab ich gesagt „Okay, so nicht mehr. Das ist nicht die Medizin, die ich mir vorstelle. Und das ist auch nicht die Medizin, die ich der nächsten Generation weitergeben möchte. Also muss ich es ändern.“
Julia Rotherbl - Also ich schließe jetzt aus deiner Antwort, dass du eigentlich relativ spät an die gläserne Decke gestoßen bist, nämlich dann, als du schon wusstest, was du kannst und auch der Meinung warst, dass du eine andere Position oder andere Positionen ausfüllen könntest als du sie hattest. Ist das richtig?
Dilek Gürsoy - Richtig. Und ich sage das auch immer zu meinen Mentis. Als junger Assistenzärztin hörst du dir vielleicht Sprüche an. Aber das ist die beste Zeit, um etwas zu lernen, weil keiner sieht dich als Gefahr. Ganz im Gegenteil, viele fühlen sich wohl, wenn sie der Kleinen, oder dem Kleinen von mir aus auch, etwas beibringen können dürfen. Da fühlen sie sich erfüllt. Das Ganze fängt dann halt an, meistens so ab Mitte 35. Wo du dann wirklich... dein Bewusstsein ist gestärkt. Du bist chirurgisch viel weiter. Und dann fangen halt diese Problemchen an. Wenn du besser bist als dein Chef, wenn du schneller bist als so manch anderer. Und dann wird man auch beleidigt. Dann kommen so Sprüche wie... dieses halt... männliche Charaktereigenschaften werden dir auf einmal zugeteilt. Was dann... „wie, na ich hab doch nur einfach schnell und gut operiert und hab klare Ansagen gegeben“.Das wollen sie halt nämlich. Wir sind ja am Anfang unserer chirurgischen Zeit als Frauen eher die Unterhalterinnen. Wir sind nett. Wir haben gute Themen am Tisch. Da freuen sich immer die Operateure. Ich rede ja auch viel und gerne. War ja bei mir auch nicht anders. Aber irgendwann ist Schluss. Ja. Und wenn dann Schluss ist, dann gucken die alle so. „Wieso? Häh? Wo ist denn die Unterhaltung jetzt?“ Ja, nix Unterhaltung. Ich will jetzt operieren und ich will jetzt auch mal was machen. Und dann fangen schon die ersten Probleme an und das kann mir auch keiner sagen, dass das nicht so ist. Es war bei mir so und ich höre das von vielen, vielen anderen auch. Und wie gesagt, das ist mittlerweile lächerlich, so etwas.
Julia Rotherbl - Es ist aber auch tatsächlich schon in diesem Podcast immer mal wieder der Fall, dass Gästinnen sagen, das bessert sich alles. Die Situation wird anders. Die Männer, die nachkommen, gehen ganz anders mit Frauen um als ihre Vorgänger. Du erlebst das nicht so?
Dilek Gürsoy - Klar, will man jetzt nicht alle schlecht reden. Es gibt die ein oder zwei Ausnahmen von denen 80. Ja. Es gibt natürlich auch nette Kollegen und Kolleginnen, die auch versuchen, mit uns was... oder mit mir was zu ändern, ohne Frage. Aber zu 90 Prozent ist das halt in der Herzchirurgie noch nicht gegeben.Weil, ich hab mir auch gedacht, als es einen Wechsel in der Herzchirurgie in der Chefarztriege gab, wo die großen Namen von großen Kliniken dann ihr Alter erreicht hatten und die junge Generation nachgekommen ist. Und ich hatte auch diese große Hoffnung. Aber es ist alles so ein bisschen hinterhältiger geworden, finde ich. Es ist zwar dramatisch, wenn ich dieses Wort benutze, aber ich hab's ja 1 zu 1 erlebt. Ich rede hier nur von dem, was ich selber erlebt habe und nicht... Ich rede von dem, was meine Mentis, die ich noch vor kurzem alle betreut habe, sechs an der Zahl gleichzeitig, mir erzählen.Die Herzchirurgie ist noch sehr männerdominiert. Das spricht ja auch Bände, dass wir bis jetzt noch keine einzige Chefärztin haben. Das hat sich in der Allgemeinchirurgie aufgeweicht. In der Gefäßchirurgie aufgeweicht. In der Toraxchirurgie aufgeweicht. Das weiß ich alles. Aber wir sind noch lange nicht so weit, dass wir sagen können, nach hinten lehnen können und sagen, okay, die nächste Generation ist jetzt erst einmal geschützt und wir bauen hier eine gute Zukunft für die Patienten auf.
[00:13:53]
Wie aus der Wut etwas Konstruktives wird
Julia Rotherbl - Dilek, es gibt auch eine Umfrage, eine Online-Umfrage, an der die 78 Deutschen Herzzentren teilgenommen haben. Und die Ergebnisse bestätigen viel von dem, was du uns erzählt hast. Unter anderem zeigt sich durch diese Umfrage, dass es tatsächlich keine einzige Chefärztin an diesen Herzzentren gibt. 64 Prozent der Befragten wurden aufgrund ihres Geschlechts bereits am Arbeitsplatz diskriminiert. 88 Prozent der Herzchirurginnen sind der Meinung, dass ihre Karrierechancen schlechter sind, als die ihrer männlichen Kollegen.Genau. Also, ich könnte jetzt noch mehr Zahlen vorlesen. Also, es ist tatsächlich, die Herzchirurgie scheint so ein Fach zu sein, wo die Frauen sich irgendwie, weiß ich nicht, nicht durchsetzen, vielleicht auch nicht dafür interessieren. Es gehen auch wenig Frauen an den Start in der Herzchirurgie, oder?
Dilek Gürsoy – Ja, das stimmt. Aber es ist nicht so, dass wir diese talentierten Frauen nicht hätten. Wir haben sehr herausragende Chirurginnen, noch bessere als mich. Das sage ich immer wieder. Und ich weiß das auch. Aber sie sind halt immer in der zweiten Reihe. Einige von denen warten da darauf, halt in die erste Reihe zu gehen. Aber dann warten sie halt irgendwie doch zu lange. Für meinen Geschmack. Ich hatte das große Glück halt unabhängig zu sein und zu sagen „Okay, das nervt mich jetzt alles. Ich gehe jetzt einfach.“Und das ist das Problem, dass einige Kolleginnen halt gebunden sind an diese Klinik oder an eine feste Einstellung und sich deshalb nicht zutrauen können. Aber da gilt es halt für so Menschen wie mich - und ich sehe das auch als ein bisschen einen Auftrag für mich selber - den nächsten Generation zu zeigen, guck mal, du kannst auch etwas Eigenes auf die Beine stellen. Es ist zwar schwierig, aber es geht.Und manchmal nützt es tatsächlich etwas, aus dieser Komfortzone rauszugehen und etwas anderes zu wagen. Es ist, kann manchmal Tage geben, wo es wirklich mies ist, ja. Aber es befriedigt mich unheimlich, dass ich diesen Weg jetzt gehe, eine eigene Klinik zu gründen. Ob ich das schaffe, ob ich erfolgreich sein werde, das weiß ich nicht. Das weiß aber kein Unternehmer, glaube ich, der irgendwie mit irgendetwas anfängt. Aber ich bin, wie gesagt, wie am Anfang des Interviews, meine Fähigkeiten absolut bewusst und auch meiner Menschlichkeit. Und diese zwei Sachen, glaube ich, werden mich ein bisschen nach vorne bringen.
Julia Rotherbl - Du hattest es ja schon angesprochen, dass dein Plan ist, tatsächlich eine eigene Klinik zu gründen. Gab's einen Schlüsselmoment, wo du gesagt hast „Okay, ich muss jetzt irgendwas Eigenes machen, damit ich wirklich das umsetzen kann, was ich vor meinem inneren Auge als gute Herzchirurgie definiere?“
Dilek Gürsoy - 2017, 18 habe ich... Also, als ich medial bekannt geworden bin und ich gemerkt habe „Okay Dilek, diese Klinik akzeptiert das in irgendeiner Form nicht oder dieser Chef, in der ich da in dieser Zeit aktiv war“. Und dann habe ich auch in einer anderen Klinik versucht. Und genau die mediale Präsenz war das große Problem. Nicht, dass ich irgendwie die Klinik schlechtgeredet hätte oder die Klinik nicht gut vertreten hätte. Ganz im Gegenteil, sie ist bekannt geworden. Die Presseabteilung hat mit mir geworben, aber es war halt ein Problem. Und ich habe gemerkt, das wird so in keiner anderen Klinik funktionieren. Es wird immer ein Problem sein. Und da hab ich mir gesagt „Okay, es geht in dem System, das jetzt gerade aktuell existiert, für dich nicht weiter.“
Julia Rotherbl - Also in mehreren Interviews zu diesem Thema merkt man das - und jetzt auch hier -, dass dich diese momentanen Zustände auch wütend machen. Jetzt hast du für dich allerdings einen Weg gefunden das irgendwie positiv aus dieser Wut heraus zu entwickeln. Wie hast du das geschafft? Also, wie kommt man raus aus dem „Ich bin einfach nur wütend und es geht nicht so weiter“ hin zu „Okay, dann versuche ich jetzt selbst irgendwie was Konstruktives draus zu machen aus meinen Erfahrungen und setze jetzt etwas eigenes in die Welt?“
Dilek Gürsoy - Ich habe ja ein Jahr lang versucht, dann nachdem ich dann verzweifelt war oder nach der letzten Stelle, die ich dann aufgegeben hatte, ein Jahr lang versucht in verschiedenen Kliniken in Deutschland, in jedem Bundesland tatsächlich, eine mir gerechte Position zu finden, eine leitende Position.Und als Assistenzärztin oder Fachärztin hätten sie mich ja sofort genommen. Ne? Macht schön die Arbeit und stört nicht und nervt nicht. Und da hab ich in diesen Gesprächen aber auch gemerkt, es wird ja immer drolliger. Der eine will nicht mit dir reden, der andere hat irgendwelche komischen Bedingungen. Der andere sagt, schauen wir mal. Da dachte ich, das kann’s doch alles nicht sein. Was soll ich noch machen? Ich bin hier in Deutschland ausgebildet worden, vermeintlich von den besten Herzchirurgen Deutschlands chirurgisch ausgebildet worden. Ich bin der deutschen Sprache mächtig. Ja. Und ich bin eigentlich eine ganz Nette. Und es funktioniert alles nicht. Und dann hab ich gesagt, so jetzt erst recht.Ich hatte aber auch dieses enorme Glück, dass ich in der Zwischenzeit, wo mir keiner eine Position geben wollte für die Kunstherzabteilung, mich internationale Firmen gebucht haben für ihre Forschungsarbeiten. Wie der liebe Gott manchmal so will, ne. Also habe ich die neusten Modelle von Kunstherzen, totalen Kunstherzen und Linksherzunterstützungssysteme angefangen zu operieren. In Laboren sie mitentwickelt quasi. Sie mitdesigned. Und ich weiß, dass diese 78 Kollegen, die existieren, alle wissen wer diese Arbeiten gemacht hat. Und das ist eine Genugtuung. Und das hat mich dann nochmal bestätigt „Dilek, okay, guck mal, nur weil die Kollegen meinen, dir keinen guten Job geben zu müssen oder zu können, können es aber die anderen, wissen deine Arbeit wertzuschätzen und bezahlen dich eigentlich ziemlich gut dafür.“
[00:19:23]
Würdest du dich nochmal für die Herzchirurgie entscheiden?
Julia Rotherbl - Dilek, was ich bei dir jetzt ganz spannend finde, weil es so ein bisschen heraussticht in der Reihe der Gästinnen, die wir bisher hatten. Es wird Frauen ja oft auch so vermittelt, Familienplanung ist der Karriereknick. Das ist natürlich auch überhaupt nicht okay zu sagen, du kannst mit Kindern keine Führungsposition einnehmen. Du hast keine Kinder. Was wurde dir denn quasi vermittelt, woran es liegt? Tatsächlich einfach daran, dass du eine Frau bist?
Dilek Gürsoy - Ja nee, einfach, dass dieser Job der Herzchirurgie... Das wurde mir schon als Formulantin am Tisch gesagt, dass das ja eine Männerdomäne ist, dass man ja immer so viel arbeiten muss und kaum Zeit hat, Familienplanung zu machen und Kinder zu bekommen und einen den richtigen Partner zu finden. Also, ich hab das alles zwar nicht, aber das hatte alles nichts mit der Herzchirurgie zu tun, ja. Es hat andere Gründe, wie so oft im Leben, dass man einfach... der Richtige einem nicht über den Weg gelaufen ist. Aber ich kenne sehr, sehr gute Chirurginnen, den herzchirurgische Kolleginnen, die ihre Familie haben, die drei, vier Kinder haben und auch das alles vereinbaren können und auch darüber glaube ich auch schon in ein paar Interviews schon gesprochen haben.
Julia Rotherbl - War dir denn bewusst, dass die Herzchirurgie, als du dich dafür entschieden hast, so eine Männerdomäne ist, wo es Frauen schwer haben?
Dilek Gürsoy - Ja. Ja. Also es wird ja auch die ganze Zeit dir vermittelt. Du hast ja nichts anderes gehört, quasi. Aber es war mir egal. Ich mochte dieses Fach, ich mochte diese Chirurgie. Ich hab das ausgeblendet. Das tut man auch mit 26 dann, wenn du etwas unbedingt willst. Das ist auch gut so gewesen. Aber ich würde mich auch jetzt, sage ich, in dieser für mich die letzten paar Jahre schwierigen Zeit, dass mich keiner vom OP-Tisch wegbekommen wird, so leid es mir auch tut für die Kollegen.
Julia Rotherbl - Aber würdest du dich nochmal für die Herzchirurgie entscheiden?
Dilek Gürsoy - Ja, immer wieder. Weil es gibt wirklich nichts Schöneres. Und es ist in der Herzchirurgie auch so, dass du auch sofort ein Erfolg bei deinen Patienten siehst, ne. Du operierst sie, du legst ihnen Bypässe, du reparierst ihnen die Klappe, du ersetzt ihnen die Klappe. Du ersetzt ihr komplettes Herz und sie können gesund weiterleben. Mit leichten Einschränkungen bei Kunstherzen natürlich. Ne, ist was anderes. Aber das Herz ist ein faszinierendes Organ und ich rate jeder jungen Generation, da wenigstens einmal bei so einer Herzoperation mit dabei zu sein.
Julia Rotherbl - Und vielleicht dann genauso zu entflammen wie du entflammt bist.
Dilek Gürsoy - Ja das schaffen wir dann eigentlich auch meistens!
Julia Rotherbl - Dilek, ich würde gern zum Abschluss dieses Podcasts noch auf ein Thema kommen. Patientinnen. Das hattest du ja auch schon gesagt. Es geht dir am Ende um die Patienten und Patientinnen. Gerade was die Kardiologie angeht, gibt's immer mehr spannende Studien, die zeigen, wie wichtig es gerade für Patientinnen wäre, wenn Frauen sie behandeln würden. Es gibt ja z.B. die Studie, dass Herzinfarkte bei Frauen schneller erkannt werden, wenn sie in die Klinik kommen - und da ist eine Ärztin und kein Arzt.Ist jetzt nur eine von mehreren Studien. Ich fand es ganz spannend zu lesen, dass du dich auch dafür einsetzt, das ein kleineres und für Frauen kompatibleres Kunstherz entwickelt wird. Würdest du uns dazu zum Abschluss noch etwas erzählen, was auch Frauen davon, Patientinnen davon haben, wenn mehr Frauen in der Herzchirurgie Entscheidungen treffen können?
Dilek Gürsoy – Also, in der Medizin ist ja ein ganz großes Thema, was schon seit Jahrzehnten existiert. Und es gibt herausragende Kolleginnen wiederum, die sich damit schon vor Jahrzehnten auseinandergesetzt haben. Was ich ja toll finde. Und mein Spruch, den ja auch viele dann irgendwie übernommen haben - Die herzchirurgische Forschung ist von Männern für Männern gemacht worden. War ja nicht böse gemeint. Damals in den 60ern hat man noch gedacht, es sind vornehmlich Männer betroffen, die an einer Herzinsuffizienz leiden. Und dann hat man natürlich versucht, Maschinen herzustellen, die zügig und schnell laufen. Das ist natürlich mit einem etwas größeren Volumen, ich meine Herzvolumen natürlich, auch künstlichem Herzvolumen besser zu steuern als in kleinerem System.Es ist auch eine ingenieursmäßige Herausforderung natürlich, das verstehe ich ja alles. Aber es ist ein ganz normaler Prozess, dass, wenn Frauen am Tisch stehen, auch natürlich an Frauen gedacht wird später. Und wenn ich schon einige Menschen operiert habe und ich jetzt im Labor bin und an der Entwicklung solcher Kunstsystem teilhaben darf, dann sage ich natürlich auch, bitteschön kleiner. Weil ich weiß, was dann die Probleme sind, wenn du ein System in einen zu kleinen Brustkorb rein tust. Dass du die Brustkörbe nicht zu bekommst. Dass die Patienten dann Probleme haben, wenn du es dann irgendwie... den Brustkorb doch irgendwie zu machst. Dann hats Zwerchfell ein Problem. Dann hat die Lunge ein Problem. Dann haben Gefäße, die komprimiert werden, ein Problem. Und das ist dann alles suboptimal.Und das gilt es zu kommunizieren, auch, ja. Weil, man ist ja auch manchmal so in einem Tunnel, nicht nur wir Herzchirurgen, sondern auch die Ingenieure. Oder andere, die in der Forschung drin sind. Dann muss man den Horizont halt ein bisschen erweitern. Und für mich ist das ganz ganz normal auch über kleine Brustkörbe zu sprechen, wenn ich so ein Ding dann da rein tue.
Julia Rotherbl - Dilek, damit wären wir leider schon am Ende dieses wunderschönen Gesprächs angekommen. Ich freue mich sehr, dass du meine Gästin warst und vor allem wünsche ich dir alles, alles Gute für deine Pläne und die Klinik. Und bin überzeugt davon, du wirst eine super Chefin.
Dilek Gürsoy - Ja. So Gott will, ne. Ja, das hoffe ich auch.
Julia Rotherbl - Danke, dass du hier warst.
Dilek Gürsoy - Ich danke vielmals.
[00:24:53]Vielen Dank fürs Zuhören
Julia Rotherbl - Ich bin ja in diesen Podcast eingestiegen mit Zitaten von einem Social-Media-Account von „Die Chirurginnen e.V.“, einem wie ich finde grandiosen Netzwerk für Ärztinnen. Wir haben euch alle Links zu diesem Netzwerk in die Shownotes gepackt. Und ich möchte euch in diesem Zusammenhang auch auf Folge 2 dieses Podcasts hinweisen, denn da haben wir die Gründerin dieses Netzwerks zu Gast. Und noch ein weiterer Tipp für alle, die diesen Podcast mögen - ich hoffe, es sind viele euch. Folgt uns doch, dann verpasst ihr keine Folge. Wir erscheinen alle 14 Tage, immer montags.
Sprecherin - Ein Podcast von gesundheit-hören.de und Apotheken Umschau Pro.
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