"Lasst euch eure Wege nicht vorbestimmen"

Shownotes

Haben Apothekerinnen ähnlich zu kämpfen wie Ärztinnen? In dieser Folge ist eine Apothekerin zu Gast. Denn auch in ihrem Beruf ist der Berufsstand zum überwiegenden Teil weiblich, wird aber an der Spitze von Männern vertreten. Deshalb spricht Host Julia Rotherbl mit Gabriele Regina Overwiening, der ersten weiblichen Präsidentin der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände. Unsere Gästin verrät, was eine Kreidetafel mit Empowerment zu tun hat und warum Ratschläge auch immer "Schläge" sind.

Mehr zu unserer Gästin: https://www.abda.de/ueber-uns/vorstand/

Über 60% der Medizinstudierenden in Deutschland sind weiblich. Doch nur etwa jede zehnte Führungsposition in der Medizinbranche ist von einer Frau besetzt. Wie können es Frauen trotzdem ganz nach oben schaffen? Das möchte Julia Rotherbl, Chefredakteurin der "Apotheken Umschau", herausfinden. Zusammen mit Frauen, die von ihrem persönlichen Karriereweg erzählen.

Montags alle 14 Tage erscheint eine neue Folge. Habt Ihr Fragen, Anregungen oder Kritik? Dann schreibt uns gerne an redaktion@gesundheit-hoeren.de

Redaktion: Julia Rotherbl, Anja Kopf; Schnitt und Post-Produktion: Yves Seissler, Anja Kopf


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Transkript anzeigen

[00:00:00]

Willkommen Frau Overwiening, Präsidentin der ABDA

Gabriele Regina Overwiening - Das ist, glaube ich, auch das, wozu ich gerne animieren möchte. Seid zuversichtlich, ihr werdet eure Wege erkennen. Lasst euch die Wege nicht von anderen vorbestimmen.

Sprecherin - Frau Doktor, übernehmen Sie!

Julia Rotherbl - Herzlich willkommen bei diesem Podcast. Wer diesen Podcast kennt und schon ein paar Folgen sich angehört hat, der weiß, dass unsere Gästinnen eigentlich größtenteils Ärztinnen sind. Heute haben wir eine Apothekerin zu Gast. Der Grund ist, dass Apothekerinnen eigentlich mit den gleichen Problemen kämpfen wie Medizinerinnen. Der Berufsstand ist zum überwiegenden Teil weiblich und wird an der Spitze vertreten von Männern. Deshalb ist heute hier bei mir Gabriele Regina Overwiening, die erste Präsidentin der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände. Und sie verrät uns, was eine Kreidetafel bei ihr in der Apotheke mit Empowerment zu tun hat. Mein Name ist Julia Rotherbl. Ich bin Chefredakteurin der Apotheken Umschau und ich freue mich total auf dieses Gespräch.

Sprecherin - Ein Podcast von gesundheit-hören.de und Apotheken Umschau Pro.

[00:01:14]

Die erste Frau an der Spitze der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA)

Julia Rotherbl - Frau Overwiening, ich freue mich sehr, dass Sie heute meine Gästin sind. Herzlich willkommen im Podcast „Frau Doktor, übernehmen Sie“!

Gabriele Regina Overwiening - Vielen Dank für die Einladung Frau Rotherbl.

Julia Rotherbl - Frau Overwiening, Sie sind seit letztem Jahr die erste Präsidentin der ABDA, der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände. Jetzt ist es im Berufsstand der Apotheker und Apothekerinnen ähnlich wie bei den Ärztinnen und Ärzten. Es arbeiten dort sehr viele Frauen, überwiegend Frauen, die vertreten werden durch überwiegend Männer. Warum hat das so lange gedauert, dass jetzt eine Frau für die mehrheitlich weiblichen Apothekerinnen die Standesvertretung übernimmt?

Gabriele Regina Overwiening - Wenn sie eine geringere Anzahl an Kandidatinnen haben, die überhaupt in Frage kommen, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass in die Spitze jemand gewählt wird, die dann eine Frau ist, die Wahrscheinlichkeit ist einfach schon geringer. Ich glaube, dass Frauen sehr stark orientiert sind an der Berufsausübung - ich bleibe jetzt mal bei uns Apothekerinnen - an der Berufsausübung der Apothekerin und wollen tatsächlich auch in dem Tun ihre Expertise einbringen. Und da kommt dann diese standespolitische Gestaltung, die kommt erst später in den Fokus. Und bei den Männern ist es so, dass das oft auch schon während des Studiums schon im Fokus ist. Und möglicherweise ist das einfach schon eine sehr frühe Sozialisierung, dass Frauen weniger an gesellschaftliche politische Themen herangeführt werden.

Julia Rotherbl - Hat es vielleicht auch etwas mit Vereinbarkeit zu tun, dass Frauen natürlich in bestimmten Lebensphasen dann neben ihrem Beruf vielleicht auch viel mit der Familie einfach Zeit verbringen oder mit anderen sogenannten „Care-Aufgaben“, das dann für diese standespolitischen Interessen gar nicht die Kapazitäten bleiben?

Gabriele Regina Overwiening - Ich glaube, dass Sie da recht haben Frau Rotherbl, dass es auf jeden Fall, grade bei jungen Frauen, häufig einhergeht mit der Familienplanung und dann gibt es auch eine andere Fokussierung. Natürlich, wenn ich das jetzt nochmal auf meinen Lebensweg überschlage, ich habe vier Kinder und ich war in der Schule schon Schulsprecherin. Da war dann schon sehr früh die Lust daran, was zu gestalten.

Julia Rotherbl - Aber wie haben Sie das denn... Sie haben ja gerade gesagt, Sie haben vier Kinder und Sie haben ja quasi schon sich sehr viel früher als jetzt – 2021 - in dieser Standortpolitik engagiert. Wie haben Sie das denn für sich organisiert, dass das alles vereinbar war mit Ihren Apotheken, die Sie haben, mit der Standortpolitik und mit der Familie?

Gabriele Regina Overwiening - Ja, Kinder kommen ja eins nach dem anderen. Es sind ja nicht auf einmal vier da. Apotheken auch. Auch das ist etwas, wo ich reingewachsen bin. Wie jeder Mensch auch in die Dinge reinwachsen muss, die er wahrnimmt oder wahrnehmen will. Und dass die Zuversicht und das Vertrauen darin, dass ich den nächsten Schritt erkennen werde, wenn ich ihnen gehen möchte oder gehen sollte vielleicht, um meiner inneren Aufgabe gerecht zu werden, diese Zuversicht, die hab ich, die bringe ich mit. Und das ist, glaube ich, auch das, wozu ich gerne animieren möchte. Seid zuversichtlich. Ihr werdet eure Wege erkennen. Lasst euch die Wege nicht von anderen vor bestimmen.Also wir dürfen für uns nicht darauf hören, was andere uns sagen, was wir zu tun und zu lassen haben, sondern wir müssen für uns die Entscheidung finden. Was will ich tun? Was stimmt für mich und mein Leben? Und dann kann es toll sein, vier Kinder zu haben und Präsidentin der Apothekerkammer zu sein und Präsidentin der ABDA zu sein und Apotheken zu leiten. Dann sind es drei tolle Aufgaben, an denen ich jeweils riesigen Spaß habe. Und alles andere mache ich nicht.Und andere sagen „Nein, ich habe da jetzt keine Freude dran in der Standespolitik tätig zu sein“. Dann ist das eine genauso gute Entscheidung. Aber diejenigen, die sagen „Naja, das sollte ich jetzt wohl eher nicht tun, weil ich hab ja jetzt Kinder, um die ich mich kümmern muss und ich habe einen Haushalt und ich habe einen Mann, um den ich mich kümmern möchte und der soll ja auch und möchte auch gerne Karriere machen. Da würde ich das jetzt mal von mir selbst erwarten. Das sagen ja auch die anderen, dass ich das nicht tun sollte, jetzt meine Karriere in den Vordergrund zu schieben.“ Da würde ich sagen, das ist keine gute Entscheidung.

Julia Rotherbl – Aber, haben Sie solche, in Anführungszeichen – „Vorwürfe“ tatsächlich auch gehört?

Gabriele Regina Overwiening - Ja, wobei ich sogar gestehen muss, dass diese Einwände und Zweifel am allerschlimmsten von mir selbst gegen mich kamen. So etwas wie ein Mutterinstinkt, das Kind jetzt bei der Großmutter abzugeben oder für zwei Tage vielleicht nicht da zu sein, weil irgendwo ein Kongress ist und wusste nur, dass es ein guter Weg ist, weil auch zufriedene Eltern sind die besten Eltern für die Kinder. Und Eltern, die sagen „Für dich gebe ich alles auf“ und damit belasten sie und beschweren ja auch ein Kind. Wir sehen das ja immer nur von der Seite des Versorgens. Wir sind für die anderen da. Wir sind manchmal auch für die anderen da, wenn wir ihnen Freiräume lassen und wenn wir sagen „Du kannst auch ohne mich“. Und das hab ich gelernt dabei. Das ist eigentlich ein größerer Reichtum als hätte ich diese Auseinandersetzung mit mir nicht gehabt.

Julia Rotherbl - Sie haben auch vorher schon angesprochen, dass es natürlich jetzt eine ABDA-Präsidentin gibt. Aber wenn man sich durch die Hierarchien bewegt, dann sind immer noch sehr viele Männer vertreten. Ich habe nochmal nachgeschaut, also Landesapotheken kann man vier Frauen, 13 Männer, die an der Spitze stehen. Haben Sie den Eindruck - jetzt mit Ihrer Wahl auch - dass sich da irgendwie Bewusstsein verändert dafür, dass man auch Frauen in bestimmte Positionen bringen sollte? Oder ist es jetzt einfach so, dass man gesagt hat „Okay, es ist jetzt mal Zeit für eine Frau, aber grundsätzlich an unserer inneren Einstellung ändert das nichts“?

Gabriele Regina Overwiening - Ich glaube nicht, dass die Organisation sich überlegt hat, dass es jetzt mal Zeit für eine Frau. Sondern der Prozess war ja anders. Friedemann Schmidt hatte im Dezember 19 gesagt, dass er im Dezember 20 dann für 21 nicht mehr kandidieren wird als ABDA-Präsident.

Julia Rotherbl - Friedemann Schmidt war Ihr Vorgänger. Genau.

Gabriele Regina Overwiening - Und da ist bei mir ein Prozess in Gang gekommen, dass ich gedacht habe „Jetzt hat die Politik über ein Jahr keinen wirklichen zukunftsträchtigen ABDA-Präsidenten mehr“. Und dann hab ich mit meiner Familie gesprochen und hab gesagt „Das ist ja ein Ding“. Und dann haben die gesagt „Ja, und was möchtest du jetzt dagegen tun?“ - „Ich denke jetzt drüber nach, ob ich nicht als ABDA-Präsidentin schon jetzt sehr früh kandidiere. Ob ich es dann werde oder nicht, ist jetzt erstmal nachrangig. Aber wichtig wäre, dass kein Vakuum entsteht und auf jeden Fall jemand kandidiert.“ - „Wenn du das machen möchtest, also unsere Unterstützung hättest du.“Und ich hatte überall die gleiche Rückendeckung zugesagt bekommen. Dann hab ich am 9. März 20 eine kleine Pressekonferenz in Berlin gegeben und habe gesagt „Ich werde kandidieren“. Also es war kein Prozess aus der Organisation heraus, aus dem herausgekommen wäre, „Ja, es wäre gut, wenn wir jetzt mal eine Frau an der Spitze hätten“.

[00:09:28]

Frauenförderung im Alltag

Julia Rotherbl - Frauenförderung gibt's ja auch noch - um jetzt ein neues Thema aufzumachen - für Sie auf einer anderen Ebene. Sie haben drei Apotheken zu organisieren mit Notdienst, mit Samstagsarbeit und sehr viele Beschäftigte in Teilzeit. Wie kriegt man das hin?

Gabriele Regina Overwiening - Bei uns gelingt das recht gut, weil die Organisation des Dienstplanes - das mache nicht ich, sondern das machen die Kolleginnen untereinander. Es gibt also eine Hauptverantwortliche für die Terminplanung. Und es gibt auch eine große Transparenz des Arbeitsplanes, dass alle sich auch eintragen können, dass alle auch sehen, wenn irgendwo Probleme sind. Und dann erlebe ich, dass sie sich gegenseitig unfassbar gut helfen. Und ich glaube, das ist auch etwas. Was grundsätzlich ja hilft, diese Partizipation in der Gestaltung und Leitung einer Apotheke oder von Apotheken, dass man gemeinsam als Team das wesentlich besser hinkriegt, als wenn einer das sagt und ich sag jetzt „Du kommst dann und du kommst dann und du kommst dann“. Es gibt eben individuell sehr unterschiedliche Belastungen.Und wenn wir Arbeitsplätze schaffen können, wohnortnah, wo wir das mit abbilden, wo wir dem gerecht werden können, dann ist das doch für alle befriedigend. Diejenigen, die da sind, sind froh, dass sie an dem Tag da sein dürfen und ihrer Expertise nachgehen können und an einem anderen Tag, wenn sie das nicht können, müssen sie es nicht auch. Sie müssen auch kein schlechtes Gewissen haben. Das ist dann nicht tun, sondern da ist es wirklich in Ordnung. Das macht es möglich, dass wir auch mit viel Teilzeitkräften einen sehr verlässlichen Arbeitsplan haben.

Julia Rotherbl - Also dieses Thema Teilzeit ist in diesem Podcast immer wieder Thema, weil natürlich gerade auch in großen Kliniken mit diesem Schichtdienst und so wird den Frauen oft vermittelt wird, wenn sie jetzt nach z.B. der Geburt eines Kindes in Teilzeit zurückkommen, dass sie dann auf jeden Fall nicht damit rechnen sollten, in der nächsten Zeit befördert zu werden. Wie stehen Sie denn zu dem Thema Führung in Teilzeit?

Gabriele Regina Overwiening - Führung in Teilzeit geht ebenso wie Führung in Vollzeit. Das ist überhaupt gar keine Frage. Weil, Führung heißt doch nicht, „Ich muss 40 Stunden meinen Kolleginnen und Kollegen auf die Finger gucken“, sondern Führung heißt doch, wahrzunehmen „Wer sind denn meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter überhaupt? Welches Anliegen haben sie denn überhaupt? Warum sind sie denn hier und arbeiten hier bei mir?“ Dann ist das genauso gut Führung. Also da bin ich fest von überzeugt, dass Führung keine Vollzeitbeschäftigung braucht. Das ist Unsinn. Ein ganz großer Unsinn.

Julia Rotherbl - Wie funktioniert denn für Sie Frauenförderung auf, in diesem kleinen Feld Apotheke? Als Chefin jetzt?

Gabriele Regina Overwiening - Als Wichtigstes ist tatsächlich das, was ich eben schon einmal hab anklingen lassen. Viel Eigenverantwortung und Partizipation an Entscheidungsprozessen. Transparenz zu schaffen, weil das natürlich zu einem ganz anderen Selbstwertgefühl führt. Und sie sehen dann, wie wichtig sie sind für das Vorankommen dieser Apotheke. Sie sind wichtig dafür, dass die Patientinnen und Patienten gut versorgt werden. Sie kriegen Feedback, dürfen auch dieses Feedback für sich auch verbuchen. Es gibt bei uns zum Beispiel eine große Tafel, auf die wird geschrieben, was an positivem Lob kommt. Die negativen Sachen werden dann nicht draufgeschrieben, sondern das Positive.

Julia Rotherbl - Schöne Idee.

Gabriele Regina Overwiening - Und diese Tafel hängt vis-à-vis vom Ausgang des Frühstücksraum, des Aufenthaltsraum. Und dann kommt man da raus und dann liest man das eben immer. Und diejenigen, die es verfasst haben, haben sich das ja auch nochmal bewusst gemacht. Und das ist auch ein Teil der Förderung. Ich würde es den Herren genau so angedeihen lassen. Ich weiß es nicht genau. Ich erleb nur bei einigen Männern, dass sie sich weniger Gedanken dazu machen, dass sie eigentlich wie selbstverständlich davon ausgehen, dass sie cool sind. Das erlebe ich bei Frauen seltener. Und deswegen wäre das für mich jetzt erst einmal auch ein Teil der Frauenförderung.

Julia Rotherbl - Wer hat Sie denn gefördert, Frau Overwiening?

Gabriele Regina Overwiening – Ja, ich glaube schon, dass das auf jeden Fall auch meine Eltern waren. Meinem Vater war es sehr wichtig, dass wir als... Ich habe eine Schwester noch, wir sind mit zwei Mädchen groß geworden. Und meinem Vater war es sehr wichtig, dass wir unabhängig sein können. Er sagt, „Wenn ihr dann geliebt werdet, ist es ja schön und wenn ihr lieben könnt und zusammenleben können. Aber wenn ihr das tun müsst, weil ihr abhängig wäret, das könnte ich als Vater schlecht aushalten.“ Und das ist sicherlich ein Teil.Ich bin sehr naturverbunden groß geworden, d.h. meine Reflektionsfläche war auch die Natur und da konnte ich mich entwickeln. Und zu guter Letzt glaube ich, war es einfach auch... Auch das Leben als solches hat mir viele Chancen gegeben, durch die ich mich dann auch nochmal bestätigt sehen durfte, die Zuversicht weiter auszubauen.

[00:15:04]

Spiel - Was würdest du sagen...?

Julia Rotherbl - Frau Overwiening, ich würde an dieser Stelle gern einen Break einlegen, und zwar für ein Spiel. Ein Spiel, das wir mit allen unseren Gästinnen spielen und für das ich Unterstützung brauche. Deshalb würde ich gerne unsere Podcastredakteurin Anja Kopf dazu holen. Hallo Anja.

Anja Kopf - Hallo.

Gabriele Regina Overwiening - Hallo Frau Kopf.

Anja Kopf - Frau Overwiening, ich erkläre Ihnen kurz, um was es geht. Julia hat das Spiel schon einige Male gespielt. Also, die ist schon Profi. Genau. Also, ich habe Satzanfänge rausgesucht aus dem Themen Umfeld, Beruf, Karriere, Frauenförderung. Und sie dürfen einfach ganz spontan den Satz beenden mit dem, was ihnen so in den Kopf schießt. Unsere Gästin - also Sie, Frau Overwiening - dürfen anfangen. Und der erste Satzteil für Sie, der heißt „Um meine Arbeit nicht mit nach Hause zu nehmen...“

Gabriele Regina Overwiening - ...bin ich sehr, sehr gerne zwischendurch im Garten um alles da abzuladen.

Julia Rotherbl – Also, Sie schaffen es tatsächlich, Arbeit nicht mit nach Hause zu nehmen?

Gabriele Regina Overwiening - Nicht immer, nein.

Anja Kopf - Julia, für dich ein etwas vielleicht überspitzter Satz. Ich bin gespannt wie du darauf reagierst. „Ein Mann ist im Recht, wenn…“

Julia Rotherbl - ...wenn er Recht hat. Also, wenn er faktisch Recht hat, dann ist er natürlich im Recht.

Anja Kopf – Also, es kommt auf die Fakten drauf an?

Julia Rotherbl - Ja also klar, eine Frau kann auch im Unrecht sein, wenn sie tatsächlich im Unrecht ist.

Anja Kopf - Der nächste Satz, Frau Overwiening, „Der schlechteste Rat in Sachen Karriere war…“

Gabriele Regina Overwiening - ...wenn man mir Ratschläge geben wollte. Jeder Ratschlag ist eben auch ein Schlag. Und meist waren das, waren das schlechte Ratschläge.

Anja Kopf – Was bedeutet für Sie denn schlecht? Also irgendetwas, was nicht auf Sie, auf Ihre Lebenssituation gepasst hat?

Gabriele Regina Overwiening - Nein, überhaupt die Tatsache, dass Viele Frauen Ratschläge geben wollen. Ob es den Männern auch gegeben wird, weiß ich nicht. Aber dass wir uns anhören „Ja, mach das lieber nicht so, mach das lieber doch so, willst du das wirklich tun? Überleg mal! Da würde ich doch lieber vorschlagen, du gehst nochmal den oder den Weg“. Ich habe es immer so erlebt. Wenn ich einen Ratschlag bekommen habe, dann war das eher von einer höheren Position auf das, was die Frau dann doch jetzt wissen müsste und noch nicht weiß.Und umgekehrt hätte ich so einen Rat nie gegeben. Ich würde immer erfragen „Wie möchtest du das denn?“ Ich würde gerne wissen wollen, wie es für mein Gegenüber richtig ist. Und ein Ratschlag, den ich bekommen habe, ist meistens die Perspektive dessen gewesen, der mit diesen Ratschlag gegeben hat, ohne zu gucken, was denn mit mir ist oder was vielleicht bei mir ausgelöst werden müsste, damit ich zu meiner eigenen Entscheidung komme. Es gibt auch tolle Fragen, die, die meine Familie mir gestellt hat, ganz tolle Fragen und die mir geholfen haben, diese Entscheidung zu treffen. Aber das haben Sie ja gerade nicht gefragt.

Anja Kopf - Aber finde ich eine total spannende Perspektive.

Julia Rotherbl - Ja, finde ich auch.

Anja Kopf – Julia, für dich nochmal etwas ganz anderes. Vielleicht auch im Bereich des Journalismus sehr klassisch. „Wenn ich zu lange vor dem Computer sitze, dann…“

Julia Rotherbl - ...kriege ich irgendwann Kopfschmerzen. Und dann, deswegen, ich versuch abends auch nicht mehr vor dem Bildschirm zu sitzen. Also ich gehöre nicht zu denen, die E-Books lesen oder Fernsehschauen. Ich finde irgendwann muss man auch mal eine bildschirmfreie Zeit einplanen.

Anja Kopf - Der letzte Satz Frau Overwiening, Sie dürfen dieses Spiel schließen. Der lautet „Ich bestärke Frauen, indem…“

Gabriele Regina Overwiening - ...sie an sich selber glauben. Dass ich sie ermutige, an sich selbst zu glauben, dass sie sich versuchen zu fühlen und zu merken, was sie wirklich wollen. Und dass sie sich vertrauen dürfen in dem, was sie wollen.

[00:19:10]

Gutes Vernetzen – auch über den Berufsstand hinaus

Julia Rotherbl - Nach diesem schönen Spiel, Frau Overwiening, würde ich gern einen neuen Themenblock aufmachen und mich mit Ihnen unterhalten über Netzwerken und Kollegialität. Wie baut man sich denn als Frau in so einem standespolitischen Netzwerk, in dem natürlich viele Männer wahrscheinlich auch starke Netzwerke haben, ein eigenes auf?

Gabriele Regina Overwiening - Ich glaube, was Sie da ansprechen, Frau Rotherbl, ist ganz besonders wichtig. Und das Vernetzen für mich, das ist mir ganz besonders deutlich geworden, jetzt in der Vorbereitung der Wahl zur ABDA-Präsidentin. Da habe ich versucht, wirklich mit allen Kammerpräsidentinnen und -präsidenten und allen Vorsitzenden Kontakt aufzunehmen, von denen zu erfahren, ja, wo sie denn die ABDA sehen, was sie von der ABDA erwarten, wie sie kollaborieren möchten.Ich hab dann auch eine entsprechende Chatgruppe eingerichtet, damit man schnell miteinander in Kontakt kommen kann. Hab mir von allen - natürlich immer mit Frage - die Handynummer eingespeichert, sodass ich sofort weiß, ich kann alle erreichen zu jeder Zeit oder wenn sie mich erreichen wollen, sehe ich, dass sie es sind. Wenn ich eine Visitenkarte bekomme - ich frag oft nach Visitenkarten - und dass ich am nächsten Tag dann auch - über die Visitenkarte hab ich ja dann die Kontakte - noch kurz eine E-Mail schreibe oder eine SMS und daran erinnere, dass wir uns am Abend vorher getroffen haben und ich mich über weiteren Austausch freuen würde. Das ein bisschen zu trainieren... Ich glaube, das müssen wir wirklich trainieren. Das ist nicht so... Es fällt uns allen nicht so ganz leicht.

Julia Rotherbl - Und weil das Thema auch gerade mit der Einführung der pharmazeutischen Dienstleistungen so ein bisschen hochgekocht wird, wie wichtig ist denn auch, dass man über seinen Berufsstand hinaus sich vernetzt? Also ich spreche natürlich jetzt das Thema an – Ärzteschaft, Apothekerinnen und Apotheker. Wie wichtig ist Ihnen, dass hier eine gute Zusammenarbeit stattfindet?

Gabriele Regina Overwiening - Die gute Zusammenarbeit zwischen den Ärztinnen, Ärzten und Apothekerinnen, Apothekern ist mir immens wichtig. Ich glaube, dass das ein Dreh- und Angelpunkt ist auch für die Zukunft für eine gute Versorgung der Menschen. Wie soll das funktionieren bei immer komplexer werdenden Therapien, bei einer demografischen Entwicklung, die ich hier ja gar nicht erläutern muss? Das ist so nötig, dass wir das tun. Wir wollen in der Fläche die Versorgung haben. Wir wollen den Menschen vor Ort helfen. Wir wollen nicht dass sie in große Städte fahren müssen, um noch eine Versorgung zu kriegen. Und deswegen brauchen wir diese Vernetzung. Wir versuchen das, glaube ich, auf verschiedenen Ebenen und wenn man einmal vor Ort ist, da geht es fehlt ein kleines bisschen leichter. Ich versuch's aber auch tatsächlich auf der standespolitischen Ebene. Und da gibt's sicherlich mit den KVn mehr Schwierigkeiten diese Vernetzung hinzukriegen als mit dem Hausärzteverband und der Bundesärztekammer. Aber auch mit den KVn wird es wieder funktionieren. Wobei vernetzt ja heißt, dass wir förderlich miteinander vernetzt sind, dass wir uns wirklich austauschen. Nur jetzt die Adresskartei zu haben, hilft ja noch nicht.

Julia Rotherbl - Der Ton in dieser Debatte ist ja aktuell etwas rauer geworden. Er hat Fahrt aufgenommen. Also es gibt ja auch Standesvertreter, die von einer Kriegserklärung gegen die Ärzteschaft sprechen. Wäre dieser Ton genauso rauer, wenn überall Frauen an der Spitze säßen?

Gabriele Regina Overwiening - Mit Sicherheit nicht. Der Ton wäre ein ganz anderer. Da bin ich fest von überzeugt. Ich bin davon überzeugt, dass wir einen ganz anderen Weg gefunden hätten, wie wir darüber sprechen, wie wir uns austauschen, dass es etwas Gemeinsames gibt. Ich finde insgesamt die Wortwahl der Ärzteschaft in den letzten eineinhalb Jahren - solange ich dabei bin, erlebe ich es ja so hautnah - finde ich sie sehr fragwürdig. Es ist sehr martialisch. Es ist immer kategorisch. Es ist immer vernichtend. Es ist immer ultimativ. Und ich weiß gar nicht, wenn ich selber diese Worte immer führe, ob ich überhaupt auch als derjenige, der diese Worte führt, noch zu einer normalen Konversation in der Lage bleibe, ob ich das nicht ganz verlerne. Und deswegen finde ich das sehr fragwürdig. Und deswegen geht auch die Apothekerschaft darauf nicht ein. Wir werden uns nicht auf dieses Niveau einstellen. Das ist nicht der Weg. Ich glaube, dass er einfach nicht förderlich ist. Er ist nicht kooperativ, nicht kollaborativ. Der ist nicht konstruktiv. Der ist nicht nach vorne gerichtet. Der hat nicht mehr den heilberuflichen Aspekt. Der hat keine Eigenverantwortung mehr für das Gelingen eines Gesundheitswesens im Fokus. Der hat keine Ideen, kein Ideenreichtum mehr was man machen könnte. Und das tut auch denen nicht gut, die das machen.

[00:24:28]

Mit der eigenen Haltung überzeugen

Julia Rotherbl - Dann wollen wir zum Schluss vielleicht noch zu etwas Konstruktivem kommen. Es ist in diesem Podcast an mehreren Stellen ja klar geworden, dass das Thema Frauenförderung im Gesundheitswesen auf jeden Fall noch wichtig ist. Und ich würde Sie gerne fragen, was Sie einer Frau, egal ob Ärztin oder Apothekerin, sagen würden, die sich tatsächlich überlegt in diese Standespolitik zu gehen, aber vielleicht noch den einen oder anderen Zweifel hat. Sei es ob sie das zeitlich schafft, sei es ob sie sich da durchsetzen kann. Was würden Sie so jemand gerne mit auf den Weg geben, ermutigend?

Gabriele Regina Overwiening - Wenn Sie Ihren Beruf lieben und Lust haben, dass dieser Beruf auch in Ihrem Sinne in der Zukunft gestaltet werden kann und seine Aufgabe übernehmen kann, dann versuchen Sie es einfach diese, Ihre Ideen auch standespolitisch einzubringen. Und Sie werden sehen, ob Sie Mehrheiten dafür kriegen, ob Sie Interesse dafür wecken können. Und mit jedem Schritt, den Sie gehen, werden Sie erkennen, ob Sie weiter gehen möchten. Und ob Sie überzeugen können oder nicht. Das werden Sie nur erleben können. Das können Sie sich im Vorfeld nicht selbst erklären oder zusichern oder absprechen, sondern das geht nur in dem Moment, da Sie authentisch Ihre Überzeugungen zum Besten geben.Vermutlich wird es aber so sein, wenn das tatsächlich eine innere Haltung ist, wenn das eine innere Überzeugung ist, was Sie für gut erachten an Ihrem Beruf, wenn Sie es authentisch rüberbringen, dann werden sie die Menschen erreichen, dann werden sie die anderen erreichen. Dann werden die anderen dankbar sein, dass sie mit dieser Idee aufwarten. Und wenn es dann den einen oder anderen gibt, der aus seiner langjährigen Erfahrung spricht, die immer wieder bewiesen hat, dass das alles nicht funktionieren kann, dann bleiben Sie einfach bei dem einen und sagen „Ja, alle wussten, dass es nicht geht. Bis einer kam, der wusste das nicht und dann hat das gemacht.“ Und in diesem Fall müsste ich dann sagen „Alle wussten, dass es nicht geht. Und dann kam eine, die wusste das nicht. Und dann hat sie es gemacht.“

Julia Rotherbl - Vielen Dank Frau Overwiening, dass Sie sich die Zeit genommen haben für dieses Gespräch. Es hat mir sehr viel Spaß gemacht. Vielen Dank.

Gabriele Regina Overwiening - Ja sehr gerne. Vielen Dank.

[00:26:57]

Vielen Dank fürs Zuhören

Julia Rotherbl - Das war unsere zwanzigste Folge von „Frau Doktor, übernehmen Sie!“ Wir haben in allen 20 Folgen, wie ich finde, tolle, inspirierende Frauen als Gästin gehabt. Ich würde mich freuen, wenn ihr da draußen auch in anderen Folgen mal reinhört - sofern ihr es nicht schon längst getan habt. Und wir freuen uns über euer Feedback. Bewertet uns gerne auf Apple Podcasts oder Spotify. Wir erscheinen immer montags, alle 14 Tage neu.

Sprecherin - Ein Podcast von gesundheit-hören.de und Apotheken Umschau Pro.

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