Mehr Raum für weibliche Vorbilder

Shownotes

"Der Nachwuchs ist auf jeden Fall da - weiblich und mit richtig viel Energie und Lust." Das sagt Nathalie Albert, die momentan jüngste Professorin für Nuklearmedizin in Deutschland. Und sie findet: Damit mehr Ärztinnen in Führungspositionen kommen, braucht es Vorbilder. Wie sie versucht, selbst eins zu sein und einen Raum für Vorbilder zu schaffen, darüber spricht sie mit Apotheken Umschau-Chefredakteurin und Podcast-Host Julia Rotherbl.

Vernetzen könnt ihr euch mit Nathalie Albert über https://www.instagram.com/natwork_med/

Und Julia Rotherbl findet ihr unter https://www.instagram.com/julia.rotherbl/

Über 60% der Medizinstudierenden in Deutschland sind weiblich. Doch nur etwa jede zehnte Führungsposition in der Medizinbranche ist von einer Frau besetzt. Wie können es Frauen trotzdem ganz nach oben schaffen? Das möchte Julia Rotherbl, Chefredakteurin der "Apotheken Umschau", herausfinden. Zusammen mit Frauen, die von ihrem persönlichen Karriereweg erzählen.

Montags alle 14 Tage erscheint eine neue Folge. Habt Ihr Fragen, Anregungen oder Kritik? Dann schreibt uns gerne an redaktion@gesundheit-hoeren.de

Redaktion: Julia Rotherbl, Anja Kopf; Schnitt und Post-Produktion: Yves Seissler, Anja Kopf


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Transkript anzeigen

[00:00:00]

Prof. Nathalie Albert - Ich finde erst mal ganz wichtig zu sagen, es gibt nicht das eine Vorbild, sondern es gibt ganz viele unterschiedliche Vorbilder und es ist wichtig, dass jeder für sich sein Vorbild findet, das zu ihm passt oder zu ihr passt.

Sprecherin - Frau Doktor, übernehmen Sie!

Julia Rotherbl - Damit mehr Ärztinnen in Führungspositionen kommen, ist unter anderem eines wichtig. Vorbilder. Denn viele junge Frauen trauen sich nur dann zu, Chefin zu werden, wenn sie sehen, andere haben’s auch geschafft. Und wenn sie erfahren, wie andere es geschafft haben. Das findet auch Professorin Nathalie Albert, Oberärztin der Klinik und Poliklinik für Nuklearmedizin an der LMU München und jüngste Professorin für Nuklearmedizin in Deutschland. Sie ist heute zu Gast in diesem Podcast und wir sprechen genau darüber. Über Vorbilder. Mein Name ist Julia Rotherbl. Ich bin Chefredakteurin der Apotheken Umschau. Und ich sag herzlich willkommen an alle Zuhörerinnen – und vielleicht auch Zuhörer – und natürlich auch herzlich willkommen, Nathalie.

Sprecherin - Ein Podcast von gesundheit-hören.de und Apotheken Umschau Pro.

[00:01:23]

Wieso es Vorbilder braucht

Julia Rotherbl - Hallo Nathalie, schön, dass du in dieser Folge zu Gast bist.

Prof. Nathalie Albert - Super. Hi Julia.

Julia Rotherbl - Hi. Nathalie, ich hab in der Anmoderation eben gesagt, dass wir uns eigentlich über das Thema Vorbilder unterhalten wollen. Aber mir liegt jetzt vorab noch was anderes am Herzen. Weil ich eine Anekdote aus deinem Lebenslauf gehört habe. Und die erinnert mich stark an etwas, das ich selber erlebt hab. Dabei geht’s um das Thema Familienplanung und Karriere. Also bei mir war das so, als ich den Posten der Chefredakteurin bekommen hatte, kurz danach hat mich ein Kollege so von der Seite auf dem Gang angesprochen und gemeint, „Na, jetzt ist die Familienplanung dann aber abgeschlossen, oder?“ Und, und ich hab eben gehört, dass du sogar deinen Verlobungsring eine Zeit lang versteckt hast, weil du genau vor solchen Reaktionen Angst hattest. Ist das richtig? Warum ist das so passiert?

Prof. Nathalie Albert - Weil ich’s eben bei Kolleginnen mitbekommen habe. Es war ganz klar, sobald die verlobt sind, kommen die ersten Sprüche, „Ach ja, is ja klar was jetzt als Nächstes kommt. Also nach der Verlobung kommt die Hochzeit und dann kommen die Kinder und das war’s dann.“ Und als ich dann irgendwann so selbstbewusst war den Verlobungsring tatsächlich zu zeigen, kamen auch die ersten Sprüche. Dann hab ich, verrückterweise, auch noch den Namen meines Mannes angenommen, ja. Wo halt auch alle gesagt haben, „Ah, hätt ich jetzt nicht gedacht, dass das so eine ist. Und ich dachte, die wollte Karriere machen und jetzt gibt die sogar ihren Namen auf, obwohl sie schon so viele Publikationen hat.“

Und dann dacht ich wirklich, „Okay Leute, ich zeig’s euch jetzt mal“ und hab nach der Hochzeit mit dem neuen Namen erstmal so viele Publikationen rausgehauen, dass ich mehr Publikationen mit dem neuen Namen als mit dem alten Namen hatte nach kurzer Zeit. Und als ich dann das erste Mal schwanger war, waren die Reaktionen auch wirklich total unterschiedlich. Natürlich haben sich die Kollegen gefreut, aber die älteren haben durchaus gesagt, „Hä? Wie, du bist schwanger? Du bist doch sonst immer so gut organisiert.“ Und dann dacht ich „Ja was soll das denn jetzt heißen, das ist auch gut organisiert“, in Anführungsstrichen, also wobei soll mich das denn alles hindern?

Julia Rotherbl - Apropos Kinderkriegen. Nathalie, ich hab mir natürlich in Vorbereitung auf diesen Podcast deinen Lebenslauf angesehen und war dann tatsächlich so ein… Also. Ich lese dir mal vor, was ich gefunden hab. „Nach der Geburt ihres ersten Kindes trat sie das Else-Kröner-Exzellenz-Stipendium an. Kurz vor Geburt ihres zweiten Kindes wurde sie im Jahr 2020 zur außerplanmäßigen Professorin der LMU München ernannt und ist derzeit die jüngste Professorin für Nuklearmedizin in Deutschland.“ Ich hab mich dann kurz gefragt, wenn du ein Mann wärst, ob die zwei Kinder Erwähnung finden würden in diesem Lebenslauf?

Prof. Nathalie Albert - Nein.

Julia Rotherbl - Weißt du, was ich meine? Also es ist so ein bisschen…

Prof. Nathalie Albert - Absolut. Absolut. Nein. Die Kinder würden bei nem Mann sicherlich nicht Erwähnung finden.Aber ich finde es ehrlich gesagt völlig richtig, dass so etwas Erwähnung findet, weil es ja auch ganz viele andere Frauen motivieren sollte und zeigen sollte - es funktioniert. Du musst nicht zwingend die kinderlose Frau sein, um Karriere machen zu können.

Julia Rotherbl - Das hatte ich auch schon in ganz vielen Unterhaltungen, dieses Thema, dass Frauen sagen, ich hab lange irgendwie dieses Privatleben so abgekoppelt. Also ich habe versucht, gar nicht groß irgendwie zu erzählen über meine Kinder und so, weil ich gedacht habe, es würde mir zum Nachteil ausgelegt. Und du bist eher jemand, der sagt, ich, ich kommuniziere das offensiv weil ich finde, dass man da eine Vorbildfunktion einnehmen kann.

Prof. Nathalie Albert - Ja, absolut. Also das mit der Vorbildfunktion, das ist mir ja ganz lange nicht bewusst gewesen. Ich war selber ganz überrascht, als irgendwann jüngere Assistenzärztin zu mir gesagt haben, „Ja, du bist ein, du bist ein Vorbild für uns.“ Dann hab ich gesagt, „Was, ich? Ihr kennt mich. Ich mit all meinen Fehlern.“ Aber da haben sie gesagt, „Ja, genau, das finden wir toll zu sehen, dass du das alles hinbekommst und dass du nahbar bist, dass wir, dass wir sehen, dass auch du zu kämpfen hast und dass nicht alles easy going ist, weil das motiviert unheimlich und hilft einem, wenn man selber eben am Rödeln ist durchzuhalten und sich zu sagen, doch - Nathalie hat es genauso geschafft und hat genauso dran zu knabbern gehabt und hat sich aber durchgekämpft und durchgehalten. Es lohnt sich.“ Und das ist das was ich ganz gerne vermitteln würde.

Julia Rotherbl - Wir haben ja in diesem Podcast immer ein Spiel - zu dem kommen wir auch gleich. Aber kurz vorab, unsere, also meine Redakteurin Anja, die du ja schon kennst, hat mich in dem Spiel mal ein bisschen in die Bredouille gebracht, weil sie hat mir die Frage gestellt, welches Vorbild ich hab. Und ich hab mir echt schwer getan zu antworten. Ich weiß aber, dass für dich dieses Thema, das hattest du ja gerade auch gesagt, ein relativ großes ist. Also du, du findest dieses Thema Vorbild sehr wichtig. Was macht denn für dich ein gutes Vorbild aus?

Prof. Nathalie Albert - Ich finde erst mal ganz wichtig zu sagen, es gibt nicht das eine Vorbild, sondern es gibt ganz viele unterschiedliche Vorbilder. Und es ist wichtig, dass jeder für sich sein Vorbild findet, das zu ihm passt oder zu ihr passt. Und das ist etwas, was ich in der Vergangenheit relativ schwierig fand. Also da hatte ich immer das Gefühl, es gibt bestimmte Typen Frauen, die in Führungspositionen sitzen, mit denen ich mich nur schwer identifizieren konnte. Also da hab ich dann immer gedacht, okay, so bin ich nicht.

Und es gibt aber schon ganz, ganz, ganz viele tolle Frauen in Führungspositionen, die aber mehr sichtbar gemacht werden müssen, die ein ganz tolles Wesen haben und sich aber ungerne in der Öffentlichkeit präsentieren und sagen, „Hier ich, schaut her, ich bin ein Vorbild.“ Und darum geht's eben. Genau solche Frauen ebenfalls sichtbar zu machen, damit jeder einzelne von uns sich die rauspicken kann, als Vorbild, die ihr am meisten entspricht. Und manchmal sind es ja auch ganz viele unterschiedliche Vorbilder und man hat nicht nur das eine.

Julia Rotherbl - Aber dir war klar, das ist wichtig für dich ist, dass du ein Vorbild hast. Du hast jetzt mehrmals gesagt, du hast quasi dann so gesucht, richtig danach.

Prof. Nathalie Albert - Genau. Also, bis ich dann irgendwann das große Glück hatte, über das Mentoring-Programm der LMU – „Momente“ heißt das - eine wirklich großartige Mentorin zugeordnet zu bekommen. Eine junge Professorin, die ein paar Jahre älter ist als ich, drei Kinder hat. Sehr erfrischend, natürlich, weiblich ist von ihrer Art her. Mit der hab ich mich sofort verstanden. Und die hat mir dann wirklich die Augen geöffnet, muss man sagen. Also das war ganz klasse.

[00:08:00]

Spiel „Was würdest du sagen...?“

Julia Rotherbl - Dann würde ich sagen, ich hab ja das Spiel schon angedeutet. Ich würde sagen, wir spielen das jetzt auch. Und wir holen uns Anja dazu!

Anja Kopf - Hallo ihr beiden. Ich kenne euch ja beide schon, deswegen, schön euch zu sehen.

Julia Rotherbl - Hallo Anja.

Prof. Nathalie Albert - Hallo Anja!

Anja Kopf - Vor allem, „sehen“ für alle, die jetzt hier zuhören - wir sind per Videokonferenz zusammen geschaltet. Das heißt, wir sehen uns tatsächlich so. Dieses Spiel haben wir jetzt schon ein paarmal gespielt. Deswegen werde ich mich bei der Erklärung auch zurückhalten - ihr dürft Sätze vervollständigen. Seid überrascht.

Julia Rotherbl - Und ich kenne die Sätze tatsächlich auch nicht, Nathalie. Also ich bin auch genauso überrascht wie du!

Prof. Nathalie Albert - Das ist nur fair. Ich habe schon Angst vor den Sätzen.

Anja Kopf - Die sind auch… Okay, ich bemühe mich immer welche zu finden, wo ich mir denke, die kann man beantworten. Und wenn nicht, dann räumen wir Denkpausen auf Einfälle ein.

Julia Rotherbl - Genau, du darfst auch lange nachdenken. Wir können die Denkpause ein bisschen kürzer schneiden nachher.

Prof. Nathalie Albert - Okay!

Anja Kopf - Nathalie für dich der erste Satz, der lautet - Social Media hilft mir im beruflichen Kontext…

Prof. Nathalie Albert - Oh Gott! Da fängt es schon an. Ja. Hilft mir, Hilft mir mein Herzensprojekt voranzutreiben, nämlich das Sichtbarmachen von Role Models in der Medizin. Aber ich muss sagen, ich habe gerade erst angefangen mit Social Media. Ich bin totaler Social Media Neandertaler eigentlich und musste erst mal alles gezeigt bekommen. Also meine jüngeren Kollegen haben sich da die ganze Zeit kaputt gelacht. Dass ich mich überhaupt nicht auskenne, ist sehr gewöhnungsbedürftig. Jetzt finde ich es klasse. Bis auf das ich immer - ich weiß nicht wie es dir geht Julia - aber ich bekomme jetzt immer Werbungen zugeschaltet, die wirklich perfekt auf mich zugeschnitten sind, wo ich immer aufpassen muss, dass ich nicht anfangen zu shoppen, sondern wirklich bei meinem Herzensprojekt bleibe. Dieser Algorithmus.

Julia Rotherbl - Ja, genau zum Hintergrund. Also Nathalie und ich sind quasi ungefähr gleichzeitig mit, mit, mit zwei Accounts auf Insta gestartet und so haben wir uns auch ein bisschen kennengelernt. Und ja, ich bin auch Insta Neandertaler, aber ich finde, es ist tatsächlich zum Netzwerken, wie man ja jetzt auch sieht, wir - es hat ja dazu geführt, dass wir beide diese Aufnahme machen - es ist tatsächlich mittlerweile wahrscheinlich ein sehr wichtiges Instrument, auf Social Media präsent zu sein.

Prof. Nathalie Albert - Absolut.

Anja Kopf - Und ich darf auch sagen, als unbeteiligte Dritte, ich finde beide Accounts sehr folgenswert.

Julia Rotherbl - Danke Anja!

Anja Kopf - Und hiermit ist der Werbeblock aus und es kommt, es kommt der Satz für Julia. Seitdem es mehr Homeoffice gibt…

Julia Rotherbl - …habe ich tatsächlich das Gefühl, dass ich mal in die Nähe einer Work-Life-Balance komme, muss ich echt sagen. Also ich habe eine ziemlich lange Anfahrt eigentlich ins Büro. Die spar ich mir natürlich, wenn ich von zuhause aus arbeite. Andererseits muss ich schon sagen, dass bei mir teilweise die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit verschwimmt.

Also wenn ich hier abends aus dem Büro geh, dann habe ich Feierabend. Dann klappe ich in den wenigsten Fällen den Laptop nochmal auf, außer ich weiß, da kommt jetzt vielleicht noch was, auf das ich reagieren sollte. Zuhause mache ich ihn halt gar nicht zu. Und da steht der dann halt auch da, wenn wir Abendessen und dann check ich doch nochmal was da für eine Mail kommt um 19 Uhr 15 oder so. Genau. Also es hat Vor- und Nachteile. Arbeitest du denn viel im Home-Office?

Prof. Nathalie Albert - Also ich habe viel im Homeoffice gearbeitet zu Corona-Zeiten und das war für mich perfekt, weil das wirklich genau in der Phase war, in der gerade das zweite Kind gekommen ist und ich dementsprechend froh war, immer wieder hier vor Ort sein zu können um zu Stillen und nicht den Stress zu haben, dass jetzt die Au Pair mit dem Kind in die Klinik muss und so weiter. Also ich fand das, fand das auch sehr angenehm. Der noch größere Vorteil war aber eigentlich, dass mein Mann von Zuhause aus gearbeitet hat und eben nicht mehr abends erst um acht aus dem Büro gekommen ist, sondern einfach früher hier war, greifbar war, und ja dementsprechend sich mehr mehr beteiligt hat bei der ganzen Kinderbetreuung. Also für uns als Familie war das war das wirklich sehr schön.

Anja Kopf - Nathalie, du bist als nächstes dran mit dem Satz - Mich erstaunt es immer noch dass…

Prof. Nathalie Albert - …mich erstaunt es immer noch, dass wir immer noch so wenig Frauen in Führungspositionen haben in der Medizin. Also ich lese mir manchmal Texte durch im Internet, die, bei denen es um, um den prozentualen Anteil von Frauen in Führungspositionen geht, der ja immer noch bei, ja, schwankt so zwischen 10 und 20 Prozent würde ich sagen. Also die Texte hören sich topaktuell an und dann sehe ich das Datum und da steht 2006, 2012 und da denk ich eigentlich immer, das kann doch nicht sein, dass man das Ganze damals schon gesehen hat, aber sich jetzt innerhalb von 10, 15 Jahren so wenig geändert hat. Also, es hat sich ja was geändert, aber irgendwie viel zu wenig.

Julia Rotherbl - Vielleicht braucht‘s dann doch irgendwann die Quote.

Prof. Nathalie Albert - Ja. Also, habe ich nichts gegen. Also, ich hab mich lange, lange dagegen gewehrt und immer gesagt, nee, also weil man ja auch keine Quotenfrau sein will, ja. Ist ja klar. Jeder will nach seiner Leistung beurteilt werden. Wir werden aber nicht nach unserer Leistung beurteilt, sondern leider nach dem Risiko aufgrund der Kinder auszufallen.

Wobei natürlich das Kinderkriegen nicht das einzige Thema ist, sondern es gibt natürlich noch, es ist es ganz vielschichtig. Das ist halt einfach das Problem. Solange man nach seinem Geschlecht und nicht nach seiner Leistung und Leistungsfähigkeit beurteilt wird, brauchen wir möglicherweise so etwas unattraktiv scheinendes wie die Quote. Sicherlich nur vorübergehend, weil ich glaube, wenn sich einmal ein Gleichgewicht eingestellt hat, dann wird das ganz von alleine gehen und dann brauchen wir sowas nicht mehr.

Anja Kopf - Mhm. Julia, du bekommst noch einen Satz, der lautet - Wichtige berufliche Entscheidungen treffe ich…

Julia Rotherbl - Oh Gott. Das ist natürlich total unterschiedlich. Aber ich bin eher so ein Grübeltyp. Also ich bin schon jemand, der sich dann mehrere Szenarien ausmalt, wie das ausgehen kann, was ich da entscheide. Und ich entscheide nicht spontan. Das muss ich sagen, das tue ich nicht.

Anja Kopf - Ich habe noch einen letzten Satz für dich, Nathalie. Von Frauen aus dem direkten Umfeld konnte ich lernen - das übrigens schließt ganz gut an die Mentorin an, von der du gerade geredet hast!

Prof. Nathalie Albert - Vor allem von ihr kannte ich extrem viel lernen, nämlich, mich im Privatleben genauso professionell aufzustellen, wie ich es im Berufsleben machen würde. Also sie hat mir zum Beispiel empfohlen, ganz pragmatisch mir zu überlegen, was kann ich, was kann ich alles outsourcen im Alltag, also an Alltagsaufgaben, um selber mehr Zeit zu haben für die Dinge, die mir wichtig sind. Ja. Und für die Dinge, die ich gerne mache. Ich soll mir überlegen, macht mir Einkaufen so viel Spaß. Muss ich das wirklich machen oder kann ich nicht entweder über den Lieferservice oder irgendwen anderes damit beauftragen?

Und da hat sie gesagt, pass auf, das hat gar nichts mit „Ich gönne mir etwas“ zu tun, sondern mit Pragmatismus. In der Klinik oder in der Praxis würdest du ja auch nicht, nur weil du es kannst, die Termine der Patienten selber ausmachen und jede Blutabnahme selber machen, sondern das überlässt du anderen. Dazu muss man natürlich etwas Geld in die Hand nehmen, aber so ist das halt. Dafür kannst du halt andere Sachen machen in der Zeit und genau, was das Privatleben, angeht dann zu Beispiel Qualitätszeit mit den Kindern verbringen. Dinge machen, die mir Spaß machen persönlich oder halt dann doch mehr Zeit für die Arbeit zur Verfügung haben.

Julia Rotherbl - Guter Tipp.

Prof. Nathalie Albert - Sehr weise.

Anja Kopf - Mit diesem guten Tipp würde ich auch das Spiel schließen und dann wünsche ich euch viel Spaß weiterhin beim Gespräch.

Julia Rotherbl - Danke Anja.

Prof. Nathalie Albert - Dankeschön!

[00:16:04]

Frauen an der Spitze „Der weibliche Nachwuchs ist auf jeden Fall da“

Julia Rotherbl - Nathalie, vielen Dank fürs Mitspielen. Ich würde gerne zum nächsten Themenblock kommen und dir die Frage stellen, wann für dich klar war, dass Frauenförderung dein Ding ist und auch ein wichtiges Ding ist? Also gibt es so einen Moment, an den du dich erinnerst?

Prof. Nathalie Albert - Mhm. Da gab es tatsächlich einen Schlüsselmoment, würde ich sagen. Und zwar war der bei einer Begutachtung einer DFG-Forschergruppe. Die DFG fördert ja immer große Forschungskonsortien, bei denen die gesamte Forschergruppe im Grunde genommen darstellen muss, was sie denn auch für ihre Frauen in der Gruppe tut. Und da weiß ich noch, als von dem Hauptkoordinator die Powerpoint-Slides vorbereitet wurden, was wir alles so Großartiges für unsere Frauen tun, hab ich nicht gewusst, ob ich jetzt lachen oder weinen soll. Weil ich wirklich gedacht habe „Ja irgendwie schade, dass das als Frauenförderung verkauft wird und in Wirklichkeit wird gar nicht viel gemacht.“

Gott sei Dank war ich nicht die Einzige, die das so gesehen hat, sondern zwei der Gutachterinnen sind aufgestanden und haben gesagt, „Also entschuldigen Sie mal, Sie präsentieren hier die üblichen fünf Sätze, die wir bei jeder Begutachtung zu hören bekommen. Das wirkt total lieblos. Was machen Sie denn wirklich für Ihre Frauen? Und jetzt hier irgendwie zu sagen, wir machen ein Retreat, ein Treffen am Wochenende, das ist total familienfeindlich. Das muss eigentlich in der Arbeitszeit stattfinden.“ So. Und darüber war ich auf der einen Seite total erstaunt, auf der anderen Seite wirklich glücklich, weil die männlichen Koordinatoren oder Vorstände sozusagen der Forschergruppe, dann natürlich ins Straucheln gekommen sind.

Und in dem Moment bin ich aufgesprungen und habe gesagt, „Ja, ich bin total Ihrer Meinung und vielen Dank, dass Sie das ansprechen und ich verspreche Ihnen hiermit, dass ich mich persönlich einsetzen werde für die Frauen in unserer Forschergruppe“ und das war im Grunde genommen der Startschuss, bei dem ich auch gesehen habe, ach, man kann ja etwas ändern und vor allem wir selber können die Änderung sein. Also was beschwere ich mich über darüber, dass es zu wenig Frauenförderung gibt, wenn ich mich bisher noch nicht selber dafür engagiert habe? Und, ja, das war war echt ein ultra wichtiger Moment und seitdem habe ich angefangen, mich mit dem Thema näher zu beschäftigen.

Julia Rotherbl - Wie ist es denn so als Frau in der Forschung? Also da sind die Quoten, also der Frauenanteil ist ja in vielen Bereichen da ziemlich niedrig. Wie war das für dich dort zu starten?

Prof. Nathalie Albert - Ich bin ja in der Nuklearmedizin. Die Nuklearmedizin ist sowieso, als ich damals angefangen habe, einen sehr männerdominierter Bereich gewesen. Frauen fanden es, weshalb auch immer, nicht so attraktiv oder hatten es nicht so auf dem Schirm, dass die Nuklearmedizin ein so spannendes Fach ist. Ich bin auch nur durch eine Freundin darauf gestoßen, die mich dann auch hier nach München geholt hat.

Und da war es tatsächlich so, dass ich eine der wenigen Frauen war, die neben der klinischen Arbeit auch noch sich wissenschaftlich engagiert hat. Und da hatte ich schon das Gefühl, es war schwierig am Anfang sich so aufzustellen, dass man wirklich ernst genommen wird von den von den männlichen Kollegen, ja, weil für die irgendwie klar war, naja, wenn eine Frau jetzt forscht, dann macht die ein bisschen Hobbyforschung vielleicht, oder, wofür macht sie das denn eigentlich? Da musste man am Anfang, hatte ich das Gefühl, doppelt und dreifach Leistung erbringen, um zu zeigen, hier bin ich. Ich hab Lust auf Forschung. Ich habe eine Leidenschaft dafür. Ich kann das. Und ich gehe diesen Weg.

Julia Rotherbl - Du sagst ja, dass du das Gefühl hast, da ändert sich gerade viel. Woran merkst du das?

Prof. Nathalie Albert - Ja, Erstens sind wir jetzt inzwischen wirklich sehr viele Frauen in der Abteilung. Das heißt, wir haben jetzt nicht mehr dieses starke Ungleichgewicht und wir haben auch wirklich hochkarätige Frauen, die wissenschaftlich arbeiten und ganz klasse Forschungsprojekte machen. Das heißt, alleine in der Personalbesetzung ändert sich da einiges. Und auf den Kongressen sieht man inzwischen auch viel mehr Frauen, wobei man zugeben muss, dass jetzt auf den höheren Ebenen, also wenn es darum geht einen Vorsitz von einer Session zu haben, hat man noch einen ganz, ganz klaren Männerüberschuss. Da sind noch zu wenig Frauen vertreten, aber der Nachwuchs ist auf jeden Fall da. Der ist weiblich und hat richtig richtig viel Energie und Lust. Das merkt man.

Julia Rotherbl - Also, weil ihr jetzt Nathalie nicht sehen könnt, sie hat gerade breit, ein breites Lächeln im Gesicht! Du bist sehr optimistisch. Du hast ja gesagt, du hast dann gemerkt, dass es vielleicht auch nicht der ideale Weg ist zu meckern ohne selber was zu tun. Was würdest du denn einer jungen Frau sagen, die vielleicht in so einer Medizinforschungsbereich, am Anfang ihrer Karriere steht? Was kann man selber eigentlich machen um Frauen freundlicheres Arbeitsumfeld zu kreieren?

Prof. Nathalie Albert - Ja, also ich glaube für einen Berufsanfänger oder eine Berufsanfängerin ist es nicht ganz leicht, weil, weil man ja nicht das gesamte Umfeld verändern kann. Da kann ich nur sagen, wer, wer als Berufsanfängern startet, sollte sich auf jeden Fall eine Mentorin suchen. Das ist total hilfreich, wenn man jemanden hat, der den gleichen Weg schon mal gegangen ist und einem hilfreiche Tipps auf den Weg geben kann. Wenn man jemanden hat, der einen bereitwillig fördert und nach vorne pusht.

[00:21:29]

Female Excellence in Medicine – Warum sich Frauen mehr vernetzen sollten

Julia Rotherbl - Ein Tipp, den man auch immer hört oder sehr oft hört ist das Thema Netzwerken. Und da kommen wir jetzt zu einem Herzensprojekt von dir. Du hast ja ein eigenes Netzwerk aufgesetzt. Erzähl uns mal davon!

Prof. Nathalie Albert – Ja. Genau. Vor einem Jahr ungefähr habe ich, habe ich erkannt, dass ich ein solches Netzwerk ja auch ins Leben rufen könnte und habe deshalb den „FEMclub“ gegründet. Steht für Female Excellence in Medicine. Und Ziel ist es hierbei, Frauen auf unterschiedlichsten Karrierestufe zusammenzubringen. Also wirklich von der Studentin bis zur Chefärztin. Und es geht übrigens, also richtet sich nicht nur an Ärztinnen, sondern auch an, an andere Wissenschaftlerinnen, also an Biologinnen, Physikerinnen, Chemikerin, Informatikerin und so weiter. Diejenigen, die in der Medizin Karriere machen wollen, die sind bei mir genau richtig.

Und ich glaube, insbesondere in dem Bereich ist es auch nochmal wichtiger, sich zu vernetzen, weil ich das immer wieder sehe bei, bei großen Forschungsprojekten, bei Kooperationen ist es wichtig, dass andere einen auf dem Schirm haben, dass man mit gefragt wird, ob man teilnehmen möchte an großen Forschungsprojekten. Und es ist auch tatsächlich für, für Anfängerinnen zum Beispiel ist es gar nicht so leicht zu verstehen, wie das alles funktioniert. Wie funktioniert ein Uni-Apparat überhaupt? Und sich da mit Erfahreneren auszutauschen ist ebenfalls sehr viel wert.

Julia Rotherbl - Wenn sich jetzt jemand von euch da draußen, die uns zuhört, dafür interessiert. Wir haben alle Infos zu dem Netzwerk auch in den Shownotes vermerkt. Genau, da findet ihr alles was ihr braucht, um mit Nathalie oder den anderen Frauen aus dem Netzwerk dann Kontakt aufzunehmen. Du hattest ja vorher gesagt wenn du dir manchmal im Internet so alte Artikel anschaust, dann stellst du fest, oh da hat sich jetzt eigentlich in der Zeit bis heute nicht viel getan. Vielleicht als Abschlussfrage. Was würdest du dir denn wünschen, wo Frauen in der Medizin in, was nehmen wir, in zehn Jahren stehen?

Prof. Nathalie Albert - In zehn Jahren? Also in zehn Jahren, hoffe ich, dass wir keine Quote mehr brauchen, die wir zwischenzeitig wahrscheinlich haben werden. Und das auf eine ganz natürliche Art und Weise, sich einfach nur die besten durchsetzen. Die besten Personen auf Führungspositionen ankommen und zwar völlig unabhängig vom Geschlecht.

Julia Rotherbl - Vielen Dank, Nathalie, dass du bei uns zu Gast warst.

Prof. Nathalie Albert - Ganz herzlichen Dank dir, Julia.

[00:24:16]

Julia Rotherbl - Vielleicht habt Ihr ja, liebe Zuhörerinnen, im Gegensatz zu mir tatsächlich ein Vorbild im beruflichen Kontext. Und vielleicht wollt Ihr über das Vorbild gerne mehr erfahren Dann schreibt uns doch, wer diese Frau ist. Und wir gucken, dass wir sie in diesem Podcast zu Gast haben. Unsere E-Mail ist redaktion@gesundheit-hören.de und Folgen mit ganz vielen tollen Frauen, die auf jeden Fall als Vorbilder fungieren können, gibt's natürlich sowieso immer in diesem Podcast. Wir kommen immer raus montags alle 14 Tage. Wobei 14 Tage jetzt nicht ganz stimmen. Weil „Frau Doktor, übernehmen Sie!“ geht in eine Sommerpause. Die nächste Folge gibt’s am 22. August. Kleiner Tipp. Wenn ihr uns abonniert, dann kriegt ihr eine Nachricht, wenn die nächste Folge on Air ist.

Sprecherin - Ein Podcast von gesundheit-hören.de und Apotheken Umschau Pro.

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